Sonntag, 24. Mai 2015

Im Dunkelrestaurant




Diese Dunkelrestaurants der Stadt sind offenbar Orte, die fast nur mit Gutscheinen besucht werden. Wenn Sie - natürlich mit Ihrem Gutschein - vorne am Empfang des Ladens stehen, reihen Sie sich ein in die Schlange mit anderen Leuten und ihren Gutscheinen in der Hand, die darauf warten, dass drinnen im Dunkeln ein Platz frei wird. Eventgastronomie. Rein. Abfüttern. Raus. So ist das nun mal.

Machen wir uns nichts vor: Ohne Gutschein wäre ich hier noch nie gewesen. Mit Gutschein inzwischen schon das dritte Mal. Die buckligen Freunde wissen, dass ich gerne essen gehe und offenbar denkt jeder, dass ich noch nie hier gewesen sein kann, weil man ja ohne Gutschein nicht hierher geht. Der Gedanke, dass auch andere solche umwerfend kreativen Ideen für ein Geschenk haben können, ist einer, der nie das Licht der Welt erblickt. Doch halt, auf keinen Fall wollen wir äffen, wir wollen essen.

Unsicht-Bar heißt der Laden. Please put my brain straight into the ass of the Wortspielhölle. In Berlin müssen wir immer noch tolle Wortspiele machen, wenn wir einen Laden aufmachen, dabei sind Wortspiele so tot wie Bubble Tea. Bar eignet sich dafür ganz besonders. Wunder-Bar. Unsag-Bar. Brauch-Bar. Unvorstell-Bar. Das ist so kreativ, dass ich mich jetzt gerne ritzen möchte.

Natürlich ist der Laden hier in Mitte eine Touristen- und Gutscheininhaber-Abfütterungsstation, das wird mir besonders klar als ich trotz Reservierung eine halbe Stunde warten muss bis drinnen endlich ein Platz für mich frei wird. Bis dahin stehe ich mit anderen Gutscheinpappnasen im Foyer herum, deren Begleitungen von Minute zu Minute angekotzter wirken bis sie aussehen wie ich mich fühle. Meine Begleitung ist auch angekotzt. Überbucht. Der Laden ist überbucht. Zu eng gesetzt, die Reservierungen. Klassiker. Die Leute fressen langsamer als die Planung vorgesehen hat und alles geht den Bach runter. Wie heute. Ich habe Hunger.

Mein Platz wird in dem Moment frei als ich beschließe, drüben bei Monsieur Vuong zu fragen, ob er inmitten seines unvergleichlich schnöseligen Mitte-Wichtigtuer-Klientels noch Platz für mich hat.

Klar ist: Ohne Gutschein müssen Sie gut Geld in die Hand nehmen, um in der Unsicht-Bar essen zu dürfen. Um die 60 € sind es für vier Gänge. Pro Person. Ohne Getränke. Und noch klarer ist, dass das Essen in dieser Güte in einem ganz normalen Restaurant den Preis nicht rechtfertigen würde. Es ist der Event-Charakter, den Sie bezahlen.

Darum eignet sich das Restaurant natürlich für einen Geschenkgutschein für Freunde, Familie und die nicht minder einfallslosen Kollegen, denn immer nur Massage-, Sauna- und Fußpflegegutscheine sind ja auch fad irgendwann. Geschäftsidee: Gründe doch mal jemand eine Agentur, die mir wechselnde Gutscheine für irgendwelche Feierlichkeiten besorgt - und zwar welche, die ich noch nicht hatte, möglichst originell, rechtzeitig per Post im Briefkasten und im Wert abgestimmt nach Sympathie für den Beschenkten. 5% Provision pro Gutschein, da ist doch der Break-Even-Point nicht weit, oder?

Und ja, so ein Dunkelrestaurant ist ein Happening, zumindest beim ersten Mal. Sie werden erfahren, wie hilflos Sie plötzlich sind, wenn so etwas Elementares wie das Augenlicht fehlt, wie dankbar, wenn sich dann jemand um Sie kümmert und wie erleichtert, wenn das Augenlicht beim Verlassen der Dunkelkammer doch wieder zurückkommt. Hier stellen sie sich alle, die Fragen: Was macht Lebensqualität aus? Was weiß ich nicht zu schätzen, da ich es für selbstverständlich halte? Wie wertvoll ist das was ich habe? Kann ich damit umgehen, wenn ich so etwas wie das Augenlicht verliere? Ich vermute mal, dass die meisten der Besucher beim Essen diesen laienphilosophischen Gedanken nachhängen. Das ist für mich eigentlich das Interessanteste an einem solchem Abend. Das Essen ist eher nachrangig.

Hey, ich habe auch Fotos gemacht. Hier das Ambiente.



Ein schönes Glas Rioja.



Vorspeise: Irgendeine Suppe, wahrscheinlich Karotte mit Ingwer. Und Kartoffeln. Sauerampfer. Oder so.



Hauptgang: Keine Ahnung, was das war. Sollte Rind sein. Beilage? Kein Plan. Ich seh' ja nix.



Haha.

Scheißwitz.

Was ich gegessen habe? Ich habe keine Ahnung, denn eine interessante Erkenntnis ist, dass Sie die Dinge erstaunlich schlecht geschmacklich einordnen können, wenn Sie sie nicht gleichzeitig sehen. Da können Sie schon mal flambierten Apfel mit gedünstetem Kohlrabi verwechseln. Freaky.

Und nochmal: Nein, Sie essen hier nicht sonderlich herausragend. Nicht für den Preis. Premium ist das nicht, maximal solide. Für 60 €, wenn Sie die übrig haben, können Sie auch ein paar Straßen weiter ins Grill Royal gehen. Da laufen Ihnen dann auch ein paar kuhäugige Promis über den Weg, die Sie ... na? ... sehen können. Peter Hahne. Kader Loth. Der Seehofer. Diese Liga. Mehr geht nicht. Wenn Bruce Willis kommt, fliegen Sie unweigerlich raus. Oder kommen gar nicht erst rein.

Was bleibt denn von der Unsicht-Bar?

Ohne Gutschein: Nein. Mit Gutschein: Na sicher.


---
Unsicht-Bar
Gormannstraße 14
Mitte
http://www.unsicht-bar.de/

Samstag, 23. Mai 2015

Lass mal netzwerken - Links vom 23. Mai 2015




Es ist eine bizarre Situation, wenn Sie bloggen und auf der Arbeit, über die Sie gelegentlich ausgesprochen wenig erhebende Dinge schreiben, in die betriebsinterne Idioten-WhatsApp-Gruppe für blöde Witze, abgeschmackte GIFs und bescheuerte Videos ein Link auf einen Text Ihres eigenen Blogs geschickt wird, der bei Facebook und Twitter eine Runde gedreht hat.

Ansonsten gibt es Neues auf der Blogroll: Der Schwulemiker. Weil Adrian einer ist, bei dessen Standpunkten ich so oft nicken muss, wenn ich über sie lese.

Die Links. Read this:


Wahrsagerchecks BlogWar zu erwarten: Astrologische Leichenfledderei zum Germanwings-Unglück
Moneyquote: Als die Maschine am 24. März um 10:01 in Barcelona abhob, fanden sich keine klassischen Absturzkonstellationen am Himmel. (via Schwerdtfegr)

zeilentiger liest kessellebenDas Schweigen der Bahnen
Mukhabarat.

Ackerbau in PankowKraut- und Rübenreporter
Einer vom Fach über den Unsinn, den Krautreporter so schreiben. Es geht um Tomaten und darüber weiß Herr Ackerbau einiges. Ich wollte die Krautreporter letztes Jahr mal lesen, aber da hat die Seite auf dem Tablet permanent gehakt, obwohl da fast nur Text stand. Inzwischen gehört es fast so sehr zum guten Ton, die Krautreporter zu bashen, dass es mir fast schon wieder zu viel ist.

ZwetschgenmannSechs Dinge, die ich sowieso nicht lese...
Was der Zwetschgenmann sagt. Nur kommt bei mir Nummer 7 dazu: Ich lese keine Prenzlauer Berg-Mütter-Flugblätter mehr. Hier soll ein S-Bahnhof einen zweiten (sehr sinnvollen) Ausgang bekommen, wofür einer der fünfzigtausend Spielplätze des Bezirks um ein paar Quadratmeter verkleinert werden soll. Es gibt dagegen jetzt Flugblätter, frische Flugblätter, hurra. Mein Kasperbezirk hat wieder Luxusschmerzen.

Tanos KatzentischHauptstadt oder Frontstadt Berlin? Der wilde Osten | Der wilde Westen | 3. Teil
Tano, die bloggende außer Kontrolle geratene Katjushabatterie aus Aachen, war wieder in Berlin. Hier Teil 1 und Teil 2. Wenn ich nicht irgendwann mal an einem Schlaganfall abkratze, tut er es.

wirres.netder marktführer
Ein DHL-Paket in einer Identitätskrise.

just another weblogStell dir vor...
Christian Fischer am Bass. Er spielt Pur.

Fakeblog11 Tiere, die auf Flachwitze reagieren
Kein Zweifel, Floyd hat die flachsten Dinger.

GrafikpolizeiEverybody Draw Mohammed Day
Ups.

ahoi polloi(1410)
Haha.

schoenescheisse.deChez Wiesé
Gnarf Gnarf.

Anonyme KöcheGenießer-Gang Bang
Was für eine Überschrift. Was für ein Menu.

Und noch eine schöne Überschrift:

danielas foodblogDas Eckige muss auf’s Runde! Aprikosen-Streuselkuchen und ein Geburtstagswunsch…


Donnerstag, 21. Mai 2015

Der lakonische Posteingang


Ich bekomme von den kleinen Dingen des Lebens gute Laune. Kleine Gesten. Signale. Spielereien. Dinge, die sich selbst nicht so ernst nehmen. Dinge, die Mühe machen, aber auf den ersten Blick nix einbringen. Dinge auch, die vielleicht nicht jeder bemerkt.

Meine App, mit der ich die Mails beantworte, die Sie mir übers Kontaktformular schreiben, heißt Outlook. Und wenn ich keine Mails mehr im Posteingang habe, kommentiert die App diesen Umstand mit lakonischen Kommentaren, von denen ich, kein Scheiß, gute Laune bekomme:










Ah, Kaffee, gute Idee...

Auch wenn Sie das vielleicht nicht nachvollziehen können: Ich mag das. Sehr. Da sitzt also jemand im Entwicklerteam und kommt auf die Idee, solche Kommentare anzeigen zu lassen, wenn jemand den Posteingang leer macht, was ja normalerweise ziemlich selten vorkommen dürfte.

Bei uns im Borgwürfel kommt auf solche absurden Einfälle, die das Leben der Kunden ein wenig angenehmer gestalten, ja nur der Praktikant. Bessere Bohnen für den Dreckskaffee, frische Milch statt der portionierten Dreckskaffeesahne, mit der man sich beim Öffnen immer das Hemd vollwichst, eine aktuelle Tageszeitung im Foyer, ein Monitor, auf dem dieses widerliche Spekulantenpropagandaorgan n-tv läuft, freies Wasser mit verdammten Minzblättern (oder ganz innovativ: mit verdammten frischen Orangenscheiben) in einer Karaffe, feinen Tee zum Aufbrühen. So etwas. Wohlfühlscheiße. Happy customer. Kam der Praktikant drauf. Der kein Geld für sowas kriegt, weil wir sehr kreativ darin sind, Regeln wie Mindestlöhne, Tarifscheiße und Gedöns zu unterlaufen.

Wellness-Shit. Mit einfachen Mitteln Zufriedenheit schaffen. Wir, die wir für unsere Arbeit noch bezahlt werden, kommen auf so etwas nicht mehr, denn wir müssen nicht die ganze Zeit so tun als läge uns das Image des Arbeitgebers am Herzen, als wäre es uns wichtig, ob irgendwer, der unseren Arbeitgeber besucht, sich beim Warten in unserem scheiß Foyer wohlfühlt, nix, nein, müssen wir nicht machen, und machen wir deshalb auch nicht, weil es uns nicht interessiert, wir machen nur so viel, dass es keine Beschwerden gibt, mehr muss ja auch nicht, zumindest bis zur nächsten Umstrukturierungswelle, während der auch ich wieder ganz tolle Ideen haben werde, die mich als den fleißigen, interessierten und unentbehrlichen Mitarbeiter dastehen lassen, der ich die meiste Zeit des Arbeitslebens gar nicht nicht bin, weil ich es so halte wie die meisten anderen: Ich will die Scheiße halbwegs angenehm hinter mich bringen. Zu viel Ehrgeiz ist schlecht für den Teint.

Schöne Grüße, Praktikant von Outlook, sorry für die Bazookaladung Realität und danke für die Nachrichten in meinem leeren Posteingang. Und wenn du am Ende gar kein Praktikant bist, umso besser.


---
Weil es gerade so gut passt: Daniel.

Dienstag, 19. Mai 2015

Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Honk (31)



Die Welt ist im Arsch, die Ratten gehen an Krücken. Lass uns gehen.
Peter Strohm


Der heutige Honk ist weiblich, dick, steht mit Entourage bei McDonalds an der Kasse und pöbelt.

"Hungaaaaaa! Jeht dit nich schnella?! Maaaaaaaaaan!"

Ich habe sie schon am Eingang gehört und zunächst an eine ironische Performance gedacht. Frauen traut man ja aggressive Pöbelei gemeinhin nicht zu - ein Trugschluss, zumindest für Berlin. Hiesige Frauen können locker so unangenehm wie Männer werden, inklusive Anpacken. Je betrunkener desto wahrscheinlicher. Das Problem dabei ist: Sie dürfen sich nicht adäquat wehren, wenn es Sie trifft. Das macht die Sache unentspannt. Bei Männern wissen Sie: Wenn Sie sich in der Lage zu einem sauberen rechten Seitwärtshaken sehen, dann geht der klar, zumindest wenn Sie der sind, der zurückschlägt und genug Zeugen da sind.

"Soll ick übasetzn'n oda watt? Schnella!"

Das McDonalds-Personal steht devot in der Gegend herum und interessiert sich auffallend für die hässliche Deckenbeleuchtung, neben der eine Gurkenscheibe klebt. Ich muss kurz lachen, weil mir in den Sinn kommt, dass wir früher als pubertierende Schüler die Gurkenscheiben von den Cheeseburgern an solche Lampen geschnippt haben bis die komplett zu damit waren und wir wieder ein Hausverbot im Sack hatten. Dazu muss man wissen, dass McDonalds-Gurkenscheiben ausgesprochen gut auf glatten Flächen jeder Art kleben, wenn man sie dagegen wirft. Auf Fensterfronten zum Beispiel. Das sehe ich wieder öfter in letzter Zeit. Ich mag es, wenn Wissen nicht verloren geht.

"Wat da so langä dauat will ick wissn'näh. Hungaaaaaaaa!"

Alle anderen im Raum sind entweder so tief ins Gespräch vertieft, dass sie ihre Umgebung komplett ausblenden oder sie betrachten die an der Decke klebende Gurkenscheibe, die im Moment das beliebteste Nahrungsmittel im Raum sein dürfte. Auch ich gebe mich zunächst dem Reflex des Ausblendens hin und lese mir die Werbung für irgendeinen der neuen ekligen Aktionsburger durch. Sie haben irgendeinen vorgeblichen Profikoch engagiert, der jetzt gebratene Paprikastreifen und schöpflöffelgroße Kleckse Remoulade auf die Burger schmeißt und das wilde Küche nennt. Sehr schön. Wenn sogar das Marketingbild nach Sodbrennen aussieht, finde ich das erfrischend ehrlich.

"Un'n dat der Käse schön zalaufn'n iss, ja? Schön zalaufn'n. Soll ick übasetzn'n oda fastehste dit von da wode heakomms, Fotzäh?"

Nun sagt niemand mehr irgendwas. Der komplette Raum ist abgetaucht. Ich schaue nach hinten in den Küchenbereich: Die derart Angesprochene ist schwarz. Dunkle Hautfarbe. In der Logik der Kleingeister damit nicht deutsch. Deshalb da wo du herkommst. Und übersetzen. Weil nix deutsch. Kapischi? Ich verstehe jetzt den Zusammenhang. Wir pöbeln nicht einfach normal, wir pöbeln rassistisch. Das ist der Punkt, an dem mich nicht einmal die Werbung der neuen wilden Küche eines strauchelnden Burgerbraters mehr interessiert.

"Kann ich helfen? Gibt es ein Problem?" versuche ich die Aggression auf mich zu lenken.

Das gelingt.

"Fafatzda! Kackvogel!"

Ich unterdrücke ein Grinsen. Kackvogel habe ich zuletzt auf der Reeperbahn gehört als ich nicht mit einer speckigen Pickligen, die mich am Arm gepackt hat, in ihren Hauseingang gehen wollte. Hamburger Nutten sind die krassesten Bitches.

Jetzt schaut der ganze Raum. Es ist merkwürdig still. Ich höre die Vögel draußen. Augenpaare ruhen auf uns. Doch ich halte den Blick.

"Sie könnten sich beruhigen. Das würde mir die Mittagspause verschönern."

"Wat mischt du dich ein, Ficka!"

Sie wird doch nicht ... bam ... Schlag gegen den Oberarm. Und noch einen zweiten hinterher. Tatsächlich. Habe ich nicht erwartet. Ihre Entourage grinst. Mein Jackett federt den Schlag zwar etwas ab, dennoch tut es überraschend weh und jeder Mann hätte genau jetzt einen drin. Zeugen wären genug da. Wehren bis zu einer bestimmten Stufe ist ja straffrei. So viel juristisches Grundwissen hat jeder und ich fackel' in der Regel nicht lange. Grundregel dabei: Gleiche Münze. Es gibt immer die gleiche Münze zurück. Ich bin kein Pazifist. Ich schlage zurück, wenn ich Zeugen habe.

Doch hier nicht. Nein. Machen wir nicht. Auf keinen Fall machen wir das. Ich bin zu gut konditioniert, um mich nicht unter Kontrolle zu haben. Es ist eine Frau und ich kann nicht gewinnen. Wahrscheinlich hätte ich das alles hier lassen sollen. Wie alle. Aber das ist jetzt auch egal, denn die Ladung Junk steht endlich auf der Theke und die Gier nach miesen Cheeseburgern mit chemischer Coke Zero besiegt die Lust auf Krawall bei der, die ihre Auseinandersetzung mit mir gewonnen hat, weil mir die Mittel fehlen. Sie trollt sich und die Entourage wackelt hinterher. Einen Fickfinger hat sie noch für mich. Und mir bleibt das giftige Gefühl der Niederlage.

Kurz darauf kommt auch mein Fraß. Ich setze mich und nehme einen Bissen. Die Gespräche im Raum setzen langsam wieder ein und ich kaue den Junk. Die Stadt wird immer bescheuerter. Geschlechterunabhängig. Pack. Mit Penis und ohne. Honks. Glückwünsche.


Sonntag, 17. Mai 2015

Am Humannplatz


Der Humannplatz ist einer meiner Lieblingsplätze in Prenzlauer Berg, vor allem weil er als einer der wenigen Plätze außerhalb des übel beleumundeten Mühlenkiez' überhaupt nicht gehypt wird. Sicher, er hat nicht den schnöseligen Glamour und den internationalen Flair vom Kollwitzplatz, nicht die hysterische Panikstimmung vom Helmholtzplatz, dem Hort der unseligen Elterninitiative, die die vorletzten Trinker dieses totbefriedeten Bezirks von den Tischtennisplatten wegmobben will, nicht den spießigen Manufactumflair vom Arnimplatz und schon gar nicht die iberische Festivalsaufstimmung vom Mauerpark. Er existiert einfach so vor sich hin in einer der letzten noch nicht so ganz legolandlike verwandelten Ecke Prenzlauer Bergs, hier sitzen tatsächlich ab und zu noch echte Trinker mit echter Trinkflasche am Hals herum, trinken, spielen Schach und tun sonst keinem was.

Und bisher hat hier auch noch niemand eine Bürgerinitiative für oder gegen irgendwas gegründet oder schmeißt mit Flugblättern für oder wider irgendwelche Belanglosigkeiten um sich. Das ist neu.

Was noch? Gegenüber rottet eine Schule vor sich hin, die mondlandschaftsartigen Gehwege können es mit denen in Tadschikistan aufnehmen, so dass selbst die Fahrradnazis Schwierigkeiten haben, aufrecht zu fahren, und hier halten tatsächlich die letzten noch nicht restaurierten Fassaden der Pastellhölle Prenzlauer Berg ihr Antlitz in die Welt, hier ist noch Potenzial für Totsanierer, viel davon. Kaufen Sie. Kaufen Sie jetzt.

Saniert haben sie zumindest den Spielplatz inzwischen, jetzt gibt es viel Spielzeug, viel Kletterkram, sogar einen Brunnen, sensationell, alles dabei, ganz neu, ganz doll, es wird Zeit, dass mal jemand was ransprayt, seinen Flohzirkus davorkacken lässt oder wenigstens Coffee-to-go-Becher durch die Gegend wirft, das geht so nicht.

Ich bin ziemlich gerne hier, wenn ich mal hier bin, denn am Humannplatz zelebrieren noch nicht diese überhitzten Mittvierziger-Gruselpapas und Helikopter-Übermütterfurien ihre erfüllende Elternschaft, auch die 900 Euro-Bugaboo-Kinderwägen sind hierher noch nicht vorgerückt in das vorletzte wenigstens noch ein klein wenig proletarische Eckchen Prenzlauer Bergs (den Mühlenkiez, diesen wunderbaren Eiterpickel am Rand vom Bionadeparadies, werden sie nie gentrifizieren, nie). Und wenn Sie Autogrammjäger sind, können Sie hier ab und zu einem Semipromi begegnen, dessen Laune Sie heben können, wenn Sie ihn erkennen. Verbotene Liebe-Darsteller. Eine N24-Sprecherin. Oder Sascha Lobo.

Doch wer zum Teufel ist eigentlich Humann?



 



---
Ich war mal wieder mit Kind auf dem Humannspielplatz und habe aus diesem Anlass meinen uralten Qype-Text samt Bildern ausgegraben. Muss einer meiner ersten gewesen sein. 2010 oder so. Habe ihn ein wenig aktualisiert und sprachlich geglättet. Gelöscht wurde er bei Qype meines Wissens nicht. Klar, dieser Humann ist sicher schon tot und kann keine Beschwerdebuttons auf belanglosen Bewertungsplattformen mehr drücken.

Mit dem Humannplatz habe ich mal Qype getrollt. Die hatten eine App entwickelt, mit der man automatisch Fotos zu einem Platz knipsen und hochladen konnte und dafür Punkte bekam. Ich habe zwei Stunden Spielplatzrumsitzen damit zugebracht, immer wieder nebenher auf den Auslöser zu drücken, so dass die App sicherlich 3.000 vollkommen sinnlose Fotos auf Qype hochlud, was mich zum Punktetabellenführer Berlins gemacht hat. Hat natürlich nie jemand gemerkt auf dieser von ihren Machern völlig vernachlässigten Bewertungsplattform. Ich habe auch mal in einem Schwung 1.000 identische JPGs zu einer Bushaltestelle vom PC hochgeladen, weil das so schön einfach ging. Alle markieren und los. Hat auch nie jemand gemerkt. Stümper olé. Eine schöne Zeit.



Samstag, 16. Mai 2015

Lass mal netzwerken - Links vom 16. Mai 2015


Fotospende von Herrn Ackerbau

Bleibt nur die Frage, was sie jagen, die Yuppies... Egal. Hier sind Links. Frische Links. Read this:


sunflower22aBlöde Briten
Nur vordergründig eine Wahlanalyse. Hintergründig wieder kluge Worte zum Zustand des neoliberalen Durchmarschs auf dem Kontinent und seine Gegenbewegung dazu. These: Sie gewinnen überall dort, wo aus verschiedensten Gründen keine schlagkräftige Alternative mit sympathischem Spitzenpersonal, das nicht von den eigenen Leuten demontiert wird, vorhanden ist. In Deutschland zum Beispiel.

die SchrottpresseWahlpflicht
Kein Problem, ich zahl' die 30 Euro Strafe. Hauptsache ich muss nicht wählen gehen.

KiezschreiberAls es anfing
Irgendwie so wird es irgendwann anfangen.

ZG BlogIst das alles?
Ja, das ist alles. Mehr kommt da nicht.

Das HerrenzimmerAbsurde Schönheiten
Tschernobyl.

HermsfarmOrtskontrollfahrt
Der Onlinemodus von GTA V ist in der Tat ein riesiger Zeitfresser. Wollen Sie schnell mal eben 48 Stunden rumkriegen? Kein Problem. Ein paar Schäufelchen Koks und GTA V. Geht ganz schnell.

Studio GlummBecks, der Bienenkönig
Eine Heldengeschichte.

quadheadCola-Hack: Sicherheitslücke auf meinecoke.de
Coca Cola trollen. (via Schwerdtfegr)

Tante Jays CaféIch kann nicht rassistisch sein – ich bin eine Minderheit
Eigentlich eine Binsenweisheit. Gerät aber gerne in Vergessenheit.

Der SchwulemikerNackt den Samba tanzen
Irgendwer ist empört über irgendwas und bekommt die Antwort, die es darauf braucht: Geile nackte Männerkörper. Die tanzen. Verarschen ist immer noch die beste Antwort auf diese ganzen verbissenen heiligen Krieger, die im Internet vor sich hin bleiern.

Ein Eichhorn schlemmt sich durch die Hauptstadt - BerlinbetrachtungenDas hätte Grace Kelly nicht verdient – Die Grace Bar im Hotel Zoo
Der Verriss einer neu eröffneten Bar in der City West. Oachkatz, wir bleiben doch bitte beim Schöneberger Salut!, oder? City West, ich bitte dich.

Leberkassemmel und mehrAusprobiert: Insekten
Statt Chips zum Tatort.

Und kurz vor Schluss:

1337coreZehn Jahre alt
Lan-Partys, meine Güte Lan-Partys. Rechner mit Monitor abgebaut und quer durch Berlin gegurkt, um den Scheiß anderswo wieder aufzubauen. 48 Stunden später das Gleiche rückwärts. Zeiten, was für Zeiten...

So. Es ist auch Spargelzeit und es muss nicht immer Hollandaise sein. Es muss eigentlich überhaupt nie Hollandaise sein. Ich esse meinen Spargel gerne mit selbstgemachter Guacamole. Doch Limettensoße klingt auch sehr nice:

lamiacucinaWeißer Spargel mit Eglifilets und Limettensauce



Donnerstag, 14. Mai 2015

Weimarer Ansichten





Weimar ist, wenn der Vermieter ein fragwürdiges Schlemmerlokal empfiehlt, das mit Großbuchstaben auf einer riesigen gelben Zeltplane schreiende Werbung in einer Form betreibt, die nie Gutes nach sich zieht. Es gäbe dort mediterrane Küche. Zum Beispiel Hühnerbrust mit Käse überbacken. Das teilt er mit irritierendem Ernst mit.

Weimar ist, wenn ich in Weimar nicht mediterran essen möchte.

Und niemals werde ich mit Käse überbackene Hühnerbrust essen. Nicht nur in Weimar nicht.

Hier wird nicht geparkt! brüllt Weimar zur Begrüßung als ich gerade nach den Hausnummern schaue und noch nicht einmal den Motor ausgemacht habe. Ein alter Mann. Ein Parkplatzwächter. Aus der Nachbarschaft. Mit Gamshut. Und ganz hässlichen kleinen Augen. Unzweifelhaft bin ich wieder in Deutschland, wo Menschen ohne schöne Augenblicke möchten, dass auch andere keine schönen Augenblicke haben.

Weimar ist, wenn ein Junggesellenabschied aussieht wie ein Naziaufmarsch.

Weimar ist, wenn dieser Junggesellenabschied die Arie einer jungen russischen Künstlerin in der Fußgängerzone mit Schalala-Scheiße übergrölt, so dass sie kurz aufhört zu singen bis die Junggesellen weg sind. Und danach milde lächelnd den Akt von vorne beginnt.

Wenn Sie in Weimar eine Unterkunft buchen, achten Sie auf eine ausreichende Entfernung zur nächsten Kirche. Sonst Glockenschlag zu jeder halben Stunde. Einen für die halbe Stunde, elf an der Zahl zu 23 Uhr. Wenn sich gleichzeitig auf dem Nachbargrundstück ein Hühnerstall befindet, dann kräht morgens um fünf der Hahn. Immer wieder.

Die gönndö misch öch ma züreitn'n - spricht der Sachse beim Anblick einer schönen Kutscherin.

Dich reitet seit Jahren nicht mal deine Alte zu, du dummes Arschloch, denke ich im Vorbeigehen.

Goethe hat hier einen Garten. Den natürlich Christiane bewirtschaftet hat. Goethe hat nur gefressen, was er abwarf. Sie können ihn besichtigen, den Garten, denn Weimar hat ihn erhalten.

Goethe liebte Artischocken.

Weimar ist übrigens viel hübscher als Sie denken, vor allem hübscher als die meisten westdeutschen Städte, die dafür bluten, dass Weimar so hübsch ist. Hey Gelsenkirchen, eat this:



Goethe? Nein. Schiller? Nein. Irgendein Herzog. Auf Pferd. Sowieso: Überall stehen Statuen von Goethe und Schiller in der Gegend herum, die oft gar nicht Goethe und Schiller sind.



Graf Dracula? Nicolae Ceaușescu? Udo Kier? Nein! Louis Fürnberg. Wer ist Louis Fürnberg? Ich habe keine Ahnung.

Manchmal ist es aber auch wirklich Goethe (oder Schiller):



Er zeigt mit dem Finger irgendwohin. Wohnhaus. Geburtshaus. Stammkneipe. Mätressenstall. Egal.

Vor Goethe (oder Schiller) stehen Touristen, die mit dem Finger in die selbe Richtung zeigen. Motiv Motiv. Wohnhaus. Geburtshaus. Bla. Uninteressant.

Im Dunstkreis der Statuen stehen Zusammenrottungen furchtbar angekotzter Schüler herum, deren Lehrer sie hierher in dieses für ihr zartes Alter so furchtbar fade Literatur- und Geschichtsghetto geschleppt haben und die das hier wahrscheinlich sofort gegen eine Mathestunde oder Zirkeltraining im Sportunterricht eintauschen würden. Waldlauf, Spargelstechen, Eisbaden, Leichenwaschen, alles erscheint ihnen besser als das hier. Zumindest schreit die Mimik es in die Welt.

Um ihnen den Rest zu geben, geht es danach wahrscheinlich hoch nach Buchenwald. Spätestens dort hat dann WhatsApp Sendepause. Oder vielleicht auch nicht. Okay, eher nicht.

Dennoch sind es wenige dieser Gruppen. Überlaufen ist Weimar nicht. Kein Vergleich zu Heidelberg und seinen vollgestopften Reisebussen, die wie platzende Eiterbeulen im Akkord ihre furchtbare Fracht entladen. Keine Selfiesticks. Keine Horden. Zu wenige Rentner, um äffen zu können.



Dafür gibt es das Goethe-Kaufhaus. Mit einer DM-Drogerie drin. Nordsee. Kabel Deutschland. Und Reisebüro Schumacher. Das Kaufhaus wirbt mit dem Slogan "Kunst des Kaufens". Was da übrigens so knischt, ist Goethe im Grab. Er versucht, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Und was da so klickt, ist Schiller mit einem verrosteten Revolver, der sich erschießen möchte. Es gibt nämlich auch ein Schiller-Kaufhaus. Dort können Sie Hilfigerklamotten kaufen. Boss. Lagerfeld. Oder S.Oliver und Esprit, wenn es für mehr nicht reicht.

Viel besser als der Kommerzshit ist: Sie haben hier in Weimar ein besetztes Haus. Mitten in der Stadt.



Und kluge Heinrich Heine-Zitate an den Wänden. An einem Haus, das eine Krankenkasse bewohnt.



Dazu bizarre Geschäftskonzepte wie ein "Euro-Café", in dem sie Bier ausschenken. Mit dem verpönten Euro-Logo und holpriger Lyrik auf einer Tafel:


Falsches Pferd, würde ich sagen. Lyrik ist so tot wie der Euro.

Anderes klingt schon besser:



Fotos. Viele Fotos. Vergilbt. Schwarz-Weiß. Familienportraits. Armeeausweise. Irgendwelche Matrosenanzugträger mit der Bildunterschrift in Sütterlin: "Viel Glück 1907." Geholfen hat's nicht. Was für ein toller Laden. Sowieso: Was für eine interessante Stadt. Sehr friedlich, sehr entspannt. Kulturell bis zum Anschlag. Wenn Sie so etwas mögen, ist das Ihre Stadt. Der Vernissagegesichter ihr Paradies. Galerien. Töpferzeug. Handgeknüpftes Irgendwas. Handgeschöpft. Handbesungen. Selbstfermentierter Tee. Liebevoll gerösteter Kaffee. Formvollendet geformte Pralinen. Und Goethe. Schiller. Herder. Nicht so sehr Protz, eher understatement, fast als wolle man die Denker nicht abschrecken, die sie hier haben wollen. Kein Heidelberger Rüpelrentner würde sich hier wohlfühlen. Hier gibt es noch Lesecafés. Viele Lesecafés. Mit Büchern aus Papier. Papier!

Dieses Geraschel ist unerträglich.



Und wie schmeckt Weimar? Gut, zumindest wenn Sie nicht in ein "Restaurant 1900" gehen, in dem Sie eine Viertelstunde sitzen können ohne dass irgendwer Notiz von Ihnen nimmt. Wenn Sie dann gehen, woanders hin, zum Beispiel in die "Scharfe Ecke", dann wird es gut:




Scharfe Ecke. Eisfeld 2. Thüringer Klöße mit wechselnden Beilagen. Kalbsleber. Schwarzbiergulasch. Schwarzbiersteak. Ein großartiges Lokal. Wenn Sie mal in Weimar sind, essen Sie dort. Hier arbeiten Könner. Kochkönner. 

Das Lokal hat nur einen Makel: Keine Internetseite. Nada. Hier, bitte sehr, Telefon, eventuell mit Wählscheibe. Oder Kurbel: 03643 202430.



Was bleibt denn von Weimar?

Für diese kommunistische Regierung, die das Land Thüringen unweigerlich in den Hungertod, ins Dunkel und in die ewige Verdammnis treiben wird, hat Weimar eine erschreckende Dichte an Oberklasseautos.

Die Stadt Weimar ruht in einer angenehmen Weise in sich selbst.

Keine Honks - abgesehen von einem hässlichen, rülpsenden, stinkenden und grölenden Skinhead-Junggesellenabschied in Schlandmontur, der sich wie ein Fremdkörper durch die Stadt fraß und außer in aller Augen Mitleid nichts hinterließ. Selbst die Pfandflaschen haben sie mitgenommen.

Die Steigungen in Weimar sind ein Witz im Vergleich zum Elsass. Sie nötigen keinem Läufer peinliche Gehpausen ab.

Und falls Sie was Größeres zu vererben haben und es nicht Ihren verzogenen Egoratten von Kindern in den Arsch stecken möchen, die eh nur darauf warten, dass Sie endlich sterben, dann habe ich da was. Ich vermittle gerne die Erreichbarkeit:



Zuletzt ein Veranstaltungshinweis:



Knaller. DJ Big Balls legt auf. In der Dorf-Disse zu Ollendorf. Am Freutag. Denn freu zu sein bedarf es wenig.


Dienstag, 12. Mai 2015

Elsässer Gedanken



Nein, keine Querfront. Kurzurlaub.

Das Elsass sieht aus wie Deutschland, ist auch fast wie Deutschland, nur mit anderer Sprache.

Und Sie können hunderte Kilometer über Dörfer fahren ohne einer Ampel zu begegnen.

Das ist so wenig deutsch wie nur möglich.

Nur wenn Sie in den zahllosen Kreisverkehren vor lauter Überforderung nie blinken und in Panik die Spur wechseln aus Angst, Ihre Ausfahrt zu verpassen, sind Sie ziemlich deutsch.

Wenn Sie einen Kleinwagen mit deutschem Kennzeichen fahren, dann kann es sein, dass ein französischer BMW-Fahrer mit kleinem hässlichen Penis Sie mobbt. Stoßstangenfahren. Slalomlenken. Aufblenden. Weil Sie die Serpentinen bergauf in Ihrem zweiten Gang des vollgepackten Stadtautos mit permanent fast kotzendem Kind hintendrin so langsam sind.

Das kann Ihnen allerdings auch in München passieren. Nur ohne Serpentinen.

Korrigiere: Das wird Ihnen ziemlich sicher auch in München passieren.

Angesichts meines deutschen Autos hat mir hier jedoch noch niemand einen Hitlergruß gezeigt.

Das war in den 90ern noch anders. Da stand ein elsässischer Teenager am Straßenrand und grüßte formvollendeter als der Führer selbst. Das hat mich sehr irritiert, weil nicht zu erkennen war, ob es kameradschaftlicher Ernst oder feindlicher Diss war.

Das Elsass ist die Hochburg des Front National. Die Nähe zu Deutschland ist sicher nur Zufall.

Dafür sind die Supermärkte wie überall in Frankreich sehr cool, wenn es nicht gerade der sich in Frankreich wie die Pest ausbreitende Lidl ist.

Sie verkaufen den Morbier für 80 Cent die 100 Gramm.

In Berlin knöpft mir Edeka dafür locker das Doppelte ab. Lafayette noch mehr.

Dafür schmeckt der Morbier hier in Frankreich besser als zuhause.

Würziger.

Strenger.

Nicht so sahnig.

Ich beginne zu vermuten, dass es eine Exportversion davon gibt und eine für die Kenner.

Oder es ist Einbildung.

Weil ich Urlaub habe.

Das kann natürlich auch sein.

Sowieso ist die Käsetheke jedes ranzigen Supermarkts im Elsass besser bestückt als die vom Lafayette in Berlin. Bei einem Drittel des Preises.

Verrückt.

Verrückt ist auch:

In Colmar gibt es einen Fremdenführer, der aussieht wie Mehmet Scholl.

Und eine Restaurantfachkraft, die aussieht wie Sarah Wagenknecht.

Warum mir so etwas auffällt, weiß ich nicht.

Warum ich mir darüber Gedanken mache, auch nicht.



Dafür schmeckt Flammkuchen hier im Elsass besser als in den Kindercafés von Prenzlauer Berg. Vermutlich liegt es an der fehlenden Hektik. Und der guten Laune.

Und überhaupt schmeißt niemand mit Rucola um sich.

Ich kann nämlich keinen Rucola mehr sehen.

In Prenzlauer Berg machen sie den Rucola sogar auf die Flammkuchen.

Übrigens hat das Elsass auch Nachteile (vom Front National einmal abgesehen).

Denn die unmenschlichen Steigungen dieser verfluchten Vogesen bringen jeden Berliner Läufer um, der keine Anstiege kennt und dessen dafür zuständigen Muskelstränge aus diesem Grund hoffnungslos verkümmert sind.

Dieser Läufer kapituliert schließlich und legt in zwei Stunden bis zu fünf Gehpausen ein, weil seine Beine in ihrer Konsistenz wie Blei brüllend streiken, worauf ihn gierige Mücken aussaugen, die der frische Schweiß angezogen hat. Die stets folgenden unmenschlichen Abstiege dagegen haben keinen Trainingswert, bestehen sie doch nur aus dem Versuch, nicht hinzufallen. Kurz darauf beginnt der nächste abartige Anstieg. Abstieg. Anstieg. Es ist ein Elend.



Mein Vermieter spricht angenehmes Deutsch mit lustigem Dialekt, das leichte Anklänge von Schwizerdütsch und Luxemburgisch hat. Zwei der Sätze, die er zu mir sagt, sind die hier: "Der 8. Mai ist Feiertag in Frankreich. Wir haben gewonnen." Dann grinst er und ich ertappe mich dabei, dass ich mich darüber ärgere, obwohl ich gar nicht mal richtiger Deutscher bin. Als Inhaber ziemlich unarischen Blutes, das in einigen Strichen des Landes, in dem ich wohne, immer noch eine Rolle für den Wert eines Menschen spielt, müsste es mir vollkommen egal sein, weil es mich gar nicht betrifft, am 8. Mai verloren zu haben. Deutsch ist für mich nur eine Frage des Autokennzeichens. Und eine wunderbare Sprache, die viel mehr kann als das profane Englisch.

Wahrscheinlich ist es nur die schlichte Blödheit des Satzes, die mich ärgert, dieses "Wir" - kombiniert mit "gewonnen". Es ist unter so vielen Gesichtspunkten hässlich und aus der Zeit gefallen.

Beim Öffnen einer Flasche überraschend guten Elsässischen Gewürztraminers zum Bergkas beschließe ich, es auf die Sprache zu schieben, die für ihn bestimmt Fremdsprache ist. Oder auf eine schräge Form von Ironie, die mich nicht erreicht. Der untaugliche Versuch, witzig zu sein. Zu viele Kühe auf zu wenig Quadratmeter, was dann abfärbt. Diese ganze frische Luft. Sein Jesuskreuz am Haus. Oder einfach Synapsenkurzschluss. Der viele Wein wegen mir.



Im Elsass bemühen sich sowieso viele, deutsch mit mir zu sprechen, auch wenn es nur Brocken sind. So entsteht die witzige Situation beim Bäcker, dass ich auf Französisch mein Pain de Campagne bestelle und mir auf Deutsch gesagt wird, was das kostet.

Witzig sind auch die deutsch-französischen Wortkombinationen an jeder Ecke des Elsass', vor allem wenn sie von Franzosen ausgesprochen werden.




Wer übrigens das Internet in Brandenburg für beschissen hält, war noch nie im Elsass. Elsass - the real home of the Edge. In meiner Unterkunft wechselt es sogar zwischen Gar Nix und GSM. GSM! Das ist dieser komische Buchstabe G ganz oben neben dem einen lausigen Empfangsbalken, ein Buchstabe, den ich nicht einmal in Brandenburg jemals länger als einen Augenblick zu Gesicht bekommen habe und mit dem Sie sich maximal fefes Blog anzeigen lassen können - nach 15 Minuten Warten. Was Ihnen nix bringt, weil Sie die Links erst aufkriegen, wenn der Urlaub schon wieder vorbei ist. G. GSM. Der Zombie aus der Gruft grüßt die 90er. Und das Beste von heute.

Überhaupt das Internet: Mein deutscher Provider verlangt für Frankreich 3 Euro für 50 MB, was bedeutet, dass mein Provider ein Arschloch und die Europäische Union ein beschissener Witz ist. Sie schaffen mit ein paar Federstrichen den freien und komplett unregulierten Verkehr für Waren und Kapital, der zu europaweiten Telekomkonzernen führt, die sich akkumulieren wie blöd und dabei immer weitere Fesseln und Schranken für ihre immer noch nach Nationalstaaten getrennten Kunden schaffen - eine Abzocke ohne Limit mit Puffpreisen für chronisch schwachbrüstige Infrastruktur. Was ich immer sage: Privatisierung wirkt. Nur nicht für mich.

Also erleide ich heute im Jahr 2015 ganze 30 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt die traurige europäische Realität: Für das mobile Internet bestehen im Schatten der grenzüberschreitenden Anbieter die Nationalstaaten wie im 20. Jahrhundert fort, einfach weil es komfortablen Profit ermöglicht. Und unsere Oligarchen schaffen es irgendwie, dass das seit Jahren so bleibt.

Also werfen wir doch bitte endlich alle Sonntagsreden über europäische Identität, Integration und das Ende nationaler Egoismen über Bord, denn wenn es um die Gewinne der mutinationalen Konzerne geht, gilt das alles nicht mehr. Und wie um mich zu verhöhnen oder einfach um noch eins draufzusetzen, bietet mir mein Provider, den ich schon für das deutsche Netz verdammt gut bezahle, als Alternative die Zahlung von irrwitzigen 15 Euro für 150 MB Auslandssurfvolumen in seinem französischen Netz an bevor er mich drosselt, was in etwa zwei intensiven Restaurantrecherchen plus Navigation dorthin via Google Maps entspricht, was wiederum bedeutet, dass mein Provider nicht nur ein Arschloch, sondern sogar ein Riesenarschloch ist.

Wie alle anderen Provider übrigens. Wie zum Beispiel der französische Provider, auf den ich mit einer Prepaidkarte ausgewichen bin und der mir meinen mobilen Hotspot blockiert, mit dem ich alle anderen Geräte der Familie versorgen wollte. Er will mich nämlich mit seiner Knebelmaßnahme zwingen, für jedes verdammte Gerät eine eigene französische Prepaidkarte zu kaufen. Und um auch das letzte Loch zu stopfen, koppeln sie die Prepaidkarte gleich fest an das Gerät, so dass ein manueller Wechsel nix bringt, weil dann die Karte nicht mehr funktioniert.

Sie haben keine Chance. Nix geht hier. Geknebelt. Gegängelt. Gefickt. Ausgepresst. Ausgelutscht. Abgezockt. Alles Wichser. Sie ist ein grotesker Witz, diese EU. Alles können sie regeln, wirklich alles, Glühbirnen, Duschköpfe, einen ukrainischen Despoten absägen und damit einen Bürgerkrieg auslösen, noch schlimmer: Olivenöl in den Karaffen südländischer Spaghettibars verbieten, dafür aber regionale Spezialitätenbezeichnungen via TTIP an die Amerikaner verscheuern, damit wir bald den Roquefort aus einer Fabrik in Iowa und den Schwarzwälder Schinken vom Schlachthof aus Wisconsin bekommen, alles können sie, echt alles, nur diese elende dummfreche Abzocke beim mobilen Internet im europäischen Ausland kriegen sie seit Jahren nicht reguliert. Ehrlich mal: Seit wie vielen Jahren schon reden Sie davon, das unregulierte Melken über die Landesgrenzen abzuschaffen und seit wie vielen Jahren verzögern sie es? Ach fuck Roaming, fuck the EU.

Was noch?

Hier. Das hier. Das Schönste zuletzt (von Käse und Wein abgesehen). Dafür mag ich Frankreich: Regeln? Egal. Übermäßige Ordnung? Quark. Linien? Wo denn?