Montag, 22. August 2016

Retrospektive: Strandläufer



Wenn ich an der Ostsee bin, laufe ich gerne am Strand. Laufen im Sinne von Rennen. Sport. Jogging, wenn Ihnen das Wort besser gefällt. Gerne bei Sonnenaufgang. Ich. Brise. Wellen. Meditation. Friede.

Das war auch vor ein paar Jahren so. Ich glaube, es war in Zingst. 5:30 Uhr. Nur ich und der Strand. Nicht mal ein Gassigeher. Nur ich. Brise. Wellen. Meditation. Friede.

Und drei junge Frauen mit Alkohol in der Hand, die mir entgegen kamen. Keine Ahnung woher, keine Ahnung warum. Versprengte Partyreste. Vermutlich. Mit dem Wunsch nach Sonnenaufgang.

Warum macht ein Mann eigentlich das, was er tut? Warum wird er schneller in so einem Moment? Warum macht er die Schultern breit? Zieht den Bauch ein? Brust raus? Kopf hoch? Warum? Was soll das? Was läuft da für ein animalisches Programm ab? Und warum ist es auch dann aktiv, wenn junge Frauen gar nicht die eigene Zielgruppe sind?

Was ich nicht auf der Rechnung hatte, war das Sandloch voller Sandmatsch, das ich nicht sah, weil es vor lauter Kopf hoch nicht mehr in meinem Blickfeld war.

Ich sank mit einem Fuß ein. Bis zum Knöchel. Verlor jedes Gleichgewicht. Fiel dann hin. Das Gesicht in einem anderen Sandmatschloch.

Ein Untergang. Formvollendet. Ohne Grazie.

Sie können in so einem Moment nur über sich selbst lachen. Sie haben verkackt. Vollständig. Komplett verschissen. Sich endlos und für alle Zeiten lächerlich gemacht. Das ganze Programm. Aus so einer Nummer kommen Sie nie mehr mit Würde raus. Ich würde ja auch lachen, wenn ich das sähe. Habe ich auch. Gelacht. Sandmodder abgewischt. Mit den Schultern gezuckt. Weiter gelaufen. Sie haben keine anderen Optionen. Irgendein Gesicht war nicht mehr zu wahren. Wie auch. Es war voller nassem Sand.


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credits
Machen wir uns doch einmal lächerlich. Lassen wir das Kindische, das Verdrängte, das Unliebsame doch heraus und sammeln es an einem Ort. Kein geschlossener Raum und eben doch genau das. Im Netz. In der Öffentlichkeit. In unseren Blogs.

Samstag, 20. August 2016

Seefeuer / Kinospacken



Na ihr Wohlstandsbürger. Gute Laune? Oh das lässt sich ändern. In den verkeimten Kulturhinterhof-Off-Kinos der Stadt läuft gerade ein Film, der es nie in die idiotenverseuchten Multiplexe schaffen wird und deswegen in den idiotenverseuchten Kleinkinos gezeigt werden muss, was hinsichtlich des Beschissenheitsfaktors des Publikums keinen Unterschied macht, sondern nur bedeutet, dass die Anzahl der Idioten prozentual gleich, wenn auch absolut geringer ist. Huh? Said what? Mathe? Anyone? Ach nee, hier ist Berlin, hier lernen sie kein Mathe mehr, hier kriegen sie in ein paar Jahren auch mit Malen nach Zahlen ihr Abitur. Oder durch Ringelreihen mit Händeklatschen.

Ich habe einen Film namens Seefeuer gesehen. Wen dieser Film kalt lässt, der hat ein Herz aus Backsteinen.

Der Film wurde auf Lampedusa gedreht.

Sie brauchen nicht zu denken, dass die beschissenen Arschgesichter in den kleinen Off-Kinos weniger als in den Multiplexen das Karma solch eines Raums verpesten. Gefehlt. Weit. Natürlich sind auch hier heute in diesem blöden kleinen bis zum Anschlag subventionierten Kulturding jede Menge beschissene Arschgesichter am Start und sie sind gut drauf. Hier, an diesem Tag, an diesem Ort kommen sie in der Berlin-Mitte-Version daher. Mit dieser unerträglich blasierten Ich-stand-heute-neben-Sven-Marquardt-an-der-Fußgängerampel-Attitüde. Nur in der Ich-stand-heute-neben-Cem-Özdemir-bei-Alnatura-Version. Ein furchtbares Volk. Grässlich alternative Optik. Geisterbahn. Vogelscheuchen. Sauerkrautfrisur. Riesige Hornbrillen. Und auf jeden Fall diese ekelhaften Birkenstockpantoffeln, die jeden mit zumindest ein wenig Stil hoffen lassen, dass dieser verdammte Sommer endlich zu Ende geht, so dass sie alle wieder Gummistiefel tragen müssen. Mit lila Pünktchen. Wie vorletzten Herbst. Birkenstock. Bah. Birkenstock ist kein Schuhwerk, Birkenstock ist ein Charakterfehler. Fast wünsche ich mir diese Crocks zurück, mit denen sich der Sternburgadel vor ein paar Jahren reihenweise öffentlich lächerlich gemacht hat, bevor sie zumindest in dem Streifen von Hohenschönhausen bis Biesdorf-Nord wieder zu den fiesen lackierten Proll-Adidas-Slippern zurückgekehrt sind. Mit Goldstreifen. Und Leggins. Lackplusterwindjacke. Helle-Mitte-Style, Baby. Huha.

Schlumpfkino. Kinoschlümpfe. Mich überkommt schon nach zwei Minuten der Hass. Die Türe fällt auf und zwei durcheinander sabbelnde Frauen betreten den Raum. Blablabla authentische Pizza Blablabla neuer Laden in der Torstraße Blablabla muss mehr Sport machen Blablabla lieber doch nicht so viel Pizza Blablabla dann Sushi Blablabla authentisches Sushi Blablabla. Was ich jetzt noch nicht weiß: Das Gesabbel wird sich bis weit in den Film rein ziehen.

Was ich jetzt schon während der Werbung weiß, ist, dass eine von den beiden zu blöd ist, eine Flasche Cola zu bedienen. Sie schmeißt die Flasche um, die sie offenbar auf den Boden gestellt hat. Dann stellen sie gemeinsam fest, dass ihr Platz scheiße ist, und stehen auf. Dabei fällt die Flasche noch einmal um. Es folgt Gackern. Sie werfen ihre Köpfe nach hinten. Setzen sich woanders hin. Der Platz ist jedoch auch scheiße, wonach sie öffentlich feststellen, dass der Platz auch scheiße ist und aufstehen. Dabei fällt die Flasche zum dritten Mal um. "Wie blöd kann man eigentlich sein?" Huh? War ich das? Ha. Ich war das. Das ist das Schöne, wenn Sie die verunsicherte Pubertät und dieses stets viel zu behutsame Erwachsenwerden endlich hinter sich gelassen haben. Sie hauen nun solche Dinger raus und es ist Ihnen dabei vollkommen egal, ob der Adressat Sie danach noch leiden kann oder viel eher in die Hölle verflucht. Egal. Spielt keine Rolle. Inzwischen weise ich Vollidioten gerne mal plakativ auf den Umstand ihres Vollidiotentums hin. Das geht gut klar und macht auch Spaß. Sie müssen sich nur bremsen, um nicht zu enden wie Meckerrentner Kowalke aus Laubenpieperkuckucksheim, der derlei zu seinem Lebensinhalt macht. In Maßen genossen hat eine Runde fröhliches Gepöbel eine angenehm positive Auswirkung auf meine Laune. Hier ist sowieso Berlin. Mich sehen die Bratzen nie wieder. Ich kann hier sagen was ich will. Berlin Berlin. Keiner kennt mich und ich will niemanden kennenlernen. Und schon gar keine neuen Freundschaften schließen. Drei Millionen. Vier Millionen. Wir werden hier immer mehr und nie sehen Sie irgendwen wieder, wenn Sie sich nicht verabreden. Menschen sind in diesem Moloch so Massenware wie austauschbar. Das schafft Freiheiten. Ich mag das.

Nach meiner Einschätzung zum intellektuellen Horizont der Protagonistinnen des Colaflaschendesasters ist es kurz still, dann geht die Sabbelei weiter. Im Moment läuft die Vorschau. Die Vorschauen werden intensiv diskutiert. "In dem Film war ich schon drin." Haut diejenige ohne umfallende Colaflasche raus und fuchtelt dafür mit einem leuchtenden Smartphone. "Knaller. Das ist ja eine tolle Information." Wieder ich. Geil. Der Trollolo von der letzten Bank. Dumme Kommentare sind mein Gemüse. Die Colaflaschenstümperin dreht sich um, doch sie kann mich nicht sehen, denn ich sitze unter dem Projektorfenster und von dort aus leuchtet die Vorschau in den dunklen Raum. Großartig. Spacken anpöbeln. Aus der Anonymität heraus. Ich mag das sehr. Fast wie Internet.

Dann fällt die Colaflasche wieder um. Erschieß dich doch. Will ich gerade sagen, doch da fängt der Film an. Zwei Smartphones sekundieren den Film mit der Beleuchtung ihrer fahlen Displays. Links. Rechts. Und kaltes weißes Licht flackert über die Kinodecke. Es ist meins. Ich habe noch eine dunkle Ecke entdeckt. Das geht so nicht. Ich muss die ausleuchten. Ich mache begeistert mit beim fröhlichen Smartphonewinken. Die köpfedrehenden Leute blende ich aus. Keine Ahnung was die wollen. Ab jetzt wird immerhin geflüstert. Die beiden Bratzen diskutieren auch jetzt immer noch Dinge. Es muss etwas erörtert werden. Eruiert. Thematisiert. Zerkaut und in Wortfetzen ausgekotzt. Alles ist wichtiger als Fresse halten. Menschen sind die Pest.

Boote. Marine. Seenotretter. Ärzte. Leichen. Heulende Afrikaner. Dieser Stoff wird kein leichter sein. Für einen Moment herrscht tatsächlich eine Art Ruhe. Dann fällt wieder die Flasche um. Einer reißt eine Tüte mit Naschzeug auf. Raschel. Hält inne. Raschel. Ruhe. Nochmal Raschel. Klappt wohl nicht. Dann reißt er die Tüte mit einem Ruck auf. Eine Tasche fällt von einem Kinositz. Ein Motorradhelm rollt ein paar Stufen hinunter. Dann fällt jemandem ein, dass er noch Popcorn hat. Krams. Raschel. Mompf. Sie werfen auf der Leinwand gerade die Müllsäcke voller Leichen von einem Schlauchboot auf ein Schiffsdeck. Plumps. Plock. Seltsam verdreht, dieser Arm da. Oder ist es ein Bein? Na wenigstens schmeckt das Popcorn gut. Der Kerl vor mir schlingt. Und schmatzt.

Flasche.

Jemand reißt Alupapier auf. Vermutlich Schokolade. Was für Pestbeulen sie mir heute wieder in die unmittelbare Gesellschaft gepackt haben. Und dann immer diese Fresser. Sie müssen wirklich überall fressen. Es muss überall gefressen werden. In der Dreiviertelstunde Flug von Tegel nach Frankfurt: Sie verteilen Fressen im Flieger. Damit die Leute in der kurzen Zeit was fressen können. In der S-Bahn zwischen Frankfurter Allee und Greifswalder Straße: Irgendein Arschloch frisst immer einen Döner. Chinaboxpfanne. Oder Mettbrötchen. Mit Zwiebeln. Mompf Mompf. Beim Borgwürfelmeeting: Sie fressen sogar die alten Scheißkekse, die die mumifizierte Schachtel von Vorzimmerdame aus den Resten der Bauernkriege zusammengeklaubt hat. Mampf Mampf. Cluster. Mampf. Milestone. Mampf. Müssen evaluieren. Mampf Mampf. Und hier im Kino, während ein Dokumentarfilm ein paar der 15.000 toten Menschen zeigt, die bisher im Mittelmeer auf dem Weg nach Europa ersoffen, erstickt oder auch nur dehydriert verreckt sind: Fressen sie auch. Popcorn. Gummibärchen. Einen kapitalen Tobleronebalken. Fressen. Es geht nicht ohne. Sie können nicht ohne. Kriegen sie nicht hin. Überschwemmung? Abgerissene Gliedmaßen? Gasleck? Putin vor der Stadt? Egal. Erst mal was fressen.

Der Film endet mit Samuele, dem Hauptdarsteller aus dem Erzählstrang abseits der Elenden auf den Booten. Samuele ist ein Kind, das auf Lampedusa aufwächst. Samuele lockt einen Vogel an. Sie zwitschern sich zu. Ein bisschen Frieden im ganzen Wahnsinn. Dann ist der Film aus. Zwei Vollidioten ganz vorne klatschen tatsächlich. Was ihnen wohl gefallen haben mag? Die verzweifelt singenden Afrikaner? Die kranke Schwangere mit den Zwillingen im Bauch, die direkt vom Boot in die Klinik gebracht wurde? Oder doch die Leichen. Klatsch Klatsch. Wie dumme Touristen im Bumsbomber aus Mallotze nach der Landung auf dem Gruselflugplatz Schönefeld. Patsch Patsch. Vermutlich ist es nur eine Ersatzhandlung. Der Überforderung wegen. Ich habe sogar Verständnis.

Beim Rausgehen jedoch lachen sie. Der war gut, sagt einer. Der war krass, sagt der andere. Krass gut. Wieder Lachen. Die beiden Sabbelschnepfen erörtern wieder die Pizzafrage, die wieder in eine Sushifrage übergeht. Colaflasche und Smartphone in der Hand. Leute schreiben Nachrichten. Jeder sabbelt. Einer frisst die Reste aus einer Erdnussflipstüte. Ich kaufe mir ein Bier. Die M1 bringt mich zurück zur Danziger Straße. In der Bahn Kopftücher. Abgerissene Typen. Touristen mit Bier. Wer aufmerksam beobachten kann, erkennt die Flüchtlinge problemlos. Billige blaue Gummibadelatschen. Es ist ganz einfach, wenn man es weiß. Meistens sind es die billigen blauen Gummibadelatschen. Achten Sie mal drauf. Der Straßenzeitungsmann am Supermarkteingang ist manchmal gar kein Rumäne mehr, sondern ein Syrer. Iraki. Libyer. So weit weg ist Lampedusa gar nicht.

Freitag, 19. August 2016

Lass mal netzwerken - Links vom 19. August 2016



Einer meiner besten Freunde ist Polizist. Einer von denen, die in Uniform mit diesen kleinen knuffigen (lächerlichen) Opels durch die Stadt gurken und den ganzen Tag Donuts Döner fressen. Letztens beim Bier erzählte er mir, dass sie nachts auf Streife bei mir umme Ecke gerne mal "Schwaben wecken" spielen, wenn ihnen auf Schicht langweilig ist. Sirene an, einmal die Kollwitzstraße hoch und links rein in die Sredzkistraße. Und zurück. Und nochmal hin. Ich kann ihm gar nicht böse sein.

Und jetzt alle.

Die Links. Viel heute, aber muss. Read this:


M7Matthias M. und der Blick von außen
Bis ins Letzte reguliert und amerikanophil bis zur Unerträglichkeit.

Hirnfick 2.0Bei uns heißt das immer noch „Sie Arschloch”!
Bei heranwanzenden Vorgesetzten sollten bei Ihnen alle Alarmglocken ein Inferno der Kakophonie an den Start bringen. Der große Vorteil der deutschen Sprache ist das Siezen. Sie wissen gar nicht wie gut Sie es haben. Geben Sie das nicht auf. Lassen Sie sich das nicht nehmen. Es zeugt von Respekt. Distanz. Zurückhaltung. Eleganz. Understatement. Und das Beste ist: Sie können viel eleganter Nein sagen als wenn jemand über die aufgesetzte angelsächsische Kumpelschiene kommt. Oh, das tut mir leid, ich kann den Auftrag im Moment nicht auch noch mit machen, wie Sie sehen bin ich bereits mit Projekt X1 und Projekt X2 beschäftigt. Aber wenn ich diese fertig habe (oh, das dauert), unterstütze ich Sie gerne. Sie arbeitsabdrückender Penner.
Nur die Krawatten. Die können wirklich endlich ins gesellschaftliche Abseits. Freiheit für die Hälse. Mehr offene obere Hemdknöpfe. Bitte.

VirchEinfache Lösung. Im Ernst. (II)
Fuck Bildungsreformer. Die antiautoritären Ranwanzer haben wir an unserer Schule als erste gefressen. Wer sie zum Heulen brachte, war der König für einen Tag. Respekt bekam nur der alte Drillsergeant von Matheknochen. Der Rest war zu weich für unsere Schule. Hier Teil I.

ExportabelFür alle Leisten-/Latten-/Bretter- bzw. Platteninteressenten
Antiwerbung. Trocken. Sachlich. Schmucklos. Nicht laut. Toll.

marcuskluge“Geht doch in den Osten!” / Andi, Richard, Gabi und die anderen / Ein virtuelles Fotoalbum / 1965 – 77
Frise.

{berlin:street}Rio Reiser
20 Jahre schon tot.

GlummWo wichst Mustafa?
Nicht in der Badewanne. So viel ist mal klar.

Was weg mussDie Drücker müssen weg. Die Klopfer auch.
Wie frauenfeindlich er ist. Ein Sexist vor dem Herrn.

In die Kerbe:

Schirrmis BlogPer Hupkonzert verlassenes Telefon
Der Tag hatte zu viel Niveau? Kein Problem. Lesen Sie Schirrmi. Dann gibt sich das.

Netz 10Tod in Nürnberg (8)
Leiche!

DampfschnutenEs ist halt Leidenschaft...
Hey Stef, ganz ehrlich, ich habe immer Mitleid, wenn ich einen Dampfer an diesem Metallding saugend durch die Straßen laufen sehe. Oh, kuck mal. Der Junk braucht seinen Stoff. Dem einen sein Methadon, dem anderen sein Nikotin. Kopfkino. Die Dinger sehen so klinisch aus, dass diese Assoziation unvermeidlich ist.

is lieb?Hohe Ansprüche
Der ist gut. Als Mann kennen Sie das ja. Ungefähr ab der Pubertät beginnen Frauen damit, Ihnen zu erzählen wie Sie sein sollen. Und sie hören nie mehr damit auf. Ignorieren Sie das. Es führt zu nichts.

Arthurs Tochter kochtWas heißt hier eigentlich "Respekt"?
Wir Lippenbekenntnisprahler.

sunflower22aKaffeehäuser
Die gute alte Meldestelle Pappelallee Ecke Danziger. Jetzt mit Coffee Fellows. Do not go there. It will suck.

Genuss ist NotwehrEndlich: Wein (nicht nur) für Anarchisten
Ich muss weg. Rüber nach Wedding. Wein kaufen.

Essen. Habe nachgekocht. Und zwar das hier:

wirres.netlabskaus



Mittwoch, 17. August 2016

Ich, der Biowichsa


Zum Wesen dieser Stadt gehört es, dass Sie ab und zu mit Statements konfrontiert werden, nach denen Sie nicht gefragt haben. Kurz: Sie werden blöd angelabert. Von irgendwem. Irgendwann. Irgendwo. Einfach so.

Eine einfache Wahrheit ist: Ein nicht unbedeutender Teil der Bewohner Berlins hat einen massiven Schaden. Ich weiß nicht woher das kommt. Ist es der Ort? Eine noch nicht entdeckte Strahlung aus der sumpfigen Erde, auf der die Stadt erbaut wurde? Alte radioaktive Abfälle, von der DDR unter dem Pflaster der Straßen verklappt? Oder einfach nur der Ansteckungseffekt. Bekloppte stecken andere Bekloppte mit ihrer Beklopptheit an, was sich potenziert und zu den bekannten Ausbrüchen im öffentlichen Raum führt: Politprediger in der S-Bahn, der besoffene Weltankläger morgens um 4 vor meiner Haustüre, der Penner vor dem Balzac in der Schönhauser Allee, der den blasierten Latte Woccochino-Affen so gerne seinen blanken Arsch zeigt. Plärrer. Sabbler. Brüller. Irgendwer dreht immer frei. Hier ist Berlin. Hauptstadt der Irren. Hamburg. München. Wien. Krakau. Nirgendwo ist mir je eine solche Dichte an durchgeknallten Menschen begegnet. Prag. Helsinki. London. Barcelona. Keine Chance. Berlin steht an der Spitze der Verstrahlten. Einsamst. Nach Berlin kommt lange nichts.

Heute bin ich auf der Revaler Straße unterwegs. Auf der Höhe vom Astra Kulturscheißhaus. Home of verstrahlte Assis. Nest of the worldwide Vollidioten. An meiner Hand eine bedruckte Plastiktüte mit einer Karotte.


"Hey du Biowichsa!"

Ein Verstrahlter.

"Biowichsa, ick rede mit dir."

Ich habe mir angewöhnt, stehen zu bleiben und zu schauen. Das übliche Wegschauen und so tun als wär' da nix bringt niemanden weiter. Es führt nur dazu, dass Sie im Zweifel von hinten eine in den Nacken kriegen, weil den Ignorierten die Raserei überkommt.

Ich mache das normalerweise anders. Zumindest wenn ich nur einen von ihnen vor mir habe. Wenn ich dem Krawall nicht wegen Kopfschmerzen, Syphilis oder einfach nur Unlust aus dem Weg gehen mag, drehe ich mich um und schaue. Ich sage nichts, sondern schaue, bereit zum Konter, aber sonst schaue ich nur. Ausdruckslos. Das ist etwas, das ich wirklich gut kann. Völlige Ausdruckslosigkeit vorschützen. Dabei bin ich hellwach. Sie sollten das lernen. Es ist hilfreich. Denn es irritiert Menschen. 

Der Typ trollt nun als ginge es um sein Leben: "Biowichsa! Mit deina Biotasche! Du Wichsa! Ihr breitet euch aus wie die Zeck'nä! Ihr Wichsa! Scheiß Bio!"

Ich versuche angestrengt nicht zu lachen. Biowichser. Und das mir. Was kann ich für des Rewes Tüten? Da steht halt Bio drauf. Unabhängig vom Inhalt. Und das triggert den wie Hulle. Ich habe sogar Verständnis. Das ist ein Ausdruck der neuen Auseinandersetzungen. Die neuen Gesunden führen einen schleichenden kalten Krieg gegen die alten Kranken. Die neuen Gesunden kämpfen mit Geld gegen Wohnraum, liebgewonnene soziale Strukturen, die Dinge, die mal waren. Den alten Kranken bleibt nur nackte Gewalt. Blanker Hass. Ausbrüche. Schübe. Blind. Ja. Gut. Das geht schon klar. Es gibt wohl kaum jemanden, der vollkommen kampflos abtreten mag. Dann lieber beim Rückzug noch eine Runde an Beine pissen.

Ich spüre was hier läuft. Die Sache beschränkt sich heute auf Worte, herausgegeifert aus einem stinkenden Maul voller Verwesung. Dann geht er. Das ist oft so. Es hat wieder geklappt. Sie werden selten übergriffig, wenn sich ihnen jemand zuwendet. Zumindest gilt das, wenn sie alleine sind. Für Gruppen gelten wieder andere Regeln. Da ist Wegrennen eine interessante Option. Sich unter eine Gruppe mischen. Oder in die nächste Bahn springen. Heute nicht. Heute ging es so.

Die Karotte ist lecker. Die ist nicht mal bio. Doch das ist auch schon wieder egal.


Montag, 15. August 2016

Samstag, 13. August 2016

Retrospektive: Kriegserklärung



Irgendwann gegen Ende der 90er sitzen irgendwo in einer WG in irgendeinem heruntergekommenen Wohngebiet Neuköllns ein paar verstrahlte Jugendliche vom lokalen Hackemob unter dem Einfluss aller momentan erhältlicher Substanzen vor einem alten braunen Röhrenfernseher herum.

Es wird gerade der Jugoslawienkrieg gegeben. Die Bösen waren damals noch nicht die Russen, sondern die Serben. Wir waren noch so jung.

"Die Scheiß Serben."

"Ja, Scheiß Serben."

"Dit jeht jar nich wat die machen."

"Nee, dat jeht jar nich."

"Da muss man wat tun."

"Ja, muss man."

"Wir müssen denen den Krieg erklär'n."

"So jeht dat nich."

"Ich setz'n Schreib'n uff. Dit fax'n wa an die jugoslawische Botschaft. Hol du mal dit Telefonbuch."

(Ja, wir hatten ein Fax. Und ein Telefonbuch.)

Liebe Serbinnen und Serben,

was Sie da machen geht gar nicht. Wir, die WG Donaustraße 77, erklären Ihnen hiermit den Krieg. Außerdem essen wir ab heute keine serbische Bohnensuppe mehr.

Hochachtungsvoll

WG Donaustraße 77

"Hasse abjeschickt?"

"Yup. Un wat machenwa nu wenn die serbisch'n Bomba kommen?"

"Stümmt. Scheiße. Wir brauchen Verbündete. Weeste wat? Wir treten der Nato bei! Such ma die Faxnumma vonner amerikanisch'n Botschaft raus. Ick setz'n Schreib'n uff."

Hochverehrte Amerikanerinnen und Amerikaner,

dem Treiben der Serben kann nicht länger zugeschaut werden. Wir, die WG Donaustraße 77, haben daher soeben den Serben den Krieg erklärt. Leider fehlt uns hier eine Flugabwehr, insofern bitten wir a) um Aufnahme in die Nato und b) um militärischen Beistand.

Mit volkssolidarischen Grüßen

WG Donaustraße 77

"Hasse abjeschickt?"

"Habsch."

(...)

"Moin."

"Moin. Mein Schädel, Alter. Jipt's schon Kaffee?"

"Yup."

"Hier. Fuck. Kiek ma."

(...)

"Fuck."

"Hamwa dit abjeschickt?"

"Check ma Protokoll."

"Fuck."

"Fuck."

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Weil ja niemand mehr mit offenen Enden klarkommt: Da kam nie was nach. Wahrscheinlich landeten die Faxe im allgemeinen Spinnerordner, von dem wahrscheinlich jede Organisation und Einrichtung einen hat.

Freitag, 12. August 2016

Lass mal netzwerken - Links vom 12. August 2016


Es gibt wieder supertoughe Wortspielladennamen. Und es sind natürlich wieder Friseure. Toll. Her damit. Ich fahr' auf so einen Scheiß ab. Trashkulturpflege. Ich kleb' das alles hier rein. Check this (danke Simone):



Ist es nicht grauenhaft? Ich würde mir eher die Haare einzeln mit einer Pinzette ausreißen und danach meine Kopfhaut mit Terpentin, Essigsäure und Froschsperma behandeln als zu einem Friseur zu gehen, der sich seine intellektuelle Kapitulationsurkunde für alle sichtbar an eine Fassade hängt. Schnipp Schnapp Lockenwickler. Hier bin ich und habe einen Laden aufgemacht. AtmospHAIR. Schaut mich an. Für mehr hat es leider nicht gereicht. Meine Selbstachtung finden Sie in der Kloake, kurz hinter dem Fallrohr.

Noch was? Ja. Es scheint in letzter Zeit ein Todesurteil zu sein, wenn ich ein Restaurant besuche, was drüber schreiben will, aber den Scheiß zu lange liegen lasse. In der Zwischenzeit machen die zu. Das macht mir Sorgen. Ich bin entweder zu langsam oder eine Gastronomie geht gerne mal den Bach runter, sobald ich da war.

Jetzt hat es Frau Rauscher in Prenzlauer Berg erwischt. Es war ein hessisches Lokal mit hessischem Zeug.


Ich erinnere mich noch an meinen ersten Besuch bei Frau Rauscher, damals noch in Kreuzberg. Lange her. Es war ein Desaster.

Mittags kurz vor eins hatte ich mal Hunger und setzte mich draußen hin. Und saß. Und saß.

Und saß.

Und.

Saß.

Irgendwann kam ein alter Mann vorbei, rückte einen Stuhl umher, hielt den Kopf schief und schaute mich fragend an.

"Ich möchte gerne bei Ihnen mittagessen." offenbarte ich das Offensichtliche.

"Ei, de Chef is ä bissi spät dro heit. Se gennä abä mol neigehä on frochä obs was gibt. I stell hier nurd Stiel uff."

Ich übersetze: Da ist also einer, der eine komische Sprache spricht, für das Aufstellen der Stühle zuständig, gehört also offenbar zum Lokal, schafft es aber nicht, mir zu sagen, ob es schon was zu Mittag gibt, sondern erklärt sich für nicht zuständig und empfiehlt mir, selber irgendwo drinnen zu klären, ob ein Lokal, das laut Öffnungszeiten eigentlich auf sein sollte, überhaupt auf ist.

Ich bin gegangen. Kopfschüttelnd. Aber lachend, weil das so schön Klischee ist, dass ich mir so was gar nicht ausdenken könnte. Ein ausgewiesen deutsches Lokal, das sich mit Gästen schwer tut.

Ich hakte die Sache ab.

Irgendwann Jahre später befuhr ich in Prenzlauer Berg die Wichertstraße und sah wieder diese markante Fassadendekoration. Vielleicht wollen sie ja dieses Mal Gäste haben, dachte ich mir und habe das schnitzelfreundliche Kind ins Auto gepackt und bin hingefahren. Leider war der Laden zu. Obwohl er eigentlich laut Aushang und laut Internet auf haben sollte. Kann ja mal passieren, dachte ich und versuchte es Wochen später noch einmal. Dieses Mal mit Zeitpuffer. Eine Stunde sollte das Lokal bereits offen haben. Hatte es aber nicht. Kein Aushang. Nix im Internet. Einfach zu.

So etwas weckt meinen Kampfgeist. Ich gebe auch verpeilte Schlümpfe nie auf. Was gut ist, denn der dritte Versuch zu einem Zeitpunkt, an dem andere schon Verwünschungen fluchend auf ewig die Finger von diesem Laden gelassen hätten, funktionierte.

Und dann saß ich da.


Und saß.

Dann kam die Karte.

Und dann saß ich wieder.

Und saß.

Mit mir saßen zwei weitere Gäste.

Und saßen.

Ich versuchte vor Langeweile zu ermitteln, was da und warum es bei lausigen dreieinhalb Gästen so lange dauert und ersann ein Katastrophenszenario, in dem das Lokal brummt und alle Plätze mit hungrigen schnitzelaffinen Bayern belegt sind. Es würde im Chaos enden. Es würde frontal gegen die Wand laufen. Sie würden alle Gäste verärgern, nachhaltig, und die würden nie wiederkommen.

So bleibt mir nur eines zu sagen: Manchmal machen Dinge zu Recht zu. Ein Lokal, dem seine auf allen Kanälen in die Welt geblasenen Öffnungszeiten vollkommen egal sind und bei dem alles dauert, dauert und noch mehr dauert, fast so als würden hinten in der Küche die Sachbearbeiter des Bezirksamts Pankow gerade das Schnitzel als Verwaltungsvorgang in der Salzlake reifen lassen, kann auch mal zu machen. Es fehlt nichts, wenn es nicht mehr da ist.


So. Noch ein Wort, liebe Hessen, zu dieser komischen grünen Soße. Muss die so säuerlich? Und warum ist die kalt? Mindestens eigenwillig ist das und schmecken tut's mir leider gar nicht. Gut, dass sie auch Ketchup in der Flasche auf dem Tisch stehen hatten. Der hat die Dinge nach vorne gebracht. Schnitzel war gut, diese Soße bizarr. Prost, darauf einen Bembel. Heinz Schenk ist ja auch schon kalt. Passt ja.


So, hier, bitte sehr, Woopa Serviceteil, zwei Tipps für Schnitzel in Berlin (ohne grüne Soßen):

Informelles Imbiss-Tourishit-Ambiente: Scheers Schnitzel in Friedrichshain. (Ich schrieb darüber entsetzlich euphorisch)

Gediegener, gehobener: Alt-Wien in Prenzlauer Berg. (Ich schrieb darüber noch entsetzlich euphorischer)

Was? Immer noch nicht fertig? Aber nein. Einen noch. Hey Internet! Früher war mehr Shitstorm. Wo sind die Politoffiziere hin? Da gebe ich ein Arschgeld in einem Sternelokal aus und nur einer heult deswegen. Einer! Im Ernst jetzt? Dafür steh' ich morgens nicht auf.

Die Links. Read this:


Burks' BlogSie werden gerettet oder: Falsche Substanzen und mein Kampf mit Herrn M.
Obdach. Und Nachspiel.

ExportabelVon der Legitimität des falschen Denkens
Keine Germanistin.

Christian Buggischs BlogHomöopathie: Zahlen, Daten, Fakten
Esoterik und Geschwurbel.

Mitzi IrsajPersonalisierter Spam
Trollolo.

Der reisende ReporterWie geht Bolivien mit illegalen Einwanderern um?
Cheggie Wara.

LandLebenBlogDie Alte.
Zustände.

marcusklugeBerlinische Leben – “Hauptsache Berlin” / Von H.P. Daniels / Reblog
Leseprobe.

Frau Tonariunter Müllmenschen
Mahnender Fingerzeig.

gnaddrig ad libitumFlashmob
Alphatonne.

LandLebenBlogGenius Lokus
Scheißhaus.

SchnipselfriedhofIch sehe kackende Menschen
Waaaaaaaaah!

GlummDas Leben ist gekommen, um es hinter sich zu lassen
Gegenfeuer.

too much informationStoff und Schnaps
Hammer. Und ich bekomme nicht übel Laune.


Dienstag, 9. August 2016

Nobelhart & Schmutzig



"Guten Tag, Sie haben für heute Abend eine Reservierung für drei Personen. Ich rufe an, um zu fragen, ob es dabei bleibt."

Wenn Sie das Restaurant persönlich kontaktiert, um sicher zu gehen, dass Sie auch wirklich kommen, sind Sie normalerweise in der gehobenen Gastronomie gelandet, unter Umständen sogar im Sternebereich, in der Regel in Mitte oder Charlottenburg. Ich nicht, ich bin in Kreuzberg. Hölle friere ein, Kreuzberg kann auch Sternchen. Das Lokal heißt Nobelhart & Schmutzig, wird von Gault-Millau plus Guide Michelin gelobt und kommt wie einige der Freßempfehlungen, die ich hier verwurste, vom leider tot gegangenen FAZ-Blog "Berlin ABC", denn die waren auch schon da.

Sie rufen ihre Reservierenden (man überreiche mir sofort einen Genderpokal für frigide Wortkreationen) an, weil sie immer voll sind. Dicht. Ausgebucht. Auf Monate. Sie müssen Monate vorher reservieren. Zwei Monate bei mir. Und sie haben offenbar eine Warteliste mit Leuten, die spontan einspringen können, wenn einer (nehmen Sie mir den Genderpokal jetzt wieder weg, es hätte nämlich irgendmensch heißen müssen) nicht kann.

Sie bekommen heute keine Bilder von leergefressenen Tellern, denn das Lokal wünscht keine Knipsersei und das ist zu respektieren. Prima. Endlich kann ich mal in Ruhe essen.


Sie bringen hier ausschließlich ein minimal beschriebenes (Aal; Broiler; Blumenkohl / Majoran...) Menu auf den Tisch, das feststeht, es sei denn, Sie sind vegan, dann bekommen Sie ein veganes Menu, das sich nach Möglichkeit an der Ausrichtung des feststehenden Menus orientiert. 80 Euro kostet die Sause pro Person. Zehn Gänge. Und Kekse für Zuhause. Wasser frei. Sonstige Getränke zahlen Sie drauf.

Sie pflegen einen etwas betont legeren Umgangston hier, der jedoch nie aufgesetzt wirkt, und heben sich damit wohltuend von dem Gehabe einiger schnöseliger Sternelokale und ihren schneeweißen Uniformen ab, in denen ich gerne mal in der Nachbarschaft von stocksteifen Pinguinen und ihren gebuchten russischen Escorttitten saß. Hier nicht. Hier Eiche rustikal. Derbe Becher. Derbe Teller. Informell. Noch informeller. Der Service gepierct. Tätowiert. In Chucks. Und mit luschdigem Dialeggd. Der Chef trägt Hipsterbart mit Hipsterdutt. Dabei ist hier gar nicht Mitte. Olé Olé. Und Schalala.

Der Fokus des Lokals liegt auf regionalen Zutaten. Die Dinge kommen von umme Ecke. Aus Brandenburg. Mecklenburg. Sachsen auch. Nur das Bier, das haben sie aus Dänemark. Es ist Craftzeug und schon lange abgelaufen, spricht und grinst mich der Chef an. Er lässt das Zeug absichtlich noch nachreifen. Und es ist richtig gut, sein Zeug. 


Witzigerweise stand das Bier gar nicht auf dem Plan, ich hatte Weinbegleitung gebucht, nur war der Chef der Meinung, dass das Bier zur Kartoffelsuppe mit Blutwursteinlage besonders gut passen würde. Was es tat. Der weiß was er da tut. Er ist nämlich Sommelier und zwar ein besonders guter. Rot. Weiß. Dass mir jemand den passenden Wein aussucht, ist gut so. Und so erforderlich. Denn sie haben eine Weinkarte so dick wie eine Bibel. Meine Güte. Überforderung, dein Name ist Monsterweinkarte. Ich bin da raus. 

Was? Kartoffelsuppe mit Blutwurst? Und sowas frisst der im Sterneschuppen? Ja, die haben nur so Zeug. Deutsches Zeug. Omas Zeug. Des Brandenburgers Zeug. Ausschließlich Regionales. Konsequent. Durchgehend. Und das auf Sterneniveau. Sie werden die Blutwurst im Mund schmelzen lassen können und minutenlang darauf rumkauen und in der Backentasche lagern wollen. Genau wie den Hirsch. Den Aal. Den Broiler. Es ist unfassbar gut hier. Das Lokal gab sich den Untertitel 'Speiselokal'. Speise lokal. Sehr schön. Endlich mal ein gutes Wortspiel.


Saibling haben sie auch. Getötet mit einer japanischen Tötungsmethode. Die Ike-Jime heißt. (nein, den Scheiß habe ich mir nicht gemerkt, sondern nachgegoogelt, ich merke mir nichts mehr, ich hab' doch Internet). Der Fisch schüttet keine Stresshormone aus, die ins Fleisch wirken können. Sie haben die Fischer der Müritz genötigt, ihre Fische in dieser Form zu töten. Erzählt ganz stolz die junge, sehr eloquente, freundliche und nie schnöselig sein wollende Frau aus Franken. Und wenn Sie mich foltern: Ich werde nie etwas anderes behaupten als dass Sie den Unterschied zur konventionellen Tötung schmecken. Es ist zum Töten gut.

Die Küche ist eingerahmt von der Theke, an der die Gäste sitzen. Sie können allen Arbeitsschritten beiwohnen. Das kenne ich von anderswo. Was ist das interessant. Welche Akribie dahintersteckt. Welche Leidenschaft. Präzision. Stark. Starkes Team. Ich fühle mich gut aufgehoben. Es ist großartig bis hin zum ersten, zweiten und wenn Sie wollen dritten Nachschlag der Kartoffelsuppe und des nie endenden frisch gebackenen Sauerteigbrots nebst der nie endenden Rohmilchbutter, die alle dafür sorgen, dass Sie hier tatsächlich satt werden. Pappsatt, wenn Sie es drauf anlegen. Auch selten im Sternesegment.

Das war gut, das war groß, das war toll, so will ich das, so brauch' ich das, so mach' ich das wieder.



Nobelhart & Schmutzig
Friedrichstraße 218
Kreuzberg
https://www.nobelhartundschmutzig.com

Keine Einladung, keine Geschenke, kein Gratis-Eis


Sonntag, 7. August 2016

Der Opa in der Schlange / Wacken ist auch nicht mehr...



... das was es mal war.

(Oh nein, ich stehe in einer Schlange und will doch nur in Ruhe einen Kaffee für zwischendurch. Doch hinter mir steht ein alter Furz von Schnacker, der einen gefunden hat, der ihm zuhört.)

Kommerz. Alles Kommerz. Alles nur noch Kommerz.

(Er meint vermutlich das Käsebrötchen für 2,50. Andere sind klug und haben selber Käsebrötchen dabei. Und einen Bunsenbrenner zum Herstellen von Kaffee.)

Das hat hier alles mit Festival nichts mehr zu tun.

(Halt die Fresse.)

Nichts zu tun mit Festival hat das.

(Halt die Fresse.)

Kommerz.

(Halt die Fresseeeeeeeee.)

Nur Kommerz hier. Alles.

(Wie ich diese Wahrheitsverkünder hasse. Die nehmen eine Sache nicht als Angebot, das man still ablehnen kann, sondern nehmen das Angebot an und heulen dann öffentlichkeitswirksam in der Gegend rum. Wahrscheinlich betreibt der Typ auch noch einen Blog, in dem er beschreibt wie er irgendwo hingeht und wie scheiße das da war. Geht's noch bekloppter? Wieso bleibt der nicht einfach zuhause und verschont die Welt von seinem Geseier? Wer liest das? Und vor allem: Wer hört sich das an?)

Scheiß Kommerz.

(Ich höre mir das an. Ungewollt. Und der Typ neben ihm. Freiwillig.)

Alles nur Kommerz.

(Man hätte ihm schon nach dem ersten Satz aufs Maul hauen sollen anstatt ihm auch noch Fragen zu stellen wie der Idiot, der neben ihm in der Schlange steht und dafür sorgt, dass der Typ nicht aufhört zu schnacken.)

Seit 91 bin ich dabei. 91. Da war das hier noch richtig Festival. Aber heute. Kuck dich um. Nur scheiße. Kommeeeeeeerz. 91. Das war noch geil.

(Na klar ist er auch ein Early Adopter, wenn auch so klug, nicht gleich das erste Jahr Wacken als sein Erweckungserlebnis anzuführen. Das erste Wacken mit den 800 Besuchern. 1990 wäre zu unglaubwürdig. Deshalb 1991. Damit geht er immer noch als Veteran durch, dessen Meinung Gewicht hat. Authentizität. Er umgibt sich mit der Glorie der ganz Alten, die alles mitgemacht haben, alles durch haben, viel eingesteckt haben, aber bei denen jetzt das Fass überläuft. Denn so geht es nicht mehr weiter. Er ist wie diese Typen, die hier im Blog immer mal wieder aufploppen: "Mäh. Ich les' dich schon seit 400 Jahren, seit Qype, aber jetzt muss ich mal sagen du bist echt total scheiße geworden. Muh.")

Paletten. Damals war hier alles voller Paletten. Da konnze draufstehen. Mehr nich. Und alle ham im Dreck gepennt. Und jetz kuck dir das hier an. Nur Kommerz. Mit Festival hat das doch nichts mehr zu tun.

(Er bemängelt offenbar den Holzboden im Zelt, in dem man Brötchen und Kaffee kaufen kann. Holzboden hat mit Festival nichts mehr zu tun. Ich stecke mir Ohrstöpsel in den Gehörgang. Es hilft leider nicht, was nicht schlimm ist, denn wir sind sowieso dran. Einen Kaffee bitte, schwarz, sage ich. Ein Nussnougatcroissant und einen Milchkaffee bitte, sagt der Opa, der gleichzeitig mit mir dran ist. Pfff. Nussnougatcroissant. Mit Festival hat das nun wirklich nichts zu tun. Poser.)