Dienstag, 3. Mai 2016

Die Balzbude




Es gibt Zeitfenster, da macht der Borgwürfel jedem Affenhaus den Rang als dschungelartigste Balzbude streitig.

Wenn eine neue attraktive Auszubildende Station macht, zum Beispiel. Dann quillt die Natur hervor. Aus allen. So ein Büro ist am Ende doch nur ein mit Mühe zivilisierter Ort, der gelegentlich dem Wirken naturgewaltiger Kräfte schutzlos ausgeliefert ist.

Frühling. Das Tierreich balzt. Wie die Scheißvögel vor meinem Schlafzimmerfenster so auch mein verdammter Arbeitsplatz. Mein Büro hat nie mehr Besucher als an dem ersten Tag einer attraktiven Auszubildenden, die mir gegenüber sitzt. Ein Reigen komplett verstrahlter Hormonopfer tanzt vor meinen Augen umher. Die Männer geben sich die Klinke in die Hand, um ihren Arbeitsbereich vorzustellen. Das machen sie sonst nie, sondern warten fett und faul wie eine obszöne Bürospinne hinter ihren Schreibtischen bis der Delinquent vorgeführt wird und sich stammelnd vorstellen darf. Gilt nicht mehr. Mir gegenüber sitzen Titten. Jetzt tanzen die Verhältnisse. Jeder Lackaffe, der zu Balzzwecken die Schwelle meiner trostlosen Bürotür übertritt, mutiert zu einer Art krawattentragendem Pavian. Sie schneiden auf, die Schultern wachsen in die Breite, der Brustkorb steht hervor. Ich warte noch darauf, dass sie sich jeden Moment mit den Fäusten auf die Brust trommeln und kreischend die Lamellen der Jalousie hochklettern.

Natürlich stellt jeder seine mickrigen Kompetenzen umfangreicher dar als sie tatsächlich sind. Jeder traurige Buchhaltungsbürokrat wird in seiner eigenen Vorstellung zum Alphaboss, dem das Wohl und Wehe jedes einzelnen Mitarbeiters des Borgwürfels in die Hände gelegt ist. Doch, hey bitte, sie sind gutmütige Herrscher und bieten dem blutjungen unschuldigen Rehkitz, das mit großen Kulleraugen zu ihnen aufschaut, generös ihren Schutz an: "Wenn es Probleme gibt, komm zu mir." "Mach ich." Bling Bling. Kuller Kuller. Nature at work.

Auch die Frauen reagieren auf die neue Situation. Bis hin zu den unauffälligsten Eulen, die sonst den Eindruck machen, von so etwas Absurdem wie Kosmetik noch nie etwas gehört zu haben, schminken sie sich nun greller, leuchten in bunten Farben, die Röcke werden kürzer, die Absätze höher - je älter desto mehr. Selbst der scheintote Lagerdrachen aus dem Keller stackst nun auf absurd hohen Plateauabsätzen herum. Die alten Gummilatschen (sie trägt sonst diese furchtbaren RTL 2-Crocs - in grün) fliegen vorübergehend in die Schublade.

Nach ein paar Wochen normalisiert sich die Situation wieder. Die Eulen werden wieder unsichtbar, weil sie ihren Marktwert, der sich trotz verwegenem Lipgloss und Mascara nicht erhöht hat, endlich realistisch genug eingeschätzt haben, und hören mit der Maskerade auf. Die Kerle andererseits haben genug Urin verspritzt, sich bis dato wahlweise zuhause, im Puff oder auf dem Büroklo mit der Hand erleichtert, und lassen ihre groteske Aufführung langsam auslaufen. Und die Auszubildende hat bereits nach wenigen Tagen ein Netzwerk aus hilfsbereiten (männlichen) Geistern geknüpft, die ihr alle schwierigen Arbeiten abnehmen.

Die Station bei mir beendet sie mit der Zusage aller Männer, im Falle der Übernahme überall, wirklich überall sofort anfangen zu können. Weil sie so gut ist. Haha. Nein.

Die Einzigen, die solche Zusagen nie machen, sind die Frauen. Und ich.

Ein paar Monate später ist die Situation eine völlig andere. Genauer gesagt eine normale. Denn die nächste Auszubildende kann mit alldem, was Männer auf Jalousien klettern und Frauen sich anmalen lässt, nicht dienen. Sie ist nicht hübsch. Quasi das volle Programm optischer Nieten im Genlotto. Hier passiert gar nichts. Keine Eule knallt sich Mascara auf die Augen, kein Pavian balzt mit Stehpuller am Türrahmen und bietet an, die Dinge leichter zu machen. Niemand betritt mein Büro, außer die Putzkraft, der nichtsnutzige Chef oder ein Arschloch, das Arbeit aus seinem Projekt abdrücken will. Nix geht hier. Keine Hilfe. Keine Mittagspauseneinladungen. Kein Netzwerk. Die Arme. Einmal gehe sogar ich, der ich sonst die furchtbare Kantine meide wie Tofu, mit ihr mittagessen. Weil es sonst keiner tut.

Bitte schön. Das ist die Balzbude live und direkt. Natur. Evolution. Ein Irrenhaus. Es gibt Spielregeln, aus denen sie alle nicht ausbrechen können, Rituale, Instinkte und das alles zusammen ist natürlich nicht fair. Einige haben es leicht, viele schwer, aber eines bleibt am Ende: Aussehen verblüht. Können nicht. Und im Regelfall - und wenn Sie mir sonst nichts glauben, dann wenigstens das - haben die Hübschen weniger drauf.


Sonntag, 1. Mai 2016

Versteh ick nich (6)




Zu den Dingen, mit denen Sie sich im Rahmen einer Privatisierung abfinden müssen, gehört, dass die Dinge teurer und die Dienstleistungen schlechter werden.

Teurer wird die Deutsche Post inzwischen im Jahresrhythmus. Und die Warteschlangen in den Filialen sind Legion. Darüber hinaus kommen Dinge weg. Sachen verschwinden. Versuchen Sie doch mal, einen USB-Stick zu verschicken. Ich habe im Borgwürfel manchmal Kundschaft, die die Dateien, die im Rahmen der Zusammenarbeit entstehen, nicht via Cloud übersandt haben möchte - wegen NSA, die alles abschnorchelnden Amerikaner, Chinesen, Russen, Taiwanesen, Finanzamt, der BND, Herr Rossi sucht das Glück. Und wenn diese Kunden für PGP zu blöd sind, bleibt eben nur der Stick.

Da ich mich nicht mit meinem Kontakt um Mitternacht unter der Glienicker Brücke treffen möchte, um im Schutze der Büsche den Stick in einer fremden Manteltasche verschwinden zu lassen, verschicke ich das Ding mit der Post. Damit hat nie ein Kunde ein Problem, egal wie paranoid auch immer er ist. Weil jeder aus irgendeinem Grund immer noch glaubt, dass die Post vertrauenswürdig ist. Beamte. Postbeamte. Der freundliche Briefträger. Die Vertrauensperson. Der die Fracht notfalls mit seinem Leben schützen würde, eine Fracht, so sicher wie in Bundesposts Schoß.

Haha.

Die letzten Dateien habe ich via USB-Stick ganze drei Mal verschicken müssen. Denn sie kamen zwei Mal nicht an. Nix. Weg. Und immer wieder folgt nur die übliche Verlustanzeige, der nie jemand nachgeht in diesem Moloch von privatisierter Dienstleistungswüste eines Briefzustellers. Erstattet bekommen habe ich auch nichts, aber das ist mir egal. Es ist sowieso nur das Portogeld vom Borgwürfel, nicht meines. Soll der Buchhalter das verbuchen wo er will. Juckt mich nicht. Ich werde für dumme Powerpointvorträge vor einem Publikum aus Pinguinen und das Verausgaben von Spesen in mittelmäßigen Frankfurter Pizzerien bezahlt, nicht für kreative Buchführungsideen.

Haben Sie schon einmal ein Ladekabel bestellt? Ich schon. Fünf Mal. Drei Mal davon kam es weg. Eine arme Sau aus Gießen, die aufgrund ihres Wohnorts schon gestraft genug ist, musste mir drei Mal ein Ladekabel schicken und die restlichen beiden Sendungen als Verlust verbuchen. Denn so ein Ladekabel für Vierfuffzig versichert doch keiner, der seinen Verstand noch nicht wie ein durchschnittlicher S-Bahn-Druffi ins Hirnzellennirwana zersoffen hat.

Da so viel konzentriertes Unvermögen selbst bei der Post schwer vorstellbar ist, dürfte eines recht klar sein: Irgendwer greift das ganze Zeug ab. Oder besser: Viele Leute greifen viele Dinge ab. Kleinteile natürlich, die sich ertasten lassen. Nix teures. Massenware. Die keiner versichert, nach der keiner forscht, die nicht getrackt wird. Die jeder als Verlust einpreist. Sowas kommt weg. Das macht jemand auf und eignet es sich an. Das perfekte Verbrechen. Und die Post ist inzwischen so vertrauenswürdig wie mein letzter auf Speed hängen gebliebener Assikumpel von früher, wenn er sich noch mehr von dem Geld leihen will, das er nie zurückzahlt. Nicht mal meine Oma selig würde heute noch einen 10 Mark-Schein von Hamburg nach Berlin zum chronisch notleidenden Enkel schicken. Das kommt doch weg. Alles kommt weg. Die riechen das.

Wie verrückt muss einer noch sein, auf dieser wackeligen Basis ein semiprofessionelles Business hoch zu ziehen? Subverticker bei Amazon. Ebay. Webshop für Kleinscheiß. Startupbutze, die ihren knapp kalkulierten Kram bundesweit per Post vertickert. Wer macht das ernsthaft noch? Wer tut sich das an? Wer ist so verrückt? Wer soll das bezahlen? Das ist nicht nur ein Verlustgeschäft, es ist ökonomischer Unsinn.

Und Sie? Vermissen Sie die alten schlurfigen Beamten? Die Respektspersonen? Die mit Seele bei der Sache waren? Liegt es überhaupt an deren Verschwinden? Oder eher daran, dass heute in dieser Zeit, in der jeder Kleinfurz im Netz bestellt wird, mehr Zeug versandt wird, das sich abzugreifen lohnt, weil wegen des geringen Marktwerts keiner dahinter nachforscht, wenn es weg kommt?

Wie auch immer. Erstaunlich viele Menschen vertrauen immer noch dieser gelben Post. Nicht ich. Nix für mich. Ick versteh's nich.


Samstag, 30. April 2016

Lass mal netzwerken - Links vom 30. April 2016




Zu den klickmäßigen Dauerbrennern der letzten Jahre auf diesem Ding hier gehört tatsächlich die Wegbeschreibung zum Schnullerbaum im FEZ. Im Prinzip ist es DER Dauerbrenner, alles andere hat früher oder später das große weiße (und oftmals gnädige) Rauschen des Internets gefressen, was nur durchbrochen wird, wenn irgendwer das alte Zeug zwischendurch mal verlinkt.

Den Schnullerbaum verlinkt keiner. Trotzdem wird der geklickt und geklickt. Und geklickt. Jeden Tag suchen acht bis zwölf Leute nach dem Schnullerbaum im FEZ und landen dann hier. Seit Jahren. War wohl eine Informationslücke. Und das kann ich verstehen, so ein Schnullerbaum ist essenziell und daher ist es gut zu wissen, wo man ihn findet. Mein Kind weiß immer noch, wo der Schnuller gerade ist (theoretisch noch im Baum, praktisch sicherlich schon lange nicht mehr, aber das spielt keine Rolle).

So. Noch was? Auf jeden Fall: Das Schlimmste an dieser Jahreszeit sind diese balzenden Scheißvögel vor meinem Schlafzimmerfenster. Tschilp-Tschilp-Hört-alle-her-ich-will-ficken-Tschilp-Tschilp-Tschilp-Ficken-Tschilp-Tschilp-Es-ist-schon-5-Uhr-und-ich-habe-immer-noch-nicht-gefickt-Tschiiilp!

Die Fings. Meet this:


konkretZu keiner Zeit keinerlei Gefahr
Tschernobyl in der Laberzeitung. (via Baums Notizen aus der Unterwelt)

Netz 10Die Herrscher vom Hirschtal
Böswillige nennen es Nanny-Staat. Und sie haben sogar Recht.

KybersetzungNeulich beim Arzt
Privat.

Alex bloggt'swenn es die Zeit erlaubt
Astreine Kundenbindung.

NovemberregenEs liegt an der Brille
Woran sonst?

LeiseTöneFriseur
Herr K. hadert.

frauruthGedanken-Liefer-Service-Test-Bericht
Böhmermann, W- Lan, Tinder, Elektroautos, Wetterbericht

Alex bloggt'sand so it goes
And there we go again.

sunflower22aVegane Extremisten
And there they go again.

grafikpolizeiSo!
Yup genau, fick den doch.

Essen. Hier. Jetzt kocht er auch noch:

Schirrmis BlogRezept der Woche: Liebevoller Kartoffelblumenkohlhackauflauf


Donnerstag, 28. April 2016

Von dem Kackreiz und der Nachbarschaft




Während eines Laufs über die Felder Malchows denke ich manchmal über die Dinge nach, die keine gute Entwicklung nehmen. Meine Nachbarschaft zum Beispiel. Die geht den Bach runter.

Meine Nachbarin hat kürzlich sogar damit begonnen, mich abzufangen und mir sinnlose Dinge aus ihrem Leben zu erzählen. Ich habe keine Ahnung, aus welchem trostlosen Provinznest sie seinerzeit zugewandert ist, in dem es üblich war, den Nachbarn mit Einzelheiten aus dem eigenen noch trostloserem Leben lästig zu werden (Bielefeld vermutlich), doch sie seiert als würde schon ab morgen der Gebrauch von Sprache in der Öffentlichkeit unter Strafe gestellt. Es hagelt Informationen über Informationen über noch mehr Informationen. Irgendwas über ihre Brut, ihre Renovierung, die eigenen Kräuter auf dem Balkon, den nichtsnutzigen Mann, den sie rausgeworfen hat, nachdem er arbeitslos wurde, ihre Heilpraktikerin und deren blöder neuer Therapieansatz namens Chubba Chabo, Takka Tukka, Tsingtao-Li (oder so), und der ganze Rest Mikrokosmos voller Dinge, die ich nicht wissen will.

Dazu stellt sie, um Interesse über sich selbst hinaus zu heucheln, Fragen zu dem Stand der Dinge in meinem Leben, deren Antworten mir schon anderswo körperliche Schmerzen bereiten und die ich maximal jemandem aufbinden würde, der mich dafür bezahlt (also niemandem) oder den ich hasse (also jedem). Sie beackert dabei die volle Breitseite an Smalltalkbanalitäten. Meine unmaßgebliche Meinung zum Wetter (kacke, kalt). Kind (gibt es). Kegel (the fuck?). Job (I hate myself and I want to die). Der Stand des Ausbaus meiner Wohnung (keiner). Und Hobbys (ich blogge, du dumme Sau, und zwar über hässliche biologisch optimierte Nachbareulen wie dich, die eindeutig zu viel kommunizieren).

Ich verstehe nicht, wohin das führen soll. Hier ist Berlin. Hier ist Anonymität. Jeder für sich. Jedem sein Ding. Ich möchte, dass sich niemand für mich interessiert. Wenn ich mal sterbe, möchte ich wochenlang fröhlich vor mich hin verwesen, bis der Gestank irgendwann so unerträglich wird, dass die Feuerwehr die Türe einschlägt und mich vom Sofa kratzt, mit dem ich eine Legierung eingegangen bin. Alles andere ist Bayern. Hier ist Berlin. Hier wohnt der Schutzgeist der Anonymität. Meine Nachbarn interessieren mich einen Scheiß. Ihr Leben spielt keine Rolle. Ist kein Maßstab. Und ihre Informationen sind sinnlos. Habe ich nicht bestellt. Wieso macht die nicht einen Muttiblog auf? Hier ist nicht nur Berlin, sondern geradezu Prenzlauer Berg, hier hat jede zweite Mutti einen Blog mit eigener Domain, Sponsoren und kunterbunten Fickificki-Klickbuttons und bläst ihre gesammelten Nichtigkeiten zwischen Wickelkommode, Calendularingelblume und Bratröhre in die Welt, wofür ihr Verlage Kochbücher schenken, die sowieso keiner kauft, zumindest keiner, der in der Lage ist, Foodblogs zu abonnieren.

Doch nein. Leider nein. Meine Nachbarin bloggt offenbar nicht. Lieber fängt sie mich ab und labert mich voll, wann immer sie mich trifft. Woran liegt das? Mann mit Kind? Symbolisiert Verantwortung? Feiner Kerl? Kümmerer? Vorbild? Kein Verpisser? Auf jeden Fall einer, der automatisch gerne zuhört. Weil er kein eigenes Leben mehr hat und deswegen den unmaßgeblichen Inhalt anderer Leben gerne aufsaugt.

Oder es ist einfach nur akute Akustikdiarrhoe und statt meiner könnte hier auch ein Laternenmast oder ein Käptn Blaubär aus Plüsch stehen, egal wer, Hauptsache irgendjemand spielt den Müllschlucker unerträglich nutzloser Informationen, die niemand braucht und nach denen vor allem niemand gefragt hat.

Jemand, der es gut mit mir meint, vermutet, dass sie einfach nur einen neuen unverbrauchten Ernährer sucht. Das Leben in Prenzlauer Berg ist teuer geworden, insofern sei gesunde Paranoia nicht nur angebracht, sondern vernünftig. Vor allem weil der alte Ernährer in versorgungstechnischer Hinsicht gerade ausfiel (Arbeitslosigkeit ist in Prenzlauer Berg ein gesellschaftliches K.O.-Kriterium, wenn Sie nicht gerade mit Schnapspulle am S-Bahnhof Schönhauser Allee abkeimen). Der für diese Fälle aufdringlichen Ranwanzens allseits empfohlene Satz "Ich bin übrigens schwul" ist einer, den ich bis jetzt nicht geschafft habe, einigermaßen thematisch passend ins Gespräch einzubringen, wobei der meiner Erfahrung nach sowieso selten hilft, sondern oft sogar verzückten Sportsgeist weckt, was dann auch wieder niemanden weiter bringt. Not. Elend. Hundescheiße. Ich muss hier weg.

Die Situation hat nur eine logische Konsequenz: Ausweichen. Ich gehe ihr inzwischen aus dem Weg und überlege sogar, ob es sich lohnt, eine Strickleiter auf dem Balkon zu deponieren, mit der ich das tratschtantendurchseuchte Treppenhaus umgehen kann. Ich weiß gar nicht, woher sie die ganze Zeit für diese Unmengen Konversation nimmt, doch sie hat offenbar viel davon. Denn sie ist sehr engagiert. Bringt sich an allen Fronten ein. Seit neuestem schmeißt sie Flyer in die Briefkästen. Will eine Nachbarschaftsinitiative gründen. Mit eigener Domain. Mehr Grün. Mehr Sandkästen. Auf jeden Fall Urban Gardening. Ein verdammtes Hoffest. Bestimmt mit Tombola. Und verfickte Fahrradständer anstelle von zwei Restmülltonnen. Weil sie damit die Nachbarschaft dazu bringen will, weniger Müll zu verursachen und sich mehr zu bewegen. Das steht da ganz offen. Es geht um Erziehung. Hier nimmt niemand mehr ein Blatt vor den Mund, es sei denn, es ist Teil eines Rohkostsalats.

Was für ein Pedell.

Die Nachbarin.

Oh verdammt, da hinten steht sie schon und winkt.

Die verdammte Nachb...

Argh.

Uah.

Was ist das denn?

Kennen Sie das, wenn Sie unterwegs sind und so richtig doll kacken müssen, also diesen üblen fiesen unangenehmen Kackreiz haben, der Sie mit aller Kraft die Arschbacken zusammenpressen lässt und Sie hoffen, dass kein Unglück passiert, weil der Darm die ganze Zeit gluckert und der stechende Spontankrampf durch den Unterleib immer wieder eine neue Welle ankündigt, bei der Sie sich am liebsten auf dem Boden krümmen würden, aber nicht können, weil Sie unterwegs sind, weil Sie einen Ort suchen, an dem Sie den mutmaßlich dünnen Giftmüll, der gerade Ihren Darm kontaminiert, loswerden können, wonach Sie anfangen zu schwitzen, fahrige Bewegungen machen, weil jetzt nichts wichtiger ist als aufs nächste Klo zu rennen, weil Sie einfach nur kacken müssen wie noch nie in Ihrem Leben und in dieser Gegend ums Verrecken nicht mal mehr eine Kneipe offen hat, an deren Eingangstür Sie irgendwas von "Kannichmaklobenutznnnngnagnagnaaaaa" stammeln könnten wonach Sie ohne eine Antwort abzuwarten an der Theke vorbei nach hinten rennen als wäre ein netzfeministischer Veganer hinter Ihnen her?

Kennen Sie das?

Glucker.

Krampf.

Aua.

Ich bin mitten im Lauf und, meine Güte, ich kann nicht mehr. Von dieser Beckenbodenübung werde ich den Muskelkater aus der Hölle in den Arschbacken bekommen. Ich laufe wie Pierre Littbarski, es tut so weh, es tut so weh, ich glaube mein Darm platzt, wenn ich nicht bald...

(Interlude: So etwas passiert übrigens nie zuhause. Etwa in der Nähe Ihres heiligen Throns. Mit dem samtweichen Kamillepapier an der Seite und dem WiFi-Tablet auf der Ablage. Auf keinen Fall. Der Kackreiz des Todes kommt immer nur, wenn Sie unterwegs sind. Zuhause passiert nur selten etwas von Belang, allerhöchstens ein paar kleine Haselköttel fürs Protokoll, für die Sie jedoch aus unerklärlichen Gründen eine ganze Rolle Klopapier verbrauchen. Aber wehe Sie sind unterwegs. Am besten mitten in einem Lauf. Irgendwo in einem reinen Wohngebiet. Oder an einer Bundesstraße. Dann läuft der Stoffwechsel den Lauf seines Lebens. Und Sie nicht, denn Sie sind mit Ihren Arschbacken beschäftigt und versuchen, ein Unglück zu verhindern, für das Sie sich Ihr ganzes Leben schämen würden, wenn es geschähe und es die hässlichen Nachbarsbratzen mit ihren rosa Schweinchensmartphones aufnehmen und auf werbezugeschissene Witzchenseiten hochladen würden.)

Glucker.

Stech.

Krampf. Au. Aaah. Himmel hilf. Ich kann nicht mehr zuhalten. Press. Press. Da hinten wohne ich, gleich zuhause, gleich, nur noch ein paar ...

"Herr Stevenson! Warten Sie mal, Herr Stevenson! Ich habe hier ein paar Flyer für die Ini. Könnten Sie die vielleicht in Ihrer Kita ... was schauen Sie denn so? Was ist denn? Hallo? Wo wollen Sie denn hin? Herr Stevenson! So schlimm ist das doch auch nicht. Meine Güte, da rennt er..."


Samstag, 23. April 2016

Der Hannes




All die nüchternen Rechner, die coolen Gewinner
Die Durchblicker, kommen und geh'n
Und ich werde wohl wieder auf Seiten der Spinner
Der Narren und Traumtänzer steh'n
Hannes Wader



Konzertreigen momentan. Vom Nazionkel zum Kommunistenbarden. Zu den Dingen, die ich immer mal machen wolle, so lange es noch geht, ist ein Hannes Wader-Konzert. Ich habe viel gehört vom Unbeugsamen, von dem mit der Haltung, vom Charakterkopf, vom Streitbaren, dem, der sich nun wirklich nicht kaufen ließ.

Ich mag Charakterköpfe. Ich mag Menschen, die nicht so sind wie alle. Typen mit Haltung. Leider sind von denen mit Haltung in der Öffentlichkeit nur noch wenige da und die sind schon sehr alt. So wie Hannes Wader. Er war ja mal Mitglied der DKP, einer von der DDR subventionierten westdeutschen Betonkopfpartei, die es sogar immer noch gibt, zumindest hängen hier kurz vor dem 1. Mai immer mal wieder ein paar Plakate von ihnen in der Gegend herum und auf jeder Demo für oder gegen irgendwas stehen ergraute Krieger mit roten Nelken am Revers an den neuralgischen Orten Spalier, an denen jeder vorbei muss, und verteilen ihre altertümlichen Papierpamphlete gegen Imperialismus, die nie einer liest, sondern immer nur milde lächelnd mitnimmt wie Opas blöde alte 68er-Geschichten, die keiner mehr hören kann.

Waders Austritt aus diesem Club ist über zwanzig Jahre her, doch sie schmieren ihm das immer noch als immer wiederkehrenden Vorwurf aufs Brot. Dieser Umstand zumindest verbindet ihn mit Onkel Weidner, nur andersherum. Es läuft das übliche Ding, das mit allen läuft: Einen Irrtum begangen = ewige Scheiße am Hacken. Es ist wohl so, dass Sie als Mensch immer Ihr gesamtes Päckchen mitsamt Ihren gesammelten Peinlichkeiten bis zum Ende tragen müssen, auch wenn Sie dessen Inhalt schon lange nicht mehr mögen. Denn nicht nur das Internet vergisst nie.



Wir haben nicht mehr wirklich viele dieser ... nun ja, stumpfes Wort, aber muss ja ... Vorbilder, dieser Unbeugsamen, jener Menschen, denen ich mit Respekt gegenübertreten würde, würden sie meinen Weg kreuzen. Roger Willemsen ist tot. Klaus Bednarz auch. Degenhardt sowieso. Und Friedrich Küppersbusch funkt im gebührensubventionierten Radio fast publikumslos vor sich hin. Sogar Reinhard Mey hat aufgehört (den hätte ich auch gerne noch einmal gesehen), was ihn mit Georg Schramm verbindet, dessen schmerzende Lücke auch kein Uthoff füllen kann.

Viel mehr fallen mir nicht mehr ein, denen ich auch nur den Inhalt ihrer Einkaufsliste glauben würde. In der Politik sowieso nicht. Heute ist nur noch Gabriel. Solche Typen. Einer wie der ganze andere Rest nur ein trauriger satter Haufen charakterloser käuflicher Opportunisten, nicht glaubwürdiger als ein abgerissener Verchecker vor einem kahlgepinkelten Busch in der Hasenheide, der mit Scheuerpulver versetztes Backtriebmittel als Koks verkauft. Das oder - und das ist das andere fürchterliche Angebot, das sie machen - wir haben von Ideologie besessene Furien mit Missionierungsdrang, so charismatisch wie Dörrobst in einem Jutebeutel und so emanzipatorisch wie ein Zentralkommitee voller greiser Mumien. Menschenfreunde sind das alles nicht. Die Menschenfreunde sterben gerade aus.



Wenn Sie hier schon ein paar Jahre mitlesen, dann wissen Sie wahrscheinlich, dass ich mal Gerhard Schröder gewählt habe. 1998. Das war das erste Mal, dass ich gewählt habe und ich habe es genutzt, mit zu helfen, diesen unerträglich ewigen Kohl los zu werden, der fast so lange regiert hat wie ich auf der Welt war. Ich hätte auch einen geschlechtskranken Affen mit Zimbeln in den Händen gewählt, wenn er eine Chance gehabt hätte, diesen verfluchten Kohl zu ersetzen. Doch das war gar nicht nötig, denn Schröder erschien mir fresh, links, frech, ein toller Typ. Und auch noch in der richtigen Partei, dieser SPD, die ich wählen soll, sagte mein Großvater, der letzte ehrliche Malocher meiner intellektuell und moralisch restlos heruntergewirtschafteten Familie. In der SPD waren die Guten und zusammen mit dem alten Straßenkämpfer der genauso integer wirkenden grünen Partei konnte nun wirklich nichts schief gehen. Da wehte frischer Wind, da ging was los, da war was im Busch. Jetzt wusste ich wie das war mit dem Muff und den Talaren. Ich wollte nichts lieber als ausfegen, diesen vermockerten Stall. 1000 Jahre Kohl. Vorbei.

Ich hielt das, was ich da erlebte, tatsächlich für einen Aufbruch.

Was dann kam, ist zu sattsam und erschöpfend bekannt, um es hier noch einmal breit zu treten: Senkung des Steuersatzes für Spitzenverdiener. Deregulierung der Banken. Blüms krisensichere Rente durch nutzloses Riestern ersetzt. Hartz IV. Der erste Kriegseinsatz der Bundeswehr. Dosenpfand. Und Gender. Nicht mal das Kiffen haben sie legalisiert.



Warum die SPD heute immer noch auf 20% in den seriösen Umfragen kommt, wundert mich sehr. Sie müssten sehr viel mehr Leute als die übrigen 80% verraten und verkauft haben. Es müsste daher deutlich weniger als 20% sein. Ich kann mir nur schwer erklären, wer die eigentlich noch wählt. Schranzen. Günstlinge. Profitanten. Sicherlich. Aber damit kommt man doch nicht auf 20%.

Ich habe nach 1998 noch einmal meinen Arsch in mein Wahllokal in dieser fiesen heruntergekommenen Scheißschule geschleppt, in dem ein paar krank aussehende wahlhelferverpflichtete Beamte mürrisch herumsaßen und nicht mal so taten als würde diese Veranstaltung hier irgendeine Rolle für irgendwas spielen. 2001. Da trat Wowereit an. Ein Schwuler. Auch SPD. Er regierte dann mit der PDS. Und ich war wieder enthusiastisch. Da kann doch nix schief gehen.

Okay, außer dem Ausverkauf der städtischen Wohnungsbaugesellschaften. Der Abwicklung des sozialen Wohnungsbaus. Dem Versilbern der Filetgrundstücke an die Heuschrecken. Dem Kahlschlag in der Verwaltung, der dazu geführt hat, dass Berlins Bürgerämter personell und ablauforganisatorisch inzwischen komplett zusammengebrochen sind. Nein, es konnte nix schief gehen. Außer diesem Unmenschen Sarrazin. Der obszönen Aufwertungsförderung, die aus Prenzlauer Berg diesen monokulturellen Stall voller blasierter Schnösel gemacht hat, der mir vor Langeweile die Füße abfaulen lässt. Nicht zu vergessen dieser Flughafen, diese Essenz an Lächerlichkeit und bauruinengewordenes Mahnmal der geballten Inkompetenz dieser Stadt, über die die ganze Republik lacht. Die Schlaglöcher. Die kaputten Schulen. Die vergraulten Lehrer. Diese beschissene Zumutung von S-Bahn, in der ich jeden Morgen zwischen Greifswalder und Frankfurter mit anderen Bekloppten zu Pendlerwurst zusammengepresst werde als wären wir gesalzene Sardellen im Glas. Nur nicht so lecker. Gut jetzt. Machen Sie weiter, ich mag nicht mehr.

Wir sehen also: Wieder nix. Wieder verarscht. Und wieder war es die SPD, die alle feuchten Träume der Neoliberalen durchgesetzt hat, für die der CDU das ganze Land um die Ohren geflogen wäre. Eine andere Partei hätte diese ganzen Sauereien gar nicht bringen können, denn dann hätte die Stadt gebrannt. Stattdessen herrscht überall die berühmte erste Bürgerpflicht wie am bräsig befriedeten 1. Mai. Vegane Falafel jemand? Das Pide ist bio. Und die Sesamsoße glutenfrei.



Und jetzt wundern sie sich bei der SPD tatsächlich über einen Rückhalt von nur noch 20%, dabei dürfte niemand, der sich nicht völlig von der Realität entkoppelt hat, überrascht sein, denn es gibt keine Partei in der Geschichte dieses Landes, die ihre Klientel (hier: die weniger Privilegierten, jene ohne einflussreiche Lobby) derart wirkungsvoll, nachhaltig und auf jeden Fall schmerzhaft in den Arsch gefickt hat als die SPD. Ich habe nie verstanden, warum sie das tut. Was das soll. Jede Partei umsorgt ihre Klientel, nur die SPD fickt sie wund und hofiert lieber die Kernwähler der Konkurrenz. Es ergibt keinen Sinn.

Ich habe seitdem nie wieder gewählt und werde auch vermutlich nicht mehr damit anfangen. Sie können mich alle mal. Zu den Dingen, die ich mir nicht mehr vorstellen kann, gehört, einem von ihnen wieder irgendwann irgendwas zu glauben. Das ist nicht weniger als ein sehr fest sitzendes Wahltrauma, das die SPD da angerichtet hat. Ich würde mir lieber mit meinen eigenen Zähnen das Fleisch meiner Hand bis auf die Knochen abkauen, als dass ich mit dieser Hand noch einmal einen Zettel für sie ankreuzen würde und es ist mir dabei vollkommen egal, ob dadurch ein AfD-Stümper mehr im Parament sitzt oder ein anderer Schlumpf, der sich von meinen Abgaben seine ersessenen Privilegien auszahlen lässt. Ist mir egal. Juckt mich nicht. Zahl' ich eben einen mehr von der Sorte, es macht inzwischen keinen Unterschied mehr, ob auf den Sesseln eine Horde dressierter Schimpansen mit Babyrasseln in der Hand sitzt, die sich gegenseitig Calendulacreme in die Rosette schmieren oder irgendwer sonst. Es interessiert mich schon sehr lange nicht mehr. Sie sind austauschbar wie Cyborgs. Selbst die Piraten, die die Einzigen waren, die mich vor ein paar Jahren fast aus der Agonie geholt haben, haben es nicht nur genauso gemacht, sondern das Genausomachen geradezu genüsslich zelebriert. Intrigen. Machtkämpfe. Verrat. Pöstchen. Unerträgliche Eitelkeit. Nur als Gimmick mit ganz viel geschwätzigem Twitter.



Diesem Land fehlen die Köpfe. Köpfe, die ausnahmsweise nicht an sich selbst und ihre angeschlossenen Satelliten denken. Es fehlt jemand, der glaubwürdig ist. Integer. Kein Bernie Sanders in Sicht. Kein Varoufakis. Pablo Iglesias. Wir müssen hierzulande schon froh sein, dass wir keinen Trump haben. Keinen Strache. Marine Le Pen. Oder gar einen Orban. Jemanden, der die ganze Sache professionell von rechts aufrollt. Das ganze Schlechte aus den Kleingeistern hervorholt. Anfällig wäre dieses Land dafür. Es wählt sogar drittklassige Politdarsteller vom schmuddeligen rechten Rand an die Pfründe, die nicht einmal die Sprache fehlerfrei sprechen, auf die sie so stolz sind.



Da oben auf der Bühne steht einer von der letzte Garde. Der letzte Gruß aus den bewegten 70ern. Als es noch echte Charakterköpfe gab. Die für was einstanden. Eine Idee hatten. Die Dinge besser machen wollten. Viel kommt nicht mehr. Es gibt so Typen wie Böhmermann, sicher, ja doch. Aber der ist wieder zu komplettironisch, um als Orientierung zu dienen. Das ist jemand, den ich gut finde, der gute Kunst macht, nicht verkehrt ist, aber keinesfalls als Vorbild taugt, auch weil Vorbilder nicht abtauchen dürfen, wenn eine Sache heiß wird. Hannes Wader wäre nicht vor Erdogans Anwälten abgetaucht, Hannes Wader hätte sich vermutlich lieber verhaften lassen als das Maul zu halten.

Ich finde, das Land ist samt seiner Protagonisten eine öde Wüstenei geworden, in der sogar eine Merkel lange Schatten werfen kann. Überall weichgespültes Allgemeinplatzgeseier. Wohlfeiles Mehrheitsgeschwurbel. Ausgefeilt. Wohltemperiert. Eine üble Versammlung von farblosen Halbmasken, so spannend wie ein Papablog aus Mitte. Das ist das, was da ist. Und viel kommt nicht mehr nach. Keiner in Sicht. Kein Kopf. Kein Charakter. Nicht mal die Opposition bringt nach Gysi irgendjemanden mit Charisma hervor. Nichts. Nichts. Da ist einfach nichts.



sunflower

Freitag, 22. April 2016

Lass mal netzwerken - Links vom 22. April 2016




Berlin-Friedrichshain. Frühling 2015:

"Boar was für geile Poloshirts. Ich brauch Poloshirts. Viele Poloshirts. Die hier sind geil. Geile Optik. Schöne Farben. Leicht tailliert geschnitten. 19,99 das Stück. Klasse, ich kauf' gleich 15 davon, dann komm' ich ein paar Jahre hin. Davon 5 mal das gleiche Schwarze mit den roten Streifen am Ärmel, rot-schwarz ist sowieso immer super."

Berlin-Friedrichshain. Frühling 2016:

"Boar was für scheiß Poloshirts. Ich brauch wieder neue Poloshirts, weil die alten trotz Schonwaschgang aussehen wie Kartoffelsack. Alle. Fehlt nur noch die vollgepisste Jogginghose und ich kann mich mit Pilsette in die Müllerstraße stellen. Was'n Scheiß. Oben am Hals eng und nach unten immer weiter. Wie ein Kegel. Und das schwarz ist jetzt dunkelblau. Und das rot orange. Und das gleich 5 mal. Kacke."

Sauberes Ding, Jack & Jones. Blender.

War sonst noch was? Ja. In den letzten Tagen denke ich oft an einen Typen, der in meine Schulklasse ging. Er führte unglücklicherweise den Nachnamen Zickerick. Niemand nannte ihn je anders als Ziegenfick. "Sorry, ich hab' keine Kippen mehr. Frag mal den Ziegenfick."

Ich werde noch mit 80 dazu verdammt sein, beim Gedanken an den armen verhunzten Ziegenfick zu grinsen und zu grinsen und zu grinsen. In den letzten Wochen habe ich oft an ihn gedacht.

Die Pinks. Heat this:


  • Ideologien


KiezschreiberSpinoza

sunflower22aRettet die Freiheit – vor den „linken“ Moralwächtern (danke btw für die Anführungszeichen)

Stützen der GesellschaftOhne Ziegen: Verbotsminister Heiko Maas und seine willigen Helferinnen

Alles EvolutionWarum mögen Leute den Feminismus nicht?

stille revolutionIst Scheiße vegan?

Burks' BlogUnter Dandys und anderen reaktionären Kleinbürgern

Christian Buggischs BlogHomöopathie verstehen (5): Was wirkt und was nicht wirkt


  • Böhmermann


die SchrottpresseIst witzig. Ist nicht witzig

VirchBlue Comedy

grafikpolizeiNur für den Fall...


  • Spocht


KirschenzeitMerkwürdiges am Mittwoch / Bissiger Jogger


  • die fabelhafte Frau Hermann


erzaehlmirnixGraaaaaaaaaah

Fettlogik überwindenVorher-nachher


  • Urlaub


Amélies BlogKurz mal weg... Barcelona im Frühling


  • Essen


Männer unter sichMänneressen: Bouletten


Dienstag, 19. April 2016

Der böse Onkel vom Huxleys




Endlich allein
Nicht mal mein Schwanz will bei dir sein
Stephan Weidner


Oh nein. Schon wieder ein böser Onkel. Und ein Wort darüber zu verlieren, dürfte wieder böse Wutpost und auf jeden Fall diese vergrämten Abokündigungen irgendwelcher Menschen ("Jetzt reicht's endgültig, ich les' dich nicht mehr weil...") nach sich ziehen. Wiederholt sich alles. War alles schon mal da. Die Nazikeule sitzt locker in diesen Tagen, ebenso wie die Lügenpressebrüllerei. Im Internet sowieso. Da reicht es schon, Magdeburg fad und öde zu finden oder einen dieser hängengebliebenen Hipsterställe aus dem faden Norden meines öden Bezirks nicht zu kennen.

Es ist Sonntag. Stephan Weidner spielt im Huxleys. Weidner ist der Bassist jener Band, die für diese ganzen peinlichen Böhse Onkelz-Partys aller Dustins, Justins und Enricoronnys aus dem Osten Pate stehen muss, dieser Bassist, der machen kann was er will ohne eine Chance zu haben, seinen alten hässlichen Makel jemals los zu werden.



Zu Besuch an diesem Abend ist der Querschnitt der Jugend aus dem Osten der Republik. Ein Blick auf die Pärchen reicht aus und die Dinge sind klar. Ich sehe viele junge selig blickende Frauen, die ihren Kopf an die Schulter des Hünens an ihrer Seite lehnen, der seine Pranke wiederum einnehmend auf dem Arsch der Seligen platziert hat. Hier hat Gender keine Chance, hier herrscht Biologie. Der Mann steht wie ein Baum, die Frau lehnt sich an. Bestimmt nennt er sie 'Schnecke'. Und sie ihn 'Spatzi'. Oder irgendsowas. Ich habe von derlei nicht viel Ahnung, dafür weiß ich, was für Autos sie fahren. Irgendwas kleines Aufgemotztes in Neonfarben. Einen Corsa. Honda Civic. Seat Ibiza. Golf 3. Tiefergelegt. Bassrolle. Heckspoiler. Sportgurte. Breitreifen. Und sie haben einen Rammstein-Aufkleber auf der Heckscheibe. Oder Frei.Wild für die Verwegeneren. Mit Hirschgeweih. Und einen stinkenden Wunderbaum am Rückspiegel. Vanille. Aus irgendeinem Grund ist es immer Vanille.

Bei denen, die im Moment erwachsen werden, ist der Mainstream ein anderer geworden als wir ihn noch vor 10, 15 Jahren hatten. Die Positionen sind nicht nur konservativ, sondern rücken zum Teil deutlich und vollkommen unverbrämt nach rechts. Spürbar. Sichtbar. Und vor allem hörbar: Ich bin gar kein Nazi, aber ich will hier keine Ausländer. Werd' ich doch wohl noch sagen dürfen. Meinungsfreiheit, hallo?

Mein Borgwürfel, dieser bürogewordene Seelenfresser, ist wie immer der Indikator für die Lage und gibt mir einen Einblick in die Welt außerhalb meines Weltbilds. Gerade läuft durch den Ticker, dass wieder mehrere hundert Flüchtlinge im Mittelmeer ersoffen sind, und ein paar Wohlstandskinder in der Borgwürfelteeküche freuen sich, dass wenigstens die jetzt kein Asyl mehr beantragen können. Eine junge Frau haut raus, dass sie gerne beim Abschieben helfen würde, würde die Polizei denn Freiwillige suchen. "Ich würd' ja gern mit anpacken." O-Ton. Es ist ein Zitat. Unverfälscht. Genau so gefallen. Eine andere junge Frau, seit kurzem hier in der Ausbildung, prostet beim Prosecco-Geburtstagsumtrunk tatsächlich mit "Ex oder Flüchtling", erntet hierfür aber zugegebenermaßen schiefe Blicke, weil das durchscheinende Weltbild nun doch etwas arg plump daherkommt als dass es sozial derzeit allzu akzeptabel wäre.

Und dann diese hanebüchenen Geschichten. Jeder hat eine. Ein junger Mann kommt tatsächlich mit der Theorie daher, dass seine kürzlich geklauten Nummernschilder ihre Ursache nicht in der organisierten Kriminalität in Form der Verschiebung geklauter und mit fremden Nummernschildern versehener Wagen über Polen nach Weißrussland finden, sondern in der Turnhalle, die sie gerade mit Bürgerkriegsflüchtlingen vollgemacht haben. Was Flüchtlinge aus einem Kriegsgebiet mit einem Nummernschild sollen, kann er mir auf Nachfrage nicht erklären, doch das ist auch schon wieder egal, denn da kommt schon die nächste Legende: Die Supermärkte in der Nähe der Containerdörfer haben jetzt Securitys, weil die Ausländer die Waren mit vollen Händen in die Unterkünfte tragen ohne zu bezahlen. Und sowieso bekommen die alles in den Arsch geschoben. Die neuesten Tablets, Prepaidkarten, Lederjacken, überhaupt Lederjacken. Wie kann es sein, dass der Flüchtling eine Lederjacke hat. Und niegelnagelneue Turnschuhe. Sogar Chucks. Du wirst dich wundern. Fabrikneue Kinderfahrräder stehen da rum. Vor der Turnhalle. Puky. Vom Feinsten sage ich euch. Vom Feinsten. Und dann lachen sie hämisch über die Teddybärchenwerfer und meinen die vielen freiwilligen Helfer, ohne die der ganze Betrieb in dieser Stadt zusammenbrechen würde.

Ganz vorne mit dabei ist zu meiner Verwunderung der superintegrierte Deutschtürke in zweiter Generation. Nennen wir ihn Murat. Murat trägt einen legeren Zweireiher und ist deutscher als sich die meisten Deutschen zu sein trauen. Tirade ist gar kein Ausdruck. Die kommen nur hierher, um Stütze abzugreifen. Drei, vier Kinder und ausgesorgt. Zweieinhalbtausend Flocken locker. Plus Wohnung. Und Klamottengeld. Kein Wunder kommen die alle. Keiner von denen wird je arbeiten. Murat mit seinen gut Viertausend netto im Monat fühlt sich abgehängt.



Doch keine Sorge. Die andere Seite beunruhigt mich nicht weniger. Ein nicht mehr ausblendbarer Fundamentalismus fasst Fuß, es bringt niemandem etwas, das, was jeder sieht, unter die Teppiche der etablierten Sprachregelungen zu fegen. Die Anzahl der Burkas hat zugenommen. Früher sah ich hier gar keine, jetzt kommen sie im Stadtbild an, vereinzelt sicherlich, aber doch zunehmend. Die erste Live-Burka meines Lebens außerhalb von Ägypten sah ich letzten Sommer in der Ringbahn zwischen Schönhauser und Prenzlauer. Inzwischen sind einige dazu gekommen. Ganzkörperverschleierung. Mit Sehschlitz. Streng verhüllte Frauen. Und streng blickende Bärtige, denen sie in einem Meter Abstand folgen. Da hat sich was verändert, womit ich nur schwer umgehen kann und so stehe ich inzwischen perplex vor Dönerbuden mit Koransuren über den Türen, bei denen Sie kein Bier mehr bekommen. Und auf der Hinfahrt zum Huxleys brüllten zwei junge Leute auf der Höhe vom Kotti plötzlich enthusiastisch immer wieder Allahu Akbar in die U-Bahn, eine Situation, in der ich nicht sagen könnte, ob mich meine eigene Anspannung oder der entsetzte Gesichtsausdruck der anderen Fahrgäste mehr verstört hat. Der Islam ist Pop. Der Islam ist Protest. Der Islam ist Provokation. Der Islam ist jung. Und vor allem spendet der Islam Identität in einer Umwelt, die denen, die nicht dazugehören, immer schon ihre Identität verweigerte.

Ich mag weder Religionen noch Nationalismus. Religionen waren immer schon der Spaltpilz jeder Gesellschaft. Und der Nationalismus ist es nicht weniger. Das gilt sowieso für jeden Ismus, unter welchen Farben er auch immer antritt, um das öffentliche Leben nach seinen Grundsätzen zu gestalten und der genau an dem Punkt, an dem er damit beginnt, auf meinen unbedingten Widerwillen trifft. Und dabei gehen mir in die U-Bahn gebrüllte Glaubensbekenntnisse nicht einen Jota weniger auf den Sack als die gesellschaftlichen Ambitionen von Katholiken, Zeugen Jehovas, Sri Chinmoys Jüngern oder den Veganern. Ich vermute mal, das wird nicht nur bei mir so sein. Deswegen funktionieren geschlossene Weltbilder ja auch nie ohne Druck und Gewalt.

So ist meine Stadt im Jahr 2016. Das Stadtbild zeigt mir, dass die Zahl der Fundamentalisten gestiegen ist und mein Arbeitsplatz zeigt mir, dass dies für die national gesinnten jungen Erwachsenen genauso gilt. Was derzeit passiert, ist ganz offenbar ein Aufschaukeln der Ränder und weil wir die Hauptstadt sind, spüren wir es hier zuerst. Die Religiösen schaukeln die Nationalen auf, die wiederum die Religiösen aufschaukeln, die wieder die Nationalen aufschaukeln. Und so fort. Die Folge ist ein Riss durchs Gefüge. Und zu viele progressive Menschen stehen in der Gegend herum und sind erschreckend ratlos.

Vernunft und Großzügigkeit haben momentan keine Konjunktur. Die Zeiten sind schrill und lassen wenig Gutes erwarten. Ich irre mich öfter mal. Wäre gut, wenn jetzt auch.



Wie Weidner gespielt hat? Er macht halt das was er kann. Böhse Onkelz-Duktus. Böhse Onkelz-Takt. Böhse Onkelz-Riffs. Das ist solide. Das ist technisch gut. Das ist eingängig. Nur nicht neu.


Samstag, 16. April 2016

Magdeburger Momente




Es dürfte wenig Deprimierenderes geben als Magdeburg im Regen. Leipzig im Regen vielleicht. Dresden. Berlin. Ueckermünde. Oder Eisenhüttenstadt. Sicherlich. Aber Magdeburg ist nah dran.



Schön, hier nicht zu wohnen.



Bei Check-in im Hotel wollen sie wieder einmal meine Nationalität wissen. Was ist das mit dieser Nationalitätensache immer? Ich bin kurz versucht, polnisch einzutragen, oder syrisch, um zu testen, ob ich dann noch tragbar bin. Aber dann wird es doch deutsch und mein Gegenüber nickt. Glück gehabt.

Der Hotelier fragt mich freundlich nach Frühstück. Als ich verneine, verdüstert sich seine Miene und er wird einsilbig. Morgen früh wird er mich noch einmal fragen. Und als ich noch einmal verneine, wird er mich ohne Verabschiedung wortlos stehen lassen. Magdeburg. Sie kompensieren die billigen Zimmer mit dem Essen. Es geht somit bares Geld den Bach runter, wenn Sie nicht frühstücken wollen. Und das weckt dann Zorn.



Dafür liegen Anspruch und Wirklichkeit meines Hotels Äonen auseinander.



Hygiene und Sauberkeit auf höchstem Niveau, schreiben sie. Respekt. Das ist eine Ansage.

Und das da ist meine Dusche:



Wäre ich einer dieser Pedanten bei Holidaycheck oder irgendeinem anderen Kleingeisterportal, dann würde ich jetzt aber. Würde ich. Aber jetzt. Hallo. Dampf. Ab. Lassen. Aber mal richtig. Zack 1 Stern aus dem Holster. Peng. Da hastes. Das Bewertungsportal als Ventil des Kleinbürgers. Aber sicher. Ich habe selbst jahrelang alle möglichen Dinge beschrieben und bewertet. Ich war der größte Kleinbürger aller Zeiten. Und andere Kleinbürger haben bunte Buttons für mich gedrückt.



Magdeburg ist Ödnis. Hier. Das nennen sie Innenstadt. Tot. Töter. Magdeburg an einem Freitag.



Die Wüste stirbt im Tanz des ewigen Nichts. Selbst an den vermeintlich touristischen Hotspots. Ein Wegweiser weist zu Orten, an denen mehr los sein dürfte. Le Havre. Sarajewo. Selbst Braunschweig. Obwohl, nein, nicht Braunschweig. Braunschweig gibt es gar nicht. Braunschweig ist ein Irrtum.



Wenigstens hat Stalin ein paar Zuckerstangenbauten backen lassen. Zuckerwattenbäckerhäuschen. Zuckerstreuselwattenbackwerk. Ach egal.



Fad. Fader. Magdeburg. Nichts zu sehen. Nur ein Fahrrad. Rechts sehen Sie zudem den Teil eines dieser zum in die Elbe springen kitschigen Hundertwasserhäuser, die sie hier als Attraktion verkaufen.



Feuerwasserzucker. Hundertzuckerbäckerbaiserrolle. Hundewasserauslaufgebiet. Fotografier ich nicht. Jeder Idiot fotografiert das Hundertwasserhaus. So wie den belanglosen Dom, den fotografiert auch jeder, weil es sonst nichts gibt, bei dem nicht gleich die Kameralinse in suizidaler Absicht in den nächsten Gulli springt. Ich nicht. Ich fotografiere den Scheiß nicht. Kein Bock. Nicht mal ein bisschen? Nein? Doch. Bitte sehr. Mehr kann ich nicht bringen ohne mich zwanghaft ritzen zu wollen:



Im Ernst. Das ist es. Das ist Magdeburg. Sie nennen diesen Landstrich Landeshauptstadt.



Es könnte auch Pjöngjang sein, ich würde den Unterschied in der schieren Optik nicht bemerken. Außer vielleicht, dass die örtlichen Bullen andere Uniformen haben. Und dass Sie Witze über die Merkel machen können ohne dass die Merkel Sie von Bullen mit lustigen Uniformen erschießen lässt. Oder vor Gericht zerrt. Wobei, Pjöngjang wirkt auf Fotos immer noch bunter als dieses Magdeburg, bei dessen Fassadengestaltung sie sich in etwa am heutigen Regenwetter orientiert haben. Gemein ist beiden Orten auf jeden Fall diese konsequente Vorliebe für rechte Winkel. Klare Linien. Glatte Flächen. Kuben. Quader. Kein Schnickschnack abseits von Friedrich Hundertwassers architektonischem Ejakulat.



Vermutlich ist in Pjöngjang auch mehr los als hier. Das dürfte jedoch für fast alle Orte der Welt gelten. Ich kann beim besten Willen nichts anderes zeigen als immer diese gespenstische Leere und diesen weiten ausladenden Raum.



MD. Das große Nichts.



Diese Steppe hier nennen sie Universitätsplatz. Sie zelebrieren damit eine stadtplanerische Kunstform, angelehnt an eine Groteske. Denn nichts erscheint im Moment ferner als studentisches Leben. Und nochmal: Heute ist Freitag. Where is the party?



Magdeburg. Es muss schlimm sein, hier die Jugend zu verbringen. Oder zu studieren, wenn Sie wegen Ihres beschissenen Abiturs keine andere Uni zwischen Grosny und Archangelsk genommen hat.

Aber einen Spitzenhumor haben sie hier.



Geilo. Der alte Duschlampenwitz hat überlebt. Haha. Ich kugelfisch mich rund.

Magdeburg ist nicht nur in jeder Hinsicht, sondern vor allem verkehrsmäßig unerträglich, denn die Horden freundlicher Radfahrer machen mich fertig. Sie halten bei Rot an (!), so dass ich an meiner grünen Fußgängerampel orientierungslos auf der Straße herumstehe und warte, dass sie an mir vorbei rasen. Was sie nicht tun. Nicht tun! Die Assis. Unberechenbar, dieses Volk. Kann mich nicht wenigstens einer mal touchieren? Ein bisschen wenigstens? Oder eine Frontalkollision antäuschen und dann vollbremsen? Bitte. Ich bin aus Berlin. Ich komme mit dieser verschissenen Rücksicht nicht klar.



Ich beschließe, um wenigstens mal ein paar lebendige Menschen abseits dieser absurd überdimensionierten Plakatwerbungen für Strumpfhosen im Stadtbild zu sehen, zu McDonalds zu gehen. McDonalds ist überall im Osten der Treffpunkt meiner Zielgruppe. Dumme Teenager. Dumme Blondinen. Dumme Drei-verschiedene-Farben-in-den-Haaren-Träger mit ganz viel Kaugummiautomatenblech um die Fresse. Und Nazikinder mit Schwarz-rot-gold-Hosenträgern. Der Querschnitt. Das was da nachkommt. Diese bildungsresistente Gemengenlage zwischen Dagi Bee, Chicken McNuggets und AfD. Und da sitzen sie auch schon, die ersten verstrahlten Kinder. Sie haben quer übers Gesicht "Abi 16" geschrieben und feiern offenbar ihren nutzlosen Abschluss, denn ich bin mir ziemlich sicher, dass dieses Abitur außerhalb von Sachsen-Anhalt überhaupt nicht anerkannt wird. Auf jeden Fall Bayern lässt Sie mit diesem Stück Papier von hier bestimmt auf keine Universität. Zumindest wäre es vernünftig, wenn es so wäre. Vernünftig für Bayern.

An der Theke des McDonalds blökt die Blökende und reißt mich aus meinen Gedanken: "WO ISSN MEIN NEUNA?? MEIN NEUNA? WO BLEIBT DER SCHEISS NEUNA MANN? WAS ISSN DA SO SCHWEA???!!" Sie meint die Chicken McNuggets, die so lange brauchen, dass der Big Mac kalt wird und sie ihn mir austauschen müssen. Winkt doch mal, Abiturienten. Hier ist eure Zukunft. Beim Neuna. Oder draußen beim Baumarkt. Matratzen Concord. Oder einfach nur die Araltankstelle kurz vor der Auffahrt zur A2.



Und weil es immer so irre beliebt ist, hier etwas Antifa-Content. Sie haben hier in Magdeburg die richtigen Farben für die Fahnen genommen. Schwarz auf schwarz. Sehr gut. Ich freue mich immer. Es ist so selten.



Kurze Durchsage: Die Tram 9 fährt nach Reform.



Das ist auch dringend notwendig wie mir scheint. Deucht. Dünkt. Zeit für Brunnencontent.



Sie haben in Magdeburg geschätzte 15.000 Brunnen in der Innenstadt. Und alle sind in Betrieb. Schöne Grüße an die zerkackten und runtergefickten Schulen von Bochum, Recklinghausen und Herne. Gelsenkirchen. Duisburg. Witten. Danke für den Soli. So ein paar Jahrzehnte möchten wir den schon noch haben. Oder am besten für immer. Geht das? Danke.



Raaaaaaah! Da isser! Sri Chinmoy. Der Horrorpate aus Prenzlauer Berg. Das Grauen aus der Gruft. Er grinst jetzt Magdeburg in die Besinnungslosigkeit. Und womöglich bald schon Halberstadt. Wer hält ihn auf?



Und natürlich veranstalten sie auch hier eine unvermeidliche Böhse Onkelz-Party. Heuer mit Grober Knüppel. Leider muss ich weg. Fotos von unverständlichen Schablonentags machen.



Nachholbedarf hat Magdeburg beim Marketing. Es kommt ganz tapsig und auf so vielen Ebenen unfreiwillig komisch daher:




Ja doch. Ihr habt gewonnen. Hier. Icke. Her mit dem Mückenschutz. Ich will keine Elefanten in meiner Wohnung. Verdammt nochmal, immer kriegen sie mich so. Sie drohen mit Elefanten. Ja, danke schön. Mein wunder Punkt. Diese Elefantenphobie. Diese Furcht, plötzlich einen Elefanten in der Wohnung zu haben. Hey Kunde, auf ein Wort, kauf' mein Produkt oder ein Elefant erscheint in deinem Flur. Super. Vielen Dank. Jetzt habe ich Mückenschutz, der stinkt wie Affenpisse.

Nein, habe ich nicht. Ich weiß nicht mal wie Affenpisse riecht.

Pause. Ruhe. Kuchen wäre gut. Torte. Mit Kaffee. Wo denn nur? Ah, bitte sehr, kein Text ohne nuttige Schleichwerbung: Ausgezeichneten Kaffee und hervorragende Torten bekommen Sie im Kaffeehaus Köhler in der Leiterstraße.



Doch ich bekomme keine Ruhe. Es ist wie immer: Ich setze mich einfach irgendwo hin und schon bekomme ich Unsinn ins Ohr geblasen. Neben mir schnöselt eine Oma vor sich hin und belästigt den Service. Ich bin ja vom Fach, leitet sie ihre Gardinenpredigt ein. Die Torten in der Vitrine sind unvorteilhaft angerichtet. Und Servieren bitte immer von rechts. Und in dem Zupfkuchen waren zu wenige Schokoladeninseln. Sie ist ja vom Fach. Man möge es ihr nachsehen. Sie kann nichts anderes. Und der Service schaut, als könne der für diese Untote zuständige Seniorenstift nicht weit genug draußen Richtung Elbe stehen. Am besten auf einer Elbinsel. Ohne Fährverbindung. Oder gleich unter Wasser. Mit Betonpollern beschwert.

Aber sie hat nicht zwingend Unrecht, die gruftige Oma, denn besonders geschäftstüchtig sind sie hier nicht. Ich sitze eine halbe Stunde vor einem leergefressenen Teller und einer ausgesoffenen Tasse Kaffee und lausche der dümmlichen Oma hirnlos alleine vor sich hinplappern, ohne dass mich jemand fragt, ob ich noch was will. Oder auch nur den Mist wegräumt. Ich wollte noch mehr Kaffee. Und vielleicht ein Pralinchen. Aber so wurde das nix.

Es gibt im Übrigen was richtig Geiles an Magdeburg, so was richtig Geiles: Sie haben keine Gentrifizierung. Watch this:





Valla Alder, schwer zu verdauen: Hier werden Sie als Mieter umworben. Mit Incentives. Netflix. Highspeed-fucking-Internet. Und sogar der Zoo! Alles drin. Eat this, Eigenheimreservat Prenzlauer Berg. Und überhaupt habe ich bisher nicht einen Bioladen gesehen.



Einatmen. Ausatmen. Ich versuche in jeder Stadt, in der ich bin, den Atem des Orts zu erfassen. Den Ort zu spüren. In die Lunge zu holen. Zu riechen. Ich habe schon mal ehrliche Arbeit gerochen. Fleiß. Aufrichtigkeit. Lebenskunst. Calvinistische Strenge. Laissez-faire. Oder Sex. In Barcelona. Barcelona ist wie Sex.



Magdeburg riecht nach Bier. Viele haben eines in der Hand. Sehr viele. Prozentual noch mehr als in Berlin. Gerne auch die guten alten Literdosen Faxe. Es ist Freitag Nachmittag. Wann ein Bier trinken wenn nicht jetzt. Bier an Bier. Trifft noch mehr Bier. Studenten. Der Suffadel von der Kackdönerbutze. Aber auch dicke Frauen in quietschbunten Leggins mit schaufelradgroßen Fingernägeln an den Pranken, die einen Kinderwagen schieben, tragen ein Bier mit sich herum. Gulp Gulp, ich brauch' auch eines, also gehe ich zu Edeka.



Sie haben hier kein Tannenzäpfle. Astra auch nicht. Dafür jede Menge Craft Beer Hype Fakescheiß der großen Brauereikonzerne. Okay. Hilft ja nix.



Phänomen: Kaum halte ich das Wegbier in der Hand, scheine ich akzeptiert. Aufgenommen. Ein Fahrradfahrer nickt mir zu. Danach ein Kinderfaschogesicht. Wohlwollend. Kumpelhaft. Was ist da los? Verbrüdern die sich etwa übers Bier?



Nach dem Bier und vier Dosen Jacky Cola on top bin ich so blau, ich könnte glatt eine Revisionstreppe betreten.



So. Das war es nun wirklich. Mehr ist da beim besten Willen nicht. Das ist Magdeburg. Im Ergebnis eine fast schmerzhaft öde Stadt. Dass hier so viele AfD wählen wirkt mir fast wie ein Akt der Notwehr. Sie wollen offenbar wenigstens etwas Stunk machen, wenn schon ganze Hunderudel hier begraben liegen.



Ich bin eigentlich nur der Musik wegen hier.



Stürme. ben rackeN. Lamplighters. Punk. Schnell, hart, kompromisslos. Und richtig gut. Vor allem ben rackeN gehen live ab, dass die Schneidezähne schon vor dem Pogo freiwillig abbrechen. Sowieso bringen sie hier in diesem Jugendzentrum den Pogo in selten erlebter Härte. Hut ab. Wenn Sie nicht austeilen, werden Sie einstecken. Und wie. Irgendwas ist mit meinem Knie. Es knackst jetzt beim Treppensteigen.



Dieses Jugendzentrum, in dem sie aufspielen, die Alte Bude, ist topsaniert. Alles neu. Hier hat jemand viel Geld in die Hand genommen. Die Terrasse akkurat, neue Lampen, Türen, glasverkleidete Fassade, makellose Theke, nagelneues Spülbecken, das hier ist alles, nur kein Punkrock. Ich finde, dass Konzerte in besetzten Häusern grundsätzlich einen feineren Flair haben als in diesen legalisierten, staatssattsubventionierten Jugendzentren, aber das ist nur die Meinung von jemandem, der in der 90ern 16 gewesen ist und gerade mal ein Haus besetzt hat. Na wenigstens haben sie hier Astra als Hausmarke. Kein fritz kola. Kein handgeschöpftes Craft Beer irgendeines Loft-Hipsters. Und erst recht keine Proviant-Limo.



Dafür treffe ich auf Tim. Tim ist megaeinsam. Und Tim labert mich voll. Natürlich. Sie haben ein Problem? Sprechen Sie mich an. Ich bin Ihr Mann. Ich bin nur auf der Welt, um angesprochen zu werden. Dafür, dass Sie mir Dinge erzählen. Üsch bün Johrgang 75. Oje, ein Vierzigjähriger. Die Diagnose leuchtet aus seinem Gesicht, noch bevor er sie ausspricht. Lebenskrise. Jobloch. Nix Bleibendes geschaffen und trotzdem schon 40. Er bejammert diesen Umstand, während ich überlege, dass ich die Knisterkugeln von meinem Kind hätte mitnehmen sollen. Für sein Bad in Selbstmitleid. Die knistern, platzen und machen das Wasser violett. Das heitert jeden auf.



Dann dreht er endgültig ab. Ich bin keen Nazi abo ... oh nein! Das gibt's doch nicht. Er ist einer von denen. Auf einem Punkkonzert. Und das mir. Das mit dem 'keen Nazi abo' sagt er satte drei Mal. Das kann doch nicht euer Ernst sein, das ist doch eine Karikatur. Den hat mir jemand geschickt, um die Dinge auf die Spitze zu treiben. Drei Mal das Kein-Aber-Sprüchlein, nur um anzufügen, dass er es ein Unding findet, dass er in einer Zwei-Zimmer-Wohnung leben muss, während man für diese ganzen 'Ausländo' ganze Blöcke saniert. Ich gebe routiniert zu Protokoll, dass ich das anders sehe und er wechselt schnell das Thema. Berlin. Berlin. Da geht's gut ab, ne? Geht's doch ab, ne? Ja. Jaja. Doch. Tut es.

(Mensch halt doch einfach mal die Fresse, die Band spielt)



Er will meine Telefonnummer. Er bekommt eine falsche. Mit Zahlendreher. Ich gebe den Tims dieser Welt immer Zahlendrehernummern. Ich bin der größte Zahlenverdreher des Universums. Denn Himmel bewahre wenn die am Ende noch anrufen und dann bei mir zuhause vor der Tür stehen. Will keiner haben. Denn sehen wir die Dinge doch mal realistisch: Für die meisten Auswärtsbekanntschaften sind wir Berliner sowieso nur billige potenzielle Pennplätze, ja sicher, das wissen wir doch, wir sind Berliner. Niemand mag uns um unser selbst wegen. Sie wollen alle nur unsere Couch.



Ich beschließe, den kleinen Kryptofascho-Shitlord abzufüllen bis er sich verpisst. Oder einpennt. Oder kotzt. Oder alles zusammen. Sie haben hier Jägermeister für einen Euro. Sieben Stück und ich bin Tim los. Er sitzt jetzt auf einem Sofa und redet nicht mehr. Der Kopf hängt unmotiviert vornüber. Lange bringt er es nicht mehr. Das war es wert.



Doch der Frieden hält nicht, denn es kommt eine Frau: "Du siehst so traurig aus."

"Bitte nicht" sage ich nur.

Bitte nicht.



Später ist es 1:15 Uhr.



Es gibt nirgendwo mehr etwas zu essen in Magdeburg.