Dienstag, 25. November 2014

Verarsch mich doch (25)


Ein Kollege sucht einen Kitaplatz in Prenzlauer Berg und bittet mich um Hilfe.

Die arme Sau steckt mittendrin in der Odyssee von blasierter Kitaleitung zu blasierter Kitaleitung (zu blasierter Kitaleitung). Ich erinnere mich noch mit Grausen an meine Suche vor einigen Jahren: Sie stoßen als Eltern auf eine Wand der Ablehnung. Jedes amorphe Geschwür am Arsch eines einäugen Tapirs mit Staupe hat mehr Reputation als Sie, der da am Türrahmen kratzt und sein Kind anbietet wie Tofu im Steakhaus. Sie spüren in jeder Geste Ihnen gegenüber: Die Kitas innerhalb des S-Bahn-Rings (und in Prenzlauer Berg darüber hinaus) sind satt und Sie nicht wirklich erwünscht.

Die Position ist ja auch zu bequem. Jede noch so mittelmäßige Kita hier in der Gegend hat eine Warteliste, die ein, meist zwei oder vielleicht sogar einen Container voller Aktenordner füllt und das beinhaltet nur diejenigen Glücklichen, die beim Spontancasting an der Tür nicht sofort mit dem Hinweis auf einen Aufnahmestopp abgelehnt werden, weil sie zu hässlich sind oder ihr Hartz IV-Geruch zwei Minuten vor ihnen bei der Kita ankommt.

Wenn Sie es zum Vorstellungsgespräch schaffen, weil Sie ausnahmsweise mal einen soliden ersten Eindruck erwecken, begegnen Ihnen gerne mal folgende Fragen:

"Wollen Sie schon mal beim Sommerfest nächste Woche mithelfen?"

"Planen Sie, unsere (kostenpflichtigen) Zusatzangebote zu buchen? Wir hätten da Polkatanzen, Fassadenklettern oder die Fremdsprachenausbildung Mandarin in Kombination mit Pidgin-Englisch und Urdu im Angebot."

"Sind Sie bereit, alle drei Monate die Räume zu putzen?"

Jedes Nein auf eine der Fragen kann Sie Bittsteller gerne mal direkt und ohne Umwege aus dem Auswahlverfahren katapulieren. Pseudoalternative Kinderläden mit angeschlossener Kinderbetreuung nutzen die Gunst der Stunde und verpflichten Eltern vertraglich zum regelmäßigen Putzen, Renovieren oder in einem Fall, der mich spontan dazu veranlasst hat, unter Ausflüchten den geordneten Rückzug anzutreten, sogar zum Hüten der Rasselbande quartalsweise für einen Nachmittag.

Andere sahnen gleich richtig ab und verlangen Bearbeitungsgebühren in dreistelliger Höhe, für die Sie nie eine Quittung erhalten, und wieder andere genießen es sichtlich, endlich mal auf der machtausübenden Gewinnerseite des Lebens zu stehen und lassen verunsicherte Eltern mit einem kalten Lächeln auf den Lippen Einkommensverhältnisse, Familienumfeld und wahrscheinlich inzwischen Leumund des Freundeskreises bis ins dritte und vierte Glied offenlegen.

Oft kommen Sie erst gar nicht bis zum richtigen Casting, sondern werden vorher abgebügelt. Gerne auch mehrmals. Und zwar so:

"Guten Tag, Stevenson, ich interessiere mich für einen Kitaplatz. Heute ist doch Rundgangtag?"

"Ja, nee, heute nicht."

(...)

"Guten Tag, ich interessiere mich für einen Kitaplatz. Ich war letzten Monat schon mal hier. Heute ist doch Rundgangtag?"

"Ja, nee, die Leiterin ist nicht da, ohne die geht das nicht."

(...)

"Guten Tag, ich interessiere mich für einen Kitaplatz. Ich war letzten und vorletzten Monat schon mal hier. Heute ist doch Rundgangtag?"

"Nee, heute nicht, ich hab auch gar keine Zeit, geben Sie mir Ihre Daten, ich lass Sie zurückrufen oder besser gleich auf die Liste setzen."

(...)

"Guten Tag, ich interessiere mich für einen Kitaplatz. Ich war die letzten drei Monate schon mal hier. Stevenson mein Name. Kind ist schon geboren. Ich wollte mal fragen, ob ich auf der Warteliste stehe."

(raschel)

"Nein, tun Sie nicht. Aber geben Sie mir Ihre Daten, dann hefte ich Sie in den Ordner ein."

(...)

"Guten Tag, ich interessiere mich für einen Kitaplatz. Ich war die letzten zweihunderttausend Monate schon mal hier. Stevenson. Ich wollte mal fragen, ob ich nun auf der Warteliste stehe."

(raschel)

"Nein, tun Sie nicht. Aber wir nehmen auch erst mal keine Anmeldungen mehr an."

"..."

Möööp. Sie Horst. Hören Sie endlich damit auf, immer wieder hierher zu kommen. Wir wollen Sie nicht.

Der Kollege ist sichtlich verzweifelt. Es scheint immer noch so zu sein: Als Elternteil mit Job, von dem ein Kind großgezogen werden soll, stehen Sie nicht auf der Gewinnerseite des Lebens.

Das war vor ein paar Jahren nicht anders. Mein Kind stand auf knapp 40 Wartelisten, wobei das Problem dabei ist, dass Sie sich - zumindest wenn Sie zentral wohnen und Ihr Kind morgens vor der Arbeit nicht ins Märkische Viertel, nach Ahrensfelde, Karlshorst oder Chisibubikaio bringen wollen - immer mal wieder bei allen Kitas melden müssen, um nicht in Gunst und Wartelistenreihenfolge angesichts der elterlichen Konkurrenz, die mit ebenso viel Fleiß Klinken putzt, hinten runter zu fallen. Das kostet Zeit und Zeit haben wir alle nicht.

Ich habe einmal die Castingfrage "Dieses Wochenende haben wir Sommerfest. Wollen Sie nicht beim Aufbau mithelfen, um uns schon mal kennenzulernen?" mit der Gegenfrage nach dem Sinn gekontert, da mein Kind noch nicht einmal geboren war, was zur Folge hatte, dass ich mich damit selbst am unteren Ende der Warteliste festgetackert habe. Und zwar für immer. Wann immer ich anrief: Leider kein Platz für mich. Irgendwann baten sie mich, nicht mehr anzurufen.

Nach einigen Monaten vollkommen erfolgloser Suche ohne Lichtblick war ich so verzweifelt, dass ich mich sogar bei den antiautoritären Prenzlauer-Berg-Hippie-Wir-erziehen-nicht-denn-das-Kind-weiß-selbst-was-gut-ist-Kitas, deren Ergebnisse die Restaurants, die Cafés, den öffentlichen Nahverkehr und später dann die Schulen der Stadt terrorisieren, angemeldet habe. Doch auch die wollten mein Kind nicht. Wahrscheinlich kroch mir die Ablehnung ihrer Traumwelt aus jeder Pore.

Geholfen hat mir zuletzt nicht diese Beharrlichkeit, sondern nur Glück. Richtige Zeit, richtiger Ort. Big Point. So banal.

Was nun aus dem Kind des Kollegen wird? Das habe ich gerade eben in unserer Kita untergebracht. Ja, ich kann das, ich kann Eltern an der Warteliste vorbeischleusen, weil ich als Gerngesehener mit geregeltem Einkommen, der immer wieder für irgendwelche Renovierungsarbeiten an den maroden Räumen zur Verfügung steht, einen Leumund wie Donnerhall habe und man deswegen gerne diejenigen nimmt, die ich empfehle. Ganz ohne Warteliste.

Was? Das hat Ihnen noch keiner gesagt? Natürlich nicht. Darüber redet man ja auch nicht. Omerta. Beziehungen schaden nur dem, der keine hat. Und die Warteliste ist in Wirklichkeit keine, sondern ein Notbehelf für den Fall, dass niemand von uns Privilegierten irgendwen unterbringen muss. Hören Sie also besser auf zu träumen und versuchen Sie auf dem Spielplatz jemanden kennenzulernen, der gute Kontakte hat, die Sie nutzen können.

Es ist also alles wieder Verarsche? Na klar.

Regen Sie sich jetzt auf? Ja? Prima.


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Falls sowas überhaupt wem auffällt: Ich habe vor anderthalb Jahren schon einmal zu dem Thema geschrieben und ein paar Passagen davon recycelt. Rad. Neu erfinden. Und so. Muss ja nicht.

Sonntag, 23. November 2014

Multiplexmüdigkeit (Reborn Zoo Palast)


Wann habe ich eigentlich damit aufgehört, gerne in ein Multiplexkino zu gehen? Wann haben sie angefangen, mich zu nerven, diese Sitztreter, Lautlabersäcke und iPhone-Terrorleuchter? Wann habe ich das erste Mal Folterfantasien entwickelt, wenn einer der sozial inadäquaten Adventisten der schlechten Laune seine bestrumpften Käsemauken neben mir auf der Stuhllehne abgelegt hat? Wann war ich eigentlich nicht mehr bereit, die Puffpreise für Getränke und Snacks zu bezahlen, nachdem ich schon für Kinokarten mit Überlängenzuschlag, 3D-Zuschlag, Servicezuschlag und Arschgeigenzuschlag abgedrückt habe? Wann habe ich die Lust verloren an der Kombination aus verwahrlosten Toiletten, vor lauter Cola klebenden Böden und vollgekrümelten Sitzen?

Keine Ahnung, ob es tatsächlich schlimmer geworden ist oder ob ich einfach nur von den Asozialen waidwundgeschossen bin, aber ein Multiplexbesuch hat für mich inzwischen so viel mit einer entspannten Freizeitgestaltung zu tun wie eine Mutter aus Prenzlauer Berg mit Currywurst Schranke. Ich zahle viel Geld, um gemeinsam mit verhaltensgestörten Mitmenschen in einem muffigen Raum zu sitzen. So gesehen kann ich auch S-Bahn fahren, da komme ich wenigstens in der Stadt herum.

Und das ganze Idiotenballett gibt es dazu noch für diese Mondpreise. Was war das kürzlich auf dem Plakat? 0,3er Bier mit kleiner Schale Nachos für 7,90, meine Güte, ihr habt sie wohl nicht alle. Wer zahlt das? Für das?

Offenbar kaum noch jemand. Meiner Beobachtung nach ist der umgekehrte Break-Even-Point, an dem selbst der verblödetste versoffenste Kinoprolet gerade eben noch solche Preise geschluckt hat und nun nicht mehr, erreicht und das System "Verkaufe-Pappe-und-verwässerte-Softdrinks-so-teuer-wie-möglich" an seinen Grenzen angelangt, denn manches Multiplex übt sich inzwischen in Verbotspolitik.

Das Publikum praktiziert nämlich passiven Widerstand dergestalt, dass es Naschkram und Getränke vom Discounter um die Ecke mit in den Kinosaal schmuggelt und den Goldstaub in der kinoeigenen Fressecke mit vollkommen gerechtfertigter Nichtachtung straft. Also sah sich zum Beispiel das UCI in der Landsberger Allee veranlasst, vor dem Einlass ein Schild mit dem nur bedingt freundlichen Hinweis aufzustellen, dass der Verzehr mitgebrachter Waren untersagt ist. Sick sad world. Darbe oder zahle Mondpreise. Pöbel.

Abgesehen davon, dass man das Verbot ohne Taschenkontrollen und Leibesvisitationen vor dem Hintergrund dieser völlig verfehlten Preisgestaltung sowieso nicht durchsetzen können wird: Wie wär's denn mal mit sowas völlig absurdem wie Preise senken für den lausigen Standard, der inzwischen geboten wird? Geht nicht? Oho, wohl an die Gaspreise gekoppelt, wie? Hahaha, jaja, Hammerding, ich lach' mich selbst weg.

Also: Wann habe ich eigentlich damit aufgehört, gerne in ein Multiplexkino zu gehen?

Vor kurzem.

Denn das Colosseum in der Schönhauser Allee verlangt inzwischen 3 Euro Zuschlag für die letzte Sitzreihe - dem einzigen Ort, der in so einem Multiplex gerade noch erträglich ist, weil da kein Arschloch hinter mir sitzen kann. 3 Euro Zuschlag. Am Arsch die Räuber. Aus. Vorbei. Jetzt ist der Zeitpunkt, jetzt ist es soweit, ich bin durch. Ich spiele nicht mehr mit, ich fahre jetzt etwas weiter, wenn es ein Blockbuster sein soll, an einen besseren Ort, und zwar den hier, den ich kürzlich zum ersten Mal seit der Renovierung und Neueröffnung erleben durfte:


Der neue Zoo Palast. Das neue Premiumkino. Immer ein bisschen besser als notwendig wäre. Wenn schon richtig Geld ausgeben, dann so. Ich weiß, dass ich vor einiger Zeit unqualifiziert geäfft habe, doch es ist großartig geworden.


Lobby.


Fresskram mit Stil.


Kino 1. Loge.


800 Plätze.


Bequeme Polstersessel, die sich nach hinten kippen lassen, so dass ich halb liege. Beinfreiheit. Fußstütze. Ein Tischchen neben dem Platz. Keine Sitztreter. Keine Stresser. Nicht einmal iPhone-Leuchter. Weil genug Platz ist. Und wohl die ganze Atmosphäre auch auf die abfärbt, die sonst Multiplexe unbetretbar machen.


Aber ja, wenn dekadent, dann richtig. Der Käseteller wird an den Platz gebracht.


Zusammen mit der Flasche ausgezeichnetem Weißburgunder.

Und auf jeden Fall sind Smartphonekameras mit den hiesigen Lichtverhältnissen überfordert.

Ja. So geht das. So kann das ab und zu. Der Zoo Palast ist was geworden und versöhnt mich wieder mit dem Mainstream. Und ich bin so einfach zu überzeugen. Mit Käse und Wein. Stil und Niveau. Und viel Platz um mich herum, der mir andere Menschen vom Leibe hält.



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Hier ist auch schon der verdammte Disclaimer, ohne den es inzwischen offenbar nicht mehr geht: Für die Lobeshymne habe ich nichts bekommen, nicht mal einen Kinogutschein. Das will und werde ich auch nicht, denn mit Giveaways gekaufte Blogger, die dafür Lobeshymnen schreiben, sind mir ein Greuel. 

Da gelegentlich solche Anfragen eintrudeln: Sehr freundlich, aber ich möchte kein Geld und keine Geschenke, nicht von Ihnen, die hier lesen, und auch nicht von einer Agentur.

Ich mag den neuen Zoo Palast tatsächlich sehr und werde ab sofort von Prenzlauer Berg in die von mir sonst wie ein Yogapuff gemiedene City West fahren, um dort Mainstream zu sehen, wenn ich Mainstream sehen will. Keine Lust mehr auf fürchterliche Multiplexe. Ich bin durch. Hier am Zoo hat jemand mitgedacht und nimmt seine Gäste ernst. Wenn teuer, dann bitte auch mit Gegenleistung. Prima. Das hat gefehlt.

Samstag, 22. November 2014

Junkfraß aus der Industriehölle (4)


Lidl ist ja bekannt dafür, immer mal wieder übelsten Junk auf den Markt zu werfen. Es ist oftmals bizarres Zeug, das nicht einmal die Illusion aufrecht erhält, dass hier irgendetwas mit rechten Dingen zugeht, dass da irgendein natürlicher und gar gesunder Inhaltsstoff verarbeitet wurde. Manchmal denke ich, dass in der Produktdesignabteilung des Konzerns ein Punkrocker arbeitet, der ab und zu mal sehen will, was passiert, wenn er bisschen Stunk macht, was passiert, wenn er einfach einmal offensichtlichen Unsinn auf den Markt wirft. Ob das jemand kauft.

Vielleicht ist er aber auch ein Kommunist, der die Obszönitäten der Warenwelt mit einem als Kaufobjekt verbrämtem Kunstwerk so sehr persifliert, dass irgendwann beim Konsumenten ein Erweckungszustand eintritt, ein Gedankenfunken, der sich am besten zusammenfassen lässt mit: "Meine Güte, was tue ich hier eigentlich?"

Was ist denn das hier?


Aha. Milchkissen. Sie glauben doch wohl bitte nicht, dass der Scheiß hier irgendwas mit Milch zu tun hat, abgesehen von dem Tropfen Kondensmilch, der es lebensmittelrechtlich erlaubt, das Buzzwort Milch in mutierter Comic Sans-Schriftart übergroß auf die Verpackung zu schreiben. Milch. Gesund. Pausbäckige Kinder. Kuh. Muh. Natur. Bauernhof. So wertvoll wie ein kleines Steak. Muss ich haben.


Crunch. Grumpf. Mopf. Zuckerwürfel. Das Zeug schmeckt nicht nur nach Zuckerwürfeln, es fühlt sich an den Zähnen auch an wie Zuckerwürfel. Knirsch Knirsch. Unerträglich süß. Obszön süß. Ich schmecke nicht einmal mehr Kondensmilch, ich schmecke nur noch reinsten Zucker, dessen klebrige Süße irgendwann von der Milch absorbiert wird, die hernach in meinem Mund herumpappt wie eine dieser billigen schmierigen Vanillemilche aus dem weißrussischen Labor kurz hinter Brest, in dem alle toxischen Instant-Zutaten von übernächtigten alkoholkranken einäugigen Zombies mit schlechter Haut und Mundfäule zusammengemischt und in Großhandelstanks für den Verkauf in Berlin abgefüllt werden, weil woanders keiner so blöd ist, so etwas zu kaufen. Uff.

Meine Güte, was tue ich hier eigentlich? Ich muss jeden Scheiß probieren, ich bin das leichteste aller Marketingopfer. Schreiben Sie "Neu!" drauf - ich kauf' das. Schreiben Sie "Nur für kurze Zeit" oder besonders fresh "Limited Edition" drauf - ich kauf' das, ich kauf' alles, "Milch!", "20% mehr Inhalt" oder "Jetzt noch weißer / reiner / größer / schneller / höher", her damit, kauf' ich, sie spielen mit meiner Neugier, meiner ewigen Neugier, die immer wieder dazu führt, dass ich Dinge kaufe, die mein Leben signifikant verkürzen.

Wie das hier.

Das waren drei Tage weniger. Locker. Ekelhaft. Wenn ich das in die Biotonne schmeiße, zeigt mich der analfixierte Mülltonnenfetischist von nebenan wegen vorsätzlicher Kontamination des natürlichen Lebensraums unserer Hofratten an. Mit Recht. Denn wer das den Ratten gibt, der hat kein Herz.


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Junkfraß aus der Industriehölle:
(1)
(2)
(3)

Lass mal netzwerken - Links vom 22. November 2014


Read this:

e13.de#gatederwoche
#allebekloppt

die SchrottpresseDer Stuhl
Comandante. Für diese Erzählung brauchen Sie etwas Zeit, Muße und Ruhe. Ich freue mich, sie hier verlinken zu dürfen.

Astrodicticum SimplexWas mich ärgert: “Homöopathie bei Kinderkrankheiten und Schulstress”
Wir haben eine Renaissance des Übersinnlichen - mit umso mehr Vehemenz je rationaler und technisierter das Leben wird. Es überrascht mich nicht. Actio = Reactio. Jede Entwicklung hat ihre Gegenbewegung. Pendel. Schwingung. Bla. Der Homöopathie-Hype ist nur ein Ausdruck davon.
Eine der Wahrheiten, die man irgendwann schlicht akzeptieren muss, um nicht verrückt zu werden, ist: Ein schwankender Prozentsatz x der Menschen wird immer empfänglich für derlei Übersinnliches sein und ein anderer Teil der Gesellschaft wird gut davon leben.
Das Schlimme an solchen Hokuspokus-Hochphasen ist - und damit haben wir schließlich den Zusammenhang von klassischen Religionen, Homöopathie, Vegan- und Genderismus - das Missionieren. Zu viele können auch hier wieder nicht einfach leben und leben lassen, sondern müssen missionieren.
Versuchen Sie mal in einer durchschnittlichen Apotheke Prenzlauer Bergs zwischen Senefelder- und Helmholtzplatz eine handelsübliche Chemiekeule für Ihre Erkältung zu kaufen. Sie werden begründen müssen, warum Sie die standardmäßig angebotenen Homöopathiepräparate nicht wollen und finden sich in einer argumentativen Verteidigungshaltung wieder, für die Sie vorbereitet sein müssen, um am Schluss kein Geld für Blödsinn auszugeben nur um Ihre Ruhe zu haben.
Die Apotheken, die Sie nicht damit nerven, müssen Sie hier inzwischen mit dem System Trial and Error mühsam suchen und - je nachdem wo im Bezirk Sie wohnen - etwas weiter dafür fahren.

Philipp GreifensteinDie im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus!
Manchmal lohnt es sich, in die Refererrs zu schauen, um zu sehen, wer einen so alles verlinkt.
Ich setze einen Revanchelink, um das Thema noch einmal ins Bewusstsein zu rufen. Mir ist das wichtig - aus Gründen, die Sie kennen.
Selbstverständlich sollen Sie nicht wegen jedem Scheiß den Kältebus rufen und im Zweifel lieber die 112 wählen. Es ist doch ganz einfach: Helfen sie, wenn Sie sehen, dass jemand droht zu erfrieren. So zynisch, Menschen im Elend verrecken zu lassen und ihnen noch ein "Selbst schuld" zuzurufen, sollte man nie werden. Das ist unanständig.

...schlechter Sex und Dosenbier...#15: …Is That All There Is Then Let’s Keep Dancing…
Gefrotzel aus dem Callcenter. Amüsant ist gar kein Ausdruck.

indub.ioJemand postet das “Band Aid 30″-Video bei Facebook. Was dann passiert in einer einfachen Grafik erklärt
Die mit Werbung zugeschissene Clickbait-Nachfolge des großartigen Blogs "Ich bin geistig krank" ist zwar an Tragik kaum zu überbieten, aber das Ding hier ist wirklich gut.
Im Prinzip könnte man die Kommentardiskussionen zu bestimmten Themen auch durch Buttons mit den so üblichen wie erwartbaren Textbausteinen ersetzen, denn es wird über kurz oder lang sowieso immer das Gleiche gesagt. tux hat das in seinem Blog teilweise umgesetzt. Ich finde das Feature großartig.
(via Kraftfuttermischwerk)

Gay WestSolidarität mit dem BILD-Girl!
Wenn die Puritaner gegen die Springerpresse zu Felde ziehen, weiß ich gar nicht, auf wessen Seite ich mich stellen soll. Das macht die Sache so schwer in diesen Zeiten: Ebola gegen Darmkrebs. Ich lehne beides ab.

petitessenDraußen vor der Tür
Berlin.

Vilmoskörtes BlogHier kein Rind
Gnarf Gnarf.

stadtkindFFMLiebe Sprayer, bitte verschont diese Wand
Hahaha ... nein.

Schnell noch eine Weisheit des Tages:

wortsuchtDie Krone der Schöpfung

Und den Filmtipp des Tages:

ZG BlogFilmtipp: Die Jagd (Ausgezeichnete Besprechung eines großartigen Films)

Und Risotto hatte ich lange nicht:

stefanolixMein Kürbis-Risotto 2014


Freitag, 21. November 2014

Auf und unter der ollen Else


Die Elsenbrücke wird ziemlich unterschätzt.  


Wahrscheinlich wegen des Baujahrs und der Lage. Sie ist ein Ossi. Ein reiner. Von der DDR erbaut. Sie war noch nicht einmal ein Grenzübergang. No fame no gain.


Die Umgebung war bis vor etwa zwei Jahren noch ein wenig verwunschen.  



Inzwischen haben sie das Gestrüpp gerodet und einen kommerzialisierten Hipsterstall dorthin gebaut. Der sieht zwar aus wie ein besetztes Areal zum Ausleben alternativer Lebenskonzepte, doch machen Sie sich keine Sorgen: Es geht auch hier wieder nur um Geld, vorwiegend um das Geld von Touristen, denen im Gegenzug dafür eine wilde Stadt vorgegaukelt wird, die schon lange nicht mehr wild ist, sondern ihren Ruf aufzehrt bis irgendwann auch dem letzten Spanier und Portugiesen auffällt, dass hier nur noch Potemkins geistige Verwandtschaft wirkt.
Bis dahin freuen wir uns über besoffene Engländer mit alkoholroten Gesichtern und ihren originellen Hitlergrüßen bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Oder Skandinavier, die sich ihrerseits über das Land des billigen Alkohols freuen, den sie aber mangels Übung nicht vertragen und die Bahnhöfe vollkotzen. Oder iPhone-Ingrid, die zu blöd ist, auf ihr Telefon aufzupassen.


Und hey, sie sind hier sogar so alternativ, dass sie ihren Stall videoüberwachen lassen. Soll noch einer sagen, dass sie hier Trends verschlafen.


Hip hip. Auf der Brücke haben Sie einen idealen Blick auf die Stadt. Deswegen stehen hier oft Fotografen und fotografieren. Motiv. Motiv.




Auf der Brücke gibt es auch einen Radweg.  


Der ist aber wie überall in Berlin überflüssig, weil ihn keiner befährt, sondern den Fußgängerweg rechts davon. Die Verwaltung sollte in der Konsequenz alle Gehwege offiziell in Fahrradwege umwidmen und damit die Gesetzgebung endlich den Realitäten anpassen. Oder gleich Shared Spaces für alle schaffen: Der Stärkere hat Vorfahrt und der Rest muss zusehen, dass er auf seinen Arsch acht gibt. Ganz einfach eigentlich und spart Geld für den Ausbau von Infrastruktur, die keiner nutzt.

Wenn man das Rad allerdings auf der Brücke anschließt anstatt darauf zu fahren, kann das gerne mal so enden:


Fahrlässig. Einfach irgendwo anschließen geht nicht. Für ein Fahrrad brauchen Sie in dieser Stadt einen eigenen Carport. Mit Panzertür. Sonst ist es weg. Oder Sie fahren freiwillig eine verrostete Möhre, die nicht mal einer klauen mag. Your choice.


An den Laternenmasten der Brücke wird manchmal für Lustiges geworben:


Die völlig neue Superschau.

Die total neue Spitzenschau.

Die brandneue Spezialsuperspitzenschau.

Oder:

Menschen
quälen
Tiere
und nennen das
Sensationen  


Eine schöne Brache gibt es hier auch.  


Noch.

Gibt's nämlich nicht mehr lang. Bis der Planierer kommt und einen dieser neuen düsteren Glaskästen aus dem Horrorkabinett der Investmentarchitektur hochzieht. Weil es hier so wenige davon gibt.

Und wenn der Glaskasten steht ...

... dann wird's kalt.


Kalt. Kälter. Und im Winter sitzen wieder Vögel auf Eisschollen.  


Das hat so was Arktisches. 

Ich mag die Elsenbrücke. Auch wenn sie im Winter die letzte in ganz Berlin ist, die vom Eis geräumt wird.


Und die letzte, von der sie die Böller von Silvester und die aufgetaute Hundescheiße wegmachen.


Unter der Brücke organisierten sie Untergrund-Raves bevor die Kommerzhipster kamen.  


So war das mal. Nichts ist für die Ewigkeit, nichts bleibt wie es war. Untergrund-Parties sind inzwischen nur noch der Teaser. Läuft der Ort und hat er sich herumgesprochen, wird er kurze Zeit später kommerzialisiert. Mit Bretterverschlägen, immer mit Bretterverschlägen. Das alternative Bild muss gewahrt bleiben. Und das rechnet sich, weil sich in dieser Stadt immer ein Moloch von Subventionsverteiler findet, der das mitfinanziert. Und wenn genug Geld aus der Nummer rausgezogen wurde, legen sie eine Insolvenz hin und bauen gegenüber einen neuen Hipsterstall. Mit neuen Bretterverschlägen. Oder den alten, die sie mitnehmen.

Professionelle Pleitiers aus den Glaskästen machen es auch nicht anders. Wenn auch ohne Bretterverschläge und alternativem Federkleid.


Flashback. So war das mal. Mit Tonnen. Zum Warmhalten. Warmmachen.


Bronx-Feeling 1980.  


Nur brennen die Mülltonnen heute nicht mehr. Es hat sich ausgebrannt.  



Inzwischen wohnt auch hier die Armut. Hier pfeift der Wind nicht so, wenn der Winter in der Stadt einfällt.



Die Elsenbrücke ist der Underdog unter den Brücken. Der hässliche Bruder des vollgepissten Wahrzeichens.

Hey, und ich mag Underdogs.


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Als mir abends mal langweilig war, habe ich das Ding bei Qype geschrieben und mit irgendwelchen Schnappschüssen bebildert, die ich im Anschluss an den Stralau-Spaziergang gemacht habe. Muss 2012 gewesen sein. Ich wollte damit einen Qype-Kontakt parodieren, der, nachdem er nahezu jedes Gebäude seiner Heimatstadt beschrieben und bewertet hat, dazu überging, über Stromkästen, Vogelhäuschen und Bushaltestellen zu schreiben. Liebevoll bebildert. Ein Mensch mit sehr viel Zeit und dem Blick für Details.

Meine Parodie kam nicht durch. Er hat vor Aufregung ganze sechs Mal auf den Feedbackbutton "Mehr davon!" gedrückt. 

Bevor der Text auf der Festplatte vermodert, hier ein leicht aktualisierter Repost. Nur für die Akten. 

Mittwoch, 19. November 2014

Motörhead in Bionadeland


Good evening. We are Motörhead and we play Rock'n Roll.

16. November 2014. Motörhead spielt in Prenzlauer Berg. Ausgerechnet. Es gibt wohl keinen unpassenderen Bezirk dafür, keine Gegend ist so wenig Rock'n Roll wie dieser überdimensionierte Friedhof mit Ringbahnanschluss. Selbst Eberhard Diepgen und seine Zehlendorfer Frontstadtmumien verkörpern mehr Rebellion als meine Nachbarn.

Die ganze Organisation hier in der Max-Schmeling-Halle demonstriert wie jede Massenveranstaltung in dieser Stadt heillose Stümperei bis zur absoluten Karikatur. Es beginnt schon am Einlass und setzt sich ohne Brüche über die Bierstände bis zur Fressbude fort. Alles dauert ewig. Studenten beim sich selbst finden. Langsamer als mein Kind beim Umziehen in der Kita. Na klar. Der Germanist steht am Zapfhahn, an dem er in stoischer Seelenruhe ein Bier nach dem anderen fertig zapft anstatt parallel zu arbeiten wie Wirt Stulle zur Stoßzeit in der Kneipe "Zum Tönnchen". Und gehemmtes Mathe-auf-Lehramt durchsucht am Einlass die vernarbten Hells Angels, die das fünffache von ihm wiegen und die er anfasst wie eine heilige Reliquie. Schnarch. Klappt ja super. Effizienz - dein Name war nie Berlin. Wo nehmen die bloß die Leute her? Aus dem Proseminar Genderforschung? Philosophie? Pferdewissenschaften? Und warum fahren die nicht Taxi?

Tick. Tack. Schlumpf. Also stehen wir alle hier rum und warten, bis wir abgefertigt werden: Altgewordene Sofarocker, zahnlose Roskildeveteranen aus der Gruft, bandscheibengeplagte Lederkuttenträger in Schonhaltung, Buffy-im-Bann-der-Dämonen-Darsteller, faltige Emo-Bräute im Herbst des Daseins, Speckschürzen meets Truthahnkinn goes lichter grauer Backenbart aus dem Schnittmuster "Lemmy für Arme".

Und ganz tolle Sinnsprüche in Fraktur-Lookalike gibt es auch:


Louder. Stimmt. Da war doch was. Motörhead - die vorgeblich lauteste Band der Welt. Und wer hat die Ohrstöpsel vergessen? Ich. Zum Glück verkauft mir die Max-Schmeling-Halle ein paar schäbige kleine Dinger für geschmeidige 4 Euro, die ich später nur mit Mühe wieder aus meinem Ohr gepult bekomme, weil sie unfassbar klein sind. Rock'n Roll ihr Pfeffersäcke. Seit mir die Fliehenden Stürme im Lovelite vor ein paar Jahren satte zwei Wochen Dauerpfeifen ins Ohr gefickt haben, gibt es kein Risiko mehr. Pfeifen im Ohr braucht kein Mensch. Ohrstöpsel schon. Ich möchte noch kein Kind im Ohr.

Hurra, es spielt eine Vorband:


Und dann spielt noch eine Vorband. Eine schlechter als die andere. Bumsrock. Glamrock. Keine Ahnung wie man das nennt. Zum Besaufen schlecht.

Vorbands sind eh kacke. Keiner mag Vorbands. Vorbands stehen da oben und spielen gegen eine Wand des Schweigens an. Und sind dann sauer, wenn keiner abgeht wie Hulle als würde in ihrer Snare Drum gerade der neue Heiland geboren.

Das Geilste sind Vorbands, die dann verzweifelt mit den Händen wedeln, um das Publikum zu motivieren und dabei Dinge in die eisige Stille brüllen wie "DO YOU FEEL GOOD? BERLIN YOU ARE AMAZIIIING!!!!" Dann lieber Publikumsbeschimpfung. Das wirkt so schön ehrlich.

Aber ich versteh's ja. Pure Verzweiflung trifft auf nacktes Desinteresse. Man stößt sich gegenseitig ab. Alle hier wollen Motörhead sehen und nicht Jimmy-Jones-aus-Pforzheim-Buckenberg-stümpert-am-Keyboard. Ich habe schon eine Minute nach Ende des Auftritts den Namen der Band vergessen. The Blended. The Gambit. The Braindead. Egal.

Limp Bizkit waren dieses Jahr übrigens Vorband der Böhsen Onkelz. Limp Bizkit. Vorband. Böhse Onkelz. Das waren mal Superstars. Also Limp Bizkit. Offenbar geht's inzwischen mit großen Schritten abwärts. In Richtung Eberswalde. Angermünde. Küstrin-Kietz. Wahrscheinlich sind Limp Bizkit nächstes Jahr Vorband von Frei.Wild. Und dann von Jimmy Jones aus Pforzheim-Buckenberg. Oder von The Braindead.

Gut jetzt.

Hier kommt Lemmy.


Es ist Lemmy.


Es ist verdammt nochmal Lemmy.


Oder das was von ihm übrig ist. Ich bin hier aus purer Nostalgie, weil ich nicht weiß, ob es nach dieser Tour jemals eine weitere von Motörhead geben wird. Dürr ist er geworden. Dürre Ärmchen. Die Stimme versagt auch öfter mal. Da fehlt der Jacky zum Ölen. Jetzt trinkt er Diätlimo. Motörhead. Ich hatte schon zwei mal Karten hierfür. Einmal letzten Herbst und einmal Frühjahr. Fiel jedes Mal aus. Weil 40 Jahre Jack Daniels endlich ihren Tribut gefordert haben und Lemmy fast schon gegangen wäre ohne dass ich ihm noch einmal hätte Tschüß sagen können.

Lemmy. Legende. Wenn einer Rock'n Roll ist, dann er, auch wenn es aussieht, als ginge es nicht mehr allzu lange da oben. Irgendwer neben mir kennt jemanden Backstage, der sagt, Lemmy sähe aus wie ein Hundertjähriger. Ich glaube das. Zumindest hört er sich so an.

Hundert hin oder her - für den Klassiker reicht es immer noch:

Just 'cos you got the power, that don't mean you got the right.

Ein Fickfinger für die da oben. Danke dafür.

Aus. Dann ist es aus. Das voraussichtlich letzte Motörhead-Konzert meines Lebens. Gutes Konzert, sicherlich, es sind ja Profis, aber ein wenig zu routiniert ist es dann doch gewesen, was vielleicht auch am extrem braven Publikum lag. Ein paar Kopfwipper, Händepatschen wie bei André Rieu, nur zwei Glatzen mit Talibanbart wollten ein wenig pogen, doch haben es beim ersten Rempler, für den es den bösen Blick des vom Ellenbogen getroffenen Bandscheibengesichts gab, sein gelassen.

Sowieso scheint die Biederkeit des gastgebenden Bezirks auf eine magische Art auch das Publikum erfasst zu haben. Keine Gesänge. Kaum Gejohle. Kein Motzen über das dünne Bier. Nicht einmal anrempeln mag mich einer. Fast bin ich froh, dass sie wenigstens das Rauchverbot ignorieren und quarzen, was die schwarze Lunge hergibt. Rebellion. Ein bisschen wenigstens. Naja.


Niemand hat die Absicht, jemanden der Halle zu verweisen.


Und zuletzt stehe ich wieder Schlange, um den Ort zu verlassen. Schlange stehen. Das zieht sich als roter Faden durch den Abend. Schlange am Einlass. Schlange am Bierstand. Schlange am Merch. Schlange beim Rausgehen. Und zu wenig Personal, immer zu wenig Personal.

Als ich die Schlange an dem Stand sehe, an dem ich eigentlich meinen Pfandbecher abgeben wollte und die 20 Minuten überschlage, die ich hier dafür warten würde, lasse ich ihn auf den Boden fallen. Kein Bock. Und außerdem mein Quentchen Rebellion. Jaja.

Gute Reise, Lemmy.