Dienstag, 30. September 2014

Lass mal netzwerken - Links vom 30. September 2014


Die Agitprop-Aktion des örtlichen Dudelfunks wird tatsächlich noch dümmer. Wo haben sie diese Umfrage gemacht? Bei den Schlümpfen im Roten Rathaus? Im Vorstand der Landesbank? Ring Deutscher Makler? Bei den alimentierten Sesselfurzern im Abgeordnetenhaus? Zehlendorfer Lions-Club? Yachtverein? Bei Mehdorn im Wohnzimmer?

Hier die Links, viel Spaß:

[aʊχ das nɔχ]Gruselig!
Vox populi positioniert sich zu Dschihadrückkehrern. Gruselig.

Notizblog#postpiracy
Muss noch irgendetwas zu den Piraten gesagt werden? Ja. Kurz. Das da.

PornoanwaltAller guten Dinge sind 3
Bleibt die Frage aller Fragen aller Fragen (aller Fragen): Warum zum Teufel? Warum?

Tapfer im NirgendwoSie hätten das ausdrucken müssen!
Der Dienstleister und sein holpriger Weg in die Moderne. Ich hatte das mal im ICE. "Sie hätten das ausdrucken müssen." "Aber es ist ein Onlineticket." "Der Zangenabdruck, ich muss doch einen Zangenabdruck machen." "Aber bitte, es ist ein Onlineticket." "Brauche Ausdruck, Ausdruck, blep blep."

Kirche des Fliegenden Spaghettimonsters Deutschland - Sektion UckermarkDas Wort zum Freitag - Gottesdiensthinweisschild "Nudelmesse"
Sie wollen ein Spaghettimonsterdiensthinweisschild am Ortseingang von Templin installieren. Toll. Schlagt sie mit den eigenen Waffen. So muss das. Go Brandenburg Go. (via Tante Jays Café)

Alex bloggt'sbedenklich
Echt? George Clooney hat geheiratet? Och...

1337coreMake up
Waaaaah!

ExportabelSenioren auf die Straße: zur Asozialität unseres Sozialstaates
Genug Klamauk. Aufwertung ist nicht schlimm? Gentrifizierung eine Notwendigkeit? Ein Naturgesetz? Freier Markt? Mieter- und Milieuschutz sind für den Arsch und eigentlich totale Kommunistenscheiße? Ich sehe es anders. Es geht um Menschen und deren Zuhause. Sicher, wer es sich leisten kann, zuckt mit den Schultern. Wer nicht, darf gehen. Bitte weit weg vom Zentrum. Berlin 2014. Meine Stadt ist es nicht mehr.

Nante BerlinMit Julius Rodenberg vor dem Landsberger Tor
Das famose Blog Nante Berlin hat nicht nur fein kuratierte Links zu allen möglichen Geschichten aus Berliner Blogs auf Tasche, sondern mitunter auch eigenes. Da hier in den Linklisten so langsam auch verbloggte Spaziergänge Einzug finden, kommen Sie doch mal mit nach Plattenbau Gulch. Wahrscheinlich finde ich dort auch meine alten Nachbarn wieder.

KiezschreiberLob des Zögerns
Eine Erinnerung an Wolfgang Herrndorf und eine ... Matthias, du bist der Literat, ich hab' kein Plan, was ist das? Eine Parabel? Ein Gleichnis?

meta bene#212
Yo, Freitag rockt. Diese Woche ausnahmsweise sogar mal der Donnerstag.

Und was Gutes essen rockt noch mehr:

Der GourmetLammfilet auf Olivensauce an rotem Linsengemüse


Sonntag, 28. September 2014

Escort


Der Wind weht freundlich heute. Ich sitze am Hafen irgendeiner südfranzösischen Stadt. Es gibt Muscheln. Austern. Meeresschnecken. Gebratenen Barrakuda. Frittierte Sardinen. Karaffenweise Weißwein. Ich bin schon wieder besoffen wie schon seit Tagen, wie eigentlich jeden Abend, jeden Nachmittag bereits, um es ganz genau zu nehmen. Der französische Wein. Aus dem Schlauch. Der Gute. On ne peut pas faire mieux.

Die Austern zucken noch beim Servieren. 50 Cent nehmen sie hier für eine. Die Schnösel im KaDeWe zahlen das siebenfache. Ich will hier wohnen. Sagte ich das nicht schon?

An einem Tisch in meiner Blickrichtung sitzt ein sehr hässlicher alter Mann. Bierplautze, schlechte Haut, Warzen mit Haaren zwischen Nase und der rotadrigen Wange, lange fettige Haare, die er zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hat. Wie er es wohl seit 40 Jahren macht. Oder 50.

Er bringt schale Witze, Schwänke aus seinem Leben, Anekdoten aus der Vorhölle seines Daseins, schwülstig-schlüpfrige Komplimente als Liebesgrüße aus der Lederhose. Fips Asmussen als Franzose, freue ich mich innerlich einen Keks für den Vergleich, Fips Asmussen, genau der, nur ohne Pudelkopf, dafür mit Schenkelklopfern aus einem Leben, das er wahrscheinlich gar nicht führt. Er will wohl so eine Art Wirtschaftslenker darstellen, einen Patriarchen aus einer anderen Zeit, eine personifizierte Herrentorte. Seine Slipper haben Bommeln.

Sein Auditorium besteht aus seinem Sohn, blass, dürr, pickelig, gehemmt, jetzt schon strähnige Haare, der seine Fingernägel bis weit ins Nagelbett runtergekaut hat, und zwei auffallend schönen Frauen in langen Sommerkleidern. Sie kennen sich nicht, die beiden Welten, die sich hier gegenüber sitzen, denn die Konversation läuft schleppend, der Alte sagt was und alle fallen in sein Lachen ein, dann ist kurz Ruhe, die Art von Ruhe, die kaum jemand aushält, schon gar nicht der Alte, denn es kommt wieder ein Ding, darauf wieder ein gemeinsames Lachen, dann wieder, dann wieder. Holprig. Ein ständig aussetzender Monolog mit Echo. Einer redet Blech, die anderen mimen die Claqueure, weil sie es müssen. Es ist oft so, meistens am Arbeitsplatz, aber zu oft auch in Familien. Oder hier, in dieser besonderen Konstellation.

Ich beginne unwillkürlich zu mutmaßen, was hier läuft: Alpha-Papa zeigt Zeta-Sohn wie der Hase läuft. Wo es lang geht. Wo der Barthel den Most holt. Der Hammer hängt. Frosch. Locken. Gut jetzt.

Ich kombiniere. Zwei zu gut angezogene Frauen. Ein Nachmittag mit viel Essen, viel Alkohol. Ich sehe Champagner. Krustentiere. Das kostet nicht zu knapp. Vielleicht ist der Abend ein Geburtstagsgeschenk. Zur Volljährigkeit endlich die Entjungferung. Für jeden eine. Oder so.

Ich schaue hin, sauge die Szenerie auf, weil mich Situationen wie diese faszinieren, denn sie geben den Blick in eine Welt frei, die anders tickt. Von der man immer nur hört. Oder liest. In schlechten Romanen.

Offenbar habe ich zu lange geschaut, denn eine der Frauen blickt zurück. Dann lacht sie wieder über irgendetwas. Laut. Fast natürlich. Sie macht ihre Sache gut. Ihre Gegenüber nehmen ihr die Show ab. Sie lacht über alles, jeden schäbigen Gag, jede anzügliche Geschichte. Nicht zu künstlich, fast so, als fände sie den schalen Unsinn wirklich witzig. Muss sie ja. Sie versteht ihren Job. Unsere Blicke begegnen uns wieder. Sie schaut mit ihren immer ernst gebliebenen Augen zu mir. Ich deute ein Lächeln an. Verstehe. Kurzes Zucken der Mundwinkel bei ihr. Sie versteht, dass ich verstehe. Dann geht der Moment vorüber. Minimalkonversation im Rahmen des Möglichen.

Wäre die Situation eine andere, würde sich ein Gespräch ergeben, eines wie es leider selten stattfindet, eines, in dem wirklich jemand etwas erzählen kann, etwas zu erzählen hat, anstatt zu langweilen wie die meisten, wie ihr Gegenüber es mit Bravour tut, wie es wahrscheinlich die meisten mit ihr tun. Und mit mir.

Ich trinke die Restpfütze Weißwein aus, lege einen Schein auf den Unterteller und stehe auf. Ich muss aufbrechen, morgen geht es zurück, morgen wird wieder Berlin sein. Anderer Ort, andere Geschichten. À bientôt.

Samstag, 27. September 2014

Chez Planes Saillagouse


En voilà un spécialement pour tux, qui trouve la plus belle langue du monde épouvantable.


Sud de la France. Pyrénées. Bonne cuisine, bons repas, bonne nourriture, saucisses faites maison et vin blanc sans fin. Ce petit hôtel très convivial, qui est à la fois restaurant et brasserie, se trouve à Saillagouse, dans le département des Pyrénées-Orientales. Cette petite ville est aussi magnifique que le paysage.

Après s’être assis à sa table, le client se voit énumérer les différents plats du jour qui ne figurent pas sur la carte. Le buffet froid, proposé comme entrée avec entre autres du saucisson sec, du jambon, des pâtés, des rillettes faites maison et de la salade avec trois sauces différentes, m’a particulièrement plu. La salade de chou était vraiment excellente.
On ne sait vraiment pas par où commencer ou si l’assiette sera assez grande pour pouvoir tout goûter. Mais peu importe ce que l’on prend – cela vaut la peine.
Tout est vraiment très agréable ici. Même côté prix, on ne peut pas se plaindre; ce qui vaut également pour les plats de résistance qui sont également excellents.

Merci pour votre accueil chaleureux et votre convivialité. J’ai hâte de revenir.



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Hotel & Restaurant Planes Saillagouse
6 Place de Cerdagne
Saillagouse
Languedoc-Roussillon
http://www.bienvenuechezplanes.com/

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C'est une ancienne critique de la plate-forme d'évaluation Qype.

Et voici un lien gratuit vers Google Traduction pour éviter de copier-coller ce texte. :)

Freitag, 26. September 2014

Pêche interdite


Was da steht? Angeln verboten. Auf 100 Metern nach rechts und nach links. Darunter am Ufer sitzen jede Menge Angler jeden Alters. Vom Opa bis zum Kind. Klar, ist ja auch 'ne geile Stelle zum Angeln, jede Menge Fische, die sich hier sammeln, ficken, laichen und beißen wie Hulle, deswegen angelt hier jeder so gerne. Sicher. Würde ich auch, hätte ich eine Angel mit.

Unzweifelhaft bin ich in Frankreich. Das erkennen Sie nicht nur an der Sprache (okay, das ist wirklich augenfällig), sondern auch daran, dass die Franzosen auf Regeln der Obrigkeit scheißen, die ihnen nicht nachvollziehbar erscheinen, und die städtischen Beamten den Scheiß auch nicht kontrollieren. Hunger. Fisch. Satt. Eine logische Kette. Was soll da das Verbot?

In Deutschland würde das ganz anders laufen. Hier würde natürlich nicht nur keiner angeln, sondern das auch vorauseilend auf einer Breite von 1000 Metern nach rechts und nach links - für den Fall, dass die Obrigkeit sich verschrieben, also quasi eine Null vergessen hat. Oder der Regent es anders meint als seine Beamten es kommuniziert haben. Kann ja sein. Man weiß ja nie. Besser wir machen mal nix, bauen einen Puffer ein, dann kann auch nix passieren. Safety first. Wir wollen ja keinen Ärger. Ruhe. Bürgerpflicht. Bahnsteigkarte. Angelschein. Und Rasen betreten verboten. Bitte gehen Sie weiter. Wer nicht hüpft der ist kein Deutscher. Hey. Hey.

Frankreich. Ich mag es hier. Ich bin gerne hier und vielleicht schaffe ich es irgendwann, wenn ich nicht vorher den Löffel abgebe oder sie meinen Renteneintritt bis zu meinem seligen Abkratzen verschieben, hier zu leben. Es gibt hier so viele Dinge nicht, die mich nerven und so viele Dinge, die ich mag und die bei Europas freudlosem Zuchtmeister verpönt sind.

Mülltrennung? Vergessen Sie es. Knallen Sie alles zusammen in irgendeine Tonne, es gibt nur eine Sorte davon. Den Scheiß trennt hier nämlich der, der von den gesammelten Rohstoffen profitiert, nicht der Franzose. Der hat ja davon nix und wird einen Teufel tun, Unternehmen, die mit dem ganzen Zivilisationsmüll dickes Geld verdienen, auch noch kostenlos die Arbeit abzunehmen. So wie der Deutsche es tut. Dem kann man alles erzählen. Der macht überall mit, wenn man ihm sagt, er soll mitmachen und ist an vorderster Front dabei, das korrekte Trennen von Abfall auch bei anderen zu überwachen, dieser Streber, der verdammte. Ich warte hier schon lange auf die ersten Überwachungskameras über den acht verschiedenen Mülltonnen oder auf den Sensor, der Alarm schlägt, wenn der falsche Rohstoff in der Tonne landet oder noch Joghurtreste im Becher sind. Soziale Kontrolle über die Müllecke als Fetisch der Kleingeister. Technik macht es bald möglich, diese Leidenschaft noch intensiver auszuleben. Und sie werden es lieben.

Pfand? In Frankreich? Haha, nix glop. Schmeißen Sie die Plastikflaschen in die Tonne, die Sie schon kennen. Ich glaube, wenn Sie in Frankreich ein Pfandsystem mit den hiesigen fürchterlichen Automaten, den vielen verschiedenen Systemen, bei denen sich jeder weigern darf, die Flaschen eines anderen Systems oder jene anzunehmen, die er nicht anbietet, einführen wollen, blockiert der Franzose sofort alle Autobahnen nach Paris. Mit Traktoren. Lastern. Kinderwagen. Egal. Kriegen Sie hier nicht durch. So etwas Analfixiertes funktioniert nur in Deutschland. Weil der Deutsche komplizierte Systeme ohne Sinn, Verstand und Logik liebt. Das beschäftigt nämlich arglose Menschen, die sonst Unsinn machen könnten (Autobahnen blockieren oder so), gibt Pedanten eine Lebensaufgabe und Sadisten ein Spielfeld. Wer kennt das nicht: Sinalco? Hamwa nich! Müssense bei Reichelt abjebn'n! Odda beim Bahnhofskiosk in Rudow. Könnt ja jeda komn'n.

Froschschenkel? In Berlin auf dem Deutsch-Französischen Volksfest hat eine Initiative versucht, den einzigen Stand zu blockieren, an dem das angeboten wurde. Inklusive der unvermeidlichen Flugblätter mit Schwurbeldeutsch und Nazikeule. Froschfolter! Kröten-KZ! Verteilt von betroffenen Gesichtern der Geisteswissenschaften. Die armen Frösche. Schauen Sie mal hier wie traurig der Sie auf dem Flugblatt ankuckt. Quak Quak. Können Sie das verantworten? Sag mir wo du stehst. Nun, lasst mich mal durch, dann stehe ich bei den Froschschenkeln, ihr Ficker, und esse sie. Sicher. Kann man nämlich machen. Schmeckt wie Hühnchen, nur viel feiner. Nicht so hormongejazzt.

Doch inzwischen gibt es auf dem Deutsch-Französischen Volksfest keine Froschschenkel mehr. In Frankreich dagegen schon, schauen Sie mal hier auf meinen Grill:


Just kidding. Sind Wachteln, keine Frösche. Die habe ich vergessen zu fotografieren.

Und was ist mit Foie Gras? Ja gerne. Am liebsten warm, kurz (ganz kurz) angebraten. Oder auf einem warmen Toast. Ob das Gänsefolter ist oder nicht, interessiert hier keine Sau. Mich übrigens auch nicht. Gut, jedes Stück fettgestopfte Gänseleber verkürzt ein menschliches Leben um etwa eine Woche und kostet darüber hinaus enorm Karmapunkte, aber ehrlich, das ist es wert.

Das alles wird sich der Deutsche natürlich nicht mehr lange mit anschauen. Dieses Lotterleben. Die Völlerei. Die Nachlässigkeit. Die Ignoranz. Die Freude. Die mangelnde Ernsthaftigkeit. Diese unerträgliche Missachtung protestantischer Prinzipien, der Askese, der Suche nach dem besseren Ich, des reinen Gewissens, der Moral. Das muss wegmissioniert werden, notfalls gesetzlich. Und wenn man Gängelei durchsetzen möchte, geht das heutzutage am besten über die EU, dem ungeliebten Kind, auf das man alles abschieben kann, mit dem man sich nicht selbst die Finger schmutzig machen will.

Also, Franzose, gewöhn' dich schon mal dran. Ich biete gerne ein Praktikum in Prenzlauer Berg, damit du dich einstimmen kannst. Acht verschiedene Mülltonnen, mit Hand ausgespülte Joghurtbecher, damit sie von der Wirtschaft besser verarbeitet werden können, fünf verschiedene Flaschen, deren Pfand in fünf verschiedenen Läden eingesammelt werden muss, weil jeder einen verbrieften Grund hat, die anderen vier Flaschen nicht anzunehmen, keine Froschschenkel und definitiv keine Foie Gras, es sei denn, Sie können sich das KaDeWe leisten, da müsste man mal schauen, vielleicht gibt es sie da noch. Ballyho, und den Roquefort verbieten wir auch gleich mit. Denken Sie an die Seele der armen Schimmelkulturen.

Alors, amusez-vous bien en enfer.


Donnerstag, 25. September 2014

Grusel mich doch, Schönefeld


Wir werden hier in Berlin noch einige Zeit etwas vom guten alten Flugplatz Schönefeld haben - inklusive seines Sauftouristenbombers easyjet, der hier ein ganzes Terminal belegt. Witze über den nie fertig werdenden neuen Flughafen werden auch langsam schal, je länger das Elend andauert. Dass diese Stadt nichts kann, weiß man inzwischen auch in Tokio, Alabama und Archangelsk. Mitleid hat den Hohn ersetzt.

Immer wenn ich von hier abfliegen muss, fällt mir wieder die grau-neblige Aura des Kalten Krieges ins Auge, die das Areal nebst Umfeld immer noch im eiskalten Griff hat, und ich rechne immer noch jeden Augenblick unterbewusst damit, dass entweder Breschnew oder Arafat müde mit greiser Faust aus der goldfensterverkleideten Lounge grüßen.

Weil ich heute das komplette Gruselkabinett dieses anachronistischsten aller Flughäfen dieses Kontinents (danach kommt Paris-Orly, ich erwarte dort immer jeden Moment irgendwelche Revolutionären Zellen, die irgendwelche Geiseln genommen haben und Pamphlete verteilen, die keiner versteht) haben will, gehe ich zu Cindy's Diner.

Kennen Sie Cindy's Diner? Das ist diese furchtbar klischeeschwitzende Ami-Fastfoodbude, bei der verstrahlte Touristen verstrahlte Schnappschüsse schießen. So gesehen finde ich den Deppenapostroph des Ladens hier schon wieder konsequent, auch wenn es sehr weh tut.

Dieser Laden spielt, falls Sie das auch mal ausprobieren möchten, die unangefochtene Referenzrolle für den schlechtesten Burger der Region. Schlechter geht nicht mehr und wird nie wieder gehen, es sei denn, ich lege einen halbaufgetauten Tiefkühlbratling auf ein zwei Tage altes Brötchen, ertränke es in Mayo und lasse das Gesamtkunstwerk mit einem Stück durchgeweichtem Eisbergsalat drei Tage im Mauerpark in der Sommersonne durchgaren. Nächstes Mal trinke ich einen lauwarmen Topf Fonduefett, der Effekt dürfte Cindy's Erlebni's sehr nahe kommen.

Und weil das alles nicht reicht, wird mir der ganze Scheiß von einer zugehackten Brandenburger Dorfpomeranze mit zentimeterlangen quietschbunten Pornoschaufeln an den Fingern serviert, die verachtungsvolles Desinteresse nicht nur vortäuscht, sondern von Herzen lebt. Kaugummikauend. Dieser ganze Laden ist eine Kriegserklärung an den guten Geschmack und potenziert meinen Schmerz über die Tatsache, dass Schönefeld noch länger als notwendig offen bleiben muss.

Kurz darauf fliege ich mit easyjet.


Fragen Sie mich nicht nach den Gründen, ich mag nicht drüber reden. Sprechen wir dafür kurz einmal eine Binsenweisheit aus: Die Arschgeigendichte ist auf den Flügen von easyjet vergleichsweise hoch, weil jeder Bauer-sucht-Frau-Zuschauer und jeder Bild-Leser, dessen Sinn für zivilisiertes Verhalten noch nicht mal bis zum Eichstrich seiner Sternburg-Pulle reicht, ein Flugzeug dieser Fluggesellschaft besteigt. Keine Ahnung, warum es sich hier konzentriert, aber es ist so.

Und da sitzen sie dann rotgesichtig schwitzend und saufen wie die Deppen in ihren Bumsbombern nach Ibiza oder Malle als wenn es morgen keinen Pfirsichlikör mehr gibt, andere fallen wie die Heuschrecken in ahnungslose Städte wie Mailand, Nizza und Barcelona ein und geben dort dem Bild des hässlichen Deutschen mit ihren billigen bunten Sonnenhüten, Bermudashorts, Sandalen mit Tennissocken und der hinlänglich bekannten großen Fresse unaufhaltsam neue Nahrung.
Aber auch schon während des Flugs laufen sie sich warm, treten von hinten gegen die Lehnen, krakeelen, pöbeln, rülpsen, verschütten ihren Fusel und stopfen ihre stinkenden fünf Doppel-Whopper mit Käse in sich rein, die sie sich aus dem Schönefelder Transitbereich mitgebracht haben, um nicht das obszön überteuerte Designfood im Flugzeug kaufen zu müssen.

Der Deppentransport funktioniert natürlich auch in umgekehrter Richtung. In Friedrichshain versuchen die Asozialen aus aller Herren und Damen Länder, von easyjet via Schönefeld zum Pub Crawl in Berlins Touristensaufmeile Nr. 1 gekarrt, gar nicht erst Stil und Contenance zu wahren und kotzen schon weit vor Mitternacht die Bürgersteige voll bevor sie ihr seelenloses Hotelzimmer im Generator-Hotel am S-Bahnhof Landsberger Allee auseinander nehmen und damit das Bild vom hässlichen Deutschen im Ausland - keineswegs zu meiner Beruhigung - ein wenig relativieren.

Danke, easyjet, für die für 19,99 Pfund aus Manchester hierher gekarrten brüllenden Engländer mit ihren vom Wodka geröteten Pickelgesichtern, die aus dem Generator-Hotelzimmerfenster Hitlergrüße Richtung S-Bahnhof imitieren, danke für die Skandinavier, die auf die Jägermeisterflasche auf dem Bahnsteig pissen, nachdem sie feststellen mussten, dass diese ums Verrecken nicht kaputtzuschlagen ist, danke für die vielen pubertären Hirnkrüppel aus aller Welt, die hier freidrehen, weil hier der Vollsuff nebst Flug dahin so billig ist und in Berlin alles das möglich ist, wofür sie zuhause für eine Nacht in einer Ausnüchterungszelle verschwinden würden, die diese Stadt offenbar in die Hauseingänge der bemitleidenswerten "Szenekieze" outgesourcet hat.

Die Opas, die sowieso schon seit Jahren wie Zentrifugen in ihren wurmstichigen Särgen vor sich hin rotierten, krächzen nun ohne Unterlass im Kanon: "Das gab es aber früher nicht." Yup, das ist so. Es wird eben nicht immer alles nur besser. Tourismus zum Beispiel. Von Schönefeld.


Mittwoch, 24. September 2014

Lass mal netzwerken - Links vom 24. September 2014


Bissken wat zu lesen:

Stützen der GesellschaftDer richtige Kampf gegen Stalking mit falschen Waffen
Ein weiser Text mit den richtigen Schlussfolgerungen. Wenn Sie bloggen und dabei auch eine Position statt nur allgemein akzeptierter Floskeln vertreten, werden Sie sehr schnell welche finden, die diese Position nicht teilen. Eine Minderheit davon wird Sie nicht mit Argumenten, sondern auf der persönlichen Ebene zu bekämpfen versuchen. Und wenn Sie bekannt genug sind, wird eine Minderheit von dieser Minderheit versuchen, Sie für Ihre Position zu vernichten.

Sheng FuiAsylanten-&-Flüchtlinge-Bullshit-Bingo
Diskutieren Sie noch mit diesen Leuten? Ich nicht, ich rede nicht mehr, ich nehme nur noch hin, ich mag nicht mehr. Diskutieren Sie noch? Ja? Dann spielen Sie doch nebenher dies hier, das macht die Situation vielleicht erträglich.
(via Kraftfuttermischwerk)

LeitmediumVideostreaming ist kaputt. Danke für nichts – Netflix, Apple, Amazon, Google, Sky und Telekom
Viel Wahres über die Geburtsschwierigkeiten einer Branche, die sich neu erfinden muss. Mich nervt es auch, vor allem Watchever war eine ziemliche Enttäuschung. Streaming wird deutlich komfortabler werden müssen, wenn es sich durchsetzen soll. Irgendwann wird einer kommen und wird es einfach machen. Hoffentlich nicht schon wieder Amazon.
Moneyquote: "Gerät-Zoo".

Das HerrenzimmerDer "Scheiß des Monats"
Heute schon Homöopathie gebasht?
(via Tano)

Das HerrenzimmerWenn Cat und Cohen drohen
Oder Cohen, wobei ich den nicht bashen würde, da gibt es weit Schlimmere. James Blunt zum Beispiel. Musik für Foltergefängnisse.
Gibt es eigentlich noch Kuschelrock-CDs? Ohne die ging früher nichts, aber das ist vielleicht auch eine Generationenfrage.
(und nochmal via Tano)

stadtkindFFMToilet Art: Rest Room Gallery – App für Kunst aus dem Scheißhaus
Muss ich haben, nur Toilettenkunst ist wahre Kunst.

Noch mehr Kunst:

Neue KunstspaziergängeStadtspaziergänge in Magdeburg (14)
Toll, da hat mich einer als Vorlage für eine Skulptur genommen - nach einer Flasche Pfeffi auf dem Partyklo.

Und noch ein Spaziergang, dieses Mal in Köpenick:

radiotelefonBerliner Sommer: Stadterkundung in Köpenick
Wenn ich Prenzlauer Berg irgendwann auch mal verlassen muss, dann ziehe ich nach Köpenick, ehrlich.

Der Spaziergänge nicht genug:

zeilentiger liest kessellebenSnippets from London. Ein Dezemberspaziergang (Teil 4)
Sehr spazierganglastig heute, da müssen Sie jetzt durch. Mir ist nach Zerstreuung.

Amélies BlogAbschied
Ein sehr sentimentaler Paketzusteller sagt laut Tschüss.

meta bene#205
Autsch.

Hunger. Kann mir jemand ein Kaninchen abknallen? Headshot bitte, ich brauche unversehrte Keulen.

Männer unter sichMänneressen: Langsam geschmortes Kaninchen in Weißbiersauce mit Kräutern – nach Nigel Slater

Montag, 22. September 2014

Samstag, 20. September 2014

Ick un indisch


Irgendwo im kulinarischen Dunst zwischen Treptow und Kreuzberg gibt es einen Inder, da sitzt nie einer drin. Nie. Den Inder gibt es da seit Jahren und er bietet jeden Mittag tapfer ein Mittagsgericht an, aber da sitzt nie einer. Keiner geht da hin. Zumindest sah ich da nie jemanden. Seit Jahren. Trotzdem macht der jeden Tag wieder auf. Was ist da los?

Manchmal packt mich der Wahnsinn. Ich muss dann da rein in solche Läden. Um die Ecke gibt es Pizza, die Hütte ist voll, scheint gut zu sein, aber ich will zum Inder. Weil da nie jemand ist. Ich will es wissen. Ich muss da wirklich rein. Was machen die da drin?

Na los doch, jetzt geb' ich mir den Mist, denke ich, und da kommt auch schon der Eisbergsalat.


Ich wusste, dass er kommt und hier ist er auch schon. Stilecht mit einem geschmacklosen Tomatenschnitz und Hengstenberg Weißweinessig. Ich weiß, dass es Hengstenberg ist, denn ich putze damit meine Badewanne, wenn der Oxit Cilit Bang Mega Total Harpoone FlicFlac Booster PowerPro Double Crunch mit SchimmelEx-Funktion, den es immer bei Lidl gibt, alle ist.

Ich bekomme vorab eine Suppe, eine Currysuppe - natürlich - mit irgendwelchen Klumpen, die sich wie Mehl zum Eindicken anfühlen. Oder wie Brotkrumen, Crème fraîche-Nester, Grippeauswurf, Nasenkotelett, vollgesogene Tampons, was weiß ich denn, aber das ist es natürlich nicht, es schmeckt anders, schon wie was zu Essen irgendwie, zumindest versuche ich mir das einzureden. Die Cola ohne Kohlensäure (dafür mit Eis) hilft beim Runterspülen der kruden Gedanken. Ein paar verwegene Blubberbläschen halten ganz unten links im Glas noch die letztlich unhaltbare Stellung, aber deren Ende ist absehbar. Leitungswasser wäre frischer gewesen, aber wer möchte schon wirklich wissen, was dann kommt, wenn man es bestellt.


Warum muss indisch so oft aussehen wie Dünnes morgens nach einer Nacht voller Jägermeister, Pfeffi und dem prekären Schnitzeldöner nach Mitternacht (weil der Drehspieß immer schon leergefressen ist)? Ein Lammcurry ist es. Die Karte bietet irgendwas um die 3.000 Gerichte auf, ich habe wahllos eines aus der Mitte herausgegriffen und es steht nach vier Minuten auf dem Tisch. Ich habe kurz eine Mikrowelle in der Küche bingen gehört. Respekt. In vier Minuten aufgetaut. Dafür schmeckt es scheiße. Das Fleisch ist zäh. Sehnig. Knorpelig. Das ganze Machwerk ist nicht scharf. Ich habe keine Ahnung was das soll.

Wahrscheinlich war es das einzige Lammcurry, das seit Jahren unten in der Truhe darauf wartet, dem Gewerbeaufsichtsamt als Beweis der Betriebsamkeit vorgeführt zu werden.

Und jetzt habe ich es gegessen.

Jetzt müssen sie ein neues machen.


Die Matrone in ihrer speckigen Schürze lächelt verwegen, als die Hälfte zurück geht und ich endlich zahlen möchte. Ich frage nicht nach einem Espresso, denn ein Red Bull vom Späti nebenan tut es auch. Das ist ein krasser Laden, er macht krasse Sachen und ich bin heute wieder schlauer geworden. Warum hier keiner sitzt, wird mir bewusst, als ich eine Fuhre Crème fraîche mit einem kleinen Knorpelstück zurück ans Tageslicht rülpse und der Magen eine Runde Saures spendiert.

Pay peanuts, get monkeys. So ist das hier. Es ist wieder soweit. Unsinn gefressen. Für Unsinn bezahlt. Und den Namen des Lokals vergessen. Hindu Tempel. Ganesha. Mubai Express. Taj Mahal. Irgendsoetwas aus der überschaubaren Namenstombola für blöde indische Restaurants. Ballyho.

Was bleibt?

Reis.

Am Ende bleibt Reis.



Donnerstag, 18. September 2014

Wenn die Geier zittern...


Wenn ich eines erlangt habe in den letzten zehn Jahren, dann ist es die Erkenntnis, dass je mehr die Finanzgeier vor etwas zittern, desto besser ist es für die breite Mehrheit der einfachen Menschen. Vorsicht ist nur geboten, wenn sie sich über irgendetwas freuen. Dann kommt nie was Gutes nach.
unbekannter Trinker an der Theke des Offside im Wedding

Planieren, planieren, Hauptsache planieren


Eine Kreuzung eines der weniger privilegierten Kieze Prenzlauer Bergs vor etwa einem Jahr:


Übel. Ein ziemlich fieses Beispiel vergammelter Infrastruktur. Ich war mal in Usbekistan. Da sah der Asphalt besser aus. Berlin Berlin. Die Schlaglöcher nach einem beliebig fiesen Winter werden hier frühestens zum Mai zugekippt, die schrägen Poller erinnerten eher an das fiese Gebiss meiner Deutschlehrerin und die Parkmarkierungen muteten eher an wie das Gekrakel von meinem Kind, wenn es versucht, ein A zu malen.


Dann schien Rettung in Sicht. Das örtliche Internet-Käseblatt vermeldete Ende letzten Jahres die baldige Sanierung des Kacklochs. Platzartiger sollte es werden. Aha.

Kürzlich lief ich dran vorbei und habe die Sanierung nur dadurch bemerkt, dass ich nicht mehr in ein Schlagloch getreten und auf die Fresse gefallen bin wie vor einem Jahr noch.

Herausgekommen ist das da:


Sehen Sie einen Unterschied? Ja, schon. Ein bisschen. Der Asphalt ist jetzt glatt. Und die Platten auf dem Platz sind es auch. Das Unkraut ist weg. Und sonst? Planiert. Komplett planiert. Grau grau in grau. Sogar die beiden Bäume, die Sie oben noch auf dem Bild sehen können, sind weg. Platzartiger, soso. Immerhin, jetzt ist es einer. Irgendwie. Zwar ohne alles, aber ein Platz. Von Aufenthaltswert war ja nicht die Rede. Parkbänke anyone? Neue Bäume? Ein bisschen Grün? Einen Brunnen erwarte ich ja schon gar nicht mehr.

Nichts zu sehen von allem, was einen ordentlichen Platz ausmacht, einfach nur planiert und eine Fahrradsalafistenschneise (in anderen Bezirken Zebrastreifen genannt) auf die Straße gemalt.

So machen sie es heute. Billig. Billig. Begradigen. Planieren. Mehr muss nicht. Keine Ideen. Keine Vision. Kein Konzept. Keine Empathie. Nicht einmal für eine Kunstinstallation irgendeines Schwippschwagers des Bezirksbürgermeisters, die ich im Zweifel sowieso wieder nicht verstehen würde, hat es gereicht.

Meine Stadt. Ein wahrlich würdiger Weltmeister (hallo Deutschlehrerin, schnipp schnipp, schauen Sie mal, ich kann auch Alliterationen) darin, immer noch eine Spur öder zu werden.

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Nachtrag: Das bessere Lokalmagazin spricht von einer Steinwüste. Sehr passende Metapher.