Mittwoch, 16. April 2014

Yesterday Sir Henri saved my life


Friedrichshain. Kurz vor eins mittags. Mein weißes Hemd ziert ein Streifen Sojasoße quer über die Brust - ein ausladend breiter Streifen, der das Betreten des Borgwürfels für das nächste sinnlose Meeting der versammelten Luftschaufler, Bullshitbingoausrufer und Worthülsenwerfer in exakt einer Dreiviertelstunde nicht zulässt, ohne dass ich mich unverzüglich, nachhaltig und endgültig auf die Liste derer setze, die bei nächster Gelegenheit beruflich gebolzenschusst und durch eine der jungen Berufsanfängerinnen ersetzt werden, die auf Fehler wie solche warten, um meinen Platz einzunehmen. Was? Junge Männer? Haben wir kaum noch. Sind zu schlecht in der Schule. Und zu schwach im Studium.

Eine Dreiviertelstunde habe ich Zeit, mich neu einzukleiden. Hier ist Friedrichshain, das kann nicht so schwer sein, also laufe ich die Boxhagener hoch, finde aber nur unzählige Coffeshops, Touristenfallencurrywürste, Idiotencocktailbars, Kaffeetantencupcakeläden und ranzige Spätkäufe sowie einen Ökoklamottenladen, der Schafswollekleider, Holzpellet-BHs und Dinkelmehlkernblusen verkauft und hinter dessen Schaufenster eine pausbäckige glückliche Sennerin irgendetwas näht. Sie ist glücklich. Ich nicht. Ich bin gestresst. Denn der Scheiß, den sie verkauft, passt zu überhaupt nichts und schon gar nicht zum Anzug. Ich sehe damit aus wie Fräulein Rottenmeier im Einreiher. Oder wie ein Transvestit ohne Geschmack, der heute alleine nach Hause gehen will.

Halbe Stunde noch. Der Puls steigt. Nervosität greift um sich. Den Sojastreifen kann ich noch nicht einmal mit der Krawatte verdecken, der ist einfach zu breit. Verdammter Sushiroller. Was dreht der das Inside-Out auch so, dass es nach dem Bad in der wasabigetränkten Sojapampe erst dann auseinander fällt als es sich kurz vor dem Mund in Höhe des Hemdkragens befindet, wonach es sich todesmutig auf meine Brust warf.

Ich sehe es kommen, ich werde der Typ mit dem sojabewichsten Hemd sein, über den sie noch in zehn Jahren reden werden, wenn es den Laden überhaupt noch so lange gibt. Sie werden über mich reden wie über den Typen mit dem Monsterpopel, der diesen Powerpoint-Vortrag vor drei Jahren gehalten hat und über den niemand mehr etwas weiß - außer dass ihm beim Vortrag dieser Höllenpopel aus der Nase bis in den Oberlippenbart hing und es jeder gesehen hat. Pasulke. Petruschke. Pomerenke. Keine Ahnung wie der hieß. Alle nennen ihn nur den Popelmann, so wie ich in ein paar Minuten der Sojawichsemann sein werde.

Ich ächze, ich schnaufe, der Rücken ist schon leicht feucht. Panik kommt auf. Das wird hier in der Boxhagener nix mehr. Also rüber in die Grünberger, rein in einen blöden T-Shirt-Laden mit blöden T-Shirt-Dödelspruch-Motiven. Arschlecken. Ja, ich nehm' jetzt auch ein T-Shirt. Die Krawatte steck' ich dann eben in die Tasche. Mache auf leger. Kommt cool. Geht auch. Wenn die Frauen im Sommer in Flip Flops ins Büro kommen dürfen, werde ich doch mal die Krawatte weglassen dürfen. Doch - oh nein! - es gibt nur Shirts für Debile: "Ick bin Balina!" steht da. Drunter der scheiß Wappenbär. Oder hier: "Berlin-Prenzlauer Berg" in Fraktur. Ja, ganz bestimmt laufe ich damit rum. Damit jeder weiß, dass ich aus dem peinlichsten Bezirk der Stadt, der Lachnummer Eins aller Ortsteile noch vor Dahlem, komme. Wedding 65. Das wäre halbwegs cool. Aber das haben sie natürlich nicht. Dafür "Berlin bleibt hart". Auch toll. Warum nicht gleich ein Konterfei von Bushido? Weg mit der Krawatte, her mit Haftbefehl. Und dann rappe ich während meines Statusberichts eine Runde "Chabos wissen wer der Babo ist". Und zur Zeile "Saudi Arabi money bitch" fasse ich mir in den Schritt, drehe an meiner Brustwarze und hole mir kurz darauf in der Verwaltung meine Papiere ab. Supergeil, damit sprenge ich das ganze sinnlose Meeting in einer Weise, die mich unsterblich macht, und werde die coolste Sau des Borgwürfels. Die Azubis werden mich feiern. Und das Jobcenter mir einen Ein-Euro-Job aufs Auge drücken, wenn ich als Unvermittelbarer ein Jahr später in die Grundsicherung falle. Halleluja.

Weg hier. Nicht mal ein unbedrucktes T-Shirt haben sie am Start. Nur Idiotensprüche für Touristen, die damit in Pforzheim-Buckenberg beim Frühschoppen der Jungen Union im katholischen Gemeindezentrum angeben können. Ick bin Balina! Hahaha Hirntote. Weg hier. Was bleibt mir? Keine Zeit. Keine Zeit. Krankmelden. Herzinfarkt vortäuschen. Kurz in den Görli rüber, ein paar Psilos fressen, dann ins Urban einliefern lassen. So ein Attest von da macht bestimmt Eindruck. Glaubwürdigkeitsfaktor 100. Damit könnte ich durchkommen. Nur schnöde Kopfschmerzen bringen's nicht. Ich sitze sonst mit den schlimmsten Suffkatern der Welt im Büro. Das nimmt mir keiner ab.

Zwanzig Minuten noch. Sir Henri. Second Hand. Steht da. Ich resigniere vorauseilend und überlege, was mich hier erwartet. Hells Angels-Kluft? Rosa Tütü? Ein perlenbesetztes Elvis-Hemd mit Stehkragen? Stöckel und Strapse? Ein Pandabärkostüm?

"Guten Tag, ich brauch' ein Hemd. Uni. Farbe egal außer rosa. Zahle jeden Preis."

"Hier, wie wär's mit dem? Levis. Weiß. Body Fit. 20 Euro."

"Her damit."

"Tschüss."

"Tschüss."

Sehr schön. Passt. Nicht so ganz billig. Dafür Levis. Und meetingtauglich. Besser als mein alter sojasoßenbewichster H&M-Schrott, den ich auf dem Weg zur Warschauer in den nächsten Mülleimer haue, von wo ihn wahrscheinlich ein findiger Geschäftsmann rausfischt, in die Kochwäsche wirft und bei Sir Henri für 20 Euro an den nächsten Verzweifelten vertickt.

Mir egal. Alles egal. Fuck you all. Taxi! Das Meeting kann kommen. Ich bin noch im Spiel. Noch kriegt ihr mich nicht.

Montag, 14. April 2014

Statt Schnöselställen


Immer nur in den Schnöselställen Prenzlauer Bergs zu essen, nervt auf Dauer. Zeit, sich zu erden. Und dabei hilft Kreuzberg immer noch so gut wie kein anderer Bezirk, wenn man nicht unbedingt zum Heizspiralbehälterbockwurstessen zum S-Bahnhof Wartenberg möchte.

Falckensteinstraße. Studentenstrich. Hostelmeuten. Saufspanier. Mein Kundentermin. Gleich muss ich wieder Dinge erzählen, von denen ich erschreckend wenig Ahnung habe, das aber möglichst seriös, vertrauenserweckend und mit der Mimik desjenigen, dem man sowieso alles glaubt, weil er über 30 ist, einen Anzug trägt und sich rasiert hat. Ich weiß wie das geht. Nicht zu viel Eau de Toilette, ruhig reden, die Hände bei mir lassen, Kopf ein wenig senken, aber nicht so sehr, dass es verschlagen wirkt. Sicherheit ausstrahlen. Kompetenz. Ruhe. Vertrauen Sie mir, ich bin der Mann, der zwar auch nicht weiß was er tut, aber Hauptsache Sie glauben das. Sicherheit. Kompetenz. Ruhe. Vertrauen Sie mir, ich mach' das schon. Irgendwie.

Showtime. Das kann man tatsächlich lernen. Ich kann das besonders gut, wenn ich gegessen habe. Voller Magen schafft Zufriedenheit schafft Showbühne. Wenn also noch kurz was zu Mittag einwerfen, dann jetzt.

Und das Volk ruft: Ne Kantine! Wie unsere Kantine! Aber in gut!

Thymian nennt es sich. Man stellt sich an, zahlt, nimmt seinen Teller, setzt sich nach hinten oder raus, isst und stellt seinen Teller danach in den Geschirrwagen.

Und das Volk ruft: Ne Kantine! Wie unsere Kantine! Aber in gut!

Das, was man hier bekommt, schmeckt wider Erwarten richtig gut, frische Zutaten, egal was man bestellt, frisches Gemüse, dick geschnitten, knackig, frisch, fein, prima, ich sah nie Dosendreck, nie Fleischabfall.

Und das Volk ruft: Ne Kantine! Wie unsere Kantine! Aber in gut!

Es ist solide. Nix Durchgeknalltes. Nix Nouvelle Cuisine. Nix Basilikumschaum. Nix Trend. Keine Studentenburger, keine Hipsterkuchen, keine verkrachten Künstlersuppen.

Und das Volk ruft: Ne Kantine! Wie unsere Kantine! Aber in gut!

Günstig isses auch. 5 bis 7 ist die Preisspanne. Und den Preis immer wert.

Und das Volk ruft: Ne Kantine! Wie unsere Kantine! Aber in gut!


Klar, eine Monsterportion. Dicke Bretter. Da freut sich der Lichtenberger Gerüstbauer. Ja da isser wieder. SP, bist du noch dabei?

Und das Volk ruft: Ne Kantine! Wie unsere Kantine! Aber in gut!

First in, first out, Gone in 10 minutes. Wenn schnell, dann hier. Weil gut. Ich bin präpariert.

Und das Volk ruft: Unsere Kantine! Brennt nieder unsere Kantine! Tötet Mama Miracoli! Nie wieder Erascos Leipziger Allerlei! Reißt zu Poden die Soßeneimer! Zerfetzet die Bockwürste und füsiliert die Formschnitzel! Hinfort die Kautschukpuddings! An die Wand die Terror-Dichtungsschaum-Grießbreie! Hurra! Hurra!


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Aldemirs Thymian
Falckensteinstraße 7
Kreuzberg

Sonntag, 13. April 2014

Einmal um Stralau herum


Ach Stralau.

Ach Stralau.

Was soll das denn?


Townhäuser. Stadthouses.


Fegefeuer der Eintönigkeit. Die Parzelle quadratisch abgegrenzt. Maschendrahtparadies. Bäume mit Zettel.


Kästen. Schließfächer. Eines wie das andere.


Hier soll irgendwo ein Kleinwagen sein. Ich seh' nix. Nur Schachbrett.


Besser umdrehen. Zum Wasser hin. Da hinten am Horizont fangen sie auch schon damit an.


Mit dieser öden Einfallslosigkeit. Norm. Norm. Norm. Und jeder nur 6,38 qm Vorgarten bitte. Parzelliert.


Alles so neu. Und doch so fad. Langeweile als Vorsatz. Gut für die Rente. Rentner. Wo sind die eigentlich?


Ah hier. Mit Bank.


Manchmal lassen sie sich was einfallen, die Architekten.


Dann gesellt sich etwas Blech zum Beton.


Blech. Beton. Zum Glück gibt es auch Bäume. Daran kann man sich aufknüpfen, wenn man die betongewordene Ödnis nicht mehr erträgt.


Symmetrie als Fetisch. Kein Mensch hier.


Wenigstens das Wasser ist noch nicht aus Beton. Ich bin schon froh für wenig.


Heimat. Berlin. Der sieht so aus als stünde der schon lange hier. Als hier noch nichts stand.


Es gibt sie aber noch, die verwunschenen Ecken.


Und ein alter Speicher, der heute schon nicht mehr so aussieht. Inzwischen ist hier Prosecco. Vernissage. Lautes Lachen. Stilettos. Geld. Soft. Soft. Loft. Ick hör dir...


Hinsetzen. Dem Beton den Rücken zukehren. Wie es ihm zusteht.


Dann zu die Augen. Brise fühlen.


Und wieder die Augen auf.


Raumschiff Stralau. I want to believe.


Doch Stralau kann auch grün.


Noch mehr grün. Und Poller. Je oller desto ... nein, tu's nicht.


Noch mehr grün. Wieso streicht denn keiner die Bänke? In Grau wär' doch schön. Oder in Blech.


Ein Plattenbau! Und das hier in Townhouseland. Fast freu' ich mich! Na wenigstens taugt er noch als Mobilfunkmaststandort.


Die Zielgruppe manifestiert sich. Mit eigenem Anleger. Abgeschlossen. Separiert. Mit Warentrenner. Respektive Zaun.


Und Stuhl.


Schöne.


Promenade. Die mal unterbrochen war. Weil ein Querulant den Uferweg nicht freigab. So sah das aus:


Niemand hat die Absicht, ...


... einen Uferweg zu blockieren. Doch die Stadt war pfiffig, umging ihn erst mit einem Steg und ein wenig später haben sie ihn gebeugt. Der Weg ist jetzt frei.


Ein paar Meter weiter erhebt schon wieder ein Bunker sein hässliches Haupt. Diese Ansammlung von Glas und Beton auf dieser Halbinsel ist ein Panoptikum des schlechten Geschmacks. Wir laufen heute durch Marzahn und das Märkische Viertel und fragen uns, wie man das zulassen konnte. Das werden die nachfolgenden Generationen auf Stralau tun.


Können Wurzeln eigentlich Beton sprengen?


Kann man Wurzeln einmauern?


Mal die Bullen im Bullenboot fragen.


Hey Kalle!


Du warst ja auch schon hier!


Jetzt umzingelt man dein Denkmal mit cremefarbenen Townstadthäusernhouses. Und du bist nur noch Beiwerk. Folklore in der Pastellhölle.


So wie der alte Ost-Platten-Neungeschosser, der inzwischen demontiert und neu verkleidet worden ist. Appartements, Eigentum. Mit Buchtblick. Kaufen Sie jetzt.


Der Blick schweift nach gegenüber. Ich weiß nicht was schlimmer ist. Das hier oder Brache. Ist es so schwer geworden, schön zu bauen?


Und das hier? Hat Nordkorea auf Stralau ein Konsulat eröffnet?


Oder ist das ein Jugendknast mit Aussicht?


Arme Dora Benjamin. Sie rotiert wie eine Zentrifuge im kalten Grab.


Und hier. Das ist schon kein Bauhaus mehr, das ist Körperverletzung. Für die Augen. Sinne. Verstand.


Schon wieder Rechtecke. Schon wieder schwarz. Schon wieder weiß. Man muss schon froh sein, wenn es kein Pastell ist.


Was? Hier ist noch nichts betoniert? Das geht aber nicht.


Ah, hier ist er auch schon, der Hai. Und er hat seine Exposees dabei.


Und hier ist auch schon der schlimme Bäcker.


Und daneben der schlimme Pizzabäcker.


Ich muss weg. Wo geht's bitte zur Oberbaumbrücke?


Danke. Ich hätte mich sonst verlaufen. In der Betonwüste.


Schüss ...


... schüss ...


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Alte Bilder von 2012 neu vertextet. Fand ich zu schade zum Wegwerfen.