Sonntag, 30. August 2015

Wenn das Schauspiel spricht




Ich bin Schauspielerin, sagt sie. Stimmt, jetzt als sie es sagt, kann ich ihr Gesicht einordnen. Déjà vu. Sie hat mal in einem Tatort mitgespielt. Einem mit Til Schweiger, mutmaße ich in mich hinein. Vielleicht eine Leiche. Oder eine Bettgeschichte.

Ich frage sie nach ihrem Namen. Den Tatort, in dem sie mitgespielt hat, werde ich später ergoogeln. Sie ist hübsch, jung, ein Charaktergesicht, sie könnte glaubhaft eine spielen, die ein Psychoproblem mit sich führt. Eine ideale Dramabesetzung. Kaputte Beziehung, Magersucht, Selbstmordversuch, Messerattacke, geschlossene Anstalt, dann wieder vorsichtiges Zurücktasten ins Leben. Katzen natürlich. Und ein Kratzbaum. Unbeantwortete Anrufe. Regenspaziergänge. Bis zum nächsten Niederschlag, der sie zuletzt stärker macht. ZDF-Fernsehfilm-Stoff. In Ansätzen sozialkritisch, aber immer mit Happy End. Zuversichtlicher Blick in einen Sonnenuntergang. Hoffnung muss bleiben. Und am Schluss der Kuss. Und endlich eine starke Persönlichkeit. Hochzeit vielleicht. Kleines Glück auf jeden Fall. Für die, die nicht resigniert, sondern wieder aufsteht. So inszenieren sie die Dinge fürs Fernsehen.

Wo wohnst du, fragt sie. Die Wohnortfrage kommt inzwischen schnell bei solchen Zufallsgesprächen mit Fremden. Zu wenig Angebot in der Stadt. Zu viel Nachfrage. Und im Ergebnis der Preis. Primat des Markts. Die Situation beschäftigt die Menschen, weil sie ein elementares Bedürfnis berührt. Das Dach. Über dem Kopf.

Prenzlauer Berg, sage ich.

Da habe ich auch mal gewohnt, Knaackstraße Ecke Prenzlauer, lacht sie kurz. Aber ich bin weggezogen. Wegen der Schwaben.

Jetzt lacht sie nicht mehr.

Ich hake nach. Das interessiert mich. Sie sieht nicht aus wie eine, die Ressentiments pflegt. Sie sieht nicht aus wie eine Xenophobe. Gut, schwer zu sagen, wie sieht so jemand heute schon aus. Optik ist inzwischen gar nichts mehr. Nazis stecken in keimigen Hoodies, akkurate Skins in Hemden hängen bei der Antifa ab. Optik ist nichts mehr.

Alle sind weggezogen, die ich mochte, schiebt sie nach. Und gekommen sind Schwaben. Immer Schwaben. Wie eine Flut. Besser wie eine Pest. Und dann konnte ich die Wohnung nicht mehr zahlen.

Jetzt lacht sie wieder. Ein bitteres Lachen wie aus einem dieser Dramen, in denen in sie sehe.

Meine Frage, woran sie es festmacht, dass es immer Schwaben sind, überhört sie. Wir bestellen noch einen Bourbon mit Ginger Ale nach. Kurzes Schweigen. Eines von der Sorte, dem etwas Schweres nachfolgt. Ein Schweigen wie Luft holen.

Man kann da nicht mehr wohnen, stellt sie fest. Müsste sie, wenn sie im Tatort mitspielt, nicht genug verdienen, um in Prenzlauer Berg wohnen zu können, denke ich kurz, befürchte aber dann, sie meint es nicht nur finanziell.

So viel verdient man als Schauspielerin nicht, dass man sich Prenzlauer Berg noch leisten kann, sagt sie nun. Sie hat meine Frage erraten. Ich will das Thema auf die Schauspielerei lenken, Theater, Film, das nächste Projekt, doch das Gespräch bleibt an den Schwaben hängen. Die hätte keiner gerufen, sagt sie. Was die hier wollen, rätselt sie. Dabei sind es bei weitem nicht immer Schwaben, es sind Franken, Bayern, Westfalen, Amerikaner, Russen, Franzosen, Griechen, immer öfter Skandinavier, doch darum geht es gar nicht, es geht nicht um Herkunft, ging es nie, es geht um die Systematik, die Dynamik, mit der ein Bevölkerungsteil ausgetauscht wird, durch den freien Markt im Immobiliensektor, ungezügelt durch eine ignorante Politik, die das Problem - je nach Vorzeichen - jahrelang wahlweise verschlafen oder gefördert hat und nun, wenn die gesunde Mischung am endgültigen Kippen ist und zwei Monokulturen mittendrin sind, sich am S-Bahn-Ring voneinander zu trennen, hektisch versucht, eine Entwicklung zu beeinflussen, die unumkehrbar geworden ist.

Natürlich geht es nicht um Schwaben, es geht um Verdrängung. Durch die, die das Geld dafür haben und es für sich einsetzen, rücksichtslos, sicherlich, so wie Geld immer eingesetzt wird. Gegen andere, die wenig Geld haben und deshalb ihr Zuhause nicht mehr bezahlen können. Ja, es geht um das Zuhause. Und Entwurzelung davon. Mit Zwang. Ökonomischen Zwang. Ein Austausch von Menschen mit den Waffen des Stärkeren, vulgo: des größeren Einkommens. Luxussanierung. Kiezaufwertung. Teure Dinge in den Schaufenstern. Befriedung. Lustig ist das nicht, schon gar nicht für den, der gehen muss.

Nein, es sind nicht die Schwaben. Schwaben sind nur die Metapher geworden für einen Prozess, der dieser Stadt weh tut, der zu vielen Menschen weh tut und sie tun das, was einfache Menschen immer tun, wenn ihnen etwas weh tut: Dem Aggressor ein Gesicht geben. Im Zweifel ein ethnisches.

Das sage ich ihr auch. Alles. Aber das ficht sie nicht an. Sie beginnt ihre Leier von vorn.

Es sind immer Schwaben. Ich hasse die. Sagt sie. In Stein gemeißelt. Sprüche wie Brandenburg. Sachsen. Nur dass dort die Rollen anders besetzt wären und der Schwabe ein Türke. Oder Pole. Rumäne. Flüchtling. Allein die Systematik ist die gleiche: Die verticken alle Drogen. Die klauen alle Autos. Die kaufen alle Wohnungen auf.

Sie ist hübsch. Sie ist jung. Und so vernebelt wie ich es nur Jugendlichen nachsehe, die noch nicht wissen, dass die Wirklichkeit immer komplexer als die einfachste Lösung ist. Sie versteht mich nicht. Es harmoniert nicht. Unser Gespräch gerät ins Stocken und wir schauen schon seit ein paar Minuten zwischen den Sätzen aneinander vorbei, so wie man es tut, wenn man gerade gemeinsam das Ende einer Konversation einleitet und nur noch einen Anlass sucht. Ich wende mich nur wenig später einem anderen Gesprächspartner zu, zeitgleich mit ihr. Sie redet nun über das harte Los als Schauspielerin auf kleinen Bühnen und mit kleinen Rollen zu winzigen Gagen. Ich erzähle irgendwas über Kalbsnieren und wo man in Prenzlauer Berg welche bekommen kann.

Ich bestelle mir noch einen Bourbon mit Ginger Ale. So sind sie. Die Menschen geben sich gerne einfache Antworten. Sie geben sich Scheißantworten. Die die Dinge vereinfachen. Greifbar machen. Runterbrechen. Weil Menschen das tun. Immer schon. Und es kommen immer neue nach. Auch heute habe ich es wieder nicht geschafft, jemanden davon zu überzeugen, dass die allzu schlichte Denke zu nichts führt. So ist das. Geht mir öfter so.


Freitag, 28. August 2015

Versteh ick nich




Hier. Den Scheiß können Sie bei Lidl kaufen.



Ein Hitzeschutz-Spray für die Haare. Aktivschutz bis zu 200° C.

Okay, die Frage liegt wohl jedem, der seinen Verstand noch nicht versoffen hat, quer im Hals und droht ihn zu ersticken: Wer braucht einen 200° C - Aktivschutz für seine Haare? Vulkanforscher? Felix Baumgartner beim Wiedereintritt in die Atmosphäre? Sauron? Meine Sardellenpizza im Backofen, deren verbogene Sardellengräten aussehen wie ein Iro und unbedingt vor der Backofenhitze geschützt werden müssen?

Ja doch, ich habe die Scheiße gegoogelt. Sie können ja alles googeln heute, es gibt keine Geheimnisse mehr, inklusive der Frage, wer Hitzeschutz-Spray bis zu 200° C braucht:

Es sind Leute, die ihre Haare mit einem Glätteisen ... na? ... glätten.

GoFeminin hat mich folgendermaßen erleuchtet:

Wenn man seine Haare mit einem Glätteisen glättet, dann auf jeden Fall "IMMER" ein Hitzeschutzspray verwenden !!! Die Inhaltsstoffe legen sich schützent um das Haar und verhindern auch das fliegen der Haare !!!

Sehr schön. Danke. Besser hätte es auch ein Zweijähriger nicht formulieren können. Und Ausrufezeichen und sinnlose Anführungsstriche gab es heute bei H&M kostenlos an der Kasse zu einem Trägertop und einem Paar Flip Flops. Blep Blep. Und wenn Sie sich wie ich diesen ganzen Thread bis zum Ende durchlesen, werden Sie sich einen Atomschlag wünschen. Einen flächendeckenden. Der nix auslässt. Das ganze Arsenal bitte. 70 Jahre Frieden sind einfach genug.


Donnerstag, 27. August 2015

Lass mal netzwerken - Links vom 27. August 2015




Im Freibad Plötzensee das Buch "Arbeit und Struktur" von Wolfgang Herrndorf zu lesen verursacht mir ein Gefühl als würde ich stalken.

Die Links. Read this:


NeusprechGeldgeber
Oh. Sie nennen Spekulanten nicht mehr Spekulanten.

KiezschreiberKapitalismus ist doof
Bier war geil. Sushi auch. Nur der Kapitalismus nervt.

opablogGestern habe ich Ralph Boes am Pariser Platz besucht
Sanktionshungern.

hartelinieDie Mondfahrt der Rente
Der Versicherungsfall.

erzaehlmirnixScheiß Gutmensch
Die Menschenfeinde haben auch Internet.

YouTubeDas wird man wohl noch sagen dürfen - #mundaufmachen - Circus HalliGalli
Sie können Joko und Klaas bestimmt sehr viel vorwerfen, aber nicht, dass sie keine Haltung haben. Es ist nicht das erste Video dieser Art, in dem sie eine klare Kante zeigen. Im Moment brennt fast jeden Tag eine Flüchtlingsunterkunft. In solchen Zeiten braucht es eine klare Kante. Nazis raus.

Andere sind bewundernswert praktisch unterwegs:

Lucie Marshall3 pakistanische Jungs bei uns
Helfen Sie. Es gibt viel zu tun. Und klar können Sie über Ihr gutes Werk reden (oder schreiben). Sie können es aber auch lassen.

Helfen geht zum Beispiel hier:

Moabit hilft
Pankow hilft
Flüchtlingspaten Syrien
Flüchtlingshilfe Berlin
Hellersdorf hilft
Willkommen in Reinickendorf
Willkommensbündnis Steglitz-Zehlendorf
Willkommen in Wilmersdorf
Willkommen im Westend
Unterstützerkreis Rahnsdorf

Nix in Ihrer Nähe dabei? Googeln Sie einfach. Geht ganz schnell.

So. Kommen wir kurz mal zu den Spinnern:

shifting realityBurka für alle!
Talibanisierung. Was da unter dem Label Social Justice Warrior als links daherkommt, ist gar nicht links, sondern erzreaktionär und die Tatsache, dass diese Gestalten jede halbwegs ernst zu nehmende Opposition fast schon generalstabsmäßig zersetzen, lässt fast schon Absicht dahinter vermuten. (via Che)

Und sonst so?

Studio GlummDu bist so kalt
Da ist nicht nur die Tür kaputt.

StadtkindKonsumopfer campen vor dem Foot Locker auf der Zeil
... um ein paar Turnschuhe zu kaufen.

kubiwahngehen - laufen
Hier schreibt eine Stockente ein Nordic Walker, der denkt, dass Läufer kein Lachen unterdrücken, wenn sie ihm begegnen. Doch. Tun wir. Wir sind nur sehr gut im Lachen unterdrücken. Zuhause lachen wir dann laut.

neues aus der roiberhöhle“Eß’ Wurst- ich oder Käse-Brot?”
Ein Wurstautomat. Aus Sachsen.

Vilmoskörtes BlogGrüße aus Schilda
Wenn Psychopathen Schilder aufstellen.

Experimente aus meiner KücheKönigsberger Hackpfanne
Geil. Studentenessen.


Dienstag, 25. August 2015

Cyprus Chill: Nachgeburt




Egal wie gut Sie sich im Urlaub erholt haben: Wenn Sie in Schönefeld landen, bekommen Sie sofort schlechte Laune.

Unmittelbar nach Verlassen meines Flugzeugs bildet sich eine schönefeldtypische Einrichtung: Eine Menschenschlange. Meine ist für die Passkontrolle. Warum das? Hat die Troika Zypern aus der EU gekickt oder haben sie mal wieder Schengen  - die einzige Errungenschaft, die die EU überhaupt noch sympathisch wirken lässt - wegen akuter Hysterie vor irgendwas außer Kraft gesetzt?

Egal. Weiter geht es mit stoischem Warten von entnervender Dauer, neben der schieren Hässlichkeit einer der Kernkompetenzen Schönefelds: Sie warten immer auf irgendwas. Und zwar lange. Damit es sich lohnt. Bei mir ist es jetzt das Gepäckband. Hier in Schönefeld brauchen die Schlümpfe für das Gepäck eine schlappe halbe Stunde und das für die lausigen 20 Meter, die ich vom Flieger hierher ans Gepäckband gelaufen bin. Und weil das noch nicht nervend genug ist, fertigen sie dann gleich drei Flüge auf einem Gepäckband ab, so dass Zustände entstehen wie in Prenzlauer Berg, wenn ein neuer Bioladen aufmacht und das vegane Rührei aus aufgeschlagenem Sojaeiweiß zusammen mit einem Topf Kresse im Sonderangebot ist.

Dieses perfekte Chaos unmittelbar nach meiner Landung aus Zypern hat zur Folge, dass ich die letzte S-Bahn verpasse, die heute nacht noch von Schönefeld abfährt, was aber nicht schlimm ist, weil - wie ich durch ein heimtückisch versteckt gelegenes Schild an irgendeinem Nebenausgang erfahre - heute sowieso nichts von Schönefeld fährt, da die S-Bahn Berlin wieder wegen irgendwas einen Teil ihres Betriebs eingestellt hat. Keine Wagen. Keine Zugführer. Keine Lust. Kaputte Weichen. Kaputte Signale. Menstruation. Wechseljahre. Einfach Boykott. Oder pure Resignation. Auch egal. Sie fährt nicht. Natürlich nicht. Hier ist Berlin, hier fährt nix und hier geht auch nix. Der letzte Regionalzug Richtung Innenstadt ist auch schon weg. Totentanz. Last Exit Schönefeld. Hier fährt ganz einfach gar nix, ich sitze am Stadtrand der deutschen Hauptstadt und hier geht schon um kurz nach Mitternacht nix mehr.

Und weil Schönefeld immer noch ein wenig beschissener als jeder durchschnittliche überlaufene Verkehrsknoten sein möchte, gibt es zu wenige Taxen für die Nicht-Kunden der nicht fahrenden S-Bahn, so dass Sie um Mitternacht an dieser Witzfigur von Flughafen dumm in der Gegend rumstehen wie um Mitternacht auf dem Acker von Bauer Mette in Rudow. Da kommen sie genauso gut weg. Weil auf dem Acker auch zu wenig Taxen sind. Nur mit dem Unterschied, dass auf dem Acker von Bauer Mette keine Flugzeuge landen. Zumindest keine mit mir drin. Ha Ho He. Willkommen in Berlin. Nix geht hier. Gar nix. Gehen Sie doch zu Fuß, wenn Sie von hier weg wollen. Ist uns doch egal. Freundliche Grüße. Ihre Verwaltung einer nicht funktionierenden Stadt.

Dieser Flughafen ist jetzt schon in dieser kleinen Ausgabe ein Trauerspiel. Wie soll das mit der größeren Version nur laufen, mit der sie sich gerade nebenan schon vor der Eröffnung vor dem ganzen Land zum Gespött machen? Nein. Aus. Weg. Konsequenterweise müsste man diese ganze vollkommen verschlumpfte Stadt planieren, abreißen, einstampfen und dann ganz neu aufbauen - mit Personal, das weiß, wie ein Gemeinwesen effektiv und funktionabel organisiert werden muss ohne dass die Menschen vor Hass die verantwortlichen Technokraten an den Straßenlaternen baumeln sehen möchten. Mein Berlin. Ich will hier endlich mal Leute, die was können. Profis. Also Chinesen. Oder Koreaner. Oder Zyprioten. Hey, in Larnaca beim Hinflug war mein Gepäck vor mir am Band. Vor mir! Respekt. Und Berlin, ach Berlin, das hier an diesem räudigen Irrenhaus von Flughafen ist nicht nur eine ganz andere Liga, das ist eine ganz andere Galaxie. Das ist servicemäßige Bezirksklasse F. Die Thekenliga, aus der keiner mehr absteigen kann, weil es bereits der Keller aller Ligen ist, in der die Besoffenen mit Bierpulle auflaufen und im Mittelkreis vor dem Anspiel ihre Kippe ausdrücken. Hier ist Schlumpf. Hier ist Hauptstadt. Hey, Berlin. Warum gehst du nicht nach Hause und gibst jedes Spiel 0:3 verloren? Das erspart uns gleich von vorneherein die Hoffnung darauf, dass es jemals besser werden wird.

Oder reiß dich einfach ab. Ja. Einreißen. Planieren. Einstampfen. Teeren. Federn. Auf einem Balken aus der Stadt tragen. Weg damit. Diese Stadt kann gar nix. Und ich fürchte das wird sich nie ändern.


Montag, 24. August 2015

Cyprus Chill: Kulturpenetration




Wenn Sie mit dem Gedanken spielen, auf Zypern einen Guide zu buchen, der Sie mit der Hauptstadt Nikosia bekannt macht, dann achten Sie darauf, dass es kein verkrachter Historiker ist.

Verkrachte und gescheiterte Akademiker sind schlimm. In jeder Disziplin. Denn sie müssen ums Verrecken beweisen, dass sie es können, dass sie es besser können als alle anderen, dass sie zu Unrecht gescheitert sind. Dass es die äußeren Umstände waren, die sie haben scheitern lassen, und nicht eigenes Unvermögen. Und die damit einhergehende Selbstgerechtigkeit kann schnell sehr unangenehm für die werden, die dann, wenn das Klagelied herausbricht, zufällig in der Gegend herumstehen.

In der Teeküche vom Borgwürfel sehe ich ab und zu mal einen verkrachten und gescheiterten Akademiker stehen, ranzigen Automatenkaffee saufen und lamentieren. Meist ein Befriedigend-Jurist aus der Juristenschwemme bundesdeutscher Drittklasseunis, der es nicht mal in den Öffentlichen Dienst, sondern nur zu uns geschafft hat. Und dann steht er da und jammert, dass er hier und nicht in einer Premiumkanzlei am Kurfürstendamm arbeiten muss, wo er seiner Ansicht nach hingehört, wenn nicht dieser härteste Professor Europas und ausgerechnet dieses verdammte Wohneigentumsrecht im Staatsexamen gewesen wäre, mit dem sie ihm vorsätzlich das Genick gebrochen haben. Dieser willkürliche Unbill des Schicksals hat ihn hierher gebracht, in einen mies bezahlten Zeitvertrag, aus dem nie eine Festanstellung wird. Weil aus Zeitverträgen bei uns nie eine Festanstellung wird. Weil immer ein neuer Befriedigend-Jurist in einem schlecht sitzenden Anzug auf dem abgeschabten Teppich in der Lobby steht und rein will.

Diese Leidenschaft, unverschuldet Opfer zu sein, findet sich inzwischen immer weniger bei denen, die wirklich Opfer sind, sondern umso ausgeprägter in jenen mittleren bis gehobenen Schichten, mit denen ich es zu tun habe. Niemand ist mehr für etwas verantwortlich. Am allerwenigsten für sich selbst. Immer sind es die Umstände. Katastrophen. Unvorhergesehenes. Böser Wille anderer. Nie eigenes Unvermögen. Bequemlichkeit. Der selbstgewählte einfache Weg. Das fängt schon bei den Azubis an, die sich bei uns bewerben. Fünf in Mathe? Wie kommt das? Na klar: "Der Lehrer konnte mich nicht leiden." Ach so, na wenn es nur der Lehrer war, sind Sie auf jeden Fall prädestiniert für eine kaufmännische Ausbildung. Das hat mich überzeugt. Ich stelle Sie sofort ein. Hier ist Ihr Ausbildungsvertrag."

Mein verkrachter Historiker hier in Nikosia ist ein wandelndes Zahlen- und Faktenlexikon. Er dekliniert wahllos irgendwelche Ereignisse der europäischen, orientalischen und amerikanischen Geschichte anhand der Nummern der Autokennzeichen, die zufällig den Weg der bunten Gruppe kreuzen, die sich heute hier zusammengefunden hat, um in diesem Hitzesmog von Nikosia nicht orientierungslos unterzugehen. Schweizer. Österreicher. Kölner. Bayern. Alles dabei. Nur keine Ossis. Außer mir, dem Berliner.



Der Historiker gibt seine Vita zum besten. Schnell wird klar, dass das Leben ihn beschissen hat. Als Akademiker gestartet, dann türkische Besatzung, gefolgt von einer korrupten griechisch-zypriotischen Oligarchie, die ihn nicht einließ, weil er niemanden mit gutem Leumund als Bürgen benennen konnte, den man hier - so sagt er - für den Zugang zur öffentlichen Verwaltung zwingend benötigt. Und jetzt, zuletzt: Fremdenführer. Weit unter seiner Würde. Manche, die weniger können als er, sitzen jetzt in der wuchernden Verwaltung Nikosias und werden langsam durch Nichtstun reich, während er als Guide durch die Gluthitze laufen und von den Brosamen der Touristen leben muss. Das sagt er. Genau so. Nur um hinterher zu schieben, es nicht persönlich zu meinen. Die Einzelheiten seiner Lebensniederlage zu vermitteln ist ihm so wichtig, dass er sie vier Mal in unterschiedlichen Situationen aufwärmt. Wobei mein Bedauern bereits nach dem zweiten Mal versiegt. Zu viel Lamentieren macht mieses Karma. Ob berechtigt oder nicht ist nach der dritten Elegie egal. Auch mir. Empathie erschöpft sich nur, wenn sie strapaziert wird.



Hannibal. Sokrates. Moses. Platon. Alexander. Christoph Kolumbus. 620 vor Christi. 234 nach Christi. 252. 118. 720. 1618. Ich habe schon nach wenigen Minuten den Faden verloren und dämmere vor mich hin wie im Sozialkundeunterricht, wenn die Theorie einer Gewaltenteilung durchgesprochen wurde, von der ich als Teenager schon wusste, dass sie in der Praxis keine Rolle spielt.

Von Nikosia sehen wir nicht viel. Zuerst stehen wir eine Stunde in einer prunk-protzigen orthodoxen Kirche herum, während der Historiker eine Freske nach der anderen durchnimmt. Abendmahl. Judas. Petrus. Auferstehung. Kreuzweg. Es sind 16 Fresken. Die alle erklärt werden müssen. Denn der Historiker ist nicht nur Historiker, sondern auch noch streng religiös. Hier sehen Sie Jesus beim Füßewaschen. Hier segnet Jesus die Geldwechsler. Und hier. Jesus isst. Und zwar Brot. Bibelzitate folgen Bibelzitaten. Bereits nach zehn Minuten Bibelstunde läuft mir ein Sabberfaden aus dem Maul, nach 15 Minuten dämmert mir das Hirn. Würde man mir jetzt die Hirnströme messen, müsste ein Arzt mich für klinisch tot erklären.



Da wusste ich noch nicht, dass satte zwei Stunden in Zyperns Nationalmuseum folgen würden, sonst hätte ich mich heimlich durch das Klofenster irgendeiner Souflakibutze in eine der engen Altstadtgassen abgesetzt und hätte die Stadt verlassen. Verkleidet. Auf einem Esel.

Im Museum sehe ich nun auch die ehemals hoffnungsfrohen Gesichter der anderen Touristen langsam einschlafen. Denn der Historiker kaut jede Figur durch, jeden antiken Teller, jede Maske, jeden Tonkrug. Und ich sterbe hier. Es ist die Kulturhölle. Armageddon. Ein Inferno aus Zahlen und Fakten, eine erbarmungslose Stalinorgel aus zähestem Fachwissen. Wussten Sie, dass Alexander der Große eine Schwester hatte, die Thessaloniki hieß? So wie die Stadt. Und Zypern hat eine Terrakottaarmee. Wie China. Und jeder war schon hier. Römer. Karthago. Syrer. Türken. Vor Wien. Seitdem gibt es dort Kaffeehäuser. Und Butterhörnchen. Was zur Hölle erzählt der da?

Wir haben ein Arschloch in der Gruppe. Es ist der Kölner. Der ist so pervers und gibt ihm immer wieder Stichworte. Stachelt ihn an. Hinterfragt. Ergänzt. Weiß auch viel. Sie liefern sich Diskussionen. Mit Sicherheit ist der Typ Lehrer. Geschichte und Deutsch. Oder noch besser: Sozialkunde. Persien. Hannibal. Gewaltenteilung. Bla bla. Ich habe keine Ahnung, worum sich ihre Dispute drehen und ich sehe, dass es allen anderen auch so geht. Mein Hirn wird zu Brei. Klinisch tot. Ich sag's ja.

Wenigstens gibt es Sonnenräder. Die holen mich aus dem Wachkoma.



"Jetzt was, was Ihr Deutsche kennt. Kuckt hier." haut er raus. Na klar. Deutsche. Hitler. Jaja. Mumpf Mumpf. Lecker Hakenkreuze. Kenn' ich schon. Especially for you Germans.

Viel besser ist das hier ...



... hihihi Penis! Ich verliere langsam den Verstand. Nicht mehr lange und ich unterhalte mich mit irgendeiner Büste über das letzte Metallica-Konzert.

Mit der hier zum Beispiel. Ein Hipster. Mit Dutt! Dafür ohne Bart.



Oh mein Hirn. Unwillkürlich haben wir anderen, die seit über einer Stunde flakfeuerartige Kulturpenetration erleiden, die keine Gefangenen nimmt, ein Agreement getroffen: Wir wechseln uns beim Zuhören ab, damit jeder mal eine Auszeit nehmen kann. Zum um die Ecke gehen. Mit dem Smartphone daddeln. Facebookstatus aktualisieren. Hirn wieder zusammensetzen. Oder einfach nur um aus einem Fenster den Straßenverkehr Nikosias zu betrachten. Weil das spannender ist als der unglaubliche Monolog des Wissensmonsters.

Als ich den schweizer Teenager ablöse, der gerade für zehn Minuten die Schicht von der mit toten Augen in eine antike Münzsammlung stierenden Bayerin übernommen hat, grinst der mir dankend zu und murmelt was von "Isch dr Wohnsinn.", was ich mit "Ick jeh kaputt." kontere und dann klatschen wir tatsächlich ab. Leidende in Geiselhaft. Not schweißt zusammen. Nach zwei Stunden sind alle außer dem Lehrer zu nichts mehr zu gebrauchen. Es fällt kein Wort mehr. Apathie. Boredom. Geistige Windstille. Pure Depression.

Das Interessanteste in diesen zwei Stunden Museum neben Swastikas, Hipsterdutts und unbeschnittenen Penissen habe ich bei einer Auszeit auf dem Scheißhaus entdeckt:



Eine Scream-Maske als Pissbecken. Hammer. Ich könnte ausrasten. Das ist Kunst!

Im Angesicht einer weiteren Kirche, vor der der Guide damit beginnt, die 30 verschiedenen Statuen an der Fassade durchzunehmen, setze ich mich tatsächlich ab. Ich habe noch was vor. Ich muss den Autoverkehr von Nikosia beobachten. Brumm. Brumm. Wache auf, Hirn, wache auf. Ich möchte dich auslöffeln.


Samstag, 22. August 2015

Cyprus Chill: Grenzgänger




Ich kann Ihnen empfehlen, auf Zypern ein Fahrzeug zu mieten, um die Insel zu erfahren. Bleiben Sie nicht in der Hotelanlage. Wenn Sie sich jeden Tag die internationalen Vollhonks reinziehen, die hier am Pool ihre soziale Inadäquatheit zelebrieren, werden Sie unweigerlich debil.

Die Insel lebt in einer militärischen Zwischenwelt. Ein komischer Zustand. Ein Waffenstillstandszustand. Das merken Sie schon am Duktus der Schilder.




Auf meinem Weg begegnen mir verschiedene Player im Konflikt. Türkisches Militär. Britisches Militär. Vereinte Nationen. Und nirgendwo darf ich fotografieren. Ständig kommt irgendein UN-Philippinier/Rumäne/Costa Ricaner daher und kackt mich an, dass ich nicht fotografieren darf. Kann ich doch nix dafür, dass ich die vergilbten Schilder nicht verstehe.



Ich kann nämlich leider kein Englisch, zumindest nicht wenn es auf Schildern steht, und dass da ein altertümlicher Fotoapparillo, der aussieht wie ein umgekippter Pylone, durchgestrichen ist, kann ja auch bedeuten, dass die Farbfilme für die Rentnerbusse, die auch hier sinnlos um die Sehenswürdigkeiten rumkurven und immer mal wieder ihre fürchterliche Socken in Sandalen tragende Fracht auskotzen, ausverkauft sind. Oder es bedeutet, dass Pylonen einfach verboten sind. Wegen Verletzungsgefahr. Oder EU-Richtlinien.

Ich bin ja manchmal so schwer von Begriff, ich Tourist. Und deshalb habe ich mir eine Gehirnamputiertenfloskel zurecht gelegt, wenn die Blauhelme doch mal etwas ungemütlicher werden: "Oh sorry, I'm just a tourist, I have no idea of all that political stuff. Thank you for the advice, Sir. Have a nice day." Und sobald er sich umdreht, schieß ich noch ein Ding. Und dann noch eins. Ugga Ugga. Die Vereinten Nationen trollen. Die Welt schickt nämlich auch hierher die Besten der Besten der Besten. Sir. Überbezahlte Frühstückssoldaten. Partykrieger. Gartenzwerge. Aufgeblasene Ordnungshüterdarsteller, die sich gegenüber Zivilisten gerne wichtig tun, aber im Ernstfall die ersten sein dürften, die auf einen Baum klettern. Es fällt mir schwer, nicht zu lachen, wenn einer der Lamettafreaks in weißem Ornat auf mich zugewackelt kommt und in seiner zu groß geratenen Kapitänstracht versucht, böse zu wirken. Mir fehlt es da automatisch an Respekt. Hier, bitte, knips as knips can:






"Stop! No photo!"

"Oh, sorry, Sir, I'm just a tourist, I have no idea...blabla."

Aber natürlich fotografiere ich immer weiter. Ich bin EU-Bürger, im Zweifel bezahle ich den Popanz hier mit meinem Soli, den sie nach Brüssel überweisen, wo er dann über Umwege via irgendwelche UN-Sicherheitsetats hier landet, oder einfach direkt aus dem Bundeshaushalt überwiesen wird, egal, was weiß denn ich. Spielt auch gar keine Rolle, denn im Knast lande ich für die illegale Knipserei sowieso nicht. Offenbar ist Situation inzwischen so entspannt, dass es nicht nicht lohnt, sich für einen Honk mit Spongebobkäppi und vergammelten Chucks auf einem Buggy mit der Bundesrepublik Deutschland anzulegen. Hier, noch mehr Fotos, trollolo, bitte:





Zypern zeigt mir schmerzhaft plastisch, wie scheiße Nationalismus ist und wohin er führt. In den blauen und roten Ecken dieses Boxrings von Insel kauern zwei Volksgruppen, die seit Jahrzehnten auf diesem völlig zerrissenen Landstrich nicht in der Lage sind, gleichberechtigt zusammen zu leben, weil immer einer versucht, den anderen zu übervorteilen, wenn er Oberwasser hat. Es ist armselig.

Doch der Nationalismus hat nicht nur hier überwintert. Er ist woanders auch wieder da. Schleichend. Quer durch Europa. In den meisten Ländern sind es Parteien, die ihn vorantreiben. In Deutschland sind Parteien verpönt, die die Nationalkarte ziehen, also übernimmt das die Presse. Sie trommelt für die Regentin und gegen alle, die die Regentin nicht mag, Russen, Griechen, jede Opposition, die sich noch nicht in die Meinungsfront eingereiht hat, und alle machen mit, vom Boulevard ("Pleitegriechen, verkauft doch eure Inseln") bis zu den Bürgerlichen ("Hausaufgaben nicht gemacht"). Und der Mob saugt den chauvinistischen Subtext auf, fühlt sich bestätigt und zündet gleich wieder die Gebäude der Allerschwächsten an, die in der irrigen Annahme, Hilfe zu finden, mit nichts in der Hand an Europas Küsten landen. Ekelhaft. Das ganze Klima ist ekelhaft. Dass die Nationalkarte, die wieder Konjunktur bis weit in die Mitte hat, gar kein Trumpf ist, sondern nur zu verfahrenen Situationen und ganz vielen Verletzungen führt, die über Generationen alles vergiften, was eine Gesellschaft zusammenhält und zuletzt sowieso auf den zurückfällt, der sich für erlesener hält als andere, können Sie hier in Zypern live, direkt und ungeschönt erfahren. Nationalismus ist scheiße und er führt zu nix. Immer.




Zyperns bekannteste Geisterstadt, die untergegangene Bettenburg von Varosha, kann ich nur von weitem sehen, weil uns mehrere Lagen Natodraht und ein viel zu weit entfernter Checkpoint trennen und ich außerdem nicht glaube, dass das türkische Militär so viel Spaß versteht wie die Zipfelmützen von der UN. Mitten in den Bau von Teilen dieser Bettenburg fiel die Invasion der Türkei, so dass die ganzen Rohbauten so stehen blieben wie sie in dem Moment dastanden als keiner mehr weiterbauen konnte. Inklusive eines Baukrans. Da hat einfach jemand die Zeit angehalten. Ich wäre gerne hingefahren. Ging nicht.



Habe ich eigentlich wirklich jemals über das mobile Internet in Brandenburg geäfft? Zypern ist die digitale Hölle, sobald Sie das kostenpflichtige Hotel-WiFi verlassen. Mit Glück haben Sie ab und zu in kleinen Zivilisationskorridoren 3G oder H und können irgendwas im Browser aufmachen (oder Kommentare freigeben, wenn Sie bloggen). Nutzen Sie das. Halten Sie an. Holen Sie die Informationen, die Sie brauchen, denn bald haben Sie wieder G. Ja, G. Das Letzte vom Letzten vom Letzten. E wie in Brandenburg kennen die hier gar nicht. Und G ist sogar noch Gold, denn meistens haben Sie hier gar kein mobiles Internet. Null, Nix, Njente, weil die Mobilfunkwaben vor lauter Touristen einen Burn out haben. Nix. Über weite Landstriche. Kein Internet. Hölle gefriere zu.





Dann betrete ich in Nikosia über einen der wenigen Checkpoints den türkisch-zypriotischen Teil der Insel, der mir bisher nur durch offensiv beflaggte Militärposten auf irgendwelchen Hügeln mitten im Nichts auffiel.

Die Gesellschaft jenseits der Fenceline ist sichtbar ärmer im Vergleich zum griechisch-zypriotischen Teil, deren Fußgängerzone mit McDonalds, Subway, KFC und - kuckuck Prenzlauer Berg - einem Laden für Birkenstockschuhe daherkommt wie die einer normalen westlichen Großstadt. Sie können hier den ganzen Shit kaufen, den Sie überall und vor allem auch zuhause bekommen. Langweilig.




Die Pufferzone zwischen dem griechischen und dem türkischen Landesteil heißt hier in Nikosia drastischer als auf dem Land "Verbotene Zone" und die Warnungen vor ihr kommen ungleich bedrohlicher daher, was mich jedoch auch nicht davon abhält, Fotos zu machen. Dennoch: So narrenfrei und sicher wie auf der anderen Seite fühle ich mich instinktiv nicht mehr.







Ich bin von griechischer Seite mehrmals gewarnt worden. Auf der türkischen Seite werden sie mich über den Tisch ziehen. Neppen. Schleppen. Bauernfangen. Meine Euro nehmen und mir Türkische Lira andrehen. Nass machen. Ausplündern. Entführen. Und außerdem operiert hier ISIS ungestört. Es bestehe Gefahr. Die ganze türkische Seite bedeute Gefahr. Niemand sollte dort hingehen. Man rät mir ab. Insistiert. No good. No good. You should not go there.



Die türkische Seite sieht vergleichweise abbruchartig aus, aber ich mag das ja. Berlin sah ja vor der Goldgräberstimmung auch mal so aus. Toll. Und sie sind auch auf dieser Seite der Insel alle nett zu mir. Klar, denn ich bin ja auch nett und habe extra, so wie ich das immer mache, wenn ich im Ausland bin, einige Brocken Smalltalkscheiße in der jeweiligen Landessprache (hier: türkisch) auswendig gelernt, was bis auf die sowjetesk-mürrischen aber unverschämt schönen türkischen Grenzerinnen alle, mit denen ich zu tun habe, sichtbar freut. Kioskbesitzer. Falafelverkäufer. Mokka. Hummus. Coca-Cola. Alles gut. Keiner neppt mich. Keiner nimmt meine Euro und gibt mir dafür türkische Lira Retour. Keine Entführung und ISIS hat sich auch versteckt. Wie man in den Wald reinruft und so vielleicht, keine Ahnung. Nett hier, ich glaube, ich muss mal in die Türkei. Da war ich nämlich noch nie. Als ehemaligem Neuköllner erschien mir das nie fremd genug.




Und dass ich das einzige feministische Statement der Insel ausgerechnet auf der türkischen Seite zu Gesicht bekommen würde, hat mich ebenso kalt erwischt wie der ganze entgegen der Unkereien erfreulich gemütliche türkische Teil der Insel. 



Vorurteile? Propaganda? Gibt es hier auf der Insel eine Menge. Es gilt wie immer: Machen Sie sich frei davon. Es lohnt nicht.

Und für den Fall, dass Sie sich fragen, wo denn die ganzen Polenmärkte abgeblieben sind, die bis in die Nullerjahre die Enricos und Scheyennes im deutschen Osten glücklich gemacht haben: Die sind jetzt in Nord-Nikosia.



Hilfiger. Porsche. D&G. Armani. Rolex. Und wenn sie fragen, haben sie bestimmt auch noch Böhse Onkelz-Bootlegs. Und Landser oder so. Wie früher in Słubice hinter der Stadtbrücke Frankfurt/Oder.

Soweit bis hier. Raus aus dem Resort. Fahrtwind wehen lassen. Ein wenig Freiheit atmen. Ich kann nicht ohne. Wenn Sie hier die tausendste Abhandlung über den inseleigenen Nationalitätenkonflikt oder gar eine Positionierung erwartet haben, dann tut mir das nicht leid. Lesen Sie Wikipedia. Da steht das alles. Ich will das nicht abschreiben. Und positionieren können Sie sich selber, wenn es unbedingt sein muss.

So. Jetzt noch Bonusmaterial:



Der Verkehr auf Zypern ist erschütternd entspannt. Auch wenn Sie nicht allzu oft im Linksverkehr fahren, bereitet Ihnen das hier keine Probleme. Die Leute rasen hier nicht, sie drängeln hier nicht, sie hupen nicht einmal. Ich bin hier der Hooligan. Ich quäle den Buggy auf 90 km/h und überhole alles, was von meiner Warte aus über die Insel kriecht, darunter mehrere Kleinlaster, einen UN-Konvoi und einige jugendliche Mopedfahrer. Ich bin so deutsch, dass es quietscht. Gib mir PS und ich terrorisiere die Überholspur. Furchtbar.



In Zyperns Bussen feiern die grauenhaften Teppichmuster der 80er ihre Auferstehung. Dort sind die also hin, hab' mich schon gewundert.



Es folgt Romantikcontent. Für ein erfolgreiches Date kommt ja wohl nur das hier in Frage:



Säufercontent. Sie verkaufen hier Bowmore. Die Freude ist groß.



Streetartcontent.




Und weil es immer so gut ankommt, zuletzt noch etwas Antifa-Content aus dem griechischen Teil von Nikosia: