Donnerstag, 30. Juli 2015

Wacken 2015 - Matsch, Helga und ein Mettbrötchen




Wacken 2015. Es hat die ganze Nacht geregnet. Das ist gut. Ich schlafe immer sehr gut, wenn es regnet. Das hat was von weißem Rauschen. Die Schwaben nebenan hören Dimmu Borgir. Das harmoniert gut mit dem Regen.



Wenn Sie unbedingt Stille zum Schlafen brauchen, sollten Sie nicht auf dem Zeltplatz in Wacken übernachten. Es ist nie ruhig. Nicht eine Minute. 1 Uhr. 2 Uhr. 5 Uhr. Immer passiert irgendwas. Mucke. Klirren. Würgen. Gegröhle. Einer brüllt "Wackööööööööön!" oder natürlich "Helgaaaaaa!" Some things never change. Einer lief mit dem Kopf gegen meinen Bulli. Ding Dong.



Mich stört das nicht. Ich habe in Berlin nachts besoffene Irre vor der Haustüre, die Helene Fischer singen. Ich habe das durchgeknallte Arschlochkind nebenan, das seinen Hausrat gegen meine Schlafzimmerwand wirft. Die Technoschlampe von oben. Irgendwelche Schnepfen, die unter meinem Schlafzimmerfenster in nöligem Tonfall die Probleme mit ihren immer fürchterlichen Kerlen wälzen. Nur die Bullen kommen nicht mehr so oft wie früher. Zumindest kommen sie ohne Martinshorn. Das war zu Zeiten der vietnamesischen Zigarettenkriege noch anders (die 90er. Erinnert sich noch wer?)

Hey. Schauen Sie mal das da:



Sie können hier in Wacken hoffnungslos verschnöseln. Kein Bock auf bis zum Bersten zugeschissene Dixiklos? Darf es morgens eine Dusche sein? Schön warm? Ja? Ich mache das. Natürlich mache ich das. Ich kaufe mich ein. Was? Der Geist von Wacken? Geht kaputt? Was für ein Geist? Und was geht er mich an, wenn ich eine echte saubere Kloschüssel haben kann, die eine Zierde für meine Arschbacken sein möchte?

Aber - keine Sorge - es geht immer noch ein Stück schnöseliger:



Was ist das? Ein getarnter Goldbarren? Ein Nacktscanner? Irgendwelches NASA-Equipment? BND-Überwachungstechnik? Nein, eine Powerbank mit 52800 mAh. Die lädt Akkus auf. Immer wieder. Tage- vielleicht sogar wochenlang. Was ist das bequem. Ich habe immer Strom am Start für die chronisch schwachbrüstigen Geräte, die sie uns verkaufen.

Parallel zu meiner Verschnöselung schreitet die Verprenzelbergisierung von Wacken voran:



Sie bekommen jetzt auch Caramel Macchiato. Yolo. Das Erscheinen der Sojamilch ist nur noch eine Frage der Zeit. Wann. Nicht ob.

Ich halte mich lieber an ein Bauarbeiterfrühstück:



Festzuhalten ist: Wacken kann nicht nur Kaffee, sondern auch amtliche Mettbrötchen. Ich habe mir übrigens eine Karotte aus meinem Kühlschrank zuhause eingepackt, bevor sie vergammelt. Und sie wird das einzige Gesunde sein, das ich im Rahmen meines meines Aufenthalts hier zu mir nehmen werde.

Um die Frage aller Fragen zu beantworten: Warum bin ich eigentlich schon seit Dienstag hier? Hier, deswegen:



Die Schlange für die Bändchen. Ein feuchter Traum für jeden Schlangensteher (gibt es solche? Gibt es bestimmt, es gibt alles). Genau jetzt bricht das System Wacken zusammen. Die Leute warten Stunden für das Bändchen. Ich derweil, der ich schon gestern eingecheckt habe, kann jetzt rein, denn sie öffnen Wacken offiziell:



Huhu. Gibt es denn auch Musik am offiziellen ersten Tag? Gibt es. Traditionell spielt heute überwiegend die siebte beziehungsweise die achte und neunte Garde. Schülerbandmucke. Minderheitenzeug. Selten mal jemand, der außerhalb seines Abwasserzweckverbands respektive Samtgemeinde bekannt ist.



So wie hier. Irgendwelche Inder röhren und grunzen. Name vergessen, aber ziemlich cool. Keine Wall of death. Kein Circle. Kein Moshpit. Schwach.



Und hier. Ding Dong Dengel. Zi Za Zimbel. Vroudenspil. Dudelsackgedudel. Musik für Alleingebliebene. Niemals-Sex-Habende. Für Außenseiter, die Zöpfe tragen und sich vom Junge Union-Klassensprecher demütigen lassen. Wer Vroudenspil hört, geht auch als Ork verkleidet in den Wald und kämpft gegen lauter Frodo Beutlins. Oder lernt gar klingonisch.

Dann plötzlich Musik von Zuhause:



Ich habe polnische Wurzeln. Habe ich das mal erwähnt? Habe ich doch, oder? Habe ich? Habe ich nicht? Weiß ich nicht mehr. Ich bin gar nicht so wirklich einer von euch. Irgendwie schon, aber irgendwie auch nicht. Eigentlich habe ich gar keine Heimat, ich bin ein heimatloser Bastard aus einer bis zur Atomisierung zerstörten Familie, aber immer wenn etwas aus Polen meinen Weg kreuzt, freue ich mich. Komisch, oder? Sehr komisch. Materia. Nein, nicht der Typ mit den lila Wolken und mit den zwei Fingern am Kopf. Der heißt Marteria. Hier spielt Materia. Minus ein r. Guter alter Metalcore. Klingt wie Heaven Shall Burn. Gut. Geil. Kann man machen. Ich bin guter Dinge.

Ach, leck doch. Fuck Musik, interessiert keine Sau. Ich bin eigentlich nur wegen des Wrestlings hier in Wacken. Rahmenprogramm rockz.



Crap.



Ick raste aus.



Typ mit Maske. Und übelster Wampe. Anderer Typ mit weniger Bauch, dafür mit Zöpfen und rothaariger Eule, die so tun muss als könne sie sich nicht zwischen beiden entscheiden. Es ist so herrlich absurd.



Und das hier ist der Nazi. Zumindest nenne ich ihn so. Sein Alias heißt Eckstein. Ein Drecksack, der zu den Klängen von Falcos "Egoist" in eine Schlandfahne gehüllt den Ring betritt. Wacken hasst ihn schon jetzt. Klar. Muss auch so sein. Sein Gegner heißt irgendwie, entert aber zum Song "Das Schlimmste ist wenn das Bier alle ist" von den Kassierern die Bühne, womit er gleich alle Sympathien einsackt. Wacken liebt den nichtssagenden Wampentyp mit dem Kassierersong.

Einfacher geht das Positionieren nicht und alle gröhlen gegen den Nazi. Ich. Der Typ neben mir. Ganz Wacken. Wir sind so verfickt ironisch und gehen voll mit bei der Show. Natürlich soll der Nazi der Unsympath sein und der Biersäufer unser Held. Mir ist gleich klar, dass der Nazi verlieren, weil der Säufer ihn plattmachen wird. Wrestling. Alles ist Fake. Sie erzählen eine Geschichte und mehr nicht. Und wir sind so cool, weil wir alles durchschauen.



Leider gewinnt der Nazi und alle sind irritiert. Sie buhen. Der Nazi tut so als verstünde er die Welt nicht, er hat doch gewonnen, was haben sie denn? Wir sind empört und buhen uns die Kehle aus dem Hals. Ich schütte noch mehr Jacky Cola nach, damit ich besser buhen kann. Besoffen Wrestling kucken macht die Sache noch absurder. Ich bin sehr begeistert.



So ist das hier.



So sind wir.



Und ich, ich gröhle mit wie ich kann, weil ich das hier mag. Jetzt hört doch bitte mal auf mit eurer miesepetrigen Ernsthaftigkeit. Ist doch alles egal. Sie erzählen eine Geschichte und wir gröhlen. Mehr ist da nicht. Ich finde vorsätzlich dumm sein wirklich gut. Es macht dieses Ding, was zu viele gar nicht kennen, wie hieß das noch, ja klar: Spaß. Manchmal sind die Dinge sehr einfach. Alkohol. Wrestling. Lustig. Wrestling ist der Schlag in die Fresse aller Intellelel... Intellellen.... Intellektuellen, die es nicht ertragen, profan zu sein, diese mausgrauen Korinthenpuler, die es sich in ihrer spinnwebenbehangenen Nische bequem gemacht haben, weil sie nie was reißen werden, weil sie nie irgendwen begeistern werden können, weil sie nicht einfach mal irgendwas brüllen können, sondern Bedenken pflegen, immer Bedenken pflegen. Das ist manchmal echt fade. Dauerhaft genossen zumindest.

Und fuck. Was ist das denn? Der Nazi hat gewonnen. Die Sau. Wo gibt's denn sowas? Normalerweise verlieren die immer. Ah. Okay. Spannung. Morgen kommt er wieder, hat er angekündigt. Dann wird er gegen diesen irren Mexikaner mit der Maske antreten, den sie alle hier so feiern. Weil er eine Maske hat. Wie Slipknot. Und dann wird er verlieren. Der Nazi muss verlieren. Der Nazi verliert immer. Wait for it.

Später gibt es noch einmal Musik. Es sind die Wacken Firefighters.



Sie spielen die größten Hits. Tanze Samba mit mir. Mendocino. Und Pillemann Fotze Arsch. Wir sind so geil ironisch, dass wir mitgröhlen. Stagediving machen. Wenn es Ironie nicht gäbe, wären wir ihre Pioniere.

Der Himmel hat derweil seine Harnröhre direkt auf uns gerichtet und es pisst aus allen Löchern. Schon völlig durchnässt gehe ich zu New Model Army.



Immer noch groß. Immer noch kraftvoll. Immer noch mitreißend. Die Band, die mich durch ganz harte Zeiten begleitet hat. Haltung. Das ist New Model Army. Um nicht alles noch einmal schreiben zu müssen, zitiere ich mich selbst:

Nach "Frightened" und "Purity" merke ich, dass mir die Tränen laufen. Ich weine. 20 Jahre sind vorbei gegangen. So schnell. Wie lange das plötzlich her ist. Schule. Ein Punk unter Junge-Union-Gesichtern, ein Fremdkörper unter diesen Draco Malfoys. Der Typ am Rand. Der nicht dazu gehört. Von dem sie sich nicht erklären können wie er dort hingekommen ist in ihren Klassenraum. Er ist der, der komische Musik hört. Der immer schwarz trägt. Der immer ganz hinten sitzt. Er ist der, über den sie lachen, weil er auf den Klassenfotos missmutig an der Kamera vorbei schaut als ginge ihn das alles nichts an. Sie hören Scooter. Westbam. Und Dr. Alban. Die Fantastischen Vier oder die Cranberries nur, wenn sie sich heute frech fühlen. Erasure eher nicht, weil das ist ja schwul. "Ach ich weiß nicht, meine Lieblingsmusik ist alles aus den Charts." Lalala.

Nur der Typ von der hinteren Bank ist der, der nicht dazu gehört. Er ist ihnen suspekt. Er hört Slime. Chaos Z. Rage against the machine. New Model Army. Und Schlimmeres. Sie mögen ihn nicht. Er ist anders als sie. Er weiß das auch und gibt sich keine Mühe, zu ihnen zu gehören. Er steht alleine, er sitzt alleine. Das war immer schon so. Und wenn andere schlafen, sitzt er auf dem Friedhof und trinkt.


Auch Justin Sullivan ist mächtig gealtert.



So ist das wohl mit Helden. Sie sterben jung oder werden langsam alt, kahl und ... naja ... zahnlos. Justin Sullivan fehlt nämlich immer noch einer. Ein Zahn. Vorne. Nix zu machen. Jetzt sieht er endgültig aus wie eine Waliser Kräuterhexe. Aber eine Waliser Kräuterhexe mit Haltung. Immerhin.



Und nach New Model Army ist dann auch der Zeitpunkt gekommen, an dem ich überhaupt keinen Bock mehr habe. An dem es mir stinkt. Reicht. Schnauze voll. Ich bin nass bis hinten in die Kimme, der Wind zieht, ich mag nicht mal mehr besoffen werden so kalt ist mir.



Hätte ich mich besser vorbereiten können? Kaum. Keiner rechnet mit einem Starkregengebiet, das nun wirklich alles wegspült und dafür sorgt, dass wir alle wie die Störche durch den Matsch staksen und trotzdem tief einsinken. Selbst die Regenponchos helfen hier nix. Regenmantel, ja, ein Regenmantel, oder besser so ein Ding wie es der Schlitzer in "Ich weiß was du letzten Sommer getan hast" getragen hat, so ein schwerer Ölmantel, wäre eine gute Maßnahme gewesen. Ich würde jetzt auch so einen hässlichen gelben Regenmantel nehmen, den ich zuletzt mit acht Jahren anhatte, weil er danach uncool wurde. Starkregen. Sturmboen. Wacken versinkt im Morast. Krass ist kein Ausdruck. Schlammschlacht schon. Ich bin raus für heute. Ich liege im Bulli, ziehe die Decke bis unters Kinn und höre dem Regen zu. Er prasselt als möchte er nie wieder aufhören.



Mittwoch, 29. Juli 2015

Wacken 2015 - Und dann kam der Regen




Und ...



... es ist ...



... Wacken.



Und Wacken versinkt im Matsch.



Das stand zu befürchten. Seit Tagen schon frage ich jede Stunde Tante Google nach dem Wetter in Wacken und jede Stunde rotzt mir Tante Google ins Gesicht: "Fick dich Schmock! Regen! Nur Regen! Und weil du es bist vielleicht noch Gewitter. Und jetzt geh kacken. Da hinten wartet schon Onkel Heinz. Er sucht einen Porno mit Omas und Pferden."



Ich bin später in Wacken als ich wollte. Dienstagabend. Der Borgwürfel (für die, die gerade erst zugeschaltet haben: So nenne ich meinen Arbeitsplatz) forderte Tribut in Form von Anwesenheit während des Urlaubszenits. Sonst wäre ich Montag schon hier gewesen. Der frühe Vogel lacht sich einen Plug in den Arsch und hat den besten Platz, doch der frühe Vogel bin heute nicht ich. Ich stehe abseits.



Und mit den Füßen im Matsch. Ich bin heute sehr klug, weil ich wasserdichte Schuhe anhabe. Die Dinger trägt sonst die GSG 9. Hat zumindest der Verkäufer behauptet, aber wahrscheinlich hat der mich verarscht. Aber die Dinger sind gut. Halten jetzt seit acht Jahren dicht und wollen gar nicht kaputt gehen. Eine Investition fürs Leben. Ob wohl jemand Schleichwerbung brüllt, wenn ich das Wort Adidas sage? Respekt, Kinderhände machen gute Botten für Wacken. Hut ab. Und nein, heute keine Chucks. Ich bitte um Verständnis. Das kann ich den kleinen niedlichen Leinenschuhen nicht antun.



Oha. Fahrradfahrer. Sie fahren sogar im Matsch. Das ist bemerkenswert. Wohl aus Prenzlauer Berg eingeflogen. Als Attraktion. Die fahren dort überall. Wahrscheinlich mache ich irgendwann die Haustüre auf und mir kommt einer im Treppenhaus entgegen und fährt durch meine Butze. Und zum Balkon wieder raus.



Nicht auf der Rechnung hatte ich, dass es in der ganzen holsteinischen Provinz kein offenes Gasthaus und schon gar keinen McDonalds gibt, so dass ich gezwungen bin zu improvisieren. Es gibt heute Chips mit Cheeseburger-Geschmack zum Abendbrot, die ich mit Jacky Cola runterspüle. Diese Kombination ist nicht mehr nur Junkfraß aus der Industriehölle, das ist Junkfraß aus der ewigen Verdammnis. Ich werde dafür irgendwann auf Luzifers Grill gespannt werden wie ein Spanferkel. Und das zu Recht. Ich habe nur selten Ekelhafteres gegessen.

Palim Palim. Hier ist Ihr freundliches Déjà vu. Natürlich stehen neben mir Schwaben. Aus Schwäbisch Gmünd. Oder Hall.



Ich kommentiere das gar nicht mehr, sondern nehme nur noch hin. Ich ziehe Schwaben an wie Alnatura meine spaghettihaarige Bionachbarin. Ich kann hingehen wo ich will. Urlaub. Zu Frau Sass. Wacken. Neben mir sind Schwaben. Hinter mir. Vor mir. Sie sind immer da. Nein. Bitte. Ich werte das nicht, ich stelle nur fest und frage mich, welcher Schicksalsalafist das steuert und was er damit bezwecken will. Wahrscheinlich will er mich gewöhnen, will erreichen, dass ich irgendwann nebenan bei Gentrifizierers auf dem Sofa sitze, Katzendarmkaffee trinke, in ein Dinkelplätzchen beiße und die handgebrannten Ziegel aus Tlocopatapetl bewundere, die sie extra fürs Kinderzimmer eingeflogen haben. Und als nächstes kaufe ich mir Birkenstocksandalen. In lila. Und knote mir einen Hipsterdutt. Das ist es. Zermürbung. Willen brechen. Das will er, der Schicksalknecht. Wie? Was? "Kännä mo onsa Zelt an deim Audo feschdmacha?" Ja, könnt ihr. Na klar. Ich bin ganz entspannt. Schwaben. Natürlich. Niemand anderen habe ich erwartet. Es muss so sein. Ich weiß das doch.

(Moment, es hat gerade aufgehört zu regnen, ich muss kurz pissen)

(...)

(So, wieder da. An der Pissrinne grüßte mich einer mit "Servus". Nice. Das Wort klingt so schön zufrieden.)

Ich habe aber auch schon Berliner gesehen. Auch mit Fahne. Bärchenfahne. Sie haben gekotzt. Beide. Na klar. So sind die. Alle.



Weil ich nichts mit mir anzufangen weiß, gehe ich mir ein Bändchen holen. Meine Güte, sind die gut organisiert hier. Profis. Alles geht schnell. Ein Andrang als wenn sich die Hölle aufgetan und verlauste Metalheads ausgespuckt hat, die nichts mit sich anzufangen wissen, und trotzdem geht es schnell. Drei Minuten, dann habe ich das Bändchen und eine Full Metal Bag voller Zeug. Aufkleber (die Schwaben nebenan sagen Bepper), Tortilla Chips, Flyer, ein Müllsack. Regenponcho wäre nett, aber es ist keiner drin, den verkaufen sie wahrscheinlich gegen Cash. Würde ich auch. Ein Selbstläufer bei dem Wetter. Geld drucken leicht gemacht. Ja. Schön. Prima. Nett hier. Überhaupt: Überall nette Leute. Sehr nette Leute, die hier arbeiten. Keine Spur dieser widerwärtigen Arroganz backstagepasstragender Wichser, die auf Großveranstaltungen gerne jedes Karma verpesten und ihre Mitmenschen sinnlos demütigen. Nix. Nett.



Das heilige Wacken. Der Vorabend. Würde es nicht dauerregnen, wäre der Abend magisch. So sitze ich im Bulli, trinke Papa Jacks Destillat und schreibe einen Blogpost. Livebloggen aus Wacken, das ist schon skurril. Und nicht so ganz einfach, denn natürlich geht das mobile Internet wahlweise vom Handy oder vom Tablet immer mal wieder in die Knie (wieder einmal Willkommen im Internetpaläozän, Deutschland), so dass ich hier auf der Wiese (oder was davon übrig ist) mit wechselseitigen mobilen Hotspots jongliere. Es ist gut, zwei Provider zu haben, denn einer versagt immer.

Plitsch Platsch. Der Regen prasselt auf das Dach des Bullis, in dem ich liege. Die Schwaben nebenan werden nass. Ich nicht. Ich hause nicht im Zelt. Nie wieder Zelt. Bulli. Matraze. Morgen geht Wacken los. Ich weiß, es wird gut. Es kann nur gut werden. Mal sehen, wie nass ich noch werde und ob die Grenzschutzgruppenbotten ihren härtesten Einsatz überleben werden. Und mal sehen, ob das Internet so wackelig bleibt oder sogar vollkommen zusammenbricht. Deutschland, dein mobiles Internetdesaster. Erwarten Sie das Schlimmste, wenn ab morgen noch mehr Menschen die Mobilfunkzelle bevölkern. Falls von mir nichts mehr kommt, bitte keine Polizei rufen. Denn dann bin ich nur vom Netz abgeklemmt.


Montag, 27. Juli 2015

Die Gazelle




Es ist Samstag. Der SCC ruft zur City-Nacht. 10 Kilometer abends in der Dämmerung den Kudamm hoch und die Kantstraße wieder runter. Und wieder hoch. Und wieder runter. Oder umgekehrt, egal.



Was reitet mich eigentlich? Was? Reitet mich? An einem Samstagabend, an dem ich genauso gut im Offside sitzen, die Weltlage erörtern und dreifache Balvenie Double Woods im Unverstand in mich reinkippen könnte, die Laufsachen anzuziehen und mit 7.000 anderen armen geistig Limitierten um die Wette zu laufen? Was zum Teufel? Reitet mich?



Ich laufe manchmal gerne in Gesellschaft. Das ist es. Gruppendynamik, die zu leichten Beinen und gefühltem Rückenwind führt, klappt hier eben besser als draußen in Blankenburg auf dem Feldweg, auf dem mich höchstens ein Hund jagt, jedoch kein Trommler trommelt, kein Cheerleader kreischt und mich keine kunterbunten GPS-verdrahteten anderen Irren nach vorne ziehen. Deshalb mache ich das. Pushen. Ergebnisse. Die versoffene Pottsau von Körper noch einmal ein paar Sekunden schneller über den Asphalt jagen. Geht da noch was? Da geht doch noch was. Und das ist der Grund, warum ich mich immer mal wieder für diese lausigen Distanzen anmelde, an denen sogar ich in der ersten Hälfte des Zielfelds lande, weil das hier kein Wettbewerb ist, sondern Happening. Sekretärinnen, Skatrunden, Wettverlierer, Bürohengste, Junggesellenabschiede. Alle sind dabei. Der ganze Normcore. Event. Event. Die Lunge brennt.



Ich frage sogar manchmal Freunde, ob sie mitlaufen mögen. Zehn Kilometer schafft auch der letzte verkackte Alkoholiker aus dem Offside. Kann doch nicht so schwer sein. Jede adipöse Büroschnepfe vom Bezirksamt Pankow, jeder x-beinige Pickelkopf vom Rechenzentrum der TU, jeder bierplautzige Hanswurst aus den verschiedenen Kneipenmannschaften von Wedding bis Mariendorf läuft hier mit. Und kommt an. Alter? Komm. Bock? Soll ich uns anmelden? Komm, ich meld' uns an.



Sage ich und hole mir seit Jahren die immergleichen Körbe ab. Ach das Knie. Das Knie. Ich darf nicht mehr laufen. Sagt der Hausarzt. Der Orthopäde. Der Schamane. Die Heilpraktikerin. Oder eine Symptomsuche bei Google, die einen auf Medizinforen leitet, in denen sich notorische Hysteriker wechselweise Angst und Mut machen. Ach Stevenson. Ich würde ja gerne, aber das Knie. Du weißt ja. Oder der Rücken. Aua. Ja, die Bandscheiben. Verschoben. Alles verschoben. Die ganze Wirbelsäule. Nacken. Knick Knack. Kann nicht laufen. Darf nicht laufen. Der Arzt. Aua. Würde ja gerne. Aber du weißt ja.



Meine tollen Freunde. Anfang bis Mitte 30 verhalten sie sich wie ein wandelndes Lazarett. Der Körper fast noch jugendlich, doch im Geiste bereits 70 Jahre alt und scheintot. Aua. Aua. Zipperlein. Bla bla. Ich glaub' nix. Keiner hat Knie. Keiner hat Rücken. Sondern nur keinen Bock. Und weil Migräne nicht zieht, denn es geht ja immerhin nicht um Sex, werden Wirbel- und Gelenkdefekte vorgeschützt. Nee. Nix. Ich glaub' ihnen kein Wort. Faule Säcke. Verfickte Hypochonder. Eingebildete Kranke. Couchgammler. Chipstütenaufreißer. Fußbodenheizungeinbauer. Schöfferhofer-Birne-Ingwer-Trinker. Sind alle raus. Keiner kann laufen, jeder hat irgendwas, jeder ist lädiert, invalide, runtergerockt, schwerverletzt. Wracks. Alle.

Außer.

Außer die Gazelle.



Die Gazelle ist Fußballtrainer und Stürmer in einem. Irgendwo in Reinickendorf. Bezirksklasse. Bezirksliga. Bezirkskampfgruppe Nord. Was weiß ich. Die Gazelle ist unfassbar durchtrainiert. Drahtig. Sehnig. Schnell. Irre schnell. Eine Rennmaschine. Wenn der mal stirbt, müssen die Abdecker ihm die Beine festbinden, sonst beschweren sich die Friedhofsratten über das Geboller aus seinem Sarg. Oder besser noch: Sie verwenden ihn nach dem Abnippeln zur Stromversorgung. Der versorgt ein ganzes Stadtwerk. Alleine. Schmeißt endlich Vattenfall aus der Stadt und nehmt die Gazelle. Der Typ fabriziert so viel Strom, da können wir sogar was nach Bayern exportieren. Wenn die da Stromtrassen hätten...



Ich versuche inzwischen zu vermeiden, dass die Gazelle Wind davon bekommt, dass ich mich wieder mal zu einem Lauf angemeldet habe. Denn es endet immer gleich. Zu Beginn steht der heilige Schwur, dass wir gemeinsam laufen, doch das geht nur fünf Minuten gut, dann hält er es nicht mehr aus und zieht davon. Nach zehn Minuten ist er am Horizont verschwunden und wenn ich irgendwann im Ziel ankomme, steht er da. Trocken. Bereits umgezogen. Handtuch um den Hals. Weizen in der Hand. Joviales Lächeln. Kein Schweiß.



Es ist ein Elend. Die Gazelle ist so schnell, dass ich jedes Mal kurz davor bin, die verkeimten Laufschuhe in die nächste Biotonne zu werfen und fortan einer dieser feisten desillusionierten Alkoholiker im Offside zu werden, die über Jahrzehnte von alten A-Jugend-Triumphen zehren, nur um mit Mitte 50 an einem Leberschaden oder Lungenkrebs krepieren. Oder an beidem.



Ich habe einmal versucht, dranzubleiben. Ich. An der Gazelle. Dranbleiben. Na klar. Es endete mit Seitenstechen aus der Hölle, Atemnot und einem kapitalen Wadenkrampf bei Kilometer 9. Irgendwer hat mich über die Ziellinie gezogen. Andere Läufer. Johanniterbund. Eine Oma mit Rollator oder so. Im Delirium. Sterne. Übelkeit. Kotzwunsch. Aber im Ergebnis die beste Zielzeit meines Lebens, wenn auch als sportlicher Offenbarungseid, der mich dem Gefühl im Schädel nach zu urteilen mehrere tausend noch nicht weggekiffte Gehirnzellen gekostet haben dürfte. Not traf Elend traf Desillusionierung und sie taten Sport. War nix. Dann lieber saufen.



Es ist Samstag. Der SCC ruft zur City-Nacht. Kudamm. Und es hat wieder nicht geklappt. Denn pünktlich zwei Tage vor Samstag klingelt das Telefon. Die Gazelle.

"Naaaa?"

(Wer immer noch "Naaaa?" sagt, hört auch Dr. Alban, keult sich einen zu Cindy Crawford und ist in Nenas Achselhaare verknallt. Die Gazelle mag Nena. Und wahrscheinlich auch Dr. Alban. Bei Cindy Crawford bin ich mir nicht so sicher. Ich vermute eher Jane Fonda. Oder Florence Griffith-Joyner. Vielleicht auch unsere alte Sportlehrerin. Dieses Gerippe.)

"Naaaa? City Run? Kudamm? Biste dabei? Na klar biste dabei. Ick och. Wir laufen zusammen, oder? Laufen wir doch?"



"Ja. Ja, ich bin angemeldet. " seufze ich nur. Und "klar, können wir machen.", womit ich das gemeinsame Laufen meine, das eh wieder nur fünf Minuten klappen wird bis am Schluss das Weizenbier am Ziel winkt. Entspannt. Siegerlächeln. Jovial. Kein Schweiß. Die Gazelle. Ein Sport-Irrer. Ein nie stotternder Motor in kunterbunten Asics. Ein Weltwunder. Eine völlig durchgeknallte Laufmaschine. 32 Minuten auf 10 Kilometer. Oder 28. 13. Keine Ahnung. Mein wandelnder Spiegel der Wahrheit auf zwei Beinen. Was soll's, dafür kann ich mehr saufen als er. Bei einer halben Flasche Single Malt steigt er aus und wechselt auf Cola. Ich nicht.



Verdammter Sport. Irgendwer ist immer besser. Die Welt ist so schlecht, ich muss sie mir schönsaufen. Ja. Gute Idee. Ich muss nach Wacken. Wacken ist gut. Noch zweimal schlafen, dann geht's los. Biohazard. Ill Niño. Sepultura. Jede Menge Single Malt und Jacky Cola. Dosenwurst. Dauerbrot. Doublechoc-Cookies. Wenig Schlaf. Die Leber runterrocken. Den Magen terrorisieren. Die Ohren plätten. Friss das, Körper. Und eine Biotonne findet sich sicherlich auch noch, in der ich meine verfickten Asics versenke, bevor ich dem 20-jährigen Kraftklubfan am Moshpit von meinen guten alten A-Jugend-Erfolgen erzähle.


Bonustrack:




Um zu unterstreichen, dass ich nicht deriliere, habe ich das Ding fotografiert. Sie schreiben da "Natürliche Limonade mit feirem Fruchtfleisch." Was ist "feirem"? Süddeutsch oder Druckfehler? Lässt sich manchmal schwer auseinanderhalten.