Donnerstag, 26. Mai 2016

Lass mal netzwerken - Links vom 26. Mai 2016




Fliegende BretterZwölf Thesen zur Wahl vom Sonntag (1)
Fliegende BretterZwölf Thesen zur Wahl vom Sonntag (2)
Klug.

ZG Blog"Aber mein Chef braucht mich"
Müsste ich irgendwen aus dem Internet aussuchen, mit dem ich ein Bier trinken gehen müsste, dann wäre es vermutlich Epikur. Ich habe mir über die Jahre auf der Basis seines virtuellen Schaffens ein Bild gemacht und das sieht so aus: Der weiß wie die Dinge stehen, der steckt in der Maschine. Und er leidet krass dran.

Wir bleiben alle!Filmprojekt „Wir sind noch da!“ unterstützen
Sind echt noch welche übrig in Bionadeland. Da gibt man doch gern.

Doch dafür gebe ich nicht:

Alles ist wahrZeitungssuizid
Exakt so geht es mir inzwischen auch. Ich bin froh über alles, was ich nicht lesen muss. Paywall? Klick weg.

TonfarbeReden wir über ... Autismus
Na? Mal wieder ein paar Klischees auf den Müllberg geschmissen?

ad sinistramEin Unternehmensaufstieg
Ich mag RB Leipzig. Die halten den ganzen verstrahlten Schalalas, Olé-Olés und Steh-auf-du-Saus so schön den Spiegel vor. Ehrlich. Offen. Unverbrämt. Wo andere den Kommerz hinter einer Potemkinschen Fassade aus schon lange nicht mehr so gemeinten Traditionen verstecken, haben wir hier nur den Kommerz. Einfach nur den nackten Kommerz. Mehr nicht. Toll. Was? Ist etwa schon wieder EM? Das darf doch wohl nicht wahr sein. Kommen die schon wieder aus ihren Löchern...

Glumm: Vom räudigen Leben, der Wucht und dem NimbusIch bin die Beatles! Du auch!
Natürlich muss man sich die Bässe dazu denken. Eiermann Vibration.

AnnikaIm Fernbus
Noch schwerer, ihn nicht zu töten.

LandLebenBlogHeiße Ware
Wenn es der Hahn nicht bringt, braucht es Kuckuckseier.

Prenzlberger StimmeBaumschnittalarm am Kollwitzplatz
Wenn Sie schon immer mal wissen wollten wie es so ist hier bei uns in Prenzlauer Berg: So. Genau so. Meine hysterische Nachbarschaft dreht frei, weil der Bezirk tote Äste abschneiden lässt. Die Vögel! Denkt denn keiner an die Vöögel?

ZG BlogLangweilig
Mann, nee. Da bringt er erst so ein Brett und dann so einen Ausfall. Opa Epikur versteht die Welt nicht mehr. Hier nun: Smartphones. Player im Ohr. Findet er scheiße und ich toll. Denn beides schützt mich vor meinen fürchterlichen Mitmenschen. Der Player unterbindet überflüssige Kommunikation nebst Mitschneiden der überflüssigen Kommunikation anderer. Und die Optik der gruseligen Gestalten blendet der Bildschirm aus. Super Sache. Mehr davon. Hoffentlich erfindet bald jemand was für die Nase. Damit ich sie auch nicht mehr riechen muss.

sunflower22aLingerie for men?
Noch eine merkwürdige Position. Lingerie. Für Kerle. Geht nicht sagt sie. Sehe ich anders. Sicher kann das funktionieren. Sehr gut sogar. Manchmal funktionieren sogar Männer in Abendkleid und High Heels mit hinreißend schönen Beinen, für die ich so ziemlich jede Frau stehenlassen würde. Dass konventionelle Frauen damit nur selten etwas anfangen können, ist für mich okay und gut verkraftbar.

Essen bitte. Björn kocht:

starkimarmRezept: Geschnetzeltes Züricher Art

Dienstag, 24. Mai 2016

Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Honk (43)




"Laufen! Nicht schnaufen!"

Was?

Was war das?

Etwa der alte Furz, den ich gerade überholt habe?

Es ist Sonntagfrüh. Ich ziehe meine Runden um den Weißen See, der noch friedlich im Frühnebel auf den Tag wartet. 18 Kilometer habe ich in den Beinen, erarbeitet in den vielen Runden um den See und der harten Anreise über die Greifswalder Straße, deren Bürgersteige so marode sind, dass jeder Crosslauf ein Scheiß dagegen ist. Ich bin sehr müde. Spät ist es geworden letzte Nacht. Zu viel Alkohol, zu viel Junk. Alter Whisky, staubige Cracker, dumme Tortillachips, unvernünftiger Käsedip. Ich fühle mich ausgeschissen, bin aber hier fünf Stunden nach der Heimfahrt aus einem Spandauer 60er-Jahre-Betonsilo mit einem wieder viel zu redseligen Taxifahrer wieder am Start. Sport. Schweiß. Müdigkeit. Hass. Der Single Malt ist flüssiges Harz, das mein Körper aus seinen verstopften Poren presst. Den könnte ein findiger Chemiker wahrscheinlich sammeln, aufbereiten und als Scheibenreiniger wiederverwenden. Oder für Jägermeister. Mir geht es nicht gut, doch das macht nix. Der schäbige Sack von Körper muss auf die Straße. Er muss arbeiten. Geist beherrscht Körper. Ein Körper, der saufen kann, kann auch kilometerweise bröselige Asphaltplatten fressen. Ich will das so. Noch ist das so. Und der Körper soll das bringen.

Ich drehe eine weitere Runde. Da ist der alte Furz wieder. Klassisch mit Hut und Stock. Ein Klischeemodell. Typ Anscheißer. Falschparkeraufschreiber. Vermutlich Witwer, dem der Lebenssinn abhanden gekommen ist, seit er seine Alte nicht mehr wegen des unausgeräumten Geschirrspülers anscheißen kann. Er bringt sein Sprüchlein nochmal:

"Laufen! Nicht schnaufen!" schallt es mir hinterher.

Ein Spacken. Ein Bastard. Was stimmt mit dem nicht? Was will der von mir? Wem nützt das?

Nummer 3. Und es tönt tatsächlich noch einmal: "Laufen! Nicht schnaufen!"

So. Das reicht. Manchmal bin ich es leid und habe Lust, Dinge klar zu rücken. Einen Pflock einzuschlagen. Grenzen zu setzen. Nicht mehr die Dinge, die Berlin mir zumutet, wie alle stoisch zu hinzunehmen, sondern einfach mal Berlin eine reinzuhauen. In die Fresse. Auf's Maul. Ich habe Laune. Ich bin in Stimmung. Irgendwann ist auch mal gut. Die Sache drehen wir jetzt um.

Ich stoppe. Wende mich ihm zu. Schaue ihn an. "Okay. Was kann ich für Sie tun? Was möchten Sie? Wie kann ich Ihnen helfen? Bitte. Ich bin für Sie da. Legen Sie los." Meine Arme weisen dabei leicht angewinkelt vom Körper weg. Handflächen sind ihm zugewandt. Die Vertrauensgeste. Jesusstyle. Klassikerpose für Vortragende. Ich bin gut in solchen Sachen.

Er ist natürlich irritiert. Klar, Typen wie er, die wahllos andere Menschen anpöbeln, werden gewöhnlich ignoriert. Niemand will ihre Kreise länger als notwendig stören. Jeder wendet sich von ihnen ab. Ergreift die Flucht. Zieht die Kinder hinter sich her. Berlins Irre sind Legion.

"Mann ich sag' doch nur..." beginnt er.

"Ja?"

"Sage doch nur."

Mehr kommt nicht. Ich könnte es an dieser Stelle nun gut sein lassen, doch ich bin noch nicht fertig. Er kriegt noch eine:

"Jetzt sprechen Sie schon. Ich nehme mir Zeit für Sie. Sie haben mir eine Botschaft zugebrüllt und ich habe verstanden. Ich bin jetzt für Sie da. Sie haben ein Bedürfnis artikuliert und ich möchte dem abhelfen. Sprechen Sie. Bitte."

"Habe doch nur gesagt."

Er ist vollkommen von der Rolle. Ich sehe das und es ist genau das was ich will. Das ist das Problem mit dieser Stadt. Der Honk ist ein Musterexemplar derer, die einfach nicht das Maul halten können. Alles wird ungezügelt kommentiert, besabbelt, beseiert, die ganze Umgebung, und wenn es nur ein harmloser Läufer sonntagfrüh am Weißen See ist, der seine Runden dreht. Der schnauft eben. Weil er müde ist. Und das triggert den Honk so sehr, dass er das lautstark kommentieren muss. Doch das Kuriose ist: Es geht gar nicht um den Austausch. Oder wechselseitige Kommunikation im regulären Sinne. Sie wollen nur sabbeln. Nerven. Pöbeln. Jemanden belegen. Einbahnstraße. Und wenn doch mal einer wie ich drauf einsteigt, sind sie irritiert. Damit können sie nicht. So ist Berlin. Eine Kakophonie an Nichtigkeiten und niemanden interessiert der Empfänger der Botschaft. Botschaften. Botschaften. Noch mehr Botschaften. Eine Kohorte von Honks blafft und keinen juckt's. Fresse halten? Kann keiner mehr. Contra vertragen? Offenbar auch nicht.

Ich lasse immer noch nicht von meinem Auftritt ab (typisches Männerproblem - haben wir die Dinge mal angefangen, lassen wir die Dinge nicht mehr sein):

"Sie können so lange sprechen wie Sie wollen. Ich höre Ihnen zu. Sagen Sie mir Dinge. Teilen Sie sich mit. Laden Sie alles ab was Ihnen eine Last ist. Bitte. Hier stehe ich. Nur für Sie. Ich gehe nicht weg. Erzählen Sie. Bitte. Befreien Sie sich. Jetzt kommen Sie schon."

Er dreht sich um und geht. Habe ich da einen zarten Hauch von Panik in seinen Augen gesehen? Kann ich verstehen. Ich sehe im Moment bestimmt noch irrer aus als er ist. Den Irren markieren. Auch das kann ich richtig gut. Vor meinem Grinsen habe ich selbst manchmal Angst. Die Stadt war mein Lehrer. Der Beste.

"Hey! Kostenloser Tipp! Machen Sie doch ein Blog im Internet auf! Das hilft! Und Sie können jeden Scheiß kommentieren! Absolut jeden Scheiß! Es gibt keine Grenzen!" rufe ich ihm hinterher, doch das hört er schon nicht mehr. Er läuft jetzt deutlich schneller. Will weg. Flüchten. Hätte er Kinder, würde er sie hinter sich herziehen. Ja. Das ist gut. Schluck die Medizin, Honk, schluck alles, denke ich, als ich meine Runde zuletzt endlich fortsetze. Zeit für eine Dusche. Ich bin müde. Getting away in Honkistan. Manchmal tue ich ihnen gerne weh. Sie brauchen das. Genau wie ich. Glückwunsch.


Samstag, 21. Mai 2016

Der Zettel




Ein Donnerstag. Ich sitze im KFC am Alex und beiße in gebackenes Fett mit weichgemachten Hühnerteilen, der Schmadder läuft mir das Kinn hinunter und tropft direkt auf Colonel Harland D. Sanders Nase. Heute nehme ich keine Vitamine auf, nicht hier, nicht heute. Heute esse ich Schrott. Vorsätzlich.

"Bittäääää"

"....?"

"Bittääääääää!"

Mein Blick trifft den eines Jungen, der neben meinem Tisch steht. Verdammter Alexanderplatz. Die Kinderdrückerkolonne. Gibt es die auch noch. Vergessen. Verdrängt. Ich war schon zu lange nicht mehr hier, denn Orte wie diesen meidet der Einheimische, wenn er nicht gerade an ihnen arbeiten oder umsteigen muss.

Er reicht mir einen Zettel. Laminiert. Gutes Deutsch. Auf der Rückseite englisch. Darauf steht etwas von einem toten Vater, verschwundenen Geschwistern und einer Mutter, die von einer finsteren Krankheit heimgesucht bettlägerig darnieder liegt und nun in einer Ruine ohne Strom und Wasser hungernd und frierend darauf wartet, dass ihr Goldjunge mit einem Kanten Brot nach Hause kommt. Ungefähr so. Irgendwie. Starker Stoff jedenfalls. Der Junge ist keine zehn und da auf dem Zettel steht, dass er eine Familie ernähren muss.

Mir bleibt nur einen kurzen Moment das glitschige Huhn im Hals stecken, dann kommt die gewohnte Abgeklärtheit zurück. Ja doch. Bitte. Ich weiß wie es steht. Ich sehe es. Die Stadt verfügt über eine Armee Bedürftiger, Verpeilte, krank aussehende Punks, Abgerissene, Container-nach-Nahrung-Kramer, Pfandflaschenarmeeangehörige, Straßenfegerschwadronen, unter einigen Brücken entstandene Zeltlager, die schwärende ganz offene Armut, die inzwischen vor fast jedem Supermarkt der Stadt sitzt und die offenkundig für jeden, der das noch nicht routiniert ausblendet, in den letzten Jahren noch einmal sichtbar zugelegt hat. Doch in deren Windschatten gibt es auch - und das festzustellen gehört zu den offenen Augen auf die entzündete Stadt dazu - die Trittbrettfahrer, die Organisierten, die mit den Geschichten, die Aufdringlichen, die Insistierer, tendenziell mafiös, eine gut geölte Maschinerie an professionellen Drückern, die es vorwiegend auf die touristischen Ecken der Stadt abgesehen hat. Die Maschinerie ist ziemlich gut. Und sie setzt Kinder ein.

Da ich es ablehne, Kinderbettelei zu unterstützen, beschließe ich, das Problem klassisch auszusitzen, schüttele den Kopf und tue so als interessiere mich die KFC-Agitation und Propaganda auf dem Plastiktablett. Colonel Harland D. Sanders sieht aus wie mein Nazi-Deutschlehrer aus meiner alten Scheißschule und fragt mich, ob ich ein richtiger Mann sein will. Wenn ja, dann soll ich den Zinger Burger essen, sonst wär' ich keiner. Im Moment bin ich sehr fasziniert von den vielen auf Papier gedruckten Banalitäten, Klischeegebetsmühlen und den erschreckend billigen Versuchen, mich bei meiner männlichen Ehre zu packen. Ich nehme es dankbar auf. Es lässt die Welt um mich herum verschwinden und ich kann abtauchen wie eine dieser Witzfiguren von Führungskräften im Borgwürfel, wenn Ärger aufzieht.

Und da sitze ich nun und es zeckt, es piekt, es sticht, ich bin anfällig für derlei, packen Sie mich bei meinem schwachen Punkt, meinem diffusen, unausgegorenen und planlosen Mitgefühl für die Beladenen dieser Welt, und ich wanke, was mache ich jetzt, gebe ich, gebe ich nicht, ja, nein, hin, her, ich will und kann gerne helfen, doch mag gleichzeitig keine dieser hanebüchenen Geschichten mehr glauben, nicht an diesem Ort und schon gar nicht glaube ich diesen laminierten Geschichtenzetteln, die Sie so auch am Strand jedes Mittelmeerurlaubs von irgendwem in Badeschlappen in die Hand gedrückt und zusammen mit dem Geld, das Sie vielleicht doch vor lauter schlechtem Gewissen abdrücken, wieder abgenommen bekommen. Nix. Ich bin durch. Ich glaub' nix mehr. Jeder Versicherungsvertreter, jeder Smartphonetarifminijobber, jeder Ex-Knacki mit von frei erfundenen behinderten Kindern mit den Füßen gemalten Weihnachtskarten an der Haustüre und jeder Ladenbesitzer im Urlaub mit seinem minderwertigen Souvenirschrott ('I have seven hungry children at home, seven!') hat mir schon zu viele Geschichten erzählt als dass ich ihnen allen noch irgendwas abnehme, nein, echt nicht, ich glaube nichts mehr und schon gar nicht hier auf dem Alexanderplatz. This is not real and I am not a tourist. Don't fuck with me.

Wie immer, wenn ich moralisch überfordert bin, flüchte ich unter den Panzer des Zynismus. Wie muss ich mir das mit den laminierten Geschichtenzetteln in der Praxis vorstellen? Sitzt da irgendwo in einer runtergerockten Lagerhalle im Industriegebiet von Friedrichsfelde-Ost eine kleine Gruppe abgehalfterter Werbestrategen, die sie nicht mal bei den beschissenen Berlin-Mitte-Hinterhofwerbebutzen mehr nehmen, und denkt sich jeden Tag neue tragische Geschichten aus, damit auf den Zetteln nicht immer das Gleiche draufsteht? So ein Zehnjähriger laminiert die Dinger ja nicht selber. Zehnjährige laminieren nicht. Ich habe noch keinen Zehnjährigen laminieren sehen. Mit zehn wusste ich noch nicht mal was laminieren ist.

Der Plot der Geschichten, die sie erzählen, ist auch immer der gleiche: Niemals ohne Tote (meist die Väter, da ist es nicht so schlimm, wenn die tot sind) und es muss auf jeden Fall eine drastische Krankheit eine Rolle spielen (meist erwischt es die Mütter oder ein Geschwisterchen, das ist viel tragischer und die Leute haben mehr Mitleid). Drastisch ist wichtig, mit schnödem Beinbruch, Wassereinlagerungen, Regelschmerzen und einem eingewachsenen Fußnagel ist es nicht getan. Dafür drückt keiner ab.

Der Junge sieht, dass ich zögere, nicht an die hanebüchene Geschichte vom Zettel glauben mag, aber sichtbar wanke, und zückt tatsächlich einen weiteren Zettel, auf dem steht nur "Medikamente". Ja, toll, das ist ja noch besser, Multiple Choice, für jeden was dabei. Heute keinen Bock auf Tod und Verderben? Vielleicht wäre ja Medikamente was für Sie. Wie viele Zettel er wohl noch hat? Ich biete ihm an, mit mir rüber ins Alexa zu gehen. Da ist eine Apotheke. Ich zahle. Er versteht mich nicht. Also auf englisch: When I am finished here, we'll go around the corner for buying meds. Okay? Is that okay? Doch er will nicht. Schüttelt den Kopf. Do you want something to eat? To drink? Can I buy you something? Auch nicht.

Meine Situation, die sich nicht auflösen mag, weckt inzwischen allgemeines Interesse. Ein Tisch weiter schaut ein Pärchen immer wieder zu mir, offensichtlich ziemlich froh, nicht ich zu sein. Halblinker Hand stiert einer rüber, dessen Hakenkreuze in den Augen mir wie mit Lichtdomen illuminiert entgegen leuchten.

Es ist eine üble Ausgeburt von Tag, die ihre ganzen Kräfte bündelt. Von draußen schreit der Alexanderplatz seine schiere Hässlichkeit in mein Gesicht. Vermutlich wird es bald regnen. Die Hähnchenstücke sind kalt. Sie schmecken sowieso scheiße. Mir ist auch kalt. Und der Junge steht immer noch da. Bittä. Sagt er. Jetzt ganz leise. Und ich falle. Und wie. Das ist mir zu derb, ich kann nicht mehr und gebe was im Münzfach ist, wobei ich mir vormache, dass ich hier gerade mindestens die Welt, aber auf jeden Fall Berlins organisierte Kinderdrückerkolonne vor dem Untergang rette. There I go. Down the drain. Ich drücke ab. Natürlich drücke ich ab. Ich kann so etwas nicht durchziehen. So abgewichst bin ich nicht. Fick doch die Welt, fick doch das System, und fick auch den Hakenkreuzaugentypen, der jetzt abfällig lacht und seinen feisten Kopf schüttelt. Alexanderplatz. Ich hasse diesen Ort, denke ich noch, während ich in ein mittlerweile eiskaltes labberiges Stück Gummifilet beiße. Bah, die Dinger geben mir den Rest. Da hilft nicht mal Ketchup.

Dann bin ich wieder alleine. Da hinten fährt die Tram ab. Sie wird mich von hier wegbringen. Ich zähle die Schritte.


Donnerstag, 19. Mai 2016

Das ehrliche Kind (5)




Auf der Autobahn:

"Papaaa, hier stinkt's!"

"Ja, wir sind in Brandenburg, da stinkt's immer, weil die hier so viel Kuhscheiße auf die ..."

"Papaaa, 'scheiße' sagt man nicht!"

"... Felder kippen. Dann wächst das Gemüse besser, wenn man da Kacke ..."

"Papaaa, 'Kacke' sagt man auch nicht!"

"...draufkippt. Auf die Karotten, Kartoffeln, den Spinat und so weiter."

"Papaaa, ess' ich dann auch Kacka, wenn ich Karotten esse und die Karotten vorher Kacka auf den Kopf bekommen haben?"

"Streng genommen ja. Es ist alles ein Kreislauf. Fressen. Kacken. Fressen. Kacken. Und wieder fressen. Und dann wieder kacken. Und die Kacke wird zu Essen und das Essen wieder zu Kacke."

"Papaaa..."

Am Montagmorgen darauf in der Umkleide der Kita:

"Leeoooooon! Am Wochenende waren wir in Brandenburg. Da stinkt's immer. Und wenn man von da Karotten isst, dann isst man Kacka mit! Kacka wird nämlich zu Essen!"

Leons Mutter interveniert:

"Wer erzählt dir denn solche Sachen?"

"Der Papa!"

"Sie erzählen solche Sachen?"

(Jetzt fehlt eigentlich nur noch theatralische Musik. Am besten irgendwas mit Pauken.)

"Nun, das war zwar verkürzt wiedergegeben, aber ja. Die grobe Richtung stimmt."

"Pffft. Finden Sie das gut?"

"Tjoar... schon, ja. Praktische Biologie. Finde ich gut."

"Pffft."

Vorhang. Abgang.


Dienstag, 17. Mai 2016

Die Flecken (fragment)


Nein, nicht küssen.

Ich möchte.

Nicht küssen. Nicht die Flecken. Das ist nicht schön.

Sie sind schön. Sie sind du.

Ich hasse diese Flecken. Ich habe sie immer schon gehasst.

Mach das nicht. Sie sind schön. Sie machen dich unverwechselbar.

Sie sind hässlich.

Nein, sind sie nicht. Mir gefallen sie. Der hier sieht aus wie Frankreich. Und der hier wie Portugal.

Bist du es?

Ich bin es nicht.

Doch, du bist es.

Ich bin es nicht. Ich kann es nicht sein.

Ich wünschte du wärst es.

Und ich wünsche dir, dass der kommt, der es ist und er die Flecken küssen wird.

Ich wünschte wirklich du wärst es.

Ich kann es nicht sein.

Fährst du morgen wieder?

Morgen. Ja.


Sonntag, 15. Mai 2016

Bauschaum, Zahnspangen, Feengesäusel: Beim Heufer-Umlauf




Klaas Heufer-Umlauf und Joko Winterscheidt sind Typen, die ich nicht mehr sehen kann, weil sie inzwischen zu omnipräsent sind, um mir noch Spaß zu machen. Es ist das übliche Ding, das wohl alle trifft, die ganz groß rauskommen: Irgendwann kommt einer um die Ecke und mault: "Ey, isch kannte die schon, da ham die noch im Jujendhaus jespielt. Da warn se noch Straße, getz sinn se nur noch Kommerz."

So ein Typ bin ich. Ich steige aus, wenn jemand zu groß wird. Ich hab' ganz früher sporadisch 'MTV Home' geschaut, dann regelmäßig 'neo paradise' und ich bin sogar für eine Weile zu 'Circus Halligalli' in den Schoß der Privatkommerzluden von Pro 7 gegangen, die sich zwei hippe Typen gekauft haben und sie jetzt durchnudeln bis sie irgendwann nicht mal in Mecklenburg-Vorpommern vor den Assiflatscreens mehr jemand sehen will. Duell um die Welt. Mein bester Feind. Zuletzt 'Die beste Show der Welt'. Dazwischen Werbeclips für McDonalds, irgendeine Limo und einen Reiseveranstalter. Gut is' nu. Ich kuck's nicht mehr, ich kann sie nicht mehr sehen. Zu viel. Zu blöd. Zu Masse. Früher geil, jetzt mau. So isses wahrscheinlich immer.

Jetzt macht der eine von beiden Musik. Heufer-Umlauf hat eine Band mit einem von Wir sind Helden und irgendwelchen anderen Leuten, die keiner kennt, gegründet. Und wer geht da hin? Nach Potsdam ins Waschhaus? Ich. Potsdam. Schon wieder. Verdächtig viel Potsdam-Content momentan. Somuncu. Krefeld. Dub. Friseurin. Jurastudentinnen-WG. Und jetzt der Pro 7-Clown. Potsdam. Das muss aufhören.



Bei Typen wie Heufer-Umlauf wissen Sie nie so richtig, was der so ernst meint und was nicht. Was ist das hier? Was macht der da heute abend? Einen Gag? Ironie? Ja klar, bestimmt Ironie, schon wieder, sehr originell, denn da inzwischen überall alles ironisch ist, wissen Sie nirgendwo mehr woran Sie sind. Jeder kann sich morgen ein Baströckchen anziehen, sich einen Staubwedel in die Poperze stecken und gemeinsam mit einem Kamerateam über die Pfaueninsel Ringelreihen tanzen. Geht als ironisch durch. Kuck mal der Winterscheidt. Was der wieder macht. Hahaha. Alles ironisch. Wir ziehen uns ironisch schlechte Jägermeistercocktails aus ironischen Bundeswehrtassen in von Studiumabbrechern eröffneten und mit semiironischen Gartenmöbeln und superironischen "Rasen nicht betreten"-Schildern aus dem Rentnerparadies Tegel ausgestatteten Ranzkneipen rein, in denen bereits Ommas alte Lampen ironisch von der Decke hängen und einer aus Gründen der Ironie eine alte Schreibmaschine aus den 80ern auf die Theke gestellt hat, mit der auf ironischen Mitropabriefbögen überbewertete Tapas bestellt werden, die dann ironischerweise ein Typ im Eskimoanzug servieren kommt. Hip Hip. Und das Konzept ist so hammerironisch, dass sogar RTL irgendwann ein Kamerateam vorbeischickt. Mööp.

Nur beim Geld verdienen werden sie dann immer schnell sehr ernst. Das ist so heilig, dass aller Ironieaufsatz Sendepause hat. Gibt es Kater Holzig noch? Keine Ahnung, ich mache Bögen so weit ich Bögen machen kann.

In der selben Liga wie die allumfassende Ironie spielt auch diese sehr modern gewordene pseudobescheidene Attitüde, diese aufgesetzte augenzwinkernde Selbstverarsche, die alle im Moment adaptieren. Jeder macht sich jetzt selbst runter, bezeichnet sich als Stümper, Nichtskönner, ach ich bin doch nur ein Amateur, ich kann doch nix, wer bin ich denn, bla, dabei ist das nur so schön unangreifbar, denn hey, sagt mal bloß nicht, dass ich nix drauf habe, das weiß ich selber und das sag' ich auch genau so offen vorab, damit später keiner sagen kann, er habe es nicht gewusst. Und wenn es doch gefällt, hey, dann hab' ich euch aber überrascht, was dann am Ende doch nur so aufrichtig ist wie der Streberarsch aus der Schule, der lautstark Fünfen ankündigt und Einsen abräumt.

Heufer-Umlauf wird später sich und seine Band mehrmals als Amateure und Stümper labeln. Die nichts können. Keine Stadthalle vollkriegen. Was sogar stimmt, wenn ich mich so umschaue. Es wirkt gar nicht mal ausverkauft, das kleine Waschhaus.

Was wird es also werden heute abend? Ich habe vorher nicht einen Titel von ihm gehört. Keine Ahnung was da kommen wird. Verarsche? Dumme Medleys? Coversongs? Ironischer Bebop? Ja. Ironischer Bebop. Das würde passen. Und zwischendrin ein Medley aus 'Take Five', 'Mendocino' und der Internationalen. Mit einer Harfe gespielt und von Überraschungsgast Knorkator begleitet. Mehr Ironie geht nicht.

Was? Klingt satt? Das soll es.



Ich war gespannt auf das Publikum. Wer wird es sein? Wer kommt da? Wer kuckt sich das an? Das zumindest kann ich schnell abhandeln: Kinder. Mit ihren Eltern. 15-jährige Deutsch-LK-Vogelscheuchen mit Zahnspange und nur ganz knapp ohne Lillifeerucksack, die tatsächlich ihre Alten mitschleppen, diese spätberufenen Midlife-Mamas, bemüht und auf jeden Fall erfolglos auf jung getrimmt, die sich durchschaubar kumpelhaft an den Nachwuchs ranwanzen, der ihnen im Gegenzug die Illusion gibt, dass der Tod noch nicht bereits in 15 Jahren hinreichend realistisch sein wird, dabei wollte der Nachwuchs mit dieser Geste der Großmut womöglich nur sicher gehen, dass die blöde Alte die Karte zahlt und sie das nicht vom Taschengeld abknapsen müssen, auch wenn das bedeutet, dass man den Zombie mitschleifen muss. Ungefähr das können Sie in all den jungen Gesichtern lesen, die einen Erziehungsberechtigten an der Hacke kleben haben. So ist das. So war das immer. Eltern sind peinlich. Überall.

Besonders peinlich auch der Papa um die 50 mit Revolverheld-Shirt und versifften Freundschaftsarmbändchen, für den sich sein Sohn sichtbar schämt und der später seinen senilen notgeilen Blick nicht mehr vom Arsch der blutjungen Tanzenden vor ihm nehmen wird können. Das ist es. So etwas schaut sich das an. Kinder. Eltern. Zwei Bärtige mit Schottenrock und Stutzen. Körperkläuse. BWL-Gesichter. Die meisten minderjährig. Mit Stimmen wie Kreissägen:

Billääääääää! Da is' die Billääääääääää! Hey Billääääääääää! Hier sind wir! (wink wink) Billääääääääääh!

Und ich will Bauschaum. In meine Ohren. Frisch von Obi. Oder gleich Zement. Das härtet gut aus. Dann ist Ruhe, dann ist vorbei. Dann muss ich mir nur noch die Augen ausstechen, um keine pickligen Zahnspangengesichter in selbstgestrickten Pullis mehr sehen zu müssen.



Die Vorband ist ein Duo mit Keyboard und Gitarre und niemand mag Vorbands, nicht mal hier, was sich darin äußert, dass das Gemurmel um mich herum lauter ist als das Gezimbel von der Bühne. Die da oben heißen Sarah & Julian und spielen diesen gerade in den Sushibars der Stadt sehr beliebten Angus & Julia Stone-Fahrstuhlmusik-Klimperpop mit Brummbär-meets-Feensäuselstimme, weichgespült, peinlich bemüht, nicht depressiv (das wär' ja wenigstens was) zu wirken. Superkorrekt die Texte. Megabrav der Stil. Keine Kante. Keine Falte. Irgendwie so ... vegan.

Als Julian (auf jeden Fall mit Fusselbart) zu einem Song über Aschaffenburg anmerkt, dass in Aschaffenburg Lederhosen getragen werden, worauf Sarah (die einen Blumenkranz im Haar trägt und aus Aschaffenburg kommt) ihn unvermittelt angiftet, dass das wohl nicht stimmt und er überhaupt keine Ahnung von Aschaffenburg habe, wonach Julian demütig verstummt, schalte ich ab. Kinderquatsch. Nöliger Unsinn. Ich will das nicht mehr hören. Hätte ich den Player mit, würde ich ihn sehr laut stellen, gerade so als führe ich S-Bahn gemeinsam mit Leuten, die Leute annölen.



Stop. Interlude: Motiv. Smartphone-Idiot fotografiert Smartphone-Idiot, der einen Smartphone-Idioten fotografiert. Es blitzt und blinkt im Raume umher. Erkläre mir mal jemand, welcher Sinn dahinter steckt, in einem Konzertsaal einen Blitz zu verwenden. Was wollen die Menschen damit erhellen? Wem nutzt das?

So. Was macht er denn nun für Musik, der Herr Heufer-Umlauf? Auch das ist schnell abgehandelt. Kennen Sie Revolverheld? Und mögen Sie etwa Revolverheld? Kettcar? Tomte? Bosse? Adel Tawil? Diese ganze schnullideutsche Studentenmucke, die so symptomatisch für die ganze biedere Schweighöferisierung einer ganzen Generation steht, mit denen uns die, die nach uns kommen, überrollen und einlullen werden und zwar so lange bis ihnen schließlich (und da warte ich drauf) ihre eigenen Kinder ob der ganzen unerträglichen Bräsigkeit wie schraubengefüllte Streubomben um die Ohren fliegen werden? Kennen Sie? Ja? Kennze Kennze? So. Exakt so 'ne Musik macht der. Mehr nicht.


Samstag, 14. Mai 2016

Lass mal netzwerken - Links vom 14. Mai 2016




Ich habe Post.

Beste herr/frau
Wir mitteilen
Ihre Lastschrift
Wir erwarten die Zahlung
Mit freundlichen Gruessen

Zugriffen zu ordner:
https://tinyurl.com/...

Rechtsanwalt T. Hoffman

Ja, okay, das ist überzeugend. Ich zahle. Nimm. Alles. Bitte.

Noch was? Ja. Kann bitte noch jemand unter den letzten Text "FAAAAKE!" trollen? Sonst ist es irgendwie nicht komplett. Danke.

Die Links. Read this:


Neo Magazine Royale Fernsehnothilfe: Schwiegertochter gesucht
Er ist wieder da. Und wie. (via Schrottpresse)

Dazu gesagt werden muss das:

The diary of Kitty KomaVigil 68

Und der hier für die SPD:

Deutschland sagt Sorry!
Ich bin in der Tat spät dran mit dem Ding, doch Herr K. hat Recht wenn er sagt, dass es verlinkt werden sollte.

Dazu:

Sanktionsfrei
Ein Existenzminimum muss ein Existenzminimum bleiben. Ich arbeite nicht selten eine zweistellige Zahl an Stunden am Tag und weiß, dass mit meinen Abzügen Leute finanziert werden, die nicht arbeiten können oder - es gibt keinen Grund, sich da in die Tasche zu lügen - auch nicht wollen. Das geht für mich klar. Das zahle ich gerne, wegen mir kann das sogar mehr als der mickrige Satz sein, den es momentan gibt. Was überhaupt nichts bringt, ist, diese Leute zur Disziplinierung unter das Minimum zu drücken. Es bringt nichts, macht einen Riesenaufwand und ist ganz einfach nur unmoralisch. Meine Güte, ziehen wir eben einen Prozentsatz an Leuten mit, die keinen Bock haben. Die kriegen dann halt das Minimum für die Grundbedürfnisse. Ungekürzt bitte. Wo ist das Problem? Nochmal: Ich zahle das gerne. Jönne könne und so. Aber das ist ja immer so eine Sache in diesem Land, mit Großzügigkeit sind Sie immer die Minderheit...

roteweltBlogger dir (d)einen (Umsatz)
Zwischenruf aus der Nische in Richtung Werbenutten.

mkln.orgNoch ein Tag auf Facebook
Warum die Menschen ihre Lebenszeit dort verbrennen? Ich habe keine Ahnung. (via too much information)

Fliegende BretterCar Crash TV mit Frau S.
Platinblonde Proletenwalküre.

Studio GlummWas ich noch sagen wollte und schon mal gesagt habe
Mögen. Nicht mögen.

Frau RuthPitbull, Dackel, Paybackkarte
Toll jemacht. Klasse.

zeilentiger liest kessellebenLemberg, Südhang
Bagdad. Backnang.

ZwetschgenmannHonig oder Estragon
Sexgewürz. Und jetzt klicken Sie schon.

Ackerbau in PankowDer Gartennazi
Wer mehr trinkt als man selbst, ist ein Säufer, wer weniger trinkt, eine Spaßbremse. Isso! Is doch so! So isset!

Männer unter sich[Witz] Wie viele Feministinnen braucht man, um eine Glühbirne zu wechseln?
NICHT WITZIG!!! GAR NICHT!!,!!11128IIH7SSÖÖgnagngangna

Zum Schluss Füsch:

Nur das gute ZeugsFischzeugs-terminus-technicus


Donnerstag, 12. Mai 2016

Leise Servus, Billy




Potsdamer Platz. Berlins Ausgeburt an Sterilität. Eine Bar namens Billy Wilders hat zugemacht. Für immer. Das spült auf einen Schlag eine Flut aus Erinnerungen an meine Oberfläche.

Das Billy Wilders hat mich stets vergessen lassen, dass diese künstliche, auf eine Art Mini-Manhattan getrimmte Retortenstadt niemals natürliches urbanes Leben hervorbringen würde. Sie würde nie cool sein. Nur hier im Billy Wilders bekam ich eine Ahnung davon, wie es anders hätte sein können, hier war die Insel in dem Meer aus Glas und Beton.

Das Billy Wilders hat gebrummt. Und das trotz des Orts. Trotz der Deutschen Bahn darüber. Und Legoland nebenan.

Sie hatten hochanständige Cocktails. Magier hinterm Tresen. Hier im Billy Wilders habe ich sogar gelegentlich Bloody Mary getrunken. Dabei hasse ich Bloody Mary. Nur im Billy Wilders hasste ich sie nicht.

Beschissene Toiletten hatten sie hier. Nicht beschissen der Hygiene wegen, sondern ob des Wegs dorthin. Ein Manko. Es begeisterte mich nicht, erst das Lokal zu verlassen, um dann mit dem Aufzug in die unterste Ebene des Sony-Centers zu fahren, damit ich dort pissen kann, um dann wieder hoch zu fahren, damit ich weitertrinken kann.

Vor allem vertrug sich das grell-kalte Neonlicht von Sonys Fahrstuhlkabine nicht mit dem im Billy Wilders angesoffenen Alkoholteint und führte oft zu akuter Spontanernüchterung beim Blick in ein Spiegelbild, das mir bei jedem Toilettengang die mitternächtliche Wahrheit ins Gesicht spie. Blass. Bleich. Augenringe. Geplatzte Äderchen. Und ist das da am Kinn ein Pickel? Bei so viel brutal ausgeleuchteter Realität hilft nicht mal Koks. Es ist nicht so, dass ich es nicht versucht hätte.

Im Billy Wilders hat sich einer meiner ältesten Freunde mir gegenüber geoutet. Er war sehr nervös und in großer Sorge, dass ich aufstehen und gehen könnte. Er druckste erst stundenlang herum und brachte es dann doch. Als er fertig war, habe ich mich geoutet. Lachend. Ich war nicht in Sorge. Was ich tat war ja auch nicht halb so mutig.

Ins Billy Wilders bin ich manchmal geflüchtet, um der Belagerung durch eine Frau zu entgehen. Sie schrieb über Monate Briefe, SMS, E-Mails. Seitenweise. Schau her. Das bin ich. Hier ist mein Leben. Los. Nimm. Rette mich. Mich. Mich. Ich. Ich. Ich. Denn du bist es. Dich habe ich gewählt. Ich ging nicht mehr ans Telefon. War kaum zu Hause. Immer wenn ich einen ihrer Versuche gekontert habe, ging sie danach um so entschlossener vor. Seitdem weiß ich, dass es Menschen gibt, mit denen Sie nicht reden, sondern die Sie nur aussitzen können. Sie fing die Nachbarn ab. Erfand wilde Geschichten als könnten die Nachbarn meine Türe (mein Herz) öffnen. Sie klopfte. Sie hämmerte. Klingelte Sturm. Schrie. Wollte rein. Ich tauchte unter. Ließ mich auf Arbeit verleugnen. Schlich über einen anderen Eingang durch den Hof in mein Treppenhaus. Fuhr mit dem Auto um den Block, um auszuschließen, dass sie wartete und von irgendwo meine Fenster beobachtete. Nach drei Monaten fand sie einen anderen, der als Erlösung herhalten sollte. Sie sandte mir Fotos, um mir zu zeigen was ich verpasste. Ich ging ins Billy Wilders, um ihr neues Glück zu feiern.

Im Billy Wilders habe ich eine totgerittene Freundschaft beendet, entschieden, mit dem traurigen Rest einer zu Trümmern gerockten Familie zu brechen, auf das beste Kind der Welt angestoßen, das gerade seine ersten Tage auf dieser Erde hinter sich brachte, ich habe neue Pläne gemacht und verworfen, Wege verlassen, Entscheidungen getroffen, die nie wieder rückgängig zu machen sind. Ich wollte, dass die Zukunft damit aufhört, die Gegenwart zu spiegeln. Sie hatten hier im Billy Wilders 15-jährigen Glenlivet. Der hilft immer. Bei allem.

Im Billy Wilders habe ich mit Sambuca und Long Island Ice Tea die Volte des Zufalls runtergespült, dass eine arme Sau mit dem Namen Torsten den Hauptgewinn im Vaterschaftstest einer abgefuckten Potsdamer Jurastudentin gezogen hat, die in einer Serie übler Nächte unter dem Einfluss aller zu jener Zeit verfügbaren Drogen eine Reihe Männer im Schlafzimmer ihrer Jurastudentinnenbutze durchgenudelt hat. Darunter mich. Ich war eine Weile davon überzeugt, dass mir wegen solcher Aktionen irgendwann mal der Schwanz abfault. Doch das ist nicht passiert.

Im Billy Wilders habe ich mich gerne mit einer Friseurin getroffen. Sie hieß tatsächlich Mandy, war sonnenblumenblond und kam aus einem deprimierenden Potsdamer Ortsteil mit dem euphemistischen Namen "Am Stern", dessen einzige Attraktion ein riesiges Einkaufszentrum ist, in dem sie gemeinsam mit ihren Freundinnen als Höhepunkt eines weiteren ereignislosen Tages abhing und über Dinge kicherte. Sie war nicht sehr hübsch, ungebildet in einem vorher nie so aus der Nähe erlebten Ausmaß und beherbergte ein so schlichtes Gemüt, dass es mir nüchtern große Schmerzen bereitete, wenn unsere Dialoge über mehr als zwei Sätze hinausgingen. Dafür war sie sehr nett zu mir. Es gibt Zeiten, da reicht das schon. Wenn mein Gesicht zwischen ihren obszön riesigen Brüsten verschwand, war mein Leben für eine kurze Zeit kein Desaster mehr. Mandy war das, was heute nur noch ein fernes Klischee ist, das Ihnen keiner mehr glaubt. Über ihre fiese Narbe an der Oberlippe hat sie nie geredet. Und ich habe nie gefragt.

Im Billy Wilders habe ich den Tod meiner Großmutter, dem einzigen Menschen meiner Familie, der was taugte, begossen. Und begossen. Bis Mitternacht begossen. Besinnungslos begossen. Geschlafen habe ich im nahen Mendelsson-Bartholdy-Park. Am nächsten Morgen war meine Oma immer noch tot und die U-Bahn laut. Ich stank.

Im Billy Wilders habe ich zum ersten Mal einen Mann geküsst. Ich fand es gut. Und kratzig. Die meisten Männer, die meine Wege kreuzten, küssten gut. Und waren kratzig. Männer küssen im Allgemeinen leidenschaftlicher. Nicht so passiv. Dieses heiße Verlangen, dieses unbedingte Wollen, das gut küssende Männer auszeichnet, kriegen die meisten Frauen nicht hin. Natürlich ist das nur meine Meinung. Es ist alles immer nur meine Meinung.

Im Billy Wilders hat mich die 50-jährige Direktorin meines Ausbildungsbetriebs erst abgefüllt, dann in ein billiges Hotelzimmer irgendwo an der Potse gebracht und erfolglos versucht, mir einen runter zu holen. Es ging gar nichts. Vermutlich war ich zu besoffen. Oder es war der Käse, nach dem sie roch. Sie hat mich erst beschimpft. Dann verhöhnt. Zuletzt sich wortreich entschuldigt. Ich habe nichts gesagt, sondern nur meine Sachen zusammen gesucht und bin an den Nutten der Kurfürstenstraße vorbei zur U2 gelaufen. Später gab sie mir vor lauter schlechtem Gewissen legendär gute Praxisnoten. Und persönliche Empfehlungen, die dazu geeignet waren, Türen zu öffnen. Türen, durch die ich gegangen bin. Es war das zweite Mal, dass ich mit jemandem ins Bett gehen musste, von dem ich beruflich abhing. Und es waren beide Male ältere Frauen, die mich ausbilden und benoten sollten, beide mit dieser Leere in ihren Leben, die sie für einen Abend mit jemandem vergessen machen wollten, der im Weg herumstand und sich in Duldungsstarre mitnehmen ließ.

Jahre später habe ich die Direktorin mit dem Smartphone gegoogelt, als ich im Billy Wilders auf dem selben Platz wie in jener furchtbaren Nacht gesessen und mich an ihren burgunderrot geschminkten Mund erinnert habe, der die Bestandteile eines Käsetellers mit schwerem Rotwein und einer Schüssel Oliven in einer Unappetitlichkeit durchwalkte, die auf perverse Art faszinierend war. Ich fand Artikel in einigen Brandenburger Lokalzeitungen über sie. Mit Fotos, auf denen sie Hände schüttelt. Man hat sie sogar interviewt. Sie verkauft jetzt innovative Dinge, die die Umwelt schonen und lanciert ihre Produkte sehr geschickt.

Ich komme gut klar. Ich komme sehr gut klar.

Servus, Billy. Leise Servus.



Dienstag, 10. Mai 2016

Pappnasen und Wachsfiguren


Und schon ist es passiert. Ich sitze in der Touristenfliegenfalle, ich hänge bei Madame Tussauds unter den Linden fest. Teuer ist das Ding, meine Güte, irgendwas um die 20 Euro für einen Besucher, ihr seid doch verrückt, nur für ein paar Puppen. Ich für meinen Teil kam wenigstens mit irgendeinem "2 für 1"-Ding rein, immerhin. Doch es ginge wohl auch ohne, denn die Touristen stehen trotzdem Schlange bis raus auf den Boulevard. So gesehen könnten die auch 30 nehmen oder 50, die zahlen das trotzdem.

Manchmal fühlte ich mich ein wenig verarscht. Nicht alle Prominenten vermochte ich zu erkennen, sie sind zu sehr verfremdet, bestimmt nicht mit Absicht, sondern es hat halt nicht für mehr gereicht.



Wer soll das sein? Franz Beckenbauer? Jetzt hört doch auf, der sieht eher aus wie ein nach Brüssel abgeschobener Politiker, der sich gerade über sein Sitzungsgeld freut, aber doch nicht wie Beckenbauer. Ehrlich mal.



Und das hier? Marlene Dietrich? Ute Lemper? Eine Puffmutter von der Reeperbahn? Wegen mir eher eine Gummipuppe von Beate Uhse. Meine Güte.



Ja, JFK. Schon klar. Mit viel Fantasie. Oder ein Liftboy im Hyatt, was weiß ich denn?



Für Birne braucht man auch viel Vorstellungsvermögen. Der war viel gebirgsmassiver, viel dicker und viel birniger. Au mann...

Oder hier:



Nina Hagen? Cindy Lauper? Die Eule vom Punkertreff am Alexanderplatz?



Manche hingegen sind ganz gut getroffen, der geile Depp zum Beispiel.



Auch den Brüller hätte man nicht besser porträtieren können.

Doch der Lustigste ist mal wieder Adolf. Den haben sie hinter Mauern in einer Art Kerker versteckt, damit auch ja jeder Tourist mitschneidet, dass die Deutschen den heute nicht mehr gut finden. Man darf ihn auch nicht fotografieren, weil man das Böse nicht fotografieren darf (wahrscheinlich wird es sonst wieder lebendig). Das ist so furchtbar arm, so unsouverän, so klein, dass mir dafür sogar der Sinn nach Spott abhanden kommt. Klar ist der böse. Doch das weiß inzwischen auch jeder als dass derlei plakativer Mist heute noch so lustlos in heiliger Abgrenzungsroutine zelebriert werden muss.

Nach 40 Minuten war ich dann durch. Ich hab' Henry Maske mit einem Boxhandschuh symbolisch auf die Fresse gehauen, meinem Kumpel, dem King, gönnerhaft den Arm um die Schulter gelegt, mir zusammen mit Bismarck eine Pickelhaube aufgesetzt und mit Angelina Jolie gekuschelt, was ganz gut lief, weil Brad Pitt nicht ansatzweise so aussieht wie Brad Pitt in echt und ich mich somit nicht ganz so schlecht fühlen muss, mit Wachspuppen-Angelina rumzumachen. Er war ja nicht da.

Später habe ich mich dann für die Klischeefotos geschämt. Da kann ich mich ja gleich mit den silbern angemalten Armee-Pappkameraden vom Brandenburger Tor fotografieren lassen oder eine nachgemachte Sowjetmütze aufsetzen und mich dort gleich auch noch zur Bratwurst machen. Au mann, so schnell geht Hirn flöten und ich werde wie sie alle, die ganze Herde...

Ja, prima, viel Spaß damit, am besten ohne mich, das nächste Mal lade ich die Verwandtschaft nur vor dem Eingang ab, gehe einen überteuerten Kaffee im Einstein trinken und hole die ganzen Verzückten eine halbe Stunde später wieder ab.

Berlin-Mitte. Touristentand. Für mich ist das Ausland hier. Nur ohne Grenzkontrolle.


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Ein alter bebildeter Text von mir, den ich auf dem Bewertungsportal Qype gepostet habe, das es schon lange nicht mehr gibt. Ich kleb' mir das mal aus Nostalgiegründen hier rein. 2010 war das. Auch schon wieder sechs Jahre her. Ich musste den Text ein paar Mal umschreiben, bis die Zensur ihn zuletzt stehenließ. Es sei nämlich eine unzulässige Tatsachenbehauptung, zu behaupten, die Puppen sähen nicht aus wie ihre Vorbilder. Soso.

An dem ganzen üblen Wachsfigurenmist dürfte sich nichts geändert haben, bis auf die Puppen, da gibt's bestimmt öfter mal neue, keine Ahnung, ich war seitdem nicht mehr da und ich will da auch nicht mehr hin. Da kann die bucklige Verwandtschaft in Zukunft gerne alleine hingehen.


Sonntag, 8. Mai 2016

Unter Müttern: Schönhausen




Was passiert eigentlich in diesen ominösen Mütter-Kind-Cafés? Was machen die da? Vor meinem geistigen Auge geifern Prenzlmütter in Latzhosen und Birkenstocks über den Rand ihres Sojamilchkaffees mit Zimt-Flavour ihre kleinen Malte-Neppomuks, Torben-Eusebiusse und Lulu-Noelias an, weil die mit ihren zwölf Monaten immer noch nicht fließend Mandarin sprechen, aus Bio-Lehm eine Statue von Barbara Rütting modellieren oder fehlerfrei ihren fürchterlichen Namen ausdruckstanzen können.



Ach nee. Reicht. Ich kann die Klischees auch nicht mehr hören, scheuche den Zwerg von der Playstation weg und wir gehen da hin. Da rein. Kind. Und Mann mit Lederjacke. Aus toten Tieren. Toten Lämmern um genau zu sein. Aus Neuseeland eingeflogen. Mit einer CO2-Bilanz wie ein Flugzeugträger. Wie werden sie reagieren? Werden sie mit Amarettinis nach uns werfen und mit unbehandeltem Holzspielzeug niederknüppeln? Erstmal ruhig angehen lassen. Ich versuche es mal mit einem Müttercafé in Pankow. Wenn ich das hier heil überlebe ohne mich für immer einliefern lassen zu wollen, klappt es irgendwann vielleicht ja sogar bei mir umme Ecke, beim unsagbaren Grauen, der Hysteriezentrale, dem matriarchalen Epizentrum, dem Kollwitzplatz. Huhu.

Doch dann ...

... passiert ...

... nichts.

Kein Klischee. Keine Terrormütter. Kein Neppomuk.



Und auch kein Eusebius.

Eine Sache jedoch wird auch ohne die erwarteten aber nicht gelieferten helikopteresken Tofutaliban recht schnell deutlich: Als einzelner Mann mit Kind im Müttercafé sind Sie ein Exot und ernten diese lustigen aufmunternden Blicke von allen Seiten: Huhu Papa, wir haben dich im Auge. Du schaffst das schon. Es ist gar nicht so schwer. Frag uns und wir helfen dir. Du kannst das gar nicht alles können (was wir können). Es ist wieder dieses Gefühl. Der Zurückgebliebene und viele Gutmeinende, die ihn beäugen. Den gefürchteten Satz aus Prenzlauer Berg - "Das ist ja toll, dass Sie sich auch um das Kind kümmern." - höre ich hier heute jedoch nicht. Das lässt hoffen. Vielleicht hat er sich so langsam abgenutzt.



Zwischendrin sitzen sogar ein paar Rentner, die ausnahmsweise nicht an meinen Nerven sägen. Es herrscht so ein seltsamer Friede. Fast so etwas wie Gleichgewicht. Harmonie. Ist es Pankow? Liegt es daran, dass ich endlich mal mein Irrenhaus von durchgeknalltem Neureichenghetto verlassen habe? Oder einfach nur am Wetter? Ich warte auf etwas, doch nichts passiert. Heute ist das Treiben entspannt, den Menschen, die mir heute begegnen, machen die Dinge sichtlich Spaß. So wie mir. Mir macht das auch Spaß, niemand nervt mich, das Essen ist gut, der Kaffee sowieso. Mai. Sonne. Doch. Schon. Es geht mir gut.



Eine der Mütter fotografiert ihr Stück Zupfkuchen. Haha, sie fotografieren ihr Essen. Sehr witzig. Instragrammen wohl. Facebooken. Oder Bloggen. Posten Fotos von Kuchen und stellen das in den Blog. Wie debil kann man sein. Ey, Mütter, wirklich, Mütter, so sind se. Alle. Kuchenfotos. Für Blogs. Total hohl.



Blep. Blep. Und ich habe mir den Namen Barbara Rütting gemerkt und weiß noch nicht mal woher. Es ist soweit. Sie konditionieren mich. Bald bin ich einer von ihnen. Ein Tofutaliban. Mit Rotorblättern.


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Café schönhausen
Florastraße 17
Pankow
http://www.schoen-hausen.de