Samstag, 22. November 2014

Junkfraß aus der Industriehölle (4)


Lidl ist ja bekannt dafür, immer mal wieder übelsten Junk auf den Markt zu werfen. Es ist oftmals bizarres Zeug, das nicht einmal die Illusion aufrecht erhält, dass hier irgendetwas mit rechten Dingen zugeht, dass da irgendein natürlicher und gar gesunder Inhaltsstoff verarbeitet wurde. Manchmal denke ich, dass in der Produktdesignabteilung des Konzerns ein Punkrocker arbeitet, der ab und zu mal sehen will, was passiert, wenn er bisschen Stunk macht, was passiert, wenn er einfach einmal offensichtlichen Unsinn auf den Markt wirft. Ob das jemand kauft.

Vielleicht ist er aber auch ein Kommunist, der die Obszönitäten der Warenwelt mit einem als Kaufobjekt verbrämtem Kunstwerk so sehr persifliert, dass irgendwann beim Konsumenten ein Erweckungszustand eintritt, ein Gedankenfunken, der sich am besten zusammenfassen lässt mit: "Meine Güte, was tue ich hier eigentlich?"

Was ist denn das hier?


Aha. Milchkissen. Sie glauben doch wohl bitte nicht, dass der Scheiß hier irgendwas mit Milch zu tun hat, abgesehen von dem Tropfen Kondensmilch, der es lebensmittelrechtlich erlaubt, das Buzzwort Milch in mutierter Comic Sans-Schriftart übergroß auf die Verpackung zu schreiben. Milch. Gesund. Pausbäckige Kinder. Kuh. Muh. Natur. Bauernhof. So wertvoll wie ein kleines Steak. Muss ich haben.


Crunch. Grumpf. Mopf. Zuckerwürfel. Das Zeug schmeckt nicht nur nach Zuckerwürfeln, es fühlt sich an den Zähnen auch an wie Zuckerwürfel. Knirsch Knirsch. Unerträglich süß. Obszön süß. Ich schmecke nicht einmal mehr Kondensmilch, ich schmecke nur noch reinsten Zucker, dessen klebrige Süße irgendwann von der Milch absorbiert wird, die hernach in meinem Mund herumpappt wie eine dieser billigen schmierigen Vanillemilche aus dem weißrussischen Labor kurz hinter Brest, in dem alle toxischen Instant-Zutaten von übernächtigten alkoholkranken einäugigen Zombies mit schlechter Haut und Mundfäule zusammengemischt und in Großhandelstanks für den Verkauf in Berlin abgefüllt werden, weil woanders keiner so blöd ist, so etwas zu kaufen. Uff.

Meine Güte, was tue ich hier eigentlich? Ich muss jeden Scheiß probieren, ich bin das leichteste aller Marketingopfer. Schreiben Sie "Neu!" drauf - ich kauf' das. Schreiben Sie "Nur für kurze Zeit" oder besonders fresh "Limited Edition" drauf - ich kauf' das, ich kauf' alles, "Milch!", "20% mehr Inhalt" oder "Jetzt noch weißer / reiner / größer / schneller / höher", her damit, kauf' ich, sie spielen mit meiner Neugier, meiner ewigen Neugier, die immer wieder dazu führt, dass ich Dinge kaufe, die mein Leben signifikant verkürzen.

Wie das hier.

Das waren drei Tage weniger. Locker. Ekelhaft. Wenn ich das in die Biotonne schmeiße, zeigt mich der analfixierte Mülltonnenfetischist von nebenan wegen vorsätzlicher Kontamination des natürlichen Lebensraums unserer Hofratten an. Mit Recht. Denn wer das den Ratten gibt, der hat kein Herz.


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Junkfraß aus der Industriehölle:
(1)
(2)
(3)

Lass mal netzwerken - Links vom 22. November 2014


Read this:

e13.de#gatederwoche
#allebekloppt

die SchrottpresseDer Stuhl
Comandante. Für diese Erzählung brauchen Sie etwas Zeit, Muße und Ruhe. Ich freue mich, sie hier verlinken zu dürfen.

Astrodicticum SimplexWas mich ärgert: “Homöopathie bei Kinderkrankheiten und Schulstress”
Wir haben eine Renaissance des Übersinnlichen - mit umso mehr Vehemenz je rationaler und technisierter das Leben wird. Es überrascht mich nicht. Actio = Reactio. Jede Entwicklung hat ihre Gegenbewegung. Pendel. Schwingung. Bla. Der Homöopathie-Hype ist nur ein Ausdruck davon.
Eine der Wahrheiten, die man irgendwann schlicht akzeptieren muss, um nicht verrückt zu werden, ist: Ein schwankender Prozentsatz x der Menschen wird immer empfänglich für derlei Übersinnliches sein und ein anderer Teil der Gesellschaft wird gut davon leben.
Das Schlimme an solchen Hokuspokus-Hochphasen ist - und damit haben wir schließlich den Zusammenhang von klassischen Religionen, Homöopathie, Vegan- und Genderismus - das Missionieren. Zu viele können auch hier wieder nicht einfach leben und leben lassen, sondern müssen missionieren.
Versuchen Sie mal in einer durchschnittlichen Apotheke Prenzlauer Bergs zwischen Senefelder- und Helmholtzplatz eine handelsübliche Chemiekeule für Ihre Erkältung zu kaufen. Sie werden begründen müssen, warum Sie die standardmäßig angebotenen Homöopathiepräparate nicht wollen und finden sich in einer argumentativen Verteidigungshaltung wieder, für die Sie vorbereitet sein müssen, um am Schluss kein Geld für Blödsinn auszugeben nur um Ihre Ruhe zu haben.
Die Apotheken, die Sie nicht damit nerven, müssen Sie hier inzwischen mit dem System Trial and Error mühsam suchen und - je nachdem wo im Bezirk Sie wohnen - etwas weiter dafür fahren.

Philipp GreifensteinDie im Elend ohne Obdach sind, führe ins Haus!
Manchmal lohnt es sich, in die Refererrs zu schauen, um zu sehen, wer einen so alles verlinkt.
Ich setze einen Revanchelink, um das Thema noch einmal ins Bewusstsein zu rufen. Mir ist das wichtig - aus Gründen, die Sie kennen.
Selbstverständlich sollen Sie nicht wegen jedem Scheiß den Kältebus rufen und im Zweifel lieber die 112 wählen. Es ist doch ganz einfach: Helfen sie, wenn Sie sehen, dass jemand droht zu erfrieren. So zynisch, Menschen im Elend verrecken zu lassen und ihnen noch ein "Selbst schuld" zuzurufen, sollte man nie werden. Das ist unanständig.

...schlechter Sex und Dosenbier...#15: …Is That All There Is Then Let’s Keep Dancing…
Gefrotzel aus dem Callcenter. Amüsant ist gar kein Ausdruck.

indub.ioJemand postet das “Band Aid 30″-Video bei Facebook. Was dann passiert in einer einfachen Grafik erklärt
Die mit Werbung zugeschissene Clickbait-Nachfolge des großartigen Blogs "Ich bin geistig krank" ist zwar an Tragik kaum zu überbieten, aber das Ding hier ist wirklich gut.
Im Prinzip könnte man die Kommentardiskussionen zu bestimmten Themen auch durch Buttons mit den so üblichen wie erwartbaren Textbausteinen ersetzen, denn es wird über kurz oder lang sowieso immer das Gleiche gesagt. tux hat das in seinem Blog teilweise umgesetzt. Ich finde das Feature großartig.
(via Kraftfuttermischwerk)

Gay WestSolidarität mit dem BILD-Girl!
Wenn die Puritaner gegen die Springerpresse zu Felde ziehen, weiß ich gar nicht, auf wessen Seite ich mich stellen soll. Das macht die Sache so schwer in diesen Zeiten: Ebola gegen Darmkrebs. Ich lehne beides ab.

petitessenDraußen vor der Tür
Berlin.

Vilmoskörtes BlogHier kein Rind
Gnarf Gnarf.

stadtkindFFMLiebe Sprayer, bitte verschont diese Wand
Hahaha ... nein.

Schnell noch eine Weisheit des Tages:

wortsuchtDie Krone der Schöpfung

Und den Filmtipp des Tages:

ZG BlogFilmtipp: Die Jagd (Ausgezeichnete Besprechung eines großartigen Films)

Und Risotto hatte ich lange nicht:

stefanolixMein Kürbis-Risotto 2014


Freitag, 21. November 2014

Auf und unter der ollen Else


Die Elsenbrücke wird ziemlich unterschätzt.  


Wahrscheinlich wegen des Baujahrs und der Lage. Sie ist ein Ossi. Ein reiner. Von der DDR erbaut. Sie war noch nicht einmal ein Grenzübergang. No fame no gain.


Die Umgebung war bis vor etwa zwei Jahren noch ein wenig verwunschen.  



Inzwischen haben sie das Gestrüpp gerodet und einen kommerzialisierten Hipsterstall dorthin gebaut. Der sieht zwar aus wie ein besetztes Areal zum Ausleben alternativer Lebenskonzepte, doch machen Sie sich keine Sorgen: Es geht auch hier wieder nur um Geld, vorwiegend um das Geld von Touristen, denen im Gegenzug dafür eine wilde Stadt vorgegaukelt wird, die schon lange nicht mehr wild ist, sondern ihren Ruf aufzehrt bis irgendwann auch dem letzten Spanier und Portugiesen auffällt, dass hier nur noch Potemkins geistige Verwandtschaft wirkt.
Bis dahin freuen wir uns über besoffene Engländer mit alkoholroten Gesichtern und ihren originellen Hitlergrüßen bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Oder Skandinavier, die sich ihrerseits über das Land des billigen Alkohols freuen, den sie aber mangels Übung nicht vertragen und die Bahnhöfe vollkotzen. Oder iPhone-Ingrid, die zu blöd ist, auf ihr Telefon aufzupassen.


Und hey, sie sind hier sogar so alternativ, dass sie ihren Stall videoüberwachen lassen. Soll noch einer sagen, dass sie hier Trends verschlafen.


Hip hip. Auf der Brücke haben Sie einen idealen Blick auf die Stadt. Deswegen stehen hier oft Fotografen und fotografieren. Motiv. Motiv.




Auf der Brücke gibt es auch einen Radweg.  


Der ist aber wie überall in Berlin überflüssig, weil ihn keiner befährt, sondern den Fußgängerweg rechts davon. Die Verwaltung sollte in der Konsequenz alle Gehwege offiziell in Fahrradwege umwidmen und damit die Gesetzgebung endlich den Realitäten anpassen. Oder gleich Shared Spaces für alle schaffen: Der Stärkere hat Vorfahrt und der Rest muss zusehen, dass er auf seinen Arsch acht gibt. Ganz einfach eigentlich und spart Geld für den Ausbau von Infrastruktur, die keiner nutzt.

Wenn man das Rad allerdings auf der Brücke anschließt anstatt darauf zu fahren, kann das gerne mal so enden:


Fahrlässig. Einfach irgendwo anschließen geht nicht. Für ein Fahrrad brauchen Sie in dieser Stadt einen eigenen Carport. Mit Panzertür. Sonst ist es weg. Oder Sie fahren freiwillig eine verrostete Möhre, die nicht mal einer klauen mag. Your choice.


An den Laternenmasten der Brücke wird manchmal für Lustiges geworben:


Die völlig neue Superschau.

Die total neue Spitzenschau.

Die brandneue Spezialsuperspitzenschau.

Oder:

Menschen
quälen
Tiere
und nennen das
Sensationen  


Eine schöne Brache gibt es hier auch.  


Noch.

Gibt's nämlich nicht mehr lang. Bis der Planierer kommt und einen dieser neuen düsteren Glaskästen aus dem Horrorkabinett der Investmentarchitektur hochzieht. Weil es hier so wenige davon gibt.

Und wenn der Glaskasten steht ...

... dann wird's kalt.


Kalt. Kälter. Und im Winter sitzen wieder Vögel auf Eisschollen.  


Das hat so was Arktisches. 

Ich mag die Elsenbrücke. Auch wenn sie im Winter die letzte in ganz Berlin ist, die vom Eis geräumt wird.


Und die letzte, von der sie die Böller von Silvester und die aufgetaute Hundescheiße wegmachen.


Unter der Brücke organisierten sie Untergrund-Raves bevor die Kommerzhipster kamen.  


So war das mal. Nichts ist für die Ewigkeit, nichts bleibt wie es war. Untergrund-Parties sind inzwischen nur noch der Teaser. Läuft der Ort und hat er sich herumgesprochen, wird er kurze Zeit später kommerzialisiert. Mit Bretterverschlägen, immer mit Bretterverschlägen. Das alternative Bild muss gewahrt bleiben. Und das rechnet sich, weil sich in dieser Stadt immer ein Moloch von Subventionsverteiler findet, der das mitfinanziert. Und wenn genug Geld aus der Nummer rausgezogen wurde, legen sie eine Insolvenz hin und bauen gegenüber einen neuen Hipsterstall. Mit neuen Bretterverschlägen. Oder den alten, die sie mitnehmen.

Professionelle Pleitiers aus den Glaskästen machen es auch nicht anders. Wenn auch ohne Bretterverschläge und alternativem Federkleid.


Flashback. So war das mal. Mit Tonnen. Zum Warmhalten. Warmmachen.


Bronx-Feeling 1980.  


Nur brennen die Mülltonnen heute nicht mehr. Es hat sich ausgebrannt.  



Inzwischen wohnt auch hier die Armut. Hier pfeift der Wind nicht so, wenn der Winter in der Stadt einfällt.



Die Elsenbrücke ist der Underdog unter den Brücken. Der hässliche Bruder des vollgepissten Wahrzeichens.

Hey, und ich mag Underdogs.


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Als mir abends mal langweilig war, habe ich das Ding bei Qype geschrieben und mit irgendwelchen Schnappschüssen bebildert, die ich im Anschluss an den Stralau-Spaziergang gemacht habe. Muss 2012 gewesen sein. Ich wollte damit einen Qype-Kontakt parodieren, der, nachdem er nahezu jedes Gebäude seiner Heimatstadt beschrieben und bewertet hat, dazu überging, über Stromkästen, Vogelhäuschen und Bushaltestellen zu schreiben. Liebevoll bebildert. Ein Mensch mit sehr viel Zeit und dem Blick für Details.

Meine Parodie kam nicht durch. Er hat vor Aufregung ganze sechs Mal auf den Feedbackbutton "Mehr davon!" gedrückt. 

Bevor der Text auf der Festplatte vermodert, hier ein leicht aktualisierter Repost. Nur für die Akten. 

Mittwoch, 19. November 2014

Motörhead in Bionadeland


Good evening. We are Motörhead and we play Rock'n Roll.

16. November 2014. Motörhead spielt in Prenzlauer Berg. Ausgerechnet. Es gibt wohl keinen unpassenderen Bezirk dafür, keine Gegend ist so wenig Rock'n Roll wie dieser überdimensionierte Friedhof mit Ringbahnanschluss. Selbst Eberhard Diepgen und seine Zehlendorfer Frontstadtmumien verkörpern mehr Rebellion als meine Nachbarn.

Die ganze Organisation hier in der Max-Schmeling-Halle demonstriert wie jede Massenveranstaltung in dieser Stadt heillose Stümperei bis zur absoluten Karikatur. Es beginnt schon am Einlass und setzt sich ohne Brüche über die Bierstände bis zur Fressbude fort. Alles dauert ewig. Studenten beim sich selbst finden. Langsamer als mein Kind beim Umziehen in der Kita. Na klar. Der Germanist steht am Zapfhahn, an dem er in stoischer Seelenruhe ein Bier nach dem anderen fertig zapft anstatt parallel zu arbeiten wie Wirt Stulle zur Stoßzeit in der Kneipe "Zum Tönnchen". Und gehemmtes Mathe-auf-Lehramt durchsucht am Einlass die vernarbten Hells Angels, die das fünffache von ihm wiegen und die er anfasst wie eine heilige Reliquie. Schnarch. Klappt ja super. Effizienz - dein Name war nie Berlin. Wo nehmen die bloß die Leute her? Aus dem Proseminar Genderforschung? Philosophie? Pferdewissenschaften? Und warum fahren die nicht Taxi?

Tick. Tack. Schlumpf. Also stehen wir alle hier rum und warten, bis wir abgefertigt werden: Altgewordene Sofarocker, zahnlose Roskildeveteranen aus der Gruft, bandscheibengeplagte Lederkuttenträger in Schonhaltung, Buffy-im-Bann-der-Dämonen-Darsteller, faltige Emo-Bräute im Herbst des Daseins, Speckschürzen meets Truthahnkinn goes lichter grauer Backenbart aus dem Schnittmuster "Lemmy für Arme".

Und ganz tolle Sinnsprüche in Fraktur-Lookalike gibt es auch:


Louder. Stimmt. Da war doch was. Motörhead - die vorgeblich lauteste Band der Welt. Und wer hat die Ohrstöpsel vergessen? Ich. Zum Glück verkauft mir die Max-Schmeling-Halle ein paar schäbige kleine Dinger für geschmeidige 4 Euro, die ich später nur mit Mühe wieder aus meinem Ohr gepult bekomme, weil sie unfassbar klein sind. Rock'n Roll ihr Pfeffersäcke. Seit mir die Fliehenden Stürme im Lovelite vor ein paar Jahren satte zwei Wochen Dauerpfeifen ins Ohr gefickt haben, gibt es kein Risiko mehr. Pfeifen im Ohr braucht kein Mensch. Ohrstöpsel schon. Ich möchte noch kein Kind im Ohr.

Hurra, es spielt eine Vorband:


Und dann spielt noch eine Vorband. Eine schlechter als die andere. Bumsrock. Glamrock. Keine Ahnung wie man das nennt. Zum Besaufen schlecht.

Vorbands sind eh kacke. Keiner mag Vorbands. Vorbands stehen da oben und spielen gegen eine Wand des Schweigens an. Und sind dann sauer, wenn keiner abgeht wie Hulle als würde in ihrer Snare Drum gerade der neue Heiland geboren.

Das Geilste sind Vorbands, die dann verzweifelt mit den Händen wedeln, um das Publikum zu motivieren und dabei Dinge in die eisige Stille brüllen wie "DO YOU FEEL GOOD? BERLIN YOU ARE AMAZIIIING!!!!" Dann lieber Publikumsbeschimpfung. Das wirkt so schön ehrlich.

Aber ich versteh's ja. Pure Verzweiflung trifft auf nacktes Desinteresse. Man stößt sich gegenseitig ab. Alle hier wollen Motörhead sehen und nicht Jimmy-Jones-aus-Pforzheim-Buckenberg-stümpert-am-Keyboard. Ich habe schon eine Minute nach Ende des Auftritts den Namen der Band vergessen. The Blended. The Gambit. The Braindead. Egal.

Limp Bizkit waren dieses Jahr übrigens Vorband der Böhsen Onkelz. Limp Bizkit. Vorband. Böhse Onkelz. Das waren mal Superstars. Also Limp Bizkit. Offenbar geht's inzwischen mit großen Schritten abwärts. In Richtung Eberswalde. Angermünde. Küstrin-Kietz. Wahrscheinlich sind Limp Bizkit nächstes Jahr Vorband von Frei.Wild. Und dann von Jimmy Jones aus Pforzheim-Buckenberg. Oder von The Braindead.

Gut jetzt.

Hier kommt Lemmy.


Es ist Lemmy.


Es ist verdammt nochmal Lemmy.


Oder das was von ihm übrig ist. Ich bin hier aus purer Nostalgie, weil ich nicht weiß, ob es nach dieser Tour jemals eine weitere von Motörhead geben wird. Dürr ist er geworden. Dürre Ärmchen. Die Stimme versagt auch öfter mal. Da fehlt der Jacky zum Ölen. Jetzt trinkt er Diätlimo. Motörhead. Ich hatte schon zwei mal Karten hierfür. Einmal letzten Herbst und einmal Frühjahr. Fiel jedes Mal aus. Weil 40 Jahre Jack Daniels endlich ihren Tribut gefordert haben und Lemmy fast schon gegangen wäre ohne dass ich ihm noch einmal hätte Tschüß sagen können.

Lemmy. Legende. Wenn einer Rock'n Roll ist, dann er, auch wenn es aussieht, als ginge es nicht mehr allzu lange da oben. Irgendwer neben mir kennt jemanden Backstage, der sagt, Lemmy sähe aus wie ein Hundertjähriger. Ich glaube das. Zumindest hört er sich so an.

Hundert hin oder her - für den Klassiker reicht es immer noch:

Just 'cos you got the power, that don't mean you got the right.

Ein Fickfinger für die da oben. Danke dafür.

Aus. Dann ist es aus. Das voraussichtlich letzte Motörhead-Konzert meines Lebens. Gutes Konzert, sicherlich, es sind ja Profis, aber ein wenig zu routiniert ist es dann doch gewesen, was vielleicht auch am extrem braven Publikum lag. Ein paar Kopfwipper, Händepatschen wie bei André Rieu, nur zwei Glatzen mit Talibanbart wollten ein wenig pogen, doch haben es beim ersten Rempler, für den es den bösen Blick des vom Ellenbogen getroffenen Bandscheibengesichts gab, sein gelassen.

Sowieso scheint die Biederkeit des gastgebenden Bezirks auf eine magische Art auch das Publikum erfasst zu haben. Keine Gesänge. Kaum Gejohle. Kein Motzen über das dünne Bier. Nicht einmal anrempeln mag mich einer. Fast bin ich froh, dass sie wenigstens das Rauchverbot ignorieren und quarzen, was die schwarze Lunge hergibt. Rebellion. Ein bisschen wenigstens. Naja.


Niemand hat die Absicht, jemanden der Halle zu verweisen.


Und zuletzt stehe ich wieder Schlange, um den Ort zu verlassen. Schlange stehen. Das zieht sich als roter Faden durch den Abend. Schlange am Einlass. Schlange am Bierstand. Schlange am Merch. Schlange beim Rausgehen. Und zu wenig Personal, immer zu wenig Personal.

Als ich die Schlange an dem Stand sehe, an dem ich eigentlich meinen Pfandbecher abgeben wollte und die 20 Minuten überschlage, die ich hier dafür warten würde, lasse ich ihn auf den Boden fallen. Kein Bock. Und außerdem mein Quentchen Rebellion. Jaja.

Gute Reise, Lemmy.

Sonntag, 16. November 2014

Ach hört doch endlich auf


Die Hofpresse frohlockt: Unsere Regentin bezirzt die Australier. Mit Selfies vor irgendwelchen Pubs. Ganz volksnah. Und die Twitterwelt steht Kopf. Gott, ist die süß.

So.

Liebe Politblogger.

Wenn ihr es bisher noch nicht wusstet, wisst ihr's jetzt: Das war's.

Gebt auf.

Streckt die Waffen. Ihr habt keine Chance. Ihr habt nicht nur verloren, ihr seid gedemütigt. Denn sie ist beliebter als je zuvor. Mit Selfies geht das gut. Und vor allem schnell.

Was habt ihr denn zu bieten? Jeden dritten Tag einen regierungskritischen Text. Viel Fleiß. Viel Herzblut. Und viel Mut zur Verzweiflung. Linklisten könnt ihr auch. Liebevoll kuratiert. Geschliffen kommentiert. Wieder viel Fleiß. Wow. Was noch? Interviews. Marginalisierte interviewen andere Marginalisierte, was wieder andere Marginalisierte nicht gut finden. Und in der Verzweiflung werden alte Fronten über Bord geworfen mit der Hoffnung, dass das was bringt. Man rückt zusammen und macht sonst das, was man immer macht. Fleißig. Wortgewaltig. Meistens klug. Und doch ohne Chance.

Andere stehen auf Bühnen. Volker Pispers ist einer von ihnen. Seit ungefähr 250 Jahren steht er da und wettert. Mit Fakten. Mit Zahlen. Mit Verstand. Mit Verve. Mit Eloquenz. Und doch mit einer nicht mehr zu überhörenden Verzweiflung je älter und dicker er wird.

Im Publikum sitzen die alten Pädagogen. Er Englisch und Geschichte. Sie Deutsch und Bio. Bildende Kunst als Wahlfach. Er spielt nur noch selten Klavier. Der Arthritis wegen. Seit 40 Jahren sitzen die da. Seit Brandt. Oder seit Reichskanzler Max von Baden. Früher ging es gegen Birne. Immer gegen Birne. Wie der spricht. Hahaha. Was der macht. Hohoho. Dann kam der Autokanzler. Mit dem haben sie sich schwer getan, weil er kam ja aus ihrer Mitte, von der richtigen Seite, auch wenn er das Gegenteil aller Erwartungen gemacht und ihnen damit sehr weh getan hat. Doch das fällt den Pädagogen immer noch schwer zu kritisieren, denn wenn sie das tun, machen sie sich mit der Stasi-Partei gemein, die den Biermann nicht mag. Und das geht gar nicht.

Seit der bleiernen Merkel lacht es sich wieder befreiter. 29,50 Euro für die Loge bei den Wühlmäusen am Theo. Hahaha. Die Merkel. Wie die kuckt. Hohoho. Was die macht. Und danach ziehen sie sich ihre Mäntel an und laufen an den Obdachlosen draußen vorbei, die da immer am zugigen Theo sitzen und auf ihrer verfilzten Steppdecke ein ganz hässlicher Spiegel für alle in ihrer kuscheligen Nische Angekommenen sind.

Meine Güte, ist die süß. Ich kriege gar nicht genug.

Bitte. Hört doch endlich auf. Es bringt nichts. Ihr seid nicht nur dezimiert, ihr seid marginalisiert, euer Tun ergibt keinen Sinn mehr. Einmal in der Kabine der Nationalmannschaft den Höwedes geknuddelt und die Werte in den Umfragen steigen von 45 auf 48% bei denen, die überhaupt noch wählen gehen. Kabine. Das bringt die Punkte. Unser Poldi. Uns Müller. Diese Jungs, diese tollen Jungs. Was? Die interessiert sich gar nicht für Fußball, sondern tut nur so als ob? Echt? Mach Sachen. Wow. Hut ab. Das weiß jedes Kind, aber es stört nicht. Wichtig ist das Bild, wichtig ist immer das Bild. Und die Bilder kommen am laufenden Band. Auf allen Kanälen, mit denen man Mehrheiten schafft. Das ist kein Zufall, es soll nur so aussehen wie einer.

Gebt auf. Ein Selfie mit irgendeinem besoffenen Honk vor irgendeinem Pub in einem Land am Arsch der Welt und es gibt wieder 3% obendrauf. Beliebt bei 80% der Deutschen. 85%. 90%. Was kost' die Welt? Jemand noch eine Umfrage parat? 92% der befragten Australier möchten sie als Schwiegermutter haben. Inhalte? Sicher gibt es keine Inhalte, zumindest keine, die Sie mitbekommen, Null, nüschte, wenn Sie nichts sagen werden Sie automatisch beliebt. Das geht ganz einfach, weil Sie damit die Projektionsfläche für die vielfältigen Wünsche werden, die Menschen so hegen. Es ist ein ganz einfaches Prinzip, fest verankert in der Küchenpsychologie. Aber es wirkt.

Wie ist die Lage, Nummer Eins?

Die Teeküchenrunde im Borgwürfel, meinem Arbeitsplatz, findet zu 90%, dass der Lokführerstreik eine bodenlose Sauerei ist und der Weselsky abgesägt gehört, damit alles wieder funktioniert. Man muss doch die Kirche im Dorf lassen bitte. Kirche im Dorf. In diesem Land muss immer die Kirche im Dorf bleiben. 80% der Teeküchenrunde finden Angela Merkel toll. Wir sind Weltmeister. Das finden 100% der Leute toll. 70 % halten die Griechen immer noch für faul, 60% die Franzosen und 80% wollen keine Flüchtlinge von irgendwo hier haben. Und überhaupt: Mehr Lohn muss sich ein Land auch leisten können. 1800 Euro netto für Lokführer reicht doch. Was machen die denn schon? Knopf drücken, im Führerhaus rumhängen, dann wieder Knopf drücken. Die Scheiß Lok fährt doch von alleine und das auch noch auf Schienen, wofür will der Wahnsinnige mehr Geld?

Die Teeküche ist der Ort, der mich erdet. Der mir zeigt was das alles bringt. Wie Energie sinnlos verpufft. Volk. Maul. Vox. Populi.

Ich weiß jetzt schon, was am Montag Thema der Teeküche sein wird. Die Selfies bei den Aussies. Boar wie süß sie ist. Kuck doch mal.

Und ich sage nichts mehr dazu. Ich habe keine Lust mehr, Opposition zu sein. Bin ich durch mit. Diese Entscheidung, nicht mehr der Stimmungsversauer zu sein und nicht mehr alles zu kommentieren, hat mich an meinem Arbeitsplatz sehr beliebt gemacht. Jeder erzählt mir alles. Ich weiß alles. Jede Leiche. Jedes Gerücht. Jede Sauerei, die irgendwo läuft. Wer mit wem? Wer redet sich wo um Kopf und Kragen? Jeder erzählt mir alles, weil ich nichts weitererzähle und nichts kommentiere, gar keine Position mehr beziehe, ich nehme einfach nur Informationen auf und lasse die Dinge laufen. Sie hören von mir nichts, keine Lästerei, keine Rufschädigung, keine Gegenrede, maximal ein Brummen, ein "Oha" oder als Gipfel der Gefühlsregung ein "Krass". Dazu nicke ich an den geeigneten Stellen mit dem Kopf. Und schaue weise. Ich bin der nette Onkel. Das mögen die Leute. Herrgott bewahre, nein. Ich bin keine Opposition mehr. Ich möchte so sein wie alle. Fressen. Ficken. Sterben. Ich bin der Biedermeier. Ich bin Teflon. Ich bin die Projektionsfläche. Ich will nicht mehr besser sein als alle.

Und so macht es die Regentin auch. Nur viel professioneller und so viel weiter oben.

Sie ist aber auch süß. Ich könnt' sie knutschen.

Teflon. Sicher. Teflon total. Das ist keine Beleidigung. Ihr kriegt sie damit nicht. Ihr kriegt sie überhaupt nicht. Sie ignoriert euch so wie ihr die Trolle ignoriert, die unter eure Texte koten. Hört also bitte einfach auf. Legt für ein paar Jahre die wortgewaltigen Waffen nieder, mit denen ihr nur die letzten Aufrechten erreicht, die sowieso schon eurer Meinung sind.

Schaut sie an. Es ist zum Auswachsen und treibt euch alle schleichend in den Wahnsinn. Sie ist so beliebt wie nie und was kostet es an sinnloser Kraft und Nerven, immer nur dagegen zu halten und trotzdem dabei zuschauen zu müssen wie sie von Selfie zu Selfie immer noch beliebter wird und sich das keiner rational erklären kann, weil es längst nicht mehr rational ist. Mit Rationalität kommt niemand mehr weiter dieser Tage. Eure so treffsicheren Argumente sind stumpf, euer Wissen nutzlos, eure Rhetorik so wohlfeil wie untauglich, eure Empörung hat sich totgelaufen im unendlichen Twittershitorm. Pudding. Wand. Nagel. Wenn es unbedingt eine abgedroschene Metapher sein soll.

Es ist eine gute Zeit, um den Hammer niederzulegen, sich zurückzulehnen und zu warten. Gebt euch hin. Lasst los. Schont die Kräfte. Werdet für ein Weilchen wie alle. Fressen. Ficken. Sterben. Wir sind Weltmeister. Das kann ganz entspannend sein. Ich weiß das.

Denn in ein paar Jahren schon wird die Situation eine andere sein. Wenn unsere Regentin (ich kann mich gar nicht sattsehen, ich glaube ich bin verliebt) müde geworden sein und Ursula von der Leyen endlich die Geschäfte übernehmen wird. Die ist kantig. Und streitbar. Und monsterunbeliebt. Die kann 5 Millionen Selfies mit besoffenen Vollidioten in den Asozialenbars von Chisibubikaio schießen, das hilft nix. Bei ihrem Grinsen gefriert jedem Menschen mit Herz das Blut in den Adern und Menschen mit Herz haben wir trotz aller Unkenrufe immer noch genug in diesem Land. 100% der Teeküche finden Ursula von der Leyen ekelhaft. Das macht doch Mut.

Also wartet auf Ursula. Schimpft nicht, wenn sie es wird, sondern freut euch. Und dann legt los. Aus allen Rohren. Mit allem was ihr habt. Plündert das komplette Arsenal. Das wird ein Kinderspiel im Vergleich zu jetzt.

Bis dahin lasst uns entspannen. Ich muss jetzt auch weg. Aufhören mit Schreiben. Lieber lesen. Glumm lesen. Candy lesen. Mal runterkommen. Knutschen und Fummeln auf Kinosesseln. Trinken. Feiern. Loslassen. Nicht mehr gegen Pudding anrennen. Locker machen für die Hölle.

Lass mal netzwerken - Links vom 16. November 2014


Naaa?

Studio GlummNa?
Auch wenn ich mich wiederhole: Ich kann Glumm gar nicht oft genug verlinken.

Studio GlummEs ist was ganz schlimmes passiert (Zum 87. Geburtstag meiner Mutter)
Gar nicht oft genug.

ad sinistramEin anderes Wort für Sabotage
Hängt ihn höher!

Do DiaryEs iserlohnt sich
Raus aus Iserlohn (Fucking Iserlohn) - via Denkfabrikblog

Die Freaks und ichÄrger im Bällchenbad
Der echte Berliner Hackemob. Da isser wieder. Pöbelt und klaut.

Alex bloggt'sSchon schön. Ein bisschen nasal, aber echt nicht schlecht.
Und an der Kasse stehen die Abgründe und verweisen aufs Prinzip.

Berlin nimmt keine Rücksicht: Gräberfahrt
Puh, heute haben wir es aber doll mit den Assis. Das hier ist ein Blog, das sich der meistgehassten Bevölkerungsgruppe dieser Stadt (nach Schwaben und Sachsen) angenommen hat: Fahrradfahrer.
Sie machen es mir aber auch schwer. Als Läufer habe ich nahezu bei jedem Lauf irgendeinen körperlichen Kontakt mit ihnen. An Ampeln, an Häuserecken, Zebrastreifen, frontal auf dem Bürgersteig. Einer hat mich kürzlich sogar von hinten von den Beinen gesäbelt, was ich perfide fand, denn ich habe keine Rückspiegel am Kopf und konnte deshalb nicht einmal versuchen auszuweichen. Hupsa hat er gesagt und fuhr weiter.
Mein Berlin.

stadtkindFFMAn meine Freunde vom leidenden Leben
Ein Songtext von PeterLicht an einer Frankfurter Hauswand. PeterLicht dürfte der meistunterschätzte Musiker dieses Landes sein. Ich bekomme gute Laune von seiner Kunst, vor allem von Wettentspannen, von Das absolute Glück und natürlich vom Lied vom Ende des Kapitalismus. Für einen geschmeidigen Downer gibt es aber auch was: Du kommst nicht mehr zurück. Wäre nett, wenn er wieder auf Tour käme.

Alles EvolutionPornos – was Männer und Frauen sich ansehen (Pornhub Auswertung)
Endlich mal eine interessante Studie, für die Sie natürlich Blogs lesen müssen, um auf sie aufmerksam zu werden. Doch Obacht:

Der nachdenkliche MannBeethoven hören unterdrückt Frauen!
Bin ich froh, dass ich lieber Mahler höre. Also Gustav, nicht Horst.

Dazu:

konsumer.infoFrauenquote jetzt auch für Ampeln
Das war überfällig.

Und des Wahnsinns nicht genug:

GenderamaKometenforscher entschuldigt sich unter Tränen für Wahl seines Shirts
Der Dauerbrenner auf Twitter: Male Shaming. Wer findet das beste Backpfeifengesicht? Hier hat einer eine Sonde auf einem Kometen gelandet, was aber völlig nebensächlich ist, denn er hatte Titten auf seinem Hemd. Jetzt muss er sich öffentlich geißeln während das Hemd ausverkauft ist.

Lass mal in Lyrik flüchten:

die SchrottpresseGedicht am Dienstag
Er ist wieder da.

scnr.

Lach mal wieder:

grafikpolizeiWeil Hitlervergleiche kann jeder.

Testspiel.dePrinzessin Leia läuft 10 Stunden durch New York und wird von jeder Menge Pennern aus der Galaxy belästigt

Iss mal wieder:

hafensonneStatt einer Lobhudelei
Lecker Ameisen.

Koch mal wieder:

lieberleckerNudeln Alfredo (verkürzt Ihr Leben zuverlässig um locker zwei Wochen)


Freitag, 14. November 2014

Meck Meck


Sicherlich ist es ein ganz alter Hut, Werbebild und Wirklichkeit miteinander zu vergleichen, aber es drängt sich mir geradezu auf:


Ein wahrlich fürchterliches Stück Nahrung. Mit Ansage. Und ja, ich bin ein echtes Marketingopfer. Ich muss alles probieren, wirklich alles. Schreiben Sie "Neu!" und "Nur für kurze Zeit" auf das Plakat und ich kauf' das. Egal was es ist. Ganz einfach. Sie kriegen mich ganz einfach. Hasch mich ich bin der Musterkonsument.

Dienstag, 11. November 2014

Haste ma ... ?


S-Bahnhof Frankfurter Allee. 2014. Eingangsbereich. Das da war auch mal mein Platz. 1998. Haste ma 'ne Mark? Haste ma'n Groschen? Meesta? Meesta? Büsch'n Kleenjeld für'n besseres Leben? Meesta?

Beim Schnorren war ich eine Null. Ich habe mich immer geschämt. Anderen ging das leicht von der Hand. Mir nicht. Ich habe die angewiderten Gesichter nicht ertragen. Wie sie wegschauten, wie sie immer wegschauten, weil sie nicht sehen wollten was da sitzt.

Manche konnten das wirklich gut. Zack. Anlabern. Korb kriegen. Nächsten anlabern. Angewidertes Gesicht. Zack. Nächsten anlabern. Echte Könner in der Kunst darin, mit einer Wand von Ablehnung fertig zu werden. Ich konnte das nicht. Mich traf das hart.

Weil ich es nicht brachte, saß ich oft nur da, trank und tat so als ginge mich das alles nichts an. Der Plastikbecher als mein Botschafter. Entsprechend gering war meine Ausbeute. Punks gibt sowieso kaum jemand was, Sie müssen schon ein abgetrenntes Bein haben. Verband um den Kopf. Krücken. Oder Saxophon spielen. Akkordeon. Jonglieren. Sowas. Speckige grüne Haare, deren Zuckerwasser schon lange keinen Iro mehr halten können, und ein Sterni in der Hand mit Kippe im Maul bringen nicht viel ein.

Mein Rekord auf der Straße liegt bei zwei Monaten. Die Nächte mit Glück auf einer Matratze von irgendwem, den ich dafür mit Bier bezahlt habe. Oder in der Fettecke. Oder in einem Keller irgendeines runtergerockten Altbaus. Wenn es nicht so gut lief, schlief ich auf meiner alten Decke, die ich aus Polen mitgebracht habe, irgendwo im Tiergarten, gerne Bellevue, hinter dem S-Bahnhof, da war nichts los damals. Tagsüber war ich meistens hier an meinem Platz an der Frankfurter Allee. Zwei Monate. Nicht viel, doch hart genug um zu lernen, dass so ein Leben auf Dauer niemand freiwillig wählt.

Romantisch ist das nicht. Menschen, die es aus dem Dreck heraus geschafft haben, in den sie gefallen sind, neigen dazu, diese Zeit zu romantisieren, sie zu verklären, auszuschmücken, die schlimmen Dinge auszublenden und die wenigen schönen Momente zu überhöhen, die gemeinsame Zigarette auf dem Kreuzberg während der erste Schnee des Jahres auf die Stadt fällt, ein bierseliger Kuß besoffen in irgendeinem Park in Buckow, der folgenlose Fick Backstage beim Solikonzert für die Marchstraße, die Leichtigkeit, die so ein Leben immer auch hat, wenn es gelingt, die düstere Gegenwart und ihre fehlende Zukunft für Momente zu verdrängen. Oder wegzusaufen. Schönzukiffen. Fortzuvögeln.

Probleme gab es genug. Pennplatz. Was zu essen. Immer was zu essen. Platzverweis. Hausverbot. Die schlimmen Moralpredigten schlimmer Leute. Und Kohle, immer nur Kohle. Je weniger Kohle desto größer die Probleme. Zu den Dingen, die keiner hören will, gehört, dass Geld Probleme löst. Erzählen Sie mir nicht das Gegenteil, Geld löst immer alle Probleme von dem, der keins hat. Erst wenn die Primärbedürfnisse befriedigt sind und der Luxus beginnt, verliert Geld seine Fähigkeit zur universellen Problemlösung und Sie müssen an der Wurzel der Dinge arbeiten, die Sie stören.

Viele wissen nicht wie es ist, elend krank zu Hause zu liegen und zwei Wochen lang nur von Leitungswasser, altem Pumpernickel und einem vom Lieferanteneingang einer Drogerie geklauten Karton Vitamintabletten zu leben, weil es das letzte ist, das in der 10qm-Butze zur Verfügung steht.

Viele wissen nicht wie schnell man aus einem Untermietverhältnis und damit aus seiner Butze fliegen kann und wie schwer es ist, wieder auf die Beine zu kommen, wenn man keinen festen Job und nichts gelernt hat. Wohin gehen? An wen wenden? Wo krieg' ich was zu essen her? Wo penn' ich heute nacht? Als Anfänger wissen Sie wie immer erst mal gar nichts und arbeiten sich mühsam in die neue Situation ein, lernen Leute kennen, die was wissen, und Orte, an denen man Ihnen was gibt. Die ersten Tage sind die schlimmsten, weil Sie sich schämen, jemanden um Hilfe zu bitten und versuchen, alleine klar zu kommen ohne dass jemand mitschneidet, was Sie jetzt für einer sind. Doch die Scham geht irgendwann.

Schon mal Döner von einem stehengelassenen Tablett gefressen? Die Mülltonne von McDonalds, Reichelt, dem Bäcker von nebenan durchwühlt? Kippenreste aus Aschenbechern gepult? Eine behighheelte Schnepfe vor Hunger um ihr angebissenes Brötchen gebeten und es nicht bekommen? Unter Bauwagen gepennt? Muskatnusspulver mit Knaster in Papers gerollt und geraucht weil nix anderes da war? ln der Verzweiflung den von einer Baustelle geklauten Industriealkohol gesoffen? Schon mal einen schlechten Trip eingeworfen, mit Krämpfen im U-Bahnhof gewälzt und im Delirium alle die vorbeilaufen gesehen, die immer so tun als gäbe es Sie gar nicht? Oder in der Charité den Medikamententester gemimt und vom Medizinassi um das komplette Geld geprellt worden? Hat Ihnen eigentlich schon einmal eine fette Sau aus dem Fenster eines Volvos heraus 50 Mark für einen Blowjob geboten? Nein? Dann erzählen Sie mir nichts davon, dass Geld keine Probleme löst.

Frankfurter Allee. 2014. Ich bin der, der hier vorbeiläuft. Neue Anzughose von Galeria Kaufhof in der Tasche. Ring Center. Ich kaufe da gern, weil sich die Verkäufer dort so rührig um mich bemühen und mir dabei helfen, das zu finden was ich suche. Meine alte Hose ist im Schritt eingerissen, weil alle meine Hosen irgendwann im Schritt einreißen, egal wie teuer sie sind. Ich bin offenbar ein Bürostuhlrumrutscher, der Hosen aufreibt wie st.martinsliedersingende Spielplatzmütter meine Nerven. Wenn es soweit ist und wieder eine durchgescheuert ist, fliegt sie in den Kleidercontainer. Sowas kann ich doch nicht mehr anziehen. Die Kunden, die Kunden. Später werde ich zum Sport gehen. Den Körper fit halten, den ich weitgehend entgiftet habe. Einkaufen muss ich auch noch. Maiskolben zum Abendessen für das Kind. Weil das Kind Maiskolben liebt. Frisch aus dem Topf. Mit Butter, gemörsertem Pfeffer und ein wenig Fleur de sel. Dazu mache ich diese getrockneten Pflaumen im Speckmantel. Denn ich weiß, was am Abendbrottisch gute Laune macht. Und morgen ist Elternabend in der Kita. Da suchen sie bestimmt wieder jemanden zum Malern. Oder Hämmern. Oder Basteln. Wenn ich es einrichten kann, melde ich mich. Das Kind soll es schön haben.

Es frischt auf. Bald ist wieder Winter. Am S-Bahnhof Frankfurter Allee sitzen heute andere. Klar sitzen sie hier. Hier sitzt fast immer jemand. Das Potenzial an Laufkundschaft und damit an Groschen ist enorm. Immer noch. Zum Schnorren fast zu perfekt, dieser Ort. Sogar ich bekam hier was.

Heute bin ich der, der gibt. An die, die hier sitzen. Es juckt mich dann kurz, ihnen zu erzählen, dass ich früher auch hier saß und dass ich verstehe, doch ich lasse es sein. Sie würden es nicht hören wollen, so wie ich alte Geschichten irgendwelcher dahergelaufenen Fremden nicht hören möchte. Es würde sowieso gönnerhaft klingen. Oder einfach blöd. Im günstigsten Fall hilflos. Eher peinlich.

Also gebe ich stumm das was ich geben kann.

"Danke Meesta" klingt es mir hinterher.

Später merke ich, dass ich weine.



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Es wird bald wieder Winter. Wenn Sie einen Obdachlosen sehen, der offenbar hilfebedürftig ist, dann sprechen Sie ihn an. Helfen Sie. Scheißen Sie darauf, ob er stinkt. Fragen Sie, ob Sie den Kältebus rufen sollen. Sie erreichen ihn für Berlin unter 0178 - 523 58 38 (Hamburg siehe hier). Er fährt von 21.00 - 03.00 Uhr. Ist der Obdachlose nicht ansprechbar, dann rufen Sie einen Krankenwagen: 112. Lassen Sie bitte niemanden erfrieren.

Sonntag, 9. November 2014

Kessler ist wieder unterwegs


Was? Kessler? Das ist doch der Typ von Switch Reloaded, der so überdreht den Florian Silbereisen auf Koks gibt.

Yup. Isser. Doch Kessler kann auch ganz anders. Ganz ruhig. Ganz hintergründig. Ganz ohne Koks: Kesslers Expedition. Die zehnte ist es inzwischen schon. Sie führt entlang der ehemaligen deutsch-deutschen Grenze. Von Hof bis Lübeck.

Das Konzept ist schnell erklärt: Kessler ist unterwegs und lernt Leute kennen. Ganz normale Leute. Du und ich. Erwin und Egon. Schakelyne und Schakyra. Lolek und Bolek. Opa Kowalke. Oma Else. Mit Hund. Und Kanarienvogel.

Und das kann er gut. Jedem von denen, die er auf seinen Reisen zeigt, entlockt er eine Geschichte, oft Heiteres, Nachdenkliches, Weises, Banales gelegentlich, doch auch Abgründe manchmal, er treibt sich auf Goldenen Hochzeiten rum, Jubiläen, Äppelwoiverkostungen, Aerobic-Kursen oder quatscht einfach mal einen alten Anscheißer auf seiner Bank an, der vor lauter Langeweile die zu schnell durch sein Dorf fahrenden Autos zählt. Oder fahrradfahrende Schweizer. Einen Sozialarbeiter im Camper. Ganz normale Menschen.


Es ist Deutschland, das er da zeigt, oft Zipfelmützen-Deutschland, oberflächlich gesehehen zumindest, denn so viel Zipfelmütze bleibt da gar nicht mehr, wenn Kessler beginnt nachzufragen. Dann erweist sich auch der freudlos moralisierende Vogelschützer, der aussieht wie diese ganzen verhärmten Veganer in meiner Nachbarschaft, als fast liebenswerter Kauz, der erklären kann, warum er macht wofür ich ihn für völlig bekloppt halte.

Bei Kessler hat jeder seine Geschichte.

Da ist der verkrachte und spätberufene Künstler, der in seinem Garten seltsame Installationen anbringt, um sich auszudrücken, seinen Schmerz über ein verpfuschtes Leben zu verarbeiten, immer die falschen Jobs, immer das falsche Pferd, nichts hat geklappt, zuletzt nicht mal mehr irgendein Job, dann Krebs, Herzprobleme. Und jetzt sitzt er da in seinem Garten, alt, dick, schwammig, und versucht, nicht zu weinen, während er selbstgedichtete Verse zum Besten gibt.

Da ist die Abiklasse, die gerade in eine neue Etappe des Lebens eintritt und diesen Umstand erst einmal feiert. Mit Schuss. Die Lebenswege so vorgezeichnet wie fad. Industriekaufmann. Verwaltung. Verwaltung. Industriekauffrau. Verwaltung. Industrie ... jaja. Nur einer will studieren. In Nordhausen. BWL. Ausgerechnet. Aber sie sind trotzdem stolz wie Bolle. Sie wissen noch nichts und das ist so schön anzusehen.

Da ist der junge Zirkusdirektor mit seinem kleinen Zirkus, in dem er fast alles selbst macht: Feuerspucken, Artistik, Messerwerfen, Clown, Aufbau, Abbau, und dessen unterschwellige Verzweiflung kurz Bahn bricht, wenn er sagt, dass die Leute gerne viel Geld für die viel größere Konkurrenz bezahlen, weil sie dann denken, dass sie etwas ganz Besonderes geboten bekommen, dabei biete er auch etwas, mit viel Herzblut, und er ist gar nicht teuer, womit er aber gerade im Westen niemanden hinterm Ofen hervorlocke. Der traurige Clown. Spricht.

Beeindruckend ist auch der Dortmunder Lebenskünstler, der eigenhändig kleine Schlösser renoviert und Kulturzentren reinsetzt. Und dann weiterzieht. Zum nächsten Schlösschen. Oder der naseweise Schüler, der Bundeskanzler werden will und über die Binse doziert, dass dem Land mehr Demokratie gut tun würde, der Meckerossi, der gar nicht so dumme Wasserstandsmeldungen zum Zustand der Gesellschaft abgibt, der Opa, der im Vorbeigehen beiläufig erklärt, wie er seine stiften gegangenen Bienen wieder zurückholen will, der ehemalige Grenzpionier, der jetzt nicht mehr Grenzzäune, sondern Autos repariert, die Matrone, die erzählt, wie sich die Fleischerei mit Gastronomie irgendwann nicht mehr gerechnet hat und sie auf einen Zweig umschulen konnte, der floriert - liedgutschwitzende Reiseleitung mit Bussen voller unerträglich vergnügter Rentner, oder der Sozialarbeiter, der in einer Schule gesellschaftliche Brandbekämpfung betreibt und dessen Bild von der Jugend sich mit meinem deckt. Oder der. Oder die da. Allesamt Zustandsbeschreibungen. Wie es steht im Land. Wie es sich so lebt. In kurzen Episoden. Ruhig. Tiefgründig. Nicht laut. Nicht hysterisch. Aber meistens klug.

Ich schaue nicht mehr oft Fernsehen, Böhmermann, Krömer, die Anstalt maximal, und hier muss ich auch. Kessler macht das großartig. Er hört viel zu, piekt an, lässt reden, hat ein Händchen für die Menschen, die er trifft, und selbst aus verschlossenen Gestalten holt er immer noch so viel raus, dass es ein Bild ergibt und Sie ungescriptet erfahren können, was das da für Typen Mensch sind - in diesen verschnarchten Gegenden, in denen ich maximal eine Woche Urlaub machen, aber niemals leben können würde.

Nur die aufgesetzte Rahmenhandlung ist wie immer überflüssig, na gut, ohne geht es offenbar nicht, es ist der rbb, sie haben offenbar Angst, dass das hundertjährige Stammpublikum abschaltet, wenn nicht ein als Bundespräsident verkleideter Laienschauspieler den höchstinstanzlichen Auftrag zu dieser Expedition gibt.

Auch das gelegentlich eingestreute und für meinen Geschmack ein wenig zu plumpe Mauerfall-Pathos hätte gerne dem Cutter anheimfallen können, aber ohne das geht es wohl dieser Tage ebenso nicht. Irgendwas ist immer. Und hier eben der rbb, der ist wie er ist, diese geldfressende Zumutung von Regionalsender, dieser öffentlich-rechtliche Moloch, der wuchert und wuchert und nur selten, fast wie ein Versehen, Bemerkenswertes absondert. So wie Kessler.

Was rede ich da endlos wie ein Blogger, der keine Pointe findet: Schauen Sie Kessler, wenn Sie einen Sinn für die leisen Zwischentöne des Lebens haben. Wenn nicht, dann lieber nicht.

Und was ich am 9. November 1989 gemacht habe? Ach, das interessiert doch keine Sau...



Kesslers Expedition

Aktuelle Folgen (entlang der Ex-deutsch-deutschen Grenze):

http://www.rbb-online.de/kessler/

Frühere Folgen (zum überwiegenden Teil depubliziert - wofür zahle ich eigentlich Gebühren?):

http://www.rbb-online.de/kessler/expeditionen/kesslers-expeditionen.html

Samstag, 8. November 2014

Papa ist manchmal einfach doof


Kind: Papaaa weißt du, ich wohne in Prenzlauer Berg.

Icke: Oh Kind, vorsichtig mit dem was du da sagst.

Kind: Waru-hum?

Icke: Weil es ziemlich peinlich ist, das zu sagen.

Kind: Waru-hum?

Icke: Weil die Leute dann lachen, wenn du das sagst.

Kind: Warum lachen die Leute dann?

Icke: Das ist schwer zu erklären ohne ausfallend zu werden. Ich würde ja auch lachen, wenn es nicht so traurig wäre.

Kind: Papaaa! Warum lachen die Leute?

Icke: Ich fürchte, das verstehst du noch nicht. Gründe erst mal deine eigene Antifagruppe, besetze ein Haus und dann reden wir drüber.

Kind: Papaaa du weißt das doch selber nicht!

Icke: Doch doch. Papa weiß das. Prenzlauer Berg ist lächerlich. Kannste jeden fragen.

Kind: Gaaaa nich!

Icke: Doch, Kind, ehrlich, sag lieber Pankow, wenn dich jemand fragt wo du wohnst. Das stimmt auch irgendwie und klingt cooler.

Kind: Nein! Ich wohne in Prenzlauer Berg.

Icke: Pankow. Du wohnst in Pankow. Vertrau' mir.

Kind: Papa ich glaube du bist einfach doof.

Icke: Grmpf. Sie werden so schnell groß.