Sonntag, 28. Juni 2015

Der böse Onkel vom Dixiklo




Gestern war heute noch morgen. Es ist der Hockenheimring. Für ein Konzert, das nicht so ist wie andere Konzerte. Überdimensioniert. Krass. Anders.



Sie sind wieder da.



Dicke Titten. Kartoffelsalat. Fette Möpse. Pommes mit Mayo. Meine Güte.



Und hier eine Burschenschaft. Mit 'nem Peter Pan. Oder einer Elfe. Oder was das sein soll.



Was macht die denn da?



Ah. Die strippt.



Die auch. Und dann noch eine. Eine nach der anderen zieht blank. Ein Ritual. Es ist wie es ist. Der Kameramann richtet sein Ding auf irgendwelche Frauen und die ziehen sich aus. Okay. Dürfen sie natürlich, wenn sie mögen. Doch ist vielleicht auch etwas für die Freunde männlicher Körper dabei?



Sehr schön.



Ja doch.

Was? Nackte Oberkörper abfilmen und auf der Leinwand zeigen? Undenkbar anderwo? Kein Niveau? Natürlich. Niveau ist hier nicht, aber Niveau ist sonst schon überall und Niveau ist in seiner durchgesetzten und gesellschaftlich akzeptablen Form auf Dauer so furchtbar langweilig. Hier kennen sie das nicht. So sind sie. Und das ist ihr Leben. Hier feiern die, die um ganze Universen anders sind als die anderen und ich ziehe mir das rein. Ich ziehe mir immer die Dinge rein, um zu schauen, zu wissen, was dort geht, auf dass ich nicht die Dinge glauben muss, die andere berichten, die sowieso immer eine Agenda verfolgen und am Ende vielleicht sogar berichten ohne dort gewesen zu sein. Außerdem mag ich die Musik.



Wir sind stinkefaul und arbeitsscheu! - brüllt es von der Seite. Es sind ein paar Dicke mit Pilsette am Hals. Einer von denen kann nicht mehr stehen und lehnt an einem Baum. Er versucht zu kotzen, doch das klappt nicht. Finger in den Hals. Komm schon. Finger in den Hals. Rufen die, die es gut mit ihm meinen. Er macht das, doch es hilft nicht. Er ist rotzedicht und fährt Karussell, kann aber nicht kotzen. So stelle ich mir die Hölle vor. 



Ihr seid Hosenfans Schalala Lala! - hallt die Kampfansage von vor mir. Hässlich, brutal und gewalttätig sehen sie aus, sind sie aber nicht. Männerrituale. Das sehen Sie heute kaum noch irgendwo in dieser Ausprägung außerhalb von Fußballstadien. Vergleichsweise archaisch. Ungehobelt. Roh. Dumpf auf jeden Fall. Gesellschaftlich verpönt. Und irgendwer wird immer gedisst. Könige für einen Tag. Die Adressaten da vorne links sehen aus wie eine Horde Harry Potters aus der Montessorischule und ich frage mich fast selber, was sie hier wollen und ob sie sich nicht verirrt haben. Sie sehen aus wie Ärzte. Tocotronic. Fettes Brot. Die Guten. Die, deren Helden sie im Radio spielen. Mehrheitsmusik. Nicht so wie die Assis hier, die keiner will.

Die Hosenfans Schalala Lala-Tröter sind natürlich dick. Und glatzköpfig. Suchen aber erkennbar keinen Streit, was die Harry Potters aber nicht wissen und die Beine in die Hand nehmen und in den Wald rennen. Ich nehme noch einen Schluck Glenlivet aus der Plastikflasche. Denn heute trinken wir richtig. Und Angst ist sowieso nie ein guter Begleiter. Respekt schon. Respekt sollte man immer haben. Angst nie.



Zu essen gibt es hier nur Junk. Pizza. Bratwürste. Döner. Pommes. Fieses Zeug. Weitab des sonst schon üblichen niedrigen Niveaus. Nicht nur weitab, sondern weit drunter. Hier sind hunderttausend Leute. Wozu Mühe geben. Sie verticken Rotze für teuer Geld. Eine üble Bratwurst aus dem Eimer, die nicht ganz durch und sowieso fieseste Massenware ist, kostet 4,50 €. Und alle zahlen es. Außer mir. Ich fotografiere nur die, die den Scheiß essen. Weil sie so blöd sind und nicht vorher im Campingwagen vom Eingekauften vorfressen. Anfänger.



In Extremo heißt die Vorband. Die schon wieder. Minnesangartiges Mittelaltergedudel mit Zimbel und Dudelsack. Dudel. Sack. Auf den. Immer noch. Es ist furchtbar. Ein uncharismatischer alter Mann als Frontsau einer ewigen Vorband, die keiner leiden kann. Wer In Extremo hört, der spielt auch Rollenspiele. Zutzelt mit Strohhalm an der Club Mate-Flasche. Oder programmiert am Ende noch seine eigene Blogsoftware.



Hunderttausend Menschen sind hier. Der Hockenheimring ist ausverkauft. Und die Böhsen Onkelz haben das Ding vollgemacht. Tock. Tock. Hallo Mehrheitsgesellschaft, merkst du was? Das ewige Ausgrenzen, das beharrliche An-den-Rand-drängen, das verdammte tendenziöse Berichten bar jeder Realität, dieses immerblöde Übertreiben, Überzeichnen, dämliche Skandalisieren, das sie alle nicht lassen können, hat genau dazu geführt - zu einem ausverkauften Hockenheimring. Sowas kommt von sowas. Dass Nazikeulen Märtyrer machen, liegt eigentlich auf der Hand. Und jetzt ist es so wie es ist. Da vorne stehen sie. Die Helden. Da vorne steht der Weidner mit seinem Charisma, von dem ich froh bin, dass er es zur Mäßigung nutzt. Würde er heute vor diesen Hunderttausend den Marsch aufs Kanzleramt oder - ein wenig niedrigschwelliger - aufs nächste Flüchtlingsheim proklamieren und sich gleich an die Spitze setzen, dürfte ihm ziemlich sicher mehr als die Hälfte folgen. Natürlich ist die Vorstellung absurd, doch genau das wird das große Problem sein, sobald sich im tatsächlich rechten Lager einer findet, der das Charisma für so etwas hat und seine Außendarstellung besser managt als wir das kennen. Wir Mehrheitsgesellschaft haben nämlich niemanden mehr, der in Sachen Charisma auch nur an eine Biopastinake heranreicht, um dem Auftauchen eines Anführers von der anderen Seite irgendetwas entgegen zu setzen. Wir sind einfach nur satt, wir sind faul, ritualisiert, routiniert, korrupt in weiten Teilen, wundgetwittert sowieso und so verdammt humorbefreit. Die hier können mit uns nix anfangen. Wir sind für sie die anderen. Mit ihrem Leben haben wir nichts zu tun. Wir können nur noch Keulen schwingen. Erkennen Sie die Melodie?



1980 waren die vier auf der Bühne noch Nazis, wenn man das in dem Alter überhaupt so nennen kann. Da waren sie 17. Als Erwachsene haben sie viel versucht, um die üble Vergangenheit vergessen zu machen, die bösen alten Männer aus Frankfurt. Auf Rock gegen Rechts-Festivals gespielt, sich in unbeholfenen Liedern eindeutig positioniert und dann immer wieder diese Ansagen des Frontmanns Stephan Weidner zwischen den Songs, die in ihrer Deutlichkeit keinen Zweifel offen lassen - außer bei denen, die in jedem Nazi immer einen Nazi sehen, auch wenn er schon seit weit über drei Jahrzehnten keiner mehr ist. Nach dieser Logik kann nie jemand aussteigen, sich weiterentwickeln, denn es bleibt immer ein Makel, ein Fleck, eine Bleikugel am Fußgelenk der Reputation, Resozialisierung am Arsch. Jeder Vergewaltiger bekommt mehr zweite Chancen. Denen räumen wir nicht mal eine ein.

Und dann kommt sowas von sowas. Die Stigmatisierten sammeln andere Stigmatisierte um sich. So lange, bis der Hockenheimring voll ist.



Ich kann mir nicht helfen. Ich finde wie immer auf diesen Konzerten keine rechten Symbole, ich höre keine einschlägigen Parolen, sehe kein Thor Steinar-Shirt, nicht mal Lonsdale, Consdaple, solche Dinge. Nichts. Glatzen. Ja, die schon. Brandenburger Heinrich Himmler-Kante (auch Uwe-Böhnhardt-Gedächtnisfrise genannt) für Vollidioten mit eigenem Langhaarrasierer auch, klar. Aber das zeugt nur von schlechtem Geschmack, nicht gleich von schlechter Gesinnung.



Hier sitzt doch eigentlich nur der Rand, hier sitzt eine Form der Opposition, die über die Jahre groß geworden ist und die in kein Raster mehr passt. Die, die hier ihre Ausgegrenztheit feiern, interessieren sich gar nicht für Politik, die sind raus, die sind am Rand, die sind der Rand, die holen sich hier das, was keine Gesellschaft ihnen noch geben mag: Eine Form des Zusammenhalts. Die große Familie. Vielleicht das, was andere Solidarität nennen. So sind sie. Dafür, dass sie die Schreckgespenster sein sollen, sind sie so friedlich. Ich sehe Leute Drinks teilen, sich gegenseitig aufhelfen, sich in den Armen halten. Stützen. Helfen. Einer fällt dem Gedränge geschuldet um und wird sofort versorgt, eine Gasse bildet sich. Sie bringen ihn raus. Kein Zweifel. Das sind gar keine Monster. Hier sitzt tatsächlich nur der Rand. Und der Rand ist böse auf die Mehrheitsgesellschaft. 



Um besser zu sehen, klettere ich auf ein Dixiklo.



Von dort kann ich runterschauen.



Ich kann aus dieser Position heraus noch besser sehen, was für eine Masse sich hier versammelt hat. Hunderttausend. Respekt. Das ist eine Ansage. Ein echt dickes Brett.



Neben mir auf dem Dixiklo hat Ronny seinen Platz eingenommen. Ich könnte ihn auch Maik mit ai nennen. Oder Ricardo. Enrico wegen mir. Die Enricos dieser Welt sind alle gleich. Sie sind mittel bis schwer adipös, oft hackevoll und wechseln dann zwischen großer Fresse, tränenerstickter Sentimentalität und einer dicken Schicht klebrigem Pathos.



Mein Enrico neben mir erzählt mir Dinge. Wie die Onkelz sein Leben verändert haben. Wie sie alle hier, alle Hunderttausend, seine Familie sind. Wie wir alle zusammenhalten müssen. Die Stunde des Siegers kommt für jeden irgendwann. Als die Takte zu dieser Hymne kommen, flippt er vollkommen aus. Es ist sein Lied, merke ich schnell. Bei der Zeile "Spuck ihnen ins Gesicht" haut er einen Grünen in den Hockenheimer Abendhimmel. "Zeig ihnen wer du bist!" und Enrico ballt die Faust. Hier singt ein Verlierer gegen die Zustände an. Da steht er und kann nicht anders. Hier lebt er auf.



Immer wieder sucht Enrico meine Nähe. Er hat seine Freunde schon lange im Gewimmel verloren oder sie haben ihn abgehängt, weil er voll ist. Aber das ist egal, denn er hat jetzt mich. Es gibt kaum einen Song, während dem er nicht an meinem Hals hängt, mir Dinge ins Ohr brüllt, die mir egal sind, mit mir anstößt, sich verbrüdern will, in mir einen der Seinen erkennt. Würde man ihm sagen, dass sein Verhalten nicht nur latent homoerotisch wirkt, sondern tatsächlich ist, würde der Abend wohl eine überraschende Wendung nehmen. Ich bin entspannt. Hier ist das so. Sie sind immer so. Kuschelig, aber letztlich harmlos. Meistens zumindest.

Bei "Der Platz neben mir" bricht Enrico in Tränen aus. Als er sich endlich von meinem Hals losmacht, bietet er mir eine Zigarette an, die ich ablehne, worauf er mir seinen Red Bull-Wodka-Becher hinhält, den ich nehme. Weil ich verstehe. Er will mir etwas zurückgeben. Ich biete eine Schulter, er etwas zu trinken. Ein Tausch unter Freunden. Das geht klar. Ich bin guter Dinge.

"Die Onkelz sind meine Religion" brüllt er mir mir belegter Zunge ins Ohr und zeigt mir sein Tattoo. Irgendein Nichtskönner hat ihm die Köpfe der Bandmitglieder in den Nacken tätowiert. Sie sehen aus wie die drei Stooges. Nur eben als vier Stooges. Würde da nicht in großen Lettern "Böhse Onkelz 4ever" drunter stehen, gäbe es Probleme bei der richtigen Einordnung. Nicht dass das noch jemand für die Toten Hosen hält.

Bei "Auf gute Freunde" kommt es zum Schwur. Enrico will sehen. "Freunde für immer" sagt er feierlich und bietet mir seine Hand. Ich schlage ein. Im Wissen, dass ich bald wieder meinen Weg gehe und er als Interlude auf meinem Lebensweg zurück bleibt. Nach meiner Telefonnummer fragt er nicht. Er würde auch nicht meine richtige bekommen.

Enrico steht während des dreieinhalb-stündigen Konzerts etwas über anderthalb Stunden neben mir und gibt mir wieder einmal einen Einblick, wie sie ticken. Ein auf unbeholfene Art armer Mensch. Marginalisiert. Vernachlässigt. In seinen Möglichkeiten limitiert. Aber mit Herz, wenn auch in einer umständlichen und auf Dauer anstrengenden Form. Hier steht jemand, der sich nur an so einem Ort mit den ganzen verdammten Gefühlen ausdrücken kann, die er sonst mit sich herumträgt und mit sich selbst ausmachen muss. Er ist einer, der es wahrscheinlich nicht leicht hat. Einer, der zweifellos Halt sucht. Und ihn vorübergehend bei mir gefunden hat, aber auch nur bis zu dem Zeitpunkt, an dem mich eine junge Frau rettet, die auf dem Dixiklo links neben mir steht und vorher schon immer mal wieder eine neckische Ghettofaust zu mir rübergeworfen hat, wenn es sich vom Text eines Songs her anbot: "Hier, willsch'n Schluck Cola? Kannsch was von meinerer habe. Du siesch so verdurschded aus." Grinst mich an und gibt mir die Gelegenheit, Enrico an die arme Sau weiterzugeben, die rechts von ihm steht. Schulter ist Schulter. Ist doch egal, wem sie gehört. Da könnte jeder stehen. Ich nehme das nicht persönlich und teile mit der Colafrau meinen Spliff. Kiffen und Böhse Onkelz hören gibt dem Tag diesen surrealen Drive, den ich so mag.

Dann spielen sie "Erinnerungen" zum Abschluss. Es ist Zeit zu geh'n.



Später, schon weit nach Mitternacht, stehe ich noch lange mit einem Bier in der Hand auf der benachbarten Autobahnraststätte herum und hänge den Gedanken nach. Hier auf der Raststätte steht mein Caravan und hier wird nachgeglüht. Natürlich Caravan. Immer Caravan. Weil sie immer auch in die Zelte kommen. Die Enricos. Und die Ronnys. Zum Kuscheln. Oder Kotzen. Je nach Stand der Dinge.


Bonustrack Neue Fahrkultur:


Samstag, 27. Juni 2015

Lass mal netzwerken - Links vom 27. Juni 2015




Unter den E-Mails, die ich ab und zu bekomme, sind auch sogenannte "Abokündigungen". Das bedeutet, mir wird ungefragt erzählt, warum irgendwer hier nicht mehr liest. Und da war in den letzten Jahren alles dabei. Zu links. Zu rechts. Zu unpolitisch. Zu politisch. Zu wenig Foodcontent. Oder zu viel. Und überhaupt: Wer den Don Alphonso verlinkt, den kann man nicht mehr lesen. Wer die Kommunisten vom Lower Class Magazine verlinkt auch nicht. Oder den Danisch, der geht schon mal gleich gar nicht.

Andere fahren die total persönliche Schiene und stellen sich als Leser der ersten Stunde hin, deren Maß nun voll ist: Früher warst du besser, zahm bist du geworden. Früher warst du besser, primitiv bist du geworden. Früher warst du besser, da war mehr Lametta. Und Obstsalat. Stuhlgangcontent. Puffbesuche. Biodeppenbashing. Und so weiter.

Dass mancher irgendwann mehr mitgehen mag, liegt in der Natur der Dinge und geht für mich vollkommen klar. Sie müssen hier nicht lesen, ich verdiene mit Klicks kein Geld. Ob hier 10 oder 50 Leute klicken, wirkt sich nicht nachhaltig auf mein Wohlbefinden und schon gar nicht auf mein Konto aus. Ich kann nicht mal meine Facebookreichweite messen, weil ich gar nicht bei Facebook bin. Und auch nicht bei Twitter, Flickr, Flattr, Fuckr.

Beim Bloggen ist es wie im ganzen Leben: Versuchen Sie nicht, allen zu gefallen. Leisten Sie sich Menschen, die Sie nicht mögen oder meinetwegen sogar hassen. Das ist gar nicht so schlimm wie Sie vielleicht denken. Ich zumindest kann damit umgehen. Also lesen Sie. Oder lesen Sie nicht. Alles soll mir recht sein. Und wenn Sie übers Kontaktformular unbedingt loswerden wollen, warum Sie tun was Sie tun, geht auch das klar. Ich lese alles, kein Problem.

Jetzt habe ich die kurioseste Abokündigung der Welt bekommen, die zu schön ist, um sie für sich zu behalten. Jemand hat den Feed gekündigt, weil: Zu viel Fleischcontent.

Das ist so schön, dass ich es gleich noch einmal bringen muss: Zu viel Fleischcontent. Großartig. So viel Kino war noch nie. Ein Irrenhaus, dieses Internet. Ich schmeiß' gleich auch ein paar Foodblogs aus dem Reader und schreib' denen auch warum: Zu viel Rhabarbercontent. Bah. Rhabarber. Pfui Spinne.

Es folgen die Links. Read this:


gnaddrig ad libitumGrundrechte, nüchtern betrachtet
Grün, grüner, Nanny.

metasierchen09.06.2015
Bierbong, Druckbetankung, Schaum im Magen, auf den Gehweg kotzen, Krankenhaus. Der Albtraum jedes Bündnis 90. Prost.

ZG BlogDraußen ist Wetter
Ha! Ich wusste es. Da schneidet jemand meine Fahrstuhlgespräche mit.

Der SchwulemikerZwischen Rewe und Spittelmarkt – Geschichten einer (vielleicht) schwulen Stadt
Metrosexuelle Heterosexualität. Hätten wir das früher nicht unter "Bi" einsortiert?

Der reisende ReporterMit dem Auto durch Israel
So geht Reisebloggen. Toll vertextet, toll bebildert. Ich war noch nie in Israel, aber ich möchte mal hin. Vermutlich wird es ein guter Zeitpunkt sein, wenn das Kind in die Pubertät kommt und die Hintergründe und die Widersprüche des Landes begreifen kann.

kreuzberg süd-ostTotleben
Oh, das ist aber ein schönes Bad! Ist das Zufall? fragt der Besuch.
Nein, das ist Absicht, antwortet die Hausfrau.


Berlin du bist wunderbarBrotfabrik - SS-Bäckerei des KZ Sachsenhausen
Dort fotografieren wo es weh tut.

Schlabonskis WeltAuch Französisch ist Glückssache
Werber und Bildung sind unvereinbar, ebenso wie Werber und Niveau, Contenance und Understatement. Es gibt wenige Teile der Bevölkerung, die ich so verachte wie Werber. Investmentbanker vielleicht. Dax-Vorstände. Hedgefonds-Manager. Immobilienhaie. Mein Nachbar, der Obergentrifizierer.

stille revolutionCoffee-Rant
Büro. Scheißkaffee. Dummes Routinegelaber. So wertvoll wie Fahrstuhlgespräche übers Wetter.

ahoi polloi(1420)
Platt, aber geil.

ToDaMaxDeutschland in Schildern
Hurra.

Auf den letzten Drücker ausprobiert und für gut befunden:

hafensonneWie Spargel zu essen sey


Donnerstag, 25. Juni 2015

Good morning Weißensee




Langhansstraße. Die Allee der Siffkneipen, Kik, Netto, Hausfrauenpuffs, Heimstatt der alkoholkranken Spätiverkäufer und das Endlager aller möglichen geplatzten Träume dieser Stadt. Noch ganz friedlich und in gnädiges Licht getaucht. Der neue Tag weiß noch nicht, was heute wieder kommt. Mit etwas Glück wird es Regen sein, der die Kotze vom Bordstein spült.

Montag, 22. Juni 2015

Verarsch mich doch (30)




Die Telekom reiht sich problemlos ein in die endlose Liste dummer Unternehmen, die Neukunden umgarnen und Bestandskunden mit Ignoranz strafen, um die sie sich erst zu bemühen beginnen, wenn sie gehen wollen. Fitnessstudios, mein Stromanbieter, jede Versicherung, der selbstherrliche Schlumpf von Schornsteinfeger. Jeder wird erst freundlich, wenn die Konkurrenz an der Ecke lauert. Denn eine Ressource ist stets desto wertvoller, je knapper sie ist. Oder sich macht. Bla bla. Volkswirtschaft für Klippschüler.

Für solche Vertragsverlängerungen wie ich eine anstrebe gibt es bei der Telekom ein Online-Kundencenter, das nach vielen Jahren unerträglicher Bugparade endlich so funktioniert, dass ich nicht das Verlangen habe, PC nebst Monitor, Tablet und Smartphone aus dem Fenster zu schmeißen. Oder in die Biotonne. Das Kundencenter ist zwar immer noch so unnötig umständlich und unglaublich unübersichtlich wie dieses bürogewordene Administrationsgeschwür mit dem Namen Bezirksamt Pankow, doch ich finde die Option zum Verlängern überraschend schnell und verjage den fatalistischen Gedanken, dass das womöglich Absicht ist.

Ich bin ein echtes Schaf. Ich möchte verlängern. Wenn mich niemand ärgert, verlängere ich immer. Dann mache ich brav Mäh und folge überall hin. Ich bin ein guter Kunde. Ich zahle immer und protestiere nie. Keine Brandbriefe, keine Petitionen, keine Gerichtsprozesse. Ein Musterkunde. Zahlen und fröhlich sein. Niemand kann ein Interesse daran haben, mich los zu werden.

Sie bieten mir im Kundencenter zum Verlängern einen anderen Tarif als den Neukunden an. Es sind zehn Euro Unterschied. Im Monat. Ich soll also als Bestandskunde im ersten Vertragsjahr für die gleiche Leistung zehn Euro mehr zahlen als ein Neukunde. Weil ich ja schon da bin, spare ich nix.

Ich logge mich also aus dem Kundencenter aus und rufe bei der Telekom an, nur um von einem Sachsen (ausgerechnet!) zu erfahren, dass es für mich nur diese Optionen aus dem Kundencenter, aber keine Angebote darüber hinaus, gibt. "Sie hooob'n nur diejehn'ng Öptiön'n äusm Gundensändo, die dort gölisded sin'n. Geine dorübo hinäus. Isch gonn nüx für Sie dün."

Ein Sachse. Na klar. Der mir sagt, dass irgendwas nicht geht. Sie stellen wahrscheinlich nur Sachsen ein für die Dinge, die nicht gehen. Das zeugt von einer bewundernswerten Konsequenz.

Einen Tag später unterschreibe ich bei der Konkurrenz, die auch gleich eine Serviceoffensive zündet und mich bei der Telekom abmeldet. 20 Euro monatlich weniger als bisher. Plus Gültigkeit im europäischen Ausland. Plus Freimonate. Free Mumia Rufnummernmitnahme. Plus irgendeinen anderen Scheiß, den ich nicht brauche. Telefonflat nach Chisibubikaio. Direktleitung zur NSA. Und SMS satt. Was zum Teufel ist SMS? Egal. Gutes Angebot. Marktwirtschaft, bitches. Ihr wollt das ja so. Ich bin dann mal vergrault.

Jetzt wird die Telekom aktiv. Und wie.

(ring)

"Guten Tag, Pawlowski, Deutsche Telekom, Sie haben Ihren Vertrag gekündigt, ich würde Ihnen gerne ein Angebot machen, damit Sie bei uns bleiben."

Das Angebot besteht aus zwei Freimonaten und 5 Euro weniger monatlich als bisher bei gleicher Leistung.

"Ich wollte bei Ihnen online den Vertrag verlängern. Wieso wurde mir diese Option nicht angezeigt?"

"Die gibt es nicht online."

"Warum nicht? Das würde Ihnen Arbeit und mir Nerven ersparen."

"Das Angebot können nur die Kundenbetreuer abrufen."

"Ja klar, verstehe schon, das holen Sie nur aus der Schublade, wenn jemand kündigt. Diese ganzen Idioten, die einfach so verlängern, weil sie denken, dass es nix anderes bei Ihnen gibt, bekommen das nie zu Gesicht. Lassen Sie mich raten: Sie haben da noch eine zweite Schublade. Und wahrscheinlich sogar eine dritte."

"Nein, das ist alles, was ich Ihnen anbieten kann."

"Danke, nein. Jetzt sogar aus Prinzip nein."

(klick)

Einen Monat später.

(ring)

"Guten Tag, Piroggi, Deutsche Telekom, Sie haben Ihren Vertrag gekündigt, ich würde Ihnen gerne ein Angebot machen, damit Sie bei uns bleiben."

"Haben Sie nicht schon mal angerufen?"

"Nein."

"Doch."

"Hier im Kundensystem steht, dass nicht."

"Okay, dann habe ich halluziniert."

Das Angebot besteht aus drei Freimonaten und zehn Euro weniger monatlich als bisher.

"Das ist besser als das Angebot, das Ihr Kollege gemacht hat. Kommt da bald noch ein drittes?"

"Nein, das ist unser Standardangebot. Und hier im System steht, dass Sie noch niemand angerufen hat."

"Ah ja, stimmt, ich halluziniere ja. Danke für das Angebot, aber nein. Aus Prinzip."

(klick)

Wieder etwa ein Monat später.

(ring)

"Guten Tag, Kulitschka, Deutsche Telekom, Sie haben Ihren Vertrag gekündigt, ich würde Ihnen gerne ein Angebot machen, damit Sie bei uns bleiben."

"Rufen Sie mich jetzt wirklich zum dritten Mal an?"

(lacht) "Haha, wir wollen Sie eben nicht als Kunden verlieren."

"Kommt jetzt echt die dritte Schublade für die ganz Hartnäckigen?"

"Was für eine Schublade?"

"Das dritte Angebot beim dritten Anruf."

"Hier im System steht, dass Sie noch niemand angerufen hat."

"Natürlich steht das da."

Das Angebot besteht aus vier Freimonaten, zehn Euro monatlich weniger als bisher und einem neuen Galaxy S5.

"Verlockend, zugegeben, aber die Konkurrenz ist auf Dauer immer noch günstiger als dieses Angebot von Ihnen, das man nur am Ende aller Fahnenstangen bekommt. Und ein S5 habe ich auch schon. Außerdem fühle ich mich verarscht, wenn Sie mit Angeboten um sich werfen, die gutgläubige Kunden in Ihrem Euphemismus von Kundencenter nie zu sehen bekommen. Und dass Ihr Kundenbetreuer bei der Hotline mich anlügt, wenn ich frage, ob es noch andere Angebote als die im Kundencenter gibt, ist dann nur die traurige Korinthe auf dem Gipfel des Trümmerhaufens von Vertrauen, den Sie damit hinterlassen."

"Die Konkurrenz macht das auch so."

"Ja. Weiß ich doch. Leben. Ponyhof. Gier frisst Hirn. Im Geschäftsleben gibt es keine Freunde, nur Haifische. Und so weiter. Geht klar. Ich habe es begriffen. Verbleiben wir so: Wenn Sie noch eine vierte Schublade haben, deren Inhalt auf Dauer günstiger ist als das Angebot, zu dem ich wechseln werde, rufen Sie mich gerne an. 20 Euro weniger bei gleicher Leistung. Plus Freimonate. Dann bleibe ich. Sonst nicht. Bis dahin."

(klick)

Das ist jetzt zwei Monate her. Es gibt also keine vierte Schublade. Zumindest nicht für mich, denn ich sitze wahrscheinlich nun im Ordner mit dem großen Q drauf. Für Querulanten. Unzähmbar Bockige. Schwierige Menschen. Zicken. Typen, die man gerne bei der Konkurrenz sieht. Dort treffe ich dann auf Rüpelrentner Kowalke, den Parknazi, die Technoschlampe aus der Wohnung über mir und eine Menge Fahrradfahrer aus Prenzlauer Berg. Die ganzen Querulanten. Assis. Die Untherapierbaren. Typen, denen man keine Angebote mehr macht.

Dennoch habe ich etwas gelernt, das ich nicht wusste: Je bockiger Sie sind, desto mehr Schubladen machen sie auf. Desto mehr schmeißen sie Ihnen hinterher. Schau mal an. Basarscheiße kann jetzt auch die Telekom. Da kann ich von Erfahrung zehren. Gehen Sie so lange immer wieder schimpfend vom Stand mit den ägyptischen Hieroglyphen auf dem vorsätzlich auf alt getrimmten Papyrus weg, bis sich der Verkäufer in Krämpfen vor Ihnen windet und seine scheintote Großmutter beschwört, aber Sie natürlich trotzdem leimt. Basarscheiße olé. Je schlechter Sie Ihren Gegenüber behandeln, desto mehr holen Sie für sich raus. Also seien Sie ein Arschloch und machen Sie Ihren Schnitt. Denn wer nett und brav ist, kriegt nix. Wie immer im Leben. Eigentlich müsste ich das wissen, im Borgwürfel ist das auch so: Wer am lautesten kräht, bekommt am meisten und wer still ist, kriegt nix. Ballyho. Bitte verarsch mich. Los. Mit Anlauf. Verarsch mich doch.


Samstag, 20. Juni 2015

Bullenbeat




Spandau. Heerstraße. Fünf Leute in einem fahrenden Auto. Keiner ist angeschnallt. Auch der Fahrer nicht. Kurzer Weg. Altes Auto. Kein verbauter Überwachungssensor piept hysterisch.

Doch was kommen muss, kommt auch immer. Die Bullen überholen. Dass in der Schrottkiste welche nicht angeschnallt sind, sehen sie sofort. Kelle. Bordstein.

"Guten Abend. Fünf nicht angeschnallte Personen macht 150 Euro Bußgeld. Wir können das mit Quittung machen, dann sind es 150. Ohne Quittung 50 für alle."

Fakelaki olé. Schöne Grüße aus der deutschen Hauptstadt ins krass korrupte Griechenland. Wir sind die Guten.


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credits

Mittwoch, 17. Juni 2015

Vom Reinickendorfer Ding, das ganz schwer in die Hose gehen wird




Manchmal treffen Sie auf eine Unternehmung, bei der Sie schon innerhalb der ersten Minuten spüren, dass sie fürchterlich in die Hose gehen wird.

Ich bin am Eichborndamm in Reinickendorf und hier stimmt auf den ersten Blick gar nichts. Null. Es wird nicht gut gehen. Schauen Sie sich mal das Trauerspiel auf dem Bild an. Draußen hängen bunt bemalte Zeltplanen und die Fensterfronten sind mit bedruckten Kopierpapierzetteln beklebt. Das lädt nicht ein, das lädt aus. Das schreit aus tausend Mäulern: Nein! Komm nicht hier rein! Es ist nicht gut!

Würden Sie hier ein Restaurant vermuten? Ein gutes sogar? Oder doch eher eine Kita? Krabbelgruppe. Pekip. Asia Massagesalon. Maximal Prekärpizzabutze. Die via Lieferando dumpt.



Sicher. Ich weiß es ja. Hier fehlt natürlich Geld. Geld für den Start. Geld, um bereits rein optisch den Eindruck zu vermitteln, dass hier professionell gekocht wird. Etwas Repräsentatives, etwas, das anlockt, neugierig macht. Ein Honigtopf. Ein Blickfang.

Wenn so ein Laden von außen aussieht wie der hier, dann ist das Ergebnis das hier:



Leere. Gähnende Leere. Dornenbuschfeeling. An einem Samstagmittag. Zu einer Zeit, an der andere die Hunderter in Bündeln zählen. Eines ist klar wie selten: Die Sache läuft nicht. Kann nicht laufen. Nicht hier. Niemals hier.



Ein Blick aus dem Fenster reicht und Sie sehen den Hauptindikator dafür, warum die Sache komplett schief gehen wird: Lage. Lage. Laaaage. Die ist hier nicht. Hier ist nicht nur Reinickendorf, hier ist der Enddarm von Reinickendorf, besser der Blinddarm, dieser abgeschnittene jetzt im Eimer mit filetierten Krebsgeschwüren, abgestandenen Plazentas und gezogenen Fußnägeln auf die Verbrennung wartende Geweberest von Lage, hier ist Industriegebiet, Werkstätten, halbseidene Gebrauchtwagenverticker, Gas, Wasser, Kacke am Hacken, Hinterhofpuffs, hier ist Bockwurst, Altfettpommes Schranke, Kartoffelsalat. Aus dem fiesen Fabrikzuber. Hier ist Reinickendorf. Das schlimme Ende davon. Hier floriert nix, hier gehen die Dinge den Bach runter, wenn sie innovativ sein wollen.



Und dann diese Rechtschreibfehler. Meine Nerven. Eine ganze laminierte und mit Aktendulli abgeheftete Karte voll davon. Und das hier im traditionell rustikalkonservativen Reinickendorf. So etwas kann man in Mitte bringen, da ist das cool, wenn die italienischen Speisekarten aus Kulanz rudimentär übersetzt werden, hier in Reinickendorf nehmen die Laubenpieper so etwas übel, denn es verstößt gegen Regeln. Und Regeln lieben sie hier, brauchen sie hier, haben sie hier viele. Und die Hecke bitte maximal 1,56 m, sonst Vorstandssitzung. Puh. Zehn Minuten sitze ich hier und halte es kaum noch aus. Hier muss nicht nur ein Rach her, hier müssen ganze Divisionen an Rachen ran, um den Karren aus dem Gärschlamm zu holen. Hier stimmt nichts. So geht's nicht. Echt nicht. Gar nicht geht das.

Und das Tragischste dabei ist das hier:



Das Essen.



Es ist so verdammt gut. Hier kocht jemand mit ganz viel Liebe, ganz viel Leidenschaft, ganz viel von allem, was es braucht, ein gutes Gericht auf den Tisch zu bringen. Grundsolides italienisches Handwerk. Selbstgemachte Spaghetti, Bandnudeln, Gnocci, gefüllte Teigtaschen, über Tage eingekochtes Ragout, meine Güte, es ist Leidenschaft. Handarbeit. Ehrliche. Und nein, keine Pizza. Dafür Piadina. Gute Piadina. Mit gutem Zeug drin.

Und genau deshalb finde ich die Angelegenheit so tragisch. Es ist so selten, dass Sie die Lust am Kochen so rausschmecken, diese Freude greifen können, wenn der Inhaber mit dem Gruß aus der Küche kommt, später dann mit dem zweiten Gruß aus der Küche, irgendetwas, das er ausprobiert hat und von Ihnen wissen will wie es schmeckt, irgendeine Teigtasche, die er mit irgendwas gefüllt hat und stolz ist wie Bolle, wenn Sie sagen, dass es gut ist. Für lau. Sie zahlen nicht, was er Ihnen schenkt. Passion. Meine Güte, ist das tragisch hier am Wurmfortsatz von Reinickendorf. Wieso macht der ausgerechnet hier auf? Es ist so falsch. Der falscheste Ort der Stadt, mal abgesehen von der Allee der Kosmonauten vielleicht. Oder dem U-Bahnhof Hönow.

Ich will ehrlich sein, normalerweise ist es mir egal, wenn Lokale zu machen. Hier ist Berlin. Hier macht dauernd irgendwas auf und wieder zu. Existenzen gehen zugrunde. Privatinsolvenzen greifen Raum. Auf. Zu. Räumung. Schulden. Gründerkredit futsch. Gerichtsvollzieher. Inkassotrupp. Jeden Tag. So viel Empathie kann kein Mensch aufbringen ohne daran kaputt zu gehen. Das müssen Sie ausblenden, Sie können da nicht dauerhaft mitleiden. Ich zumindest bin damit durch. Mir ist das normalerweise egal. Ehrlich.

Nur hier nicht. Hier rührt mich das an. Das ist so sehr mit Anlauf und himmelschreiender Naivität in den Güllehaufen gesprungen, dass ich nicht unbeteiligt daneben stehen und mir das anschauen kann. Die einzige Chance, die so ein Laden hat, der am Arsch der Stadt gutes Zeug fabriziert, ist der Underdogmodus. Er muss ein Geheimtipp werden. Muss sich rumsprechen. Ich fang mal an: Wenn Sie hier in der Nähe wohnen. Oder arbeiten. Oder für was Vernünftiges auch mal etwas weiter weg in die Gastrowüste fahren. Gehen Sie hin. Blenden Sie die bizarre Krabbelgruppenoptik aus. Die komischen Kopierzettel. Die Zeltplane. Die vollkommen fehlende Gemütlichkeit. Die erdrückende Leere. Es lohnt sich. Und sagen Sie es weiter, wenn es so gut war wie bei mir. Vielleicht kann ich ja helfen, die unvermeidliche Insolvenz um ein paar Monate zu verzögern, denn ich kann mit Überzeugung verkünden: Sie treffen dort auf jemanden, der sich auf Sie freut. Der brennt. Und Sie mit Leidenschaft bekocht. Gehen Sie hin, so lange es noch offen hat. Denn ich fürchte, lange dauert es nicht mehr. Wenn das Ding im Spätsommer noch da ist, ist es schon ein Erfolg. Denn hier oben überlebt echt nix. Falsche Gegend. Falsches Konzept. Der Klogriff der Klogriffe. Das hier kann sich nicht rechnen. Was für eine Verschwendung von Talent. Ach, es reicht. Ich mag gar nicht mehr hinschauen.

Der Laden hat keine Webseite und damit ich hier nicht schon wieder auf den Antichristen verlinken muss, können Sie die Facebookadresse bei Bedarf selbst abtippen. Kopierzettel am Fenster sei Dank.



Reservieren? Müssen Sie nicht. Ist eh nie jemand da.


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Sapori Italiani
Eichborndamm 80
Reinickendorf
Dienstag bis Sonntag 12:00 - 21:30 Uhr

Wenn ich die Gestalten auf der Facebookseite richtig deute, waren sogar mal andere Gäste da. Wahrscheinlich die Verwandtschaft.

Montag, 15. Juni 2015

Baumwichse


Es ist wieder soweit.

Die Baumwichse ist da.

Hier. Sehen Sie das?



Sieht aus wie nass. Ist aber nicht nass. Kann nämlich nicht nass sein, denn seit Tagen fiel kein Regen. Das ist Baumwichse. Und sie klebt wie Hulle. Laufen Sie darüber, dann kleben Sie fest und machen noch die nächsten 20 Meter knarzende Geräusche als hätten Sie Ihre Schuhe bei irgendeinem Kinderarbeitsimporteur gekauft.

Schauen wir uns die Wichse doch mal näher an.



Noch näher.



Es wichst mir das Auto zu. Die ganze Scheißkarre klebt, dass es mir die Armhaare abzieht, wenn ich beim Verstauen der Einkäufe an die Türe komme. Sie kriegen das Zeug nicht mal mit dem Scheibenwasser vernünftig weg, so dass Sie eigentlich jeden Tag in die Waschanlage fahren müssten, wenn Ihr Auto nicht aussehen soll wie der Hermannplatz.

Man sollte sie abholzen. Drecksbäume.

Abfackeln.

Ein fettes Sommersonnenwendefeuer draus machen. Und alle Kinder einladen. Damit sie Marshmellows ins Feuer halten können. Oder vegane Biobratwürste wegen mir.

Echt mal. Weg damit. Scheiß Bäume. Scheiß Baumwichse. Braucht kein Mensch. Ich wohne nicht in der Stadt, um mit sinnlosen Ausscheidungsprodukten der Natur konfrontiert zu werden. Sowieso: Bäume sind was für Brandenburger. Odenwälder. Teutoburger. Ich habe die nicht bestellt. Wichsbäume am Arsch. Weg damit. Lasst uns Boote draus bauen und auf der Spree rumschippern. Oder ein Holzhaus. Für jeden Spielplatz eines. Oder einfach in den Kachelofen damit. Spart Heizkosten. Verfeuern. Verfackeln. Ich hasse Bäume. Die Wichser. Je weniger davon, desto Freude.

Ja.

Ja doch.

Easy. Kidding. Bloß nicht gleich wieder Twitter anwerfen und den Digitalmob in die Spur schicken. Hashtag #betonnazi. #asphaltfaschist. #zementmasku. Ich will doch gar keine Bäume fällen. Ist nur ein wenig Pöbelei. Blinder Hass. Auf die Baumwichse. Ich bin doch gar nicht baumfeindlich. Ich liebe doch alle ... alle Bäume ... einige meiner besten Freunde sind Bäume. Berlin ist grün. Eine grüne Stadt. Das ist toll. Mikroklima. Nachhaltigkeit. Raupen. Schmetterlinge. Seitanbratling. Mein Kumpel der Baum. Karl der Käfer. Wurde nicht gefragt. Fortgejagt. Zimbel. Dengel. Kumba ya. Bla bla.

Ganz ehrlich, ich wünsche mir selten, reich zu sein. Reich sein ist wahrscheinlich gar nicht so lustig. Immer diese ständige Angst davor, weniger von dem zu haben, was den Lebenssinn darstellt. Immer diese Furcht, jemand nimmt es wieder weg, das ganze Geld. Und damit den Sinn. Und das mit dem Kontostand verbundene Ansehen bei denen, die Geld mit Charakter verwechseln. Diese Verlustangst, die soweit geht, dass sie sich vor Züge werfen, wenn es mal weniger wird. Diese Degeneration. Dieses Fehlen von Maß. Diese vollkommene Absenz von Anstand und Empathie. Diese Gier, die sie sich nicht zu offen anmerken lassen dürfen. Die sie verbrämen müssen. Charity. Lions Club. Bioladen-Kundenkarte. Brot für die Welt-Abo. Voll steuerlich absetzbar. Und dann dieser Jack Russell aus dem Tierheim Hohenschönhausen. Was ist der süß. Fassade. Alles Fassade. Immer so tun als ob. Ich will das nicht. Je mehr Jahre vergehen, desto weniger. Ich will gar nicht werden wie die.

Doch manchmal, ja manchmal, nur ab und zu, in diesen Junitagen, wenn die Bäume wichsen, wäre eine Tiefgarage wie sie die ganzen Dachgeschossbonzen hier in der Gegend haben, ganz nett. Echt. Ganz nett wäre das. So eine Tiefgarage, in die sie ihre Cayennes, ihre SLKs, ihre 7er, ihre Infinitis reinfahren. Denen wichst da kein Baum die Karre voll. Mir schon. Da draußen auf der Straße.

Drecksbäume, verfickte.


Samstag, 13. Juni 2015

Verarsch mich doch (29)




Wer regelmäßig Sport betreibt, kommt an Diclofenac nicht vorbei. Jedenfalls wenn es Sport ist, der wirkt. Einen Trainingseffekt bringt. Muskeln reißen lässt. Kalorien verballert. Also im Prinzip alles, das nicht Walken ist, denn selbst Schach dürfte mehr Kalorien verbrennen als Walken, bei dem einige mit ihren Powerriegeln und zuckrigen Pseudo-Iso-Getränken am kunterbunten Nordic Walking-Gürtel locker sogar eine positive Kalorienbilanz (= mehr fressen als verbrauchen) erreichen.

Manchmal nervt auch mein Körper. Er zeckt. Er zerrt. Er katert. Dann rockt Diclofenac. Völlig egal von welchem Hersteller. Das Zeug hilft gegen fast alles. Wadenzerrung? Diclofenac. Muskelkater? Diclofenac. Arschmuskelkrampf? Diclofenac. Gerissener Fußnagel? Diclofenac. Schwiegermutter? Diclofenac. In ihrem Kaffee.

Im Ernst, ich schmier' das Zeug überall hin, sobald es ziept. Und am nächsten Tag gehen sie wieder, die 18 km. Na gut. Übermorgen. Oder in drei Tagen. Okay, vier. Maximal.

Was den Kauf von Dingen angeht, bin ich grundsätzlich ein großer Freund des stationären Einzelhandels. Und ein großer Freund meiner Apotheke an der Ecke dazu. Da stehen als eine der letzten im Bezirk hinter der Theke keine aalglatten homöopathiebeseelten Demetermodels mit perfekt weißen Zähnen und unverschämt reiner Haut, deren Morgenschiss wahrscheinlich nach Rosenwasser statt wie bei mir nach abgestandenem Single Malt riecht, und die mir mit vorwurfsvoller Miene und der so obligatorischen wie beschämenden Moralpredigt mein schmutziges schulmedizinisches Aspirin über die Theke reichen, weil sie wissen, dass ich wieder gesündigt gesoffen habe. Selbstoptimierte kerngesunde Scheißjugend, verdammte.

Nix da. Hinter der Theke meiner Apotheke (fuck die Thekendopplung, mir doch egal) steht eine mit allen Feuerwassern gewaschene alte Schachtel, die komplizenhaft grinsend und ohne jede Moralpredigt oder Rezitieren der Dosierungsanleitung fast schon augenzwinkernd den Stoff rüberschiebt. Jesoffen, wa? Ick och, Jungchen, ick och. Muss ja. Hälze anners nich aus, die Scheiße.

Die Alte passt. Die ist klasse. Das ist meine Apotheke.

Aber nur für Rezeptpflichtiges und Schmerzstilldope auf die Schnelle.

Für alles andere nicht. Auch nicht mehr für den Diclofenacvorrat.

Denn die Apotheke möchte inzwischen 10,80 Euro für 100 ml Diclo haben. Mal schauen, was der deutsche Onlinedealer will. Soso, 5,50 Euro für 150 ml.



Das ist mehr Stoff. 50 ml mehr Stoff. Für knapp die Hälfte Geld. Eh Apotheke. Sonst geht's noch? Versteh mich nicht falsch, ich habe nichts gegen Gewinnmargen. Gewinnmargen sind okay, in Maßen, aber das ist krank. Maßlos. Das sind schon keine Puffpreise mehr, das sind Apothekenpreise.

Oh.

Haha.

Ja. Pech. Verarsch mich doch, Apotheke. Coole alte Schachtel von Apothekerin hin oder her, ich bin diclofenacabhängig, ein Junkie, ich schmier' mir den Scheiß morgens auf die Stulle, ich spritz mir das Zeug intravenös, wenn es sein muss. Direkt in die Eichel. Ich brauch' das Zeug und möchte nicht gemolken werden. Ich kaufe jetzt im Internet. 

Im Internet.

Bei Murat.

Oder Ronnie.

Garagenfirma.

Vom Laster gefallen.

Kauf' ich.

Und zwar jetzt ganz dick auf Vorrat. Watch this:



Ob das Zeug wohl echt ist? Kein Plan. Wahrscheinlich kommt es wieder aus einer weißrussischen Fabrik und wurde von einäugigen Zombies mit Gehirnkrebs und Mundfäule aus Pottwalsperma, Perwoll Flüssig und Silikonmasse aus Sowjetbeständen zusammengepanscht, was mir Antennen auf dem Rücken, Furunkel in der Achselhöhle und einen zweiten Penis wachsen lässt. Auf der Stirn.

Haha. Ha. Meeh. Verarsch mich doch.


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Off Topic: Wissen Sie übrigens, an welchem Laufstil Sie ehemalige Dicke erkennen? Nein? Sie holen mehr Schwung mit den Armen als üblich. Weil es die Dinge vereinfacht. Katastrophal anzusehen. Geht gar nicht. Doch das kriegen sie nie wieder raus. Der unmögliche Laufstil bleibt ihnen durch alle Gewichtsklassen bis nach unten erhalten. Ein Elend. Ich laufe auch so.


Donnerstag, 11. Juni 2015

Chillout: Moabit is still trippin'




Die Welt geht vor die Hunde, also tanzen wir noch ein wenig auf dem Vulkan und gehen in die Sauna. Das ist wie schönsaufen, nur gesünder.

Es geht nach Moabit. Ja, zum Saunen. Wellness, um genau zu sein. Und ja, nach Moabit. Ehrlich, es fällt mir nicht viel ein, das ich weniger miteinander in Verbindung bringen würde als Moabit und Wellness. Prenzlmütter und ein Triple-Whopper mit Käse vielleicht. Fahrradfahrer und Verkehrsregeln. S-Bahn und Zuverlässigkeit. Ich und Differenzierung. Dennoch: Moabit und Wellness klingt in dieser Kombination einfach vollkommen bizarr.

Hey. Hier sind die Propz. Hallo Annika. Danke für den Tipp. To whom it may concern hast du geschrieben. Me. It concerns me. Ich geh da hin zu solchen Dingern. Weil ich muss immer mal wieder raus aus dem Muff. Woanders hin. Und wenn mir für die Karibik das Geld fehlt, dann rüsten wir eben ab. Und machen Karibik in Berlin. Ein bisschen zumindest.



Der Laden hat einen Sauna-Knigge ausgehangen. Sie regeln dort Dinge wie grundsätzliche Texilfreiheit, verdammen das Unwesen der Liegenreservierung, bitten um die Reduzierung des Rumfickensfummelns auf ein Minimum und haben ein Smartphoneverbot erlassen. Haha. Na klar. Smartphoneverbot. Heutzutage. Wo keiner mehr kacken geht ohne das verdammte Ding mitzunehmen, um auf der Schüssel den Status seines Stuhlgangs zu aktualisieren.

Das Smartphone-Verbot greift wie erwartet nicht, denn natürlich gibt es Leute, die merkbefreit unter den Nackten herumfotografieren, weil das auf einem Gelände dieser Größe und seiner erheblichen Anzahl an Besuchern sowieso keiner kontrollieren kann und die Aussicht, mehrere Stunden ohne Internetverbindung zu sein, zu vielen schon vor dem ersten Saunagang den nackten Angstschweiß ausbrechen lässt, ein neues Essensbild im Gruppenchat oder die Pushnachricht von promiflash.de, dass Miley Cyrus auf ein kaltes Buffet in Beverly Hills gekotzt hat, zu verpassen.

Wenn Sie also ein Semipromi sind und demnächst Ihren Puller auf der Seite Ihres Lieblingsstalkers bei Facebook vorfinden, dann ist das nur ein Zeichen von Post-Privacy. Wir strippen alle für die Nachwelt und die Frage ist nur noch, wann die erste Pullererkennungssoftware kommt, anhand derer Sie feststellen können, ob der Typ mit dem verpixelten Gesicht in Ihrer Timeline auch in diesem Porno mitgespielt hat, den Sie via Spionage-App auf dem Smartphone Ihres pubertierenden Sohnes gefunden haben.



Neben mir auf ihren Liegen lümmeln derweil Franzosen, die glauben, dass niemand sie versteht. Franzosen sind ein Paradoxon. In Frankreich setzen sie voraus, dass jeder Französisch spricht, so dass Sie in Frankreich mit keiner anderen Sprache der Welt dauerhaft durchkommen. Aber im Ausland denken sie, dass sie eine solch seltene Sprache sprechen, dass sie wie ein Geheimcode wirkt, den niemand außerhalb der Grenzen Frankreichs entschlüsseln kann.

Was sie sprechen? Nun, sie sprechen nicht, sie feixen, giggeln und können die Dinge nicht fassen:

"Lauter nackte Leute. Sowas gibt's auch nur in Deutschland."

"Hihi. Mir weht der Wind um den Arsch."

"Das ist echt krass hier. Alle nackt."

Sie sind sichtlich begeistert und die Einzigen, die auf die in die frische Berliner Luft gehaltenen Pussys, Schwänze, Ärsche und Titten glotzen. Der Rest der Besucherschaft ignoriert professionell alle Geschlechtsorgane bis zur vollkommenen Unsichtbarkeit. Und das ist der Grund, warum ich Deutschland manchmal doch ganz gut finde. Für diese selbstverständliche Freizügigkeit. Diese Offenheit. Dieses sich nicht schämen. Dieses überhaupt nicht verklemmte, wenn es um den eigenen Körper geht. Jede Oma kann hier ihre flatternden Schamlippen in den Sommerwind hängen. Und macht das auch leider. Doch das ist eben Deutschland. Ausnahmsweise mal entspannt und locker, auch wenn es nur im FKK-Bereich ist. Da staunt der Amerikaner und der Franzose wundert sich.

Ich weiß jedoch nicht, ob das dauerhaft so bleiben kann. Gegenbewegungen wider diese elende Lasterhaftigkeit gibt es genug. Prüderie wird Mode. Und mit dem Biedermeier kommt die neue Züchtigkeit, oft genug religiös oder religionsähnlich verbrämt. Ob sie die Sundenpfuhle ausräuchern werden, bleibt abzuwarten. Es dürften interessante Zeiten kommen.



Mir fällt auch eine andere Sache auf, die nur schwer aufzuschreiben ist ohne komplett missverstanden zu werden (so ganz ausblenden können Sie die ganzen nackten Körper ja nie): Die jungen Männer sind im Durchschnitt schmaler als die jungen Frauen, die inzwischen im Querschnitt nicht mehr ganz so verhungert aussehen wie das in den 90ern (zumindest an meiner Schule) noch als unverrückbares Ideal galt. Das Phänomen begegnet mir nicht zum ersten Mal. Da scheint sich das allgemeine Körperbewusstsein (oder die -neurose, ganz wie Sie wollen) ein wenig umgedreht zu haben. Ein überwiegender Teil der jugendlichen Männer ist muskulär ausgesprochen definiert in einer Art, die viel Arbeit und Mühen vermuten lässt, einige wirken fast asketisch. Und sie sind totalrasiert, die jungen Frauen oft nicht. Zwingen Sie mich nicht zu einer Wertung, denn es soll keine sein, sondern nur eine Beschreibung der Zustände ohne die Gründe für den Kulturwandel - wenn es denn einer ist - benennen zu können.



Wissen Sie übrigens, was ich an solchen Orten eklig finde?

Ich finde Leute eklig,

- die aus der Sauna ungeduscht ins Kältebecken gehen,
- die ihren Schweiß neben mir auf der Haut verreiben, so dass es spritzt,
- die mit ihrem zugeschweißten Handtuch wedeln, so dass es spritzt,
- die den Grind von unter ihren Zehennägeln rauspulen und
- die danach einen Eiterpickel auf dem Oberschenkel aufkratzen,
- der zu bluten beginnt.

Diese Leute sind hier heute eine Minderheit. Zwei von wahrscheinlich hundert. Für Berliner Verhältnisse bemerkenswert ist: Die überwiegende Mehrheit benimmt sich unauffällig. Ich wiederhole: Unauffällig. Moment, ich setze es noch einmal in Relation: Es ist Berlin und sie benehmen sich unauffällig.

Was ist da los?



Doch da kommen sie schon: Die Drei Debilen Tratschtanten (DDT). Sie wirken auf mich wie ein Insektizid. Überall wo sie hingehen, vertreiben sie mich mit der Hilfe von unkontrolliertem Sprechdurchfall. So liege ich im Warmwasserbecken, hänge ab, werde entspannt älter und sie kommen und erzählen Dinge. Ich erfahre, dass eine von ihnen gerade eine Diät macht und trotzdem nicht abnimmt. Sie faselt etwas von einem langsamen Stoffwechsel und einer Schilddrüsenunterfunktion bevor ich aufstehe und mich auf eine der zahlreichen Liegen lege.

Ich habe leider nicht darauf geachtet, dass die Liegen neben mir belegt sind. Also legen sich dort kurz darauf die DDT hin. Ich erfahre, dass eine von ihnen von ihrer Mutter früher gezwungen wurde, eine besonders bescheuerte Frisur zu tragen, was mit Sätzen aus der Erziehungsgruft wie "Wenn du deinen Friseur selbst bezahlst, kannst du die Frisur haben, die du willst." flankiert wurde. Und als es endlich soweit war, hat sie sich vom ersten selbstverdienten Geld eine eine kecke Kurzhaarfrisur machen lassen.

Nutzlose Informationen ficken mein Kurzzeitgedächtnis waidwund und flüssiges Hirn läuft aus meinem Ohr. Es hat sich in einem Akt der Verzweiflung selbst eingeschmolzen, um die Ohren zu versiegeln.

Ich muss weg. In die Gartensauna.

Dort treffen die DDT kurze Zeit später ein und ich überlege, ob ich auf die heißen Steine springen soll, damit ich endlich in Flammen aufgehe oder zumindest zu einer Suppe schmelze und es ein Ende hat.

Jetzt geht es um die leidige Arbeit. Da gibt es eine lästige Kollegin, die gerne Arbeit abwälzt. Außerdem schläft sie mit dem Chef. Jeder weiß das. Weil die beiden immer gemeinsam länger bleiben. Und die dumme Sau kriegt einen Bonus nach dem anderen.

Die mit dem Schilddrüsenproblem erzählt von ihrem Freund. Im Bett läuft es nicht mehr so. Die Routine greift um sich und er tut nix. Alle sind sich einig, dass er was tun muss. Ist aber auch echt scheiße, wenn er nix tut. Bonustrack: Ihm fehlt ein Ei. Also er hat nur noch eines. Statt zwei. Vielleicht liegt es ja daran. Ein Ei. Wissen die Freundinnen jetzt. Und ich auch. Meine Güte. Diese ganzen hirnlosen Informationen und mein Ohr ist immer noch nicht ganz zu.

Je länger das geht, desto zunehmender erscheinen mir die heißen Steine vor mir als ernsthafte Alternative zu dieser Akustikfolter. Vielleicht dauert das Verbrühen bis zum finalen Exitus doch nicht so lange. Die Haut dürfte recht schnell schmelzen, danach platzen die Blutgefäße und es wäre vorbei. Stille. Keine Geschichten über halbe Hoden irgendwelcher bemitleidenswerten Partner mehr. Nie mehr.

Eine andere Möglichkeit für das Erfüllen des so drängenden Wunsches nach einem abschließenden Ende der Dinge könnte auch der kleine Zierbrunnen sein, wenn ich ihn rausreiße, ihn mir mit der Kordel vom Ice-Bucket-Kübel um den Hals binde und mich publikumswirksam im Pool ersäufe. Oder ich fasse einfach mit dem nassen Finger in eine Steckdose und lasse erst los, wenn meine Augäpfel platzen und das Blut aus den Augenhöhlen auf die blöden geklauten Hotelbademäntel von den DDT spritzt.

Oder ich gehe einfach in den Ruheraum im ersten Stock. Es muss ja nicht immer gleich der Tod sein, der die Ruhe bringt. Ein Ruheraum, in dem jeder endlich mal die Fresse halten muss, geht auch. Dort lümmeln völlig erledigte Menschen auf überdimensionierten Polstern herum und sehen aus wie gestrandete Walfische, die nie mehr in der Lage sind, sich ohne technische Hilfsmittel wie etwa einem Flaschenzug aus dem verdammten Plüsch zu erheben.

Und so ist später Nachmittag. Ein Lüftchen weht. Moabit wird von der Sonne verwöhnt und ich fühle mich wie ein verwöhntes Moabit. Der Lack ist ab, aber sie haben mich gestreichelt. Das war gut. Doch jetzt muss ich wieder raus. Raus in den Staub. In den Dreck. Ich muss wieder nach Berlin rein. Denn hier ist alles, nur nicht Berlin.



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Die Bilder hat mir Annika zur Verfügung gestellt, weil ich nicht fotografiert habe.

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Wo ich war? Hier.

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Kein Gutschein, keine Vergünstigung, kein Geschenk. Ich mach's für lau. Sie kennen das ja.