Mittwoch, 28. Januar 2015

Voland: Der russische Veteran



Alle Welt plus Bild, Faz und Spiegel zerrt seit einem Jahr das 20. Jahrhundert aus der Gruft und führt einen nicht enden wollenden publizistischen Feldzug gegen Russland. Da können Sie als angeprangerter Putinversteher außer Schimpfen (oder bloggen, was oftmals dasselbe ist) nicht viel dagegen tun. Na gut, außer essen gehen vielleicht. Natürlich beim Russen. Aus Prinzip. Denn Essen geht immer. Essen ist streng genommen das Einzige, das ich richtig gut kann. Alles andere ist nur auswendig gelernt wie Lateinvokabeln in der Mittelstufe und in letzter Konsequenz nur Gepose vor Powerpointfolien, um Leute zu beeindrucken, die ich gar nicht mag. Ein Jammer.

Im Restaurant Voland in Prenzlauer Berg merken Sie von dem ganzen neuen Russenhysterie-Revival nichts. Das Ding ist voll. Am Wochenende müssen Sie reservieren. Sonst dürfen Sie gleich wieder gehen. Zur Schönhauser Allee. Einen Döner knallen. Oder eine prekäre Bahnhofspizza. Vielleicht hat auch Burger King noch ein Plätzchen für Sie.

Die gastronomische Regel Nr.1 in Prenzlauer Berg lautet: Wer was kann, dessen Laden ist voll an den Frei- und Samstagen. Und wer hier im Bezirk kein Publikum hat, der kann entweder nichts oder hat sich eine Seitenstraße zu weit Richtung nordöstliche Bezirksgrenze eingemietet, denn der nordöstliche Teil Prenzlauer Bergs ist kulinarisches Ödland und das immer schon gewesen. Dort überlebt nur XXL-Schnitzel. Schnitzel mit Ketchup. Schnitzel mit Landfahrersoße. Oder Letscho. Und natürlich der Klassiker: Schnitzeldöner.

Meister. Margarita. Voland. Der Behemoth. Mit erzhumanistischer Gymnasialbildung zu prollen ist seit dem Aufkommen des Internets nichts mehr wert. Ob Sie den Kontext einer Sache wirklich kennen, weil Sie mal mehr als ein Bilderbuch gelesen haben, oder die einschlägigen Buzzwörter nur aus Wikipedia kopiert haben, um Bildung zu simulieren, kann heute kein Mensch mehr beurteilen und Sie können nicht beweisen, dass Sie etwas wirklich wissen und nicht nur wo es steht. Bye bye Bildungsbürgertum, hallo Wikipedia: Der Meister und Margarita.

Das Voland gehört zu den wenigen verbliebenen Veteranen des schnelllebigen Prenzlauer Bergs (neben den Waschsalons). Locker 20 Jahre dürften es inzwischen sein. Eher mehr. Russisch mit Patina. Und Geigen. Trompeten. Fagotte. Fagötter?



Das Voland lässt mich so schön beiläufig immer wieder staunen: Drei russische Matronen schmeißen eine komplette Kneipe mit einer annähernd dreistelligen Anzahl an Gästen, ohne dass Sie länger warten müssen, ohne dass was vergessen wird, ohne dass auch nur eine von ihnen ins Schwitzen kommt, ohne dass sie auch nur ein bisschen unfreundlich werden und ohne dass auch nur ein Haar der Betonfrisur verrutscht. Respekt, ich meine, es ist immer noch Berlin hier, zumindest geographisch, wenn auch offenbar nicht ... naja ... mentalitätsmäßig. Das ist bemerkenswert, denn normalerweise geht Berliner Gastronomie unterhalb der Sterne bei mehr als 20 Gästen in die Knie und steht nie wieder auf.

Okay, und dass Sie hier mehr als nur ausgezeichnet essen können, versteht sich nach dieser überbordend begeisterten Ouvertüre fast von selbst. Mit zwei Personen, ausreichend Vorspeisen, Hauptgang, Nachtisch und einer Flasche Wodka werden Sie hier für 70-80 Euro satt. Und besoffen. Das muss ja. Wir sind in Russland.

Ihr Essensbilder kommet:








Und dann gibt es die Situationen, in denen ich melancholisch werde: Ich sitze weit nach Mitternacht mit dem außer mir letzten Gast am Tresen, es ist ein Bärtiger, der schon viel erlebt hat und wir hauen uns bei einer Flasche Nemiroff mit Birkenwasser, deren Inhalt wir uns beiläufig in große Gläser füllen, unsere vielen kranken Geschichten um die Ohren, nur um nach unzähligen Trinkweisen, Toasts und Versicherungen unserer gegenseitigen Wertschätzung über den Sinn des Lebens (er: Kinder, ich: Wodka) zu philosophieren. Es kann ein Ort für magische Abende sein. Für Begegnungen abseits der Banalität. Für Besonderes. Endlich mal interessante Menschen im Bezirk. Ja. An solchen Abenden stimmt alles. Und so etwas geht im Voland.

Ich habe den Bärtigen nie wiedergesehen. Das muss auch nicht sein. Abende wie solche können Sie sowieso nicht wiederholen. Alte Teetrinkerregel: Der zweite Aufguss schmeckt immer scheiße.

Was im Voland auch geht, ist Musik, gute Musik, russische, ukrainische, jiddische Volksweisen, was immer noch besser wird, je mehr Sto Gramm Sie sich schon in die versoffene Spritbirne gegossen haben. Es passt alles, wirklich alles an solchen Abenden. Auch die Musik. Die passt immer und lässt Wehmut wie Tränen von den Wänden tropfen.

Es sind dann immer nur Kleinigkeiten, die stören könnten, nur Nachrangiges, wenn auch Vermeidbares: Die Musik ab 21 Uhr kostet Sie 4 Euro Eintrittsgeld pro Person, was aber nicht wirklich transparent gemacht wird und wortlos auf die Rechnung gebucht wird, wenn Sie seit 18 Uhr hier sitzen und davon nichts wissen. Mich stört das nicht, natürlich nicht, weil die Musik hier immer meinen Nerv trifft, weil es ausgezeichnete Künstler sind, die hier auftreten und ich den Betrag für das, was Sie hier geboten bekommen, sogar günstig finde. Doch andere, gerade hier in Prenzlauer Berg, könnten diese Praxis übler nehmen.

Naja, und dieser Erdbeerwodka, der aufs Haus zur Rechnung ausgeschenkt wird, ist wirklich ein fürchterlicher Fusel. Den fülle ich mir nächstes Mal in den Flachmann - um den Vogelschiss von der Windschutzscheibe zu lösen.

Egal. Das gute alte Voland. Was mich betrifft: Ein guter Ort. Mit Seele. Reiner. (omg ein Wortspielfritze hängt ihn höher).



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Voland
Wichertstr. 63
Prenzlauer Berg
http://www.voland-cafe.de

Der hässlichste Disclaimer der Welt spricht: Ich bekomme nix für die Hymne, sondern zahle meinen Scheiß selber.

Dienstag, 27. Januar 2015

Lass mal netzwerken - Links vom 27. Januar 2015



Zu Beginn ein Link zu fefe, der sich beschwert, dass die Inhalte seines Blogs automatisch von irgendwem auf Twitter, Google+ und Facebook gespiegelt werden. Verständlich, denn es ist schon ein starkes Stück, komplett den Content anderer einfach irgendwohin zu kopieren.
Vereinzelte Fullquotes in irgendwelchen Soups oder Foren gibt es von diesem Blog hier auch und so etwas geht meiner Meinung nach auch in Ordnung, sofern damit kein Geld verdient wird, doch letztes Jahr gab es schon Fälle, in denen ganze Blogs unter einer anderen Domain gespiegelt und mit Werbung zugeschissen wurden. Vermutlich ist das die Grenze, an der wohl jeder hinschmeißen würde, nicht nur fefe.
Die Frage aller Fragen in dem Zusammenhang: Kriegen Arschlöcher eigentlich jeden irgendwann klein?

Es gab noch mehr zu lesen. Read this:

Genuss ist Notwehrείμαστε Syriza? Schön wär’s
Ich vermute, dass es laufen wird wie immer: Linke Regierungen räumen das Desaster auf, das neoliberale Regierungen hinterlassen haben, damit, wenn die Wunden wieder halbwegs genäht sind, neoliberale Regierungen mit dem alten Programm übernehmen können. Aber erstmal hat Syriza gewonnen und "die Märkte" (tm) haben angemessen reagiert.
In das gleiche Horn wie der Rainer stößt auch der Freitag.

Achse des GutenNa dann ohne mich
Ich hätte nie gedacht, dass die Achse des Guten hier mal als Link auftauchen würde (es wird mit ziemlicher Sicherheit auch das letzte Mal sein), doch dieser Post ist bemerkenswert: Einer der Herausgeber legt dar, warum er nicht mehr für die Achse schreiben möchte und erklärt so nebenher, was gesellschaftlich gerade schief läuft. (via Genderama, ebenfalls aufgegriffen von Stefan)

Gert Ewen UngarDrag! – Ein Versuch über die Politik der Gegenwart aus der Pop-Kultur heraus
Eine weitere großartige Zustandsbeschreibung - und zwar zur Abwechslung mal aus schwuler Perspektive. Drag, ja das trifft es. So wie der ganze Text trifft.

Klaus Werner-LoboWie ich heute fremdenpolizeilich behandelt wurde
Ein Meisterstück deutscher Gastfreundlichkeit.

roteweltExtrem viel-oh-so-Fische Fragen
Und ich hab' keine Antwort darauf, außer auf die Frage zu Frau Oertel: Die sieht nämlich so alt aus weil Frust generell alt macht. Und so wie sie aussieht, hat sie jede Menge Frust, was - wenn man eine solche Haltung einmal angenommen hat - immer noch mehr Frust anzieht. Ein Teufelskreis.

DemystifikationHalaldi
Sie haben Aldi erfolgreich geshitstormt. Wegen einer Moschee auf einer Seifenpackung, die jetzt vor lauter Empörungsgeschrei nicht mehr verkauft wird. Machen Sie mal Urlaub in Ägypten, wenn Sie sich noch trauen. Sie werden kaum eine Seife ohne Minarett finden. Aber um Logik geht es beim Shitgestorme gar nicht, sondern wie immer nur um Emotionen mit jeder Menge heißer Luft und gaaaanz dicken Backen.
Ich finde übrigens das Schachspiel als solches äußerst sexistisch und rassistisch und damit einen veritablen Shitstorm gegen den Schachverband wert: Weiß darf immer anfangen, schwarz dagegen nie! Weiß steht natürlich in Reihe 1, schwarz nachrangig und völlig marginalisiert in Reihe 8. Ekelhaft. Und überhaupt: Der cis-hetero-normative König ist eine faule Macho-Sau, der sich kaum bewegt, und die Dame muss ackern, arbeiten und flitzen, um den Pascha zu beschützen. Und wenn die Dame fällt, ist das Spiel nicht etwa vorbei, sondern geht weiter als wenn nix wär' - darin zeigt sich schon die Wertlosigkeit der Dame gegenüber dem spielentscheidenden König, der das Spiel beendet, wenn er fällt. Kackscheiße!
Ach es hilft nix: Sie müssen dem ganzen Wahnsinn der Welt mit Humor begegnen. Etwas anderes ergibt überhaupt keinen Sinn, sondern macht nur unglücklich und Sie sehen irgendwann aus wie Imelda Lulu Kathrin Oertel (nur hoffentlich ohne fiese Hornissenaugenbrauen).

Enno LenzeMeine unlizenzierten Fotos in den Medien
"Journalist" ist inzwischen schon kein Schimpfwort mehr sondern eine Charakterdiagnose.

Abfall aus der WarenweltHerr Hamburg und die Hygiene
Der Weise aus dem Morgenland Volk und seine Sicht auf die Welt. Ich mag es sehr, wenn Typen so plastisch beschrieben werden, dass sich mir ein Bild vor den Augen aufbaut.

Pieces of Berlinberlin – die marie-christin
Mich wundert manchmal die vollkommen andere Wahrnehmung meiner Stadt als ich sie habe ("die meisten sind extrem entspannt, es gibt ein miteinander, nicht nebeneinander"). Wie wird man so? Und vor allem wo? Am Müggelsee?

Aaron T. SchwarzDer Krebs-Tod ist willkommen
Argumente, einen Suizid dem Krebstod vorzuziehen.

Lucie MarshallSam hat Weltschmerz
Oje.

Candy BukowskiDas Paradies bleibt
Literatur. Ein Brett von.

Schnipselfriedhof: Kloß & Spinne - Teil 26: Führer war alles besser
Un'n Fülmschn. (credits)

toda]v[axNeulich in der Südstadt
Un'n bissken Bier.

Zu Essen gibt es etwas Aufwändigeres heute, doch es lohnt sich:

mangoseeleGnocchi mit Pilzfüllung – Gnocchi ripieni di barboni


Samstag, 24. Januar 2015

Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Honk (28)



Als Läufer in Berlin haben Sie eine ganz besondere Beziehung zu Hunden. Hunde finden Sie toll, denn Sie bewegen sich schnell, sind also wahlweise ein Spielkamerad, den es vor Freude anzuspringen gilt, oder eine Beute, die erlegt oder mindestens gestellt werden muss. Inzwischen werde ich bei Hunden ab einer gewissen Größe automatisch langsamer oder halte sogar gänzlich an, um zu warten bis sie vorbei sind. Es bringt nix, sie sitzen am längeren Hebel, haben die schärferen Zähne und ich im Zweifel eine kaputte Laufhose nebst aufgeschlagenem Knie.

Natürlich kostet mich das Anhalten und Warten ein Stück weit den Trainingseffekt, aber es ist besser so. Berliner Hundehalter haben im Allgemeinen weder die Reife noch das Können, Hunde zu halten. Der durchschnittliche Berliner Hundehalter hat keine Ahnung, was er da eigentlich mit seinem Tier tut und er hat auch kein Interesse, daran irgendetwas zu ändern. Anspringen, Umwerfen, in die Wade beißen, auf Kinder losgehen - ich habe schon alles mehrmals durch und das Ergebnis ist so niederschmetternd wie vorhersehbar: Sie können es nicht. Sie konnten es nie. Sie werden es nie können. Ein Hund scheint in dieser Stadt nur so eine Art Maskottchen zu sein, mit dem man sich behängt, ein Lebensgefährte, den man kauft und der einen deshalb durch das eigene langweilige Leben begleiten muss, weil es sonst keiner tun mag. Und ab einer gewissen Größe verleiht er dazu noch Macht über andere, von der alle in dieser Stadt offenbar immer so wenig haben, dass sie Substitute wie Hunde, Autos oder quergestellte Kinderwagen in Drogeriegängen brauchen, um sich zu spüren.

Guten Tag. Da sind wir wieder. Pankow. Esplanade. Ein Teil meiner Halbmarathon-Trainingsroute zwischen Mauer- und Pankower Bürgerpark. Ein Rottweiler kommt mir entgegen geschossen. Ausgerechnet. Ich hasse Rottweiler. Einem von ihnen habe ich eine Narbe am Unterarm zu verdanken und einem anderen einen Sturz durch Tackling, bei dem er mich von hinten gerodet hat, wobei ich mir das Knie am Bordstein blutig stieß. Ein Rottweiler also. Och lass ma. Gut jetzt. Kein Bock mehr. Ich bleibe lieber stehen und rühre mich nicht. Da wird doch sicher gleich jemand kommen und den von hier wegbringen.

Wird doch.

Sicher.

Gleich.

Hoffentlich.

Hallo?

Er hat mich gestellt. Steht da und. Bellt. Schaut mich an und. Bellt. Klassisch gestellt. Ich habe keine Ahnung was ich tun soll, Wegrennen kann ich mir abschminken, Hundekuchen habe ich keinen dabei und Hände heben wie bei einer Verhaftung bringt wohl auch nix. Also bleibe ich stehen und warte auf irgendjemanden, der irgendwas macht.

Und so vergeht Zeit.

Es dauert etwa eine quälende Minute, dann schlurft ein Schlumpf um die Ecke, packt den Rottweiler am Halsband und sagt:

"Was haben Sie denn? Der bellt doch nur."

Was soll ich dazu noch sagen. Außer fick dich doch. Honk.

Donnerstag, 22. Januar 2015

Retrospektive: Sehnsucht



Yok Quetschenpaua - Sehnsucht

Shuffle. Der Player spielt Sehnsucht von Yok als ich vom Kino am Friedrichshain Richtung Greifswalder laufe. Alles neu hier, alles geleckt. Irgendein Stilhotel grinst höhnisch als würde es sagen wollen "Schau her, wir haben gewonnen." Glas trifft auf Glatt. Schwarz. Und Weiß. Piekfein. Sauber. Glatt. Wie die Menschen. Da, die Gated Community. Schweizer Garten. Passenderweise. Mit Gatter und Concierge. Es ist soweit, das Geld baut Mauern und Zugbrücken.


Behighheelte Schnepfen in teuren Mänteln kommen mir entgegen, man muss ihnen Platz machen, sie sind es gewohnt, dass man ihnen Platz macht, einmal tat ich das nicht, weil ich in Gedanken war, und streifte ihre Tasche, sie fing an zu zetern und ihr Männchen im Anzug bot sich an, mir aufs Maul zu hauen. Ich blieb stehen und wartete, doch er tat es nicht. Ein Maulheld. Auch das ist Prenzlauer Berg. Nicht immer nur Bio, sondern auch mal Darwin. Dachgeschoss-Darwin. Gated Darwin. Die besseren Menschen, für die sie sich halten. Die Gewinner. Wenn ich mich umschaue, sehe ich klar und unmissverständlich: Ja. Sie haben gewonnen.


Hier war mal alles ganz anders. Ich war mal ganz anders. Ich wollte immer sein wie die von der Mainzer Straße. Mainzer Straße, der Mythos, eine ganze besetzte Straße voller Helden, die nicht mitspielen wollten. Der Burger King an der Ecke musste noch viele Jahre später seine Fensterfront vergittern. Der Steine wegen. Ich war nicht dabei. Ich war zu jung. Ich kam zu spät.


Der Burger King an der Mainzer Straße ist immer noch da. Nur ohne Gitter. Denn hier passiert nichts mehr. Der Mehltau liegt wie Blei auf dem Gemüt der Stadt, ein ewiger Kanzler, einmal Hartz IV und eine ewige Kanzlerin später ist das Land sediert wie nie vorher, selbst der 1. Mai ist zu einer Witzveranstaltung für Betonkommunisten, hippe Biomütter und zugereiste Eventjugendliche verkommen während in Dresden und Leipzig Chauvinisten das letzte Potenzial an Widerwillen kapern und wieder einmal nach unten treten, immer nach unten. Pack.

In der Mainzer Straße können Sie heute übrigens vegane Babyklamotten erwerben. Und handgemörserten Kaffee. Dörrobst. Und natürlich fritz kola. Der Legende folgt die Monokultur.


Man sollte wieder Häuser besetzen. Am Besten eines ihrer energetisch totsanierten Brauereigelände mit dem so schön schmückenden Industriechic, den sie so mögen. So ein weißes Conciercehüttchen. Oder den Scheiß Wasserturm. Und dann anmalen, die Tristesse.

Bei mir hat es im Leben nur für eine Räumung gereicht, die dazu noch gar nicht mal stattfand. Das war im Erzgebirge. Aue? Schwarzenberg? Ich weiß es nicht mehr. Sie haben nach Unterstützung gerufen, weil eine Räumung anstand. Dann sind wir aus der Hauptstadt dorthin auf den Berg gefahren, standen die Nacht über und den ganzen nächsten Tag lang auf dem Dach und haben auf die Orks gewartet. Und aus dem Rekorder lief Sehnsucht von Yok. Wir wollten die Welt verändern. Nur kam keiner. Außer einigen besoffenen Kinderglatzen, die ich mit der Zwille beschossen habe. Prähistorischer Egoshooter. Analoger geht nicht mehr. Wir waren so cool.

Heute schaffe ich es nicht einmal nach Leipzig, um mich bei blöden Politikern, senilen Kadern und den letzten aufrechten Connewitzern gegen besorgte Abendländer unterzuhaken, denn morgen früh um halb zehn ist Meeting, in dem es meine Aufgabe ist, Schwaflern beim Schwafeln zuzuhören, selber sinnlose Worthülsen in leere Gesichter zu werfen und dafür bezahlt zu werden, ein kluges Gesicht zu dummen Powerpointfolien zu machen. Berlin-Mitte. Die Krawatte sitzt. Irgendwann merkst du, dass sie dich fixiert haben. Die Zwänge. Aus denen du nie mehr rauskannst ohne unterzugehen. Ohne zu verlieren was du magst. Und dann denkst du nur noch: Sie haben gewonnen.


Sehnsucht. Stargarder Straße. Galerien. Boutiquen. Solarien. Cocktailbars. Sushi. Sushi. Der ganze Bezirk frisst Sushi und ich bekomme Lust, ausgesoffene Bierdosen in ihre spießigen Urban Gardening-Beete zu werfen. Früher haben wir in der Stargarder Straße aus einem Kellerloch geklautes Bier verkauft. Für 50 Pfennig. Sehnsucht. Rauf auf die Dächer, oben feiern, war ja immer alles offen damals, die Dächer, Berlin von oben, Sonnenuntergang, Linton Kwesi Johnson und ein Spliff. Wir lebten in der spannendsten Stadt der Welt, Sehnsucht, mit Heike, der schönsten Punkerin der Welt in irgendeinem Keller auf irgendeinem alten Sofa zwei geklaute Flaschen Lambrusco weggemacht, weil keiner Bock hatte nach Hause zu gehen, denn zuhause war feindlich, vor uns eine Bierflasche mit Kerze, weil der Keller keinen Strom hatte, Sehnsucht, morgen kommen die Kreuzberger, Solikonzert für irgendeinen abgehalfterten Abgeknasteten, hilf ma mit beim Aufbauen oder bei der Volxküche, gibt Bier umsonst, Sehnsucht, Sehnsucht, Sehns...

"Geh mir aus dem Weg du Arschloch! Keine Augen im Kopf?"


Aus dem Weg.


Bin ich.


Doch schon lange.


Aus dem Weg.


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Mit schönen Grüßen nach Antwerpen und Leipzig.

Dienstag, 20. Januar 2015

Neuköllner Jogginghosentag




Schöne Grüße aus Neukölln. Es gibt Jogginghosenrabatt. Am Internationalen Tag der Jogginghose. Erfunden hat das der Praktikant zwischen Kaffee kochen und Falafel holen. Einmal die Hermannstraße rauf und die Boddinstraße rechts rein und fertig ist die Marketingidee.

Das Plakat hängt mitten in Nord-Neukölln, natürlich, wo sonst als dort, wo auch ohne Rabatt 90% der Einwohner in ihren Schnellfickerhosen Einkaufen gehen. Zu sehen ist in der Parade der über das Plakat verteilten Dinge eine logische Linie von der Jogginghose über die Daddelkiste, den Flatscreen, den Kartoffelchip bis hin zur prekären Cola. Ein Volk und alle seine Wünsche auf einem Bild, auf dem nur die Wilthener Goldkrone fehlt. Wahrscheinlich hat die der Praktikant gesoffen - aus Frust, weil der bis zur Stufe seiner Unfähigkeit beförderte Marketingleiter, dessen letzte eigene Leistung das Schwängern der Disponentin war, die Idee wieder als seine verkauft hat.

Strategisch gesehen ist die Aktion ein respektabler Move des Discounters. Kundenbindung. Die Leute da abholen wo sie stehen. Augenhöhe und so. Großartig. Ich finde, da geht noch was:

18. Februar 2015: Internationaler Spritbirnen-Tag in Lichtenberg. Ein Nackte-Titten-Feuerzeug auf jede Pulle Sternburg-Pferdepisse in der S5 nach Strausberg Nord.

23. März 2015: Internationaler Tag des Brüllwürfels in Wedding: Kommen Sie mit aus dem Smartphone blecherndem Haftbefehl-"Isch ficke deine Schwester Babo"-Geschepper zum örtlichen Späti und sichern Sie sich ein leckeres Fläschchen Kleiner Feigling mit Erdnussflip-Geschmack, der sich später kotzen wird wie Stacheldraht.

21. April 2015: Internationaler Gestern-war-Montag-Tag: Kommen Sie mit den Pegidafarben Schwarz-Rot-Gold im Gesicht zu Ihrer örtlichen Anti-Asylbewerberheim-Demo in Hellersdorf und erhalten Sie eine Vuvuzela zur seriöseren Artikulation Ihrer diversen Aversionen sowie 18% Rabatt auf noch mehr WM-Schminke, damit Sie auch Ihre Kinder, die Oma und den Kampfhund anmalen können.

Ding Dong the brain is dead.

Montag, 19. Januar 2015

Lass mal netzwerken - Links vom 19. Januar 2015


Heute mag ich es absurd. Read this:

Netz 10Das Unwort des Jahres “Lügenpresse” – gekürt von… Journalisten!
Ein absurdes Wort und seine absurde Kür. Unabhängig von der Einordnung des nunmehr ziemlich unmöglich gemachten Begriffes war das kein kluger Schachzug im Kampf der Journalisten gegen die, die sie kritisieren. Es wirkt auch auf Unbeteiligte einfach nur wie eine billige Retourkutsche aus gekränkter Berufsehre heraus.
Das ist in etwa so souverän wie eine ganze Stadt mit der Suspendierung des Grundrechts auf Versammlungsfreiheit unter Quarantäne zu stellen. Die Situation ist im Moment eine so absurde, dass die dämlichen besorgten Abendländer mit ihren dämlichen WM-Fähnchen gegen die Eingriffe in ihre Rechte von denen verteidigt werden müssen, die eigentlich ihre Gegner sind, und sich als Gimmick einmal mehr in ihrer Opferrolle suhlen können. Diese umfassende Orientierungslosigkeit dieser Tage ist das große Latinum des beliebten "Teile und herrsche"-Prinzips. Ich mag manchmal nicht mehr.

FeynsinnInterview mit dem Terrorexperten
Ein Theveßen heißt die Einheit zwischen einem Anlass zur Sorge und dem Ablass halbgaren Halbwissens. Ein Absurditätenkabinett mit einem Absurditätenkönig.

Draußen nur KännchenIm Zentralbüro für Erdrotation
Der Geliebte Führer und die Schaltsekunde.

ExportabelEin Sex-Tipp für alle, die…
... mit Mett ficken wollen. Das ist nicht mehr nur absurd, das ist bizarr.

BeetlebumLebensretter Browser-Historie
Reichsflugscheiben und der YouTube-Verlauf. Absolut absurd.

Misanthropin Wider WillenMütterforen - selten so gelacht
Lassen Sie sie durch, es sind Mütter.

Hannover Cünstler Kollektiv (HaCK)HaCK - Das Endspiel
Schon wieder Mett. (via shhhhh)

"Einen Spiegel! Dass ich mir in die Fresse speien kann!"Ich mach euch leicht
Ein absurder Traum aus dem Irrenhaus. So träumen nur die ganz großen Verrückten.

Ackerbau in PankowDienstreise (2)
Und die absurdeste Frage von allen ist: Kann Parken sexy sein?

awesomaticAus Scheiße wird Trinkwasser
Nicht mehr. Nicht weniger.

Frau TonariWatch for...
Schülder.

Dazu passt:

ZwetschgenmannAugen auf...
Kastrati. Au mann...

Abfall aus der WarenweltZeilenschinderei (1)
So. Und noch einen drauf. Kamikazebloggen. Wenn Bloggern nix mehr einfällt, kommt das da. Haha. Ha. Nein, im Ernst, er kann auch anders:

Abfall aus der WarenweltKreatiphe Orthogravie (4): Alme Sau
lol.

WeltenschummlerKompromisslose Körperkunst: Mischa Badasyan im Interview
Peformancekünstler Mischa Badasyan schläft im Rahmen seines viel beachteten Projekts „Save the Date“ seit über hundert Tagen täglich mit einem anderen Mann, um die Untiefen von Sex, Einsamkeit und Konsum auszuloten.

Im Ergebnis ist es eine wunderbar absurde Linkliste geworden. Und des isch (vgl. absurder Dialekt) manchmal einfach zum Boulettenessen. Mit Morcheln:

Chili und CiabattaBuletten in Steinpilz-Morchel-Sauce

Samstag, 17. Januar 2015

Der große internationale Rempeltag


Es gibt Tage, die sind Rempeltage. Da rempelt jeder. Von frühmorgens bis spät in die Nacht. Überall. Bei jeder Gelegenheit. In Berlin sowieso. Mehr als sonst. Keiner rückt auch nur ein Jota von seiner Linie ab, um den anderen nicht zu streifen (wie sie das in zivilisierten Städten tun), sondern fährt voll auf Konfrontation.

Wie immer gilt dabei: Je älter desto rempel. Wie schon bei den vielen Warteschlangen der Stadt ist festzustellen, dass momentan eine Rentnergeneration herrscht, die alle Konventionen eines zivilen Miteinanders abgelegt hat. Es wird gerempelt, es wird gedrängelt, gerne mit Ellenbogen und mit einer Selbstverständlichkeit, die mich immer wieder irritiert.

Inzwischen habe ich mich damit abgefunden, dass es diese Generation E (llbogen) im Spätherbst des Lebens gibt, und Gegenstrategien entwickelt. Nähert sich ein Rentner von der Seite einer Warteschlange, in der ich stehe, schließe ich automatisch zu meinem Vordermann auf und drehe meinen Oberkörper 45 Grad zur Seite, so dass der Ellenbogen auf den potenziellen Drängelrentner zeigt. Das heißt aus der Körpersprache übersetzt: "Ich habe verstanden und ich habe es gesehen, tu es nicht."

Der so Enttarnte setzt indes sofort den vertrottelten Scannerblick auf und sucht kopfwippend nach einer anderen Schwachstelle in der Schlange, nach einem armen Trottel, der einen Moment unaufmerksam ist, einen Moment nur, in dem er wie beiläufig von der Seite in die Schlange driften kann. Denn ist er drin, ist er drin und dann spricht ihn aus falsch verstandenem Respekt vor dem Alter keiner auf sein Verhalten an und wenn doch, dann wird er mit der Dreistigkeit des Berufslügners behaupten, dass er schon die ganze Zeit dort gestanden hat oder erst gar keine echte Schlange existiert hat, sondern nur eine unverbindliche Ansammlung von Menschen mit Lücken dazwischen, aus der kein vernünftiger Mensch eine Schlange schließen kann. Beweisen Sie doch mal das Gegenteil. Seien Sie doch mal die Drecksau, die wegen eines verwirrten alten Mannes mit absurd langen Augenbrauen und weißen Grasbüscheln in den Ohren, der mit leerem Blick in die Welt starrt und so tut als ginge ihn das alles nichts an, ein Fass aufmacht - mit Zeugenbefragungen und Beweisaufnahme, wenn doch alle nur in Ruhe ihr Brötchen kaufen wollen.

Vergessen Sie es also, Sie haben moralisch gesehen keine Chance und stehen am Ende doch nur als Korinthenkacker da, der einen alten Furz malträtiert, der es nicht besser wissen kann. Deswegen macht das niemand. Und deswegen sagt auch niemand was. Außer mir. Ich lasse ihnen zwar - wenn ich doch mal nicht aufgepasst habe - den so geschickt erkämpften Platz vor mir, weil ich weiß, dass ich in diesem ungleichen Kampf weder Reputation noch Boden gewinnen kann, doch ich oute sie inzwischen konsequent: "Aber Hulla die Arschfee! Sehr schön gedrängelt, Großväterchen, reife Leistung, unsichtbar wie ein Ninja, glatt wie ein Aal, schnell wie ein Windhund und hart wie Kruppstahl, verschärften Dank nebst Anerkennung und Hut ab zum Salut!"

Aber nein, ich habe keinen Respekt mehr vor dem Alter. Diejenigen, denen man noch Respekt zollen konnte ohne sich danach unbedingt duschen zu wollen, sind in den goldenen 50ern sozialisiert worden und längst tot. Jetzt haben die Egoratten einer sozial verwahrlosten Generation den Tatterstab übernommen.

Denn - und hier können wir endlich wieder den roten Faden aufnehmen - sie drängeln nicht nur, sie rempeln auch als gäbe es morgen schon keine Schultern mehr zum Gegenprallen. Sie befinden sich auf ihrem vorgezeichneten Weg wie auf einer Eisenbahnschiene und diesen Weg gehen sie, egal wer da steht. Heulen hilft nix, es ist wie es ist: Sie können an einer Häuserecke stehen und sich mit Freunden unterhalten, Sie werden gerempelt. Check. Sie betrachten friedlich die Waren eines Supermarktregals? Check. Bushaltestelle. Check. S-Bahn-Viehtransport? Checkcheckcheck. Tattergreise auf Aggro. Die Ilja Rogoffs dieser Stadt lassen alle Hemmungen fallen und die nonverbalen Ausweichregeln der Gemeinschaft, in der mit Augen, Mimik und Gestik die Wegerechte ausgemacht werden, funktionieren nicht mehr.

Schon mal auf der Grünen Woche gewesen? Ein Rentnerparadies. Ganze Armeen von Seniorenstiften feiern Ausfahrt und fressen sich wie die Schraubfräsen durch die Stände. Ohne Rücksicht. Die rempeln Sie weg. Drücken sich durch. Die knochigen Ellenbogen werden dabei als Hebel eingesetzt, mit dem sie ganze Menschentrauben aufknacken und zerfräsen, weil es da vorne einen Fetzen Finnische Elchbockwurst auf einem schmierigen Teller, auf den schon jeder Scheintote seine Wichsgriffel getitscht hat, umsonst gibt. Checkcheck. Check. Keiner in ihrem Weg hat eine Chance, denn wenn die Viererabwehrkette der freilaufenden Mumien auf großer Fress- und Sauftour durch die obszönste aller Verbrauchermessen ist, drängelt sie alles zur Seite, was in der Bahn steht. Wenn nicht direkt, dann mit Rucksack. Oder frontal mit Gehhilfe. Drehung. Schwenk. Zack. Breitseite. Was stehen Sie auch da?

Der große internationale Rempeltag außerhalb der Grünen Woche findet etwa zwei Mal im Jahr statt. In schlechten Jahren drei Mal. An diesem Tag drehen sie alle frei, nicht nur die Tausendfaltigkeit, sondern auch die Jugendlichen, die sich sonst im Vergleich zu den greisen Sozialamputierten geradezu vorbildlich in das komplizierte Gebilde von Menschenmassen einfügen.

Vielleicht liegt es an der Sternenkonstellation. Am Mond. Kollidierenden Menstruationszyklen. Oder die Regierung hat es wieder mit den Chemtrails übertrieben und alle drehen frei, ich weiß nicht woran es liegt, ich weiß nur, dass Sie an einem solchen Tag keine zehn Meter gehen können ohne gegen eine Schulter, eine Tasche, einen Rucksack oder eine Gehhilfe zu prallen, es sei denn Sie entwürdigen sich komplett und laufen einen grotesken Slalom, was aber auch nur kurz hilft, denn dann rempeln sie von hinten oder einer von Berlins legendär durchgeknallten Fahrradfahrern fährt Sie um und brüllt Sie an.

Ich habe mir jetzt angewöhnt, mich beim ersten Anzeichen des großen internationalen Rempeltags sofort krank zu melden und wieder ins Bett zu legen: "Chef, sorry, kann heute nicht ins Büro kommen, ja, es ist Rempeltag, der große internationale, Sie wissen ja, alle drehen frei. Habe es nicht mal bis zur S-Bahn geschafft. Ich geh wieder ins Bett sonst erschlag' ich sie. Alle. Geht das? Ja? Danke."


Mittwoch, 14. Januar 2015

7 Fakten für Frau Bukowski


Die fabelhafte Candy Bukowski hat mir ein Angebot Geschenk gemacht, das ich nicht ablehnen kann: Einen "One Lovely Blog Award". Dabei handelt es sich um eines dieser Blogstöckchen, die man als Blogger immer so entrüstet von sich weisen muss, um es dann doch theatralisch zähneknirschend zu bearbeiten, da man sich insgeheim geschmeichelt fühlt, weil jemand an einen gedacht hat. Ich lasse dieses Ritual aus, bedanke mich artig und zitiere die

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Spielregeln für den Award:

Verlinke die Person, die dich nominiert hat und bedanke Dich (oder verfluche sie dafür)
Liste die Spielregeln auf
Nenne 7 Fakten über dich
Nominiere 7 weitere Blogs
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Es ist beruhigend, dass es offenbar nicht zu den Regeln gehört, die dazugehörige Grafik mit dem Herzchen in den Text einzubauen, die ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren kann. Herzchen und ich mögen uns nämlich nicht.

Widerlichst eitle Fakten sind also gefragt. Nabelschau. Wer bin ich und warum. Was will ich und wohin. Was mag ich und wozu. Klar, das geht, das machen wir, locker machen wir das und gerne machen wir das auch. Eat this:

1. Ich war mal Mitglied der Jungen Union

Ich wurde in jungen Jahren von einem Klassenkameraden, der nicht aufhören wollte zu nerven, zu Veranstaltungen der Jungen Union genötigt und habe in einem moralisch fragwürdigen Zustand, den ich mir heute nicht mehr erklären kann ohne mich zu schämen, einen Mitgliedsantrag unterschrieben, den ich einige Tage Wochen Monate später widerrufen habe (rein rechtlich bin ich eingetreten und ausgetreten).
In diesem Zeitraum saß ich bei Veranstaltungen in irgendwelchen Schmargen-, Zehlen- und Hermsdorfer Schnöselschulen zwischen der gepuderten Geldadeljugend mit Siegelring und Seitenscheitel in Anzug, Schlips und Budapestern herum und lauschte den Mutanten der Westberliner Filzschickeria wie Klaus-Rüdiger Landowsky und Dankward Buwitt beim Ablassen von rhetorischen Kotwürsten, die sie in die Joop-Homme-schwitzende Luft bliesen.
Ich habe Günther Oettinger, der mal nach Berlin gereist kam als ihn noch kaum einer außerhalb der Stuttgarter Landtagskantine kannte, bei einer solchen Veranstaltung die Hand geschüttelt ohne dass ich meine vorher auf dem Klo gewaschen habe. Eine frühe Form der Rebellion. Ich habe pubertiert und mir war das wichtig.
Der Klassenkamerad leitet heute eine repräsentative Filiale eines großen Bankhauses. Ich nicht.

2. Ich habe schon vielen Prominenten die Türe geöffnet

Als ich noch der Meinung war, dass eine Berufsausbildung für mich nicht notwendig sein würde, habe ich mein Geld als Türsteher verdient. Ich war Schüler einer schlimmen Schule und daher prädestiniert für den Job, potenzielle Stressmacher zu identifizieren und auszusortieren.
Fünf Jahre lang stand ich an Türen, backstage vor Künstlerkabinen und freundlich nickend vor VIP-Kordeln. Ich habe einen sagenhaften Aufstieg vom Palace im Wedding (holy crap) über das Bangaluu (holy fuck) und das Dante am Hackeschen Markt (und jetzt spielt einer bitte Sentimental Journey, denn die gibt's alle nicht mehr) bis zum Adagio am Potsdamer Platz (Hölle frier' ein) hingelegt und kann folgende Insiderinformationen zum Besten geben: Promis benehmen sich zu einem nicht unerheblichen Teil auf dem Niveau von Rotz im Rinnstein, wenn keine Kamera jedoch Personal zum Schikanieren in der Nähe ist. Sie würden es nicht glauben, sähen Sie es nicht selbst. Jede Neuköllner Absturzkneipe hat eine bessere Kinderstube als die meisten von denen, die Sie im Fernsehen toll finden. Sie verlieren in diesem Job jeden Respekt vor Prominenten, sofern Sie den je hatten.
Für folgende Ausnahmen ohne Allüren verbürge ich mich: Sven Ottke, Axel Schulz, Krassimir Balakov, Lothar Späth, Eberhard Diepgen, Phil Collins, Herbert Grönemeyer, die Harlem Globetrotters und natürlich Gregor Gysi.
Größte Unsympathen aller Zeiten sind in aufsteigender Reihenfolge: André Rieu, Ayman, Götz Alsmann, Böhse Onkelz-Kevin, No Angels, Edmund Stoiber.
Fun Fact: Bundes-Jogi hat schon als Trainer des VfB Stuttgart gerne gepopelt.

3. Ich habe mal Gerhard Schröder gewählt und mich dabei total gut gefühlt

Da stand ich nun und klatschte. Gerhard Schröder betrat zum Wahlkampfabschluss 1998 zu den Klängen von Citys "Am Fenster" das Velodrom an der Landsberger Allee und ich wusste, dass nun eine neue Zeit beginnen würde. Weg mit dem Dicken. Weg mit 80 Jahren Kohl und dieser ganzen bleiernen Mehltauwüste, dieser ganzen bundesbonndeutschen Strickwestenpiefigkeit. Ab jetzt wird alles anders. Sie werden den sozialen Kahlschlag rückgängig machen, die Wehrpflicht abschaffen, das Adoptionsrecht für schwule und lesbische Paare einführen, diese ganzen Geschenke an die Konzerne kassieren und verdammt nochmal endlich das Kiffen legalisieren.
Haha. Ha. Fool.

4. Die Merkel stand schon mal an der Käsetheke neben mir

... und ich habe sie zunächst gar nicht erkannt, weil sie ohne Photoshop und Make up-Sedimente so unglaublich alt aussieht und die Bodyguards gar nicht da sind zehn Meter Abstand halten müssen, wenn die Alte privat unterwegs ist. Aber was red' ich, die Geschichte kennen Sie ja.

5. Ich habe einmal eine Demo angemeldet

Leider kamen außer mir nur vier Leute, weil ich vor lauter Kiffen vergessen habe, ordentlich dafür zu mobilisieren. Und die, denen ich es mündlich gesagt habe in der Hoffnung, es möge sich in der Stadt herumsprechen und folgerichtig in der Revolution münden, lagen selber irgendwo hacke in der Gegend herum. Dafür war gut Polizei da. Vier Wannen. 30-40 Cops. Nur für mich und drei zugedröhnte Punks mit einem lächerlichen Transpi und Wegbier sowie einen einsamen Eierkopf der Sozialistischen Alternative Voran, der uns für den Trotzkismus rekrutieren wollte. Man fragte mich, ob ich der Versammlungsleiter sei. Ich habe das bejaht.

6. Ich bin wegen Gewalttätigkeit von der Schule geflogen

Davor sind folgende Dinge kaputt gegangen: Zwei Fensterscheiben, eine Klassenzimmertür, eine Klotür, eine Waschbeckenarmatur inklusive Spiegel, ein Flurteppich, ein Holzstuhl, der Lack eines Autos, ein Fahrrad, Flaschen, Gläser, ein Mülleimer, Schulbücher, der Briefkasten der Schülervertretung, eine Palette Schulmilch, die Nase eines Mitschülers, die Würde vieler.
Eine berüchtigte Auffangschule für abgewrackte, abgefuckte und aufgegebene Jugendliche musste mich aufnehmen. Diese Schule gibt es noch. Mich auch. Weil es manchmal nur jemanden braucht, der es gut meint.

7. Ich rede nicht gerne über mich selber

... und das ist der Grund, warum alle vorigen Fakten ausnahmslos in der Vergangenheit liegen und eigentlich keine Fakten sondern Anekdoten sind. Heute bin ich ein anderer. Wer, das tut meistens nichts zur Sache.


Ich darf jetzt 7 bedauernswerte Blogger nominieren und wähle weder die Blogger aus meiner alten Qype-Blase geschweige denn Blogroll, die ich bei solchen Gelegenheiten immer nehme, noch die Blogstöckchen-Routiniers, die jeder nimmt, und auch nicht die coolen Politblogger, die das als Affront auffassen würden, sondern welche, die entweder erst seit kurzem bloggen oder die ich schon lange mal wieder grüßen wollte:

ssssssh
Annika
Charles
Frau Nett
Adrian
ob
Tantchen

Viel Vergnügen. Regeln siehe oben. Sie schaffen das.

Dienstag, 13. Januar 2015

Verarsch mich doch (26)


Huhu.

Heute schon Bio gekauft?

Nein, ich meine nicht die schrumpelige Karotte aus Angermünde oder eine faulige Tomate aus Bydgoszcz.

Ich meine irgendwas, auf dem Bio draufsteht.

Damit es draufsteht.

Das hier zum Beispiel:


Bio-Duschgel. 

Okay, das ist ein Elfmeter, ich muss den machen, los geht's: Bio ist das neue "Jetzt noch weißer". Ihr Produkt läuft nicht? Macht nix. Schreiben Sie dick Bio auf Ihr Zeug und machen Sie es 20% teurer. Die Leute werden es Ihnen aus der Hand reißen, weil Sie denken, dass der Aufdruck mindestens Ihr Produkt aber auf jeden Fall die Welt besser macht.

Warum kauft jemand Bio-Duschgel? Wird die Haut sanfter, wenn das Zehntel Promille Arganfruchtkonzentrat nicht mit Pesti-, Herbi- und Fungiziden aus der weißrussischen Fabrik zerfickt wurde? Oder ist das wieder was fürs Gewissen? Bekommt der Bio-Arganölbauer aus Chisibubikaio für die Ernte der Arganfrucht einen fairen Lohn? Naa, niemals, das würden die doch draufschreiben, wenn sie ihn anständig bezahlen würden. Fair Trade. Fair Bio. Fair-o-rama. Tralala. Oder so. Steht da aber nicht, also kann es das nicht sein.

Was ist es dann? Lifestyle. Natürlich Lifestyle. Bio rockt. Mit Bio sind Sie automatisch auf der guten Seite, so dass Sie gar kein guter Mensch mehr werden müssen, denn Sie kaufen ja gut ein. Bio Bio. Ich hatte kürzlich veganen Bio-Griebenschmalz in der Hand. 90% aufgeschlagenes Palmfett mit ein paar Stabilisatoren und (wahrscheinlich ebenfalls in Palmfett) gerösteten Zwiebeln. Aber Bio. Wer frisst so einen Scheiß? Und wer kauft Bio-Duschgel?

Ich warte auf Bio-Laufsocken. Aus von drallen Sennerinnen von der Alm handbesungenen Polyesterfasern. Oder auf Bio-Gleitcreme. Auf den Prenzlpuller nur das Beste. Bio-Glühbirnen. Bio-Motoröl. Bio-Flachbildglotzen. Und zuletzt: Bio-Whisky. Die Welt ist nicht genug.

Verarsch mich doch.


Montag, 12. Januar 2015

Lass mal netzwerken - Links vom 12. Januar 2015


Ich habe Bilder und Texte hier vor ein paar Tagen unter eine Creative Commons-Lizenz gestellt. Vielleicht beantwortet das ja wenigstens zum Teil die offenbar immer mal wieder unter manchen Nägeln brennenden Fragen nach dem Umfang der kommerziellen oder sonstwie bereichernden Nutzung von dem Ding hier.

Mir ist es zwar nach wie vor ein Rätsel wie jemand zu der Ansicht kommen kann, dass das Werben an diesem düsteren Ort irgendwem irgendeinen Vorteil bringen könnte, doch ich verdiene hiermit tatsächlich kein Geld, bekomme keine sonstigen Zuwendungen und habe auch nicht vor, daran etwas zu ändern. Sicherlich wird es gelegentlich mal angeboten, doch ich lehne es freundlich und begründet ab. Keine Werbung, kein Sponsoring, keine Gutscheine, keine Präsente, keine Amazon-Partnerlinks, keine Essenseinladungen, keine Verlosungen, kein Paypal, keine Adresse zum Geldscheine hinschicken. Es wird auch kein Buch geben. Oder T-Shirts. Kaffeetassen. Oder einen Versand von gebrauchten Laufsocken. Ich will auch keine Weihnachts-, Oster- oder Chanukkageschenke für meine Kinder. Oder irgendeinen Scheiß von meiner Amazon-Wunschliste. Und wer das Gebrabbel hier (oder die minderwertigen Smartphone-Fotos) für irgendwas nutzen möchte, darf das ab jetzt bedenkenlos tun, so lange es nicht kommerziell ist (ja, Blogs mit Werbung, an der die Blogger was verdienen, sind kommerziell) und ein Link spendiert wird (so viel Respekt muss sein). Keine Ahnung, ob das praktikabel ist, aber ich probier's mal aus. Viel Freude.

Okay, haben wir das. Zum Beginn der Links ein Comic zum Durchscrollen: Rainers Reste. Mit freundlicher Empfehlung von Foodbloggerin Sabine. Schwer verdauliche Zusammenhänge verdaulich erklärt. Ich mag das.

So, ich habe nun ungefähr 230.000 Texte, Stellungnahmen, Positionierungen und "Je suis Charlie"- bzw. "Warum ich auf keinen Fall Charlie bin"-Posts gelesen und bin jetzt satt. Hier stellvertretend vier Texte, die aus dem Chor besonders herausklangen:

TitanicEs lebe der Witz!

dr. benways laboratorium„Charlie“ – wer oder was ist das eigentlich?

Der LindwurmZweifrontenkrieg um die Freiheit

SozialtheoristenReden Sie nicht vom Terror, gehen Sie in Therapie!

Und einen satirischen Fickfinger gab es da auch noch:

Der PostillonTerroristen haben gewonnen: Wir sagen nicht, welchem Propheten diese haarigen Arschbacken gehören

Soweit zu Charlie Hebdo. Die mediale Erregungskurve in den Portalen und Blogs ist nach vier Tagen Dauerfeuer nunmehr am Abflauen, jeder hat sich positioniert, einige haben quergeschossen, andere wollten nicht mitspielen und die ersten Verschwörungstheorien gibt es auch schon. All said. Morgen wieder Katzencontent. Wombats. Otter. Oder Honks.

Falls Sie beim Wort Charlie reflexartig bis hierher weitergescrollt haben: Es gab auch Lesenswertes zu anderen Themen. Read this:

Peter RichterSchlund
Nur einmal Pegida heute. Versprochen. Denn der Text lohnt sich.

Lost in EUropeTroika basta! Viva Tsipras?
In Griechenland wird bald gewählt und die deutsche Position ist klar. Keine Sorge, Sie werden sie bald jeden Tag bis zur Wahl quer durch die etablierte Medienlandschaft lesen können. Was Sie dort nicht lesen können (also die Alternativen zu diesen Ansichten), müssen Sie sich wie immer aus Blogs zusammen fischen. Aus diesem zum Beispiel.

Oder bei Stefan:

Fliegende BretterSchwäbische Wirtschaftskompetenz
Dachte erst, es ginge bei dem Text um den Daimler. Oder Bosch. Porsche. Ich wollte schon aufhören zu lesen, aber dann wurde es eine schöne Zusammenfassung einer Position, die ich teile, nebst eines kurzen historischen Abrisses über Schuldenerlasse, von denen auch schon die Bundesrepublik Deutschland profitiert hat. Hört hört. Man lernt nie aus.

StadtkindFFMDACHWANDLER im Interview
Ein Roofer im Interview. Natürlich ist das verrückt, doch ich bewundere das. Ich bewundere alle, die etwas können, das ich nicht kann (von Investmentbankern, Maklern und ähnlich menschenfeindlichen Berufen natürlich abgesehen).

AnnikaMuss ja
Schleichende Jahresanfangsdepression anyone?

Aachen VintageAachener Gesichter
Die Hosen! Die Bärte! Der Lambrusco! Tano hat wieder ein Fotoalbum geplündert und ich wette, dass er noch weitere hat - und zwar solche mit diesem geriffelten halbdurchsichtigen weißen Knisterpapier zwischen den Pappseiten. Und Bildunterschriften. Und alten Fahrscheinen und Theaterkarten. Wie meine Omma. Hach.

So, Schluss jetzt, hier, Ultimate Fail Compilation 2014. Ich habe 20 Minuten am Stück nur gelacht. Schlichter Humor, ich weiß. Mir egal.

too much informationTütengrünkohlpfanne
Junkfraß aus der Industriehölle. Bin ich froh, dass ich das nicht essen muss.

Lieber das da:

Foodina[chinesisch] Aubergine mit gehacktem Schweinefleisch