Freitag, 29. August 2014

... und der Guru meditiert im Bus



Die neuen Anzeiger in den BVG-Bussen. Wenn sie funktionieren, sind sie toll. Wenn nicht, .... dann nicht. Fährt die BVG noch mit Windows 95? Guru Meditation anyone?

P.S.: Wenn Sie Guru Meditation noch kennen, dann sind Sie alt. Da hilft alles nix. Sorry.

Mittwoch, 27. August 2014

Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Honk (26)


Das Schöne an den Honks ist: Die Geschichten gehen nie aus. Es kommt immer wieder ein neuer. Und er ist im Zweifel noch blöder als sein Vorgänger:

"... Generalverdacht ..."

Mittagspause. Frankfurter Allee. Ich habe Hunger und stehe an der Kasse von real. Doch nichts geht voran, wie immer an der Kasse, an der ich stehe. Wenn Sie die Auswahl haben zwischen mehreren Kassen und an einer von denen stehe ich, dann nehmen Sie auf keinen Fall diese. Denn dort passiert viel, nur voran geht es nicht. Es gibt Centzähler, ungedeckte EC-Karten in Reihe, kaputte Barcodes, leere Kassenrollen, Werbeflyerleser, die den Preis irgendeines ranzigen Spitzendeckchens aus der Ramschecke in Frage stellen, vollkommen verblödete Umtauscher mit seit Monaten ausgelatschten und sowieso vom Umtausch ausgeschlossenen Crocks vom Grabbeltisch, die sie wieder los werden wollen, und Storno bis zum Abwinken.

Aber zur Choreographie, die verhindern soll, dass ich pünktlich das nächste sinnlose Meeting zu irgendeinem sinnlosen Thema unter Beteiligung sinnloser Funktionsträger erreiche, gehört heute auch ein Empörter.

"GENERALVERDACHT! SIE STELLEN MICH UNTER GENERALVERDACHT!"

Oha. Was will der Honk? Es klingt brisant.

"STAAAAAASI! GENERALVERDACHT!"

"Ich habe Sie nur gebeten, Ihre Tasche anzuheben."

"DAS IST GE-NE-RAL-VERDACHT! WO SIND WIR DENN HIER?"

Oh nein. Tasche anheben? Das ist er? Der Grund für den Alarm?

"Heben Sie doch einfach kurz die Tasche an bitte."

"ICH LASS MICH NICHT VON IHNEN UNTER GENERALVERDACHT STELLEN!! STASI!!"

Und so weiter. Ich erwäge den Wechsel an eine andere Kasse, aber die Omadichte ist hoch heute. Gab es Rente heute früh? Keine Ahnung, ob heute Auszahlungstag ist oder warum die alle ausgerechnet jetzt im Moment zu diesem Zeitpunkt aktuell gerade einkaufen müssen. Alle sind sie da, ein ganzer versammelter Seniorenstift, verteilt auf alle Schlangen. Omas über Omas. Und sie haben alle schon die prallgefüllten Münzfächer ihrer Portemonnaies am Start, um tonnenweise Cents zu zählen. Oder sie gleich komplett auf dem Kassenscanner auszuleeren und abzählen zu lassen. Nein. Hier ist heute nichts zu gewinnen. Wie immer eigentlich.

Früher habe ich mal Kassen gewechselt, wenn so etwas war, also ein Honk, der mit einer Grundsatzdiskussion den ganzen Betrieb aufgehalten und in Serie meine Nerven zerstört hat. Das bringt aber nichts. Es gibt eine Folge von "King of Queens", in der Dougs Kumpel Ritchie immer wieder die Kassenschlangen wechselt, aber nie so richtig vorankommt, weil immer irgendwas dafür sorgt, dass genau in der Schlange, in der er sich befindet, nichts geht. Kennen Sie die Szene? Das ist keine Fiktion, das ist mein Leben, sie haben es verfilmt. Denn an meiner Kasse geht nichts inklusive der Honk, der hier heute immer noch diskutiert. Würde ich wechseln, käme dort ein neuer. Vielleicht passt dem dann nicht, dass der Flachmann Wilthener Goldkrone alle ist und er muss eine Grundsatzdiskussion vom Zaun brechen, warum Landwirth's Wodka keine Option ist. Oh Möbius, sweet Möbius.

GE-NE-RAL-VER-FICKDICH-DACHT. Aber hallo! Wer noch nie einen astreinen Vollhonk erlebt hat, hier ist einer. Ein Prachtexemplar.

Doch Mr. Ich-nerve-meine-Mitmenschen-gerne-mit-sinnlosem-Gebrüll-oder-habe-was-geklaut-und-werfe-eine-ziemlich-effektive-Nebelkerze kommt offenbar so langsam zum Ende, denn seine Stimme senkt sich von unerträglich auf unanständig, was ein Zeichen sein könnte, dass es vielleicht gleich weiter geht.

Zuletzt rotzt er noch ein gepflegtes "Fotze" in Richtung Kasse und verschwindet unter wildem Gestikulieren. Ein Empörter. Bräuchte Twitter ein Testimonial, wäre er es.

"Meine Güte, der wievielte war das heute?" frage ich die Kassenkraft, deren Job ich nicht machen könnte ohne bereits nach einer Stunde irgendwem den Hals umgedreht zu haben. "Erst der dritte. Heute ist ein ruhiger Tag." Puh. Drei von der Sorte. Ruhiger Tag. Willkommen auf der Frankfurter Allee.

Ho Ho Honk in my brain. Und der nächste wird kommen, der nächste Honk, der unvermeidliche. Denn sie sterben nie aus, es gibt immer neue. Glückwunsch.

Montag, 25. August 2014

Freiheit. Angst. Oder wann ist eigentlich alles egal geworden?


Es ist wohl eine Binse, dass mit zunehmendem Alter vieles egal wird. Manche meinen sogar, es wäre alles egal irgendwann - in einem Rutsch von Desillusionierung über Gelassenheit zum Nihilismus, die Grenzen sind fließend.

Kürzlich fiel mir auf, dass ich gar keine Nachrichten mehr schaue. Früher war das Heute-Journal Pflichtprogramm. Und wenn es nur zum Einschlafen war. Blablabla Rentenpaket blablabla Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst blablabla schnarch.

Dann kam die Bankenkrise. Und das Heute-Journal bezog Position: Kaum Kritik an den unanständig gierigen Banken und Konzernen, dafür aber ordentlich Keile für faule Griechen und die Umetikettierung der Banken- in eine Staatsschuldenkrise. Ich wollte das immer seltener sehen. Das Heute-Journal lief aus. Schleichend. Zapp. Ah, der Kleber und die Gause machen wieder Stimmung für die Wirtschaft und gegen die, die eh schon wenig haben, und - bah - der ekelhafte Hundt ist auch wieder da, bekommt seine drei Minuten Redezeit und erzählt uns Märchen, aus welchen Gründen es nun schon wieder keine Lohnerhöhungen geben soll, ich schalt' mal lieber aus und mache den Feedreader auf, das versaut mir nicht so die Stimmung vor dem Einschlafen.

Oder die Tagesschau. Früher 'ne Bank. Gong. Pflichttermin. Must view. Doch sie lief etwa zeitgleich aus. Gleicher Grund. Wir waren nicht mehr kompatibel, dabei bilde ich mir ein, mich gar nicht so sehr verändert zu haben mit den Jahren. Also muss es die Tagesschau sein, die anders geworden ist. Blöder. Oberflächlicher. Tendenziöser. Oder ich werde einfach alt und falle aus der Zielgruppe, das kann natürlich auch sein.

Wahlen wurden mir auch irgendwann egal, das war zu der Zeit, als mir aufging, dass Rot-Grün eine Politik an den Start brachte, die sich Helmut Kohl nie getraut hätte - aus Angst, dass ihm sonst das ganze Land um die Ohren fliegt. Hartz IV. Auslandseinsätze der Bundeswehr. Deregulierung der Finanzmärkte. Senkung der Steuern für Reiche. Anti-Terror-Pakete. 1998 habe ich Schröder gewählt und mich gefreut, dass der Dicke weg war, dessen anachronistischer Anblick mich mein ganzes Leben lang genervt hat. Bekommen habe ich Law & Order, lupenreinsten Neoliberalismus zugunsten der Oberschicht und als Gimmick das Dosenpfand. Rot-Grün als die besseren Konservativen. Nicht mal das Kiffen legalisiert haben sie.

Noch einmal mitgespielt habe ich zu den Wahlen in Berlin 2001, doch auch das war ein Desaster: Ich habe Wowereit gewählt, weil diese Zehlendorfer Sumpfeulen aus der verfilzten CDU ohne Würgereiz nicht mehr anzusehen waren. Bekommen habe ich einen verschlumpften Proseccokönig, dem die Stadt, die er regiert, vollkommen egal ist und dessen Kettenhund Sarrazin mit kanisterweise Entlaubungsmittel für das gewachsene Gemeinwesen dieser Stadt die Voraussetzungen dafür schuf, weswegen sie heute sozial kippt. Sie sehen also: Ich habe zwei traumatische Erfahrungen als Jungwähler im Gepäck und wähle deshalb nicht mehr. Ist mir egal geworden, wer sich in der Belétage die Taschen voll macht. Das hat mit mir nichts mehr zu tun.

Auch Demonstrationen wurden mir irgendwann egal. Ich hatte es satt, immer wieder mit den immergleichen Routiniers der verschiedenen Betonkopffraktionen in Phrasen erstarrter Splitterparteien in einer Reihe zu stehen, jeder mit anderen Flugblättern, mit deren bleiernem Frontkämpferduktus sie diejenigen zu überzeugen gedachten, die eh schon da waren. Immer dieselben Gruppen mit je fünf Mitgliedern und ohne Schlagkraft gaben ihre Stelldicheins wie bei irgendwelchen Familienfeiern, auf denen sich auch alle spinnefeind sind und sich die Messer in die Rücken stoßen. Sie hetzten gegen ihre jeweiligen Nachbarn und manchmal gegen die eigenen Leute als ginge es gegen Diablo. Abstoßend. War ich durch mit.

Und doch habe ich es noch einmal probiert, letztes Jahr, Freiheit statt Angst, weil ich empört war, ehrlich empört, sauer, zur Revolte bereit, ernsthaft, wenn Snowden kein Signal ist, was dann? Doch es endete furchtbar. Mit mir latschten ein Häufchen Verstreuter, die FDP, die Grünen und die damals schon auf dem Weg zum menschlichen Abgrund befindlichen Piraten durch ein ausgestorbenes Senatsverwaltungsghetto ohne den Hauch einer Außenwirkung. Es war eine verfluchte Friedhofsprozession mit Club Mate in der Hand, die für diesen Effekt auch durch den Tegeler Forst hätte laufen können.

Ja, vieles ist mir egal geworden. Die Meinungskakophonie meines Umfelds zum Beispiel auch. Mir egal. Ich überzeuge niemanden mehr. Ich gebe keine Erklärungen mehr zu Dingen ab, die mich früher mal gestört hätten. Eine Kollegin hat Neger gesagt? Und danach kichert sie blöd "Hihihi, das darf man ja heutzutage nicht mehr sagen"? Ein anderer gibt zu Protokoll, jetzt müsse nun bald mal Schluss sein mit dem Aufnehmen von Flüchtlingen und das wird man wohl doch auch mal s...? Nationalmannschaft? Hurrapatriotismus? Leistung muss sich wieder lohnen? Kaum gestohlen schon in Polen? Florida-Rolf? Zigeunerschnitzel mit Hottentottensoße? Mir egal. Ich sage nichts mehr. Ich konnte in meinem ganzen Leben keinen einzigen Menschen von irgendwas überzeugen. Trotz durchgemachter Nächte rauschender Diskussionen. Im Zigarettenrauch von Kneipen, Studentenclubs, WG-Sofas. Kein einziger hat je gesagt "Hey, tolle Argumente, ich glaube, du hast recht." Nix. Kein Erfolg. Nur eine Art Waffengang. Schlachten ohne Sieger. Müde Krieger im Morgengrauen hinterlassend. Und keine Seele überzeugt, nicht einmal einen kleinen Angestellten von der Offensichtlichkeit, dass die FDP für ihn keine gute Wahl ist. Eigentlich ein Elfmeter, aber keine Chance. Er möchte sie wieder wählen.

Ich bin also durch mit der Diskutiererei. Ich sage nichts mehr. Für nichts. Gegen nichts. Sie können mich meinetwegen zur WM im Gesicht anmalen, mich auf den Kudamm schleppen, um ihre Nationalmannschaft zu feiern, ich sage nichts mehr, ich versaue niemandem mehr die Stimmung, mir ist fast alles egal geworden, die ganzen Aufreger, die fünfzehntausend Petitionen jede Woche zu irgendeiner der fünfzehn Millionen Ungerechtigkeiten in der Welt, die ich zeichnen soll, die ganzen Aufgeregten, die irgendwem irgendeinen Ismus vorwerfen, Sexismus, Klassismus, Ableismus, Ageismus, Fickdichismus. Ich mag nicht mehr, mir ist das egal, sie regen sich jeden Tag wieder über etwas neues auf, heute diese Sau, morgen einen andere, Wulff, Merkel, Diekmann, Gauck, Gabriel, Honkiponk, irgendwer, der irgendwas zu irgendwem bei Twitter gesagt hat. Wenn die Aufreger nicht aufpassen, erleiden sie reihenweise Herzinfarkte bevor sie 40 sind. Während ich nur das Geschrei leid bin.

Am Wochenende ist wieder die jährliche "Freiheit statt Angst"-Demo. Am 30. August 2014 um 14 Uhr vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Sieh an. Sie haben gelernt. Sie sind jetzt da wo es weh tun könnte, nicht mehr wie letztes Jahr in der Politbrache des Beamtengrabs der Berliner Senatsmumien. Überwachung. Snowden. NSA. Es ist eines der wenigen Themen, die mir noch nicht egal geworden sind. Ich bin müde, sicher, aber noch nicht so müde, dass ich da nicht hingehe.

Vielleicht kommt das ja noch und auch die Totalüberwachung wird mir irgendwann egal (ich hab' ja nix zu verbergen, gnarf gnarf), aber noch ist es nicht so weit und ich werde meinen Arsch tatsächlich vom Schreibtisch, vom Fitnessstudio, vom Borgwürfel, aus dem Restaurant oder wo auch immer ich gerade sein werde, ans Brandenburger Tor bewegen. Dann steht da einer mehr, der zum Ausdruck bringt, dass es ihm nicht passt, dass er immer noch da ist und man ihn noch nicht vollständig sediert hat - unter dem unerträglichen Mehltau, der diese ganze bräsige Republik bis in die letzten Ritzen vermuffter Ikeasofas erfasst hat.

Sehen wir uns?


https://freiheitstattangst.de/aufruf/


Sonntag, 24. August 2014

Lass mal netzwerken - Links vom 24. August 2014


Sonntagfrüh. 5:30 Uhr. Der Antichrist schläft noch. Zeit für ein paar gut abgehangene Links.

Ich mag diese Rubrik sehr und freue mich über den Umstand, dass ich immer öfter anderswo Linklisten sehe, die mich auf Texte leiten, von denen ich sonst nichts mitbekommen hätte. Ich bleibe dabei (cool, Link auf eigenen Text untergebracht): Von Hand kuratierte Links in einem eigenen Blog sind ästhetischer, nachhaltiger und vor allem autarker als wenn ich das einfach bei Facebook oder Twitter verklappen würde, wo im Zweifel ein Algorithmus darüber bestimmt, wie weit ich damit komme. Here we go:

Studio Glumm28
Glumm ist auch einer, den ich nicht oft genug verlinken kann. Wie kann er über einen scheiß Tinnitus nur so famos schreiben, dass ich dranbleibe obwohl der Text so verfickt lang ist, dass ich üblicherweise nach einem Drittel reflexartig weiterwische. Und warum ist Glumm noch kein Bestsellerautor? Entdeck' den mal einer bitte. Heyne. S.Fischer. Rowohlt. Diese Liga. Drunter wär' Verschwendung. Was? Dick auftragen? Ich? Aber immer.

Glumm geht übrigens auch gut zwei Mal hintereinander, wenn Sie mögen: Flurpunk

Martin CompartDeutscher TV-Krimi-Schrott- wie kann ich mitmachen?
Ein herrlicher Verriss der unerträglichen deutschen Krimi- und Serienlandschaft. Die Rechtschreibfehler machen den Rant nur authentischer. (via My Story Verlagsservice Chris Kurbjuhn)

SturmflutMelancholie
Sturmfrau trifft mir wieder einmal voll ins Herz. Das macht sie öfter. Und sie trifft nicht wegen Robin Williams, der nur ein weiteres Opfer der schwarzen Lady ist, deren Gesellschaft eine steigende Zahl nicht-prominenter Menschen nicht überlebt und über die keiner schreibt, weil sie nicht berühmt sind. Nein, mich flasht die treffende Beschreibung der Happy-Fraktion, die jede Form von Missmut respektive Depression nicht erträgt. Und das Schlimmste an der ganzen Sache ist: Prince Ital Joe singt tatsächlich immer noch "I wanna see more happy people" aus dem Radio. Toll. Danke für den Ohrwurm, Sturmfrau. Aus Marky Mark ist ja inzwischen Mark Wahlberg geworden. Aber was macht eigentlich Captain Jack heute?

WeddingweiserEine echte Weddingerin – Frau Krüger
Toll. Man muss solche Geschichten sammeln. Und aufschreiben. Und zwar gekonnt. Wie hier.

Frau IndicaHerr Lehmann
Frau Indica trifft ... Herrn Lehmann. Und der erklärt die Welt.

Das NarrenschiffGesprächsfetzen: In vino veritas
Kotzen als Statement. Ich überlege gerade, ob ich der Unbekannte aus dem Text gewesen sein kann. Doch wenn, dann muss das zehn Jahre her sein. Zu dem Zeitpunkt flog der Jägermeister für immer aus dem Suffschrank. Diese Maßnahme hat die alkoholbedingte Kotzquote aus dem Stand auf 0 gesenkt.

Brain.Fuck.Yourself.Die Qualle
Thorge hat Gewaltfantasien, weil er ein Arschloch traf. Nachvollziehbar. Wollen Sie ein Geheimnis hören? Ja? Okay, festhalten: Arschlöcher sterben nicht aus. Kein Scheiß. Und die Welt wird auch kein dauerhaft besserer Ort. Schminken Sie sich das ab. Eine Runde Ringbahn und Sie werden alle Illusionen los. These: Es gibt in jeder Gesellschaft einen Prozentsatz an Wichsern. Der steigt mal, dann fällt er, dann steigt er wieder. Aber er ist immer da.

Seelen-klempnereiÄrger ist ärgerlich oder Mensch ärgere dich nicht
Moneyquote des Jahres: "Toxische Mitmenschen". Über Ärger und den Umgang damit. Eine gute Kompensation ist übrigens Bloggen. Ehrlich. Schwör.

Am Rande der GesellschaftNazitreffen
Gnarf Gnarf. Witze über Nazis gehen immer.

So, ich finde, es muss gelegentlich auch mal abseitige Links geben, einfach um der Gefahr steigenden Niveaus vorzubeugen. Der hier kommt via el-flojo, der nicht nur immer wieder sehenswerte Kurzfilme und speichernswerte Hintergrundbilder im Blog hat, sondern auch klickwerte Linktipps. There we go:
chris is peeing at things. Ach, ich weiß es doch auch nicht...

Und weil ich das mit dem Pissen zumindest halbwegs nachvollziehen kann (ich für meinen Teil bevorzuge die spießigen Urban Gardening-Objekte meiner stinklangweiligen Nachbarschaft), brauche ich noch einen Link, der mich völlig ratlos zurücklässt, und zwar den hier:
confused cats against feminism (via Geschlechterallerlei). Ehrlich, keine Ahnung, ich weiß es nicht.

Zuletzt noch ein Plädoyer gegen Askese, das Rezept für ein Filettöpfchen und fickende Schweine, alles in einem Blogpost:

Neues von der InselSchweinefilet- Töpfchen - Essen als Religion - lieber nicht!


Donnerstag, 21. August 2014

Prenzlauer Bergs tieffliegende Übermütter


Dass Sie als Vater in Prenzlauer Berg in Reputation und Seriosität auf der Stufe eines alkoholkranken Zirkusclowns mit Blumenkohlohren und Mundfäule rangieren, wird Ihnen spätestens dann klar, wenn Sie mit Ihrem Kind alleine, also ohne den echten Elternteil (Mutter respektive Oma) unterwegs sind. Ihr Kind ist Freiwild. Was Sie wollen oder nicht wollen, spielt keine Rolle.

Seit ich Vater bin, fassen fremde Frauen mein Kind an. Von den altbekannten Müttern bis zu den berüchtigten Omas. Beim Einkaufen. Beim Spazierengehen. Auf dem Spielplatz. Fremde Frauen zupfen meinem Kind die Hose zurecht, wenn ein Hosenbein hochgerutscht ist, putzen meinem Kind die Nase, stecken ihm Gummibärchen zu, ziehen den Reißverschluss der Jacke hoch, tätscheln über die Wange, streicheln über die Haare, rücken das Mützchen gerade. Und geben ungefragt Erziehungs- und Ernährungshinweise wie diese: Sie können doch dem Kind keine Erdnüsse geben (Salz!). Sie geben dem Kind doch nicht etwa Fanta (Zucker!)? Sind Sie sicher, dass die Jacke warm genug ist (Spätsommer!)? Legen Sie doch das Kind schlafen, es ist müde (Rabäää). Nehmen Sie es hoch, es will Kontakt (Rabäää). Ist die Windel etwa voll (noch mehr Rabäää)?

Bevor Sie fragen: Männer machen das nicht. Klar. Kind anfassen - Polizei - Kinderschänder. Eine Linie. Klare Sache. Macht kein Mann, der bei Verstand ist. Nie.

Als Vater sind Sie bei diesen Interventionen der tieffliegenden Übermütter Prenzlauer Bergs nur Statist und offenbar maximal dafür da, dass das Kind nicht ganz ohne Aufsicht durch den Bezirk latscht. Sie sind quasi ein besserer Babysitter, aber auf jeden Fall einer, den man nicht für voll nehmen muss - ein nicht geschäftsfähiger Babysitter, wenn Sie so wollen.

Das alles weiß ich und nehme es hin. Hier fliegen eben Mütter durch den Bezirk, die es als ihre Aufgabe sehen, sich aus irgendwelchen Gründen auch um mein Kind zu kümmern. Das geht soweit klar.

Meistens.

Doch gelegentlich gibt es Situationen, da gelingt es mir nicht so ganz, die Dinge hinzunehmen wie sie sind.

Mein Kind lernt gerade Fahrradfahren. Ohne Stützräder natürlich, weil Stützräder den Gleichgewichtssinn versauen und es umso schwieriger wird desto später man so ein Kind davon entwöhnt. Ich habe von Anfang an darauf verzichtet, was zur Folge hat, dass das Kind zwar recht schnell fahren gelernt hat, aber noch ab und zu auf die Fresse fliegt. Passiert. Ist nicht schlimm. Gehört dazu. Ohne Hinfallen kein Aufstehen kein Lernprozess. Es klappt gut. So ein Kind ist tapfer, man muss es nur lassen.

Zack. Bomm. Krach. Eine hohe Kante in dieser Mondlandschaft von Berliner Bürgersteig lässt das Vorderrad quer stehen und das Kind liegt da und quäkt.

Noch bevor ich dazu ansetze, entspannt und vor allem ohne Hysterie zum Unfallort zu gehen, um meinem Kind aufzuhelfen, es kurz zu trösten und ihm in Ruhe zu erklären, welche Ursache das Hinfallen hatte, damit es gleich weitergehen kann, fliegen zwei Mütter im Sturzflug auf das Kind zu, kreisen es ein, ziehen es auf die Beine und drücken es ganz fest an sich, streicheln den Kopf, trocknen die Tränen, machen Eieiei.

Das hat eine neue Qualität. Ich habe schon viel erlebt hier an den Rändern der Müttergenesungszonen, die sie anderswo Spielplätze nennen, aber das geht selbst für hiesige Verhältnisse sehr weit. Zu weit.

"Tun Sie mir einen Gefallen und lassen mein Kind los bitte?" versuche ich mein Glück zunächst bemüht freundlich ...

- Rabääh. Heieiei is gut, is ja gut. Oioioioi. Huiuiuiui.

... nur um festzustellen, dass Sie mich ignorieren und weitermachen als wäre außer ihnen niemand hier.

Und dann verfliegt plötzlich meine Contenance. Das passiert nicht oft, aber wenn, dann richtig. Schlagartig. Aprupt. Vollständig. Ich werfe ein geschmeidiges "Boar verpisst euch einfach" in die Runde und dränge die beiden Eulen ab. Mir hilft dabei meine bewährte Schulter/Ellenbogen-Kombination wie vor der Bühne eines Konzerts, wenn ich weiter nach vorne will und die ganzen blassen Studenten einen nach dem anderen hinter mich schiebe. Erledigt. Die Eulen stehen nun in meinem Rücken und ich habe mein Kind endlich im Arm. Es schluchzt noch einmal kurz, klatscht dann mit mir ab und greift nach seinem Fahrrad.

"Ach? Das ist Ihr Kind?" schnippt es in einer Art zu mir rüber, die nur Mütter um die Spielplätze Prenzlauer Bergs herum auf Tasche haben - in diesem ätzenden Tonfall aus dem Folterkeller der versammelten Helmholtzplatz-Montessori-Hackfressen mit kreissägenesker Betonung auf dem Satzende, was jedem normalen Menschen das Blut gefrieren lässt, der nicht von hier kommt und deshalb noch keine selektiv geräuschfilternde Hornhaut auf dem Trommelfell zur Aufrechterhaltung des eigenen Seelenfriedens aufbieten kann.

Tick.

Tack.

Ursula von der Leyen erscheint vor meinen Augen. Im Hintergrund ein Flugzeug. Sie könnten alle ihre Schwestern sein. Und ich kann Ursula von der Leyen nicht leiden. Das ist das Schlimmste daran, dass die hier nicht nur alle inzwischen so aussehen, sondern sich auch noch so verhalten wie ich mir vorstelle, dass es Ursula von der Leyen tun würde. Ein Interventionsautomat. Mit diesem Grinsen. Mit diesem eiskalten Grinsen. Und der Kreissäge.

Ich und dieser Bezirk. Wir sind also wieder so weit. Mein Gegenüber geht bereits in Stellung. Hände in die Hüften gestemmt. Kopf leicht geneigt. Einen Fuß herausfordernd nach vorne gestreckt. Empörung blitzt aus den Augen. Eine Auseinandersetzung liegt in der Luft. Über Erziehungsstile. Eigenverantwortung vs. Helikoptereltern. Tapferkeit vs. Verhätscheln. Ich weiß wie das endet, ich habe es durch, ich bin kindercafégestählt, wenn mein Kind das einzige zu sein scheint, um das keine Überväter und keine Übermütter kreisen wie Satelliten, die sämtlichen Unbill des Lebens am liebsten vorbeugend mit Sagrotan beseitigen würden.

Und da stehen sie nun und warten darauf, dass ich mich mit ihnen beschäftige, doch ich sage nichts, ich kommuniziere nicht mehr mit diesem Bezirk. Seit ich diese furchtbaren Gestalten, die hier den öffentlichen Raum dominieren, einfach ausblende, verspüre ich nicht mehr diesen drängenden Wunsch, sie mit ihren Fietsfabriek-Fahrradschläuchen an den Laternenmasten aufzuknüpfen. Nein. Ich bin cool. Stille. Ich rede nicht mehr. Kein Wort von mir. Ich schaue nur noch. Denn das irritiert sie so schön.

Dann trollen sie sich. Wortlos. Es bringt ja auch nichts. Niemand ändert Meinung oder Verhalten, nur weil ich etwas sage. Niemand. Nie. Ich mache es ja auch nicht.

Dienstag, 19. August 2014

Schon gehört?


Ich stehe konsterniert vor einem Schild in den todtraurigen Schönhauser Allee Arcaden:

"Schon gehört? Foot Locker ist umgezogen und jetzt eine Etage tiefer zu finden."

Bitte was? Schon gehört?!?!?

Eines ist klar: Der Preis für die realitätsfernste Kundeneinschätzung des Jahres geht mit großem Abstand an Foot Locker. Da kann nichts mehr kommen. Die halten ihren Umzug offenbar für das Dorfgespräch von Prenzlauer Berg.

Wie kann ich mir das vorstellen? Was denken die sich? Dass ich morgens zum miesen Bürokaffee den gerade über den Scheißnamen von Christina Aguileras Kind tratschenden Kollegen brandheiß erzähle, dass Foot Locker umgezogen ist?

"Hey Leute, schon gehört, Foot Locker ist nicht mehr im Erdgeschoss." "Oh nein, was werden wir tun?" "Keine Sorge. Sie sind jetzt im Untergeschoss." "Irre. Wir sind gerettet."

Oder denken die, dass ich in das Büro meines bis zur Stufe seiner Unfähigkeit beförderten Chefs platze und eines der sinnlosen Meetings mit den anderen Luftschauflern mit der brandheißen News unterbreche, dass Foot Locker jetzt im Untergeschoss ist?

"Schon gehört, Chef? Scheiß auf die verheerende Jahresbilanz, verschieben Sie alle Termine, ich hab' den Knaller: Foot Locker ist jetzt..." "Weiß ich schon, wir beraten gerade, was zu tun ist. Machen Sie die Tür bitte von außen zu, hier tagen die Kuchen und die Krümel arbeiten bitte weiter. Es gibt nichts zu sehen und zu denken gleich gar nicht. By the way: Der Kaffee ist alle. Bringen Sie mal neuen?"

Oder so:

"Hallo Schwiegermutter, was? Tsunami? Erdrutsch? Katze eingeschläfert? Nachbar tot? Egal, schon gehört? Foot Locker ist jetzt..." "Weiß ich doch, Jungchen, ich höre doch das Gras wachsen. Oma Erna aus Pichelsberg hat das gar nicht glauben können und will nächste Woche nach Prenzlauer Berg kommen, um sich selbst ein Bild von der Lage zu machen..."

Man sollte eine Presseerklärung rausgeben, Obama muss sich hier positionieren, selbst Wowi kann diese Entwicklung nicht mehr ignorieren, Foot Locker zieht ins Untergeschoss und in Prenzlauer Berg wird die Milchkrone auf dem Latte sauer. "Schon gehört? Das mit Foot Locker?" "Ja, ein Jammer, ich habe heute schon mit Torben nach dem gemeinsamen Kressebesingen auf dem Balkon darüber gesprochen, der ist auch ganz betrübt und lässt eine Birkenstocksandale vom Fuß hängen." "Und das zu Recht, wir haben heute in der Gethsemane-Feldenkraisgruppe einen Krisenstab gegründet, man weiß ja so wenig..."

Ich finde, das mit den Nichtigkeiten in der Öffentlichkeit muss unbedingt Schule machen. Also werde ich zusätzlich zu diesem Blog demnächst auch Plakate drucken und damit die orangen Sri-Chinmoy-Yogazettel für gelangweilte Mütter an den Laternenmasten und die Plakate für Ü40-Partys auf der Karlshorster Trabrennbahn an den Stromkästen überkleben: Schon gehört? Mein Arschloch juckt. Schon gehört? Ich habe Kekskrümel im Bett. Prinzenrolle! Schon gehört? Ich habe mir den großen Zeh geprellt. Den Puller entzündet. Eine halbe Rolle Klopapier beim Kacken verbraucht. Für einen Hasenschiss. Schon gehört? Pickel hinterm Ohr. Und den krieg' ich nicht ausgedrückt. Haare nach Wochen gewaschen. Fußnägel geschnitten. Und dem Obergentrifizierer in den Briefkasten geworfen. Einen gottverdammten Latte Macchiato getrunken. Aber hallo! Mit Zimt! Und morgen nehm' ich Vanille! Schon gehört? Ich habe die Blumen gegossen. Über filzige Bioladenkunden gelacht. Einen Joint gedreht. In der Nase gebohrt. Den Popel vom Balkon geschnippt. Glückliche pausbäckige Familie verfehlt. Dumme Plakate gelesen. Und auch noch fotografiert. Es ist Endzeit. Es dauert nicht mehr lange. Nervenklinik, ick hör' dir schon. Trap. Trap.

Sonntag, 17. August 2014

Lass mal netzwerken - Der besondere Link vom 17. August 2014


So, der ist überfällig, der ist sogar extrem überfällig, der muss sein, den will ich schon lange machen, weil er es verdient hat, weil ich seinen Blog so mag, weil ich seine Entwicklung faszinierend finde, weil einer nur so schreiben kann, wenn er Dinge selbst erlebt hat oder eine Vorstellungskraft hat, die nicht mehr nur Empathie ist, sondern irgendetwas größeres, ein literarisches Talent, ein Schreiber, ein Kiezschreiber.

Den Kiezschreiber lese ich seit etwa 2011. Zu der Zeit habe ich noch gar nicht gebloggt, sondern bei dem untergegangenen Bewertungsportal Qype meinen unmaßgeblichen Sermon ins Netz geblasen. Blogger waren für mich damals noch entrückte Feenwesen, die fast auf einer Stufe mit dem "professionellen" Online-Journalismus standen und die irgendwas machten, was ich nicht konnte: Einen Blog.

Der Kiezschreiber wohnte damals noch gegenüber in Berlin-Wedding und da ich die meisten Blogs meiner Umgebung in meinem Feedreader habe (außer die fünf Millionen Mutti- respektive Vatiblogs, denn so viel Content über den Kosmos zwischen Wickeltisch, Zahnfee und Bioweinbergpfirsich verkrafte ich nicht), war er eben auch dabei, denn ich mag ja Wedding sehr.

Seine Texte - er sieht mir das hoffentlich nach - fand ich seinerzeit zugegebenermaßen immer ein wenig konfus. Zu kurz auch. Keine Linie. Keine Absätze. Es gab Fragmente zur aktuellen Politik, kleinere Rants zu irgendwelchen Dingen, irgendwas zum Quartiersmanagement, das ich nicht verstand, einige Positionen zur unseligen Debatte um die Planierung des Mauerparks, als ein traurige Ansammlung von Clowns genannt Bürgerinitiative den Protest dagegen erst (zur Freude des Investors) in unerträglicher Vereinsmeierei befriedet und dann komplett verkackt hat.

Der Kiezschreiber hat die Sache mit dem Mauerpark immer begleitet, für meinen Geschmack etwas dünn, aber nicht wirklich falsch, so wie das ganze Blog - leicht dünn, manchmal wirr, aber so ganz falsch nie. Ich las ihn so nebenbei, mein Eindruck war der eines sympathischen Kerls, der sich offenbar gerne verzettelt, sich oft das Leben schwerer macht als nötig und keine Mitte hat. Ich räume ein, ich habe ihn gerne überblättert. Oft überblättert. Quergelesen, wenn es hochkommt. Ja, culpa. Mea. Maxima. Tralala.

Dann das.

September 2013. Krankheit. Abschied. Der Kiezschreiber schmeißt hin.

Autsch. So schnell geht das. Es ist eben doch Kleinbloggersdorf hier, in dem ich mich an den netten schrulligen Nachbarn gewöhnt habe und ihn vermisse, wenn er fort ist. Ich bin so ein sentimentaler Hund. Ich trauere um Leute, die ich gar nicht kenne.

Dann drei Monate später der Neuanfang. In Schweppenhausen. Was zum Teufel ist Schweppenhausen?

Ehrlich, ich habe keine Ahnung, was dazwischen passiert ist, ich weiß ja im Grunde nichts über den Kiezschreiber, nur, dass ihm der Neuanfang zumindest literarisch (und hoffentlich sonst auch) gut getan hat, denn er ist seit diesem Jahr ständiger Bewohner meiner regelmäßigen Linkliste von Texten, die ich für lesenswert und in seinem Fall sogar partiell für großartig halte. Kiezschreiber Schweppenhausen unterscheidet sich in Stil, Thematik und Ästhetik diametral von Kiezschreiber Wedding.

Ich weiß es nicht, vielleicht liege ich komplett falsch, aber mich beschleicht das Gefühl, dass da einer sein Leben aufschreibt, ob aus eigenem Erleben oder aus fremden Einflüssen heraus kann ich nicht beurteilen und es ist mir auch egal. Da kommt ein Brett nach dem anderen, mal feinfühlig, mal brachial, mal derb, mal sinnlich. Fast jeden Tag eins. Literatur. Für umme. Er verschenkt sie einfach so.

Ja, ich lese ihn unheimlich gerne, die meisten seiner neueren Texte wären es wert, zwischen Buchdeckel gepresst zu werden, würden sich Bücher heutzutage noch lohnen.

Natürlich ist der optische Auftritt seines Blogs ein Heuler, na klar, es wirkt vom Design her ziemlich ungelenk und nicht so ansprechend wie das andere mal eben so nebenher bringen, aber das finde ich, der es nicht geschafft hat, bei wordpress.com ein schwarzes Theme einzurichten, das nicht 99,99 $ kostet, und deshalb gleichfalls hier bei Blogspot, dem Idiotenhoster für technische Nullen, anheuern musste, tatsächlich charmant. Noch einer, der das nicht kann. Find' ich gut.

Kiezschreiber, ich wünsche dir ehrlich, unironisch und mit allem gebotenen Pathos alles Gute, viel Kraft und in erster Linie Gesundheit. Bitte schreib' weiter. Und halt' den Kopf oben.


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Frühere besondere Links:

08.04.13: kreuzberg süd-ost
05.07.13: sunflower22a
16.08.13: Die Schrottpresse
18.09.13: Mediasteak
11.10.13: Ich bin geistig krank
02.01.14: Brain.Fuck.Yourself.

Donnerstag, 14. August 2014

Deso Dogg ist bald tot


Deso Dogg ist bald tot. Monate. Vielleicht noch ein Jahr. Dann wird er tot sein. Zusammen mit seinem Kalifen. Wait for it.

Willkommen in meiner Welt hat er mal gerappt.

Willkommen in meiner Welt voll Hass und Blut. Ich schreibe Zeilen für meine Kinder und das mit Blut. (...) Ich bin verzweifelt jeden Tag auf der Suche nach dem Paradies. Ich wünschte mir den Tod, denn mein Leben war mies.

Das muss Mitte der Nullerjahre gewesen sein. Ich hatte damals noch die Juice abonniert, da war der Track auf irgendeiner der Juice Exclusive-Scheibe drauf, die sie immer dem bedruckten Papier beigelegt haben. Gerippt und ab ins Auto damit. Gangsterrap war damals zwar schon am Abflauen, nachdem Bushido das Game so gründlich gefickt hatte, dass es keiner mehr ernst nahm, doch einige waren gut, richtig gut und ich höre sie bis heute. Tone zum Beispiel, der trotz seiner unbestreitbaren Qualitäten nie den Durchbruch geschafft hat. Tone ist feinster Battlerap, geschliffen und eloquent, der eine Kunst offenbart, auf deren Niveau sie nur wenige in dem Metier beherrschen.

Deso Dogg dagegen war plump. Nette Skills, aber textlich schwach, das Deutsch zu schlecht, aber immerhin authentisch. Die Juice-CD habe ich gerippt und ab und zu hat der Shuffler den Track in die Bassrolle geblasen.

Die Bezüge im Track zu seiner Religion sind mir damals gar nicht so aufgefallen. Bei Tone habe ich auf den Text geachtet, bei Deso Dogg war eher Durchzug bei Tempo 200 auf der Autobahn Hannover-Berlin. Als der Shuffler irgendwann heiß lief und kaputt ging, habe ich mir den Track nicht noch einmal gezogen. Ausmisten muss manchmal sein.

Irgendwann tauchte Deso Dogg in der Sendung Wild Germany auf, eine hochklassige Sendung übrigens, mit der das passiert ist, was meistens im öffentlich-rechtlichen Fernsehen mit hochklassigen Sendungen passiert: Sie wird in einem der unzähligen Spartenkanäle versenkt, hier konkret bei ZDFNeo. In der Sendung (ab Minute 20:42) redet Deso Dogg furchtbar wirres Zeug, von wegen Ausstieg und wie die Musik ihn kaputt gemacht hat. Eine Art Erweckung scheint ihn ergriffen zu haben. Okay, abgehakt, dachte ich da, Spinner, armer Irrer. Kaputte Seele. Berlin macht das manchmal aus Menschen. So weit so normal. Fahren Sie mal S-Bahn. Sie treffen jeden Tag durchgeknallte Deso Doggs, die irgendetwas Wirres erzählen.

Irgendwann stand auf irgendeinem Online-Portal, dass Deso Dogg ein hochrangiger Funktionär des Islamischen Staates geworden ist. Wait what? Deso Dogg? Der durchgeknallte Gangsterrapper vom Kotti? Glaub' ich nicht. Kann nicht sein. Oder?

Ich habe mir Videos angeschaut. Deso Dogg beim Predigen. Beim Singen. Vor der Flagge des Kalifats. Stimmt. Der hatte mittlerweile einen Haftbefehl wegen akutem Salafismus an der Backe und ist erst mal stiften gegangen. In den sich formierenden Islamischen Staat.

Als die Dschihadisten von ar-Rakka aus Mossul überrannt haben, habe ich mehr über diesen Spuk gelesen. Was ist der Islamische Staat? Was machen die da? Und wenn Sie anfangen zu recherchieren, landen Sie ganz schnell bei den Propagandavideos. Die finden Sie ganz offen bei YouTube und ich werde einen Teufel tun, das Zeug hier zu verlinken. Suchen Sie selbst. Geht ganz einfach.

Und wenn Sie schon dabei sind, können Sie auch die grausamen Videos recherchieren, von denen alle reden. Sie wollen sie sehen? Gar kein Problem. Darf es eine Enthauptung sein? Liveleak ist dein Freund und die richtigen Suchbegriffe auf Englisch finden Sie sicher auch noch. Wollen Sie nicht sehen? Ja, komisch, wollen viele nicht sehen, aber das ist alles frei im Netz. Problemlos zu finden. Wenn ich es schaffe, schafft es jeder Jugendliche erst recht. Moment, was ist das? Schauen Sie mal, da liegt ein irakischer Soldat auf dem Boden, zwei Menschen knien auf ihm, sie halten seinen Kopf fest, er drückt das Kinn auf die Brust, weil er weiß was kommt, zwei Männer drücken das Kinn nach oben, dann kommt das Messer, das geht schwer, so eine Kehle ist ganz schön zäh, sie drehen am Kopf, es knackt, sie schneiden von der anderen Seite, zerren, reißen, dann drehen sie den Kopf um 360 Grad, das geht irritierend einfach, sie drehen nochmal, nochmal und dann ist er ab.

Das Video endet mit einem irakischen Soldaten in einer riesigen Blutlache, dessen Kopf auf seinem Bauch platziert wird.

Schlimm, nicht wahr?

Deso Dogg spielt auch in solchen Videos mit. Bei Liveleak finden Sie das Ergebnis eines Überfalls auf ein Ölfeld. Es liegen eine Menge Leichen herum und die Kamera hält voll drauf. Halbe Gesichter, Headshot, rausquillendes Gehirn, ein überfahrener Torso, fehlende Beine, Gedärme. Und mittendrin schwenkt die Kamera kurz auf Deso Dogg, wie er auf den Kopf einer Leiche einschlägt.

Schlimm, nicht wahr?

Was schreibt man dazu als Blogger? Nicht viel offenbar. Es herrscht weitgehende Sprachlosigkeit angesichts der unverbrämten Gewalt, die nichts anderes als Gewalt sein will und das auch ganz offen sagt. Was schreibt man da, wenn man wie jeder vernünftige Mensch den Kriegsdienst verweigert hat? Wie wär's mit dem da: Hier hilft kein Appeasement, hier marschiert die Gewalt und sie hackt Köpfe ab. Man muss sie bekämpfen. Mit Gewalt.

Das sagt keiner gern, nicht wahr? Und schreiben mag es auch so recht keiner. Deswegen ist es auch so still in der ansonsten so lauten Blogosphäre, die zu jedem runtergefallenen Wurstbrot einen Spritzer Senf am Start hat. Als ein Art absurdem Stellvertreterkrieg schlagen sie lieber zum Gaza-Konflikt auf sich ein. Reihenweise. Wie entfesselt. Schimpfen sich Antisemiten. Faschisten. Terroristen. Kindermörder. Quer durch alle Blogs und in die Kommentarspalten der großen Portale hinein. Weil das so schön einfach ist, weil da die Rollen verteilt sind wie man sie seit 50 Jahren kennt. Liebgewonnene Routine. Alles eine Frage der Sympathie. In welchem Team spielst du? Israel? Palästinenser? Komm, lass uns spielen. Gewinnen kann keiner, aber wir wissen, wer wo steht.

Zum Thema Kopfabschneider vom Islamischen Staat kommt hingegen wenig. Klar, da weiß man nicht, wie man sich positionieren soll, weil es an der Urfrage kratzt: Wie begegne ich dem puren Bösen? Das pure Böse kennen die meisten Blogger wahrscheinlich noch im Kleinen vom Freibad, als der hohe wie breite Klassenschläger sie wieder aus purem Sadismus heraus vor Publikum gequält hat. Was macht man da? Abhauen, Hände vors Gesicht oder - na klar! - den großen Bruder rufen, wenn man einen hat. Und der macht den Klassenschläger weg. Boom, voll aufs Maul. Anders geht es nicht, wenn kein Bademeister mit Autorität zur Hand ist, der Recht durchsetzt. Boom. Der Klassenschläger versteht nämlich keine Argumente, keine Vernunft, kein Appeasement, der Klassenschläger versteht nur Klassenkeile.

Der Islamische Staat ist so ein Klassenschläger, der Unschuldige terrorisiert. Irgendwer muss den weg machen, jemand mit dicken Muskeln und noch dickeren Waffen. Sicher, das sagt keiner gerne und deswegen schreibt es auch keiner, weil jeder von Grund auf Pazifist ist und Gewalt prinzipiell ablehnt. Und ehe man eingesteht, dass das nicht immer geht, was man als Position so bequem in seiner Nische lebt, bleibt man lieber still und sitzt das aus, bis irgendwer irgendwen ruft, der die Gewalt mit Gewalt ausradiert, weil es irgendwer tun muss.

Sagen Sie also schon einmal 'Ruhe in Frieden' zu Deso Dogg, denn er sucht den Tod und er wird ihn bekommen. Dieses Gebilde, an das er glaubt, wird nicht lange überleben, das kann es nicht. Denn es hat nicht weniger als die Welt gegen sich: Die USA, die Türkei, Israel, den Iran - eine seltsame, aber durchaus potente Koalition, zu der es offenbar diesen gemeinsamen Gegner gebraucht hat. Vielleicht werden sie noch einige Dörfer für den Islamischen Staat erobern, nochmal ein paar Flaggen hissen, vielleicht auch noch einmal in einer größeren Stadt, aber über eher kurz als lang werden sie sich überdehnt haben und dann wird es schnell zu Ende gehen. Achtung, jetzt kommt ein Hitlervergleich: Zu viele Gegner, zu viel Landmasse, zu viele eigene Tote. Das wird nicht gut gehen. Geht es nie.

Im Moment existiert eine Luftbrücke zu den eingeschlossenen Jesiden im Sinjar-Gebirge. In dem verlinkten Video wird das Ausmaß der menschlichen Tragöde deutlich, die der Islamische Staat unter jenen verursacht, die für Teufelsanbeter gehalten werden. Schnürt es Ihnen auch den Hals zu, wenn Sie das sehen? Wie geht man damit um? Diskutieren? Ausblenden? Mit Blumen werfen? Wird nicht funktionieren.

Und wenn wir schon bei krassen Bildern sind: Gleichzeitig fährt ein verrückter Journalist in den Islamischen Staat und berichtet quasi embedded aus dem Allerheiligsten, was ihm prompt von denen, die sich das nicht getraut haben, den Vorwurf der Propaganda einbringt:

Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5

Ehrlich, das ist mutiger als mutig, das ist schon geisteskrank, als Journalist in dieses bizarre Gebilde zu gehen, um von innen zu berichten. Aber extrem cool. Hut ab. Was haben die Sesselfurzer von Zeit und Süddeutsche, die diese Reportage in den letzten Tagen in ihrer unglaublichen Arroganz abgekanzelt haben, erwartet? Kritische Fragen an die Kopfabschneider? Eine Diskussion über Humanismus? Ab auf die stille Treppe?

Wenn die letzten Jesiden gerettet sein werden, wird es zu einer Gegenoffensive kommen, die das Ende dieses Islamischen Staates einläuten wird. Was danach kommen wird, ist nicht abzusehen. Ein unabhängiges Kurdistan, eine Art sunnitischer Staat dazu, keiner weiß das und ich erst recht nicht.

Doch eines weiß ich: Das Ende des Islamischen Staates wird auch das Ende von Deso Dogg sein. Dann hat er endlich, was er will. Den Tod.


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Wollen Sie einen Blogger lesen, der qualifiziert wie wenige vom Geschehen berichtet? Lesen Sie Enno Lenze. Lohnt sich.

Dienstag, 12. August 2014

Kurze Durchsage aus Irrenhausen


Bitte Helfen Sie mir, ich werde mit einen Telekommunikationssystem gevoltert und gequelt! Rüdiger der Polizei Chef aus Hamburg und Hans von der SoKo Hamburg benutzen das Telekommunikationssystem für das Menscliche Gehirn Ilegal gegen mich. Mit dem Telekommunikationssystem für das Menscliche Gehirn, habe ich Herzryhtmusstörungen bekommen!
Ich bin ein unschuldiger Mensch! Bitte helfen sie mir. Tel: (040) 110
Tel: (040)110

Montag, 11. August 2014

Wie geil, Robbie kommt!


Schlurf. Boar, was ist das?


Robbie kommt! Fickmichweg, Robbie kommt!


Doch was will Robbie eigentlich bei einer dieser Idiotenpartys würdelos alt gewordener Mittvierziger, die völlig von Sinnen eines der kulturell, musikalisch und sowieso charakterlich schlimmsten Jahrzehnte abfeiern, nur weil ihnen heute noch langweiliger ist als damals bei der Mensadisco der TU, als sie sich mit Corona-Elchpisse in der Hand (die Zitrone! Nie die Zitrone vergessen. Die desinfiziert, jaja) in irgendeiner Ecke rumgetrieben haben und nichts mit sich anzufangen wussten.

Heute 2014 beschwören sie noch einmal kollektiv zur konkurrenzlos lausigen Musik ihre eingebildete wilde Vergangenheit, bevor sie in den nächsten Jahren einer nach dem anderen in die Kiste wandern. Oder ins Heim. Oder an den Rollator. Ohne auch nur eine Spur in dieser Welt zu hinterlassen. Ohne durch irgendetwas Herausragendes in die Geschichte einzugehen. Die erste Generation ohne Profil. Die nichts von Belang zu berichten hat. Uropa hatte den Krieg. Opa hatte 68. Papa den Mauerfall. Sie hingegen haben nichts. Sie waren da, haben zu Fools Garden gewippt und jetzt sind sie bald weg, den Pfleger an der Seite, den sie immer noch Zivi nennen, weil es damals noch Zivis gab, die den Job gemacht haben, für den sie heute prekäre Spanier und Portugiesen importieren, weil nicht mal mehr die Polen für diese Löhne hier arbeiten wollen, bailando bailando amigos adios, huhu, Super 90er-Party.

Bestimmt tritt nächstes Mal auch der unkaputtbare Haddaway mit seinem immer noch einzigen Hit auf. La Bouche. Coolio. Lou Bega. Loona. Captain Hollywood Project. Und natürlich Dr. Alban, der allen Ernstes immer noch lebt und damit kokettiert, dass er eigentlich Zahnarzt ist. Zombie Apocalypse now. Sie alle werden noch die nächsten zwei, drei Jahrzehnte ihre One-Hit-Wonderhaut zu Markte tragen, weil sie die ganzen Tantiemen für ihren einen Hit schon vor Jahren verkokst, versoffen, verhurt oder in dubiosen Bauherrenprojekten vergurkt haben. Jetzt reicht es zwar nur noch für die berühmten Baumarkteröffnungen, aber was soll's, wir nehmen was kommt. Autohaus. Kaufland. CDU-Sommerfest in Zehlendorf. Diese Liga. Super 90er-Party. Sie werden enden wie Scott MacKenzie, der als seine eigene Parodie noch bis in die Nullerjahre feist und aufgedunsen mit seinem einzigen Hit durch die Provinz getingelt ist. I wanna see your hands in the air, yeah, 90er-Partys sind neue Kick, seit die 80er-Partys out sind, weil außer Nena (die stirbt wahrscheinlich wirklich nie) niemand mehr lebt, der zu dem ganzen vom unsäglichen Berliner Dudelfunk seit 30 Jahren bis zum Erbrechen durchgenudelten Musikschrott noch tanzen möchte.

Korrespondierend zu dem ganzen Elend gibt es jetzt auch Plakate, auf denen steht gleich direkt völlig ironiefrei: Ü40-Party. Ganz offen. Für die, die ums Verrecken immer noch nicht alt werden wollen, auch wenn sie es schon längst sind und eigentlich bei Kaffee Hag und russischem Zupfkuchen auf dem geranienbewehrten Eigenheimbalkon sitzen müssten - möglichst ohne ihrem Umfeld mit ihrem banalen Dasein und unmaßgeblichen Statements auf die Nerven zu fallen.

Machen sie aber nicht. Sie stehen sich ihre angehenden Krampfadern auf der Trabrennbahn Karlshorst (!) in den Bauch, oder im Velodrom oder in der ewig defizitären Max-Schmeling-Halle und nicken mit den Kopf zu "Mambo No. 5", Bacardi Breezer in der Hand, grauer Ansatz im viel zu unglaubwürdig schwarz gefärbtem dünnen Haar, Hirschbratenplauze unter dem Flanellhemd, Reiterhosen unter dem Blümchenkleid, Bandscheibenvorfall, Bluthochdruck, rote Äderchen unter den Augen, der Rotwein, jaja, der Rotwein, Lidl verkauft jetzt Barolo für 9,90 €, da muss man doch zuschlagen, meinst du nicht? Ich habe gleich zwei Kartons gekauft. Wollen wir nicht mal wieder Raclette machen? Das ist so wunderbar kommunikativ. Oink oink.

What is love?

Baby don't hurt me.

Don't hurt me.

No more.


Und dazu performen für Sie live: DJ Hyper. Die Sexy Gogo Girls. Und Robbie Willams. Das Double. Natürlich. Aber das spielt schon gar keine Rolle mehr.