Freitag, 30. November 2012

Together we stand - divided we fall

Greifenhagener Straße Berlin

Wieder einer weniger, wieder eine weg.

Eine Eckkneipe.

Das Greifenhagener Eck war die Eckkneipe für aussterbende Arten mehrerer Couleur in Prenzlauer Berg:
1. Hertha-Fans
2. Prolls
3. echte Arbeiter
Die Hertha-Fans besaßen im Hinterzimmer ein eigenes Terrarium mit einschlägigen Wimpeln, Fahnen und anderen Winkelementen. Wie dieses Stück klassisches West-Berlin es hierher geschafft hat, konnte ich mir nie erklären, jedenfalls wurde klassische Folklore gegeben: Hertha live. Der dort ansässige Hertha-Fan begrüßte gerne neue Gäste, hatte es aber nicht so gern, wenn diese genau den Platz belegten, auf dem er üblicherweise saß. Hier im Hinterzimmer wurde gemeinsam gelitten, gemeinsam gegröhlt, wurden Siege gefeiert und Niederlagen beweint. Die volle Tragik eines Fußballspiels - alle Höhen, alle Tiefen - ließ sich im Schweiße des Hertha-Schals miterleben.
Der Proll, der für gewöhnlich um die Ecke vor dem Spätkauf mit einer Molle in der Hand rumlungert, verirrte sich nur ab und zu hierher, wobei er das Hertha-Terrarium mied und sich ausschließlich an der Bar aufhielt, von wo aus er lautstark die westdeutsche Totalübernahme von Prenzlauer Berg beklagte. Ganz Prenzlauer Berg? Nein, denn seine kleine Gruppe vor dem Späti um die Ecke leistet auch heute, zumindest im Sommer, immer noch Widerstand und bildet eine der letzten Inseln, auf denen in Prenzlauer Berg noch öffentlich Alkohol getrunken und geraucht wird.
Der echte Arbeiter (also der, der im Blaumann mit der Faust auf dem Gerüst und nicht im ironischen Flanellhemd im Cafe vor dem Macbook arbeitet) war ein Kuriosum in dieser Gegend. Er durfte eigentlich im gentrifizierten Prenzlauer Berg gar nicht hier sein. Meine Theorie war stets, dass er hier gar nicht wohnt, sondern im Zuge der Sanierung irgendeines weiteren Dachgeschosses nicht auch noch seine Mittagspause mit den schnöseligen Bewohnern dieser Gegend verbringen wollte. Wo sollte er auch sonst hin? Im Latte-Cafe gegenüber gibt es keine Molle und ich konnte ihn mir nur schwer dabei vorstellen, wie er sich in der Gemüseecke von Lidl mit dem Papa des kleinen Amadou-Hosea über die ungespritzten Kohlrabiknollen vom brandenburger Biobauernhof unterhält.
Zu.

Aus.

Vorbei.

Hertha abgestiegen.

Greifenhagener Eck zu.

Demnächst hier an dieser Ecke: Ihr neuer Bioladen! Hurra!

Donnerstag, 29. November 2012

Zeit für Werbung (2) - Backanstalt

Backanstalt

Es ist nicht alles schlecht in Prenzlauer Berg, zumindest wenn man sich die verhärmten Biofratzen wegdenkt, die diesen Bezirk flächendeckend bevölkern.

Zum Beispiel hier: Backanstalt - oh nein! Das klingt wie einer dieser fürchterlichen Aufbäcker aus der Brothölle, diese Teiglingjongleure, diese überflüssigen Automatenbediener, die Luftbrötchen verticken, die nach nichts schmecken oder nach Pappe oder nach Styropor oder einfach nur nach Schwamm.

Backanstalt, ein Name, der verwirrt, denn hier wird handgebacken, selbstgefertigt, keine Fabrik, kein Fließband, kein Kamps, keine Gülcan. Dafür sehen die Brötchen aus wie moderne Skulpturen, Knödelkunst, in Stein steht so etwas öffentlich gefördert im öffentlichen Raume herum, kostet sinnloses Subventionsgeld und wird bemalt, betaggt, bekritzelt und bekrittelt. Hier wird es als Brötchen verkauft, jedes Stück ein Unikat, keines sieht aus wie das andere.

Schmeckt aber.

Cashewbrötchen. Schmeckt. Macht satt. Walnussbrötchen. Schmeckt. Macht satt. Feigenbrötchen. Schmeckt. Macht satt. Und gesund ist es wohl auch noch. Muss ja hier, sonst verkauft es sich nicht. Ein, zwei Jahre extra Lebenszeit vor dem Hufehochlegen, in dem man ab und zu mal was Vernünftiges isst, muss schon sein.

Ja, es hat auch Vorteile, in Prenzlauer Berg zu wohnen. Man muss nicht zwingend Unsinn essen zum Frühstück. Es kann auch mal gut sein.

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Backanstalt
Schivelbeiner Straße 48
10439 Berlin


Mittwoch, 28. November 2012

Erzieh mich doch, Fleischwarenfachverkäuferin

Logo

Rewe. Der berühmte Rewe in der Schievelbeiner - Center of the Biohansel, hier am Arnimplatz, Home of the Holzspielzeug und der ungespritzen Biomütter - tanz deinen Namen für mich, Baby.

Und mittendrin in diesem Supermarkt voller Bio Bio Fairtrade Fickmichnies eine Frischtheke - dahinter eine Unglückliche. Davor ich mit Zwerg.

"100 Gramm Fleischwurst, 150 Gramm von der ungarischen Salami und zwei Lagen Parmaschinken bitte."

"Noch etwas?"

"Ein wenig Roastbeef bitte. 200 Gramm."

"Noch etwas?"

"Nein, danke."

(...)

"Sagen Sie, gibt es heutzutage keine Scheibe Wurst mehr für Kinder auf die Hand? Steht es so schlimm?"

"Sie können ja von Ihrem Bestellten etwas abmachen."

"Sehr freundlich, gerne, machen Sie doch bitte ein Stück Parma für das Kleine ab."

"Sie können doch dem Kind kein Parma geben."

"Kann ich wohl."

"Aber das ist doch nichts für das Kind."

"Doch, total. Ich schwöre."

"Denken Sie an diese kleine Leber, was die alles verarbeiten muss. Die kann doch das ganze Fleisch und das Salz noch gar nicht gebrauchen. Das können Sie dem Kind nicht geben."

"Iwo, das ist kein Problem, die Leber vom Kleinen kann das ab. Gestern gab es Käsefondue mit extra fettem Analogkäse aus der Pflanzenfetthölle, kein Bio weit und breit, heute zum Frühstück einen Mettigel nur aus fetten Schweinen und vorhin zu Mittag ein Eisbein mit Brühwürstchen aus garantiert unökologischem Anbau, gedreht aus alten Gäulen und verseuchten Truthähnen auf totgespritztem Zombiegemüse aus dem Tiefkühler.
Und für morgen haben wir dann die Fleischabfallreste vom Dönerladen auf der Schönhauser aufgekauft, aus denen wir morgen dann zusammen mit dem alten Industrieweißbrot vom Lidl ein paar richtig fiese Buletten machen. Lecker Lecker. Ich freu mich schon.
Nur den Eierlikör vor kurzem hat das Kleine nicht so ganz vertragen, wahrscheinlich lag es am Brennspiritus für den Ansatz, ich glaube, wir satteln auf Korn um oder gleich auf schottischen Whisky, weil man so ein Kind besser so früh wie möglich an Gutes heranführen sollte, nicht wahr, das muss er einem schon wert sein, der Wonneproppen ...

... oder nicht?

... meine Güte, Ihr blödes Gesicht ist unbezahlbar. Sie sollten mehr lachen, aber dazu muss man in diesem Bezirk wohl erst mal einen Stollen zu den Graswurzeln graben. Geben Sie mir noch drei von den fetten Schinkenpolnischen mit, da steht das Kleine besonders drauf. Und danke, das war es dann. Und ja, ich bin genauso froh wie Sie, dass ich gleich gehe. Grüßen Sie mir die Dinkelkeksgruppe in der Vollkornkita, ich komm bald mal wieder vorbei und reiche frische Hot Dogs und Dönerteller mit Pommes durch den Zaun. Auf Wiedersehen."


Dienstag, 27. November 2012

Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Honk (4)

Pub Crawl


Der Bepisser meiner Haustüre hat geupgraded. Er ist jetzt ein Bescheisser.

5:30 Uhr. Ich muss aus dem Haus. Dunkel.

Flatsch!

Da liegt ein Fladen. Dünn. Durchmesser 30-35 cm, ein fieses dickes Ding von einem Fladen und ich so voll rein. Die Hose bespritzt sich mit Dünnem bis hinauf an das Schienbein. Das mit dem früh im Büro sein hat sich erledigt für heute. Ein säuerlicher Muff nach Verwesung steigt mir entgegen, fühlt sich sogar noch warm an durch die Hose. Kombiniere kombiniere, Watson: Kann nicht allzu lange her sein.

Meine Haustüre, immer wieder meine Haustüre. Warum?

Sie bepissen sie, ein Schlüsseldienst beklebt sie mit seiner Werbung, Hermes, GLS und Konsorten kleben Klebestreifen drauf, die kein Kärcher der Welt je auslöschen könnte, rumänische Bauspezialisten bieten auf unzähligen Zetteln Abtransporte von Bauschutt, alten Möbeln und wahrscheinlich auch der alten Erboma an, viele Kindertagger malen viele bunte Kindertags drauf, was die Hausverwaltung nicht interessiert, und einmal hat sogar mal ein Pubcrawlarschloch gegen die Türe gekotzt - dem Geruch nach Dönerreste mit Wodka. Danach ließ der Pulk, der vorher noch munter vor der Türe gesungen hat, den armen Schweden in seinem scheiß Nationaltrikot plattgesoffen dort liegen, in der linken Hand die Flasche Berentzen Apfel und die rechte in der Kotze. Guten Morgen, lieber Sonntag, vielen Dank für den Kotzepenner beim Brötchenholen.

Aber noch nie hat jemand an meine Haustüre geschissen. Noch nie. Hunde, ja, oft, wenn auch nicht direkt an die Türe sondern einen Meter davor, muss ja, ist ja Berlin, Hundescheiße ist hier nicht nur Fetisch, sondern Ausdruck individueller Selbstverwirklichung, nein, dieses Ding muss von dieser Menge entweder eine ausgewachsene dänische Dogge oder ein sehr fetter Tourist geschissen haben. Man sollte es als Weltwunder in der Nationalgalerie ausstellen: Der größte Suffschiss, den die Welt je gesehen hat. Der Wunderschiss von Prenzlauer Berg. Zahlt, Leute! Hereinspaziert! Nie zuvor sah man so einen Schiss.

Ich hab schon viel erlebt, man wird ja stumpf mit der Zeit, Hundescheiße am Auto, Hundescheiße am Kinderwagen, Hundescheiße auf der Parkbank, auf der Kinderrutsche, eine Horde besoffener Autonomer auf der Straßenkreuzung, die dort ein Zeichen gegen Repression setzen wollen, Fahrradnazis auf dem Bürgersteig, die mein Kind über den Haufen fahren, verwesende Biokompostscheiße im Innenhof, die stinkt wie eine Wasserleiche nach fünf Tagen in der Sonne, Rattenhorden im Keller, die sich in meinem Stomzählerkasten ein Nest gebaut haben und überall wohin man in diesem albernen Bezirk schaut diese domestizierten Biopapas ohne Eier, die mit hängendem Kopf hinter ihrem Hausdrachen herdackeln. Man gewöhnt sich. Immer mehr. Immer weiter. Man hat alles schon gesehen. Alles erlebt. Nichts ist mehr neu.

Jetzt schon, denn meine Tür vollgeschissen, nein, das hatte ich noch nicht. Es gibt ja immer weniger Premieren im Leben, je älter man wird, aber dies ist wieder eine. Hätte mir ja gewünscht, dass James Hetfield mal auf ein Bier vorbeikommt oder wenigstens ein überteuerter Bioladen zu statt aufmacht, aber gut, frische dampfende Scheiße vor der Haustür geht auch als Premiere, da will ich mal nicht so sein. Man wird ja auch anspruchsloser mit der Zeit, was Überraschungen angeht.

Okay. Wer ist nun der Honk? Wem darf ich gratulieren?

Entweder ist es ein Hundehalter mit einer dänischen Dogge, dessen unglaublicher Monsterschiss sich ausgerechnet an meiner Tür entlud oder doch einer der türevollpissenden üblicherweise skandinavisch dominierten Pubcrawls, die immer mal wieder hier vorbeikeimen und mir die unheimlich beruhigende Gewissheit geben, dass nicht nur Deutsche sich im Ausland danebenbenehmen.

Wenn ja, dann haben sie eine neue Eskalationsstufe erreicht: Sie pissen und kotzen nicht mehr nur, sie scheißen jetzt auch. Skål!

So bleibt mir nur: Herzlichen Glückwunsch, Honks. Wer auch immer das war.


Montag, 26. November 2012

Lost in Bornholmer St.

Bornholmer Straße

"Der Morgenschiss der kommt gewiss
und wenn es erst am Mittach is."
(unbekannter Trinker an der Theke des Pub 82)

Irgendwann nach Mitternacht torkele ich die Bornholmer Straße entlang in der irrigen Annahme, hier sei irgendwo noch was los. Nix. Leerende Gähne. Alles zu. Komme mir vor wie in Gießen. Oder Wiesbaden, Heilbronn oder in der Wüste Gobi. Was ist das? Licht. Tür abgeschlossen. Scheiße. Da sitzen doch welche. Klopf Klopf. Tür öffnet. "Kommt rinn!"

Herrlich, was ist das denn? Eine Kneipe wie früher: Verraucht, versoffen, verlebt und gemütlich. An der Theke sitzen runtergerockte Gestalten, die ich in Prenzlauer Berg für längst ausgestorben gehalten habe, Menschen mit Charakter jenseits dieser biogeleckten Gesundheitsapostel, die diesen Bezirk regieren: Kippe im Maul, Molle in der Hand, was ist hier los, bin ich aus Versehen im Wedding gelandet? Nein, es ist Prenzlauer Berg und offenbar residiert an diesem geheimen Ort im Untergrund der letzte verschworene Rest Bieradel, den es überhaupt noch hier gibt.

Man beäugt uns kritisch, als wären wir ökofeministische Weizenkeim-U-Boote, ausgesandt, diesen letzten Hort der Lasterhaftigkeit, des Vollsuffs und des Kippenqualms in Prenzlauer Berg auszuforschen, darüber einen Bericht an das Bezirksselleriekomittee zu schreiben, damit diese Ausgeburt der Hölle endlich durch ein toscanisches Kresse-Rucola-Cafe auf Ayuvedabasis mit Yoga-Ecke ersetzt werden kann. Oder durch eine Eso-Heilstein-Waldorf-Kita für Kinder mit bescheuerten Doppelnamen. Oder Bubble Tea. Tee ist ja so gesund.

Als man sieht, dass ich als erstes eine Lage Klaren bestelle, ändert sich die Stimmung. Ich bin nicht der Feind, soviel ist jetzt klar. Es läuft Neue Deutsche Welle. Natürlich. Was sonst? Trip-Hop-Chillout-Yoga-Base-Freejazz gibt es ja schon überall sonst.

Ich trinke Pennerglück. Jägermeister. Goldkrone Cola. Egal jetzt. Dann einen Likör-Knockout, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere, der aber irgendwas mit dem BFC Dynamo zu tun hat und sich kotzt wie Stacheldraht. Dynamoknaller? BFC-Bomber? Kein Plan, schmeckt nach Cassis. Kommt krass, wenn man ihn direkt zu Bier trinkt, aber ich merk ja eh nix mehr, nicht einmal, dass ich mich mitten in einer BFC-Kneipe befinde, BFC, der Hooligan-Club in Berlin, nach dessen Spielzeiten ich meine S-Bahnfahrten plane, um mit dem Kinderwagen möglichst nicht in die Meute kahlrasierter dicker Bombenjackenträger zu geraten, bevor die Bullen an der Landsberger Allee den S-Bahn-Wagen stürmen.

Komisch, nur die hier sehen gar nicht aus wie die BFC-Hools aus der S-Bahn, älter gediegener, wahrscheinlich noch aus Ostzeiten BFC-Fans und bleiben nun dabei. Entspannt lehne ich mich zurück und trinke weiter, während Nena ihre alten Knaller zum Besten gibt: Heute ist Vollmond und die Nacht ruft nach mir, komm mit wir tanzen und ich küss dich dafür.

Die Zeit rast. 2.30. 3 Uhr. 3.30. Irgendwann tanze ich wirklich, aber da bin ich nicht der einzige.

Jetzt gibt es Wodka. Dann Whisky. Und noch Havanna Club obendrauf. Noch ne Molle. Und noch ne Molle. Schalala. Verlieben Verlorn Vergessen Vorbei. Wolle Petry. Haha. Irre. Schon Jahre nicht mehr gehört. Shot. Jägi. Shot. Noch'n Jägi. Wolle Petry. Molle Jägi. Jetzt dreht sich die Welt. Und ist bunt. Bling Bling. Wo ist das Klo? Da? Nein, Damenklo. Egal, scheiß der Hund drauf, muss auch so geh ...

(...)

Nebel. Meine Augen sind verklebt, mein Atem stinkt nach toter Ratte, mein Kopf fühlt sich an wie Indien. Wo bin ich? Wessen Couch ist das? Ist das eine Flugzeugturbine in meinem Kopf? Ich kenne dieses Zimmer nicht. Fenster. Grauer Himmel. Regen. Fenster ist angeklappt, es rauscht. Ich stehe auf und schaue raus. Kalt. Plattenbau. Friedrichsfelde. Sechsspurige Schnellstraße. Irgendwo weit im Osten. Mindestens zehnter Stock. Holy fuck. Mein Kopf. Eine leere Flasche Jameson und ein geplünderter Kasten Krombacher stehen rum. Im Pizzakarton liegen mehr Kippen als im Aschenbecher daneben. Haben hier wohl weitergezecht bis nichts mehr übrig war. Und ich weiß nix mehr davon.

Langsam ohne einen Laut sammle ich meine Klamotten ein, die überall im Zimmer verstreut herumliegen, werfe einen Blick auf den schnarchenden Menschen auf dem Teppich, dessen massige Gestalt sich unter der Wolldecke abzeichnet, und schleiche mich nach Hause.

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Pub 82
Bornholmer Straße 82 (surprise, surprise!)
10439 Berlin

Sonntag, 25. November 2012

Oh nein, er dackelt wieder!

Der Dackelblick

Jimmy Wales! Der Dackelblick des Jahrhunderts. Back in the house!

Bitte geben Sie diesem Mann Geld. Er kuckt so, als ob in seinen Armen gleich ein Hundebaby stirbt, von giftigen Pfeilen durchbohrt, Kugeln durchsiebt und aufgeschlitzter Kehle.

Außer er bekommt Geld. Für seine Wikipedia.

Dieser Blick erinnert mich an die mit Dachlatten verprügelten Pandababys auf den Bildern, die die Drücker der Tierschutzvereine vor den Einkaufscentern Berlins immer in der Hand haben und einem ungefragt ins Gesicht halten, auf dass man unterschreibe, für ein Tierschutzabo, denn ewig lockt der Lastschrifteinzug, um sie zu knechten, sie alle zu finden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden.

Ich muss gleich heulen, for fuck sake, der arme Jimmy Wales. Gottgütiger wie der kuckt! Save the Wales! Wo ist mein Portemonnaie? Ich gebe alles, Omas Sparstrumpf, das Sparschwein meiner Kinder, die letzten wertlosen Staatsanleihen aus meinem verkackten Depot, das von Monat zu Monat weniger wert wird, sogar griechische Drachmen aus einem alten Fotoalbum von früher, Drachmen, Jimmy, die es vielleicht bald wieder gibt. Nimmst du die auch, Jimmy? Drachmen? Ich grab auch nach Gold für dich, aber hör auf so zu kucken.

Ich brauch ein Taschentuch, und überhaupt: Wo ist mein Therapeut? Dieser Blick bricht mir das Herz, der arme Jimmy Wales, nimm ihn bitte jemand in den Arm, er braucht jetzt Liebe, immer, jeden Tag ist er da, der Dackelblick, immer wenn ich mal wieder nutzloses Wissen abrufen muss, mit dem ich in der Kneipe angeben will und das ich drei Sekunden später vergessen haben werde, schaut er mich so an, so vorwurfsvoll, so im "Ich gebe Dir Wissen und Du hast mir immer noch kein Geld geschickt, es geht mir sehr schlecht"-Style. Leute! Kratzt alles zusammen, macht eine Menschenkette durch Prenzlauer Berg die Schönhauser Allee runter, Lafer Lecker Lichterkette durch Berlin! Jimmy braucht Geld, so wie der kuckt hält er nicht mehr lange durch.

Ich auch nicht, ich muss mal wieder zu Wikipedia, nutzloses Wissen abrufen. Hab ich schon seit 10 Minuten nicht mehr gemacht. Wer ist der aktuelle Präsident von Sambia, welche Religion üben die Eingeborenen in Papua-Neuguinea aus, an welchen Stellen hat Guttenberg mit seiner Doktorarbeit nicht beschissen und wann wurde die SG Rotation Prenzlauer Berg gegründet? Ich muss das alles wissen und Wikipedia weiß das alles, Schwarmintelligenz at its best. Werbefrei. Dafür kann man auch mal spenden. Trotz Dackelblick.


Samstag, 24. November 2012

Der Müllzettelnazi und ich

Tonnen

Minute 85 im Tatort am Sonntag:

"Geben Sie's zu!"

"Nein!"

"Gestehen Sie!"

"Nein!"

"Sie sind der Müllterrorist!"

"Bin ich nicht!"

"Sind Sie wohl!"

"Bin ich nicht!"

"Doch!

"Na gut, Sie haben mich durchschaut. Ich bin's."

"Na endlich. Sie setzen sich also lieber mit einer Säge hin, zerkleinern ein ganzes Bett und werfen das alles in die Restmülltonne? Sie schrauben mit einem Schraubenzieher einen kompletten Computer nebst Drucker auseinander, nur um das nach und nach unter Ihren Hausmüll zu schmuggeln?"

"Ja."

"Sie schmeißen den ganzen Elektroschrott und Sperrmüll also einfach so mir nichts dir nichts in den Restmüll?"

"Nein, in die Biotonne."

"Was? Das ist ja noch schlimmer, wieso machen Sie sowas?"

"Wegen dem Zettelnazi."

"Das heißt wegen des Zettelnazis!"

"Ich weiß, aber das klingt scheiße."

"Der Zettelnazi, wer soll das sein?"

"Dieser Biohippiespießer, der hier in irgendein Dachgeschoss eingezogen ist, kein vernünftiges Deutsch kann und immer diese Zettel an die Mülltonnen macht, wenn einer wieder Papier in den Restmüll geschmissen oder den Joghurtbecher nicht ausgeleckt, gefaltet und danach handfermentiert hat."

"Ah, verstehe."

"So ein Müllblockwart halt. Dieser Analerotiker hat eine unerwiderte Leidenschaft für Müll und ich kann nicht anders, ich muss einfach seine verfickte Biotonne zumüllen, weil ich weiß, dass er dann wieder ganz verkrampft Zettel schreiben muss, um seine Nachbarschaft zu erziehen und dann freue ich mich, weil er irgendwann sicher früher stirbt, weil er sich immer so aufregt."

"Und deswegen fahren Sie den Kram nicht um die Ecke zur BSR, obwohl die das da alles zuverlässig entsorgen?"

"Ja, ich kann nicht, der Zettelnazi hat kürzlich sogar den Mülldelinquenten mit Zetteln in allen Treppenhäusern zur Fahndung ausgeschrieben und die Nachbarn zur Wachsamkeit aufgerufen. Man soll jetzt melden, wenn man jemanden sieht, der gegen die Mülltrennung verstößt. Verstehen Sie, Mülltrennungsüberwachung, es geht nämlich immer noch ein wenig piefiger in Prenzlauer Berg, und ich bin im Guerillakrieg gegen diese Überwachungs- und Denunziationskultur, die man hier etablieren will, es ist ein Krieg der Mentalitäten, Laissez faire gegen dumpfdeutschen Kontrollwahn - neuerdings grün verbrämt - Clash of Civilizations, hier treffen Welten aufeinander, die man nicht hätte vermischen sollen. Ich sehe mich im Übrigen als Freiheitskämpfer, nicht als Terroristen, falls es Sie interessiert."

"Verstehe. Was werden Sie machen, wenn der Zettelnazi endlich an einem Herzinfarkt stirbt vor lauter Aufregung?"

"Dann werde ich selbstverständlich mein Zeug wieder zur BSR bringen anstatt in die Biotonne, ist doch klar, Herr Wachtmeister."

"Wenn das so ist, wird das der Richter sicher zu Ihren Gunsten werten. Meinen Segen haben Sie. Unterschreiben Sie hier das Protokoll, ich denke, Sie haben nichts zu befürchten."

Die Tatort-Kommissare machen noch einen Scherz, der nicht witzig, dafür aber politisch korrekt ist. Dann Abspann mit Orgel.

Freitag, 23. November 2012

Verarsch mich doch (3)

Kings Currywurst


Fetzencurrywurst. Schon mal gegessen? Fetzencurrywurst? Gibt's am Ostkreuz. King's Bratwurststand. Das ist der Stand mit dem großmäuligen roten Plakat

"ENDLICH! JETZT AUCH CURRYWURST!"

Endlich, ja endlich, lange war das Volk am Darben, lungerte in lausige Lumpen gehüllt am Ostkreuz herum, hungrig, verhärmt leidend lamentierend im Wind, im eisigen Ostwind, eingepullert, unrasiert, sein Schicksal beklagend und wartete darauf, dass der King's Bratwurststand endlich auch Currywurst in sein bescheidenes Sortiment aufnimmt. Und jetzt? Ein Aufatmen geht durch Friedrichshain, der König liebt sein Volk und gibt Currywurst. Endlich.

Die Oma vor mir nimmt so ein Teil, die Portion ist irrwitzig winzig, ich habe noch nie eine so eine kleine Currywurst gesehen, das ist Sterneküchengröße, ein Amuse Gueule, maximal ein kleiner lausiger Gruß aus der Grillbutze, haps und weg.

Ich nehme daraufhin die große Currywurst. Für stolze 2,20. Dieser großmäulig Currywurst XXL genannte Euphemismus ist genauso ein schlechter Witz, weil immer noch knapp kleiner als die normale Currywurst, die überall in der Stadt für 1,50 unters Volk gemischt wird. Verarsche? Aber sicher. Und das gleich doppelt, denn für die Herstellung der Currywurst nimmt man hier eine Bratwurst. Das ist nicht nur fragwürdig, sondern dreist, denn die Bratwürste von diesem Stand sind schon in der normalen Variante eher mäßig genießbar, eigentlich sogar total scheiße, sie schmecken fabrikartig, nach einem Hauch von Nichts, dafür fettig und wenn sie zu lange auf dem Grill waren, löst sich die Epidermis vom Fleischbrät und dann wird es richtig fürchterlich.

So wie bei mir. Hautfetzen, Gummibratwurstinneres, längliche Hautstücke mit abgelöstem Inneren, geleeartige Gallerte und ganz viele ganz kleine Stückchen in der Curryketchupsuppe - ein optischer Verkehrsunfall in Blutrot. Nur ohne Hirn. Und Knochen.

Essen kann man das sogar, irgendwie, das ist wahr, es schmeckt nach Curryketchupsuppe mit Einlage, so einen Scheiß hab ich als Student gegessen, nur mit Nudeln. Warm ist es sogar auch. Nur gut ist anderswo. Und billiger auch.

Ja! Hohoho! Endlich! Jetzt auch Currywurst! ruft es vom Banner. Endlich! Hurra! Hahaha! Go fuck yourself! Der alte Bahnsteig wird abgerissen und der knallrote Bratwurststand hoffentlich gleich mit! rufe ich entgegen.

Aber wahrscheinlich knallen sie nach dem Abriss wieder nur einen Neubau hier hin, der noch mehr leuchtet, und die Wurst wird noch ein Stück schlechter als sie jetzt schon ist. Alles andere wäre ja so was völlig Irres wie Verbesserung und das geht nicht in dieser Stadt, in der es immer noch ein bisschen ranziger und damit einhergehend immer auch teurer werden muss. So gesehen werden sie hier irgendwann reines Curryketchup mit Bratwurstrestenpüree anbieten - für einen Euro mehr als heute, die Wirtschaftslage, Inflation, Bankenrettung, sie wissen schon, wir bedauern das sehr. Krokodil anyone?

Und es wird sich immer noch ein Depp finden, der das kauft.

Große Currywurst XXL. Jaja. My ass. Verarsch mich doch.

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King's Bratwurststand
S-Bahnhof Ostkreuz

Donnerstag, 22. November 2012

Unser Döner schmeckt super. Mit Soße spitze.

Nöldnerplatz Berlin Lichtenberg

Meine tolle Gewerkschaft, Speerspitze der Arbeiterbewegung und zu allem entschlossener Kämpfer wider Kapital und Ausbeutung, hat mir sagenhafte 3,81 € Tariferhöhung ab diesen Monat erhandelt. Nachdem sich die Begeisterung in Form von Jubelstürmen, Purzelbäumen und der spontanen Zeugung eines Stammhalters gelegt hat, war klar, worin dieser plötzliche Wohlstand angelegt werden wird: Döner.

Und es ist vollbracht: Die Suche nach dem miesesten Döner der Hauptstadt hat ihr vorläufiges Ende gefunden. In Berlin-Lichtenberg. Beim Nöldner Bistro am Nöldnerplatz, das neben Döner und Chinapfanne auch noch eine siffige Ranzkneipe im Angebot hat.

Früher warb der Imbiss mit dem fragwürdigen aber dafür einzigartigen Slogan

"Unser Döner schmeckt super. Mit Soße spitze."

und gab damit ganzen Generationen an vorbeifahrenden Pendlern das Rätsel auf, was damit wohl gemeint sei.

"Guten Tag, ich hätte gerne einen Döner ohne Soße."

"Der schmeckt aber nur super, mit Soße wär er spitze."

"Ach so. Na das ist ja doof. Dann bitte mit Soße."

Der Innenraum besitzt den zweifelhaften Anti-Charme einer uralten Eckkneipe, die zuletzt zur Feier des Anschlusses Österreichs renoviert wurde, mit einem Interieur, das selbst der Roten Armee zum Plündern zu schäbig war, nur ohne diese üblen gelben Fensterscheiben mit Karomuster aus Berlin-Wedding, dafür mit uralten Stühlen in uraltem Holz, auf denen uralte Gestalten kauern, die sich sichtlich bemühen, nicht zu sehr zu schwanken, wenn sie sich bereits morgens nur noch notdürftig an ihrer Molle festhalten und eine Kippe nach der anderen im Aschenbecher verglühen lassen.
Dabei wird nicht gesprochen, nur ab und zu bellt einer der Krebskandidaten wie in einer Art archaischer Kommunikation Teile seiner Lunge auf den mit Spitzendeckchen im Oma-Style verzierten Holztisch. Hardcore. Endzeit. Danach kommt nur noch der Tod.

Was isst man hier nur?

Ich habe kurzzeitig die Chinanudeln erwogen, aber die grinsten mir schon beim Reinkommen höhnisch entgegen, dort in ihrem braunen Fettsud hinter der Theke, und ihre speckigen Sojasprossen riefen dabei im Chor: "Nimm uns nicht! Wir schmecken nicht, siehst du doch. Weißt du denn nicht wie lange wir hier schon liegen? Wir haben schon Napoleon durchreiten sehen."

Der Blick auf die Abbildung der Sauer-Scharf-Suppe ließ Tagträume von großen anonymen Fabriken irgendwo im Ostblock vor den Augen entstehen, in denen alle chemischen Instant-Zutaten von übernächtigten alkoholkranken einäugigen Zombies mit schlechter Haut und Mundfäule zusammengemischt und in Großhandelseimer für den Verkauf in Schuppen wie diesem hier abgefüllt werden.

Und diese traurigen Hähnchen, die ich faltig und mit Löchern in der wabbeligen Haut auf ihren alten schwarzverrußten Spießen vor sich hin schmoren sah, ließen sich in keine Verbindung zu der goldbraunen Werbeabbildung draußen an der Fassade bringen.

Das alles, diese ganzen food-designte Abbildungen und ihre schreckliche Realität, ist ungefähr so redlich als würde ein Tabledanceclub mit Laura del Rey werben und dann doch nur eine in Filz gekleidete Prenzlmutter mit Birkenstocklatschen, Pilatesflugblättern und Damenbart auf die Tische schicken.

Döner.

Eine Art von Döner zumindest, denn dieses Ding ist der traurigste Lappen, der mir jemals untergekommen ist.

Und mir ist schon viel untergekommen.

Der billige Fabrikfladen wird kaum getoastet und man hat den Eindruck, dass das Dreieck wahllos vom ganzen Stück abgerissen wurde, an einer Seite hängen Brotfetzen heraus, eine Ecke oben fehlt völlig und der Inhalt wirkt wahl- und lieblos hinein gestopft. Dafür wird eine Gabel mitserviert, deren Sinn und Zweck völlig im Dunkeln bleibt.

Das sehr sparsam dosierte Fleisch ist profanes Hack, nur salzig und fettig und hat überhaupt keine Chance, sich gegen die unerklärlich eiskalte Sauce und das ebenso unerklärlich eiskalte Gemüse durchzusetzen.
Das Gesamtwerk wird somit sehr schnell sehr kalt und damit in seiner ganzen sahnig-fettig-salzigen Brackigkeit noch unerträglicher als im warmen Zustand. Im Prinzip wäre der Inhalt mit der Bezeichnung "Kalter Kohlsalat Rot-Weiß mit Fleischeinlage" treffend tituliert. Niemand kann das aufessen wollen.

Schlimm ist gar kein Ausdruck. Wer das zweimal isst, der leidet wahrscheinlich auch sonst gerne.


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Nöldner Bistro
Archibaldweg 20
10317 Berlin 

Mittwoch, 21. November 2012

Berlin-Mitte. Geld frisst Hirn frisst Contenance

Hackescher Markt

Berlin-Mitte. Hackescher Markt. 20:50 Uhr. Eigentlich kann niemand, der in dieser Stadt bei Verstand ist, hier noch hingehen. Wenn man Glück hat, trifft man nur auf Touristen, sinnlos im Weg rumstehend, staunend, Berliner Luft in Dosen kaufend, mit Smartphone in der Hand auf GoogleMaps starrend gegen Laternenpfähle rennend und die Außenwelt durch das Objektiv erlebend, Menschen, die lieber die Sehenswürdigkeit auf dem Display anschauen als den Ort, an dem sie sind, zu erleben, vielleicht sogar zu fühlen, und von allem gleich 4078 Bilder schießen, von denen sie kein einziges je wieder anschauen werden.

Aber die tun ja nix. Die stehen nur rum. Wie zwei Öltankgötzen.

Schlimmer ist die Münchener Schickeria, die sich hier breit gemacht hat anstatt in München zu bleiben. Blasierte Schnepfen, aufgedonnert, behighheelt und in Erwartung, das jeweilige Umfeld müsse ihnen, egal wo sie sich gerade befinden, einen roten Teppich ausrollen und danach den Boden küssen, auf dem sie gelaufen sind.

Dos Palillos. Die kochen hier nicht nur, die zelebrieren, die zaubern, die künstlern. Und von der Homepage schnöselt es mir entgegen:

der selbe name, die selbe begeisterung,
beinahe dasselbe konzept,
eine andere stadt, andere gesichter,
sein eigener styl, seine eigene persönlichkeit,
eine andere atmosphäre, unterschliedliche dekorationen,
dieselbe ernsthaftigkeit, dieselbe illusion.

Nichtsdestotrotz: Es ist ein großartiges Lokal.

Ich schaue mich um. Berlin-Mitte wie es jetzt ist. Offensichtlich reiche, wenn auch nicht immer schöne Menschen. Viel Cartier. Viel Faltencreme. Viel Bleaching. FDP-Gesichter beeindrucken ihre Barbies. Ein Sohn beeindruckt seine künftige Erblasserin, die aussieht wie seine Uroma. Von irgendwo in der Mitte brüllt ein ungezogener Amerikaner mit fettigen Haaren sakebesoffen unflätiges Zeug in die Runde und hält das für Konversation. Fick Fäck Fuck Fucking Wankers Bloody Shit Crip Crup Crap Bastard Retard. Reich kombiniert mit Arschloch. Berlin-Mitte. Deswegen bin ich nicht gern hier.

Auftritt eines aufgetakelten, schon stark angejahrten Groupiegesichts (der Rolling Stones 1980), heute faltig, dafür umso mehr affektiert, im Domina-Look, weil sonst nichts mehr geht, solariumsendstadiumsgebräunt, Häuptling Lederepidermis, und lautstark, absichtlich, auf Effekt ausgerichtet, zum Publikum kommunizierend. Es ist 20:50 Uhr.

"Ich habe reserviert. Für 20:30 Uhr."

"Gerne. Wie ist Ihr Name?"

"Schnepfenkopf-Hirntod. 20:30 Uhr."

"Das tut mir leid, hier steht, dass Sie für 20.00 Uhr reserviert haben, den Tisch haben wir leider schon anderweitig vergeben."

"Ich habe für 20:30 Uhr reserviert, es nicht nicht mein Problem, wenn Sie nicht zuhören können!"

"Ich werde mal schauen, ob ich Sie noch irgendwo unterbringen kann."

"Ich will nicht irgendwo untergebracht werden, ich habe einen Tisch für 20:30 Uhr bestellt. Nein, ich setze mich nicht irgendwo hin. Komm, Ingrid, wir gehen woanders essen..."

Als ob das noch nicht reicht, betritt jetzt auch noch Ingrid das Podium, die sich bisher dankenswerterweise zurückgehalten hat. Noch älter als die Domina, noch mehr Falten, noch affektierter und jetzt pöbeln sie beim Abgang von der Bühne im Duett, welche Unverschämtheit es ist, eine Reservierung für 20:30 Uhr in einem vollbesetzten Lokal nicht noch 20 Minuten aufrecht zu halten, bis die Herrschaft beschließt, zu dinieren.

Ich war mir noch nie so sicher: Sie haben natürlich für 20:00 Uhr reserviert, aber da es nicht angehen kann, vor der niederen Dienerschaft dieses Lokals die eigene Unzulänglichkeit bzw. die Peinlichkeit, dass man sich diesesmal mit dem Wartenlassen verpokert hat, einzugestehen, muss so ein Auftritt her. So versichert sich der neue Geldadel, dass er noch lebt und immer wieder im Recht ist.

Ich wünsche mich spontan nach Neukölln. Hermannplatz. Hasenheide. Irgendeine Eckkneipe. Menschen treffen.

Dann steht ein Pinguin im Raum. Verflucht sei ich Nicht-Stammgast, der ich in der Nähe des Ausgangs platziert wurde. Es ist ein Pinguin. Mit verzogenem Nachwuchs, der jetzt schon mit 11 Jahren das gelangweilte Erbengesicht von jemandem spazieren trägt, der nie um etwas wird kämpfen müssen. Haben nicht reserviert. Verstehen nicht, warum nicht einer vom Pöbel, ich in meinen schmutzigen Chucks zum Beispiel, unverzüglich aus diesem Raum entfernt oder wenigstens mit anderen in irgendeiner Ecke zusammengepfercht wird, um Platz zu schaffen für die, die alles Recht der Welt haben, jetzt, hier, wenn sie es so entschieden haben, zu speisen. Hat er noch nie erlebt. Sowas. Sagt er. Der Alte. Der Junge kuckt nur blasiert.

Berlin-Mitte. Der Tod wird auch sie treffen. Er möge es beim Scheißen tun.

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dos palillos
Weinmeisterstraße 1
10178 Berlin

Dienstag, 20. November 2012

Verarsch mich doch (2)

Köttbullar

Köttbullar. Ein Wort wie eine Verheißung. Alle pilgern zu IKEA, um diese Klopse zu fressen, das muss ja was besonderes sein, ein neuer Hype, ein ganz heißer Scheiß. Ein Raunen füllt den Raum: Köttbullaaaaaaar ....

Elchfleischbuletten!, munkelt man, Rentierfleischbuletten!, unkt man, jeder isst das jetzt, weil IKEA die Taigaviecher zu Hackepeter verarbeitet nach Deutschland bringt und weil alle IKEA lieben, liebt man auch diese Buletten und hypt gleich wieder. Und die Hotdogs auch. Und die fettigen Haferkekse, die schmecken wie ich nach dem Halbmarathon unter der Achsel.

Lidl hat jetzt auch Köttbullar. Im Tiefkühler.

von Lidl

Köttbullar! Köttbullaaaaar!!! Party on! Endlich auch Köttbullar für den schmaleren Geldbeutel als den für IKEA, gemacht für den Eine-Woche-vor-Monatsende-pleite-Män, der keine Wagenladungen Teelichter, Yukkapalmen und sinnlose Eierköpfer nebst Mozzarellaschneider vom Marktplatzrundgang nach Hause schleppen kann. Köttbullar ole!

Grmpf.

Gulp.

Boar.

Schmecken die kacke.

Hart. Muffig. Leicht säuerlich im Abgang. Irgendwie wie diese eingeschweißten Partybuletten im Kühlregal, die man nur ertragen kann, wenn man sie unter literweise Ketchup und Röstzwiebeln ersäuft oder sie besser gleich dem stinkenden Nachbarshund fürs Vollkotzen der Nachbarswohnung gibt. Oder man wirft sie als Gummibälle an die Wand oder besser noch Prenzlökoveganerkindern in den Kinderwagen, bah, Industriebulettenmuff, ein Duft wie meine Laufschuhe nach dem Sommervolkslauf auf dem Tempelhofer Feld bei 32 Grad. Uargh. Und ich wette, bei IKEA schmecken die kaum besser, nur merkt das wieder keiner weil Hype.

Und überhaupt: Kein Elch. Kein Rentier. Sagt die Packung. Nur Schwein und ein wenig Rind. Wahrscheinlich nur wieder alles das drin, was dringend weg muss, neuer Name drauf, Köttbullar!!!, und ab damit in die Tiefkühltruhe bei Lidl, auf dass sich ein Depp findet, der das kauft. Für den doppelten Preis als der von den stinkenden Industriebuletten, bei denen nicht Köttbullar, Köttbullar!!!!!1, auf der Packung steht.

Danke. Hab ich gekauft! Freut euch nen Keks. Party on. Du bist der Geilste, Lidl. Mehr davon! Verarsch mich doch.


Montag, 19. November 2012

Von Parktaschen zu Quarktaschen

Gethsemanestraße


Wollen sie etwa immer noch ihre Spielstraße mitten im Kiez haben? Geben sie immer noch nicht auf?

Wie sich die Zeiten ändern. Früher haben sich die gelangweilten und von ihren Ehemännern alimentierten FDP-Honoratiorengattinen im Lions-Club um die Neubeaschung des Tennisplatzes, die Sanierung des Reitstalls oder um verwaiste Rassehundebabies gekümmert, um irgendwas zu haben, was ein wenig Abwechslung in den faden Alltag zwischen Spülmaschine und Bettenmachen bringt, irgendwas, was dem traurigen Dahinsiechen vielleicht doch noch mal ein kleines Stück Sinn verleiht bevor man irgendwann die Hufe hochlegt. Das taten sie üblicherweise im Verborgenen und ohne irgendwelche Mitmenschen außerhalb von Charity-Veranstaltungen mit ihrer Freizeitbeschäftigung zu belästigen.

Die grün-wählenden Mütterchen Prenzlauer Bergs - nicht minder gelangweilt - ticken da anders. Von wem auch immer alimentiert sitzen sie mit ihren Gören sinnsuchend im pastellfarben sanierten Altbau herum und suchen krampfthaft Themen, zu denen sie sich zum Wohle ihrer selbst und ihres Wurfes mit einer größtmöglichen Außenwirkung einbringen können:

Im Mauerpark wollen sie keine Bebauung, oder ein wenig Bebauung, nachhaltige Bebauung, halbe Bebauung, viertel Bebauung, es wird diskutiert, gesabbelt, sich die Hirnrinde blutig gequatscht und seit Jahren kommt nichts dabei heraus - außer einer Menge Flugblätter, eine Website und fünfzehntausend verschiedene Meinungen wie es weiter gehen soll.

In der Kastanienallee wollten sie aus irgendwelchen Gründen nicht, dass die Bürgersteige erneuert werden, deswegen gab es dort Kinderfeste und wieder jede Menge Protest-Flugblätter. K 21 nannte man den Protest dort anbiedernd an die Stuttgarter Heimat, als ob es das besser machen würde.

Vom Helmholtzplatz wird berichtet, dass sich berufsbetroffene Eltern zu einer Initiative zusammengeschlossen haben, um die drei letzten öffentlichen Alkoholiker Prenzlauer Bergs von ihrer angestammten Tischtennisplatte zu vertreiben, weil das zu offene Zurschaustellen gesellschaftlichen Elends die Kinder in ihrer Entwicklung stören könnte.

Und die nächste Initiative kämpft vehement gegen jegliche Pläne, die Öko-Brut aus Bionadeland mit den Kindern muselmanischer Migranten aus dem Wedding einzuschulen, weil man Multikulti nur gut findet, wenn es ohne Beteiligung des eigenen Nachwuchses irgendwo in der prekären Suppe unterprivilegierter Bezirke stattfindet.

Zuletzt wollen sie nun aus der guten alten Gethsemanestraße rund um die gleichnamige Kirche eine Spielstraße machen, um ihren Bälgern noch mehr Raum in diesem bezirksweiten Kinderparadies zu schaffen. Spielplätze reichen nicht, Mauerpark, Erich-Weinert-Park, alle anderen Parks sowie Sandkästen im Innenhof auch nicht, es muss jetzt auch noch die Straße sein.

Wutbürger nennt man sie seit neuestem. Ich nenne sie Nervensägen.

Und so labern sie sich neben mir auf der Sitzbank des Kinderspielplatzes die Lippen in Fetzen: Spielplätze, Buddelkästen, Kindercafes, Pekip-Gruppen, Kinderyogatanzaufführungen auf dem Falkplatz, Kinder-Parkranger im Mauerpark, die Welt ist nicht genug, es muss noch mehr Raum her, nämlich genau der um die ehrwürdige Gethsemanekirche herum, die für all das, was in ihrem Umfeld und in ihrem Namen so gefordert wird, am allerwenigsten kann.

Spielstraße. Spielstraße. Spielstraße. Mir bluten die Ohren. Ich habe ein Kind und ich will eure Spielstraße nicht. Das Kind lernt, eine Straße möglichst schnell zu überqueren, niemals darauf zu spielen und sich ansonsten vor euren Fahrrädern auf dem Bürgersteig in Acht zu nehmen.

Und die arme Gethsemanekirche würde, wenn sie denn könnte, bestimmt liebend gern einfach abhauen vor diesen ganzen eingewanderten Langweilern, die den Prenzlauer Berg mit ihrer heilig-ernsten Vehemenz am liebsten genauso nachhaltig befrieden würden wie dieses Provinznest, in dem sie aufgewachsen und vor dem sie einst in die Hauptstadt geflohen sind, um es hier dann genauso zu machen.

"Schwerter zu Pflugscharen" hing mal am Zaun der Kirche, zu einer Zeit, als die Stasi die Aufrechten durch die Stargarder Straße gejagt hat, jene, die eine bessere Welt wollten und heute schon lange nicht mehr hier wohnen, jene, die Platz machen mussten für latteschlürfende Egomanen, Großmäuler, Fahrradnazis und Gebärzombies mit eiskaltem von-der-Leyen-Grinsen, die nun "Parkplätze zu Spielstraßen" an den Zaun hängen und mit salafistischem Eifer vor einer evangelischen Kirche ihre alt-neue katholische Heilslehre verbreiten: Seid fruchtbar und mehret euch!


Sonntag, 18. November 2012

Umbau oder nicht Umbau - wer will das wissen...

geschlossen


Crap. Der Prenzkebab hat zu. Schon seit Wochen. Der letzte Dönerimbiss in der Pappelallee, der letzte Hackfleischspießkackverwurster, der sich hier noch hielt, ist gegangen.

Schließt.

Vorübergehend.

Wegen Umbau?

- Was?

Wegen Umbau?

- Wie wegen Umbau?

Das war eine Frage.

Ja, wegen Umbau? Man weiß es nicht, vielleicht auch wegen Tiefnebel, Flugschnee, S-Bahn verpasst, Kind krank, als Folge des Hurrikans Sandy oder aus Solidarität mit dem geschlossenen Knaack-Club, nichts genaues weiß man nicht.

Meist ist der Umbau nur vorgeschoben und man eröffnet kurze Zeit darauf als irgendetwas Neues neu, der Pakistani wird ein Inder (kann eh keiner unterscheiden), der Nepalese wird ein Vietnamese (auch das nicht) oder aus der Siffkneipe wird ein Yogazentrum (die Regelumwidmung von Ladenflächen in Prenzlauer Berg).

Prenzkebab ist aber auch ein selten beschissener Name. Wenn schon P, dann hätte ich Pappelkebab genommen, klingt weicher, wenn auch so ziemlich genauso bescheuert.

Prenzkebab ist also zu. Wegen Umbau? Mal sehen was wird, ich plädiere für die Neueröffnung als Prenzcafe oder Prenzbioladen oder mindestens Prenzpilates.

Prenzpilates ist gut. Ist dann auch eine Alliteration und Alliterationen lieben sie hier in Bionadeland, gerne in Kombination mit Deppenapostroph: Susanne's Suppen Stube (Bio!), Thorben's Tee Treff (Mate!) oder eben Patrick's Prenzl Pilates (Nur echt mit Sri Chinmoy!).

Prenzkebab! Mach wieder auf. Bitte. Ich will noch ein paar Siffläden hier sehen, noch ein wenig prekären Döner mit kaltem Gemüse im Keksbrot, ein paar letzte piepsende Daddelautomaten, an denen die letzten Hartz IV-Empfänger der Gegend ihre Stütze verballern, und unbedingt die Palette Sechserträger Becks neben den Kisten Sternburger am Fenster, ohne das alles ist es kein durchschnittlicher Doofdönerstützpunkt dieser Stadt.

Also: Mach wieder auf. Bitte. Du wirst gebraucht.


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Prenzkebab
Pappelallee 55
10437 Berlin


Samstag, 17. November 2012

Zeit für Werbung (1) - Stadt Land Fluß

Stadt Land Fluß

In Prenzlauer Berg kann man auch gut essen.

Die ebenso unvermeidliche wie unaufhaltsame Verschnöselung des von Snobs schon jetzt so gepeinigten Prenzlauer Bergs hat auch seine Vorteile: Die Restaurants werden besser. Man bekommt einfach besseres Essen. Wenn man es bezahlen kann.

Die Pappelallee mausert sich so langsam zur kulinarischen Edelmeile, die Pizzen werden italienischer, das Sushi muss mindestens vom japanischen Sushimeister, der 7 Jahre in Knechtschaft hungernd, darbend, gepeitscht und gepeinigt einsam, nackt und frierend im Schnee auf einem Berg in Nippon vegetieren musste, bevor er sich Sushimeister nennen durfte, hergestellt werden, das Brot ist jetzt selbstgeschrotet und von Sri Chinmoys Stimme vom Band besungen, die Döner sind verschwunden und die letzten Sauf-mich-weg-Happy-Hour-blöde-Touristen-Abfüllstationen werden ihnen bald folgen.

Stadt. Land. Fluss. So richtig habe ich das Konzept noch nicht verstanden. Man bietet Kulinarisches aus der Stadt, vom Land und aus dem Fluß an, nur nicht mittags, da gibt es Fusionküche aus allem.

Sehr gut ist das hier, sehr gut: Perfektes Fleisch von ausgesuchter Qualität, perfekte Beilagen, egal was es gibt, ausgesprochen freundlicher Service und eine stimmige, wenn auch zu meiner Freude nicht zu ausgeflippte Weinauswahl. Trollinger meets Lemberger meets Chianti meets Grauburgunder.

Prima. Ein gutes Lokal.

Nur satt wird man nicht. Für knapp unter 20 Euro pro Hauptgericht. Die Portionen sind überschaubar, man sollte, wenn man das Kleingeld dazu hat, Vor- und Nachspeise mit einbauen, dann könnte es für ein Mittagessen reichen. Allerdings wird man dann mit zwei Personen schnell dreistellig. Immer geht das nicht. Zumindest nicht für den Am-unteren-Ende-der-Skala-Verdiener von Prenzlauer Berg.

Ja. Gut. Das muss jetzt wohl so sein, hier auf der Pappelallee, der kommenden kulinarischen Edelmeile, von der man noch viel hören wird.


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Stadt Land Fluß
Pappelallee 65
10437 Berlin

Freitag, 16. November 2012

Von Whisky und Blumenrabatten

Blumenrabatte

Das DOORS ist eine schlunzige Kneipe mit schlunzigen Drinks, von der schlunzige Poster längst verschlunzter Rockstars von den Wänden schlunzen. In der Knaackstraße. Ja, genau dort. Kein Scheiß.

Solche Bars sind selten geworden in Prenzlauer Berg, denn sie vertreten einen Lebensstil, den man hier bezirksweit bekämpft: Es wird geraucht, es wird gesoffen, es wird gehurt, es wird gelebt. Und aus den Lautsprechern tönt Ton Steine Scherben. Revolutionsmucke. Macht kaputt was euch kaputt macht. Keine Macht für niemand. Eher brennt die BVG. Das ist unser Haus. Mensch Meier, das klingt so witzig unpassend inmitten dieser kunterbunt restaurierten Kollwitzkiez-Altbaufassaden-Legeolandhölle, hinter denen die schon satt auf die Welt gekommenen Söhne und Töchter ihre Alimente in Psychopharmaka anlegen und Angst davor haben, jemals mit der U-Bahn östlicher als zur Frankfurter Allee fahren zu müssen, weil es dort noch Ostdeutsche gibt, denen man begegnen könnte.

Das DOORS ist eines der letzten seiner Art. Das war mal anders. Deutlich anders. Kellerkneipen, Assischuppen, Bierschwemmen, Kifferhöllen, Schlunzstraßen. 

Heute Pastell, Bio, Mangolassi, besungenes Trockenobst, Blumenrabatte. Und Pilates.

Nein, schön hier im DOORS. Ein wenig alt-kreuzberger oder spät-prenzlauerberger Revolutionsromantik in Bionadeland, ein speckiger Stinkefinger für die, die angekommen sind. Satt sind. Die Rucolafresser. Ein Ort, um die grünen Spießer vielleicht doch noch ein letztesmal ein wenig zu verstören, bevor sie hier eine ayurvedische Heilsteinyoga-Selbsthilfegruppekita nach den Lehren von Sri Chinmoy reingentrifizieren, diese Mülltrenner, die schon so lange nicht mehr wissen was Leben ist. 

Leben. Wird so sein, dass die länger leben als wir, aber wir haben mehr Spaß und pissen in unserem Whiskysuff in ihre blöden bunten Blumenrabatte, wo sie ihre selbstbesungene Kresse züchten. Ya basta! Punkrock. Blumenrabatte bewässern als letzter Akt der Rebellion auf einem bezirksweiten Friedhof, der schon viel lange nur noch Fassade ist.


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DOORS
Knaackstr. 94
10435 Berlin 


Donnerstag, 15. November 2012

Von Payback bis nach Tegel

Fragen Fragen immer nur Fragen


Jeden Tag wieder. Real. Kasse. Ich. Und Kassenkraft. Piep. Piep. Piep. Der Scanner spielt sein Lied. Tralala. Der Kasper, der ist wieder da.
Aber ich kann nicht mehr. Paybackneurose. Akut. Final. Chronisch. Jeden Mittag habe ich mir dort mein Mittagessen geholt und jeden Mittag musste ich eine Frage beantworten:
"Haben Sie eine Payback-Karte?"
Das habe ich anfangs noch mit einem freundlichen Lächeln quittiert und natürlich verneint, da ich es ablehne, dass ein großer Bruder mein Einkaufsverhalten speichert und analysiert, mich dafür mit Werbung zumüllt und im Gegenzug mit schäbigen Prämien auf Tchibo-Niveau sediert.
"Haben Sie eine Payback-Karte?"
In den darauf folgenden Wochen glich mein Lächeln immer mehr einem gequälten Grinsen, optisch muss es dem Clown aus Stephen Kings "Es" oder der Grinsekatze aus Alice im Wunderland ähnlich gesehen haben, denn immer mehr Kassenkräfte schauten entsetzt bis angewidert bis panisch. Trotzdem stellten sie brav ihre Fragen, die ich ebenso brav zwischen krampfartig zusammengebissenen Zähnen unter zuckendem Augenlid beantwortete.
"Haben Sie eine Payback-Karte?"
"Nein, danke der Nachfrage, ich habe keine Payback-Karte. Ich möchte auch keine, weil ich nicht will, dass eine Datenkrake weiß, was ich wann einkaufe, um daraus ein Einkaufsprofil zu erstellen, auf das irgendwann wahrscheinlich meine Krankenkasse, das Bezirksamt Pankow, die GEZ, Finanzamt, mein verdammter Chef und Wolfgang Schäuble Zugriff haben."  
Entsetztes Starren. Schon wieder. Dazu ein Blick ähnlichem jenem, den Fahrgäste der Berliner S-Bahn dem Penner zuwerfen, der jeden Tag auf dem Ring lautstark und mit fortschreitendem Tag in immer schlechterem Deutsch seine Anklage an die Welt vorträgt während die Schmeißfliegen neben ihm tot von den speckigen Fenstern fallen weil sie nicht mehr atmen können.
"Haben Sie eine Payback-Karte?"
Ich versuchte es mit wirrem Kopfschütteln...
"Haben Sie eine Payback-Karte?"
... bösem Blick ...
"Haben Sie eine Payback-Karte?"
... und absoluter Kommunikationsverweigerung in Form eines grenzdebilen manischen Blicks ins Leere wie ein Junkie auf Tranquilizern.
"Haben Sie eine Payb..."
"Hören Sie zu, ich hasse diese Frage, mir kommt es gerade vor als habe ich noch nichts in meinem Leben so sehr gehasst wie ihre verdammte tägliche Frage, die ich Ihnen dieses Jahr schon mindestens gottverdammte 487 mal beantwortet habe. Ich habe keinen Bock mehr, hören Sie damit auf, ich bin ein nervlicher Gasdruckbehälter und Sie spielen mit einem Feuerzeug an mir herum. Lassen Sie es."
"Haben Sie eine..."
"Hören Sie BITTE zu. Das ist Ihre letzte Chance. Ich habe keine verdammte Payback-Karte, lassen Sie in Gottes Namen endlich die Fragerei. Morgen komme ich wieder und wenn ich dann auch nur noch ein einzges Mal diese scheiß Frage höre, dann weiß ich nicht was passieren wird."
"Haben Sie..."
(...)
Ja gut, hier in der JVA Tegel ist es eigentlich auch ganz schön. Ich bekomme jeden Tag zu essen, habe eine Glotze in der Zelle und keiner - nicht mal mein Kumpel Olaf, der Wärter - will wissen, ob ich eine Payback-Karte habe. Nur in den Mauerpark würde ich gern mal wieder gehen, aber das wird wohl die nächsten 15 Jahre nichts.

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Dieser Beitrag erschien zuerst am 2 Februar 2010 bei www.qype.de.

Mittwoch, 14. November 2012

Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Honk (3)

st.Gaudy Cafe Gaudystraße

Ich sitze im st.Gaudy inmitten der üblichen Sperrmüllmöbel auf einer alten Couch, die Leben atmet, und fühle mich wohl. Gerade habe ich eines der besten Stücke Kuchen gegessen, das in dieser Gegend für Geld zu erwerben ist, trank einen der besten Kaffees dazu, den man hier in dieser mandelsirup-latte-ficki-fackichino-verseuchten Gegend bekommen kann und freue mich, dass ich noch lebe und mir heute noch niemand auf die Nerven gegangen ist.

Es geht mir gut.

Dann folgt der Auftritt des Honks. Ray-Ban-Sonnenbrille. Mokassins. Flanellshorts. Zuhältervisage. Bankergrinsen. Ein Unsympath aus dem Lehrbuch für Unsympathen.

"Moin! Ick will wat essen! Wat gibt'sn hier? Nur Veggie? Wat nur Veggie? Überall Veggie, mann, gibt's doch nicht, ick will Fleisch. Hörste? Fleeeeiiiisch! Nicht mal nen Burger? Wie Veggie-Burger? Maaaaaaann Alter, Fleisch muss her, ihr könnt doch alle nicht genießen, Fleisch ist Genuss. Leben! Wie Sex! Ficken! Hörste? Mann, ja, mir doch egal, bring mir doch den Veggie-Burger, mann, mir auch egal jetz!"

Dreht sich um und tritt ab.

Der fällige Karmapunkteabzug würde nicht mal mehr auf einen Taschenrechner passen. Im nächsten Leben ist der Typ eine Mikrobe. Oder ein Darmbakterium. 

Dass der englischsprachige Tresentyp mit Sicherheit nur ein Drittel der grässlichen Tirade mitgeschnitten hat: Geschenkt.

Und ja. Natürlich. Herzlichen Glückwunsch, my dear, es ward ein Honk geboren.

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st. Gaudy Cafe
Gaudystr. 1
10437 Berlin 


Dienstag, 13. November 2012

Amnesty drückt jetzt auch

Drückerkolonne

Ja, schade, da sind sie, die Drücker von Amnesty, und sie machen mich so traurig.

Warschauer Brücke, einmal auf dem Bürgersteig rechts, einmal gegenüber auf dem anderen Bürgersteig, man kann also gar nicht ausweichen, wenn man Richtung Frankfurter Allee will, außer man hangelt sich an den Oberleitungen über die Gleise und schlägt sich durch das Gebüsch zur Revaler durch. Fuck. Also Augen zusammengekniffen, Gesicht "Bogdan der Türsteher" aufgesetzt und den Versuch gestartet, durchzubrechen durch die feindlichen Linien, aber da kommt er auch schon angerannt, der Erste, er hat mich fixiert, angepeilt und jetzt beißt er zu, leicht hüpfend, patschehändchenwedelnd, armwinkend, gestikulierend, als treffe er gerade einen alten Freund wieder, der als verschollen im ewigen Eis galt: "HAAAAAALLLLLOOOOOO DUUUUUUUU-HUUUUUUUU! Willst du nicht blablablaseierseier" salbadert er und stellt sich mitten in den Weg als würde er erwarten, dass ich dann sage "Hey, cool, wer hätte das gedacht? Ein Arschloch, das sich mir wedelnd und winkend mitten in den Weg stellt, toll, das find ich so gut, dass ich jetzt gleich eine Knebellastschrift bei Amnesty abschließe. Saug mich aus. Ja. Bitte. Ich brauch das." 

"Tut mir leid, ich hör Sie nicht" sage ich aber leider nur und zeige pflichtschuldig auf meine Kopfhörer, aus denen zwar gerade nur eine ruhige Anfangssequenz von Apocalyptica läuft, aber das weiß der ja nicht.

Er weiß auch offenbar nicht, dass das Nötigung ist, was er da macht.

Amnesty finde ich gut, prinzipiell, muss man ja, auch wenn sie sich gerne mal vor den Karren in Kirchen marodierender Pussys spannen lassen, die im Internet Klicks verkaufen wollten und sich ein wenig verspekuliert haben, nein, Amnesty ist gut, aber Drücker sind zum Kotzen. Zeitungs-Drücker. Tierschutz-Drücker. Rotes-Kreuz-Drücker. Malteser-Drücker. Jakobiner-Drücker. Und jetzt seit Neuestem auch Amnesty-Drücker. Immer wedelnd, immer hüpfend, immer winkend und immer mit dieser ekelhaften aufgesetzten guten Laune, von der ich endlose schlechte Laune bekomme. Wo sind nur Berlins durchgeknallte Gehwegradler, wenn man sie mal braucht?

Ich gebe gern, ich gebe oft, ich gebe, wenn ich kann, aber immer nur an Leute, die mich nicht nerven. Ich gebe nicht an rumänische Lautenspieler in der Bahn, die lauter Lauten spielen als mein Player im Ohr, nicht an Straßenzeitungverkäufer, die mich beim Essen stressen, nicht an S-Bahn-Siffer, die mich vor dem Schnorren schon beschimpfen und definitiv niemals an Drücker, die meinen, Frontalstressmarketing mit Brechstange und Vorschlaghammer ließe sich mit hohen moralischen Zielen vereinbaren. Nein. Ich unterstütze das nicht. Willkommen auf meiner Blacklist, Amnesty. Von mir ab heute nichts mehr.

Ja, schade, ich sah sie, die Drücker von Amnesty. Und sie machten mich so traurig. Tief kann man sinken.


Montag, 12. November 2012

Starfucking myself

Hackescher Markt

Berlin-Mitte. Hackescher Markt. Starbucks. Ein Blick auf die Auslagen und ich muss lachen. Nur Amis schaffen es, den Deutschen den eigenen Scheißdreck zum dreifachen Preis zu verkaufen.
Ich sehe ein lumpiges Stückchen Käsekuchen, ein lächerlich winziges Exemplar eines Lebkuchens, eine obszön kleine dünne Scheibe Marmorkuchen und irgendwelche dahergelaufenen Allerweltskekse für einen irrwitzigen Preis, für den Oma selig früher fünf Bleche gebacken hätte. Dazu noch Stullen. Mit Wurst und Käse und so. Doppelt so teuer wie die Stullen vom Bäcker am Bahnhof. Wahrscheinlich sind in den Preisen noch die Reparationsansprüche der beiden Weltkriege und der Varusschlacht einkalkuliert.

Wer kehrt dort eigentlich ein? Wer bezahlt dafür freiwillig so viel? Ist das so ein Schnöseltum wie wenn man mit einem Mont Blanc-Kuli schreibt, Hugo Boss-Unterhosen trägt, bei der Hofpfisterei importiertes münchner Brot kauft oder ein iPhone besitzt? Kann man missgünstige Zeitgenossen wirklich grün vor Neid werden lassen, wenn man vor seinem 5,40 € - Latte-Wochino-Thai-White-Chocolate-Fudge-Fusion-Hong-Kong-Pfui-Smoothie sitzt, in sein Goldstaub-Käsebrötchen beißt während man auf seinem Macbook rumtippt?

Hilft ja nix. Die Arbeit ruft:

"Willkommen bei Starbucks, ich bin Felix, was darf ich für dich tun?"

"Kaffee bitte."

"Welchen Flavour?"

"Kein Geschmack, nur Kaffee. Schwarz."

"Tall, Grande oder Venti?"

"Bitte wie?"

"Tall, Grande oder Venti?"

"Was zum Henker? Venti? Vidi? Vici? Einen kleinen Kaffee bitte…."

"Also Tall."

"Nein. Klein. Bitte."

"Tall."

"Nee, klein."

"Ja, Tall. Tall ist klein."

"Seufz. Ich verstehe Sie nicht. Also Tall, meinetwegen, ja."

"Was willst du drin haben? Sahne? Vollmilch? Magermilch? Lactosefrei oder Soja?"

"Nix. Schwarz."

"Togo?"

"Seufz. Nein nicht zum Mitnehmen."

"Dann brauche ich noch deinen Namen bitte."

"Gerne: KackApfelFisch."

Grmpf. Echt mal. Ami-Scheiß. Franchise-Freundlichkeit. Dauergrinsende Konzeptheuchelei in Du-Form. Einstudierte gute Laune zum Abgewöhnen. Oder zum Wegrennen. Würgen auch.

Ich setze mich hin und hänge meinen Gedanken nach. Im Zuge der fundamental-christlichen Reconquista der Vereinigten Staaten hat die Starbucks-Meerjungfrau bedauerlicherweise ihre Titten verloren beziehungsweise verhüllt diese jetzt züchtig mit ihren Haaren. Seltsam, die Welt ist im Wandel, unbemerkt, zwischen den Zeilen, schleichend quasi, rollen neue religiöse Zeiten heran, die sich im Alltag einnisten – vom nahen Osten her die Islamisierung, vom fernen Westen die Re-Christianisierung. Dumm, wenn man mittendrin sitzt.

Ich versuche, mich abzulenken und schaue mich um. Im Starbucks am Hackeschen Markt sitzen erwartungsgemäß die versammelten Unsympathen Berlins herum und sind wichtig: Die Steuergeldverbrenner in Nadelstreifen verschiedener Banken, die Versicherungsdrücker und Immobilienhaie, Bürohengste und Kofferträger, all die vielen Großmäuler und Kleingeister, gelangweilte Mitte-Hausfrauen mit und hektische Medienschaffende ohne Nachwuchs, maskenhafte Kader-Loth-Lookalikes und schmalzige Lanz-Karikaturen, dazwischen laut krähende Touristen aus aller Welt, die diese künstliche Theaterkulisse hier für das wahre Berlin halten. Wahnsinn, alle an einem Ort, Kartoffelsack drüber, zubinden, alle drin.

"KACKAPFELFIHIIIISCH!"

Ich springe auf. "JAWOLL! SIR! MARINE CORPS! DIE BESTEN DER BESTEN DER BESTEN! SIR! CHANGE I CAN BELIEVE IN! IN GOD I TRUST!"

... und nehme lachend meinen beschissenen Kaffee in Empfang während mich Augenpaare um Augenpaare entsetzt anstarren wie einen entflohenen Irren aus der Klapse, der einen Aluminiumhut trägt und sich gerade mit Erdnussbutter einschmiert.

Ja, in solchen Momenten werde ich fremd mit einer Umgebung, in der ich lausigen schwarzen Kaffee trinken muss, der geschmacklich nicht mal über den aus meiner lausigen Senseomaschine hinauskommt, für den ich aber den Gegenwert eines guten Mittagessens im Wedding hinlege.

Ich bin hier nicht oft, aber wenn, dann will ich hier weg.


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Starbucks
Rosenthaler Str. 40/41
10178 Berlin

Dieser Beitrag erschien zuerst am 10 Mai 2011 auf www.qype.de.

Sonntag, 11. November 2012

Teewurstparty in der Schülerdisco

Kulturbrauerei

Alte Kantine in der Kulturbrauerei. Ich bin der Älteste heute hier. Um mich herum nur BWL-Gesichter, Veteranen der letzten Böhse-Onkelz-Kinderglatzenparty irgendwo an der polnischen Grenze, Milchbubis, unsichere auftoupierte minderjährige Mädchen, die den lässig-arroganten Blick üben, den sie in ihren späteren Jahren fürs Adagio brauchen werden.

Musik wie vor 15 Jahren, Spin Doctors, Blur, Bob Geldorf, The Cure, The Stranglers, Nirvana, Pearl Jam, gibt es heute keine gute neue Musik mehr? Die spielen immer noch den alten Kram von früher, wahrscheinlich in der gleichen Reihenfolge wie damals. Dann kommt Rage Against The Machine. Mit dem Evergreen "Killing in the name of. Fuck you I won't do what you tell me." Ich beiße mir die Lippen blutig, um nicht laut loszulachen, als die BWL-Gesichter mit ihren H&M-Hemdkragen und ihrem Schwarzkopf-Powergel in den Haaren anfangen zu hüpfen und die Revolution herbeischreien. Es geht nicht mehr grotesker.

Und morgen schmiert Mami wieder die Stulle für die Uni. Teewurst. Mochte der Junge schon als kleines Kind so gerne.

Killing in the name of.

Boom.

Ich schütte Whisky in mich hinein, es gibt keinen guten. Bourbon, Bourbon und nochmal Bourbon. Jim, Jack und Johnny. Furchtbar. Ganz hinten im Eck steht jedoch tatsächlich eine Flasche Tullamore, mit Staubschicht, die hab ich für mich abonniert. Wer auch immer die von der Millenniumsfeier übriggelassen hat, ich sauf die aus. 5,50 der dreifache. Unschlagbar. Möchten Sie Eis dazu? Nein, um Gottes Willen bitte kein Eis, nur ein Glas Wasser, aber danke fürs Siezen. Göre.

Es wird Tag, der Großteil der Teenager sieht jetzt sehr verstrahlt aus, derangiert, schief irgendwie und baggert in der männlichen Variante alles an, was auch nur am entferntesten nach Frau aussieht und versucht in der weiblichen Variante immer noch, lässig mit arrogant zu kombinieren, um möglichst nicht angesprochen zu werden. Herrlich. Auch das war früher schon so. Some things never change.

Als es hell wird, wanke ich zur Tür hinaus und ein alter Mann kommt mir entgegen. Ich bin sehr erleichtert, dass es sich nicht um mein Spiegelbild handelt, sondern tatsächlich um einen wirklich alten Mann. Wahrscheinlich auf der Suche nach seiner Tochter, die nicht wie vereinbart um Mitternacht zuhause war. Das waren noch Zeiten.

Der Morgen dämmert. Tschüss, Alte Kantine, ich bin jetzt rausgewachsen, aber du immer noch so wie du immer warst und immer sein werden wirst, du alte lustige Schülerdisco. Mach weiter so.


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Alte Kantine in der Kulturbrauerei
Knaackstraße 97
10435 Berlin 

Samstag, 10. November 2012

Verarsch mich doch (1)

Chucks

Ich will neue Chucks. Also die Geilen. Die Edlen. Die Weißen. In Leder. Die Limited Edition exklusiv für Foot Locker. Snobistischer Punkrock sozusagen.

Prenzlauer Berg. Ausverkauft. In meiner Größe ausverkauft. Als einzige Größe. Alle anderen gibt es noch, meine unheimlich seltene Größe 44,5 nicht mehr. Irre, ist mein Tag heute. Der hippe freshe Foot Locker Licker Lafer Lecker telefoniert sich durch Berlin und überrascht mich mit der Nachricht, dass Neukölln, Karl-Marx-Straße, noch ein Exemplar hat.

U-Bahnhof Karl-Marx-Straße. Neukölln.

Völlig ausgehungert jette ich den Bahnsteig entlang, ein bierbäuchiger bärtiger rumänischer Wanderziehharmonikatrompetenspieler stellt sich mir in den Weg und will mein Geld, ich täusche rechts an und schlage dann den Haken links, alte Routine, verlernt man nie.

Ich atme tief ein, endlich wieder Neukölln, Siff, Grind, Schorf, zerstörte Träume. Wenn man aus Prenzlauer Berg kommt, ist man immer so ausgehungert nach dem echten Leben, dem kaputten, schiefen, gebrochenen, dem Leben jenseits von pastellfarben angemalten pilatesschwangeren Altbauten und fair gehandelter von Pekip-Kindern selbst besungener Biokresse aus Feldenkrais-Feng-Shui-Waldorf-Dachgeschoßwohnungen. Argh.

Delirium. Völlig angefickt rase ich in den Foot Locker.

"Haadcchchzzzpfchucks!" und schnaufe wie eine Krebslunge.

"Ich will die Chucks" soll das heißen, jeder Blinde würde das sofort spüren, denn ich rieche schon ganz streng vor Aufregung und schwitze wie ein Olm, so geil bin ich auf die weißen Chucks in meinen zittrigen Händen. Der Verkäufer wittert Blut, erfasst die Situation in Hundertstelsekunden und schaltet sofort um auf Verkäufermodus nebst Über-den-Tisch-zieh-Turbo. Die Chucks hat er ja schon an mich verkauft ohne was dafür zu tun.

"Sie brauchen dieses Pflegegel, sonst geht Ihnen das Leder von den Chucks kaputt. Ist auch gut zum Reinigen, wenn die mal dreckig werden."

Oh nein, denke ich, die guten Chucks, eben noch gekauft und morgen schon zerfetzt, die ledrige Haut eingerissen, alles tot, unbrauchbar, das Ende ist nah, sie werden alle sterben.

"Weiß wird ja auch so schnell speckig und dreckig, das kriegen Sie mit dem Gel weg dann."

Ich taumele.

"Na, wenn Sie schon 79 Euro für die Chucks ausgeben, sollten Sie auch 7,99 in das Pflegegel investieren. So haben Sie länger was davon."

Er zieht die Daumenschrauben an. Ich habe Schmerzen bei dem Gedanken, dass meine Knauserei schuld am Leiden und schlussendlichen Tod meiner neuen Chucks sein wird...

"Wär ja wirklich schade drum um die schönen ..."

Ich falle. Was kostet die Welt, ich kämpfe gar nicht erst sondern knicke gleich ein, kapituliere, strecke die Waffen und kaufe das gottverdammte Gel.



Es ist scheiße.

Man muss die Bürste vorne auf den Schuh draufdrücken, damit was rauskommt, also das Gegenteil davon, was die Intuition sagt, die sagt nämlich "Hintendraufdrücken wie bei einer Zahnpastatube" - aber da passiert gar nix und es kommt nur was raus, wenn man ganz fest draufdrückt, so dass man ein Bürstenmuster im Leder hat. Kacke. Das ist doch krank. Saubermachen tut das Ding auch nicht, es verschmiert den Dreck über die ganze weiße Fläche auf der man rubbelt und trocknet dann schnell an. Scheißdreck. Und dann braucht man Küchentücher und Wasser um den ganzen Schmadder wieder von den Schuhen zu bekommen.

Und auf meiner Schulter sitzt ein kleines Arschloch und lacht mich aus: "Wasser und Küchentücher. Haha, das hätteste auch billiger haben können. Wasser kommt aus dem Wasserhahn - deswegen heißt der so - und Küchentücher hängen an deiner Wand, haha, damit gehen Schuhe prinzipiell auch sauber, für umme, hohoho, ganz ohne 7,99 für ein sinnloses Gel! Die lachen sich da bei Foot Lafer Lichter Lecker bestimmt noch die nächsten 200 Jahre über Dich tot und hängen sich ein Porträt von Dir in den "Depp des Jahres"-Rahmen auf das Klo und jeder darf seine Popel auf dich schmieren. Du bist so blöd dass meine Arschritze pfeift."

Und ich kann nicht einmal was dagegen sagen, es hat ja Recht, das kleine Arschloch auf meiner Schulter. Gier frisst Hirn frisst Portemonnaie, so ist es nun mal.


Freitag, 9. November 2012

Netto Ghetto Styler

Discounter

Neonlicht blendet mich. Netto. Lagerhaftstyle. Kalt. Fahl. Doch ich brauch noch einen Kaugummi.

Die Kundschaft ist authentisch-dumpf, an der Kasse lockt ewig der Nahkampf: Von hinten hackt der Hackenfahrer in meine Hacken in seiner ganz eigenen irrtümlichen Annahme, es ginge dadurch schneller voran. Ich versuche, ihm zu erklären, dass es keinen Zusammenhang zwischen Hackenfahren und der Geschwindigkeit des Warenscannens gibt und ernte ein Starren. Ein Koks-Starren. Weit aufgerissene Augen, verkniffener Mund, Modell Robocop IX. Ein Verrückter hier bei Netto, kein Zweifel. Kopfkino: Littleton Schulmassaker.

Weil nichts vorangeht und von hinten immer weiter fleißig Hackenfahrer nachrücken, wird tatsächlich eine weitere Kasse aufgemacht, aber auch das geht nicht ohne Krampf:

Bimmel.

Stille.

Bimmel.

Stille.

"Kassäääääää bitte!"

Stille. "Kassääääääääääää bitte!"

Stille. "KASSE BITTÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄÄ!!!"

Stille.

"Juttaaaaaaa! Mönsch jeh ma anne Kasse verdammich!!"

"Ja, jeht nich."

"Mach jetze! Scheiße!"

"Jeht nicht! Selber Scheiße!"

"Wat jeht'n da nich, Scheiße!"

"Hab die Palette! Scheiße!"

Irgendwann klappt es dann doch mit Jutta, Palette, Scheiße und so. Die Kasse öffnet. Was dann passiert ist Survival of the fittest at its best. Ich habe nur eine Kaugummipackung in der Hand, werde aber von einer Horde Russen mit losen Bierflaschen weggetackelt bevor mich eine Oma mit ihrem irrwitzig vollgemüllten Einkaufswagen anrempelt und an mir vorbeizieht. Die hat zu offensichtlich nur noch wenig Zeit. Der Koks-Starrer fährt mir derweil immer noch in die Hacken, es geht aber immer noch nicht schneller.

Nein, hier unten beim Discounter gibt es keine Freundlichkeit, hier regiert der Ellenbogen. Und sie haben hier keine Zeit. Wichtige Termine. Mit dem Sozialarbeiter. Bewährungshelfer. Mit RTL 2. Oder der eigenen Hand in der Unterbuchse vor dem Monitor.

Ich kann irgendwann meinen Kaugummi zahlen, das geht schnell. Airwaves. Dessen Geschmack schneller verfliegt als ich "Resozialisierung" sagen kann. Etwa so schnell wie ich hier raus bin. Weg von Netto, weg von den Bekloppten. Denn die sind bei Netto. Überproportional. Das war schon immer so. Und das macht mich depressiv.

Aber es ist gut, dass es Netto gibt, der sammelt die alle und dann weiß man wo die sind, wenn man sie mal für eine neue Episode Frauentausch oder Mitten im Leben braucht. Da geht das Casting dann ruck zuck von der Hand. Spart Zeit und Nerven. Jedoch nur für RTL 2. Nicht für mich.


Donnerstag, 8. November 2012

Das Skelett bei Pimkie

Pimkie hat ein Sofa

Pimkie hat ein Sofa.

Dieses Sofa ist für Männer, erschöpft und ausgezehrt von einer Odysee durch Klamottenwüsten wie Promod, Xanaka, New Yorker und Esprit. Männer, die dort nur sitzen und stoisch starren, weil sie alle die Playstation Portable vergessen haben, die man braucht, um das hier ohne psychische Schäden durchzustehen. Es ist ein ein langes Warten - unterbrochen nur von gelegentlichen Diensten als lebender Kleiderbügel - hin und her geschickt zwischen Umkleidekabine und den Oberteilen zunächst in Größe 34, dann 36, 38, später 50.

Da sitzt Oliver, der den Nachmittag mit den Kumpels in der Hertha-Kneipe absagen musste, da der als romantisch verklärte Einkaufsbummel mit gemeinsamen Eisessen statt einer nun schon glatte fünf Stunden dauert - ohne jegliches Eis - und der vor lauter Langeweile die Zierlöcher in der Deckenverkleidung zählt - es sind 4856.

Neben ihm lümmelt Thorsten, der mit einem Besuch in der Daddelecke von Saturn geködert wurde und der nun langsam beginnt zu realisieren, dass daraus heute nichts mehr werden wird, weil er hier erst rauskommt wenn um 19:40 Uhr Gute Zeiten - Schlechte Zeiten anfängt. Thorsten zählt seit acht Stunden die attraktiven Kundinnen bei Pimkie - es sind zwei, eine davon arbeitet an der Kasse.

Und hier sitzt Andreas, an dessen ritterliche Ehre appelliert wurde, auf dem weißen Schimmel den Jahresvorrat Always Ultra Long Plus von Rossmann nach Hause zu reiten, und der sich stattdessen seit sechs Stunden auf dem Sofa bei Pimkie wiederfindet - mit der Jahrespackung Always Ultra Long Plus in der Hand und einem iPhone, dem vor vier Stunden nach zwei Spielstunden Angry Birds der Akku leer lief.

Paul hingegen versucht immer noch verzweifelt, sein zappeliges Stressbalg zu beruhigen, seine Partnerin hat er seit Tagen nicht mehr gesehen, sie verschwand irgendwann zwischen Spaghettiträgern, Leggins und diesen hässlichen aufgeplusterten Lackjacken für Mandys und Schantalle-Schakyras aus Marzahn-Hellersdorf, die es irgendwie aus dem Plattenbau in die Zivilisation geschafft haben. Paul schwitzt sehr und sieht schon desillusioniert dem Schicksal seines Sitznachbarn entgegen:

Dem Skelett.

Dieses Skelett ist schon sehr lange hier - quasi ein Pimkie-Veteran. Es trägt Vollbart, Baggy Pants und G-Star-Sneakers aus dem letzten Jahrzehnt und stinkt auch seit einigen Jahren nicht mehr, in der verknöcherten Hand hält es noch ein BenQ-Handy, auf dem allerdings schon lange kein Tetris mehr läuft. Die Maden sind auch schon seit vielen Monden zu Mango weitergezogen, wo auf einem der sehr unbequemen Hocker ohne Polsterung ein neuer Vergessener verwest.

Und alle warten sie darauf, dass sie irgendwann abgeholt werden oder auf dem Sofa bei Pimkie zu Staub zerfallen.

Requiescat in pace.


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Der Beitrag erschien zuerst am 11. Januar 2011  auf  www.blog.nassrasur.com
 

Mittwoch, 7. November 2012

Pfister my Hof, Darling

Statussymbol

4,85 € für einen halben Laib Brot.

Es will mir nicht in den Kopf. Was ist hier los? Ist das so ein Statussymbolding in Prenzlauer Berg, weil man sich keinen Mercedes vor das ausgebaute Dachgeschoß stellen kann ohne dass er des Nachts von Alkoholikern mit Bier überschüttet, von Touristen bepinkelt und von Linksradikalen angezündet wird? Braucht man unbedingt ein Ersatz-Statussymbol? Trägt man jetzt also tatsächlich irrwitzig überteuertes münchener Brot der Hofpfisterei zur Prada-Handtasche und den Louboutin-Pumps?

4,85 € für einen halben Laib Brot.

Wie läuft das ab? Flaniert Andrea Häberle ganz stolz mit ihrem ganzen Laib "Pfister Öko Sonne" für 9,20 € die Schönhauser Allee auf und ab in der Annahme, dass die Nachbarn hinter den Gardinen lauern und sich ärgern, weil sie sich nur das minderwertige Industriebrot von der fürchterlichen Back Factory für 1,49 € um die Ecke leisten können?

4,85 € für einen halben Laib Brot.

Und lädt man sich abends Freunde ein und reicht statt Antipasti ein paar zusammengeknödelte Brotkrumen "Pfister Öko-Schwabenlaib" auf Zahnstochern, die man dann langsam im Mund zergehen lässt wie Stücke eines Angus-Entrecôtes oder Carpaccio vom Kobe-Rind, das von jungfräulichen Geishas jeden Tag eigens fünf Stunden mit den Arschbacken massiert wurde?

4,85 € für einen halben Laib Brot.

Ich habe Goldnuggets gesucht, Lithium, Seltene Erden. Nix davon drin. Es ist auch keine Schatzkarte eingebacken oder eine versteckte Botschaft von Außerirdischen, die man teuer an die NASA verkaufen könnte. Nix.

4,85 € für einen halben Laib Brot.

Es ist letztlich: Nur Brot. Kein schlechtes - zugegeben, aber doch nur Brot. Es wird genauso schnell trocken und hart und es bildet eine genauso gute Grundlage für Wurst, Käse und Nutella wie das normale günstige Brot vom ganz normalen Bäcker, der keine Sauerteige aus München importiert.

Nur eben: 4,85 € für einen halben Laib Brot.

Nein, auch wenn es sich um von behinderten lesbischen und darüber hinaus einäugigen ADHS-Kindern aus einem Waisenheim in Tadschikistan mit den Füßen gebackenes Brot handeln würde, für das von geweihten Hohepriesterinnen besungene Sonnenblumenkerne und von einer drallen heilsteinbehangenen Sennerin auf einem Alpenabhang kurz vor der österreichischen Grenze in uralten von Sri Chinmoy persönlich gesegneten Biobottichen handgemörsertes Roggenmehl verwendet wird - nein nein und nein. Diese von München nach Berlin gekarrten Brote haben eine CO2-Bilanz wie ein Flugzeugträger, sind also gar nicht Öko und es gibt auch sonst keinen Grund, warum man für einen halben Laib davon 4,85 € ausgeben muss.


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Hofpfisterei
Schönhauser Allee 118a
10439 Berlin