Montag, 31. Dezember 2012

So vergeht der Ruhm der Welt - In Erinnerung an den Knaack-Club

Greifswalder Straße

Ich hab noch eine Rechnung offen. Mit den Investoren. Den Sanierern. Den Zerstörern. Denn sie haben einen Teil meiner Jugend planiert.

Sic transit gloria mundi. Heute ist er auf den Tag genau zwei Jahre tot, der Knaack-Club, in dem viele von uns ihre Jugend verbracht haben. Zeit für einen unfreundlichen Gruß an die, die das zu verantworten haben.

Fast 60 Jahre gab es ihn in Prenzlauer Berg, jeder wusste das, jeder kannte ihn, auch wenn ihn nicht jeder mochte - zu dubios manchmal die Türsteher, zu gymnasiasten- und waldorfschülermäßig das Publikum. Nur die Musik und die Bierpreise waren immer korrekt, drei Floors, drei Stilrichtungen, jeder wie er es mag. Eine Runde Sache - konnte man machen wenn man zwischen 16 und 30 ist und haben deswegen auch viele gemacht.

Im Dezember 2010 war dann Schluss, der Knaack-Club musste schließen. Die DDR hatte er überlebt, gegen den Frontalangriff gentrifizierender Spießgesellen im Verein mit einem schlafmützigen Bezirksamt und sekundiert von einer ignoranten Justiz war er machtlos.

Die Vorgehensweise zur gezielten Abtötung solch eines Traditionshauses unter gleichzeitiger Vermögensmehrung einzelner ist ganz einfach: Kaufen Sie die billigen Filetgrundstücke in einem angesagten Bezirk neben einem bekanntermaßen lärmintensiven Club, bauen Sie dort direkt daneben nagelneue Eigentumswohnungen ohne Schallschutz und verklagen den angrenzenden Club unmittelbar nach Fertigstellung der Baumaßnahmen wegen Lärmbelästigung, weil jetzt natürlich völlig überraschend weder Kind noch Kegel nachts schlafen können, wenn nebenan ein Bass dröhnt, mit dem absolut niemand rechnen konnte.
Behaupten Sie in der Verhandlung, dass sie vorher von überhaupt nichts gewusst haben, ja diese gesundheitsschädliche Nachbarschaft noch nicht einmal erahnen konnten und diese Emission somit völlig überraschend kam, aber nun ja wohl die Tatsachen einmal so sind und Sie ein Recht auf Nachtruhe nach Lärmverordnung haben.
Im Ergebnis werden Ihnen rechtsprechende Schlafmützen dahingehend Recht geben, dass der Club fortan ab 22 Uhr Zimmerlautstärke einzuhalten habe und zwei der drei Floors schließen muss. Freuen Sie sich unmittelbar nach Urteilsverkündung über die zu erwartende nicht unerhebliche Wertsteigerung Ihres Investitionsobjekts. Gratulation.

Das sind die Fakten. So haben sie es gemacht. Zimmerlautstärke. Ab 22 Uhr. Für einen Club, der ab Mitternacht erst so richtig abgeht. In Berlin.

Natürlich, so etwas wie eine fehlende Sperrstunde oder Clubkultur generell kennt man in diesen Provinnestern, aus denen diese Bausparer massenhaft in die Hauptstadt ziehen, gar nicht, sind da doch die Bürgersteige um 22 Uhr in vorauseilendem Gehorsam schon seit sechs Stunden hochgeklappt. Aber kein Kulturschock zugezogener Ignoranten rechtfertigt die zwangsweise flächendeckende Durchsetzung fragwürdig bauerndorfgleichen Flairs in einer Stadt, die sich immer noch gerne als die Kulturmetropole Europas feiern lässt. Es ist ein unfreundlicher Akt.

Und so wird ein Plan verfolgt: Kreuzbieder-provinzielle Friedhofsruhe soll sich wie Mehltau über den ehemaligen Party- und zunehmendem Zipfelmützenbezirk Prenzlauer Berg legen, in dem Herkömmliches und Liebgewonnenes nur noch geduldet wird, wenn es den Investitions- und Individualinteressen einzelner nicht entgegen steht.

Und so klagen sie wie die Weltmeister gegen alles, was diesen Bezirk einmal ausgemacht hat, all diese schönwettertoleranten Biohansel, die sich für Gottes Geschenk an eine gerechtere Welt halten, aber sich mit Händen, Füßen und Privatschulen dagegen wehren, dass ihre Biokinder mit dem prekären Nachwuchs der weddinger Muselmanen ein paar Straßen weiter eingeschult werden.

Prost! Lasst uns mit Karottensaft anstoßen. Auf dass Klein Thorben-Hosea aus der Greifswalder Straße in seiner vollgekackten Biowindel künftig den Schlaf der Seligen schlafen kann und nie mit den kleinen Kopftuchmädchen aus der Unterschicht in die Schule gehen muss.

Man soll aber nicht der Versuchung erliegen, es handele sich ausschließlich um diejenige nach Prenzlauer Berg eingewanderte Sorte von Spießgesellen, die im Mauerpark die Einhaltung der Grillzone vom Balkon aus überwacht und bei jeder Überschreitung im Zentimeterbereich beim Kontaktbereichsbeamten petzt, gezielt mit Kindern Raucherlokale aufsucht, um sich beim Bezirksamt über das Rauchen in eben diesen Raucherlokalen zu beschweren oder Spätis beim Ordnungsamt anzählt, wenn die nach 22 Uhr noch Toilettenpapier verkaufen.

Nein, um die Auswüchse der hierher eingeschleppten und perfekt mit übriggebliebenen Relikten aus Ostzeiten harmonierenden Block- und Volkswart-Mentalität geht es eigentlich nur am Rande. Es geht nur ganz profan um Immobilien und deren Wertsteigerung. Immer schon. Und wenn dies nur durch Verdrängung erreicht werden kann, so wird eben verdrängt – Traditionen und gewachsene Strukturen stören da nur. Mag man gut finden oder auch nicht, legal ist es offenbar.

Sei es drum, sie haben gewonnen, die Verdränger, Bausparer und Kehrwochen-Freaks, im Namen des Volkes sogar und deshalb konnte der Knaack die 60 nicht mehr vollmachen. Es verschwand eine Institution, in der fast jeder (Ost-)Berliner Jugendliche einen Großteil seines Wochenendes bestritten und seines Taschengeldes hingetragen hat, ein lebendiger Ort, an dem auf allen drei Ebenen stets bis zum Morgengrauen getanzt, gesoffen und gesungen wurde.

Viel ist ja ohnehin nicht mehr übrig hier in dieser bleiernen Biowüste. Der Magnet Club verschwand, der Klub der Republik wurde planiert, das Icon plattgemacht und der Duncker-Club, dieses allerletzte blöde Ostrelikt, ist auch schon angezählt, seit man daneben ein steriles bürogebäudeartiges Investitionsobjekt in Arztweiß aus der Architekturhölle hingekackt hat.

Vorläufiges amtliches Endergebnis im Match um die Lufthoheit im Bezirk:

Bionade-Biedermeier 3 - Lebensfreude 0.

Keine Überraschung.

Und der Schiri ist blind.

Und der Fanblock tobt.

Mal sehen wie lange der Duncker-Club noch durchhält. Der hat hier schon lange nichts mehr verloren. Passt mit seiner komischen Hottentotten-Musik und den viel zu günstigen Preisen auch gar nicht mehr hierher in diese ganze weichgezeichnete und pastellfarbene Vorstadthölle - es wird Zeit, dass auch hier endlich mal jemand den Sack zumacht, noch ein paar potthässliche umzäunte Townhouses daneben erbricht und diese Lärmbelästiger dort rausklagt, die hier nur noch die Vorgartenidylle stören.

Und überhaupt: Macht die Kulturbrauerei mit ihrer Alten Kantine, dem Kesselhaus und dem frannz club endlich dicht, wandelt sie in Eigenheim-Lofts um und planiert die Pflastersteine im Innenhof, auf denen die Kinderwägen so schlecht rollen können - auf dass sich endlich Friede und Ruhe in Prenzlauer Berg niederlasse und dieser Bezirk als der erste Friedhof weltweit mit integrierten Spielplätzen in die Geschichte eingeht.

Knaack wants you

Sonntag, 30. Dezember 2012

Jetzt bauen sie ihnen schon Rampen


Im Bezirksamt müssen Sadisten sitzen. Wie kann man sich so etwas anders erklären?
 


Jetzt bauen sie schon Rampen. Für die Fahrräder. Durch die Haltestelle durch. Genau dort durch, wo Leute auf die Bimmelbahn warten. Wofür? Damit man jetzt mit dem Fahrrad schön Anlauf nehmen, kurz abheben und den Fußgänger dann volle Breitseite in den Rücken treffen kann? Fetzt das mehr als sie einfach so ebenerdig auf einem normalen Bürgersteig über den Haufen zu fahren wie sonst?

Ich muss halluzinieren. Das kann doch nicht sein, da können sie doch keine Fahrräder durch ...

... durch die Haltestelle durchleiten ... können sie doch nicht ...



... können sie doch. Mittendurch. Meine Güte, da warten Kinder, Omas, Hunde, die Penner vom Helmholtzplatz. Und ich. Und dort mittendurch leitet man die Fahrradnazis aus Prenzlauer Berg. Die stadtbekannten Terroristen auf zwei Rädern. Lenker trifft Unterarm macht Bluterguss. Pedale trifft Kind macht Tränen. Kennt man ja alles.

Meine Güte, das ist doch vorsätzlich und hat ungefähr die Qualität als wenn ich den Garten der nächstgelegenen Kita zum Auslaufgebiet für die Plattenbau-Pittbulls aus dem Märkischen Viertel deklariere und den überforderten Hundehaltern sage: "Ei Ei Eiapopeia, viel Spaß in der Kita, liebe Pitbullspackos mit viel zu kleinem Penis, hier könnt ihr euch heute austoben, nur bitte heute keine Kinder zerfleischen, ich vertraue euch."

Fahrradnazis. Ihnen gehört der ganze Bezirk. Restlos. Mein Innenhof ist zugemüllt bis in die letzte Ecke mit diesem ganzen Alteisen auf Rädern, so dass man kaum noch zu den Mülltonnen durchkommt, der Bürgersteig ist mit Laufen lernenden Kindern vor lauter Arschlochrasern unbenutzbar, Häuserecken sind für Jogger lebensgefährlich und wenn die Terroristen dann doch zur Abwechslung mal auf der Straße fahren, dann fahren sie über Rot, quer über den Zebrasteifen, kreuz und quer zwischen wartende Autos, entgegen aller Fahrtrichtungen und jeder Idiot von Autofahrer, der nicht mindestens 10 Augen überall hat, kann sich jetzt schon darauf freuen, bei jeder Kollision immer schuld zu haben.

Und jetzt gehört ihnen, weil es hier in Prenzlauer Berg immer noch ein bisschen bekloppter sein darf als im Berliner Durchschnitt, auch noch ganz offiziell mit dem Segen des Bezirks die Haltetasche von der Bimmelbahn in der Stahlheimer Straße.

Behördlich abgesegnet quasi.

Freifahrtschein zum Fußgänger umholzen.

Mit Ansage und aufgemalter Ideallinie direkt durch den Wartebereich, damit sie jene besser treffen, die gerade in die Bimmelbahn einsteigen wollen. Oder aussteigen und nicht mit einem der durchgeknallten Fahrradraser rechnen, für die der Bezirk stadtweit traurig berühmt ist.

Danke, Sadist. Wer auch immer das genehmigt hat. Wahrscheinlich besteht das ganze Bezirksamt aus Fahrradfahrern. Das erklärt, warum es keine Sau vom Ordnungsamt juckt, wenn die Fahrradnazis die Kinder vom Bürgersteig fegen, weil das Aufschreiben von Falschparkern immer Vorrang hat.

Krähe. Auge. Und so.

Samstag, 29. Dezember 2012

Das Fick-mich-Croissant


Le-Fucking-Crobag. Da liegt es lasziv in der Auslage, das Miststück von Schinken-Käse-Croissant für 1,85 € und grinst mir ins Gesicht: "Na du hast Hunger, nicht? Jaja, und ich bin fettig, speckig und zugeballert mit Kohlehydraten - so wie du´s gern hast wenn du besoffen bist. Ich weiß, du brauchst es jetzt schmutzig und eklig, du musst mich jetzt haben, du und dein chronischer alkoholbedingter Heißhunger.
Aber du weißt, ich hab meinen Preis - billig ist mit mir nicht drin. Es ist sechs Uhr am Sonntagmorgen, du kommst hackedicht aus der Kneipe und niemand hier in der Gegend wird dich um diese Zeit so glücklich machen wie ich. Nicht der Dönermann, der den letzten verkohlten Fetzen Hackfleisch mit dem eingefallenen Gemüse in das knallharte Stück Fladenbrot matscht und auch nicht der Süßigkeitenautomat oben auf dem S-Bahnhof, der dir für eine winzige Tüte uralter Gummibärchen noch viel mehr abknöpft als ich.
Ja doch, ich weiß was du denkst: 1,95 € sind eine Frechheit, glaubst du, das weiß ich nicht? Aber du brauchst mich jetzt und du würdest im Augenblick auch 2,95 €, ach was sag ich 3,95 € für mich bezahlen. Ich bin das Angebot und du die unterzuckerte Nachfrage, ich bin sogar das einzige ernstzunehmende Angebot hier und wenn du mich nicht nimmst, nimmt mich gleich ein anderer, so läuft das Spiel, mir ist das gleich, ich gehe heute jedenfalls nicht alleine hier weg. Du allerdings schon, wenn du hier noch länger blöd rumstehst.
By the way, du hast Sabber im Mundwinkel. Mach den mal weg, das törnt mich ab.
Also was ist? Wird das heute noch mal was oder willst du mich weiter nur angaffen? Du hast doch schon verloren und du weißt es. Du wirst gleich 1,95 € deines sauer verdienten Geldes für ein fettiges, ernährungsphysiologisch völlig unvernünftiges und sinnloses Schinken-Käse-Croissant voller Fett und Zucker bezahlen, das dich noch nicht einmal satt machen wird. Danach wird es sein wie nach schlechtem Sex mit jemandem, dessen Namen du nicht mal kennst: Ein brackiger abgestandener Nachgeschmack garniert mit Schuldgefühlen, aber das ist egal: Im Moment bin ich heiß, fettig und feucht und du willst mich, du brauchst mich jetzt, riech doch wie ich dufte, los riech, riech..."
"Morjen, ick hätte jerne ein Schinken-Käse-Croissant. Nee nich dette, dit andere, wat so dämlich grinst."

Freitag, 28. Dezember 2012

The old fart of Kieser-Training


Kieser-Training ist die Pumperbude für die Rollator-Fraktion, die Schaulaufen, Kiloprotzen und Baucheinziehen nicht mehr braucht, weil sie ihr nächstes Date sowieso nur noch mit dem Abdecker hat.
Ich bin jetzt auch da. Hilft ja nix, der Verfall beginnt mit Anfang 30 und ist fortan nur noch zu verlangsamen, keinesfalls aufzuhalten. Und dann geht man zu Kieser. 
Es gibt bei Kieser deshalb auch keine operierten Bikinibarbies und keine Steroid-Fixer, keine überzuckerten Eiweißshakes und keine nutzlosen Mineraldrinks, kein DJ Bobo und kein Mallotze-Techno, nur Schweiß, Eisen, Schmerz und Wasser - wie es eben so ist, wenn die Jugend verblüht.
Spaghettiträger und Muskelshirt sind bei Kieser verboten, offiziell wegen der Hygiene, ich denke jedoch, sie wollen die McFit-Arschgeweihfressen raushalten, die fehlende Schwanzlänge durch die Anzahl der Kilos auf der Bank wettmachen.
Und so bleibt es bei Kieser beim Dreiklang: Lauter. Alte. Menschen.

Und einer davon furzt.

Im Fahrstuhl.

Ping. Die Fahrstuhltür geht auf, ich so rein, die Fahrstuhltür geht zu und dann rieche ich ihn. Den Koffer. Er hat es wieder getan. Er hat wieder gekoffert. Einen stehenlassen. Geknattert. Und es war wieder der selbe alte Mann. Ich hab ihn noch gesehen, er schaute fast schuldbewusst.

Ich weiß, dass er vor ein paar Wochen schon einmal im Fahrstuhl gefurzt hat und ich wieder der Horst war, der den ganzen Dunst wegatmen durfte. Argh. Wieder der. Und wieder ich. Flach atmen, kurz atmen, dennoch: Ich rieche Knoblauch, zartes Bouquet nach Dünnem, säuerlich etwas, leichte Rizinusnote, im Abgang fortschreitende Verwesung. 

Ping. Die Fahrstuhltür geht auf. Draußen steht eine Brünette. Ich raus. Schuldbewusst. Sie rein. Und denkt natürlich, dass ich im Fahrstuhl gefurzt habe. Wer sonst? Ist ja keiner da außer mir. Dabei war das der Alte. Aber erklär das mal. Sie denkt natürlich auch, dass ich so elendig nach Tod und Verwesung rieche. Dabei ist das der Alte, der innerlich verfault.

Tage später sehe ich sie wieder. Sie sieht mich nicht an. Demonstrativ. Würde ich auch nicht. Ich schaue ja auch den alten Furz nicht mehr an, wenn ich ihn sehe - aus Angst, dass das abfärbt und ich auch irgendwann so einer werde, dessen einzige Freude im Leben darin besteht, in Fahrstühle zu knattern und dann auszusteigen.

Donnerstag, 27. Dezember 2012

Werde jetzt Fan?

Lidl Facebook

Lidl! Was soll das denn jetzt wieder?

Ich soll jetzt Fan werden.

Sagst du.

Lidl-Fan.

Genau.

Von der Lidl-Filiale am Markgrafendamm. Am Arsch vom Ostkreuz.

Unbedingt. Auf jeden Fall mach ich das. Ich kauf mir morgen eine Fanfare, lass mir einen blau-weißen Lidl-Schal nähen, setze mich lidlfahnenschwenkend vor die völlig vernachlässigte Filiale am Markgrafendamm (am Arsch vom Ostkreuz) und schreie "Ole-ole-ole-oleeeeee Subba Schalalalalidl ole-ole!".

Und danach kommen die weißen Männchen mit diesen unbequemen Zwangsjacken und ich darf Silvester wieder mit den anderen Kloppis in der Geschlossenen feiern. Na bravo.

Wenn mich hier überhaupt jemand abholen kommt.

Hier im Nichts.

Vor dieser Lidl-Filiale, in der kaum einer einkauft.

Weil hier kaum einer wohnt.

Oder arbeitet.

Es ist auch immer nur eine Kasse auf. Das reicht locker. Manchmal ist die Kasse auch unbesetzt, weil gar kein Kunde ansteht. Lange Zeit keiner ansteht. Ist auch besser für die Ohren. Der verdammten Pieperei wegen.

Security braucht es hier auch nicht, nicht mal Diebe gehen hier hin. Zu weit weg. Da is man verdurstet bis man da is.

Worauf setzt du, Lidl? Dass diese dornröschenartige Seite vom Ostkreuz irgendwann wachgeküsst wird und boomt wie die andere Seite an der Sonntagstraße? Und du dann mittendrin bist und so richtig abräumst?

Das kann noch Jahrzehnte dauern, wenn du dich da mal nicht verspekuliert hast. Oder vielleicht passiert es auch gar nicht und hier bleibt es bei den wenigen alten Altbauten und den paar platten Plattenbauten. Und den Schrotthandelgerümpelhinterhofbutzen. Und RTL 2. Und Spätkauf. Mit Sterni. Und der Videothek. Für die Pornos. Weil YouPorn bei Alice-Schnarchnasen-Billig-DSL immer so hakt.

"Ole-ole-ole-oleeeeee schalalalalalalidl" kann ich hier brüllen bis ich umfalle. Das merkt keiner mehr. Nicht mal die von der Geschlossenen. Die finden hier gar nicht erst her. Wenn die überhaupt jemand ruft in dieser Gegend.

Aber ich schon, ich finde hierher in diese Wohnwüste mit Lidl-Ghetto-Wellblechpalast, gar kein Problem, aber viel wichtiger ist, dass ich wieder weg finde. Wohin ist egal, nur weg.

Nee, echt, nicht mal tot über den Zaun hä...

"Ja, ganz ruhig, ist ja gut jetzt ... musst nicht noch auf den einkloppen, der sowieso am Boden liegt. Tut man nicht. Sei lieb, komm jetzt mit, sag tschüß und mach winke winke. Wir geh'n jetzt nach Hause, kennst das ja, dann macht Schwester Schantalle-Schakelyne noch einen Blasentee mit einem lecker Sedativum und dann hopp hopp - ab in die Heia."

Tschüß. Winke Winke.

Mittwoch, 26. Dezember 2012

Verarsch mich doch (5)

Verarsch mich doch Eventim

Ich hab mal im Internet bei Eventim Karten bestellt. Veranstaltungskarten. Konzerte und so.

4,90 € Versandgebühren stand da.

Na gut, das wird der versicherte Versand sein, dachte ich in meiner unerschöpflichen Dummheit, die Karten sind ja auch was wert, muss man ja versichern lassen, das, bei der Post wird ja geklaut wie bei den Raben. Ist ja richtig, Vorsicht ist die Mutter von ... jaja, sehe ich ja ein, das, sowas.

Angekommen ist ein normaler Brief. Standard. 55 Cent.

What the fuck?

Abgezockt.

Klassisch abgezockt.

Nur gut, dass ich einen Ticketservice in der Nähe habe, der mich nicht nur berät, sondern mir Karten auch ohne irrwitzige Versandgebühr ausdruckt. 4,90 € für nen Popelbrief, meine Güte. Einmal und nie wieder.

Für die Abzocke bezahlt man im Nachgang noch einmal, denn man muss arbeiten: Etwa eine Woche später geht das mit den Mails los:

"Mario Barth im Stadion Luckenwalde! Reservieren Sie jetzt bei Eventim!"

Unten ein Link mit Abmelden. Ich so auf Abmelden.

Wieder eine Mail: "Vielen Dank für Ihre Mail. Wir werden Ihre Anfrage schnellstmöglich beantworten. Bla Bla Salbader."

Ein paar Tage später wieder so:

"Karl Dall im Baumarkt Finsterwalde! Reservieren Sie jetzt bei Eventim!"

Unten ein Link mit Abmelden. Ich so auf Abmelden.

Wieder eine Mail: "Vielen Dank für Ihre Mail. Wir werden Ihre Anfrage schnellstmöglich beantworten. Bla Bla Salbader."

Eine Woche später wieder Post:

"Opa Kowalke liest Geschichten aus dem Krieg im Bahnhof Eberswalde! Reservieren Sie jetzt bei Eventim!"

Unten ein Link mit Abmelden. Ich so auf Abmelden.

Wieder eine Mail: "Vielen Dank für Ihre Mail. Wir werden Ihre Anfrage schnellstmöglich beantworten. Bla Bla Salbader."

Und so geht das jetzt seit Monaten, immer wieder sinnlose Hinweise auf sinnlose Events in der sinnlosen brandenburgischen Provinz nebst Aufforderung zum Bestellen und ich melde mich immer wieder ab. Mal sehen wer den längeren Atem hat.

Wahrscheinlich sitzt am Posteingang von Eventim ein dressierter Orang Utan, dem man beigebracht hat, bei jedem Maileingang sofort auf ENTF zu drücken.

Mir egal, ich gebe nicht auf, irgendwann - wahrscheinlich mit 80 an Schläuchen, Tröpfen und der Schwester am Puls in der letzten Ecke der Abnippelabteilung der Charité - schaff ich es aus dem Spamverteiler von Eventim raus, denn ich werde dort erst wieder bestellen, wenn die FDP die gesetzliche Eventim-Privatmonopol-Bestellpflicht einführt.

Eventim! Viel Spaß weiterhin beim Rasieren der bedauernswerten Landbevölkerung ohne Ticket- oder Theaterkasse im Umkreis von 100 km. Mein Geld gibt es nicht mehr dafür. Ein bisschen bescheuert zu sein ist ja ganz schön, denn dann lebt man fröhlicher, aber so bescheuert bitte auch wieder nicht, denn dann wird man nur arm.

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Wer Geld verbrennen möchte ohne es Banken zu geben: Eventim

Dienstag, 25. Dezember 2012

Fucking Fleischwarenfachverkäuferin

Fleischwarenfachverkäuferin

An des Kaisers Theke sprach ein Mann zu einer Frau:

"Guten Tag, ich hätte gerne 300 Gramm Rinderfilet. Durch den Fleischwolf gedreht bitte."

"..."

"Nein, bitte nicht einpacken. Durch den Fleischwolf drehen bitte."

"Durch den Fleischwolf?"

"Durch den Fleischwolf."

"Das ist nicht Ihr Ernst!"

"Doch."

"Was wollen Sie denn damit machen?"

"Ich werde es roh essen, zusammen mit einem rohen Eigelb, ein wenig Tabasco, einer Spreewald-Gurke, gehackten Schalotten und einem leicht angewärmten französischen Baguette. Dazu mache ich einen schönen alten Rioja auf und freue mich über die Tatsache, dass ich immer noch lebe."

"Aber dafür können Sie doch Tatar aus dem Fach hier nehmen."

"Ich möchte aber kein Tatar aus dem Fach hier, ich möchte Filet. Ganz frisch aus Ihrem Fleischwolf."

"Tatar geht aber auch."

"Ja, ich weiß, dass Tartar auch geht, aber ich mag frisches Filet einfach lieber."

"Ich kann doch das gute Filet nicht durch den Fleischwolf drehen."

"Warum denn nicht?"

"Das ist doch viel zu schade dafür."

"Nein, ist es nicht und ich weiß das. Ich werde es essen und es wird mir sehr schmecken."

"Also... bitte, ich mache das wirklich nicht gerne. Das schöne Filet."

"Jetzt drehen sie doch bitte das Filet durch den Fleischwolf. Bitte. Ich möchte es genau so. Ehrlich. Vertrauen Sie mir."

"Das tut mir in der Seele weh. Das gute Filet..."

"Bitte! Fleischwolf. Jetzt."

"Aber Ihnen ist klar, dass ich Ihnen das Gewicht vor dem Fleischwolf berechnen muss, weil da bleibt ja immer viel hängen. Da geht Ihnen dann was verloren."

"Ja ich weiß, ich kenne das, zahle das und ärgere mich jedesmal nur über diesen sinnlosen Kampf an Ihrer Theke, bis ich endlich mein Filet in einen Ihrer Fleischwölfe bekomme. Ich habe schon überlegt, mir selber einen Fleischwolf anzuschaffen, nur damit ich mir für dieses eine mal im Jahr, an dem ich mir mal was Besonderes gönnen möchte, nicht furchtbar mühsame Diskussionen an Theken reinziehen muss, an denen ich sowieso ungerne bin, weil man dort generell zu viel redet und meist sogar ungefragt."

"Wie Sie meinen, es ist ja Ihr Geld."

Kaisers! So empfange er nun die Tirade: Ich reite ungerne darauf herum und es ist überhaupt nicht meine Art, mit dieser Tatsache direkt mit der Tür ins Haus zu fallen, aber ich bin König. König Kunde der Erste, um genau zu sein. Wenn ich ein Filet im Fleischwolf will, dann will ich ein Filet im Fleischwolf und keine Diskussion mit einem Menschen, der mit rohem Fleisch sowieso schon qua Geschlecht nichts anfangen kann. Ich bin König und wenn ich das genau so kaufen will, dann möchte ich nicht, dass man an eurer Theke so tut als sei ich ein frisch aus der Bonhoeffer-Nervenklinik ausgebrochener Irrer, hätte auf dem Weg zu Kaisers ein Baby, zwei Schafe und einen Dackelwelpen gerissen, roh gefressen und verlangte jetzt vor Blut triefend mit einer Machete in der Hand noch mehr rohes Fleisch, wobei man mir zu allem Überfluss nicht einmal zutraut, zwischen Tartar-Fleischresten und richtigem frischem leckeren Filet zu unterscheiden.

Frauen! Auf ein Wort: Ich werde mich nie einmischen in eine Diskussion über die Unterschiede zwischen einem Lollorosso-Salatblatt und einem Chicoree, niemals nicht werden mich die feinen Unterschiede von Laura Biagotti und Coco Chanel interessieren, zu den Hochzeitskleidern irgendwelcher Adeliger werdet Ihr von mir nie einen Pieps zu hören bekommen und niemals gar nicht werde ich meinen unqualifizierten Kommentar zu den Vor- und Nachteilen stoßgedämpfter Keilabsätze bei der diesjährigen Herbst-Winter-Kollektion von Xanaka, Mango oder fucking Pimkie abgeben.
Im Gegenzug verlange ich nur eins: Ich will keine Kommentare zu rohem Fleisch. Keine Argumente. Keine Diskussion. Keine Gegenrede. Rohes Fleisch ist Männersache, das war so, ist so und wird auch immer so bleiben. Von rohem Fleisch habt ihr keine Ahnung. Es gibt nämlich sehr wohl einen Unterschied zwischen rohem Fleisch und rohem Fleisch. Ist so. Ehrlich. Daher nochmal: Ihr habt keine Ahnung. Von allem anderen ja. Immer. Viel sogar. Aber davon nicht.

Halten wir fest: Ich will keine Diskussionen, schon gar keine im Taxi, keine im Fahrstuhl, keine auf dem Scheißhaus und absolut keine an der Fleischtheke.

Dringt das so durch? Ja? Nächstes Jahr dann bitte einfach so mein Filet. Im Fleischwolf. Ohne Reden. Klappe zu. Danke.

Montag, 24. Dezember 2012

Versöhnliches zum Weihnachtsfest

Versöhnliches

Für Alt-Treptow

Ich wünsche mir

Pasta, die nicht schwimmt
die nicht Beigabe ist
zur Soße
zur Sahne
zur Suppe
dann wünsche ich mir
Brot
frisch
nussig
und mit Kruste außen
und locker drinnen
zum Tunken
Titschen
Teller trocken tupfen
einfach jemand
der weiß was er da tut
der kochen kann
der mit Liebe kocht
der das gerne macht
der will dass man das schmeckt
der auch noch weiß wie man Kaffee macht
und Käse dazu reibt, der gut ist
und Gutes aus der Theke verkauft
für Zuhause
damit es nicht immer nur Lidl auf dem Brot ist
hier in Alt-Treptow
der heimlichen Hauptstadt der Leggins
und der roten Strähnen im fettigen Haar
der Heimat der Mettigel
und Gummipizzen
der Trinker
Dönertiere
Schnäppchentransparente
der Sternburger
Schnapsleichen
Krebslungenkrakeeler
Ort derer, die zu Laternen sprechen
und nachts vor den Fenstern Schlafender die Welt anklagen
von wo selbst Schlecker geflohen ist
als es Schlecker noch gab
geflohen
aus dem Bermuda-Dreieck zwischen Aldi und Tresen
wo man lieber weg will
als hin
wo man die Pendler beneidet
die hier durchfahren
weil die hier weg kommen
und wo man immer noch Buffalos trägt
mit dicker Sohle
oder Cowboystiefel
und den Rottweiler immer dabei
oder den Pitbull
neben dem Kinderwagen
des vierten Kinds
während man ins staubige Fabrikbrötchen beißt
und sich mit der Öse der Babytrage das erste Pils des Morgens aufmacht

kann es da was geben? was gutes? geht das hier?

ja

ich weiß jetzt wo

und ihr jetzt auch.


Frohe Weihnachten.

---
Il Sogno
Karl- Kunger Str. 18
12435 Berlin

Sonntag, 23. Dezember 2012

Und noch einmal Weihnachtsmarkt

Abzocke

Die Welt im Dezember 2012: Kim Jong Il ist nun schon ein Jahr tot, an der Fischbude "Zum Hecht" in Warnemünde ist ein Eimer Matjes umgekippt und ich geh auf den Weihnachtsmarkt.

Und wie ich Weihnachtsmärkte hasse, vor allem wegen der Leute. Literweise kippen sie sich billigen, mit Zimt und Zucker verpanschten Industriewein hinter, pfeifen sich halbmeterweise Fleischabfall-Bratwurst, billigstes Formfleisch und widerlichste Pilzpfannen-Grünkohl-Matsche rein und marodieren in Gruppen als wandelnde Hölle eines Betriebsausflugs mit blinkenden Zipfelmützen, Thermoskannen mit Glühwein und Lidl-Rum und den bis zur Stufe seiner Unfähigkeit beförderten Chef vorneweg besoffen wie am Ballermann über einen von Kirmesbutzen vergewaltigten Ort und kaufen völlig überteuerten handgemachten Schrott aus Erzgebirge, Harz oder Chisibubikaio.

Wenn man den Termin für den besten Weihnachtsmarkt der Welt  - den Rixdorfer in Neukölln - mal wieder verkackt hat, bleibt nur der am Roten Rathaus - mithin einer der Erträglichsten seiner Zunft, sowas wie der Achteläugige in einer Armee der Blindschleichen.

Nachdem ich es schon zu Beginn hinter mich gebracht habe, endlich mal wieder standesgemäß abgezockt zu werden - 12 Euro für einen spanischen "Tapasteller", bestehend aus ein bisschen billigem Chorizo, trockenem Serrano und kleinen, traurigen Manchegokrümeln, was man sich aus jeder dahergelaufenen Kühltheke eines jeden darhergelaufenen Supermarkts zusammensammeln kann -, entspannte ich mich etwas, denn ich habe meinen jährlichen Tribut bereits gezollt (aka mein sauer verdientes Geld für Scheiße hergegeben).

Ich sehe ein Riesenrad, überraschend gepflegte Büdchen, eine lustige Märcheneisenbahn für Kinder und eine Eisbahn für Erwachsene, die gerne vor Publikum auf die Fresse fallen. Schick.

Ja, das kann man schon machen hier, vor allem weil ich Security sehe, die körperlich wie so wenige der Security-Schießbudenfiguren dieser Stadt in der Lage ist, ausfallende Ballermann-Pappnasen zeitnah aus dem Besucherstrom auszusortieren, so dass nur noch verhältnismäßig entspanntes Publikum übrigbleibt, über das ich mich zu meinem Bedauern überhaupt nicht aufregen kann.

Und so muss ich mich doch nochmal abzocken lassen, ich möchte hier nicht mit guter Laune abziehen. Also trinke ich eine völlig übersüßte Feuerzangenbowle aus dem winzigen kitschigen Weihnachtsmarktbecher für 3,50 €, aus der der Alkohol schon vor Tagen verdunstet sein muss und nur pappiges warmes Zuckerwasser hinterlassen hat.

Yeah, party on, zock mich ab, lutsch mich aus.

Mehr Scheiße für noch mehr Geld.

Macht hoch die Tür, die Kohle her, ich muss euch sagen es weihnachtet sehr.

Samstag, 22. Dezember 2012

There will be no Weltuntergang in Germany


Der S-Bahnhof Greifswalder Straße ist noch da.

Kein Weltuntergang

Die Welt ist auch noch da.

Er ist ausgeblieben, der Weltuntergang. So ein Pech. Da sitzen sie nun in den Pyrenäen in ihrem Bergdorf, haben den Job gekündigt, die Lebensversicherungen aufgelöst, Hamsterkäufe gekauft und sich (wahrscheinlich nicht zum ersten mal) vor allen Freunden und der buckligen Verwandtschaft lächerlich gemacht, um jetzt in einem Hotel oder gar in einem Zelt, einem Stollen oder einem Bunker dieses blöden teuren Pyrenäen-Bergdorfs zu sitzen, das - warum auch immer - als einziger die Apokalypse überlebender Ort ausgesucht wurde.

Nix is.

Ich würd mich ja jetzt schämen. In Grund und Boden. Würde nie wieder irgendwem in die Augen kucken können aus Angst, der Gegenüber könnte wissen, was ich damals für einen Dünnschiss in die Welt geblasen, mein Leben ruiniert und mich dann in einem blöden Hotelzimmer in einem blöden Bergdorf versteckt habe, für das mir die Hoteliers auch noch die letzten Ersparnisse abgenommen haben.

Schämen würde ich mich. Peinlich wäre mir das.

Wird es denen auf dem Berg aber nicht sein. Sie werden einfach eine neue Theorie erfinden, die erklärt, warum der Weltuntergang heuer ausgeblieben ist und wann er stattdessen stattfindet. In 173 Tagen, in zwei Jahren, in fünf oder sechzehn, das spielt keine Rolle, es wird eine neue Theorie kommen. Und auch die werden sie wieder mit dem Brustton der Überzeugung in die Welt blasen. Und sie werden auch dann wieder mehr als genug Boulevardmedien von Bild bis Spiegel finden, die darauf anspringen und einen Liveticker nebst Fotoklickstrecke einrichten, die Klickhuren.

Nein. Den Weltuntergangsapologeten ist nichts peinlich. Nie. Schon zum letzten Millennium nicht, als zuletzt die Welt untergehen sollte. Sie machen einfach mit einer neuen Theorie weiter und weiter und immer weiter wie ein Duracell-Häschen, das immer wieder gegen die Wand rennt, weil die Batterie einfach nicht leer werden will.

Wir sehen uns in ein paar Jahren wieder, Apokalyptiker, zur nächsten Spiegel-Klickstrecke, zum nächsten Bild-Liveticker. Bis dahin kratzt mal schön genug Geld für die kommenden Übernachtungen in den Pyrenäen zusammen. Ihr Honks.

Freitag, 21. Dezember 2012

Pappelallee: Vernissage-Schnösel, Kackwürste und Pizza

Gras Wind Installation

Pappelallee. Pizza Zia Maria. Die Schnösel sind schon hier. Heute sind es Kunstschnösel. Lauter laute Kunstschnösel. Natürlich neben mir.

"Du, da hab ich dem Arne gesagt, er soll für die Vernissage lieber Lichterketten statt Lampions in den Eingang von der Galerie hängen, das gibt dann so einen schönen ironischen Bezug zum Weihnachtskonsum. Und zwar direkt vor das Lehm-Kalb, das übrigens jetzt gar nicht mehr golden ist, sondern pissegelb. Der Ironie wegen - du verstehst? Goldenes Kalb? Gold - Pisse - Pisse - Gold. Ironische Distanzierung vom Mammon unter gleichzeitiger Bezugnahme zu menschlichen Ausscheidungen. War die Idee von Lars von Trier. Man muss verstören, hat er gesagt. Ach das ist so herrlich ironisch und Kapitalismuskritik ist ja so en vogue gerade."

"Gnarf. Gnarf."

"Kuck mal, der beißt in die Tischkante. Hallo? Geht es Ihnen gut?"

"Gnarf. Grumpf. Gna Gna..."

"Lass uns mal woanders hinsetzen, der Typ dreht ja völlig durch..."

Ich fress den Tisch. Da sind sie wieder, ja, sie finden mich überall in diesem völlig versnobten Bezirk, egal wo ich sitze oder gehe, die Schnösel. Sogar hier in dieser kleinen unscheinbaren verlebten Pizzeria. Sie sind da. Zuverlässig wie ein Uhrwerk. Die Prenzlauer Berg-Schnösel. Die Echten. Einzigen. Wichtigen. Immer laut. Immer Nichtigkeiten in die Welt ballernd. Wortfetzen schwenkend, Luftblasen blubbernd. Und immer Nabel der Welt.


Und sie reden von Dingen, von denen ich nichts verstehe, nie verstanden habe und mir möge der Puller abfallen, wenn ich sie jemals verstehen sollte. Aktionskunst. Tanzyogamatinee mit Heilsteinbowling auf Toast. Mit lila Lebensmittelfarbe angemalte Hausmütterchen mit zu viel Tagesfreizeit im Protest gegen die Sanierung der Bürgersteige in der Kastanienallee. Von Affen und tibetischen Mulis auf Leinwand gemalte Farbkleckse. Fotografien in Schwarz-Weiß vom eigenen Arsch und einer Kackwurst auf Teller. Ehrlich, ich schwöre, dass ich kürzlich an einer Galerie vorbei gelaufen bin, die Bilder von Kackwürsten feilgeboten hat. Das ist kein Scherz. Prenzlauer Berg. Kackwurst auf Teller. Auf Teller mit Dekor. Auf Pastateller. Auf Schneidebrettern. In Schwarz-Weiß. Gibt es. Echt. Ja. Kein Scheiß. Kack. Wurst. Kunst. Ich hab kein Plan davon. Ich weiß nur, dass es viel Geld kostet, aber zum Glück nicht meines. 


Mein Schicksal ist es nur, ihnen immer seltener ausweichen zu können, den Kunstschnöseln, sie sind überall und sie werden immer mehr. 


Auch im Zia Maria. 

Eine Installation im Raume fordert "Meer statt Plastik", zwei Beamer beamen Meereswellen und hohes Gras im Wind an die Wand, an der neben einigem anderen Müll eine zerbeulte Plastikflasche hängt und von Halogenstrahlern bestrahlt wird. Verrückt. Die Message versteh sogar ich. Schütze die Umwelt. Schmeiße kein Plastik in die Natur. Gähn. Grünwähler-Idyll. Bio-Biedermeier. So sexy wie mein alter Deutschlehrer in seinen Birkenstocks.

Die armen Säue von Eltern, die das bezahlen müssen und immer noch hoffen, dass außer Selbstfindung vielleicht doch noch etwas Greifbares beim Kunststudium rauskommt oder sich bald ein anderer findet, der die Finanzierung übernimmt.

Zia Maria. Dafür gibt es verdammt gute Pizza hier, verdammt guten Espresso und noch besseren Grappa, mit dem ich mir sogar die Schnösel schönsaufen kann. Das ist dann der Ausgleich, die Entschädigung dafür, dass ich hier in dieser Gegend immer mehr Gestalten ertragen muss, vor denen jeder normale Mensch ohne überbordendes Ego am liebsten sofort vor die nächste Straßenbahn flüchten würde, um es endlich hinter sich zu haben.

Vernissage. Aktionskunst. Tanzyoga. Lichterketten. Pissekalb. Kackwurst. Ich könnt jetzt ein ehrliches Bier vertragen.

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Pizza Zia Maria 
Pappelallee 32a
10437 Berlin 

Donnerstag, 20. Dezember 2012

Mittwoch, 19. Dezember 2012

Meet the Literaturschnösel

Backfabrik

Man merkt, dass man beginnt, alt zu werden, wenn man inzwischen zu Lesungen geht. Der Verfall beginnt. Jugend - Lesung - Tod.

Clinker Lounge in der schön restaurierten Backfabrik irgendwo kurz vor Berlin-Mitte. Sie sind da. Die Erwarteten. Die Erwartbaren. Die Schnösel. Heute als Literaturschnösel unterwegs. Weißhaarige blasierte Literaturzombies mit Rotweinhirschbratenplautze und Zottelbart, jene zu meiner Freude mit der Digitalisierung unvermeidbar untergehende Spezies, die immer noch merkbefreit zur Musik tanzt, sich selbst feiert und sich für Gottes Geschenk an den Berliner Kunstbetrieb hält.

"Ich muss nachher noch ins Kino International" schnöselt es hinter mir. "Premiere vom neuen Fatih Akin. Treffe mich da mit Jürgen Vogel. Werden das neue Projekt durchsprechen. Moritz Bleibtreu kommt vielleicht auch. Hey! Kuck mal, die haben vergessen mein Ticket abzureißen. Sims mal die Gudrun an, dass die sich keines kaufen muss, die kann meines haben. Ich komm gleich raus." ... und tritt gegen meinen Sitz wie ein Proletenkind im Multiplex.

Ich hatte gestern das Huhn mit vierzig Knoblauchzehen und rülpse eine Schwade Atem des Todes über die Schulter. Der "Ich bin der Buddy von Jürgen Vogel und Moritz Bleibtreu und deshalb wichtig"-Schnösel verstummt angewidert und seine in Teppichen gehüllte klischeebionadesaufende Germanistik-und-Kunst-auf-Lehramt-Lookalike-Begleitung wird grün im Gesicht. Memo: Karmapunkte gesammelt. Werde im nächsten Leben wohl doch keine Biotonne.

Hier in der Backfabrik lebt der Fahrstuhljazz vom Band. Chill. Chill. Dengel. Blöp. Zimbel. Dudel. Nichts passiert hier sonst. Nur Zimbel-Dengel-Dudel-Jazz. Die Lesung beginnt zu spät. Natürlich. Wer pünktlich beginnt, der ist nicht wichtig. Man lässt warten. Es ödet mich an.

Ich studiere den Raum. Industrialcharme. Aus alt mach neu. Rohre. Muffen. Scharniere. Gesprungene Fliesen. Alles restauriert und doch vorsätzlich schäbig belassen. Doch in gut, nicht in Prenzlauer-Berg-Ich-brenn-mir-mit-dem-Bunsenbrenner-Brandflecken-in-die-Blümchentapete-Caramel-Wocochino-Style. Mir gefällt das hier.

Die Lesung beginnt dann irgendwann doch noch und gegen Mitte der Veranstaltung beginnt etwas zu stören. Klonk! Massiv zu stören. Klonk! Es sind die Flaschen. Klonk! Vorne wird - Klonk! - gelesen und die Fla - Klonk! - schen fallen reihenweise um, weil - Klonk! - viel zu viele Autisten sie - Klonk! - nach dem Austrinken unter den - Klonk! - Stuhl - Klonk! - stellen, wo sie sie irgendwann - Klonk! - mit den Füßen umschmeißen, weil sie - KLONK! SCHEPPER! Das war jetzt ein Weinglas - vergessen haben, dass sie sie dahin gestellt haben. Klonk! Tolle Idee, Glasflaschen zu verkaufen, wenn man einen Estrichboden hat. Klonk! Man muss als Veranstalter immer die tumbe Masse der Schafe bedenken, die in einer Lesung im Akkord - Klonk! - Glasflaschen umstoßen, weil sie es nicht besser können. Klonk! Das muss man wissen. Klonk! Und dann muss man gegensteuern. Klonk! Gibbet halt nur noch Plastik. Klonk! Schade. Klonk! Schade. Klonk! Echt schade.

Klonk!

Aber immerhin hat man an eine gute Lüftung in diesem Kellerraum gedacht, das ist wichtig, sonst werden meine Augen trocken und rot wie bei einem durchschnittlichen Kiffer und sie fallen nach kurzer Zeit einfach zu, weil kein Sauerstoff mehr da ist. Hier nicht. Gut.

Irgendwann bin ich raus aus dem Jahrmarkt der wichtigen Blasierten. Viel zu schnell vorbei für die 17 Euro. Dennoch, es ist ein schöner Ort für so etwas, Literatur, hier passt das hin, besser als in eine enge Buchhandlung oder eine sterile Galerie. Ja, ein wirklich schöner Ort. So geht's.


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Clinker Lounge in der Backfabrik
Saarbrücker Str. 36b
10405 Berlin

Dienstag, 18. Dezember 2012

Blep Blep Treueherzen

Greifswalder Straße
Ritsch.

Piep.

Ritsch.

Piep.

Ritsch.

Piep.

Klack.

"Vier Euro Zwoundsiebzig büdde."

"..."

"Und 28 Cent retoure. Schönen Tag noch. Auf Wiedersehen."

"Örks. Gulp?"

"Geht es Ihnen gut? Sie sehen nicht so aus."

"Sie haben vergessen, mich zu nerven. Sie müssen mich nach Treueherzen fragen. Ich bin heute noch gar nicht nach Treueherzen gefragt worden. Ich bin auf Cold Turkey. Da, ich zitter schon, ungenervt wie ich bin. Fragen Sie mich bitte. Jetzt."

"Sie haben aber keine fünf Euro voll. Erst dann gibt es die Herzen."

"Stimmt, es kommt eigentlich nie vor, dass ich bei euch unter fünf Euro bleibe, teuer wie ihr seid. Wie, das also ist die magische Grenze der Ruhe vor den Klebeherzen für Kleingeister? Bei fünf Euro?"

"Haha, da sehen Sie mal."

"Soll das heißen, dass ich endlich nach so vielen Jahren stoischen Verneinens Ihrer immergleichen Frage meine selige Ruhe an der Kasse habe, wenn ich die Einkäufe in Unter-Fünf-Euro-Einheiten aufteile?"

"Öhm, ja, so kann man das sehen. Sind ja dann separate Kassenvorgänge."

"Danke, geiler Tipp. Das mach ich ab jetzt. Sie müssen mich übrigens noch fragen, ob ich den Bon für das Snickers, die Müllermilch und die Fishermans haben will. Der Bon, der ewige Bon für jeden noch so kümmerlichen Einkauf. Dieses sinnlose Stück Zettel mit Zahlen drauf. Für was auch immer. Finanzamt. Haushaltsplan. Die Buchhaltung. Panini-Bon-Sammelheft. Hallo, ich möchte wenigstens irgendwas verneinen heute, wieso fragen Sie mich nicht nach dem Bon?"

"Na so wie Sie aussehen, werden Sie das wohl kaum von der Steuer absetzen können, deswegen hab ich's mir mal geklemmt."

"Sie sind mein Held, ich liebe Sie, vielen Dank und einen schönen Tag noch."

Yo go fuck Treueherzen, Buddy, fick den Bon, ich kann jetzt Guerilla Warfare. Ich rasiere mich nicht mehr, teile meine Einkäufe in Fast-Fünf-Euro-Einheiten auf und konterkariere das System. Untergrundtaktik. Zermürbung des Gegners. Call me Partisan. Commandante Che wäre stolz auf mich. Venceremos.

Montag, 17. Dezember 2012

Zeit für Werbung (4) - Delicious Feinkost

mach mit kack ab

These: Polnische Wurstwaren schmecken besser. Ich bin gerade dabei, umzusteigen, weg von den geglätteten Convenienceprodukten aus dem Einheitsregal, genormt, geschmacklos und gerne mal mit Bärchengesicht, es schmeckt nicht mehr, genau genommen schmeckte es noch nie, ich habe es mangels Alternativen nur nie bemerkt.

Und je mehr dieser genormte Conveniencekram von Kaisers bis Rewe um sich greift, desto mehr ruft das polnische Fleischer auf den Plan, die ihre Landsleute in Berlin versorgen, denen das, was es hier gibt, nicht so richtig schmecken mag, weil sie es noch anders kennen.

Und die verticken dann oft nicht nur Wurst, die gut schmeckt, schön rauchig, gerne etwas kräftiger und auf keinen Fall light, sondern auch noch Eier aus Polen, die nicht nur anderthalb mal so groß sind wie die Legebatterieeier aus dem Supermarkt, sondern tatsächlich den schönen kräftigen Geschmack richtiger Eier haben, den viele noch von früher kennen und sich fragen, wie das verloren gehen konnte und wann genau das geschah.

Schönhauser Allee. Delicious Feinkost. Warum das so heißt weiß ich auch nicht, der Name ist etwas abgedreht, aber es ist ja Prenzlauer Berg hier, da muss das so. Auffallen kann man hier inzwischen nur noch mit normalen Namen: Oli's Fischtheke, Curry bei Onkel Karl, Bierbar Zur Plautze oder so. Wedding-Style. Aber in ironisch. Das ist wichtig.

Eine der Damen hinter der Theke ist ein wenig anstrengend. Sie erzählt in diesem hier so verbreiteten heilig-missionarischen Duktus ungefragt wildfremden Kunden von ihrem ewigen Kampf gegen das Gewerbeaufsichtsamt, weil sie möchte, dass die Kunden die Eierpappe wieder mitbringen und nicht wegschmeißen. Das Amt sieht das anders - der Hygiene wegen.
Ich natürlich auch, wenn auch aus anderen Gründen. Ich trage keine Pappe durch den Kiez, Bio hin, Öko her, kein Bock, ich fühle mich sehr wohl als der wahrscheinlich letzte Bewohner dieses Bezirks, der keinen Müll trennt, keinen Klumpen aus Himalayalehm auf einer Vernissage mit Walgesängen besingen lässt und den unzähligen Yoga-Gurus der Gegend kein Geld in den Arsch bläst. Feldenkrais, Krishna, Sri Chinmoy, achtzehn verschiedene Mülltonnen - ich spiel nicht mit. Und genau deshalb trage ich auch keine Verpackungen von A nach B nach C zurück nach X, auch wenn es jeder macht.

Aber immerhin gibt es eine lustige neue Frontlinie im Happy Hippo Harmoniebezirk: Verpackungsrecycler gegen Gewerbeaufsichtsamt. Bio gegen Behörde. Pest gegen Cholera. Willkommen in Prenzlauer Berg. Andere Sorgen haben wir hier nicht mehr.

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Delicious Feinkost - Polnische Spezialitäten
Schönhauser Allee 108
10439 Berlin Prenzlauer Berg

Sonntag, 16. Dezember 2012

Zuckungen im Schwebebad

Salzwasser entspannen

Ich soll entspannen, sagt der Gutschein. Schweben soll ich, auf Salzlake, zu entspannender Musik, mich verlieren in Raum und Zeit und dadurch meine Abwehrkräfte stärken.

Das ist doch wieder eines dieser Yuppie-Eso-Heilsteine-Ufos-gelangweilte-Steglitzer-Hausfrauen-Erfindung, mit der du so viel anfangen kannst wie mit einer Fußreflexzonenmassage, indischen Räucherstäbchen oder einer Gurkenmaske auf Ayurvedabasis, äfft mein gewohnt desillusioniertes Großstadthirn beim Lesen des Gutscheins.

Und hier liege ich nun im Salz und merke, dass es ein Fehler war, mal wieder am Nagelbett vom Daumen rumzukauen. Das Salz brennt an dieser Stelle wie Hölle. Hätte man sich auch denken können, Salz und halboffene Wunde eben, selber schuld.

Ich entspanne.

Nicht.

Panflötenindianer aus der Fußgängerzone flöten Panflötenmusik durch ihre Panflöten. Aus dem Lautsprecher. Ich liege da und es passiert ... nichts. Mein Zeh wippt. Ich erfinde einen Schlagzeugrhythmus zum Panflötengedudel. Bum-Tschaka-Bum-Tisch-Tisch-Tschaka-Bum. Dengel. Dengel. Zimbel. Mein Zeigefinger wippt mit.

Hier passiert immer noch ... nichts. Es ist dunkel, ich schwebe übers Wasser und es passiert tatsächlich ... überhaupt ... nichts. Das geht so nicht. Ich spiele das Schlagzeug schneller. Jetzt ein kurzes Snaredrumsolo zur Panflöte bevor der Double-Bass einsetzt. Yeah. Rock on. Wacken feiert mich.

Dann denke ich. Ich denke all die Sachen, von denen mich sonst diese laute stinkende Stadt ablenkt. Wo kommst du her? Wo gehst du hin? Was kochst du am Wochenende? Warum gewinnst du nie was im Lotto? Woher nimmt mein Nachbar, der analfixierte Mülltrennungsnazi, die unglaubliche Energie, immer wieder aufs Neue maulig-mahnende Zettel an die Mülltonnen zu heften, wenn er wieder leere Batterien oder eine ausgebaute Festplatte in seiner blöden stinkenden Biotonne entdeckt? Und warum zum Teufel gibt es immer zu wenige grüne Gummibärchen in der verfickten Haribo-Packung?

Dann läuft Kopfkino. Alle Spiele der Playstation wechseln sich mit den Egoshootern vom PC ab. Ich rekapituliere die letzten Spielstände der Strategiespiel-Zeitfresser und überlege, ob ich beim letzten Civilization-Match nicht doch besser die Franzosen statt der Russen zuerst hätte plattmachen sollen und mir dadurch den lästigen Zweifrontenkrieg hätte ersparen können, der nun meiner Wirtschaft an die Substanz geht und meinen Nachschub schwächt. Jetzt muss ich bald einen teuren Separatfrieden schließen, sonst wird es eng. Ein verzwicktes Problem, die Russen hassen mich jetzt (versteh ich gar nicht, ich wollte doch nur Lebensraum), wollen also keinen Frieden und die mit ihnen im Krieg gegen mich verbündeten Engländer verlangen eine große Stadt als Tribut. Scheiße.

Dotz.

Boing.

Mein Körper ist gewandert. Bewegende Zehen und Zeigefinger wirken offenbar als eine Art vierfache Schiffsschraube und ich drehe mich im Kreis. Irgendwann ist die Salzwasserpyramide, in der ich liege, ja zuende.

Dann wieder.

Dotz.

Boing.

Mein Körper dreht sich aufgrund der vorigen Kollision nun in die andere Richtung, bis mein Fuß an die gegenüberliegende Seite stößt.

Dotz.

Ich finde das lustig und ergründe die physikalischen Zusammenhänge.

Mit welcher Geschwindigkeit, frage ich mich, muss ich mit dem Zeh wackeln bis ich schnellstmöglich wieder auf der anderen Seite der Pyramide andotze?

18 Sekunden.

Das muss doch schneller gehen, ich versuche das zu toppen, während die Panflötenindianer nun eine Spur hysterischer versuchen, mich zum Entspannen zu flöten. Klasse. Das müssen jetzt 15 Sekunden gewesen sein. Schneller geworden.
Ich freue mich und entwickle eine neue Innovation: Wenn ich den Ring- und den Mittelfinger dazunehme, werde ich bestimmt einstellig werden und Eingang finden in die Highscore der unentspanntesten Besucher dieses Wellnesstempels hier, allerdings mit der höchsten Rotationsstufe.

Ich komme nicht mehr dazu, die Zeit ist um. Der Gutschein ist verbraucht.

Bei Rausgehen wünsche ich den Steglitzer Direktorengattinnen, den nicht ausgelasteten Eso-Emo-Ufo-Kunststudentinnen vom Planeten Jupiter und allen anderen, die in der Lage sind, sich zu entspannen, ehrlich gemeint und von ganzem Herzen viel Spaß hier, sie werden ihn lieben, diesen Ort, er wurde für sie erfunden. Nicht für mich. Auf mich wartet die Playstation.

Samstag, 15. Dezember 2012

Ein kleines Stückchen Elend im Dezember 2012


Ring Center Frankfurter Allee.

"Guten Tag, kalt draußen, ich hätte gerne einen dicken fetten Winterpulli in schwarz."

"Winterpulli? Haben wir keine mehr. Ist schon wieder vorbei jetzt."

"Ist schon wieder was bitte?"

"Vorbei jetzt."

"Vorbei?"

"Vorbei jetzt."

"Waren Sie heute mal draußen?"

"Ja. Trotzdem. Vorbei jetzt."

Im Dezember. Winterpulli vorbei jetzt. Sie verkaufen jetzt Frühling. Hemden. Dünne Rollis. Longsleeves. Ist es sehr schlimm, wenn ich das nicht verstehe? Wann soll ich den Winterpulli kaufen? Ostern? Sommerferien? Erzähl mir bitte niemand mehr, dass nur der Sozialismus seine Bevölkerung beschissen versorgt. Das stimmt so nicht.

Freitag, 14. Dezember 2012

Verarsch mich doch (4)

Finanzgeier Finanzkrise

Huhu.

Huhu!!??

Finanzgeier?

Wo seid ihr denn alle?

Seltsam still geworden um euch seit der Finanzkrise. Früher rief alle paar Wochen einer durch oder schrieb mir panische Briefe, um mir was zu verkaufen, einen dubiosen Fonds, eine Beteiligung an irgendeiner Bio-/Chemo-/Kardiotechnologie (die Zukunft! Das ist die Zukunft!), Satellitenhandybeteiligungen (wird sich durchsetzen! Wird der Standard! Die Zukunft! Investieren Sie jetzt!) oder Volksaktien versilberter Staatsunternehmen, deren Kurs erst zum Mond schießt und dann beim Absturz Oma Kowalkes Sparstrumpf verbrennt.

Seit der Finanzkrise ruft keiner mehr an. Komisch. Traut sich wohl keiner mehr. Zu viel Geld arbeitender Menschen verbrannt, verzockt, verheizt wahrscheinlich. Bogen überspannt. Auch Versicherungen gegen Berufsunfähigkeit, Raketenbeschuss und Meteoriteneinschlag will mir keiner mehr andrehen. Was ist da los?

Früher wollte der Berater auch um alles in der Welt zu mir nach Hause kommen, auf meinem Sofa sitzen, meinen Kaffee wegsaufen und nebenher meine Finanzen zerficken. Nix, traut sich keiner mehr, keiner ruft mehr an, nicht einer, keiner will mein Geld verbrennen, die Finanzbranche ist völlig untergetaucht, schmort im eigenen Saft, verballert Steuergelder und traut sich nicht mehr an den normalen Bürger ran - vielleicht aus Angst, geteert und gefedert durch die Straßen der Stadt gepeitscht zu werden.

Meine Versicherung meldet sich auch nicht mehr. Keine Fonds, keine Sparbeteiligungen, keine Vorsorge gegen Hagelschaden, Einbruchdiebstahltotschlagherzinfarkt, Sodbrennen oder Turnbeutelvergessen mehr. Die kassiert nur noch stumm meine Beiträge für diese blöde Riesterrente-Verarsche, auf die ich zusammen mit vielen anderen auch reingefallen bin, teilt mir einmal im Jahr kurz vor Weihnachten mit, dass es leider wieder weniger geworden ist und spielt ansonsten toter Mann.

Keiner ruft mehr an.

Keiner schreibt mehr Spam in den Briefkasten.

Stille.

Ich weiß, dass sie wissen, dass sie den Bogen überspannt haben und jetzt auf das große Vergessen und den neuerlichen Ausbruch der Gier warten. In ein paar Jahren. Bis dahin:

Stille.

Dabei könnt ich doch momentan wieder, es war gerade sogar ein bisschen was übrig am Ende des Monats. Hallo? Könnt ihr haben. Huhu? Kein Bock, das zu verbrennen? Nix mehr auf Tasche, was Zukunft hat? Die Zukunft, die Zukunft? Nein? Irgendein Derivat vielleicht? Irgendein Sparmist auf Fondsbasis, der über Nacht plötzlich nichts mehr wert ist? Oder noch einen Riester, dessen Gebühren mir die Zulagen wegfressen? Hey kommt schon, da geht noch was, das kann es noch nicht sein, ich hab noch ein bisschen was, das müsst ihr haben, los doch, verarscht mich, kommt schon, ruft an, schreibt Briefe, los, auf jetzt, ihr fehlt mir, verarscht mich doch!

Donnerstag, 13. Dezember 2012

Hotdogtrauma für Bioeumel

Wedding Prenzlauer Berg

Prenzlauer Berg:
"Mamimami, ich will auch so eine Wurst wie der Mann da!"
"Amadou-Savoy komm da weg!"
"Aber Mami bitte!"
"Nein, du hast ja noch nicht einmal deinen Sojakeks aufgegessen!"
"Ich will aber auch so eine Wurst wie der Mann da!"
"Komm jetzt weg da! Sonst gehst du heute ohne Sellerie ins Bett!"
"Aber der Mann da hat auch eine Wurst!"
"Ja, aber der böse schwarze Mann da trägt auch einen Ledermantel, und weißt du, mein kleiner Amadou-Savoy, da mussten gaaanz viele kleine unschuldige Lämmer dafür sterben. Und von der Wurst, die der Mann da isst, wird er krank und stirbt."
"Aber ... aber wenn ich doch auch eine Wurst ....!"
"Nein, los da weg von dem Mann, der muss nämlich gleich ganz schnell wieder rüber in den Wedding."
"Was ist Wedding, Mama?"
"Wedding ist gaaanz böse, Amadou-Savoy, gaaanz böööse, da wohnen gaaaanz viele arme Leute und die müssen den gaaanzen Tag nur gaaaaanz böses ungesundes Essen essen. Und davon werden die dann alle krank und müssen alle sterben. Los jetzt, komm mit, wir gehen nach Hause und dann koche ich dir eine Extraportion Dinkelbrei mit Kohlrabi vom Biobauernhof."
...
...
Ich bin manchmal wirklich sehr müde.

Mittwoch, 12. Dezember 2012

Prenzlauer Berg-Cowboy

Schönhauser Allee

Der Bassy (Cowboy) Club wirkt so verloren in dieser endstadiumssanierten Gegend, inmitten der neuen Nobelrestaurants, der Bioläden und der schnieken Latte-Cafes, in denen die neureiche Schickeria ihre Zeit totschlägt und sich selber feiert, bis ihnen der Prosecco aus den Ohren tropft.

Rock'n Roll-Konzerte und Lounge. Lounge und Rock'n Roll-Konzerte. Ska. Surf. Rockabilly. Männerding. Männerschuppen, ja, sprechen wir es aus, trauen wir uns, ein Laden für Kerle, ungegendert, ja, so etwas gibt es noch: Guter Whisky. Gutes Bier. Gute Bands. Rock and Roll.

Man darf auch rauchen. In der Lounge. Hier passt es. Whisky. Schummriges Licht. Schwere Polster. Rauch. Auch etwas, was man heutzutage nicht mehr gut finden darf. Rauchen. Whisky auch nicht. Der Gesundheit wegen. Hier kann ich sitzen und Whisky trinken bis es hell wird und ich zu Staub zerfalle. Toll. Und das in Prenzlauer Berg. Mittendrin in Amarettini City.

Aber hey, ihr Piratenpartei-Pickelnerds, die ihr euch aus irgendeinem Grund hier rumtreibt, auf ein Wort: Man sieht es auch hinter euren dicken Brillen, dass ihr umständlich schräg auf die Ärsche der wenigen hübschen Frauen schielt, die sich hier im Bassy behighheelt auf den Barhockern fläzen. Hinkucken, das muss man tun, ja, aber sicher, nur muss man es unauffälliger tun, so dass es nicht aussieht wie auf der Mensadisco der TU, wenn Physiker auf Juristinnen treffen und ihnen vor Schreck die Club Mate-Flaschen aus der Hand fallen.

Und hey, ihr adilettengesichtigen Q-Dorf-entsprungenen Baggerfreaks mit Rasierklingen unter den Achseln der dicken Wohlstandsplautze unter dem viel zu engen rosa Shirt, die ihr in völliger Verkennung eurer selbst glaubt hier punkten zu können: Diese wirklich sehr hübschen jungen Frauen, die hier gelegentlich mal wie Fremdkörper die ganze tumbe Männermasse aufwerten, gehören entweder zur Bar oder zur Band. Manchmal auch zu beiden. Abwechselnd vielleicht sogar. Egal, jedenfalls nicht zu euch. Macht es wie die Piratenpartei: Kuckt. Genießt. Nur unauffälliger als die bitte. Und trinkt euch einen.

Ich fühl mich sehr wohl hier. Ein toller Ort. Authentisch. Freundlich. Günstig. Und so erfrischend gar nicht Prenzlauer Berg in dieser beängstigend direkten Nachbarschaft zu den "Hey, wir sind die neuen Leute vom Teute"-Spießern mit ihren mundgeblasenen Retro-Hollandfahrrädern, deren Wohnungen sich schon lange kein Normalverdiener mehr leisten kann.

Bleibt nur noch die Frage, wann sich der erste Eigenheimbesitzer findet, der daneben oder darüber einzieht und diesen Ort, dieses Fossil, diesen lebenden Anachronismus rausklagt, wegmobbt, plattmacht. Damit es auch hier so wird wie überall in Prenzlauer Berg und endlich ein neuer Bioladen oder ein neues hippes Ich-kauf-von-Sri-Chinmoys-Hund-seiner-Mutter-besungene-Kaffeebohnen-aus-Chisibubikaio-und-verkauf-den-Rotz-für-6-Euro-pro-Tasse-an-bescheuerte-Mütter-mit-zu-viel-Tagesfreizeit-Cafe einziehen kann.

Bis es soweit ist, hätte ich gern noch einen Glenlivet 12. Ohne Eis bitte. Und ne Kippe. Und ein Bier dazu. Und der Arsch von der Blonden da vorne ist in der Tat nicht von dieser Welt.

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Bassy Club
Schönhauser Allee 176a
10119 Berlin 

Dienstag, 11. Dezember 2012

Zeit für Werbung (3) - Crepestation

Crepestation

Japanische Crepes.

Crêpes.

Meine Güte, ich dachte, ich hätte das ganze kulinarische Kuriositätenkabinett endlich komplett durchlitten in diesem Bezirk. Philippinisches Algenmus, Feuerland-Pizza mit Pinguinhack, venezuelanisches Lachsbauchtartar, afghanisches Schweinemett, namibisches Reiskorngelee oder Apfelmus vom Kometen Hyakutake, hier in Happy Hippo Holzspielzeugland gibt es alles aus aller Welt in allen unmöglichen Kombinationen, vor allem in der Pappelallee, die sich mittlerweile zur angesagten Fressmeile des kulinarisch wundgescheuerten Prenzlauer Bergs entwickelt hat. Es gibt hier alles und ich probier alles, weil immer nur Dôner mit scharf und Gummipizza vom prekären Italo-Türken ist ja auch langweilig auf Dauer.

Pappelallee.

Fressmeile.

Fehlt nur noch Tim Raue.

Ja. Gute Crepes sind das, sehr gute Crêpes, wobei sich mir nicht ganz erschließt, was daran japanisch sein soll, Hâm & Eggs im Crêpe, Meatballs, Chicken Teriyaki, hat ein bisschen was von Subway, die ganze Chose, nur ohne Sub und mit viel weniger Fragen. Dafür mit Crepe.

Crêpe.

Nein, sie sind gut, auch wenn das extrem umständliche Hândling ein würdevolles Êssen unmöglich macht. Man bekommt das Teil in einer labberigen Papîerummantlung, die man abreißen muss, um den Inhalt weiterzuessen, was ihn teilweise im Raum verteilt. Holt man das ganze Teil aus seiner Ummantlung und schmeißt das Papier weg, verteilt man den kompletten Crêpe nach und nach im Raum. Eine Lösung für die Handlingproblemâtik gibt es nicht oder ich versteh^s mal wieder nicht. Grobmotoriker-Boogie.

Nein, êhrlich, wirklich sehr gut, die Teîle, die süßen wie die herben, schône, tolle Cr^epes, so schôn wiê der chârmante, unhêimlich umgângliche Sêrvice nebst Inhabêr, wâs diêsên Lâdên zû êînêm schônên Ôrt mâ^cht.  ^^

Gottverdammte Circumflex-Fexe.

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Crepestation
Pappelallee 58
10437 Berlin 


Montag, 10. Dezember 2012

Winter in der Stadt der Versager

Versager

Avanti dilettanti! Es hat gestern ein bisschen geschneit in Berlin. Zeit zum Versagen.

Ganz vorne mit dabei war erwartungsgemäß die erbärmliche Berliner S-Bahn, deren Stadtbahn beim Anblick der Schneeflocken zuerst völlig zusammenbrach und später nur einen Teil der Strecke abfuhr, um dann umzukehren, natürlich ohne diejenigen armen Irren zu informieren, die für so eine Leistung auch noch ihr sauer verdientes Geld abdrücken und sich dafür auf dem überfüllten Bahnsteig den Arsch abfrieren dürfen.
Als Gimmick wurden dafür wieder einmal reihenweise vereiste Türen mit Eiszapfengemälden über dem Einstieg gegeben, die ums Verrecken nicht zu öffnen waren und den Zugang zum Wagen zu einer Art lustigem Roulettespiel machten, was der undankbare Fahrgastpöbel allerdings ums Verrecken nicht goutieren wollte und lieber kollektiv übel nahm. 

Das sind dann die Momente, in denen ich mich frage, ob der frierende Bahnhofs-Mob die Verantwortlichen irgendwann aus ihren warmen steuersubventionierten Büros in der Invalidenstraße geteert und gefedert durch die Stadt treiben wird, auch wenn der Dienstsitz Invalidenstraße vom Namen her für diesen Krüppel von Dienstleistungsunternehmen der vollendet ideale Standort ist, den man nie wieder toppen werden wird, es sei denn, es gibt irgendwann in Berlin eine Totalversagerstraße, die man speziell für die S-Bahn baut - irgendwo dort, wo der Pfeffer wächst.

Versagt hat natürlich auch der Winterdienst der Berliner Stadtreinigung, der im Dezember wieder völlig unvermittelt vom Winter überrascht wurde - nur noch übertroffen von den Versagern der privaten Räumdienste für die Bürgersteige, die in Zeiten, in denen die alten zuverlässigen Hausmeister längst flächendeckend wegrationalisiert wurden, wieder einmal mehr Aufträge angenommen haben als sie bewältigen können und die, wenn sie dann gegen Nachmittag tatsächlich mal tätig werden, den Schnee doch nur wieder zu einem Eispanzer glattwalzen, auf dem man sich nur auf Kufen fortbewegen kann.

Unser Räumdienst für unseren Bürgersteig hat es bis zum Abend nicht geschafft, seinen eispanzerwalzenden Arsch hierher zu bewegen, wahrscheinlich weil ihm die Sonntagszuschläge für seine Aufstockerangestellten zu teuer sind. Der wartet lieber auf Montag so wie ich darauf warte, dass sich hier mal jemand die Hüfte bricht, dessen Behandlungskosten dann die nächsten Jahre auf meine Betriebskostenabrechnung aufgeschlagen werden.

Und weil das nicht reicht, fallen in der ganzen Stadt die Aufzüge und Rolltreppen noch häufiger aus als das sowieso schon bei normalem Wetter der Fall ist und machen damit das Fortbewegen mit kleinem Kind zur endgültigen Tortur, während auf der Straße alle Autofahrer spontan das Autofahren verlernen, selbst wenn sie nicht aus Brandenburg kommen.

Traumhaft - da rieselt ein bisschen Schnee, der in echten Hauptstädten wie Moskau oder Kiew nicht einmal als richtiger Schneefall durchgehen würde, und die deutsche Hauptstadt ruft reflexartig den Fimbulwinter aus und geht komplett in die Knie. Panik! Hysterie! Ragnarök! kreischt die Presse dazu, während jedes Provinznest, auf das Berlin gerne bei jeder sich bietenden Gelegenheit großkotzig herabschaut, die paar lausigen Flocken besser im Griff hat.

Kein Winterdienst, keine S-Bahn, kein Flughafen, keine Aufzüge, keine Rolltreppen, kein Geld, keine Jobs, kein Sinn, kein Verstand. Es macht manchmal sehr müde, in dieser Stadt zu wohnen, die nichts gebacken kriegt. Sehr müde.

Sonntag, 9. Dezember 2012

Burger King - Man muss auch mal loben

Burger Prenzlauer Promenade Berlin

Prenzlauer Promenade morgens um acht. On the way to Ostsee und Hunger.

"Guten Morgen, bekomme ich bei Ihnen jetzt schon einen Burger?"

"Aber sicher, Sie können die ganze Karte bestellen, kein Problem."

"Das ist die Antwort, die ich hören wollte. Einen Big King XXL bitte."

Ein dicker fetter fleischiger Doppelburger morgens um 8. Bei McDonalds seit Neuestem undenkbar. McDonalds gängelt mich und möchte nicht, dass ich vor 11 Uhr Fleisch esse, es gibt nur diese ekelhafte Frühstücksscheiße, die mir schon beim Anschauen auf dem Plakat vorbeugend wieder hochkommt. Hat wahrscheinlich mal wieder fundamentalistische Gründe. So wie es aussieht, haben die missionarischen Bioapostel auch schon McDonalds unterwandert, denn man sorgt sich inzwischen auch dort um meine Gesundheit. Die Einschläge kommen näher. Bald ist es soweit und es kommt täglich einer vom Gesundheitsamt bei mir vorbei wie bei einem notorischen Triebtäter auf Bewährung und kontrolliert, ob ich auch brav meine Kresse fresse.

Und so soll ich statt Fleisch bei McDonalds morgens einen Eier-McMuffin essen, der so schmeckt wie der Hausmeister unserer Kita unter seinen Achseln riecht oder ein knautschiges Astronautenkost-Lookalike-Croissant mit Schinkenstücken in der Optik von rosa Gummibärchenraspeln. Uargh, pfui leckt mich doch. Lieber lutsch ich an unserem alten Topfschwamm aus der Spüle oder pul mir mit benutzten Ohrstäbchen die Reste vom letzten Mettigel aus den Zähnen.

Big King XXL. Morgens um 8. Yes! Ein bisschen zu soßig wie alles von Burger King, aber scheiß drauf, es gibt keine bessere Grundlage für eine lange Fahrt zur Ostsee. Das Zeug hält mich bis weit in den Nachmittag hinein am Leben.

Danke, Burger King an der Prenzlauer Promenade, du einzige Fastfood-Filiale dieser Stadt, deren Mitarbeitern ich ihrer Freundlichkeit wegen je Trinkgeld gegeben habe. Ich hoffe, du bezahlst sie gut. Sie haben es verdient. Und gut, dass es euch noch gibt. Noch.

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Burger King
Prenzlauer Promenade 69
13089 Berlin 

Samstag, 8. Dezember 2012

Herzlichen Glückwunsch - es ist ein Honk (5)

Vietnam Aroma Scharf

"Ist das sehr schaaf?"

"Ja, schaaf."

"Sehr schaaf?"

"Schaaf, ja."

"Na gut. Ich nehm das."

(...)

"Das war aber schaaf."

"Ja."

"Mir war das fast zu schaaf."

"Ja."

"Das hätten Sie mir sagen müssen, dass so so schaaf ist."

Honks. Honks. Überall Honks. Wichertstraße. Vietnam Aroma. Wieder ein Neuer. Wieder einer, der sich traut, in dieser Seuchenecke namens Wichertstraße ein Lokal zu eröffnen. Zuletzt war dort ein freundliches nepalesisches Restaurant drin.

Und starb.

Wie alle anderen vor ihm.

Weil ich da drin nie jemand gesehen habe, wenn man von mir selbst im Spiegel des Schaufensters mal absieht.

Aber ein Spiegelbild zahlt / zählt ja nicht.

Keine Kunden hier für sowas. Wichertstraße. Hier läuft man durch, kehrt nicht ein. Und isst schon gar nicht gut. Der prekäre 24/7-türkische Italiener mit seinen fettigen billigen Gummipizzen aus der Analoghölle ist der einzige "Gastronom", der hier seit Äonen überlebt. Der hat wahrscheinlich auch schon für den alten Fritz und Napoleon auf der Durchreise Richtung Moskau Gummipizza gebacken.

Wichertstraße. Die Straße für Skurriles. Bastelladen. Kiffershop. Kerzendreherei. Ein Waschsalon. Rollenspielertreff. Sprachschule. Ein Schuhmacher. Ein Computerschrauber. Der Thai-"Nein, kein Oralsex, nein, auch nicht Anal, auch kein Handjob, gehen Sie bitte"-Massagesalon. Schlecker ging hier pleite bevor Schlecker pleite ging. Hier geht nix, hier ist Wichertstraße, hier ist Nische, hier ist entweder Selbstausbeutung oder Selbstverwirklichung, gesponsort von wem auch immer, hier kann kein Restaurant laufen, egal wie gut es ist. Nichts zu holen.

Selbst ein auf das schwule Szenepublikum ausgerichteter Kippenkiosk mit anbiedernder Regenbogenoptik ging hier drauf. Hier überlebt nur Unsinn, den keiner braucht. Warum weiß kein Mensch und kein Mensch weiß auch, wer das finanziert, was hier überlebt.

Und plötzlich macht dann doch mal was Gutes auf. Vietnam Aroma. Zuvorkommend freundlich, unheimlich günstig und verboten gutes authentisches vietnamesisches Essen, das nicht vor lauter Angst vor der eigenen Courage von Chinanudeln, Süß-Sauer-Ananas, Bami Goreng, gebackenem Gummihühnchen und anderem Unsinn eingerahmt wird. Es sind Gerichte, die man nicht so ohne weiteres kennt, die sich aber lohnen, wenn man sich traut.

"Das hätten Sie mir sagen müssen, dass so so schaaf ist."

Honks. Honks. Überall Honks. Herzlichen Glückwunsch.

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Vietnam Aroma
Wichertstrasse 5
10439 Berlin

Freitag, 7. Dezember 2012

The Return of the Treuepunkt

Logo Arnimplatz

Et tu Rewe? Bisher warst du immer eine Bank unter den Nicht-Discountern, du hast mich nie genervt, nie gestresst und nur selten geärgert. Ja, man muss aufpassen bei dir mit dem Haltbarkeitsdatum und der Preisauszeichnung, weil oft mal was damit nicht stimmt, ja, muss man halt aufpassen, ist halt alles etwas schludrig bei dir und das Leben sowieso kein Ponyhof, aber das weiß man ja vorher.

Dafür war bei dir stets Stille an der Kasse, wofür ich stets dankbar war und auch mal einen abgelaufenen Joghurt oder 20 Cent mehr als auf dem Preisschild in Kauf nahm, ja, kein Problem, easy eiapopeia, dafür Stille. Bezahlen und weg. Keine weiteren Fragen.

Jetzt neu: "Sammeln Sie die Treuepunkte?"

"Ich hab mich verhört, das sind die Stimmen in meinem Kopf. Ich muss nur meinen Aluminiumhut aufsetzen und sie sind weg."

"Sammeln Sie die Treuepunkte?"

"Waaaaaaaa? Noooooooooiiiiiiiiin! Warum? Warum auch hier? Nein ich sammel nicht, nie, ich sammel gar nix, nicht mal mehr psychopathische Exfreundinnen, lasst mich zufrieden mit eurem Rabattschrott, ihr bindet mich damit nicht, ihr verjagt mich! Ist es so schwer mal die Fresse zu halten? Immer labern, immer quatschen, immer sabbeln. Was kommt als nächstes? Paybackkarte? Ob ich alles gefunden habe? Ob ich zufrieden bin? Vielleicht der Bon? Bon? Ob ich den Bon brauche für meine bekiffte Müllermilch Schoko, um sie nächstes Jahr von der Steuer abzusetzen oder dem Fleischer an der Ecke, zu dem ich gleich gehe, weil ich Ihre Fleischwarenfachverkäuferin doof finde, beweisen zu können, dass ich die Müllermilch Schoko nicht bei ihm geklaut sondern bei Ihnen gekauft habe?"

"Sind Sie fertig?"

"Ja."

"Sammeln Sie jetzt die Treuepunkte?"

"Nein."

"Brauchen Sie den Bon?"

"Nein."

Game over. You lose.

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Weihnachtsmarkt-Trash

Trash Hype Nerv

Alljährlich im November fällt er über Berlin her - der Weihnachtsmarkt-Hype: Flächendeckend, unvermeidlich, aber umso penetranter. Im Prinzip eigentlich ein schnöder Rummel, nur mit Weihnachtsmotto, werden an allen möglichen prominenten Plätzen in Berlin die ranzigen Bretterbuden aus dem Boden gestampft, mit Tannenzweigen und Weihnachtsklimbim versehen und das verkauft, was man beim Schützenfest, bei der Wahl der "Miss Araltankstelle" in der brandenburgischen Provinz oder beim letzten Deutsch-Französischen, Deutsch-Amerikanischen oder Deutsch-Somalischen Volksfest nicht losgeworden ist.

Es herrscht das große Fressen allerorten: Asia-Glutamatpfanne reiht sich an Nackensteakschwenker reiht sich an Hackfleischbilligdöner reiht sich an schmierige Fünf Meter Bratwurst reiht sich an verklebte Gummibärchenselbstbedienungstheken reiht sich an fettvollgesogene Tiefkühlkartoffelpuffer reiht sich an Fressbude an Fressbude an Fressbude, lediglich unterbrochen von Büdchen mit warmgemachtem übersüßtem Billigsuff aus der Großhandelspackung von Metro - ein einziges Fressen und Saufen XXL als gäbe es morgen schon nichts mehr.

Für das in der Regel minderwertige Angebot kann aufgrund der großen Nachfrage hingegen locker der doppelte Preis verlangt werden, den man sonst in seinem schäbigen Büdchen im U-Bahnhof oder im Industriegebiet für sein lausiges Essen bekommt. Der überall lauernde zu Glühwein vergewaltigte Billigfusel mit sangriagleichen Folgen für Hirn, Seele und Ausdrucksvermögen ergänzt das kulinarische Inferno symbiotisch und wird für teuer Geld in Massen an das vollkommen anspruchslose aber dafür selige Publikum ausgeschenkt.

Hier sind sie alle, hier fressen und saufen sich die Anwärter auf einen Hirnschrittmacher in Form des morgens schon besoffenen Onkel Ralle und des verzogenen, schon im Alter von drei Jahren übergewichtigen Klein Justin zusammen mit dem Alkoholiker-Urgestein Ursula, der in den letzten Jahren die ganze Bingogruppe an Leberzirrhose weggestorben ist, und den gackernden Micky-Krause-gröhlenden Vorzimmerdamen des Bezirksamts Pankow quer durch alle Stände, haben dämliche Weihnachtsmützchen oder ein drolliges Plüschgeweih auf dem Kopf, verschlingen in Rekordzeit die möglichst geschmacklosen und auf jeden Fall ungewürzten Industrienahrungsmittel mit der Extraportion flüssigen Pflanzenfetts und kippen den minderwertigen Industriealkohol mit Zimt und Zucker hinterher, für all das sie dann zusammen den Gegenwert dessen hinlegen, wovon andere Familien einen Monat lange überleben können.

Dafür entwickeln sie sich nach dem fünften Punsch mit Schuss noch weiter zurück als die Schimpansen im Affenhaus des Berliner Zoos, die sich gegenseitig die Korinthen aus dem Hintern pulen, singen "Finger in Po, Mexiko!" oder "Geh doch zu Hause du alte Scheiße!" und sind damit nur noch knapp vom Niveau dieser ganzen Schießbudenfiguren mit Schellenmützen entfernt, die seit Jahren aus dem Rheinland einwandern und im kreuzatheistischen Berlin versuchen, ihren bescheuerten Karneval zu installieren. Pfröööööt! Alaaaaaaf! Wollemosereilasse?

In all seiner Trostlosigkeit getoppt wird das ganze Elend nur noch von den allgegenwärtigen Betriebsausflügen mit uniformiert blinkenden Zipfelmützen, bei denen der Chef heute mal diejenige Fröhlichkeit verordnet, die während des ganzes Jahres überall auf der Welt nur nicht im Betrieb herrscht.
Die derart in Geiselhaft genommenen Kolleginnen und Kollegen müssen derweil so tun als säßen sie nicht viel lieber mit der Familie vor der Glotze als mit den ganzen Vollidioten, die man schon täglich über acht Stunden ertragen muss, in der Kälte am Glühweinstand und müssen zu allem Überfluss noch über die schalen Witze der bis zur Stufe ihrer Unfähigkeit beförderten Vorgesetzten lachen, die schon zu Zeiten der Bauernkriege altbacken und muffig waren.
Ganz gruselig anzuschauen, da ist in jedem Geiselcamp im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet mehr Stimmung in der Bude.

Der Gipfel des Trashs sind im Übrigen diejenigen Weihnachtsmärkte, bei denen neben den Fressbuden ganz viel sich drehendes Metall blinkt und leuchtet, also das was man gemeinhin Fahrgeschäfte nennt und so viel mit Weihnachten zu tun hat wie Karneval mit Zivilisation.

Zuckerbrot, sie fressen massenhaft Zuckerbrot und drehen sich im Kreise herum. Bling Bling. Ein Albtraum.

Der Einzige, den ich gelten lasse, ist der Rixdorfer Weihnachtsmarkt, der dieses Jahr wieder vom 07.-09. Dezember stattfindet. Der tut gut, weil er sich abhebt von diesen ganzen wahnwitzig überteuerten aber komischerweise trotzdem völlig überlaufenen blinkenden Kommerzmärkten, die Berlin pestgleich besetzt halten und alle niederen Instinkte hirntotgeschossener Konsumlemminge wecken. Sympathisch ist er nicht zuletzt deshalb, weil er nicht wie andere Weihnachtsmärkte von November bis Januar pausenlos die Grenzen des schlechten Geschmacks überschreitet, sondern sich dezent auf das zweite Adventswochenende beschränkt. Danke dafür.

Wir sehen hier an diesem schönen und sehr ursprünglichen Ort am Richardplatz viele kleine Initiativen und Vereine an wohltuend ungepimpten Ständchen, die Selbstgebasteltes und Handgemachtes zu Markte tragen, Kinder, die mit einer längst vergessen geglaubten Begeisterung Lose statt Drogen verkaufen, keine Hektik, keine künstliche Aufgeregtheit, kein Nepp, hier und da ein sympathisches Lächeln - kurz: Flair.

Nur den unvermeidlichen Glühwein, den gibt es hier auch, allerdings richtet er bei den Besuchern nur wenig Schaden in Auftritt und Contenance an, was sicherlich daran liegt, dass sich der Karnevalspöbel lieber auf dem Alexanderplatz mit viel Bling Bling zu „Finger in Po, Mexiko!“ die Lichter ausschießt als hier in Rixdorf. Gut so. Bleib so.


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Rixdorfer Weihnachtsmarkt
07.-09.12.12 
Richardplatz
Neukölln