Donnerstag, 11. Juli 2013

Op-Tik-Tik-Boom


Es gibt Restaurants, da weht es mich fast sofort wieder raus, bevor ich überhaupt eingetreten bin. Beim Dell' Arte in Treptow hielt mich beim ersten Besuch allein die Neugierde, ob es sich hierbei nicht vielleicht doch um eine groß angelegte ironische Inszenierung handelt, ein künstlerisches Event in Form einer Art überdrehter Konsumkritik, die einen optischen Overkill einer 80er-Jahre Pizzeria mit 70er-Jahre-Stilelementen aus Omas Mottenkiste kombiniert und den Rokoko plastisch veranschaulicht.


Meine Güte, das gibt's doch nicht, hier muss der langjährige Gewinner des Preises für den schlechtesten Geschmack der Welt am Werk gewesen sein. Ich sehe alle optischen Sünden, die in der Gastronomie jemals möglich waren, an einem einzigen Ort versammelt, hier sind sie alle gelandet, die fürchterlichen Zumutungen aus den 70ern, 80ern und dem Besten von heute: Girlanden in Tannenzweig-Optik, Porzellanengel, Kristallbrunnen mit Klunkern, Kandelaber mit Klunkern, Klunkerpyramiden, Klunker in Reih und Glied auf der Theke, Klunker von links, von rechts, von schräg vorne, blinkende Klunker oder einfach Klunker pur von der Decke hängend, an der sich schon Fresken, Gemälde und Zierschleifen mit Plastikefeu ein bizarres Stelldichein geben, Kristallfigürchen, Porzellangehänge, Perlenketten, Lämpchen in Traubengestalt, Holzfigürchen, kunterbunte Bauchvasen, Gedecke, Ringelgedöns, bunt bunt bunt, ich kann nicht mehr, tilt, tilt, tilt, mööök, overkill, knockout, Augen-Hirn-Karambolage - diese verdammte Höhle ist ein lebendes Museum der Grausamkeiten, in etwa so geschmackvoll wie der Ölschinken eines Patriarchen mit seiner Kniestrumpf-und-Zöpfchen-Tochter auf dem Schoß, aber immerhin originell, weil sich so etwas sonst niemand traut. Kitsch as Kitsch can.


Als ich fast blind vor Tränen in den Augen endlich sitze, stelle ich fest: Nein, ich bin in keiner Inszenierung, kein ironisierendes Augenzwinkern, kein kokettes Selbst-auf-die-Schippe-nehmen, nix, da meint es jemand knallhart ernst und spielt, weil die Optik noch nicht reicht, geschmacklosen Schlager (heute besonders politisch unkorrekt: Zigeunerjunge, Zigeunerjunge, tralalala) aus den Lautsprechern und es läuft mir eiskalt den Rücken runter.

Nur eines passt dazu irgendwie nicht: Mittagstisch für 6,50 Euro. Als Hauptgang mit Suppe vorher.

Nee, echt mal, das kann einfach nicht gut sein, das ist zu billig, verdammt, ich will hier raus, das wird doch nix, aber ich sitze zu prominent und komme hier ohne Gesichtsverlust nicht mehr weg, also bestelle ich den Mittagstisch. Mit Suppe vorher.

Als Suppe erwarte ich in Treptow automatisch einen in heißem Wasser aufgelösten Maggiwürfel mit zwei giftgrünen Chemieerbsen. Hier gibt es das nicht. Man serviert eine ausgezeichnete Suppe und das nicht nur einmal, sondern ein ums andere Mal: Entweder eine handwerklich gut gemachte Fleischbrühe, der man die Drei-Stunden-Knochenmark-Auskochen zum einen ansah und diese Mühe auch noch schmeckte, oder eine Brokkoli-, Tomaten- oder irgendwas anderes - Cremesuppe mit großzügig spendierten verschiedenen Gemüsefragmenten, oder Pilz- oder Tomatensuppe, jedes Mal großartig. Respekt.

Der Hauptgang im Mittagsmenü ist teilweise handwerklich auf noch höherem Niveau und steht dann im positiven Sinne in keiner Relation zu dem unverhältnismäßig geringen Preis, zum Beispiel bei der für 6,50 € viel zu guten Kalbsleber. Ich würde dafür ohne zu zucken auch das Doppelte zahlen.

Und doch, da sind sie, die Tropfen aus Wermut, denn manchmal gibt es einen Ausfall, und zwar, wenn sich dünner, viel zu lascher Gulasch auf Instant-Spätzle fläzt (das würde ich wirklich gerne von der Karte gestrichen sehen), aber wenn man das weiß, bestellt man das nicht.

Dennoch gilt für das Mittagsmenü: Respekt. Gut. Oft sehr gut.

Die Pizza aus der Hauptkarte kann man getrost vergessen. Zu klein, zu dick belegt, zu nichtssagend und im Fall der Parmapizza mit unsäglichem Parmesansand aus der Packung bestreut, der zwischen den Zähnen knirscht und eine Hustenattacke auslöst. Nein, bitte nicht noch mal.

Das Steak ist gut, jedoch ohne den Anspruch, herausragend zu sein. Die Bitte um Medium Rare-Zubereitung wird erwartungsgemäß ignoriert, das Steak kommt fast durch, aber immerhin nicht ganz trocken auf den Tisch, begleitet von überraschend anständigen Pommes.

So kitschig-bombastisch die Einrichtung daherkommt, so ernst meint es der Betreiber offenbar auch vom Service her und fährt alle Geschütze aus dem Lehrbuch auf, die man mit Recht in einem gastfreundlichen Restaurant erwartet: Schnell, überfreundlich, verbindlich, dennoch unaufdringlich und zur Rechnung noch einen Grappa oder Espresso auf's Haus - auch wenn man nur das billige Sparschwein-Geizkragen-Ich-muss-über-den-Monat-kommen-Mittagsmenü gegessen hat. Auf ein Neues: Respekt. Erwartet habe ich nichts - bekommen habe ich recht viel, viel mehr, als zu erwarten war.

Was bleibt?

Man muss sich wirklich ein wenig überwinden, um diesen Ort zu betreten und dann im Laufe des Besuchs eine Möglichkeit finden, die Reizüberflutung irgendwie synaptisch zu verarbeiten oder vielleicht sogar ganz auszublenden - vielleicht hilft Kiffen -, aber schafft man das und beschränkt sich auf die guten Teile der Tagesangebote, kann man hier durchaus gut und günstig essen.

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Ristorante dell' arte
Karl-Kunger-Straße 42
Treptow

Kommentare:

Amélie hat gesagt…

Meine Kinder mögen das ganze Geklimber dort gern. ich habe den Wirt mal auf die ganzen Sachen angesprochen, er war sehr stolz, vor allem auf diese weiße Statue links neben den Toiletten.

waswegmuss hat gesagt…

Doch für die Pizza mit wenig Belag gibt den Maggi-Pluspunkt!
So ein anständig belegtes Pizzastück mit anständigem Teig darunter steht wie das Brett vom Dreimeterturm und macht nicht Matschklapp wie bei diesen Dreifachkäse Besatzerfettfladen.

auslisten.de hat gesagt…

Ha! Das ist in meiner Straße.
Ein Traum für jeden Menschen mit Instagram-Account.
Und tatsächlich: Das Essen ist deutlich besser als erwartet.

Aber P.S.:
Die fabelhafte Alexandra hat nichts mit geschmacklosen Schlager zu tun.
Element of Crime haben hier viel gelernt.