Mittwoch, 3. Juli 2013

Tschüss, Georg Schramm


Jetzt ist es vorbei, jetzt habe ich ihn wohl zum letzten mal live gesehen: Georg Schramm, der Mann mit dem Zorn, der, der die Verhältnisse immer noch am besten, am effektivsten, am - ja - aggressivsten beschreiben und verbal zerlegen kann. Er wird von der Bühne gehen. Für immer. Bald schon.

Müde ist er geworden, die Rollen sitzen nicht mehr so wie man es kennt, die Pointen auch nicht mehr immer, weil er nur noch wenig Aktuelles einbezieht, sondern von dem zehrt, was man schon kennt. Und selbst da ist er nicht mehr so präzise, nicht mehr so treffend, das Publikum lacht häufig nur, weil es die alten Pointen wiedererkennt. Und der Zorn, der legendäre Zorn des Lothar Dombrowski, seiner gelungensten Kunstfigur, will auch nicht mehr so explodieren wie es inzwischen Marke geworden ist. 
Einmal nur, einmal bricht die alte Rage durch, das Gesicht wird knallrot, die Wutader leuchtet, der Schweiß strömt und dann geht es über den Saal nieder, das Gewitter. Yes! Das war es noch einmal. Wenn auch nur einmalig für diesen Abend.

Nein, so ernüchternd möchte ich die Beschreibung des Abends nun doch nicht einleiten, denn er ist nach wie vor gut, immer noch der Beste, weil Kabarettisten seines Formats fehlen, jene, die mit zwei Sätzen die herrschenden Verhältnisse zersägen können, die mit Pathos und Rage spielen, die sich aufregen, sich engagieren, sich nicht abfinden, die poltern und dröhnen. Alle anderen sind immer so furchtbar gewollt gewitzt, so neunmalklug oder so sozialkundelehrerisch, wenn sie nicht gleich unlustig unbissig sind wie Dieter Nuhr oder dieser Dr. von Hirschhausen, die man in ihrer Bräsigkeit in einem fort durch die "öffentlich-rechtlichen Bedürfnisanstalten" (Schramm) reicht.

Georg Schramm ist ein anderes Kaliber, einer der ganz Großen, einen, den man kaum wird ersetzen können, auch wenn man es so deutlich merkt wie an diesem Abend, dass er ausgelaugt ist, was vielleicht auch dem Umstand geschuldet ist, dass er nunmehr über eine Woche am Stück jeden Abend in Berlin aufgetreten ist. Das schlaucht natürlich. 

Dennoch: Ein schöner Abend und ein großer Geist mit einer nach wie vor großen Wirkung, der mich geprägt hat wie sonst kaum jemand. 

Und so schwingt eine große Portion Wehmut mit, als ich an den unzähligen graumelierten dürren Pädagogengesichtern vorbei aus der Türe des Wühlmäuse-Kabaretts nach draußen auf den dunklen Theodor-Heuss-Platz trete und ein wenig Wind von Westen aufkommt. Ich mag es nicht, wenn Liebgewonnenes zu Ende geht, mochte ich nie. Doch das Leben besteht aus Dingen, die zu Ende gehen. Und Georg Schramm auf der Bühne geht nun zu Ende.

Es wird seine letzte Tournee sein, er wird nach 25 Jahren seine Bühnenkarriere im Dezember beenden. Das waren nun wohl seine letzten Auftritte in Berlin.

Mir wird er fehlen.


Einer seiner legendären Auftritte, heute noch so wahr wie 2009: Volksverblödung

Kommentare:

Lothar hat gesagt…

Ich habe etliche von Schramms Programmen live gesehen, und er ist wirklich ein ganz Großer. Ex-Offizier, Psychologie studiert - da ist man fürs Kabarett gerüstet. Phantastische, treffgenaue Bühnenfiguren, und manchmal weiß man tatsächlich nicht, was ernstgemeint ist und was nicht. Wahrscheinlich ist alles ernstgemeint. Schade, daß er aufhört, er wird mir fehlen.

Aber es ist ja nicht so, als ob es keine Kandidaten für die Nachfolge - wenigstens im Amt - gäbe. Till Reiners zum Beispiel, aus dem kann was werden. Hagen Rether macht sehr gutes Kabarett, wütend, nur leiser. Bei Max Uthoff bin ich noch nicht sicher. Fehlen bei allen die Figuren, aber schaunmermal - eine gute Figur macht man ja nicht so leicht.

Stef hat gesagt…

Jou, Schramm ist ein ganz großer, wahrscheinlich der größte in seinem Fach. Sehr bedauerlich, dass er aufhört, aber verstehen kann man's ja... naja, man muss es akzeptieren. ;-) Es gibt aber zum Glück noch die Herren Pispers, Pelzig, auch Rether, und, wie im Kommentar oben zu lesen, macht auch der Nachwuchs in Form von Max Uthoff, der angeblich ab nächstem Jahr die Anstalt moderiert, Hoffnung.

Bin sehr froh, Georg Schramm noch zwei mal live gesehen zu haben. Bleibt unvergesslich!