Mittwoch, 30. Januar 2013

Januar-Blues

Depri

Blues. Der Januar endet grau und nass in dieser dreckigen, harten Stadt - in der Bahn schlägt mit Wucht die blanke Depression aller um sich, missmutig, entnervt von sich selbst und ihrer Umwelt, den Umständen, dem Wetter, leere Gesichter, verhärmte Gesichter, gezeichnete Gesichter und ein zweckoptimistischer Gitarrenspieler, der Musik machen möchte, sich jedoch anders entscheidet und stumm den Wagen verlässt, kein Kind lacht, heute ist nicht der Tag dafür, selbst der Straßenzeitungsverkäufer traut sich heute nicht zu seinem Volk zu sprechen und verzichtet lieber auf seine tägliche Extraportion Hass, Ekel und abgewandte Gesichter, die kalt kahl grau aus dem zerkratzten Fenster auf neblige graue Bahnanlagen und rosa angemalte Plattenbauten blicken, auf dem Weg von dem was sich Arbeit nennt oder auf dem Weg dorthin, die einen müde vom gute Laune/Rolle spielen, die anderen versuchen, nicht daran zu denken, dass ihnen gleiches gleich bevorsteht, irgendwo bei Kik, Kaufland, in einem der vielen Büros hinter Glasfassaden oder hinter einer Theke, resigniert und stumm schluckend da, wo immer andere auftrumpfen, sich durchsetzen, Konkurrenten besiegen, und jene, die Besiegten, sitzen nach dem ganzen Kampf/Krampf später wieder hier im Wagen, in Gegenrichtung, ihre eigenen Niederlagen jeden Tag stumm mit nach Hause nehmend, beruhigt von schlimmeren Niederlagen, die andere einstecken müssen, die da draußen, die aus dem System gefallen sind und um Groschen bitten, kalt, zu kalt, kalt geworden, morgen beginnt das Spiel/Schauspiel von neuem, Woche für Woche, die Rolle sitzt, Monat für Monat, auf dass am Monatsanfang bezahlt werden kann was man schuldig ist, Jahr für Jahr, Winter in Berlin, Sichtbeton trifft Eiswind, Sichtbeton in den Gesichtern, Eiswind in allen Ritzen, schneidend, beißend, abweisend, zuhause ist Frieden, draußen ist feindlich, bis dann, irgendwann, doch mal, Sonnenlicht zwischen den Wolken, Wohnzimmer, Ofen, Wärme, Klänge, Düfte, Gastfreundschaft, freundliche Gesichter, gut essen, Kraft tanken. Lachen. Doch noch einmal Ja sagen.

Dienstag, 29. Januar 2013

Dreck fressen


Berlin hat wieder eine Geschichte geschrieben.

Denn da saß dieser seltsame Typ neben mir in der Kneipe und wollte Dreck fressen.

Dreck fressen?

Dreck fressen. Nach Stunden rückte er damit raus, es muss ihn die ganze Zeit beschäftigt, eher innerlich zerrissen haben, bis er es dann rausließ, sich öffnete, sein Innerstes nach außen kehrte. Seelenstrip. Im Whiskydunst. Haut er es raus.

"Du isst doch so oft Dreck."

"Wäh?"

"Dreck. Du. Oft. Essen. Steht bei dir im Blog. Und früher bei Qype."

"Naja, nicht freiwillig, aber Berlin ist eben die unangefochtene Hauptstadt des Scheißessens. Jeder Idiot, dem sonst nix einfällt, macht hier ein Lokal auf und verkauft Scheiße auf Toast. Da ist die Chance so verdammt hoch, dass man immer mal wieder Dreck isst. Und wenn das passiert, dann kann man es doch auch verbloggen, um seine 3½ Leser zu warnen."

"Ich will das auch mal machen."

"Bitte was?"

"Auch mal machen. Da draußen ist ein Döner. Ein ranziger Döner. Lass uns da einen Burger essen."

"Ein Burger in der Dönerranzbutze? Bist du naß?"

"Ja, genau dort."

"Aber das ist doch fahrlässig. Mit Ansage. Nebenan ist Burger King. Lass da einen Big King zischen."

"Nee, lass mal machen. Burger. Anner Kackbutze. Ich brauch das jetzt, ich will das haben. Lass uns Scheiße essen. Mit Absicht."

Ich habe gelernt, die vielen seltsamen Menschen in dieser Stadt entweder ausdruckslos anzustarren bis sie gehen, spontan in einer Masse unterzutauchen, um ihrem Wahnsinn zu entgehen oder - wenn es ums Verrecken nicht anders möglich ist - ihnen einfach ihren seltsamen Willen zu geben. So landete ich schon auf dem Tegeler Schlagerboot zum Schlagermove, in einer Bar mit Darkroom und als Gipfel des Unsinns sogar in einem Bioladen.

Jetzt soll es der Euro Snack sein, diese Butze unter dem U-Bahn-Viadukt auf der Schönhauser, Ecke Stargarder und Gleimstraße. Dieses fiese neonbeleuchtete Ding, das seinen Profit alleine daraus zieht, so ziemlich als Einziger der Gegend nachts um zwei Uhr noch warme Nahrung produzieren zu können.

Döner Burger

Grundgütiger. Diese Kacheln. Es sind die Kacheln. 90er-Kacheln. 90er-Stahloptik. 90er-Hackfleischspieß als trauriger Rest eines weiteren traurigen Tages unter dem U-Bahn-Viadukt. Traumatisierend ist vor allem dieser armselige Drehspieß, dessen Rinde - man muss es Rinde nennen - gerade für einen anderen Irren abgepult wird, der hier fahrlässigerweise isst.

Der seltsame Mensch, der Dreck fressen will, bestellt Burger. Es gibt kein Burgerbrötchen mehr und ich freue mich spontan auf Burger King gegenüber. Home of the fucking Whopper. Big King XXL. Mach mich glücklich, mein König.

Aber der Dönermann grätscht dazwischen: "Isch kann eusch Burger im Fladenbrot machen." For fuck sake, ich hab schon viel Unsinn gegessen, meistens im Suff, gerne kurz vor dem Koma und immer nicht schuldfähig, aber das Ding toppt alles.

Dreck

Kalter Dönerschrott meets nur halb angeschmolzenen Scheiblettenkäse meets halbdurchgebratenes Minipaddy aus der Tiefkühltruhe.

Und zu allem Überfluss grinst mir noch ein Tomatenendstück mit Strunk entgegen - frisch aus dem Haufen Unsinn geflogen. Ein Tomatenendstück mit Strunk. Immer ich. Ich hasse Tomatenendstücke mit Strunk. Alle Dönermänner dieses Bezirks haben sich verschworen und packen mir ihre verfickten Tomatenendstücke mit Strunk rein. Das Tomatenendstück-mit-Strunk-Trust von Prenzlauer Berg. Die Tomatenstrunk-Mafia. Don Corleone im Hinterzimmer vom Kaplan Döner: "Nein, legt ihm keinen Pferdekopf ins Bett, tut ihm Tomatenendstücke mit Strunk in den Döner, immer wieder. Das kocht ihn weich."

Ich will nicht mehr, ich will Tomatenendstücke mit Strunk auf verzogene Biokinder schmeißen, sollen die den Scheiß fressen, ich will den ganzen Fladenbrotburgerscheiß irgendeinem mülltrennenden Ökohippie hinterherschmeißen, aber um diese Zeit treiben sich nur noch ein paar versprengte Touristen hier rum, die ahnungslos annehmen, in Prenzlauer Berg sei nachts um zwei noch irgendwo was los.

Der andere arme irre Versprengte, der gerade an seinem Döner kaut, wünscht uns hämisch "Fröhliches Abscheißen heute nacht." Der hat's nötig - mit seiner verkohlten Ranzdönerrinde aus der Hackfleischhölle.

Ich beiße zweimal ab, bin heute aber leider nicht besoffen genug, um den Abfall komplett zu essen und schmiere das Machwerk mit dem Inhalt nach unten auf den Sattel eines der hier angeketteten Fahrradnazi-Mountainbikes, das so aussieht als würde es am Tage kleine Kinder vom Bordstein fegen.

Dreck fressen. Seltsame Menschen haben seltsame Ideen in dieser Stadt. Aber hat es durchgezogen. Er hat alles gefressen. Den ganzen Dreck. Bis auf das letzte verschissene Sesamkorn auf dem furztrockenen Fladenbrot.

Seltsame Stadt. Seltsame Menschen. Seltsame Ideen. Alles. Nur nie langweilig.

Lass mal netzwerken - Ausgesuchte Links vom 29.01.13


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25.01.13: Das Schreien der Lämmer
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25.01.13: Lampe ist defekt
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Montag, 28. Januar 2013

Saufen Fressen Platzen - Grüne Woche


Messe Grüne Woche Berlin
Die Grüne Woche steigt seit vielen Jahren kontinuierlich ab.

Und das aus vier Gründen:
1. Die Gratishäppchen sind fast flächendeckend verschwunden und erschöpfen sich mittlerweile in winzigen Krümeln an Käse oder Salami, die nicht der Rede wert sind und irgendeine Kaufentscheidung zu beeinflussen schon rein von der Substanz gar nicht in der Lage sind. Mir ist klar, dass das den zügellosen Buffetfräsen vergangener Jahre zu verdanken ist, aber vielleicht wäre es eine bessere Lösung, aussagekräftige Probierportionen hier und da für einen Euro zu verkaufen, das hält die Freibiergesichtern fern.
Dadurch ergäbe sich die Gelegenheit, die Palette der zu probierenden Dinge mehr auszuweiten als das mit großen Portionen der Fall wäre und man muss nicht Salamikrümel von einem Teller titschen, an dem vorher noch Opa Kowalke seine seit Tagen ungewaschenen Wurstfinger hatte. Win Win. Warum machen das nur so wenige?
2. Es wird deutlich teurer. Von Jahr zu Jahr. Damit meine ich nicht nur die Puffpreise für geräucherten Schinken oder die völlig überschätzten italienischen Wurstwaren, sondern vor allem den französischen Käse, der die Käseabteilung des KaDeWe preislich hinter sich lässt, was man auch erst mal schaffen muss. Schnäppchen sind vielleicht noch bei Aal-Kai oder anderen Marktschreiern vom Hamburger Fischmarkt zu machen, aber deren Qualität ist auch bekannt.
3. Und hier ist der Grund für die Puffpreise: Der Massenandrang des interessierten Fachpublikums, der nach dem altbekannten volkswirtschaftlichen Prinzip "Angebot und Nachfrage regeln den Preis" für die deutliche Verteuerung verantwortlich ist. In den letzten Jahren hat der Andrang deutlich zugenommen und das zeigt, dass da preislich sicher noch nicht das Ende der Fahnenstange erreicht ist.
Der Andrang ist so groß, dass es teilweise unmöglich ist, an die Stände ranzukommen, selbst wenn man ernsthaft kaufinteressiert ist. Sitzplätze sind rar wie Goldstaub und werden Gerüchten zufolge auf dem Schwarzmarkt vor den Toiletten zwischen Halle 14c2 und 15 gegen Cash gehandelt.
4. Der Anteil exotischer Produkte, die man eben nicht überall bekommt, geht seit Jahren zurück. Das teils erschreckend einfallslose Portfolio an Speisen lässt sich sehr gut am Beispiel Chinas verdeutlichen, dessen trauriger kulinarischer Beitrag in einer mit roten Lampions behangenen Fettbude besteht, deren fragwürdige Erzeugnisse so auch vor jeder gut sortierten U-Bahn-Station zu finden sind und die nicht das widerspiegelt, was chinesische Küche eigentlich kann. Keine Spur von raffinierten Gerichten Asiens und dem dumpfdeutschen Gaumen unbekannte Gewürze und Zutaten.
Insgesamt ist eine deutliche Tendenz zur Banalisierung und zum Mainstream festzustellen, immer mehr Stände stehen in dieser Art auch irgendwo in Berlin rum, es besteht der Eindruck von wahllos aneinandergereihten gesichtslosen Imbißbuden, die nur pro forma einen länderspezifischen Bezug haben.
Ausnahme und kann man auch mal Patriot sein: Die Bundesländer-Halle und die regionalen deutschen Hallen dahinter warten mit ausgezeichneten Waren von einer Vielfalt auf, bei denen ich nicht den Eindruck habe, dass ich sie so einfach überall um die Ecke bekomme. Hier ist es noch, dieses Gefühl von etwas Besonderem.
Aber sonst? Zum Besaufen und dann feiste vollgesoffene Fresssäcke kucken ist es gut. Whisky. Rum. Tequila. Alles muss rein. Dafür is gut. Dann is Ballermann. Dann geht das.

Lass mal netzwerken - Ausgesuchte Links vom 28.01.13


Man kann ja mal über den Tellerrand schauen. Ich mach das jetzt öfter.

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20.01.13: An der Grenze zu Schwabylon
ThorgeFährlich hat was zur Schwabendiskussion

22.01.13: Warum ich blogge
Jörg Lau erklärt mit Pathos in der Feder, warum er bloggt

24.01.13: Die katholische Kirche, ein Missbrauch und meine persönliche Geschichte
Floyd outet sich. Der Text muss viel Kraft gekostet haben


Sonntag, 27. Januar 2013

Samstag, 26. Januar 2013

Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Honk (7)


Ich hab mal einen Möbelkredit abgeschlossen. Bei Santander. Für 0 Prozent.

Der ist schon seit Ewigkeiten wegbezahlt. 10 Jahre oder so.

Und seit 10 Jahren bombadiert Santander meinen Briefkasten mit Werbung.

Jeden Monat ein persönliches Kreditangebot.

"Sehr geehrter Herr Stevenson! Frühlingskreditwochen bei Santander! Schließen Sie noch heute über 3000,- Euro ab und sichern Sie sich Vorzugszinsen von 7,1%!"

"Herr Stevenson! Sommerurlaubswochen bei Santander! Exklusiv für Sie! Dauerniedrigzins von 7,5%! Jetzt abschließen!"

"Sehr geehrter Herr Stevenson, wussten Sie schon, dass Santander jetzt die Halloweenkreditwochen eingeläutet hat? Sichern Sie sich jetzt den einmaligen Sonderzins von 7,8% ..."


... den Ihr Euch bei der EZB für 0,5 % leiht und an mich für das Vierzehnfache weitergebt. Geht's noch? Ich muss da raus aus der Datenbank, sonst geh ich die Wände hoch.

Oktober. Schnauze voll. Ich so: "Sehr geehrte Damen und Herren, bitte nehmen Sie mich aus Ihrer Datenbank. Ich bin in der glücklichen Situation, derzeit keinen Kredit zu benötigen und hoffe, das das so bleibt. Schreiben Sie mich bitte nicht mehr an und löschen Sie meine Daten. Besten Dank. MfG. Stevenson"

Santander so: "Sehr geehrter Herr Stevenson! Happy Finanzkrise-Kreditwochen bei Santander..."

Ich so: "Sehr geehrte Damen und Herren, bitte nehmen Sie mich aus Ihrer Datenbank. Schreiben Sie mich bitte nicht mehr an und löschen Sie meine Daten. Besten Dank. MfG. Stevenson"

Santander so: "Sehr geehrter Herr Stevenson! Jetzt Herbstdepressionszinsen sichern..."

Ich so: "Sehr geehrte Damen und Herren, bitte nehmen Sie mich aus Ihrer Datenbank. Besten Dank. MfG. Stevenson"

Santander so: "Sehr geehrter Herr Stevenson! Traurig? Weihnachten vorbei? Jetzt Zinsen sichern!..."

Ich so Telefon: "Guten Tag, Stevenson, ich möchte keine Werbebriefe mehr haben. Geht das?"

Santander so: "Warum denn nicht?"

Ich so: "Ist doch egal. Nehmen Sie mich raus aus der Datenbank bitte?"

Santander so: "Ja, mach ich sofort."

Ich so: "Danke, sehr freundlich."

Ein paar Tage später Santander so: "Neujahr, Herr Stevenson! Santander hat jetzt Neujahrs-Wochen, sichern Sie sich die Zinsen!!!"

Ich hasse euch und wenn euch endlich die nächste Immobilienblase am Arsch erwischt, rechnet nicht mit meinem Mitleid. Hoffentlich lassen sie euch diesesmal einfach untergehen. Ich vermiss euch nicht. Honks.

Freitag, 25. Januar 2013

Väter können ja nix

Väter Omas

Omas und ich haben ein Ding laufen. Wir kommen nicht zusammen. Wir mögen uns nicht. Wir beäugen uns. Kritisch. Distanziert. Feindselig. Ich, weil ich weiß, dass gleich was kommt. Die Omas, weil sie wissen, dass ich als Vater nix kann.

Omas putzen meinem Kind die Nase, wenn ich nicht eine Sekunde nach Rotzefluss ein Taschentuch zücke, Omas erzählen mir wahlweise, dass ich mein Kind hinlegen oder hochnehmen muss, wenn es brüllt - je nachdem, was ich davon gerade nicht mache - und sie schenken meinem Kind ungewollt und natürlich ohne zu fragen uralte Gummibärchen aus uralten Jutebeuteln, weil sie denken, dass das Kind bei dem Vater so etwas Gutes nicht bekommt.

Sie sind mein Fluch, sie finden mich überall und sie geben mir an jeder Stelle ungefragt Ratschläge und wertvolle Hinweise, wie ich als Vater besser werden kann oder greifen gleich selbsttätig ein, um Schlimmeres zu verhindern. Das muss nämlich sein. Denn Väter können es nicht. Weiß ja jeder. Man muss denen unter die Arme greifen. Wie Kindern. Die können ja auch nix. Und wenn dann zwei Kinder zusammen unterwegs sind, das echte Kind und der Mann, dann muss man eingreifen. Nothilfe quasi. Die Oma rettet in diesem Moment nichts weniger als Menschenleben.

Tegel. Freiluft-Altersheim. Ich. Kind. Es ist kalt. Vom Auto zum Gebäude, in das ich will, sind es fünfzig Meter. Das Kind hat fünf Schichten Kleidung an, dazu Mütze, Schal, Wind- und Wettercreme, nur die Handschuhe baumeln ungenutzt an der Jacke. Es sind nur fünfzig Meter, scheiß auf die Handschuhe, da sind wir in zwei Minuten im Warmen, das lohnt nicht, denke ich.

Scheiße gedacht, hohoho, denn da kommt schon die Oma als wandelndes Klischee mit Rollator aus dem verfluchten Medical Park gerollt. Und sie grinst mir schon in freudiger Erwartung feist ins Gesicht, man glaubt es nicht.

Ich weiß schon, was kommt. Es muss kommen. Es kommt immer.

Sie rollt vorbei und gerade als ich denke, ich bin heute tatsächlich einmal davongekommen, krakeelt sie über die Schulter "DIE HÄNDCHEN WERDEN GANZ KALT!"

Plock. Argh. Lanze im Rücken. Wieder einen Vater abgeschossen. Der kann ja nix. Sieht man ja. Die können ja alle nix. Weiß man ja. Der lässt sein Kind stundenlang ohne Handschuhe bei Minusgraden rumlaufen. Und danach kommt es zuhause an die Kette im ungeheizten Kohlenkeller in ein Bett aus Dachpappe und Rattenkot. Kennt man ja.

Jedem Kerl, der das machen würde, würde ich innerhalb der Sekunde, in der er seinen Giftpfeil auf mich abschiesst, in den Rücken springen und sein Gesicht in den nächsten Hundehaufen drücken, von denen es in dieser Stadt zum Glück alle zwei Meter einen gibt. Aber Kerle machen das ja nicht. Mutterfrauen auch nicht. Mutterfrauen kucken immer nur aufmunternd als würden sie sagen wollen "Sie machen das ganz gut, nicht so gut wie eine Mutter natürlich, aber immerhin lobenswert, dass Sie es wenigstens versuchen. Nur Mut."

Nein. Giftpfeile abschießen machen nur Omas. Denen man nichts tun darf. Weil die Narrenfreiheit haben. Weil die wissen, dass man ihr Gesicht nicht in Hundescheiße drücken darf. Und weil sie nicht mehr so viel Zeit haben, rocken sie nochmal das Haus und kacken mit einer diebischen Freude wildfremde Väter an, die sich aus moralischen Gründen nicht wehren dürfen. Väter, die sowieso nix können. Väter, die ihr Kind fünfzig Meter ohne Handschuhe laufen lassen.

Rabenväter. Wie alle eben. Kennt man ja.

Donnerstag, 24. Januar 2013

Herr Stahlmagen geht essen

Herr Stahlmagen geht essen

Herr Stahlmagen geht essen. Er ist sehr eigen, er möchte möglichst schlecht essen, um im kulinarischen Stahlbad zu testen, ob es die Magenwand in ihrem Alter noch bringt. Das fällt ihm in Berlin, der Stadt, in der er wohnt und die er aus irgendwelchen perversen Gründen liebt, immer sehr leicht.

Steakhaus Silverado in Friedrichshain. Sieht schon von außen fürchterlich aus. TexMex-Schrott meets Instantpizza meets 50%-Rabatt-Steaks.

Herr Stahlmagen ist guter Dinge und freut sich.

Und so läuft in Herrn Stahlmagens degeneriertem Hirn ein potthässliches Nummerngirl ohne Zähne, dafür mit Elefantenohren und eingewachsenen gelben Fingernägeln, von denen die prekären bunten Plastikschaufeln schon abblättern, durchs Bild - in der Hand ein Schild: "Pizza".

Eine Pizza kostet hier irgendwas um die 4,90 € und ist nach fünf Minuten fertig. Das sagt eigentlich schon alles. Ein Blick von oben auf grünes Gestrüpp lässt nur vermuten, dass sich darunter noch Pizza mit dem angepriesenen Parmaschinken befindet. Man wünscht sich neben Messer und Gabel eine Heckenschere, um den Rucola-Dschungel zumindest teilweise zu roden. Oben auf dem Rucola befindet sich Sand … viel Sand … oder … was zum Teufel … Himmel nein! Es ist Parmesansimulation aus dem Streuer! In Massen - ein wahres Sandgebirge, ein Ungetüm, ein Overkill, man möchte pusten, staubsaugen, alles wegwedeln, aber bestimmt nicht reinbeißen. Hat jemand eine Schaufel? fragt Herr Stahlmagen. Bagger vielleicht? Knirsch. Sand im Mund. Knirf. Knarf. Da haben wir wohl irgendwas mit dem Parmesan falsch verstanden. Hart. Hart wie der gegrillte Schinken auf dem Teig aus der Teighölle - ein Schinken im Übrigen, der gar kein Parma ist, sondern durchwachsener Billig-Tiroler mit viel Fett. Uargh. Hardcore. Aber noch lange nicht schlecht genug.

Noch ein Nummerngirl läuft durch den kranken Geist von Herrn Stahlmagen, noch hässlicher als die vorige. Hat sie nur ein Auge? Und das auch noch auf der Stirn? Und was hängt ihr da Graues aus dem Mund? Zunge? Ein Stück Schweinedarm? Auch sie trägt ein Schild: "Espresso".

Der Espresso kostet entweder nichts oder nicht viel, das ist bei der hoffnungslos intransparenten Preisgestaltung mit den schreienden 50%-Aufklebern an der Fensterscheibe, von denen nie klar ist, wann und für was sie eigentlich gelten, nicht genau auszumachen und eigentlich auch egal, denn er ist nur ersteres wert. Nach dem ersten Schluck kommt der Wunsch auf, man hätte vorher ein paar Meter weiter bei Netto eine Büchse Kaffee-Instantkrümel gekauft und dann hier einfach um ein wenig heißes Wasser gebeten. Ein spontaner indianischer Beschwörungstanz um den Tisch herum, damit die Magenwand dem Angriff standhält, verhindert Schlimmeres.

Aber das ist alles noch nicht schlimm genug für diesen einen Besuch. Herr Stahlmagen ist mit sich und der Welt unzufrieden.

Doch plötzlich setzt Musik ein: Cantaaaaare! Ooooooh! Volaaaaaaare! Ooooooh! Nell Blu! I bin so wie du! Felice! Di stare bla blu!

Volltreffer. Herrn Stahlmagen ist nun endlich richtig schlecht und Freude kommt auf.

Wochen später. Wieder hier. Neuer Tag - neues Pech.

Nun läuft ein Cowboy durchs Bild. Wieder erschaffen im verfaulten Hirn von Herrn Stahlmagen. Der Cowboy ist noch hässlicher als die beiden Nummerngirls zusammen, irgendein Ekzem wächst ihm an der Backe und eine Warze mit drei Haaren sitzt auf seiner Nase wie ein fetter schwarzer Frosch. Er grinst mit seinen schwarzen Zahnstümpfen und wackelt mit Hintern, Schultern und einem verrosteten Blechschild, auf dem steht: "Steak".

Herr Stahlmagen freut sich auf ein möglichst kaputtes Stück Fleisch.

Soviel Vorfreude muss belohnt werden und deshalb behandelt man das Fleisch hier schlechter als irgendwo anders je gesehen. Es sieht mit seinen fjordgleichen Ausbuchtungen aus, als habe es irgendjemand mit großen Fangzähnen direkt aus der Schulter eines schon senilen Rindes gebissen und es schmeckt, als wäre dies auch schon eine ganze Weile her gewesen.
Um ihm noch den Rest zu geben, hat man es mit grobem Paprikapulver großflächig eingerieben und erst danach in eine fragwürdige Pfanne geworfen, wonach das Pulver den unvergleichlich intensiven Geschmack eines vollen Aschenbechers entwickelt und sich Herr Stahlmagen immer wieder schwarze kleine Kohlestückchen aus den Zähnen pulen muss, die er an die weiße Wand zu einem Muster zusammenschnippt.
Der intensiv-säuerliche Abgang des mißbrauchten Fleisches ist da nur der finale Tritt in die Magengrube und ein Horror, der noch jahrelang im Gedächtnis haften bleiben wird.
Dazu werden ungesalzene halbgare Tiefkühl-Pommfritz und ein paar traurige Stifte Fertigkarottensalat auf einem Eisbergsalatblatt gereicht. Flashback: Autobahnraststätte Seesen/Harz 1986.

Und weil sich Herr Stahlmagen gerade so richtig schön scheiße fühlt, dröhnt aus den Boxen auch noch ein tolles Lied: Felicita! En tenersi pa mano Grana Padano e felicita!

Yeah, rock me baby, gib’s mir richtig, denkt Herr Stahlmagen, während ihm der Magensaft in die Backentaschen spritzt.

Auf ein drittes. Wieder hier. Same shit - different day.

Herr Stahlmagen bemerkt an diesem weiteren Tag seines Kreuzwegs nur noch resigniert und ganz am Rande den seinem völlig paralysierten Geiste entsprungenen dicken Bauarbeiter mit Achselnässe, Dreifachkinn und Mettresten zwischen den Zähnen, der auf ein Stück altem Klopapier das Wort "Buhriehto" gekritzelt hat und völlig unmotiviert einen kleinen stümperhaften Stepptanz zum Besten gibt und mit einer ungelenken Verbeugung seine speckige Schiebermütze zieht, bevor er sich im seit Tagen nicht mehr gewaschenen Schritt kratzt, an seiner Hand riecht und Land gewinnt.

Der darauf folgende Burrito sieht aus wie etwas Überfahrenes auf der Autobahn und schmeckt ... es gibt keine Worte in keiner Sprache dieser Welt für sowas.

Das ist ein tolles Lokal, denkt sich Herr Stahlmagen, nachdem sich zuletzt ein Schwall Ramazottis "Se bastasse un bella Calzone" aus den uralten Boxen erbricht und endlich das langersehnte Sodbrennen einsetzt. Ich habe die Grenzen meiner Belastbarkeit erreicht, freut er sich, und mein Leben mit diesen drei Mahlzeiten um mindestens drei ganze Monate verkürzt. Hier will ich noch mal her, dann können sie zu Ende bringen was sie angefangen haben. Geisterbahn. Tour de Sade. Kulinarisches Bootcamp. Hier hasst jemand Essen. Mit Leidenschaft. Echt toll. Morgen nochmal. Unbedingt. Und so begrabt denn mein Hirn an der Biegung des Flusses, wenn die Magenwand endlich durch ist.

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Steakhaus Silverado
Modersohnstraße 58
10245 Berlin 

Mittwoch, 23. Januar 2013

Kaputter Seelauf


Flashback Januar 2010. Ich bin caputh. In Caputh. Caputher Seelauf. Allein schon des Namens wegen musste ich mich anmelden. Kaputter Seelauf. Im Januar. Das können nur Kaputte machen. Ich bin caputh.

Die Ankunft am Bahnhof Schwielowsee (das Caputh hat man sich hier gespart, wahrscheinlich wegen der Lachkrämpfe der Durchreisenden) gestaltet sich as depressive as possible.

Caputher Seelauf Bahnhof

Die Jugend hinterlässt hier ihre existenzialistischen Hilferufe.

Caputh Bahnhof
 
Ich weiß was sie meinen. Ich warte immer auf die S-Bahn, woanders wartet man auf Godot und in Caputh eben auf Einstein. Aber Einstein ist tot und ich will wieder nach Hause.

Das geht aber nicht. Ich habe groß angegeben wie ein Bonzenkind in Papas Cayenne, dass ich heute hier im Tiefschnee einen Wettbewerb laufe, also muss ich in die Mehrzweckhalle zum Umziehen. Kneifen gilt nicht.

Caputh Turnhalle
 
Nicht viele wollen im Januar einen 10 Kilometer-Lauf machen. Und schon gar nicht in Brandenburg im Wald. In der Tundra. Im Schnee. Ich jedoch schon und komme mir dabei vor wie der Erstbesteiger des K2 oder Amundsen am Südpol, nur ohne Pinguine.

Mehr als 200 Teilnehmer sind das wohl nicht, verdamm mich doch, bei so wenig Startern kann man nur schwer untertauchen, sollte es nicht rund laufen.

Zuerst sorgen ein paar versprengte Walker für Belustigung und tun so, als betrieben sie Sport.

Winter Caputh Start
 
Dann startet ein Häufchen Verwegener für die 10 Kilometer.

Caputh Lauf See Start

Ich starte wie immer ganz hinten, das gibt mir das gute Gefühl, auf den ersten Metern eine Menge Leute zu vernaschen, die langsamer sind als ich. Würde ich vorne starten, würde ich bei jeder Sportskanone, die mich dann zwangsläufig überholt, vor lauter Gram immer langsamer werden und irgendwann stehenbleiben, in die nächste Kneipe gehen und mich besaufen. Also gilt: Hinten starten ist gut fürs Ego.

Peng.

Startschuss. Es geht sofort los. Alle rennen. Was zum ... ist denn hier...? ... kennt man gar nicht von Berlin. In der Hauptstadt steht man nach dem Startschuss erst mal zehn Minuten dumm rum, bis man in der trägen Masse aus Hausfrauen, Bierplautzenkönigen und den verkappten Walkern, die keine sein wollen, langsam mal missmutig losschleichen kann. Hier nicht, ich bin überrumpelt, überrascht, kalt erwischt und tatsächlich Letzter auf weiter Flur. Mit drei Metern Abstand zum Vorletzten - und das in den ersten zehn Sekunden. Heldenkinder. Was geht denn hier?

Die Straße ist vereist, aber gestreut. Nach etwa einem halben Kilometer geht es rechts in einen Feldweg. Der um den See herum führt. Und der ist nicht geräumt. Meine Asics-Asphalttreter versinken bis über die Knöchel im Schnee. Au fuck, das geht so nicht, so kann kein Mensch laufen, da muss doch einfach bald wieder geräumt sein.

Ist nicht.

Die volle Distanz um den verfickten See herum nur Tiefschnee.

Das ist kein Laufen, das ist Schneestapfen.

Krass.

Krank.

Caputh.

Ich überhole nach mehreren Kurven und Hügeln, die mir vorkommen wie der verdammte Himalaya, endlich auch mal den alten Opa der optischen Altersgruppe M110, der bisher Vorletzter ist. Gottgütiger, ist das anstrengend, ich hechel wie dieser potthässliche Kampfhund, der mich im Bürgerpark Pankow immer durchs Unterholz jagt, wenn er mich sieht. Das wird doch nix, wie komm ich aus der Nummer ohne Gesichtsverlust raus?

Gar nicht.

Durchziehen.

Weiter.

Krass.

Krank.

Caputh.

Fuck.

Boar, erschieß mich doch, notschlachten, ich hab ja gar keine Chance, das sind doch alles von Ostzeiten übergebliebene Laufwunder, Dopaminmonster, Langstreckenmeditierer, drahtige Gazellen, die im Schnee nicht mal einsinken sondern da irgendwie drüberschweben wie Elfen. Jetzt reicht's, ich lass mir doch nicht von denen den Schneid ... FUMP! liege ich auf der Fresse, ein Opa M95, den ich eben mühsam überholt habe, hilft mir auf und rennt mir wieder davon. Das ist doch irre, und davon zwei verdammte Runden? Von dem Wahnsinn? Was ist das hier? Volksjugendsportcamp der FDJ? Ein gottverdammter Olympiastützpunkt?

Kämpfen, Alter, kämpfen, nicht abkacken, nicht hier, nicht in Brandenburg, murmel ich vor mich hin und überhole zwei 10jährige Zwerge, einen bebrillten Nerd mit Gehfäden statt Beinen und eine mollige Mittvierzigerin mit Beinen wie Traktorreifen. Und immer wieder Opas. Meine Güte, was haben die hier für eine Alterspyramide? Steht die auf dem Kopf? Und die sind alle auch noch so schnell, wenn das mal nicht noch der Elan vom Jungsturm an der Ostfront ist. Respekt! Wenn die mal tot sind, müssen die Abdecker ein Laufrad in den Sarg einbauen, sonst beschweren sich die Würmer über das ständige Bollern der Beine an die Sargwand und rufen die Polizei. Besser man stellt die gleich nach dem Abnippeln wie Windräder zur alternativen Energieerzeugung im Garten auf. Für die Energiewende. So schaffen wir die locker. Irre Typen. So alt. Und so schnell.

Es ist glatt, arschglatt, weil die 7/8 des Feldes, die sich jetzt noch vor mir befinden, den ganzen dicken Schnee zu einer verfickten Rutschbahn breitgetreten haben, ich kämpfe trotzdem, verdammt ich brauch Spikes, hab ich aber nicht, egal, weiterkämpfen, hier wieder ein Nerd, hier wieder ein Kind, hier wieder fünfzehn Opas, die aussehen als hätten sie Reichspräsident Ebert bei seiner Amtseinführung noch die Hand geschüttelt.

Krasse Konkurrenz hier bereits auf den hinteren Rängen - in Berlin vernascht man am Anfang normalerweise erst einmal ganze Armeen Hausfrauen, besoffene Junggesellenabschiede, Wettverlierer, verkleidete Hofnarren, Gruppen von watschelnden tratschenden Sekretärinnen, Bierwannenträger, Lungenkrebskandidaten und vor allem die vielen Walker, die gar keine sein wollen und da mitlaufen wofür sie zu langsam sind.

Aber das wird schon. Schmerz ist auch nur ein ein Gefühl. Zähne zusammenbeißen. Ackern. Kämpfen. Schneestaub fressen. Der iPod spielt eine Ballade von Soap&Skin. Arschloch, spiel Rammstein, Pro-Pain, Hatebreed, Mudvayne, Soulfly, DevilDriver, irgendsowas, Hauptsache Hassmusik, Penner. Fuck you. Gib mir Adrenalin.
Daraufhin spielt er Massive Attack. Persephone. Röyksopp. Und dann Leonard Cohen. Und weil die Beine noch nicht schwer genug sind die Moldau von Smetana. Was für ein Sadist.
Bei den Klängen von Johnny Cashs "Hurt" glaube ich an ein Komplott und beschließe, den verdammten iPod nach dem Rennen feierlich in Beton zu gießen und in der eiskalten Havel zu ersäufen. Aber ich bin froh, das er mich nicht auch noch mit James Blunt oder Silbermond quälen kann, weil ich mir eher die Ohren abschneiden und mit etwas Tabasco aufessen würde als ihm das auf die Festplatte zu spielen.

Finish. Ich bin durch. Zu den Anfangsklängen des fantastischen aber hier motivationsmäßig völlig ungeeigneten "Stairway to heaven" von Led Zeppelin laufe ich im Ziel ein.

Scheißzeit gelaufen. Unwürdig. Es reicht nicht mal für die erste Hälfte der Ergebnisliste. Die beste Frau der Welt, die am Ziel gewartet hat, ist natürlich trotzdem stolz. Ich nicht. Ich schäme mich und will nach Hause. Weg hier. Weg aus Kaputt. Bin caputh.

Und so ziehe ich meine Kommunistenmütze tiefer ins Gesicht und schleiche zurück zum Zug nach Berlin. Rache ist Blutschande. Ich komme wieder.

Aber nur, wenn kein Schnee liegt.

Irgendwann.

Dann mach ich euch platt.

Nur nicht dieses Jahr.

Nächstes Jahr.

Vielleicht.
  
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Dienstag, 22. Januar 2013

Man wird ja wohl noch Fuck You sagen dürfen

Astra Revaler Fuck you

Boar fuck you, Astra Kulturhaus, fuck you, fuck you, fuck you, go fuck yourself, fuck the fucking fuck, you fucked up fuck. 19 Uhr Einlass am Arsch. Nix, nur ein Menschenpulk, bei dessen Anblick selbst die Post vor Ehrfurcht im Boden versinken, ihre gottverfluchte Lichtblick-Werbung zusammenpacken und das Land in Richtung Rückseite vom Mond verlassen würde.

Ich war um 19 Uhr da, vor mir ein Pulk, hinter mir die Hölle, voll mit armen Arschgeigen, die noch später als ich gekommen sind und sich in einem postesken Warteschlangenmonster wiederfinden, das bis weit raus auf den Bürgersteig mäandert. Fuck you. Halb Berlin steht hier an. Oder sechsmal Potsdam. Achzigmal Eberswalde. Nichts geht. Eine halbe Stunde lang interessiert das keine Sau, bis halb acht. 19 Uhr Einlass am Arsch. Kalt. Nervig. Langweilig. Fuck you.

Irgendwann setzt sich der Pulk tatsächlich in Bewegung und der Scheiße nicht genug herrscht dann drinnen der freien Platzwahl wegen folgerichtig Nahkampf wie auf Mallotze am Asozialenbuffet vom Bumsbomberhotel.

Freie Platzwahl - fuck diese Seuche der Veranstaltungsindustrie, es läutet die Stunde der Ellenbogen, es ruft das Strafgericht der Durchsetzer, der Renner, der Fighter um die besten Plätze - bei ausverkauftem Haus Zustände wie früher beim Schlussverkauf oder heute in Prenzlauer Berg, wenn handbesungenes Trockenobst bei Alnatura im Sonderangebot ist. Die armen Schweine, denke ich, die in großen Gruppen kommen und nun völlig disloziert im Raum verteilt sitzen. Passiert mir nicht. Mein Glück. Trotzdem. Fuck. You.

Astra Kulturhaus! Nie wieder, selbst wenn Serdar Somuncu, James Hetfield und der Papst mit seinen lustigen roten Schuhen hier umsonst auftreten, um gemeinsam zum Kometen Hyakutake zu beten: Ich komme nie wieder. Egal wer kommt, Astra Kulturwurst, du alte hässliche Schulaula mit dem Charme einer verkackten Stadthalle in Brandenburg an der Havel, ich bin durch mit dir. Ich will nicht mehr, du bist nicht cool, du bist nachlässig. Satt. Totgehipstert.

Und einen hab ich noch für alle Smartphone-Hirntote-Wichsgriffel-Leuchter: Ich weiß nicht genau, wann das angefangen hat, bei Lesungen, Kabarett und Comedy mit dem Fuckphone zu knipsen, zu leuchten, rumzuwedeln, aber ihr tut es in Massen und es kotzt mich an. Überall wird geleuchtet inzwischen - im Kino beim Blockbuster oder in den ersten zwanzig Metern vor der Konzertbühne: Auftritt der Hirntoten, die ihre Fickfinger nicht mal eine Stunde lang von der Statuszeile beim Fuckbook lassen können oder für die eingebildete Fanbase immer gleich den neuesten Schnappschuss aus der Veranstaltung bloggen, twittern oder whatsappen müssen, weil man sonst nicht wichtig ist. Go fuck yourself, es leuchtet, es blitzt und nervt. Geht doch sterben.

Ich bezahle jedem ein Monatsgehalt dafür, der diesen ganzen Leuchtidioten ihre Smartphonepestbeulen ganz tief in die verdammten Ärsche steckt und zwar so tief, dass sie nur mit einer Darmspülung von einer dicken russischen Militärkrankenschwester und ihrem Dampfdruckkärcher nebst Saugglocke da rauszubekommen sind.

Was bleibt? Fuck you. Was auch sonst? Stümperei beim Einlass, Stümperei beim Sound und natürlich auch Stümperei bei der Jackenausgabe. Zu wenig Personal schuftet sich tot und man wartet trotzdem lange dumm in der Gegend herum wie auf einem durchschnittlichen Bahnsteig der erbärmlichen S-Bahn, wenn eine Schneeflocke in Sicht kommt.

So. Nicht. Man wird ja wohl noch Fuck You sagen dürfen.

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Astra Kulturhaus
Revaler Straße 99
10245 Berlin 

Montag, 21. Januar 2013

Stadtbär-Quälerei

Könnte ich mir was wünschen für dieses Jahr, dann wäre es, dass der Bärenzwinger am Köllnischen Park baldmöglichst geschlossen wird.

Das Ding ist ein Witz. Das Ding ist Tierquälerei. Wurde ja auch 1939 gebaut. Zu der Zeit hat man nicht nur Tiere gequält.

Tierquälerei

Was sind das? 30 Quadratmeter? Mit Burggraben drumrum? Für ein Tier, das normalerweise durch hektargroße Wälder streift. Stadtväter, seid ihr nass? Das Ding gehört mindestens auf die Größe eines durchschnittlichen deutschen Waldes vergrößert oder - weil das nicht geht - besser gleich ganz aufgelöst. Ersatzlos. Weg damit. Und den Bär wildert man behutsam irgendwo im Norden aus und zwar da, wo man ihn nicht schießen darf und dann kann man sich mit der humanitären Geste schmücken, dass der Berliner Stadtbär in Würde und Freiheit durch die Wälder streift.

Und nicht hier in seinem Freiluftknast vor sich hin siecht wie ein vereinsamter Dementer in einer durchschnittlichen Pflegestation dieser Stadt.

Bärenzwinger Köllnischer Park

Stadtbär, Wahrzeichen, Tradition hin oder her, es ist ein trauriges Armutszeugnis, respektlos und sadistisch, dass Berlin sein Wappentier in einem derart unwürdigen Zwinger hält. Zeit, das Ding zu zu machen.

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Link zum Bündnis gegen den Bärenzwinger

Sonntag, 20. Januar 2013

Unter Lehrern

Konzertsaal Hardenbergstraße

Politisches Kabarett im Konzertsaal der Universität der Künste. Uargh, das wird sicher alles, nur nicht vergnügungssteuerpflichtig, wenn ich mir diese Ansammlung angegrauter heilig-ernst-linker Pädagogengesichter anschaue, die sich hier versammelt haben, um in gemeinsamer Bitterfotzigkeit der Welt übel zu nehmen.

UdK. UdK. Ich erinnere mich, dass ich vor Jahren mal auf einer Party war, die von Unmengen blasierter UdK-Schnöselkindern und ihrem schnöseligen Anhang gekapert war. "Wir sind jetzt nicht mehr HdK, dädädä, wir sind UdK, eine richtige Universität, dädädä, keine Hochschule mehr, das wurde ja Zeit, dass der Status dieser Einrichtung mal gewürdigt wird. Hochschule, wie das schon klingt." schnöselte es hier und schnöselte es dort.

Ich habe mich aus Protest zusammen mit einem anderen deplatzierten Penner ohne Universitätsabschluss mit Rum pur besoffen, auf alle Fragen nach meinem nicht vorhandenen künstlerischen Projekt mit Zitaten der Böhsen Onkelz, Kim Jong Il und Mario Basler geantwortet und am Schluss behauptet, ich sei der nie anerkannte Sohn von Daniel Barenboim und Gudrun Gut.

Das war dann wieder diese Art von Party, bei der ich irgendwann isoliert besoffen irgendwo hinten auf einem Sofa sitze, lautstark die alten Songs von Muse interpretiere, keiner sich traut, mich rauszuschmeißen, aber jeder froh ist, wenn ich irgendwann gehe.

UdK. UdK. Zum Glück ist das keine Hochschule mehr, sondern eine Universität. Hatte gleich viel mehr Spaß am Kabarett deswegen. Trotz altlinker Spaßbremsen. Fühlte mich nämlich elitär. Ausgesucht. Edel. Universitär. Haha. Hochschule. Bah. Nicht auszudenken.

Fünfzehn Mann auf des toten Manns Kiste.

Hey Ho Ballyho.

Und ne Buddel voll Rum.

Samstag, 19. Januar 2013

Kaufrausch des Westens

Kaufhaus des Westens

Ich will einen dreiköpfigen galizischen Sumpfkrebs essen, dessen einbeinige Mutter vor ihrer Befruchtung durch einen Flusskrebs aus den bayerischen Alpen ihren Doktor in Maschinenbau an der TU Ilmenau mit Magna Cum Laude gemacht hat.

Gibt's nicht?

Gibt's bestimmt und zwar im KaDeWe.

Und wenn es das da nicht gibt, dann gibt es sowas überhaupt nicht.
 

Freitag, 18. Januar 2013

I've got 99 problems but a bitch ain't one

Kaisers Ostseestraße

I've got 99 problems but a bitch ain't one. An der Kassenschlange jedes beliebigen Supermarkts, in der ich stehe, passiert alles – nur voran geht es nicht.

Da geht in loser Reihenfolge die Kassenrolle leer oder der Scanner kaputt, irgendein Arsch zählt mit der Geschwindigkeit eines Tiefseetauchers quälende Minuten lang Centstücke ab (um dann festzustellen dass er nicht genügend hat) oder füllt umständlich und mehrmals falsch einen Scheck aus (jaja es gibt noch Schecks, aber nur an den Kassen, an denen ich stehe), reihenweise EC-Karten funktionieren nicht und werden endlos immer von Neuem ausprobiert oder der Gemüsecode ist falsch und muss mühsam mit kriminalistischer Akribie ermittelt werden.
Ja, der Gemüsecode stimmt wirklich selten, zumindest bei mir. Wahrscheinlich habe ich immer irgendein uncodiertes reingeschmuggeltes Aliengemüse vom Kometen Hyakutake oder die verstrahlte genmanipulierte Kartoffel "Erna aus Angermünde", die eigentlich gar nicht verkauft werden darf und nur unten im Keller des Supermarkts an illegal eingewanderte Tamilenkinder verfüttert wird, um herauszufinden, ob man davon Wundbrand am Arsch, Antennen auf der Stirn oder einen zweiten Penis zu den drei Eiern bekommt.
Und überhaupt: Storno! Storno hier, Storno da, Storno leck mich doch. "Fünfhundertdreizehn an Siebenundsiebzig-Vierzig-Zehn, Stornooo!" kräht es immer genau an der Kasse, an der ich stehe. Nirgendwo sonst. Immer meine Kasse. Und egal welcher Supermarkt. Immer storno. Ich träum da schon nachts von und brülle im Schlaf immer wieder "Viertausendachthundertdreizehnkommafünf an Fünfundsiebzigtausend: Stornooooo!" bis die Nachbarn gegen die Wand bollern.
Nun mag sich mancher fragen, warum ich als alter Mittelstürmer nicht eine Kasse antäusche und dann ganz schnell eine andere nehme. Hab ich probiert, aber die "Nix geht mehr"-Seuche wandert mit, egal wohin ich mich verpisse - Kasse 1, 2, 7, zu Obi, Netto, Beate Uhse: Die Seuche ist immer dabei. Bei mir geht nix.
Und als ob man mich erst richtig fertig machen möchte, kriege ich jede Rabattscheiße dieser Erde um die Ohren gehauen: Treueherzchen, Paybackkarten, HappyDingsda, DeutschlandCard, irgendwelche dümmlichen Punkte oder sonst einen grottigen Rabattkäse aus der Hausfrauengruft. "Haben Sie eine Paybackkarte?" "Nein." "Wollen Sie eine Paybackkarte?" "Frag mich nochmal und du begibst dich ins Reich der Schmerzen, Kassenknecht." "Aber..." "Ins Reich der Schmerzen."
Noch ein Ding, was mich irgendwann ohne Umwege in die Geschlossene bringen wird: Ich kaufe für 79 Cent eine Müllermilch Schoko. Und was kriege ich um die eh schon blutenden Ohren geballert? "Brauchen Sie den Bon?" Wäh? Was? Bon? Für 79 Cent? Wieso? Kann ich die Müllermilch Schoko jetzt von der Steuer absetzen? Wie muss ich mir das vorstellen? "Guten Tag Finanzamt, haha, en garde, mein Arbeitszimmer haben Sie nicht anerkannt, aber an meiner Müllermilch Schoko kommen Sie nicht vorbei. Ich hab sogar einen Bon, hier ist er. Hohoho!"
Oder ich bringe den Bon ganz stolz nach Hause: "Kuck mal Schatz, eigentlich wollte ich dir ein paar neue Ohrringe schenken, aber ich dachte ich bringe dir lieber diesen tollen Bon von meiner Müllermilch Schoko mit. Haha, statt Blumen, Bussi, kannst du vielleicht auf Arbeit tauschen - gegen einen Bon für Babywindeln, den haben wir noch nicht."
Was denken die Supermarktfratzen, was ich mit dem Bon mache? In mein Bon-Sammelalbum kleben und später ganz stolz meinen Kindern zeigen, die mich daraufhin entmündigen lassen? Oder, na klar, ich tausche mit meinen Kumpels abends beim Bier: "Ey Kalle, ick hab hier zweimal nen Bon mit Milram Frischkäse. Ick würde gegen deine Kinder Schoko Bons tauschen."
Die Wahrheit ist bestimmt wieder ganz profan: Wahrscheinlich hat irgendein profilsüchtiger Kleingeist Tengelmann, Rewe oder Real verklagt, weil er nicht an der Kasse nach dem Bon gefragt wurde und in der Folge sein Scheißhauspapier nicht bei der Steuererklärung absetzen konnte. Und weil man bei Gericht immer mit so einem Hirngewichse durchkommt, wird jetzt jeder, aber auch wirklich jeder arme Irre, der auch nur einen winzigen Centartikel kauft, gefragt, ob er den Bon dazu möchte. Erschießt mich bitte. Knallt mich ab. Notschlachtung. Ich verstehe das alles nicht mehr. Ruhe. Fresse halten. Wieso geht das nicht mehr?
Mein Kaisers umme Ecke schlägt diesem ganzen kranken Shit noch den Boden aus und möchte momentan in einem Feldversuch testen, wie lange es dauert bis einer der unzähligen Neurosepatienten dieser Stadt in der Kassenschlange Amok läuft und einen letalen Beitrag zur Senkung der Arbeitslosenquote leistet. 
Eigens zu diesem Zweck hat man eine ganze Armada ungelernter Hilfskräfte im Teenageralter für die Kassen eingestellt, die bei jedem anderthalbten Kunden irgendetwas derart falsch machen, dass es zum völligen Stillstand führt. Das wäre gar nicht so schlimm, wenn nicht jedes mal umständlich eine volljährige Aufsichtsperson zur Rettung gerufen werden müsste. Und dann steht man da und steht.

Und steht.

Lange.

Meine Güte.

Kommt die Torte endlich mal?

Ich werde wahnsinnig.

Tippel. Tappel.

Wieso passiert hier nix?

Bimmel. Tuuuut Tuuuut.

"Fünfhundertdreiundsiebzigtausend an Null-Null-Hirntod: Stornoooooooooooo!"

Voran. Ja, Herr Doktor, voran muss es gehen, ich will das so. Voran. Ohne sinnlose Kommunikation. Schnauze halten. Und voran. Einfach nur voran. Und das geht es tatsächlich überall, die ganze Stadt ist in Bewegung, alles fließt, nur bei mir geht nichts, nie. Schwöre. Bitte? Pillen gegen Verfolgungswahn? Au gerne, wenn es denn hilft...

Donnerstag, 17. Januar 2013

In Treptow am Wasser

Treptow Räucherfisch

Treptow. Am Wasser. Jetzt hat sie wieder zu, die Hafenräucherei, wie immer im Winter. Wohl zu wenig Flanierende zu der Zeit, als dass sich das lohnen würde hier.  Bei Schnee. Und dem berühmten Berliner Eiswind, der von Osten her über die Spree fegt.

Die ganze Promenade fällt sowieso in eine Art Winterschlaf. Alle dicht: Der prekäre Asiaimbiss in der Holzbutze, bei dessen Anblick ich mir lieber mit dem Spargelschäler den Arm abschälen würde als dort zu essen, der prekäre Biergarten in lecker speckig-weiß, bei dem ich lieber das verseuchte Spreewasserbenzinalgentouristenpissekonzentrat saufen würde als mich dort hinzusetzen und zuletzt der prekäre Souvenirschrottladen für Vollidioten, bei dem ich mir lieber einen bescheuerten bunten Buddybären in Lebensgröße zum Gespött von ganz Prenzlauer Berg auf den Balkon stellen würde als dort auch nur eine dümmliche Postkarte mit "Grüße aus Berlin-Treptow" zu kaufen.

Grüße aus Berlin-Treptow - Grüße aus Archangelsk - Grüße aus Ulan Bator. Sollte man als Kombipostkarte rausbringen. Dann kauft das vielleicht mal jemand - ein Knastdirektor zum Beispiel, zur Abschreckung, oder ein Kommissar, um einen Kinderschänder in Minute 87 beim Tatort zum Reden zu bringen. "Gib es zu, dass du sie umgebracht hast oder wie schicken dich hierhin - nach Alt-Treptow." "Uah! Oh Gott nein! Ich geb's zu, ich war's! Alles. Auch das, was ich nicht war. Alles, nur nicht nach Treptow."

Die Hafenräucherei ist das unfreiwillige Highlight auf der sehr schönen Hafenpromenade, wobei Hafen schon ein Euphemismus ist - bei den paar Touristenkuttern und lausigen abgefuckten Hippiekähnen, die hier ankern.

Räucherei. Hafen. Ich freu mich drauf. Bald ist wieder Sommer, lustige kleine Hafenpromenade.

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Hafenräucherei Berlin-Treptow
S-Bhf. Treptower Park
10115 Berlin 

Mittwoch, 16. Januar 2013

Last Exit Münzstraße

Kiosk Münzstraße

Wieder mal Mitte. Die Münzstraße zeigt schon mal, wohin die Reise in Prenzlauer Berg geht: Carpaccio vom Gamsfilet, leere Boutiquen mit drei feilgebotenen Oberteilen ohne Preise, Bread & Butter - Headquarter, Eco-Store-Company, gelangweilte reiche Mädchen sitzen gelangweilt vor irgendwelchen teuer aussehenden Friseursalons rum, Yogaschilder, die nobler aussehen als die Breitlings an den Händen der vielen Anzugsträger dieser Straße, die zwischen chinesischen Touristen und ihren irrwitzig großen Shopping Bags vom Converse-Store hektisch wichtig eilig vorbeihetzen und erwarten, dass man ihnen ausweicht, ihnen, den Entscheidern.

Nobelfassaden meets Glitzerschaufenster meets Glaskastenkälte meets Schnösel. Be stupid - go shopping.

Mittendrin ein uralter Kiosk, Optik wie Nachwende, Neonlicht, Gitter vor den Fenstern, vollgestellt, wuselig, kramig, der alles hat - sogar eine Packung Taschentücher für mich - und betrieben wird von tapferen Vietnamesen, wem sonst, kein anderer würde hier so etwas betreiben. Einen Kiosk - ich bitte Sie! Taschentücher für 70 Cent. Lohnt doch nicht! Rechnet sich doch nicht! Bringt doch die Miete nicht rein.

Unsere Vietnamesen in Berlin, ich bewundere sie für das, was sie tun. Kleinkredit, Leben am Limit, Selbstausbeutung, kleine Margen, Fleiß, Fleiß, Fleiß und doch wieder Nettoverlust, Schmerzlosigkeit, ein einsamer Kampf in Berlins Mitte, Prenzlauer Berg oder sonstwo inmitten des Reichtums anderer.

Ein alternder Punk, lädiert, abgerissen, gestraft von den Geistern, die ihn verfolgen, und vom Alkohol, der sein Gesicht rot-blau gezeichnet hat, mit Gipsbein, kauft ein Sternburger. Was will der hier? Was will der Kiosk noch hier? Es ist ein weiteres kleines Gefecht inmitten der vielen kleinen letzten Rückzugsgefechte in Berlins Mitte, Extreme dicht an dicht, Schickeria-Schickimicki neben dem alten Ranz, der jedoch einer nach dem anderen ausgeschaltet wird, auf verlorenem Posten kämpft - bis zur Räumung. So lange bis irgendwann nur noch Schickimicki vor sich hin ödet und ein Flair herrscht wie in der Friedrichstraße, wo Hauptstadtkorrespondenten mit Politikern in der Inzestsuppe schwimmen und Meinungen bilden, für die sich schon lange kein normaler Mensch mehr interessiert.

Der alternde Punk hinkt an den aalglatten Schaufenstern mit den Oberteilen ohne Preise vorbei Richtung Alexanderplatz, Sternburger in der Hand, ein kleines Glück im Nieselregen, der gerade so passend einsetzt wie selten. Es gibt kein traurigeres Bild an diesem Abend, nirgendwo. Schwer, überhaupt ein traurigeres Bild zu finden.

Ich gehe in die andere Richtung. Zum Münzsalon. Privat. Nur auf Einladung. Exklusiv. Mitte wird mir so fremd, immer fremder, aber heute spiele ich mit, heute mische ich mich unter, heute bin ich einer von ihnen. Ein Snob. In einem Salon. In Mitte.

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Münzsalon
Münzstr. 23
10178 Berlin

Dienstag, 15. Januar 2013

Zeit für Werbung (6) - Sumo Sushi


Es scheint, dass das verzweifelte Suchen ein Ende hat. Seit Jahren fahnde ich in Prenzlauer Berg nach einem vernünftigen Sushilieferanten, also einem, der als Lieferant sicher kein Meistersushi, aber wenigstens essbare Ergebnisse abliefern kann, aber es will sich einfach keiner einfinden.

Entweder ist es glutamatverseuchter Billigfisch in untauglichem Reis, der auseinanderfällt, weil mies zubereitet oder es erhebt ein Schlachtfeld an Fisch- und Reismansche mit saurem Ingwer und widerlicher Salzsojasoße sein hässliches Haupt.

Bisher war nur eines sicher in Prenzlauer Berg: Die, die liefern, können alle ...

... nix.

Sumo Sushi kann was, das schmeckt man schon am Ingwer, den ich immer zuerst probiere, um zu sehen, was mich erwartet. Ist es der ekelhaft saure aber sonst nur fade Fabrikscheiß, dann weiß ich, dass dann nur noch weiterer Schrott folgen wird. Schmeckt der Ingwer frisch, knackig, schön scharf, dann bin ich guter Dinge. Wie hier. Und es stimmt. Für einen Lieferanten ist das Sushi erstaunlich solide, wenn es auch natürlich nicht das Sushi derjenigen erreicht, die sieben Jahre lang auf einem einsamen Berg in Japan geknechtet, gepeitscht, gedemütigt nackt in Ketten im Schnee mit heißem Wachs beträufelt ihre Ausbildung zum Sushi-Großmeister erhalten haben.

Nur eines, Leute, eines ist irgendwie affig: Bei der Bestellbestätigung im Internet großmäulig 45 Minuten Lieferzeit ankündigen und dann nach anderthalb Stunden tatsächlich da sein.

Das ist beknackt. Das ist arschig. Sagt doch gleich anderthalb Stunden im voraus an (so lange kann Sushi nämlich wegen mir gerne dauern) und haltet das dann ein. Hat der Kunde mehr von.

Ja.

Preußische Zuverlässigkeit. Das fehlt noch.

Sonst?

Prima.

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Sumo Sushi
Kastanienallee 24
10435 Berlin

Montag, 14. Januar 2013

Ausgeqyped

Qype kein Bock mehr

Ich habe mein Profil auf der Bewertungsplattform Qype gelöscht.

Diese Information ist im Grunde nicht wertvoller als ein Fliegenschiss im Wind, aber dennoch schwingt nach genau drei Jahren etwas Wehmut mit, so ein beknacktes Internet-Avatar nach 666 Beiträgen einfach auszuknipsen. Scheiß Sentimentalitäten, aber ich habe mich an dieses Alter Ego, diese abgespaltene Persönlichkeit, diese virtuelle Existenz, wohl irgendwie gewöhnt. Es ist ein bisschen wie wenn man einen vollverkrebsten Bernhardiner einschläfern muss, der einem ans Herz gewachsen ist. Schwerer als man denkt. Aber notwendig.

Flashback

Qype war mal ein sehr lustiges Portal, denn dort sammelten sich viele merkwürdige Leute mit ihren merkwürdigen Marotten:

Da war zum Beispiel derjenige mir persönlich völlig Unbekannte, der sich bei mir in den Urlaub abmeldete und mit wichtigem Duktus kundtat, dass es deswegen die nächsten paar Tage keine Beiträge mehr von ihm geben würde.

Meine Güte, was werde ich nun tun? Eine Woche nix mehr zu lesen von ollipopanz547. Wie soll ich weiterleben?

Dann kam der, der mich in seiner hilflosen Suche nach Bataillonen in hysterischer Tonlage um Beistand bat, weil ein anderer einen bösen Kommentar unter seinen nicht minder bösen Beitrag geschrieben hat.

Bitch please, ich hätte viel zu tun, würde ich wegen jedem Diss in der Kommentarleiste den Dschihad ausrufen. Muss man sportlich nehmen und die Prügel wegstecken wie ein Kerl. Und wer austeilen kann muss immer auch einstecken können, sonst sollte er das Austeilen lassen.

Oder der Kirchenmann, der - nachdem er alle Kirchen seiner Stadt, des Umkreises und seines Bundesstaats beschrieben hatte - dazu überging, ein fürchterliches graues Bürogebäude nach dem anderen zu kategorisieren, zu bebildern und zu beschreiben, deren trister Anblick schon im realen Leben eine Qual sein muss.

Ich habe ihm empfohlen, danach Stromkästen, Funkmasten und Hochspannungsleitungen zu beschreiben, um weitere Alleinstellungsmerkmale zu sammeln. Er fand das nicht witzig und nahm sehr übel.

Da war auch noch der Kollege, der dreimal in hochoffiziellem Tonfall mittels Rundmail ankündigte, dass jetzt nun langsam Schluss mit Qype sein müsse, bevor sein ganzes Privatleben den Bach runtergeht, nur um jedesmal vier Tage später wieder mit vielen neuen Beiträgen aufzuwarten.

Jetzt neu im Buchhandel: Fick das Portal. Raus und rein und raus und rein.

Oder derjenige Held der Arbeit mit einer unglaublichen Lesegeschwindigkeit, der auch Beiträge mit 10.000 Zeichen eine Minute nach Erscheinen mit "Gut geschrieben" verkomplimentierte.

Ich hab mich immer gefragt, ob der Kerl den ganzen Tag F5-drückend vor dem Microfeed sitzt. Sein Zeigefinger muss eine unglaubliche Hornhaut haben. Oder das mit den Sofortkomplimenten war ein Skript.

Besonders witzig war auch derjenige, der alle seine Kontakte in einer Rundmail nötigen wollte, mehr auf seine Beiträge zu klicken, weil ihm das Feedback zu wenig war. Und wer das nicht machen würde, den würde er aus seiner Kontaktliste löschen.

Ach ja, die gute alte infantile Brechstangenmethode von Menschen, die ihre Existenz ins Internet verlagert haben: "Ich brauche Zuneigung. Hab mich lieb, gefälligst, jetzt, aber dalli! Oder ich stampfe mit dem Fuß auf! Das habt ihr dann davon."

Oder da gab es auch noch den, der in einem Kommentar die mangelnde Lustigkeit eines Beitrags beklagte und drohte, wenn das so weitergehe, würde er mich nicht mehr lesen.

Holy fuck, das war's, saß ich seinerzeit konsterniert da und betrank mich hemmungslos, jetzt bin ich echt im Arsch. Poperze79 will mich nicht mehr lesen. Wie soll ich weiterleben?

Besonders drollig war auch derjenige, der mich beauftragen wollte, ans andere Ende der Stadt zu fahren, dort eine besonders miese Currywurst zu essen und zu seiner Erbauung einen zotigen Beitrag über dieses Stück Fleischabfall zu schreiben.

Sicherlich habe ich sonst nichts zu tun und fahre immer gerne mit Absicht an füchterliche Orte wie die Autobahntankstelle Fläming in Brandenburg, nur um über die gebührenpflichtige Pachttoilette einen Beitrag zu schreiben, über deren kodderige Klofrau sich mein Nachbar neulich aufgeregt hat. Sicher.

Kaum zu toppen war auch derjenige, der wissen wollte, warum ich bei einem seiner fünfundsechzig Beiträge von letzter Woche nicht "Gut geschrieben" geklickt habe und ob ich ihn jetzt nicht mehr leiden mag.

Das mag ungewöhnlich klingen, aber es gibt auch ein Leben an der frischen Luft, das ist das, wo dieses komische helle Kugelding am blauen Himmel scheint und das Grüne ist das Gras, von dem aus man besonders gut in diesen lustigen blauen Himmel schauen kann, Musik im Ohr und Bier in der Hand.

Soweit zu merkwürdigen Menschen und ihren merkwürdigen Marotten.

Es wurde jedoch auch Tragikomik gegeben und zwar in Form dieser mit der Zeit immer weniger werdenden Benutzer-Fossile, in der Regel altgediente Enthusiasten aus den Anfangszeiten, die viele Jahre lang verzweifelt versuchten, diese völlig verbuggte Plattform aus der Froschperspektive heraus weiterzuentwickeln und in den verwaisten Foren von den Verantwortlichen fast schon vorsätzlich und genussvoll ignoriert wurden.

Diese Don Quichottes im Quadrat mit einem unbestreitbaren Hang zur Selbstaufgabe mussten Jahr für Jahr zusehen, wie ihre Plattform immer unübersichtlicher und damit immer weniger für den eigentlichen Zweck brauchbar wurde. Dafür wurden sie dann für ihre vielen rhetorisch wertvollen und ausgesprochen hilfreichen Beiträge mit virtuellen Medaillen wie "Döner Lover" oder "Stäbchenesser" verhöhnt, wobei sich da nur die Frage stellt, ob das noch zynisch ist oder schon Trash.

Geändert hat sich diese Ignoranz bis zuletzt nicht. Im Zuge der Übernahme durch das amerikanische Konkurrenzportal Yelp brannten vielen Schreibern wichtige Fragen auf den Nägeln: Werden lange Beiträge gekürzt? Bilder übernommen? Was macht der Yelp-Filter mit Explicit Language (es sind immerhin prüde Amerikaner, die nun am Ruder sind)? Die Antwort der Verantwortlichen war nur: Das können wir nicht sagen, aber es bleibt spannend. 

Bitte gehen Sie weiter und bleiben Sie ruhig. Es gibt nichts zu sehen.

Die Stümperei und die fehlende Sozialkompetenz hat zwar Methode, führt jedoch immer ins Abseits. Beobachtet man die Entwicklung anderer Web 2.0-Fossile und die Konsolidierung auf dem Markt, so bleibt nur die Feststellung, dass immer die zuerst untergehen, die Social Network erst gar nicht können, weil sie sich mit allem anderen außer ihrem Markenkern befassen und mit Vorliebe jene verprellen, mit denen sie groß geworden sind. Qype hat genau diesen Weg eingeschlagen und ging erwartungsgemäß unter.

Wie schwer es mit der Akzeptanz durch fleißige Contentlieferanten in diesem schwierigen Geschäftsfeld ist, durfte Yelp erfahren, die vor einigen Jahren mit dem Eintritt in den europäischen Markt auf der Basis bezahlter Scouts grandios gescheitert sind und jetzt mit dem Mut der Verzweiflung versuchen, diese Bauchlandung mit dem Kauf von Qype zu kompensieren, das erfuhren schon die VZ-Netzwerke und myspace ganz bitter, Xing ist gerade dabei, es zu erfahren und vielleicht erfährt es irgendwann sogar Facebook. Sag niemals nie.

Qype hat es nun hinter sich. Lange dauerte das Siechtum an, ein bemitleidenswert langsames Sterben fast wie in Selbstaufgabe, und jetzt hat endlich jemand den Stecker gezogen.

Und ja, zuletzt war es nur noch gruselig: Der ganze Auftritt war nur noch ein hoffnungslos chaotischer, die Funktionsfähigkeit völlig mangelhaft, mit zu vielen Bugs an zu vielen Stellen, die über Monate bis Jahre nur flickwerkartig behoben wurden, viel Sinnvolles ging ins Leere oder gab es gar nicht erst. Das ganze Portal war in der Performance quälend langsam, weil furchtbar aufgebläht, aber trotzdem gab es viele kleine nützliche Funktionen nicht oder nicht mehr - ebensowenig wie eine lebendige Community, die man durch Ignoranz und Nachlässigkeit ohne Not über Jahre hinweg völlig ausgetrocknet hat.

Der letzte Tritt auf die schon am Boden liegende Bewertungsplattform war zuletzt der inhaltliche Overkill durch massenhaft neue Beiträge neu registrierter Legastheniker, die sich nur noch in Gestammel erschöpften - legga legga mjam mjam pizzaaaa diggaaaaaa - und die nur noch jedem Soziologen als Beweis für die erschreckende Bildungsarmut breiter Schichten der Gesellschaft dienen können. In einem Ausmaß, das fassungslos macht.

Und weil das an Elend noch nicht reicht, gesellten sich in Scharen auftretende Fakeaccounts aller möglichen Inhaber hinzu, die den Bewertungsdurchschnitt ihrer eigenen ranzigen Butzen in den Rang von Sterneküchen hoben und vor deren Schwarmmanipulation die Verantwortlichen komplett in die Knie gingen, indem sie sich ausschließlich darauf verließen, dass die wenigen verbliebenen Enthusiasten, die sonst dröhnend angeschwiegen wurden, die notwendige Qualitätssicherung durch das Melden der unzähligen verdächtigen Beiträge übernahmen.

Fast alle, die ich gerne gelesen habe, weil sie großartige Schreiber sind, haben inzwischen ihre Profile rasiert oder gleich ganz gelöscht. Es sind nur noch ein paar wenige, die immer noch weitermachen. Meinen Respekt. Kann ich nicht. Kein Bock mehr.

Qype wird gerade von Yelp übernommen. Technisch muss die Migration eine mächtige Herausforderung sein, denn dieses Yelp ist das exakte Gegenteil. Die Plattform funktioniert einwandfrei, ist in der Umsetzung ein Musterbeispiel sorgfältiger Programmierung, kommt aber mit ihren aufgesetzt-fröhlichen Animateurdarstellern, eine sich selbst "Elite" (kein Scherz) nennende Riege von Vielschreibern und den rigoros gefilterten Beiträgen so klinisch normiert öde daher, dass mir jegliche Lust abgeht, für so etwas den Contentlieferanten nach dem AAL-Prinzip (Andere Arbeiten Lassen) zu mimen.

So.

Das war's.

Wieder zu lang geworden.

Egal.

Licht aus.

Vorhang zu.

Vorhang auf.

Was Neues beginnt.

Ich hab jetzt nen Blog. Schön hier. Mein Dank an die, die hier lesen.

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Epilog

Wem es hier gefällt, dem gefällt es vielleicht auch bei anderen:

tikerscherk

Thorgefährlich

Cinnemonia

Handkäsfan

Limoncina

TamaraJott

Eichi

Kurbjuhn

Emily Wintergrün

John Doe

Vilmoskörte

Sonntag, 13. Januar 2013

Occupy my Drogeriemarkt

Schönhauser Allee Arcaden

Der Rossmann in den Schönhauser Allee Arcaden hat ein Problem: Er hat zu viel Kundschaft. Seit "Ihr Platz" gegenüber zugemacht hat und weit und breit keine Konkurrenz zu sehen ist, platzt der verdammte Rossmann aus allen Nähten.

Zu viele Menschen. Menschenknäuel. Kein Durchkommen in den Gängen. Stau hier. Stockender Verkehr dort. Kollisionen mit Einkaufswagen, Zwergenkisten, Gehhilfen. Alle vier Kassen auf, die bedauernswerten Mitarbeiter schwitzen Tränenbäche und trotzdem Rückstau bis in die Gänge nach hinten. Akkordarbeit. Ritsch Ratsch über den Scanner gezogen als gäbe es morgen schon keine Drogeriewaren mehr. In den Warteschlangen ein Geschiebe, ein Gezerre, ein Gemobbe, die Schlangen vermischen sich gerne mal, so dass dann die Stunde der Durchmogler schlägt, die im Knäuel die Schlangen wechseln, Ellenbogen ausfahren, die Egoratten sind sich wieder selbst am nächsten.

Ja, ganz Prenzlauer Berg kauft hier ein, ein Gewusel und Gedusel, verkeilte Kinderwagen, steckengebliebene Rollatoren und zwischendrin quäkende Zwerge mit ihrem ersten Burnoutsyndrom.
Nein. Zu viele Menschen, Volk ohne Raum und diesesmal stimmt es, rien ne va plus, Spaß macht das schon lange nicht mehr, es braucht mehr Platz als es gibt, doch da ist nichts mehr wohin Rossmann sich ausbreiten könnte, nur der unsägliche Medimax nebenan, der aber immer noch nicht sterben will, obwohl kaum noch ein Wahnsinniger dort zu Teures einkaufen und sich von Rotgekleideten ignorieren lassen will.

Eines ist klar: Prenzlauer Berg hat zwar außer der Yogi-Tee-Schwemme kein Drogen-, aber offenbar ein Drogerieproblem. Es braucht: Mehr Raum. Mehr Konkurrenz. Denn: Zu voll. Zu viel. Zu krass. DM! Wo bleibst du? Hier ist noch was zu verdienen.

Samstag, 12. Januar 2013

Freakshow oder eine Fahrt mit der U2

U2 Berlin Pankow Ruhleben

Sonntag 10.30 Uhr

Schönhauser Allee – Ein Blick in den U-Bahn-Wagen, aha, rechts sitzt schon die sechsköpfige italienische Hostelmeute, gerade dem keimigen 15-Euro-Gemeinschaftsraum entkommen und ungeduscht schon die erste Bierpulle am endlos plappernden Hals. Schweiß. Bier. Pathos.
Linker Seite stehen die beiden Touristinnen aus New York, die sich in der irrigen Annahme, niemand würde sie hier verstehen, über diese fürchterlichen Deutschen auslassen ("These german women look sooouuuu ugly masculine, I wonder how they can make so many babies here").
Daneben keimt die rosa Prollette mit heimattreuem Frei.Wild-T-Shirt vor sich hin, die mit ihren von dicken bunten Plastikfingernägeln verunstalteten Fettfingern ihren Kampfhund ohne Maulkorb festhält und von der ich jetzt schon weiß, dass sie am Alexanderplatz in die U5 Richtung Hönow umsteigen wird.
Hinten am Ende der Bank sitzt ein Musterbeispiel fehlgeschlagener Integration, präsentiert stolz sein neues Bushido-"Isch fick eusch alle dein Mudder sein Kopf"-mp3 auf seinem Handy und produziert einen immer größer werdenden Spuckesee auf dem Boden, der langsam in die italienische Hostel-Ecke schwappt.
Zuletzt sitzt in der hinteren Ecke am Boden ein Bärtiger in seinem eigenen Erbrochenen, die Hose durchnässt von einer Flüssigkeit, von der zu hoffen ist, dass es nur Bier ist - die Brocken an seinem Bart erinnern vage an zu lange gedünstete Kartoffeln.

Hereinspaziert – eine neue Runde, eine neue Wahnsinnsfahrt.

Eberswalder Straße – Mit einem "Ouuuuuuuh look at that, the horrible Kastanienallee, lets get outta there and see if we can get some one of this german Döner rubbish here" verlassen die Amerikanerinnen die Bahn.
Es treten ein: Die seit Jahrzehnten von ihrem sozialen Umfeld gelangweilten Hipster mit Hauptstadtrocker-Shirt, die den Schuss nicht gehört haben und den Aufenthalt in diesem nur noch geographischen Zentrum von Prenzlauer Berg immer noch für cool halten, frisch herausgeschlurft aus dem total ironischen Dr. Pong, wo sie – weil sie viel zu cool zum ironischen Tischtennisspielen sind – die ganze Nacht mit der Bierpulle in der Ecke gestanden sind und mit einer hochgezogenen Augenbraue die Tischtennisspieler aus der westdeutschen Provinz beobachten haben. Jetzt in der Bahn geht es natürlich auch nicht ohne Bierpulle, es muss nämlich der Eindruck herrschen, dieser kleine Körper in seiner viel zu großen Jeans beherberge einen unkonventionellen und potenziell rebellischen Geist, der auf jeden Fall wichtig ist. 
Der dahinter eingetretene hirntote Typ mit Blaumann, Dirk-Niebel-Gedächtnismütze und Hornissen-Sonnenbrille, dem weiße Spuckeflocken am Mundwinkel antrocknen, begleitet ab sofort die Szenerie musikalisch mit der letzten Rammstein-Scheibe aus dem iPod, den er so weit aufgedreht hat, dass mindestens die letzte übriggebliebene Haarzelle in seinem Innenohr, aber auf jeden Fall jeder hier im Waggon nun weiß, dass Til Lindemann gerade jemandem wehtut, was ihm nicht leidtut.

Senefelderplatz – Das Musterbeispiel fehlgeschlagener Integration merkt, dass es hier nicht nach Wedding geht und springt im Hechtsprung aus dem Wagen, nicht ohne panisch in seinen Spuckesee zu treten und einen Faden in Richtung Ausgang zu ziehen. Bushido fade out.
Angerempelt hat er in seiner Hektik die einsteigende merkbefreite Brillenschlange mit schlechter Haut, die sich auf dem Weg zum Proseminar "Frauenforschung" laut via Handy mit ihrer wahrscheinlich nicht minder hässlichen Kommilitonin über die Notwendigkeit einer Frauenquote bei Müllabfuhr, Kanalbau, beim Kommando-Spezialkräfte der Bundeswehr und in der Eckkneipe "Zum Tönnchen" unterhält und dabei mit ihren vergammelten braunen Birkenstocklatschen, die sie mit blauen Socken kombiniert trägt, in den Spuckesee tritt.
Direkt dahinter feiert der erste kulinarische Beitrag der heutigen Fahrt seine Premiere - in Form der stark verlebten Gelegenheitskünstlerin Irene aus Stuttgart-Zuffenhausen, die seit Jahren mit ihrer von den Alimenten ihres bedauernswerten Ex-Manns finanzierten Selbstfindungsgalerie in der Kollwitzstraße dilettiert. Heute hat sie einen frischen Döner von der billigen Stinkebude dabei – extra Zwiebeln, extra Knoblauch, extra fürchterlich -, der innerhalb von Sekunden die Luft in diesem sowieso schon unendlich stinkenden U-Bahn-Wagen kontaminiert.
Ein abgerissener Typ mit abgerissenem Hund und nagelneuen Springerstiefeln erzählt derweil mit seiner Bratwurst mit Senf in der Hand, dass das Jobcenter ihm kein Geld geben will und er deshalb leider auf die Fahrgäste der U-Bahn zurückgreifen muss. Der Senf kleckert auf den Boden neben den Spuckesee. Die gelangweilten Hipster starren gelangweilt aus dem langweiligen zerkratzten Fenster, in dem außer Schwärze nichts zu sehen ist.

Rosa-Luxemburg-Platz – Bitte mehr kulinarische Beiträge zur heutigen U-Bahn-Fahrt, es riecht immer noch zu gut, denke ich, und tatsächlich folgt der Auftritt der Freunde der örtlichen Trinkergenossenschaft rund um den letzten Späti hier, schwankend, die Tür erst anrempelnd dann anpöbelnd, schon wieder oder immer noch mit Pilsette am Hals, der eine mit Chinanudeln einer anderen Stinkebude in der Hand.
Von seiner Gabel fallen immer wieder fettbraune Nudelstücke auf den Spuckesee und lassen wabbelige braune Inselchen entstehen. Hart am Limit die Jungs, wie jeden Tag, rotgesichtig, pockennarbig und bereits vor Betreten des Wagens so lautstark rülpsend und furzend, dass die Proseminar-Frauenforschung-Birkenstockkönigin unsere kleine Fahrgemeinschaft panikartig verlässt und den Wagen wechselt.
Missmutig schleicht ein blasses Techno-Opfer in der Rekonvaleszenzphase seines nächtlichen Drogentrips in den Wagen, die Kopfhörer auf jeder Seite größer als sein Kopf. Rammstein wird nun von Daft Punk begleitet.

Alexanderplatz – Die italienische Hostelmeute vermutet irrigerweise, dass es an diesem Ort etwas Nennenswertes zu sehen gibt und verlässt den Wagen, drei Bierpullen nebst Biersee auf den schmierigen Sitzen hinterlassend. Von diesen Pullen rollt eine in den Spuckesee und reichert diesen geschmacklich mit einem nicht ganz ausgetrunkenen Rest Bier an.
Die rosa Prolette wackelt erwartungsgemäß hinter der Hostelmeute her - zur U5 nach Hönow, wohin sonst -, ihr Kampfhund kläfft nochmal in die Runde, pisst an eine Haltestange und fletscht seine verfaulten Zähne.
Dafür stoßen die immer noch besoffenen Punks aus ihrer Kommandozentrale am oberirdisch gelegenen Brunnen des Grauens mit ihren fünf stinkenden Hunden nun auf die Trinkergenossenschaft vom Rosa-Luxemburg-Platz. Sie mögen sich nicht, was man nur am Rande an dem unterschwellig aggressiven Disput (Nazi! Zecke! Fascho! Penner! Fotze! Fick dich!) merkt.
Für gesteigerte musikalische Begleitung sorgt derweil eine rumänische Kombo mit Trompete und Ziehharmonika. Sie spielen La Cucaracha. Urlaubsstimmung kommt auf.

Klosterstraße – Niemand gibt Geld für Trompete und Ziehharmonika, die Rumänen beschimpfen daraufhin die Fahrgäste und werden von der sich provoziert fühlenden Trinkergenossenschaft, die sich von hier offenbar zum Nachglühen am Spreeufer Richtung Jannowitzbrücke durchschlagen will, mit Fausthieben nach draußen auf den Bahnsteig geprügelt.
Einer der Punks bietet derweil eine alte zerrissene Obdachlosenzeitung feil und nötigt das verpeilte Techno-Opfer zu einem Kauf zum Solidaritätspreis von 5 Euro. Ein mausgrauer Bürokrat von der angrenzenden Senatsverwaltung versucht die sich schließenden Türen wieder zu öffnen, er versagt aber als lebendes Sinnbild seines Arbeitgebers und muss auf dem Bahnsteig zurückbleiben.
Der Spuckesee trocknet an den Rändern leicht an. Einer der Punks zündet sich seine wohlverdiente Kippe an. Ein wenig Spannung weicht aus der Luft.

Märkisches Museum – Noch mehr kulinarische Genüsse in der Bahn, einmal um die ganze Welt und zurück, nun Currywurst mit Pommes und ein Kaffee Togo, korrespondierend zu einer Wagenladung Laura Biagotti am Hals der mittelmäßig attraktiven Blondine mit depressiv herunterhängenden Mundwinkeln, die noch bevor sie sitzt von einem der Punks gefragt wird, ob sie heute Abend schon was vor hat. Fauliger Bieratem mit unterschwelligem Aschenbecheraroma gepaart mit einer akuten Grammatikschwäche töten in ihrer ganzen apokalyptischen Kombination jeden weiblichen Paarungswillen ab, der Kaffee kippt auf den Boden und gesellt sich zu Bier und Spucke, die traurige Blondine springt aus dem Wagen, der Rammstein-Hirntote im Blaumann isst die liegengebliebene Currywurst auf, die schwäbische Dönerkünstlerin hat bereits aufgegessen und stopft das Dönerpapier mit den Gemüseresten nun in die Ritze der Sitzbank, wonach es aufplatzt und das Gemüse freigibt.

Spittelmarkt – Inzwischen herrscht ein Dampf wie in einer ukrainischen Wandersauna. Schwaden von Döner, Currywurst, Kippenqualm, stinkenden Hunden und Chinanudeln durchwehen die Luft. Einer der gelangweilten Hipster fasst sich ein Herz und macht ein Fenster auf. Eine alte Frau tritt ein und macht es wieder zu.
Der Hirntote im Blaumann steigt hier aus, lässt aber vorher noch die Currywurstpappe mit der Ketchupseite nach unten auf den braun-grauen Spuckebierkaffeesee fallen, der inzwischen Blasen schlägt und der fast die gesamte Breite des Durchgangs in Beschlag nimmt. Eine der Bierpullen ist zwischenzeitlich in einer Rechtskurve an der Wagenwand zerschellt und hat ihre Scherben mit der Hilfe von Schuhprofilen im Raum verteilt. Der Hirntote erbricht die Currywurst draußen am Bahnsteig auf eine Sitzbank.

Plötzlich betritt ein BVG-Mitarbeiter in Uniform den Wagen und die Zeit scheint kurz den Atem anzuhalten.

Tick.

Tack.

Schweigen.

Der Uniformierte schaut nach rechts, schaut nach links und


steigt ein paar Stationen weiter wieder aus.


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Dieser Text erschien zuerst am 24.02.2011 bei blog.nassrasur.com