Donnerstag, 28. Februar 2013

Quark-Center

Treptow schlechtes Wetter Einkaufen

Den Erfolg eines Einkaufscenters kann man an der Auswahl seiner Geschäfte ablesen. Sieht man Marken wie Hilfiger, Adidas oder wenigstens Marco Polo, dann scheinen die Geschäfte gut zu laufen, weil hier jemand mit seinem Center einen guten Riecher bei der Wahl des Standorts hatte und nun seinen gerechten Lohn in Form von hohen Mieten einstreicht.

Das Park Center in Treptow hingegen beherbergt oft mal Leerstand und kann nur mit McDonalds, Ernstings Family, New Yorker, Saturn, Real und Rossmann aufwarten. Nicht zu vergessen Deichmann.

Auch eine Postfiliale gibt es hier, die man man daran erkennt, dass dort diese lange Menschenkette hinführt, die nicht gegen Rassismus, Repression oder Tierversuche demonstriert, sondern nur Briefe aufgeben will.

Direkt daneben bringt ein Nagelstudio bunte Plastikfingernägel an die prekäre Frau und ein paar Meter weiter verkaufen McGeiz und Tchibo ihre fragwürdigen Produkte.

Irgendwo haben wir noch eine Reinigung, Klamottenläden, die keiner kennt, einen Friseur mit einem weiteren bescheuerten Friseurladennamen und mittendrin verkauft jemand ganz billig gebrauchte Schuhe.

Gebrauchte Schuhe. Ernsthaft.

Sogar H&M, das sonst in jedem hinterletzten Einkaufstempel auf der grünen Wiese zwischen Görlitz und Wanne-Eickel Hof hält, will nicht im Park Center Treptow verkaufen.

Wahrscheinlich dachte man allen Ernstes, man könne diese ganzen alternativen Kreuzberger mit ihren ganzen alternativen Kiezläden in einen glitzernden Shoppingpalast hierher nach Alt-Treptow (!) locken, damit sie Klamotten aus Bangladesh kaufen, weil es so schön günstig ist.

Nein, hier ist nichts los, die einzigen Kreuzberger kommen aus Südeuropa und haben sich auf dem Weg vom Hostel zur Oranienstraße in der Himmelrichtung geirrt, um einsam und verloren in Alt-Treptow zu landen.

Nix, hier ist nix, hier ballen sich am Ende des Monats, wenn die Stütze knapp wird, die Menschenknäuel um die Hartz IV-Truhe bei Real, in der die morgen ablaufenden Lebensmittel sozialverträglich verklappt werden, hier lässt sich die kleine Kendra-Tiara Böhnke ihre quietschbunten Plastikfingernägel ankleben, um Sydney-Scheyenne Kolowski aus der Parallelklasse zu beeindrucken, weil die mit Brad-Taylor Schultze zusammen ist, von dem sie was will, während sich Laubenpieper Kalle bei McGeiz nicht für eine Farbe eines Eimers für seinen stinkenden Komposthaufen entscheiden kann und Mama seit Stunden bei der Post ansteht, um ihre Teilnahme am Gewinnspiel vom Berliner Kurier frankieren zu lassen. Es soll eine Traumreise mit dem Traumschiff werden. Zusammen mit Kalle, dem inzwischen fünften Vater für die kleine Kendra-Tiara.

Große Welt ist anderswo. Hier ist nix. Nicht mal das kleine Glück.

Aber wenigstens, und hier kommt das Tröstliche in der ganzen Tragik, hat man bei der Erschaffung des Bauwerks architektonische Milde walten lassen, was in Berlin so selten ist. Das Center fügt sich optisch im Vergleich zu anderen Berliner Gruselcentern aus grauem Sichtbeton und Glas recht vernünftig in die Gegend ein. Immerhin. Und außerdem muss man in Alt-Treptow sowieso froh sein um jeden Platz, der nicht Netto, Lidl oder Norma heißt. Das ist doch schon mal was.

---
Park Center
Am Treptower Park 14
12435 Berlin

Lass mal netzwerken - Ausgesuchte Links vom 28.02.13


Read this:

21.02.13 Alles ohne, fuffzich Euro
The Happy Whore rantet gegen Ohne-Gummi-Ficker.

21.02.13 Ich spiele nicht mit Kindern
Journelle will kein Kinderclown sein.

22.02.13 Euer Shitstorm nervt gewaltig
Nicht nur dich.

Mittwoch, 27. Februar 2013

Kot, Müll, Guano und Kotze


Der S-Bahnhof Schönhauser Allee ist ein vergewaltigtes und dann liegengelassenes Bauwerk.

Finster ist es hier unten geworden, ungastlich, was daran liegt, dass man irgendwann in den 90ern ohne Sinn für Ästhetik und Stil einen Sarkophag aus Beton und Stahl über das historische Dach des ehemals freistehenden S-Bahnhofs gezogen hat, um den Bau der Schönhauser Allee Arcaden statisch zu ermöglichen.

Sie sieht eklig aus, diese gewaltsame Kombination des modernen Massiven über dem historisch Filigranen, man lebt eine Verachtung als verklappe man nicht mehr zu entfernenden Giftmüll in einem Betongrab - es ist eine bauliche Machtdemonstration im Funktionswahn ohne jegliche Rücksichten, düster, derb, kalt.

Und die Neonfunzeln, die das historische Dach früher problemlos hätten beleuchten konnten, kapitulieren, obwohl sie neu sind.

Manchmal, mit etwas Glück, trifft ein Sonnenstrahl gerade noch die Fußspitzen, aber nur, wenn man Richtung Süden direkt an der Bahnsteigkante steht. Richtung Norden haben sich in der Düsternis Stalagmiten aus dem Guano der unzähligen Tauben gebildet, sie überdecken in beeindruckender Menge die Klinkereinbuchtungen und die Stromschienen bis fast an den Bahnsteig heran.

Es ist ein unwirklicher Anblick, der den sowieso schon verwahrlosten Eindruck konsequent komplettiert, sekundiert von Zigarettenkippen, Kaffeebechern und Bierflaschen.

 Schönhauser Gleise

Könnte ich Geld stiften, würde ich ein Kopfgeld für abgelieferte Taubenleichen aussetzen.

Schönhauser Gleise Tauben Dreck

Der Gleiskörper, den die S-Bahn überfährt, beherbergt bis zu den Abhängen hinauf den Müll aus allen Epochen des Bezirks. Oft überfährt die S-Bahn auch Lebensunwillige. Dann ist wieder eine Stunde Pendelverkehr und die Fahrgäste schimpfen.

Selbst die Bettler betteln lieber oben an der Oberfläche und nicht hier in der Dunkelheit, in der man sie noch geflissentlicher als in der Sonne ignorieren würde.

Der deprimierte Zeitungsverkäufer mit seinem Lungenkrebshusten, der das untere Ende der Treppe zur Greifenhagener Straße einräuchert, ist schon zu früher Stunde so verzweifelt, dass er jedem, der keine Zeitung kaufen will, ein ohrenbetäubendes "Morgäääään!" hinterher brüllt. Ob das den Absatz steigert, kann man mit einigem Recht bezweifeln, denn die Leute laufen nur schneller.

Die S-Bahn hat hier einen Service Store eingerichtet, dessen Mitarbeiterin nicht einmal so tut als würde sie darüber nachdenken, zum Abkassieren ihr Base-Flatrate-Telefonat mit ihrem Macker zu unterbrechen, den sie auch während sie mir das Rückgeld gibt munter weiter beschimpft und einen Kackvogel nennt, wodurch ich beim Gedanken an das Taubenguano draußen schmunzeln muss, was sie leider nicht versteht und böse blickt.

Der Service Store wurde schon eine Woche nach Eröffnung vollständig bemalt, von der Nordseite von Menschen bekotzt und von der Südseite von Hunden bekotet - ein quasi gattungsübergreifendes Joint Venture derjenigen, die es leider nicht ganz zur zivilisatorischen Reife bringen konnten.

Schönhauser Service Store

Wo sonntagmorgens kein Kot, Müll, Guano oder Kotze liegt, liegen Scherben von Bierflaschen, Besoffene liegen mit feuchter Hose quer über alle vier der vorsätzlich wenigen vorhandenen Sitzplätze, Witzige entfernen gerne den Boden unter den Mülleimern und erfreuen sich an dem Haufen Unrat, auf den sich wiederum Fliegen stürzen, die vorher noch an einer alten Taubenleiche knabbern mussten, besoffene skandinavische Pub Crawler erfreuen sich an dem Geräusch berstender Wodkaflaschen an der Guanowand während verzogene Prenzlgören quengeln, weil sie hier weg wollen, was ich ausnahmsweise verstehen kann.

Licht, möchte man rufen, mehr Licht! Leuchtet alles aus! Renoviert! Macht sauber! Ein bisschen wenigstens...

Aber auf die Idee kommt ja wieder niemand, der irgendetwas zu sagen hat. Hier fährt ja nur die S-Bahn. Wenn sie fährt.

Es gibt viele Bahnhöfe in dieser Stadt, deren Aufenthaltsqualität kaum mehr meßbar ist, aber selten wurde so viel Potenzial so vorsätzlich abgetötet wie hier.

Schneechaos in Prenzlauer Berg

Panik Hysterie Ragnarök

Panik! Hysterie! Ragnarök!

Dienstag, 26. Februar 2013

Verarsch mich doch (8)


Vor dem Real im Treptower Park-Center steht ein Obststand namens Fruchti. Und der hat ein ganz raffiniertes Geschäftskonzept: Man packt dort möglichst leuchtend-farbiges, umwerfend gut aussehendes Obst in die Auslage, aus der sich aber der Kunde auf keinen Fall selber bedienen darf. Dafür bunkert man unter der Theke Ware, die stattdessen eingepackt wird.

Möchte der Kunde also zum Beispiel diese prallrot aus der Auslage entgegenleuchtenden "Du findest mich geil weil ich sehe so verfickt lecker aus"-Äpfel haben, so greift die Obstmatrone unter den Tresen und packt von dort Exemplare ein, die sich dann später beim Reinbeißen als oll und modrig herausstellen, lange nicht mehr essbar sind und zum großen Teil weggeschmissen werden müssen. Dieses Spiel läuft genau gleich mit Orangen und Mandarinen.

Ein wenig modifiziert man die Verarsche bei Plastikschalenware wie Erd-, Him- oder Brombeeren. Hier besteht die oberste Schicht aus makellosen Beeren und erst beim Mümmeln der obersten Schicht wird der fragwürdige Humus im Untergrund freigelegt, aus dem der ganze Rest des Beerenstapels besteht.

Natürlich ist man dann längst zuhause oder im Büro und hat gar keinen Bock, den Scheißdreck wieder ins Center zu schleppen und zu reklamieren, sondern ärgert sich stattdessen und beschließt, dort nie wieder etwas zu kaufen.

So ist das nur auf den ersten Blick fiese miese Gewinnmaximierung auf Kosten des Kunden, es ist eigentlich sogar ziemlich kurz gedacht und für einen Unternehmer strenggenommen selbstmörderisch.
Ich sehe da nämlich nur selten Leute stehen, wenn ich mal da bin. Wahrscheinlich hat der Fruchti-Stand schon die ganze hier wohnende oder arbeitende Bevölkerung verärgert, vergrätzt und vergrault und speist seine kümmerliche Existenz nur noch mit ahnungslosen Gästen von auswärts - Spaniern oder so, die sich aus Kreuzberg hierher verirrt haben und denken, hier gäbe es außer altem Obst etwas Nennenswertes zu sehen.

Endzeit, ganz klar. Das Sterben ist nicht nur abzusehen, man kann es sogar schon riechen. Es riecht nach gammligen Äpfeln aus meiner Obsttüte.

Und im Player läuft von Metallica "Die, die, die, my darling". Ich ertappe mich beim Mitsummen.

Lass mal netzwerken - Ausgesuchte Links vom 26.02.13


Read this:

19.02.13 Ich habe das alles nicht gewollt
Sascha Lobo ist (mit-)schuld an der Entstehung des inzwischen völlig überreizten Worts "Shitstorm"

20.02.13 Was werden wir morgen essen?
Kitty Koma zu Pferd, Lasagne und Essen allgemein

20.02.13 Das Ende des Wachstums
daMax erklärt die Grenzen des Wachstums so, dass man es endlich mal versteht

Montag, 25. Februar 2013

Was hier so stinkt ist mein Karma

Alnatura Greifswalder Straße

Ich war im Bioladen. Das erste Mal in meinem Leben. Normalerweise meide ich diese sich wie der Schimmel in meinen Badezimmerfugen ausbreitenden Sammelstellen für degenerierte Ökoschnösel, aber heute brauchte ich Bärlauch, den nur selten ein normaler Supermarkt hat - wahrscheinlich nur, wenn Schütze im Aszendenten der Jungfrau bei abnehmenden Halbmond zufällig mit der Menstruation der Disponentin zusammenfällt. Also nie. Egal. Wo hat man in Zeiten des um sich greifenden hysterischen Bärlauchpesto-Kults auf jeden Fall Bärlauch? Natürlich, bei den Biohanseln im Biosphärenreservat. In ihren dämlichen Bioläden, von denen es hier an jeder verdammten Ecke einen gibt.

Es ist ja so: Im Bioladen kauft die neue gehobene Mittelschicht, die sich das leisten kann und die sich auch sonst in jeder Beziehung so verhält, wie man es von einer gehobenen Mittelschicht erwartet.

Sprechen wir es doch endlich einmal offen aus: Der normale grün-wählende Bioapologet Prenzlauer Bergs geriert sich mittlerweile so rücksichtslos und asozial wie früher ein FDP-Wähler als es die FDP noch gab.

Man propagiert die heruntergewirtschaftete gesetzliche Krankenversicherung, außer für das eigene Balg, mit dem man in der in warmen Farbtönen gestrichenen Privatpraxis am Kollwitzplatz nicht wie der Normalkranke wochenlang auf Dritte-Wahl-Medizin warten muss.

Man trompetet in das Horn der Multikultigesellschaft, meldet aber den eigenen Nachwuchs schon Jahre vorher bei Privatschulen an, auf dass er gar nicht erst in Kontakt komme mit den Kopftuchmädchen muselmanischer Migranten aus dem Wedding, die man total gut findet, aber nur wenn sie sich gemeinsam mit der deutschen Unterschicht weit weg in der Suppe unterprivilegierter Bezirke tummeln.

Man fährt auch stolz und CO2-neutral Fahrrad und gibt sich betont pazifistisch mit peinlichem Pace-Aufkleber auf dem Rahmen, fährt aber mitnichten auf Straße oder Radweg, sondern verdrängt lieber die Fußgänger mit der Macht des Alulenkers vom Bürgersteig, weil es doch so schön bequem ist. Fahrradlenker trifft Unterarm macht blauen Fleck ist dabei keine Gewalt, weil sie von den richtigen Personen - den Biohanseln im Biosphärenreservat - ausgeübt wird.

Und nicht zuletzt benimmt man sich mit dem Einkaufswagen im Biosupermarkt wie das Abziehbild eines Bankers in seinem SLK im Berliner Straßenverkehr: Platz da, hier entfalte ich mich. Wenn ich Bock habe zu blockieren, dann darf ich das, weil ich ich bin. Deshalb herrscht hier im Biosupermarkt der Ego-GAU, alle Mercedes, alle haben Vorfahrt, Ellenbogen olé. So schlimm ist nicht einmal Netto.

Da steht man minutenlang neben dem Muttertier und ihren verzogenen Bioblagen und schaut ihr beim Vergleichen verschiedenener Weizenkeim-Sorten zu, ohne dass sie auf die Idee kommt, dass es auch andere gibt, die etwas aus dem Regal wollen. Und über dem Kopf wabert ihre Gedankenblase: Hier kreise ich um mich selbst und meinen kleinen Kosmos. Und was hier so leuchtet, ist mein Ego. Und was hier so stinkt, mein Karma.

Und von hinten fährt mir die grauhaarige Biooma - eingehüllt in filzige braune Teppiche (ähnlich den Vorwendeveteranen, die ich letztens von Ratten vollgeschissen aus meinem Keller entsorgt habe) - in die Hacken, entschuldigt sich natürlich nicht, sondern glotzt mich an, als hätte ich gerade ihren Einkaufswagen penetriert.

Und besonders bemerkenswert: An der Theke drängeln sich nicht wie sonst nur die Rentner vor, sondern alle, die da sind. Wer am lautesten ist, kommt zuerst dran. Wer leise ist, nie.

Und natürlich lässt diese spaghettihaarige Eule in ihrer orangen Batikhose mit ihren fünf Jutesäcken voller Bioscheiße und ihrem vor Weizenkeimen, Sojasprossen und Sellerie fast zusammenbrechenden Einkaufswagen mich und meinen traurigen verfickten Bärlauchstrauch an der Kasse nicht vor.

Natürlich nicht, es ist Prenzlauer Berg hier, wahrscheinlich liegt es an meiner Lederjacke - die ist nämlich aus vielen kleinen neuseeländischen Lämmern hergestellt, deren Fleisch ich - nachdem ich sie lebendig gehäutet habe - roh gefressen habe. Fuck you.

Ich wollte noch Pinienkerne zum Bärlauch kaufen. 9,49 Euro die 80 Gramm. Haha, ihr könnt mich mal, Biohansel, sind die durch die Därme irgendwelcher freilaufender Katzen gewandert oder mit Seltenen Erden gefüllt? Leckt mich. Nichts wie raus hier.

Als ich den Bürgersteig vor dem Bioladen betrete, fährt mir ein Fahrrad in die Seite.

Lenker trifft Unterarm. Faust will Auge treffen.

Ich wünsche mich in den Wedding. Da sind die Leute netter.

---
Disclaimer: Der Text ist aus 2010, war aber zu schade zum wegschmeißen.

Sonntag, 24. Februar 2013

Von den blütenweißen Tischdeckchen einer Kantine

Restaurant Elstenstein

Das Elsenstein hatte mal einen ganz anderen Anspruch hier in Treptow, das sieht man noch ein wenig an den Resten der Aufmachung: Blütenweiße Tischdecken meets Loungebar meets Holzoptik.

Anspruch funktioniert in Treptow aber leider nicht, schon gar nicht an dieser Ecke in diesem Neubau gegenüber dieses jämmerlich unflorierenden Einkaufszentrums, in dem nur was los ist, wenn am Anfang des Monats die Stütze ausgezahlt wird und Verkaufsflächen so lange leerstehen bis sich Deichmann endlich erbarmt, hier an dieser Ecke der Bratwurstbutzen für Einsfünfzig, der Zweizwanzig-Döner, des völlig vereinsamten Multiplexkinos, in dem nie mehr als fünf Leute einen Film schauen, und der 50%-Auf-Alles-Werbetransparente an prekären Pastabars. Hier ist billig. Hier ist Dose. Tiefkühllasagne. Leggins. Mamas alte Buffalos. Kampfhund. Schmuggelkippen. Gummipizza. Sternburg. Und Kornfläschchen von der Supermarktkasse. Hallo Welt. Hier ist Treptow. Aloha-he. Ballyho Joho. Und ne Buddel Rumverschnitt von Lidl.

Das hat man im Elsenstein wohl auch erkannt und bietet jetzt einen Mittagstisch für 4,95.

Der ist nicht schlecht.

Wobei, der ist auch nicht wirklich gut.

Aber seine 4,95 schon wert.

Kantinen-Style. Irgendwas ist halt immer.

Salzkartoffeln. Kann jeder. Ganz nette Soße auf zu trockenem Fleisch. Frische Pilze in etwas zu dünner Suppe. Irgendwas ist halt immer. Kantine.

Manchmal überschlagen sie sich aber auch selbst. 5,90 für ein Entenbein mit Kartoffelklößen. Echte Kartoffelklöße. Erwartet habe ich meine persönliche Nemesis - die Pfanni-Gummiballknödel aus der Studentengruft - aber nein: Echte Kartoffeln und daraus echte Klöße, richtig gut. Und ein unerwartet gutes Entenbein dazu. Für 5,90. Jackpot.

Wenn es so ist, dann hat man Glück.

Wenn man sich aus den Mittagsangeboten rauswagt, kann es jedoch schnell ungemütlich werden. Das Rumpsteak für über 13 Euro ist irritierend klein und deutlich schmeckbar aufgetaut. Dazu versteht man hier unter "Medium Rare" komplett durchgebratene Schuhsohle und garniert das Ganze oben mit einer Kräuterbutterblume im Stile der Autobahntankstelle Köckern in Sachsen-Anhalt oder wie am Schwenkbratengrill auf Bauer Mettes Heuballenfest. Nein, nein und verdammt nochmal nein, ich kann keine Kräuterbutterblumen mehr sehen, schon gar nicht auf einem Steak, das ist 80er und war damals schon schlecht.
Der beigefügte Salat schwimmt in einem mayonaiseschwangeren Dressing und ist aus diesem Grund ganz einfach unessbar. Wenigstens sind die Pommes gut. 13-Euro-Pommes. Trotzdem: So geht es nicht. Fleisch von der Karte: Bleibenlassen. Sie können es nicht.

Ob ich das mal wieder machen sollte, wollte, könnte, hier im traurigen Alt-Treptow, da bin ich mir nicht sicher, es gibt mittlerweile sogar hier in dieser bemitleidenswerten Gastrowüste bessere Möglichkeiten, Geld in Nahrung anzulegen.

---
Elsenstein
Elsenstr. 7-8
12435 Berlin 

Lass mal netzwerken - Ausgesuchte Links vom 24.02.13


Read this:

18.02.13 Wir kamen aus dem Monopol
Malte Welding und die Telefonstümper

18.02.13 Und noch einen Aal dazu
Nessy und die IGEL-Leistungen

19.02.13 Nümmerken
Frau Müller und die Telefonnummern

Samstag, 23. Februar 2013

Basilikum: Vierneunzig

Basilikum Falckensteinstraße

Das Basilikum in der Kreuzberger Falckensteinstraße ist ein weiteres Lokal der Familie Aldemir, das ebenso wie das benachbarte Thymian den Fokus auf günstige einfache Küche legt, hier allerdings mit deutlich italienischem Einschlag: Gnocci, Spaghetti, Nudeln in jeder Form, immer mit Tomatensoße, immer mit Pesto und flankiert von anderen Vertretern der italienischen Küche wie Lasagne oder irgendwelchen Nudelaufläufen.

So richtig gut im Sinne von edel ist das hier nicht, aber auch nicht so richtig schlecht. Bodenständig trifft es sehr gut, solider Mittagstisch, was auch mit sich bringt, dass das Lokal in die Knie geht, wenn die mittagliche iberische Hipstermeute in Mannschaftsstärke hier aufschlägt, um sich ein paar Peseten für den Eintritt in den Magnet Club zu sparen.

4,90 kommt das Essen, ich glaube jedes, da kann man nicht meckern, das kann man mitnehmen, das ist okay. Manche Gerichte kommen manchmal etwas zu banal daher, auch wenn alles immer recht frisch ist, was da auf den Teller kommt.

Die Einrichtung nennt man wohl Vintage und sieht absichtlich aus wie ein Wartesaal, das muss so sein hier in Hipster City, eine ausgebeulte Neonleuchte, die in ihrer Hässlichkeit nur noch von der aus meinem Büro überboten wird, Holzeinrichtung in Looks-like-Selberzusammengeschraubt-Manier und alles von Einfachsten. Das ist okay. Kantinenstyle ole. Aldemir halt.

Nein, ich finde das Lokal gut, ich finde aber sowieso alles gut, was sich der fortschreitenden Verbubbleteaisierung des Kiezes entgegenstellt. Bonne chance.

---
Basilikum
Falckensteinstraße 7
10997 Berlin 

Freitag, 22. Februar 2013

Verarsch mich doch (7)


Es gibt Situationen im Leben, da fühlt man sich hilflos und kann nichts dagegen tun. Rasende Aggressivität bricht Bahn und findet kein Ventil, man könnte nun sogar einen kleinen Hund treten, irgendwo dagegenhauen oder die Fahrräder der benachbarten Ökonazis anzünden. Manchmal schaffen Egoshooter Abhilfe. Oder Rennen, bis man Lungenbrocken auf den Asphalt bellt. Oder man hat einen Blog im Internet und kanalisiert kalte Wut in warme Worte.

Kabel Deutschland schrieb mir an einem Freitag, dass ich ab Montag kein digitales Fernsehen mehr haben kann. Ärgerlich. Schon. Wobei, im Fernsehen kommt sowieso nur verdammte Gülle den ganzen Tag, ich weiß das auch, aber ich will die verdammte Gülle wenigstens in HD sehen und die Pustelchen unter der Spachtelmasse von Carmen Nebel zählen (es sind 24, Kader Loth hat mehr).

Geht nicht mehr. Digital wird abgeschaltet, sagt Kabel Deutschland. Und das in drei Tagen.

What the fuck? Wo ist die versteckte Kamera?

(ring)

"Guten Tag herzlich Willkommen bei Kabel Deutschland, mein Name ist Felix, was kann ich für Sie tun?"

"Sie werden mich in drei Tagen vom digitalen Fernsehen abklemmen. Warum?"

"Ja, das liegt daran, dass Primacom uns die Verträge gekündigt hat."

"Wer ist Primacom? Und was will es?"

"Primacom versorgt Ihr Haus mit Kabel."

"Ach herrje, ist das dieser fürchterliche Anbieter, der mir früher dieses unscharfe analoge Fernsehen in völlig indiskutabler Qualität geliefert hat bevor ich endlich bei Ihnen digital wurde?"

"Ja, genau auf dem setzen wir digital auf. Das dürfen wir jetzt nicht mehr."

"Krass, und jetzt kündigen die so kurzfristig?"

"Ja, leider. Die wollen das wohl jetzt selber vermarkten."

"Ich meine das geht doch nicht, drei Tage Frist ist unanständig, das unterstütze ich nicht. Ich möchte bitte sofort komplett zu Kabel Deutschland wechseln."

"Das geht leider nicht."

"What the fuck?"

"Sie werden von Primacom versorgt, denen gehört der Zugang zum Haus. Dafür zahlen Sie ja auch."

"Ja, ich weiß, 12,99 Euro monatlich für nichts. Hab ich schon fast verdrängt. Haben Sie eben tatsächlich gesagt, ich darf nicht zu Ihnen wechseln?"

"Richtig. Sie dürfen nicht wechseln."

Kopfkino: Don Corleone sitzt im verrauchten Hinterzimmer, im Kreis um ihn herum die übrigen zwielichtigen Mafiosi mit Zigarillos im Mundwinkel. "Ich mache Ihnen ein Angebot, das Sie nicht ablehnen können. Mir gehört der Zugang zu Ihrem Haus. Sie brauchen kein digitales Fernsehen. Ich klemme Sie ab und Sie bezahlen dafür."

Gut, mal sehen was Primacom dazu sagt:

(ring)

"Primacom?"

"Guten Tag, Sie haben mir das digitale Fernsehen abgeklemmt."

"Sagen Sie mir erst mal wer Sie überhaupt sind."

"KackApfelFisch. Berlin. Prenzlwichserstraße."

"Herr KackApfelFisch. Was wollen Sie?"

"Sie haben mir Kabel Deutschland abgeklemmt. Warum?"

"Das kann ich Ihnen nicht sagen."

"Wieso können Sie mir das nicht sagen?"

"Ich kann Ihnen das nicht sagen."

Kopfkino: Weißrussland. Etwas verschwindet. Der Geheimdienst hüllt sich in Schweigen. Bitte gehen Sie weiter. Hier gibt es nichts zu sehen.

"Äh, wie? Ich weiß das klingt absurd, aber ich bin Kunde, Sie können mich doch nicht einfach abklemmen und nichts erklären. Was ist da bei Ihnen los?"

"Die Verträge mit Kabel Deutschland sind gekündigt, mehr kann ich Ihnen nicht sagen."

"Ja, aber wieso? Und dann mit so kurzer Frist. Drei Tage. Das ist doch unanständig."

"Die Verträge mit Kabel Deutschland sind gekündigt, mehr kann ich Ihnen nicht sagen."

"Okay, das hab ich jetzt begriffen. Dann schließen Sie mich bitte mit Ihrem Angebot an ihr digitales Fernsehen von Primacom an."

"Das geht nicht."

"What the fuck?"

"Bei Ihnen ist digitales Fernsehen von Primacom nicht möglich."

"Sie scherzen!"

"Nein. Bei Ihnen ist digitales Fernsehen nicht möglich."

"Sie klemmen mir Kabel Deutschland ab und sagen mir so lapidar, digital geht jetzt nicht mehr?"

"Ja. Digital geht nicht mehr."

"Das glaube ich jetzt nicht. Ich habe die letzten Jahre digitales Fernsehen bezogen. Problemlos. Ich beziehe es sogar noch bis Montag. Und Sie sagen es geht nicht mehr?"

"Es ist bei Ihnen nicht verfügbar. Aber Sie haben ja noch analog."

"Ja, klasse, mit 18 Sendern, darunter so Koryphäen wie 1-2-3.tv, QVC, Spreekanal und dem unsäglichen RBB neben der kompletten wertlosen Riege an Asozialen-TV von RTL 2 bis Sat 1. Und dieser ganze Schmutz kommt auch noch mit Gekrissel und Aussetzern in einer Unschärfe daher, die allerhöchstens für alte Smartphones taugt. Das können Sie nicht wirklich ernst meinen."

"Ich kann nichts für Sie tun. Schauen Sie analog."

"Dann kündige ich und geh zur Telekom."

"Das geht nicht, gerade hat sich Ihre Vertragslaufzeit bei uns um ein Jahr verlängert."

"Wollen Sie mich verarschen? Nochmal: Sie können mich doch nicht einfach woanders abklemmen, nichts Eigenes liefern und mir trotzdem sagen, dass ich weiter zahlen soll. Das ist doch unseriös, das können Sie nicht mit mir machen."

"Doch das können wir."

"Das können Sie nicht."

"Ich lege jetzt auf."

"Was bitte?"

"Wenn Sie in diesem Tonfall mit mir reden lege ich jetzt auf."

"Ich hab doch noch gar nicht angefangen."

(klick)

(...)

In solchen Momenten ärgere ich mich über marktradikale Auswüchse, die einen Kunden zum zahlenden Bittsteller eines Privatmonopolisten werden lassen, der kraft eigener Willkür verfügen kann wie es ihm gerade beliebt und nicht einmal etwas erklären muss.

---
Disclaimer: Text ist aus 2011, war aber zu schade zum wegschmeißen.

Lass mal netzwerken - Ausgesuchte Links vom 22.02.13


Read this:

18.02.13 Das Muttertier
Claudia in Rantlaune

18.02.13 Amazon feuert Sicherheitsdienst
René in Politlaune

18.02.13 Übermut, jugendlicher
Frau Montez in Nostalgielaune

Donnerstag, 21. Februar 2013

Be stupid - Go shopping

Be stupid go shopping

In Berlin hat man es nicht so mit der Architektur - gerne billig, möglichst rechtwinklig, auf jeden Fall klobig und als Materialien zur Verblendung bitte nur Sichtbeton und Glas. So erreicht man eine lebensfeindliche, nüchterne Atmosphäre, die einen jeden bemitleiden lässt, der dort je zu arbeiten gezwungen werden wird. Bonjour Tristesse. Seid umschlungen, Katakomben.

Manchmal laufen die Mumien aus der Senatsbaudirektion aber auch Amok, werfen sich ein buntes Pillchen ein und genehmigen einen rosa Albtraum wie das Alexa in Sichtweite des schon seit Generationen architektonisch wundgescheuerten Alexanderplatz.

Der erste Blick weckt Assoziationen an einen mutierten Römertopf, verwaschenes Rosa schreit seine schiere Hässlichkeit in eine Stadt, die Zumutungen wie diese inzwischen nur noch stoisch hinnimmt. Es sind einfach zu viele.

Grotesk, da wollte man einmal innovativ sein in dieser Billigbaustadt Berlin - jenseits der überall flächendeckend in den öffentlichen Raum erbrochenen grau-weiß blankgeleckten Investorenarchitektur - und schafft dann doch nur Disneyland auf LSD mit dem Charme einer geköpften Barbiepuppe, die zu lange bei Regen in der Pfütze gelegen hat.

Gewaltfantasien brechen Bahn: Man möchte die Verantwortlichen mit H&M-Gürteln an den rosa Sichtbeton fesseln, ihnen die McDonalds-Hamburger ins Maul stopfen bis sie platzen, sie mit Nanu Nana-Kerzenständern und abgebrochenen Deichmann-Pfennigabsätzen so lange bearbeiten bis sie erkennen, dass sie Banausen sind und Berlins historische Mitte auf Generationen ruinieren, man möchte ihnen ihre ganze Ideenlosigkeit und diese vorsätzliche optische Körperverletzung mit Hilfe von in Esprit-Schals eingewickelten altbackenen Kamps-Schrippen und mit WMF-Schleifsteinen geschärften Media-Markt-Gutscheinen heimzahlen, ihnen die S.Oliver-Boxershorts und die Hunkemöller-BHs um die nie hören wollenden Ohren hauen und sie danach im Keller bei Rossmann unter vollgekackten Pamperswindeln für immer begraben.

Ist nicht die Bundeswehr auf der Suche nach einem neuen Bombenabwurfplatz? Hier wär einer.

Im Ernst: Das ist nicht Hauptstadt, das ist Bottrop-Lehmkuhle, Kassel-Süsterfeld oder bestenfalls noch Magdeburg Industriegebiet Nord. Ideenlos, konzeptionslos, ohne Sinn für Geschichte, Traditionen, Umfeld, Mitte und Lebensgefühl. Kein Sinn für nichts. Und in der Chausseestraße unter der Erde rotiert Schinkel in einer Geschwindigkeit, die die Stromversorgung des ganzen Kontinents sicherstellen könnte.

Aber egal, was scheren mich Stilfragen, hier bin ich Mensch, hier shoppe ich auf drei Etagen bis mein Kleiderschrank platzt und mir meinen ganzen Lebensinhalt wieder vor die hilfiger-bestrumpften Füße rotzt.


Mittwoch, 20. Februar 2013

Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Honk (9)


Berlin - Prenzlauer Berg. S-Bahn. Halb sieben morgens. Ich bin sowieso schon schlecht gelaunt, weil man mich eben wieder über Lautsprecher um Verständnis bat, dass gleich zwei Züge hintereinander ausfallen mussten, weil sie fürchteten, eine Schneeflocke gesehen zu haben. Zug. Zug. Es zieht auf dem Bahnhof Schönhauser Allee. Wie Hecht. Suppe. Bäh. Zug. Rein. Zrrrrrrkblabl. Lalü. Hinsetzen. Smartphone. Der Frau schreiben, dass man noch lebt und noch nicht am Bahnsteig festgefroren ist. Und dass sie die U-Bahn nehmen soll.

Neben mich setzt sich der Honk.

Und er stiert.

Er stiert rüber als lese er in einer Bild-Zeitung mit. Ich kippe das Display ein wenig zur Seite, um in Ruhe schreiben zu können, doch jetzt schielt er und hebt den Kopf, ich kippe noch weiter und er beugt den Kopf, offensichtlich um den Winkel zu verbessern und sitzt nun fast auf meinem Schoß. Ein Hauch von Mettbrötchen streichelt meinen Hals. Er will wirklich mitlesen. Es ist keine Paranoia. Der Typ meint das ernst.

Es hilft nix. Ich muss rasten. "Wollen Sie meine Mail lesen? Ja? Ist es so? Hier schauen Sie, ich schreibe gerade meiner Lieblingsoma von MILF-Online in Kasachstan, dass ich morgen gerne vor meinem Monitor fünf gegen einen mit ihr spielen würde, aber nur wenn sie wieder diese fleckige fleischfarbene Strumpfhose mit dem Rosenmuster anzieht, ohne die bei mir gar nix mehr geht. Reicht Ihnen das? Ist es der Information genug?", flankiert von meinem patentierten Kinski-Koksblick eines gerade ausgebrochenen Psychopathen im Blutrausch.

Doch er versteht nicht und schaut gekränkt als hätte ich ihn in einem seiner ganz natürlichen Rechte beschränkt. Der Honk. Was ist los mit dem? Wo kommen die alle her? Die Berliner S-Bahn ist die stadtweite Sammelstelle für Soziopathen, jeden Tag ein neuer Irrer. Der Nachschub bleibt nie aus. Ein Perpetuum Mobile von Irrentransport. Nie versiegend. Immer bereit, noch ein bisschen mehr zu nerven. Woran liegt das nur?

Dann steigt er aus, nicht ohne einen weiteren vorwurfsvollen Blick. Ich schicke ihm wieder Kinski. Er wird sich nie wieder neben mich setzen, sollten wir uns noch einmal begegnen, was auf dieser Teilstrecke der jämmerlichen S-Bahn schon mal passieren kann.

Honk. Herzlichen Glückwunsch. Und so weiter.

Lass mal netzwerken - Ausgesuchte Links vom 20.02.13


Read this:

15.02.13 Welchen Schaden Amazon durch den Shitstorm nehmen wird? Gar keinen.
Ralph Pfister erklärt die Verpuffung von Shitstorms

17.02.13 Splitterbrötchen (CCXCVIII)
Chris Kurbjuhn ist heute ein wenig gallig

18.02.13 Neulich im Restaurant
:-)

Dienstag, 19. Februar 2013

Eine Warze im Ortskern


Mitten im halbwegs sanierten Ortskern Falkensees (liegt irgendwo in Brandenburg) prangt eine Warze, hässlich, dunkelbraun, widerlich - nur ohne Haare, man nennt sie dort Stadthalle.
Stadthalle hässlich Abriss bitte
Ich hatte vor einiger Zeit die zweifelhafte Gelegenheit, die Stadthalle einer Besichtigung zu unterziehen und dieses Ding ist erschreckend.

Man hat sie zu Ostzeiten hochgezogen und dann einfach sich selbst überlassen, sie verwittert nun einfach vor sich hin, über dem Eingang verwest eine Schultheiss-Cafe-Discothek-Lichtreklame - eingeschlagen, innen uralter speckiger PVC-Boden mit Schlieren und Spuren wie eingetretener Kot, bestialisch stinkende Klos mit Museumsreife, deren Siphons 1992 das letzte mal Wasser gesehen haben, ein Innenraum ähnlich des Sportpalasts in Berlin - 1946, Verfall und Elend wohin man blickt.

Wahnsinn, dass die Gemeinde Falkensee so etwas offenhält. Ich hätte ja Verständnis, diente es als Mahnmal gegen Verwahrlosung und allgemeine Abstumpfung, aber nein, das Ding ist regulär in Betrieb und beherbergt sogar - jetzt kommt der ultimative Knaller - einen Tourist Info Punkt. WTF? Entweder hat hier jemand in der Gemeindeverwaltung einen wundervollen pechschwarzen Humor und traut der Gemeinde Falkensee einen ähnlichen Touristenzustrom zu wie einem sibirischen Gulag oder dem Atommülllager Asse, was er mit der Platzierung des Tourist Info in dieser unansehnlichen Ruine augenzwinkernd zum Ausdruck bringen möchte oder Falkensee hasst Touristen so sehr, dass man diese hierher an diesen abstoßenden Ort zwingt, wo sie dann wahrscheinlich gar keine Infos über Falkensee bekommen sondern nur eine Wegbeschreibung nach Berlin.

Meine Güte, es werden so viele Milliarden Steuergelder quer durch Deutschlands Osten für sinnlose Brücken, Kläranlagen und Bundesstraßen versenkt, da erzähl mir doch keiner, dass sich da kein einziges Subventionstöpfchen für eine neue Stadthalle in Falkensee findet.

Qui bono?

Mir. Mir bono.

An der Stadthalle Falkensee findet der Startschuss für den jährlichen Lauf der Sympathie von Falkensee nach Spandau statt, was zur Folge hat, dass auf den ersten Kilometern Wahnsinnszeiten gelaufen werden - jeder will da weg.
---
Lauf der Sympathie von Falkensee nach Spandau
17. März 2013, 11:00 Uhr
10 Kilometer

Montag, 18. Februar 2013

Con los terroristas!


Ein neuer viraler Hype. Will mir nicht mehr aus dem Kopf gehen. Seit Tagen schon. Con los terroristas! Wump! Wump! Wump!

Harlem Shake

Egal, wo ich bin und was ich gerade mache: In der Küche beim Abkratzen der angebrannten Spaghetti...

Con los terroristas! Wump! Wump! Wump!

Beim Warten auf die S-Bahn. "... heute leider entfallen. Wir bitten um Verständnis..."

Con los terroristas! Wump! Wump! Wump! 

Auf Arbeit: "Herr Stevenson, sind noch zwei krank geworden heute. Sie müssen deren Projekte übernehmen..."

Con los terroristas! Wump! Wump! Wump! 

Im Treppenhaus: "Ist das Ihr Kind, das immer..."

Con los terroristas! Wump! Wump! Wump! 

Vor den Schönhauser Allee Arcaden: "Hallooo Duuu-huuu, kuck mal hier das Folteropfer. Willst Du nicht für Amnesty einen Dauerauftrag..."

Con los terroristas! Wump! Wump! Wump! 

Abends in der Kneipe: "Tut mit leid, Glenfiddich ist gerade aus. Ich kann Ihnen Jack Daniels anbieten..."

Con los terroristas! Wump! Wump! Wump! 

An der Kasse: "Sammeln Sie die Treueherzen?..."

Con los terroristas! Wump! Wump! Wump! 

An der Haustür: "Guten Tag. Wir wollen mit Ihnen über Gott re..."

Con los terroristas! Wump! Wump! Wump! 

Total geil. Immer wenn mich jemand nervt, spiel ich das Teil in meinem Hirn ab und krieg 1) nix mehr von dem Irrsinn um mich herum mit und 2) gute Laune. Con los autistas!

Con los terroristas! Wump! Wump! Wump! 

Es ist ein Hype. Und nach zwei Tagen hat ihn sogar die B.Z. bemerkt.

Con los terroristas! Wump! Wump! Wump! 

Ein gutgemachter Hype.

Con los terroristas! Wump! Wump! Wump! 

Und wer ihn in die Welt gesetzt hat - mutmaßlich der Urheber des verwendeten Liedguts - verdient jetzt richtig Geld damit. Dieser zugegeben nicht üble Dubstep-Track von Baauer, den sonst kein Arsch außerhalb von irgendwelchen inzestiösen Minderheiten-Clubs in irgendwelchen Industriegebieten gekannt hätte, geht ab wie Sau und verkauft sich wie geschnitten Brot an alle Clubs sowie quer durch alle Downloadportale dieses Planeten.
Und das ist geplant. Natürlich ist es das. So ist das heute und so muss das auch sein. Hypes werden aus dem Nichts entfacht, allzu oft vorsätzlich, und die Masse an Fußvolk macht mit weil es 1) cool ist und man 2) bei der Massenhysterie dabei sein will.
Und Einzelne surfen - gepusht durch Multiplikatoren (bezahlt oder ideell verbunden) auf der Welle, die sie oft selber verursacht oder zumindest verstärkt haben - entweder via Twitter aus dem prekären Macbook direkt in die Talkshows, vom Lifestyleblog direkt in die Kindle-Verkaufscharts oder via Youtube direkt zu The Dome (und von dort ins Dschungelcamp).

Con los terroristas! Wump! Wump! Wump! 

Und am Schluss wird das Geld gezählt, das bei der Aktion rüberkam.

Con los terroristas! Wump! Wump! Wump! 

So läuft das heute. Und ich finde das gut. Der Weg zwischen Künstler und Konsument ist kürzer geworden. Nicht alles ist gleich ein Hype, aber das Meiste findet seinen Weg zur Zielgruppe. Direkter und schneller.

Con los terroristas! Wump! Wump! Wump! 

Letzte Woche schrieb mich eine freundliche Band über last.fm (ein völlig unterschätztes Musikportal, das weiß, welche Musik ich mag) an, dass sie mir ganze Tracks als Download zum Probehören anbieten wollen und wenn sie mir gefallen, könne ich sie in besserer Qualität via Paypal auf Bandcamp kaufen.
Meine erste Reaktion war: Fuck Spam, Arschgeburt. Meine zweite dann: Is ja für umme, ich lad das mal runter. Und die dritte: Wow, schöne Mucke für den Fall, dass ich mir mal die Pulsadern aufschneiden möchte. Klasse, her damit, ich kauf das. Volltreffer. Genau eines meiner zwei bevorzugten Musikgenres abgefangen. Gefällt mir richtig gut.

Zufall? Nein, die haben geschaut, welche Benutzer Bands hören, die depressive Selbstmördermucke machen die ihnen genremäßig am nächsten stehen und haben genau diese Leute angeschrieben, um ihre Musik anzubieten.

Hat geklappt. Zumindest bei mir.

So verkauft man heute als Newcomer. Unter Umgehung vieler zeckender Mitverdiener irgendwelcher Musikmultis.

Keine Ahnung, ob man damit weit kommt, aber ich finde das gut. Con los terroristas! Wump! Wump! Wump!

Harlem Shake Original

Sonntag, 17. Februar 2013

So viel Kraft und doch keine Freude


Ostsee. Prora. Kraft durch Freude-Urlaubsparadies im Rohbau. Bizarr, einfach nur bizarr. Da gebären die Nazis einfach 5 Kilometer Beton an einem Stück an den Ostseestrand bei Binz und noch über 70 Jahre später weiß keiner etwas mit dem Klotz anzufangen.

Einen Teil hat die russische Siegermacht weggesprengt, aber der Rest steht immer noch in einer Art Endsieghaltung im Rohbau da, als würde er drauf warten, endlich von kraftvoll freudigen Volksgenossen genutzt zu werden.

Verschiedene Armeen (die Rote, die NVA, die Bundeswehr) haben den Klotz militärisch genutzt, seitdem führt er eine Art Zwischenexistenz als permanentes Provisorium.

Kdf Seebad Prora
 Kdf Seebad Prora
 Kdf Seebad Prora
 Kdf Seebad Prora
Es ist ein beeindruckender Bau, immer noch, obgleich er gerade zur Rückseite hin langsam aber stetig verfällt und wildnisgleich zuwuchert. Die Natur hat sich in Richtung Ostsee schon größtenteils ihren rechtmäßigen Anteil zurückgeholt - rückseitig in Form eines kleinen Wäldchens, im Keller durch die Ansiedelung tausender Fledermäuse.

Ein Trauerspiel ist der öffentlich-rechtliche Umgang nach dem Abzug der Bundeswehr in den 90ern, wobei ich hier das KdF-NVA-Museum und die Ausstellung "MACHT Urlaub" ausdrücklich von ausnehme, die sehr liebevoll und detailfreudig arrangiert sind und wahrscheinlich genau deswegen kaum öffentliche Unterstützung erhalten. Ob allerdings die dümmlich-plakative boulevardeske Werbung für diese beiden wirklich sehr sehenswerten, informativen und historisch wertvollen Installationen unbedingt sein muss, kann mit Recht bezweifelt werden. Aber wahrscheinlich muss man mal wieder auch Bild-Leser irgendwie da abholen wo sie stehen ("Wahnsinn! Irre Nazis versenken 5000 Millionen Meter Beton im Sand! Auch Schweini klopfte hier auf die Steini!").

Meine Vermutung, was das katastrophale Nutzungskonzept dieser Anlage betrifft, ist die: Es ist wohl nicht nur wieder die übliche dunkelgraue öffentlich-rechtliche Schieberei, die eine ganzheitliche – und sicher auch gewinnbringende – Nutzung des Areals undenkbar macht, sondern es dürften knallharte Geschäftsinteressen dahinter stecken. 

Man stelle sich nämlich vor, das Seebad Prora würde tatsächlich mit einer gewissen Übernachtungskapazität an den Start gehen. Das würde auf Rügen nach dem bekannten und immer wieder gern zitierten Grundsatz "Angebot und Nachfrage regeln den Preis" deutlich niedrige Übernachtungskonditionen und damit eine niedrigere Gewinnspanne für die etablierten Ferienwohnungsanbieter und Pensionen gerade zur Hochsaison nach sich ziehen und das will die Tourismuslobby nicht.

Und die Tourismuslobby wählt die Entscheidungsträger, weil hier fast jeder vom Tourismus lebt. Von was auch sonst? Fischen? Taubenzucht?

Und die Entscheidungsträger verhindern auftragsgemäß eine sinnvolle Nutzung des Areals mit Hilfe der guten alten Salamitaktik.

So schließt sich der Kreis und die Katze beißt sich in den ArschUnd deswegen wird Prora über die hier betriebenen Jugendherbergen hinaus nie als das in Betrieb gehen als das es gedacht war. Lieber lässt man es verfallen und verrotten, macht Häppchen draus und verscheuert den Klotz stückchenweise an viele verschiedene Interessenten, die reihenweise scheitern oder gar nicht erst anfangen, etwas damit zu machen - auf dass in Binz und Sassnitz auch weiterhin gesalzene Übernachtungstarife in der Hochsaison eingefahren werden können.

So viele Bananen, die mir dabei gerade in den Sinn kommen, gibt es wahrscheinlich in der ganzen Republik nicht.

Und komm mir keiner mit Umweltzerstörung durch "Massentourismus" auf Rügen, der Klotz ließe sich auch mit einem entsprechenden Konzept nachhaltig ökologisch betreiben – eingebettet in die zweifellos schöne und schützenswerte Natur, in die man ihn erbrochen hat. Das ließe sich alles regeln und läge damit zudem voll im Trend.

Nein, es geht hier nur darum, das Angebot knapp und damit die Preise hoch zu halten – ähnlich wie bei Strom und Gas. Da will man auch keinen Wettbewerb und deswegen gibt es auch keinen.

So bleibt: Hier an diesem Ort kann der historisch Interessierte zweifellos einen tagesfüllenden Ausflug unternehmen und hat danach immer noch den Eindruck, dass er, obgleich vollgestopft mit aus Ohren, Nasen und Rosette tropfendem Wissen, immer noch nicht alles gesehen hat. Ganz klar, ein Besuch der Anlage lohnt sich, am besten unter Begleitung der sehr professionellen Führung der Enthusiasten der Ausstellung "MACHT Urlaub".

Sehenswert.

Und nicht, dass jemand denkt, es gäbe dort nichts zu essen, nein, es gibt auch "Wust" :

 Kdf Wurst


---
Dokumentationszentrum Prora

Lass mal netzwerken - Ausgesuchte Links vom 17.02.13


Read this:

14.02.13 Bibelfester Oberstaatsanwalt
Respekt. Der Justizapparat kann ja kontern!

14.02.13 Fefe ./. Schavan
El Fefe zerlegt den Boulevard-Mythos von der erfolgreichen Bildungsministerin

14.02.13 SEIN HENGST RIH
Siebeck hat nichts dagegen, Pferde zu essen. Ich auch nicht. Nur nicht in einer Tiefkühllasagne bitte.

Samstag, 16. Februar 2013

Dralle Matronen besorgen dir richtig geile perverse ...

Bäcker Bisquitte

... Backwaren. Immer frisch, immer gut - und deswegen auch immer voll, also lang, die Schlange, die Warteschlange. Wie bei der Post. Eine lange Schlange völlig zu Recht vor einem der besseren Bäcker, die das Viertel zu bieten hat.

Wenn sie denn auch mal ab und an lächeln würden, die etwas gehetzt wirkenden russischen Matronen mit ihrer putinesken Strenge, meinetwegen auch nur ein zarter Hauch, ein angedeutetes Lächeln, wenigstens das, dann wäre dies einer der Orte, an dem ich gerne länger bliebe - auf einen Kaffee oder zwei oder drei. Oder auf ein Hörnchen. Eine Laugenstange. Quarkbällchen. Spritzgebäck. Oder auch nur etwas Sahne.

Zum Kaffee.

---
Bisquitte
Schönhauser Allee 87
10439 Berlin 

Freitag, 15. Februar 2013

Das Einkaufszentrum, das keines ist

Greifswalder Straße

Das Mühlenberg-Center will ein Einkaufszentrum sein, aber es verweigert konsequent die in Berlin übliche gleichgeschaltete und so grässlich öde Mischung aus H&M, New Yorker, Orsay, MediaMarkt, Kaisers und PimkieMangoXanakaNervmichdoch.

Wohl nicht ganz freiwillig.

Hier ist noch viel kleiner Einzelhandel zu finden, ein Vietnamese, der Klamotten verkauft, die nicht einmal meine Oma selig im Rübenwinter kurz nach dem Krieg getragen hätte, hier residiert der letzte Pornoladen Prenzlauer Bergs, in den sich die Biopapas aus den gegenderten Kerngebieten des Bezirks verschämt reinschleichen, um Wäsche zu kaufen, die sie später selber anziehen, weil ihr Drachen zuhause das Zeug nie tragen wird, es gibt einen kleinen Elektronikladen, eine Änderungsschneiderei und einen winzigen Bäcker, dessen Brötchen nicht schmecken - wie heimelig. Wie früher. Noch so richtig schön unhip. Unprenzlauerbergig.

Und es gibt - um Himmels Willen - Woolworth! Den gibt es noch? Den König des schlechten Geschmacks mit seinen heiligen Hallen für die Leggins-mit-Deichmann-Sneakers-Fraktion? RTL 2 ole! Hoch die Faxe-Dose!

Es ist ein Center für den schmalen Geldbeutel. Für die, die am Ende des Monats die Sofaritzen nochmal absuchen. Hier kauft keiner Bio. Hier kann das keiner zahlen. Oben ist Pfennigpfeiffer. Verkauft Konkursware zu Spottpreisen. Das läuft hier. Und kein Plakat mit Sri Chinmoy zu sehen. Würde keiner hingehen. Kann keiner zahlen. Will auch keiner. Egal. Ich kann die Hackfresse sowieso nicht mehr sehen. Der schaut sonst überall in Prenzlauer Berg von allen Wänden wie Orwells Großer Bruder und wacht mit seinem Kifferlächeln über seine Yogaschäfchen. Da brat mir doch einer ein Chakra.

Die Center-Fressecke links vom Eingang war bis vor kurzem prekär bis zum Gehtnichtmehr. Ranzdöner, TexMex-Scheißburger und Zuckerfettpizza. Momentan wird renoviert. Dass es danach auf keinen Fall besser werden wird, daran besteht kein Zweifel.

Nichts zu sehen.

Ich mag es hier.

Endstation. Vor aller Augen.

---
Mühlenberg-Center
Greifswalder Str. 90
10409 Berlin

Lass mal netzwerken - Ausgesuchte Links vom 15.02.13


Read this:

07.02.13 Mr. Choc wohnt hier nicht mehr
Süßwarenfreie Kassen sind Verarsche

11.02.13 I became cynical
Claudia ist zynisch

12.02.13 Zurücktreten bitte! Eine deutsche Obsession
Und Gott hat keinen Bock mehr

Donnerstag, 14. Februar 2013

Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Honk (8)


Neulich im Treppenhaus:

"Ist das ihr Kind, das immer so laut schreit?"

"Wäh?"

"Ist das Ihr Kind? Das immer so laut schreit."

"Ja, was soll ich machen? Knebeln?"

"Ich meine ja nur, man hört es so oft."

"Ja. Is so. Kinder schreien eben ab und zu. Don't blame the player, blame the game."

Prenzlauer Berg. In Berlin. Wohl nicht ganz. Oder nicht mehr.

Denn in Berlin kennt man seine Nachbarn nicht und man spricht sie auch nicht an. Nie. Nix. Keine Eier. Kein Mehl. Keine Fragen nach Milch. Dafür gibt es Spätis. Oder den Kaisers, der inzwischen bis Mitternacht auf hat und die Spätis wegmobbt. Und wenn ich keine Eier/Mehl/Milch mehr habe und der Spätikaisers zu hat, dann hungere ich eben oder fahr zu Burger King am Alex.

Nochmal: Man spricht seine Nachbarn nicht an. Auch nicht im Treppenhaus. Man raunt als Grußsimulation, wenn man sich unvermeidlicherweise mal begegnet, allerhöchstens Unverbindliches in den Bart, was von "Hallo" über "Up the Irish" bis "Fick dich selber" alles bedeuten kann. Aber man spricht nicht. Schon gar nicht an. In Berlin kann man sterben und drei Wochen in der Wohnung verwesen bis man eine astreine Legierung mit dem Sofa eingegangen ist. Niemand merkt das - bis das Treppenhaus nach Leiche stinkt. Das ist gut so. Kommunikation unter Nachbarn ist böse. Ich will Euch nicht kennen. Und schon gar nicht kennenlernen. Denn Bekanntschaft unter Nachbarn zieht Forderungen nach sich: Gestern war es aber laut bei euch. Einladungen: Wir haben den Dinkel auf dem Balkon geerntet und einen Kuchen gebacken. Einmischungen: Seid ihr sicher, dass das Plastikspielzeug gut für euren Nachwuchs ist? Und zuletzt jede Menge nutzloser Information: Amadou-Savoy kann jetzt Bilder mit seinem eigenen Kacka malen. Er ist nämlich hochbegabt.

Nein. Kenn ich nicht, die buckligen Gestalten, die hier hausen, will ich auch nicht und das war hier auch schon immer so. Bis jetzt.

Ist das Ihr Kind, das immer so laut schreit? Go fuck yourself. Was kommt als nächstes? Wollen Sie auf einen Yogi-Tee rüberkommen? Ich habe auch einen Kressekuchen gebacken. Meinen Sie, dass der Lärm von Ihrem Egoshooter für die Entwicklung Ihres Kindes gut ist? Sie waren aber letzte Nacht spät zuhause. Denken Sie daran, dass Sie heuer mit der Kehrwoche dran sind?

Liebe biologisch abbaubare Nachbarin mit Heilsteinen um den Hals aus einer Gegend, in der man fürchterliches Deutsch spricht: Sprechen Sie mich noch einmal auf Dinge an, die Sie nichts angehen (das sind so ziemlich alle Dinge, die es überhaupt gibt), werde ich dem nächsten skandinavischen Backpfeifengesicht-Pub-Crawl, der hier vorbeizieht, eine Flasche Blutwurzel als total tolle deutsche Spezialität in die Hand drücken - mit der Auflage, den später vor Ihre Wohnungstür zu kotzen, an der seit Jahren dieser potthässliche Trockenstrauß Dörrblumen über dem kreuzdämlichen Schild "Hier lebt, liebt und lacht Familie Eierkopf" hängt. Kam das an? Dringt das durch?

Honk. Verdammmichauch. Glückwunsch.


Mittwoch, 13. Februar 2013

Des Kaisers neue Kleider


Der Kaisers Supermarkt in der Pappelallee hat eine der besten Frischtheken Berlins. Sagt die Morgenpost. Und sage ich auch.

Supermarkt Kaisers Prenzlauer Berg

Bis zur Renovierung kam er immer etwas schmuddelig daher, unsortiert, müllig, kramig und sinnloserweise abgesperrt von einer doppelten Drehkreuz-Grenzanlage, deren Überwindung mit Einkaufswagen eine gewisse Geschicklichkeit einforderte, was nach sechs Pils in der Murmel auf dem Weg vom Samstagnachmittagsbier in der letzten schimmligen Eckkneipe Prenzlauer Bergs nach Hause schon mal schwierig werden konnte.

Vor den Stufen der Eingangstür saßen die Reste des letzten Trinkergeschwaders Prenzlauer Bergs - Kampfbatallion Helmholtzplatz - herum, deren Stütze bereits Mitte des Monats komplett versoffen und deren Kreditrahmen auf dem Deckel der letzten schimmligen Eckkneipe Prenzlauer Bergs, in der ich aus irgendwelchen Gründen immer noch nicht anschreiben darf, auch schon lange ausgeschöpft war. Wenn sie je einen hatten.

War das so und waren sie wieder pleite, mussten sie leider auf die sichtlich gut situierten Kunden des Kaisers zurückgreifen, die ihrerseits untauglich versuchten, einen Umweg zu laufen und verkrampft wegschauten, aber doch immer wieder - EEEEEH HASSEMANGROSCHNODASOWÄÄH???? - abgefangen wurden.

Ein Bild zum auf Leinwand malen: Verdatterte Biopapas aus einer Provinz ohne Arbeitslose sahen sich mit der nackten hässlichen Armut Deutschlands prekärer Hauptstadt konfrontiert. Mit einem Gesichtsausdruck, als planten sie jetzt schon die Flucht aus dem Fenster der Personaltoilette oder durch den Lüftungsschacht, auf dass sie nicht noch einmal hier am Furunkel des Elends, mit dem man in Prenzlauer Berg nur noch an ganz wenigen Ecken konfrontiert wird, vorbeilaufen müssen.

Zu allem Überfluss öffnete dann vor dem Eingang auch noch eine wie Arsch auf Eimer passende schmuddelige Chinabutze in einem Baucontainer ihre Blechpforten und warf ihre fürchterliche Chinapfanne für 3,50 auf den wenig interessierten Markt.

Prenzlauer Berg Kaisers

Der Tiefpunkt schien also erreicht, da erkannte ein Berufener die Zeichen der Zeit, lichtete die Regalreihen und installierte eine reichhaltige in grün-weißen Farben gehaltene Bioecke, es wurde übersichtlicher, sauberer und der Drehkreuz-Todesstreifen für den Zugang zu den heiligen Hallen entfiel ersatzlos - ebenso wie die ranzige Chinabutze, von deren Fettdunst die Blätter der benachbarten Bäume bereits im Frühsommer schon braun wurden und abfielen.

Und die Trinker verschwanden vom Eingang und verkrochen sich beleidigt in die hintere Steinsitzecke vor den totgepissten Sträuchern, was öffentliches Straßenland ist und von wo man sie nicht vertreiben kann.

Aus dieser Ecke krakeelen sie seitdem in eruptiven Anfällen den Dörrobst einkaufenden Biomüttern mit ihren gefederten Kinderwägen Schimpftiraden proletarisch-vulgärer Art hinterher. Das muss man nicht gut finden, doch ist es ein letzter Abgesang derer, die hier mittlerweile aus allen Konventionen fallen und der allumfassenden Aufwertung einer Gegend, zu der sie nicht mehr passen, nur noch verbale Aggression entgegensetzen können.

Ich bin trotzdem immer wieder klammheimlich froh, wenn ich sie sehe, die obszönen Trinker, wenn sie noch da sind und trinken, denn so lange ist es eben doch noch nicht Pforzheim-Buckenberg hier mit lauter aalglatten politisch korrekt gegenderten Androiden, sondern tatsächlich immer noch Berlin mit seinen Kaputten und Gefallenen. Ein wenig zumindest. Eine Prise dreckiger Wedding im feinen Happy Hippoland. Ich brauch das.

Man kann ja so wenig tun, außer ihnen ab und zu mal nen Sechserträger Becks in die Hand zu drücken, damit es nicht immer die ungesunde Sternburgpisse sein muss.

Und im Winter den Kältebus zu rufen, wenn wieder einer in seiner eigenen Kotze eingepennt ist.

...weil es sonst keiner macht hier.

---
Kältebus: 0178 523 58 38

Lass mal netzwerken - Ausgesuchte Links vom 13.02.13


Read this:

22.01.13 Why travelling with kids sucks ass (englisch)
Wollte ich etwa mit Zwerg in den Urlaub fliegen? Öhm, nein, wollte ich nicht.

08.02.13 Noch ne Schwabennummer
Die total hippe Schwabenguerilla hat Gässle und Sträßle an die Straßenschilder Prenzlauer Bergs geklebt. Wie lustig.

10.02.13 Fin's Fisher fischt frische Fishe
Trojaner können jetzt Smartphone-Kameras zu Spionagezwecken aktivieren. Orwell hat doch nur das Intro geschrieben.

Dienstag, 12. Februar 2013

Engagierte und motivierte Mitarbeiter für umme


Neulich in Berlin-Treptow:

Engagiert Motiviert Minijob

Ich übersetz das mal:

"Ich hab keinen Bock, Steuern und Sozialabgaben für diesen lausigen Thekenjob zu bezahlen, deswegen sind mehr als zwei Tage die Woche nicht drin, weil für den Rest bis einschließlich Samstag nehm ich mir zwei andere Tagediebelöhner, die mir das Jobcenter schickt und von denen ich mir auch wieder alle Abgaben spare, so dass mir von der Kugel Eis für 1 Euro eine höhere Marge übrig bleibt als das bei Festangestellten der Fall wäre. 
Und damit tue ich auch noch was Gutes, weil ich so ganze drei Menschen aus der Arbeitslosenstatistik herauscaste, wofür mir jeder dankbar sein muss, dessen Mandat von solchen Statistiken abhängt.

Und wenn die Minijobber davon ihr kümmerliches Leben nicht bestreiten können, sollen sie doch mit Hartz IV aufstocken - dafür ist das ja da - oder sollen sie sich doch meinetwegen ein, zwei, drei, vier anderer solcher Mikrojobs an Land ziehen, für die sie jedesmal quer durch die Stadt fahren müssen.

Oder sollen sie doch einfach nur Kuchen essen, meine Güte. Ich hab die Regeln nicht gemacht.

Ja, natürlich, ich weine ganze Krokodile an Tränen, aber mehr als zwei Tage die Woche für einen traurigen Aufstockerlohn ist bei mir nicht drin, dafür erwarte ich dann aber subito ein Lächeln und Freundlichkeit und Schnelligkeit und Dankbarkeit in Ewigkeit. Amen."

Montag, 11. Februar 2013

Muschi, Kreuzberg, Bergmannstraße

Kreuzberg Bergmannstraße
(Aufkleber in der Bergmannstraße zu Kreuzberg)

Es gibt zwei sich alternativ gebärdende Touristenboulevards in dieser Stadt. Und beide sind nicht alternativ. 

Die eine nennt sich Simon-Dach und ist die Schinkenstraße dieser Stadt, der Ballermann, das El Arenal, ein Panoptikum der Völker Europas, die sich hier unabhängig von Geschlecht und Nation gehenlassen und Hauseingänge vollkotzen.

Und die andere hat bisher alles richtig gemacht.

Sie heißt Bergmannstraße.

Ja, natürlich wird sie teurer, auch banaler ein wenig, hat mit Kreuzberg oder dem Bild davon nichts mehr zu tun.

Sogar Bubble Tea gibt es jetzt  - das untrügliche Symptom für den beginnenden Niedergang. Wenn Bubble Tea einzieht, dann war es das mit dem Niveau. Bubbleteaisierung: Ein neuer Terminus für etwas, was nicht mehr so gut ist, wie es einmal war.

Muschi.

Kreuzberg.

Bergmannstraße. Es gibt noch ein paar wenige kleine Geschäfte wie früher, hippiesk, heilsteinig, eso hier, eso da, eso tralala, aber natürlich auch viel Gastronomie: Der unvermeidliche Vietnamese mit Pho Kokos Curry Sauer Scharf Sommer Rolle, der noble Süddeutsche mit seiner Lammkeule und dem Rostbraten für 20 Euro, der übliche Inder mit seinem undefinierbaren Mansch für einen Fünfer auf alles, Original Berliner Currywurst - original sind sie ja alle, egal wo - und auf jeden Fall Latte Cafes in Reihe, ja, auch die Prenzlauerbergisierung greift um sich, Milchschaum hier, Zimtflavour dort, Amarettini my ass, draußen bei schönem Wetter immer voll, ein Gewusel, ein Gedusel, aber selten stressig, die flockige Atmosphäre von früher, das easy going hat man gerettet, irgendwie, konserviert, auch wenn wahrscheinlich keiner mehr aus den 90ern hier noch wohnt, denn teuer sieht es aus, gerade Richtung Chamissoplatz, Altbauten, Stuck, konservativ restauriert, großbürgerlich fast - nicht so kunterbunt-durchgeknallt wie in Hip Hip Bionadeland im Norden, gediegen, wer hier wohnt, hat es geschafft, ist tendenziell reich. Das sieht man auch. Und das darf man auch sehen.

Bergmannstraße. Wohnen will ich da nicht. Kann ich nicht bezahlen.

Aber schön hier.

Ich bin gerne dort.

Schöne Straße.

Immer schon schön.

Immer schon Flair.

Lass mal netzwerken - Ausgesuchte Links vom 11.02.13


Read this:

06.02.13: Müde
Maximilian Buddenbohms Handy behauptet, er sei in Hannover.

08.02.13: Wodkawege
Evolution in der Hauptstadt: Nach dem Wegbier nun der Wegwodka.

09.02.13: Der DVB-T-Stick muss weg
Der Handkäsfan kuckt mal wieder fern und lässt es dann wieder.

Sonntag, 10. Februar 2013

Reim dich oder ich schlag dich

Dichtkunst Döner

Dichtkunst aus Berlin-Treptow. Wenn uns auch sonst nichts bleibt, die Kunst der Worte vergeht nie. So verneiget euch.

Samstag, 9. Februar 2013

Glückliches Asien

Glückliches Asien

Happy Asia. Friedrichshain. Boxhagener. Ich war vor einigen Jahren schon einmal dort und danach nie wieder. In den vermoderten Ecken meines degenerierten Hirns geistert noch die Erinnerung an Eimeressen herum: Kokosmilch, Dosenpilze, Gruselsprossen, Gummihühnchen.

Ich war jetzt wieder da, warum weiß ich nicht, vielleicht weil "Neueröffnung" auf den Schaufenstern klebte. Jetzt hat also der Schwager übernommen. Oder der Bruder. Oder der Schwippschwagerbruder.

Der hingegen kann kochen.

Wenn auch nicht sprechen.

Der erste Bestellversuch muss abgebrochen werden, weil der Satzversuch "Zum Trinken bitte ein Wasser mit Sprudel... Sprudel... Kohlensäure… Kohlen. Säure. Blubb Blubb Blubber. Nein? Gas? Gas. Mit Gas. Au Mann." ein Dauerfragezeichen auf das freundliche Gesicht zaubert, das nicht mehr weggeht.

Die Misosuppe hier ist überraschend dicht und ohne prekäre Dosenzutaten, sie schmeckt intensiv und nicht instantartig wie so oft. Die Sauer-Scharf-Suppe ist die Überraschung. Die Erwartung ist Eimer. Industrieeimer. Bekommen habe ich auch Industrieeimer, aber verfeinert mit Ingwer, ordentlich scharfem Zeug und frischen Pilzen. Das kann ich gelten lassen, das war wirklich gut.

Das Hauptgericht ist nicht ganz so soßenüberlaufen wie ich es erwartet habe, sondern nur ein wenig, dafür aber geschmacklich ausgesprochen gut, weil scharf. Rotes Curry in scharf, dass ich das noch erleben darf. Mutig mutig. In Deutschland. Mal sehen wie lange man die Linie durchhält, wenn sich die üblichen Weichkekse im Stundentakt über Schärfe in einem Gericht beschweren, die da einfach hingehört.

2 Suppen. Ein Hauptgericht. Ein Wasser. 10,80. Was kann man denn dagegen sagen?

Das Sushi fällt leicht ab. Etwas banal, nur teilweise solide und manchmal ärgerlich, wenn die Algenhaut sich vom Reis abpellt und sich andersrum aufrollt. Dann wirkt das Sushi mit der heißen Nadel gestrickt, hektisch produziert und lieblos. Ungekonnt.
Der Ingwer ist nicht ganz der schlechteste, die Sojasoße dafür schon und der Wasabi irritierenderweise nicht scharf. Senfpulver vergessen? Was ist da los? 

Vier Dinge sind bemerkenswert in dem Laden:

1. Das Sprudelwasser gibt es immer, zumindest immer wenn ich da bin, fast ohne Sprudel als wär das Absicht.
2. Aus den Boxen klingt arabische Bauchtanzmusik, was im Zusammenspiel mit meinem vermutlich vietnamesischen Gegenüber ein mehr als merkwürdiges Bild abgibt.
3. Die Sommerrollen sind so dick und groß, dass auch eine erfahrene Prostituierte davon Maulsperre bekommen würde.
4. Die banalen Holzstäbchen statt des profanen Bestecks gibt es nur auf Anfrage - jetzt weiß ich woran man hier spart.

Ja, es geht aufwärts, nicht nur mit der Größe der Portionen, die jeden europäischen Magen satt bekommen sollten, auch geschmacklich sehe ich hier an dieser chronisch miesen Ecke Boxhagener/Neue Bahnhofstraße endlich ein wenig Licht am Ende des Bergwerkstollens. Man muss auch mal loben.


---
Happy Asia
Boxhagener Str. 57
10245 Berlin 

Freitag, 8. Februar 2013

Sex - Luxus und ein geiler Haarschnitt


Zugemacht.

Schönhauser Allee

Kein Sex, kein Luxus und auch kein geiler Haarschnitt mehr.

Unisex Prenzlauer Berg

Ehrlich, was habt ihr euch erhofft? Das ist Prenzlauer Berg. What? Sex? Ich bitte euch! Ausschließlich zur Reproduktion. Am Tag des Eisprungs. Vorher ausgerechnet. Mit Mondkalender. Auf die Stunde hin geplant. Auf Kommando. Danach mit Yogaübungen bei Walgesängen, damit das Spermium das Ei findet. Und der arme Kerl geht danach bitte wieder für ein paar Jahre zum Wichsen unter die Dusche.

What? Luxus? Ich bitte euch! Doch nicht so plump. Kein Cartier, keine Klunker, keine Breitling zu den Filzklamotten und den Hanf-Veganersandalen, vergesst es. Teuer ja, gerne, immer sogar: Ahornblättertee für 10 Euro die 100 Gramm, handgepresstes Olivenöl für die Pfanne für 12 Euro die 100 ml, Bugaboo, Babyhandmassagegeräte, Pekipgruppen, Filzröcke aus Nepal, importiertes münchner Brot für 4,85 den halben Laib, Yoga Yoga Yoga und verdammmichnochmal Sri Chinmoy, immer wieder Sri Chinmoy, natürlich, der darf nicht fehlen.
Ja, sicher, teuer darf es schon sein, soll sogar, KaDeWe kann einpacken, nur Luxus darf man das bitte nicht nennen, Neue Oberschicht auch nicht, denn alternativ wollen sie alle sein, die neureichen Bioschnösel, denen man das aber um Himmels Willen nicht ansehen darf, die aber die Nase rümpfen und ihr Kind wegziehen, wenn man auf dem Spielplatz mit der gelben Plastikschaufel von Pfennigland anrückt, weil es für die Holzkelle von Manufactum diesen Monat doch wieder nicht gereicht hat.

Und what? Geiler Haarschnitt? In Prenzlauer Berg? Im Bezirk der verhärmten Zotteln, in dem sich teppichbehangene Frauen mit Gesichtern wie Wayne Rooney und Frisuren wie Paul Gascoigne neben ihren filzgekleideten Männern mit Gesichtern wie Angela Merkel und Frisuren wie Frank Mill 1986 aus dem Haus trauen und sich nicht mal dafür schämen? Weiß der Teufel wie die mit dieser Optik so viele Kinder machen können. Geiler Haarschnitt? Hier? Nope, geile Haarschnitte sind überall. Moldawien. Botswana. Chisibubikaio. Osterinseln. Aber hier doch nicht.

Das war einfach der falsche Ort mit dem falschen Konzept, Buddy, das konnte nichts werden, ehrlich. Was hast du dir hier nur erhofft? Hätt ich dir gleich sagen können. Meilenweit an der Zielgruppe vorbeigeschossen. Falscher geht nicht mehr. Viel Spaß in Wilmersdorf bei den Witwen. Da gibt es mehr Sex, definitiv mehr Luxus, der auch so heißt, und auf jeden Fall geilere Haarschnitte. Mit Blauton. Yummi.

Latent suizidal

Helle-Mitte depri

Winter bei Nieselregen und Eiswind in Berlin-Hellersdorf. Ich hab plötzlich so Bock auf Novosibirsk.

Donnerstag, 7. Februar 2013

Ein englisches Restaurant - are you kidding me?

Mehringdamm

Ein englisches Restaurant - ja klar, das kann nicht gut gehen. Genauso gut kann ich auf einem Touristen-Spreedampfer Unsinn essen - eine Gummibockwurst, ein Lederschnitzel oder eine stinkende Stulle mit Griebenschmalz aus den seit Jahren ungewaschenen Ohren des Kochs. Oder ich kaufe mir eine gammlige Currywurst in der Simon-Dach-Straße - nichtssagend und eklig. Dafür fettig. Also im Prinzip das, was Touristen für deutsches Essen halten.

Nein, englisches Essen geht gar nicht. Malzessig meets Minzsoße meets Porridge meets Kloschüssel.

So die Legende.

Die Legende lügt. Englisches Essen geht auch gut. Huhn in Whiskysoße, selbstgemachte Pommes mit Kartoffelschale, Roastbeef, Rind in Schwarzbiersoße, Reispudding. Das war gut, bei weitem nicht sterneverdächtig, sogar so weit von Michelinsternen entfernt wie man als Restaurant nur sein kann, aber bodenständig, gut. Meine Oma selig konnte so kochen.

Nun was nervt mich?

Da nervt was?

Natürlich nervt da was und es ist das, was jeden Gastronom befällt, der ein paarmal in der popeligen Berliner Lokalpresse empfohlen wurde: Es ist das Getue. Das Aufgesetzte. Die Attitüde. Oder nenn es meinetwegen Arroganz.

Man spricht hier englisch, das ist okay und auch gut so. Man spricht aber auch überhaupt kein Deutsch und das konsequent, kein Wort, nicht mal hilfsweise, wenn gar nichts mehr geht, was die Bestellung zur Geduldsprobe macht, wenn mal wieder ein paar Vokabeln vom eingerosteten Schulenglisch fehlen. Neben mir wollte jemand eine "Cola Zero". Das zu bestellen war nicht möglich, denn es heißt ja "Coke Zero". Super. Arroganz als Fetisch. Hip Hip Neu-Kreuzberg. Ihr seid so cool.

Es gibt zwei Möglichkeiten: 1: Das Getue ist aufgesetzt, dann ist es einfach nur schnöselig oder 2. Der Service kann wirklich kein Deutsch, dann ist es einfach nur fahrlässig und schnöselig obendrein, weil irgendjemand hat die ja eingestellt und das nicht ohne Grund.

Abgesehen von der überflüssigen Schnöselei gibt es eine wunderbare aus Hipstercafes abgeschaute Innovation: Es gibt Steckdosen unter jedem Sitz und das ist großartig. Das beugt dem nervösen Zittern vor, wenn man Smartphone nebst Tablet mal wieder beim Warten leergedaddelt, totgewhatsappt oder zuendegefacebookstatusupdated hat. Weil man sich sonst unterhalten müsste. Wegweisend. Steckdosen. Tolle Idee. Ist mir in einem Restaurant noch nie begegnet. Sehr gut.

Ja, gut isst man hier im East London, wenn nur die Attitüde, die verdammte Attitüde nicht wäre...

---
East London
Mehringdamm 33
10961 Berlin