Dienstag, 30. April 2013

Lauf RBB Lauf!

 
Potsdam. Drittelmarathon. RBB-Lauf. Grmpf, zu spät da. Und wie immer das gleiche Bild: Vorne im Feld stehen alle diejenigen Poser sinnlos herum, die Minuten nach dem Start ganz unglaublich schnell sind, aber nach zwei Kilometern völlig entkräftet zurückfallen, den schäbigen Rest des Laufs nur noch Hindernisse sind und leiden und noch mehr leiden und nicht aufhören mit leiden.

Ich erkenne diese Gestalten schon vor dem Start - jahrelange Übung: Blutjung, gerne im Pulk, große Fresse, entweder muskellos-dürr oder leicht übergewichtig und die untrainierten Füße in Chucks-Fakes von Deichmann oder in Adidas Samba, was sich nach zwei Kilometern in den Knöcheln und später in den Waden rächt. Es tut schon beim Zuschauen weh.

Sie winken ihren Müttern, ihren Frauen. Posen für die Fotos. Diese Zuversicht. Dieser Hochmut. Dieses Nichtwissen um die Schmerzen, die kommen werden.

Ich stecke mir ein Bananenbrot in die Zahnlücke und schaue mich um. Auch die üblichen Verdächtigen sind da, die sexlosen Mittvierziger-Angeber im aerodynamischen Presswurst-Ganzkörperkondom, ausgestattet mit Cockpituhren am Oberarm, von wo aus Puls, GPS-Position und Darmtätigkeit überwacht werden - eitle Poser mit ninjaturtleartigem Gürtel in ninjaturtleartiger Farbe, an dem die Verpflegung einer kompletten Antarktis-Expedition baumelt: Powerriegel, Iso-Getränke und Geltüten für den großen Hunger zwischendurch - der ganze Ballast für diese lausigen 14 Kilometer Drittelmarathon. Wahrscheinlich halten diese Einzelkämpfer die Stadt Potsdam für die Sahelzone und sich selber für James Cook.

Und auch die Walker sind da, diese Bürohengste mit ihren immerschweren Knochen, die das Hinterherziehen von Stöcken beim Spazierengehen ernsthaft für Sport halten und sich kraft eigener Wichtigkeit natürlich nie hinten im Feld einordnen, wo sie hingehören, sondern möglichst weit vorne, wo sie Hindernisse sind. Heute müssen sie ihre Spanferkelspieße zuhause lassen - immerhin.

Peng, los geht’s.


Los geht's?

Hallo?

(…)

Nix los geht.

Alles steht.

Still.

Auch wenn ich jetzt los will.

Nix läuft bei mir hinten im vorletzten Startblock. Da stehe ich. Wahrscheinlich als der einzige ehrliche nichtwalkende Idiot, der sich nicht direkt hinter die Startlinie zu den Gazellen gemogelt hat. Um mich herum nur die Altersgruppen M75-110 und ein Idiotenvater mit Babyjogger - das arme Kind.

Nach zehn Minuten walke ich über die Startlinie. Ab jetzt läuft die Zeit. Tick. Tack. Ich walke immer noch. Alle anderen auch. Um mich herum wuseln endorphinausschüttende Jugendliche im Slalom in einem irrwitzigen Tempo, das ihnen eine Viertelstunde später auf die Füße fallen wird. Ich sehe es ja kommen und freue mich darauf, sie wieder einzusammeln, wenn sie keuchend am Rand der Fahrbahn entlanghecheln und mit Tomatenkopf, Seitenstechen und übersäuerten Muskeln kein bisschen Eindruck mehr auf die Blondinen machen, mit denen sie gestartet sind und mit denen ich sie nur kurz nach ihrem sinnlosen Sprint wieder einhole.

Ich halte mich an Oleg. So nenne ich den Zwei-Meter-Mann mit dem prägnanten Nicolai Valujew-Gedächtnisschädel vor mir, der sich mir als Leuchtturm anbietet und ungefähr mein Tempo läuft. So langsam lichten sich die Reihen, ich finde mit Oleg gemeinsam eine Gruppe in unserem Tempo, eine verbiesterte Sigourney Weaver ist dabei, ein verhärmter Sozialkundelehrer-Lookalike - beide sehr bemüht - und ein Harry-Potter-Gesicht, das sich ganz viel Mühe gibt, nicht schneller als seine Eltern zu laufen, die neben ihm fast kotzen, aber so tun, als hätten sie die Lage hier im Griff.

Ich sehe mich um und stelle wieder einmal fest, dass es eine unheimlich schöne Strecke ist, hier in Potsdam, durch die Fußgängerzone mit dem Brandenburger Tor, an der Havel entlang, den neuen Hauptbahnhof gestreift, bevor es dann nach Babelsberg an den Studentenkneipen vorbei geht in Richtung Park.

Ich sehe aber irgendwann nichts mehr davon, weil mir der Schweiß in die Augen läuft. Augenbrauen sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren.

Oleg ist außerdem ein Verräter, ein Spalter, ein Klemmer und geht an einem der zahlreichen Wasserstände was trinken. Für mich ein herber Verlust. Mein Leuchtturm ist weg, ich muss Ersatz suchen und finde den Pferdeschwanz einer Gazelle, der im Takt mit pfirsichgleichen Arschbacken hin und her wippt, was mich völlig paralysiert und meine schwer gewordenen Beine ausknipst.

Die Schlussetappe zum Park Babelsberg ist mein Killer. Immer. Es geht leicht aufwärts. Lange Zeit. Hölle. Die Gazelle rennt mir davon. Kein Pfirsich mehr. Kein Pferdeschwanz. Weitere Gestalten, die ich bereits als deklassiert wähnte, überholen mich, auch dieser gegeelte Angeberarsch in seinem Triathlon-Outfit, den ich die ganze Zeit auf Distanz halten konnte und der mich jetzt am Anstieg eiskalt grinsend vernascht.

Ächz. Diese Strecke mit ihrem gnadenlosen langgezogen ansteigenden Finale bis zum Park Babelsberg muss sich ein Sadist ausgedacht haben. Ich werde langsamer und bin selber schuld, weil ich sie wieder unterschätzt habe, diese fiese Steigung zum Schluss, weil ich ja unbedingt den Triathlon-Ficker hinter mir lassen wollte und wieder schneller war, als dauerhaft gut für mich ist. Der alte Anfängerfehler, er holt mich doch immer wieder ein.

Nix glop. Mit 12 Kilometern in den Beinen zieht sich der Anstieg wie die Wartezeit auf dem Bezirksamt Pankow endlos dahin und ich bin jetzt der, der leidet, bis ich dann doch im Fieberwahn die Zielgerade auf der Glienicker Brücke erreiche.

Im Idealfall ist meine Zeit besser als letztes Jahr, denke ich.

Ist sie nicht.

Schade. Auch egal. Eigentlich interessiert mich die Zeit ja gar nicht. Ischwör. Dabeisein ist ... fuck you.

Trotzdem: Wenn das mal nicht ein schöner Lauf da ist in Potsdam, der sich mit dem Namen eines fürchterlichen Lokalsenders schmückt - ambitionierter als die üblichen 10-Kilometer-Volksläufe für Altersheim-Freigänger, aber dann doch nicht so zeitraubend, teuer und überlaufen wie ein Halbmarathon - für Nicht-Leistungssportler mit ein wenig Ehrgeiz eine ideale Veranstaltung mit Sightseeing-Bonus. Nächstes Jahr wieder. Und dann wird die Zeit noch schlechter. Jahr für Jahr. Bis ich irgendwann am Start liegenbleibe, weil sich der Rollator in den Straßenbahnschienen verhakt hat.

Prima, RBB! Wäre dein Fernsehen auch nur halb so gut wie dieser Lauf, wäre schon viel gewonnen.


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http://rbb-lauf.de/
Strecke
Fotos im Text aus 2009

Frisches Fischbrötchen von unglücklichen Freakfischen



Ich kann mir nicht helfen, aber dieser Fisch leidet offensichtliche Höllenqualen in Erwartung dessen, was ihm bevorsteht. Der Arme. Oder man hat ihm LSD gegeben und er sieht gerade zwei fickende rosa Elefanten. Das würde die Spiralaugen erklären.

Montag, 29. April 2013

Zuhause wird schnell



Die Drosselkom macht einen auf selbstironisch und nimmt sich selbst auf die Schippe. Sehr geschmeidig. Hut ab!

Harz: Seerestaurant Zum Hecht


Harz. Letzter Tag. Hunger. Mitten im Nichts. Schon wieder. Was ist das? Seerestaurant zum Hecht? Huh? Oh nein, es ist ein Paddelbootverleih. Optisch ein bischen verhärmt - in die Jahre gekommen. Bretterbudenfeeling. Mit Imbiss. Immer nur Imbiss. Man hat den Eindruck, der ganze Harz besteht nur aus Imbiss. Bratwursthölle. Bockwurstfolter. Jägerschnitzel mit Pommes my ass.

Ich bestell mal Silberforelle.

Wow, was für ein Sud in der Alufolie. Gut um die ideal gegarten Kartoffeln zu tunken. Fein. Ganz fein. Mächtig gut. Saftiger Fisch, geschmacklich weit vorne, vernünftige Größe, schön gefüllt mit Zwiebeln und Tomaten.

Überraschung!

Ich mag es, wenn ich ein Restaurant unterschätze.

Und jetzt?

Urlaub zu Ende. Schön war's.











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Seerestaurant Zum Hecht
Am Stausee 2
Ortsteil Wendefurth
38889 Altenbrak 

Sonntag, 28. April 2013

Harz: FRIWI-Café


Ich hasse Kekse. Kekse haben für mich nur die Funktion, bei sinnlosen Meetings auf einem ranzigen Teller vor sich hin zu gammeln, nur um dann wieder eingepackt und bei nächsten sinnlosen Meeting wieder neu auf einem anderen ranzigen Teller serviert zu werden. Ich glaube, manche Kekse sind auf diese Weise seit Jahren in meiner Abteilung unterwegs, denn ich habe nie jemanden einen essen sehen.

Manche Kollegen munkeln, dass dieser eine ominöse Keks, dessen rissiger Schokoladenmantel oben schon weißliche Sprenkel gebildet hat und der immer etwas verschämt abseits auf der linken Seite des Tellers liegt, schon bei Gründung der Abteilung vor vielen Jahren anwesend war und schon fünf Abteilungen zuvor bei deren Gründung sowie zwei bei deren Abwicklung begleitet hat. Ein Keksveteran sozusagen, der wahrscheinlich schon mit der Wehrmacht vor Moskau gelegen hat. Neben dem Kommissbrot.

Kekse können eigentlich nicht gut sein, es sei denn man backt sie selber, eine Mühe, die sich eigentlich kaum noch jemand macht. Ich auch nicht.

Und die Kekse aus dem Supermarkt - die klassischen Meeting-Kekse also - sind nie gut, weil sie von Anfang an lediglich als pures optisches Beiwerk - keinesfalls zum Verzehr geeignet - konzipiert sind, so wie die unverwüstlichen Meeting-Orangensaftfläschchen mit dem Humus am Flaschenboden, die auch nie jemand trinkt und die wahrscheinlich im Laufe der Jahre so viel Überdruck durch Gärung erzeugt haben, dass man sich damit problemlos auf die Rückseite des Mondes oder auf den Kometen Hyakutake katapultieren kann.

Ich habe ein Problem: Ich muss irgendwas aus dem Harz mitbringen. Sonst glaubt mir keiner, dass ich es bis hierhin geschafft habe. Was also mitbringen? Nordhäuser Pennerglück kommt nicht in Frage, weil es das auch bei Lidl in der Saufecke gibt, kulinarisch ist hier auch tote Hose - wer hat schon Bock auf Sülzfleisch in der Dose? - und Touristentand wie diese blöden Hexenpuppen würde ich mir nicht einmal in meinen rattenverseuchten Keller in Berlin-Prenzlauer Berg hängen.

Bleibt nicht mehr viel.

Außer vielleicht Kekse aus dem malerischen Stolberg. Verkauft in einem sogenannten FRIWI-Café. Oje.


Die Verkäuferin wählt den klassischen Schachzug: Sie möchte mich probieren lassen.

Nun war Stolberg für mich als Besucher schon eine Sensation, warum sollen nicht auch die Kekse gut sein.

Und sie sind gut.

Und wie.

Ich habe 13 Packungen gekauft. Warum 13? Keine Ahnung, hat sich so ergeben. Muss ja nicht alles einen Grund haben und ich muss ja nicht alles wissen.

Aber ich weiß, wo diese Kekse niemals landen werden: In einem Meeting meiner Abteilung.

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FRIWI-Cafe
Niedergasse 21
06547 Stolberg

Samstag, 27. April 2013

Harz: Hotel Restaurant Zum Kanzler


Deutsche Küche geht auch gut, das ist bekannt, doch gerade im Harz sucht man sie oft vergebens, auch außerhalb der zweifelhaften Gastfreundschaft des Brockenwirts.

Stolberg ist ein kleines, hervorragend erhaltenes, liebevoll saniertes Fachwerkdörflein mit einer ganz eigenen Atmosphäre und seltsamerweise weitab touristischer Verseuchung.


Ich saß an einem sommerlichen Tag mitten im Dorfkern gegenüber eines Gebäudes, das ich für das Rathaus hielt und hörte nicht auf, die verzierten Fassaden um mich herum zu bestaunen.


So schön kann Deutschland sein.


Das Staunen wurde kurz unterbrochen von einem Teller gut Gebratenem, darunter die "Stolberger Lerche", eine dünne Rotwurst, die geschmacklich an Krakauer erinnert, aber feiner daherkommt. Und dünner. Dafür länger. Und die langen Dünnen sind ja die Besten wie man weiß. Jedenfalls besser als die dicken Kurzen.

Ich bin angenehm satt, fühle mich nicht geneppt, sondern wohl. Danke. Gut. Kein Hochglanz. Aber gut. Mehr muss doch nicht. Nicht an Tagen wie diesen, an denen Helden gezeugt werden sollten - wären Helden noch gefragt.

Fehlt nur noch etwas Musik, auf die mein Kind abfährt:

http://www.youtube.com/watch?v=98xNx87hRbU

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Hotel Restaurant Zum Kanzler
Markt 8
06547 Stolberg


Freitag, 26. April 2013

Harz: Josephskreuz


Aufstieg.

Wald.

Ruhe.

Geäst knirscht.

Gewürm kreucht.

Ein Specht hämmert.

Schilder animieren zum Singen.

Wanderliedgut.

Mit Text drauf.

Im Frühtau zu Berge wir ziehn.

Fallera.

Uniformierte kreuzen unseren Weg.

Es ist nicht die Polizei.

Auch nicht die GSG 9.

Es sind alte Waldschrate mit Gamshut. Sie singen die Schilder ab.

Bumsfallera!

Schild für Schild.

Zackig.

Gründlich.

Skurril.

Hitlerjugend-Style.

Nur ohne Jugend.

Bloß weg hier.

Da. Endlich. Das Kreuz.


Stattlicher Stahlbau zwischen Straßberg und Stolberg.

Unverwüstlich. Unzerbrechlich. Hart wie ... lassen wir das.

2 Euro.

Klonk. Plonk.

Klonk. Plonk.

Klonk. Plonk. Die Stufen zählen mit.

Dann endlich obenauf und der Wind weht mir um die Nüstern. Fresh.

Exciting.


Aussicht sticht Aussicht. Himmelsrichtung für Himmelsrichtung. Ich kann so weit in die Welt sehen wie vom Brocken aus. Nur billiger.


Sattsehen? Heute nicht.


Niemand hier. Nur ich, das Kind und der Wind.


Plötzlich Kloake.

Das Kind hat geschissen.

Wo auch sonst? Extra aufgespart.

Müssen wieder runter. Bank finden. Platz finden.

Fuck. Drei Reisebusse.

1.000 quakende sächsische Großmütterchen. Ziel: Kreuz. Treppe: Eng.

Apokalypse now.

Schnell weg.

Klonkplonk Klonkplonk Klonkplonk.

Schneller! Wenn die das Kind sehen, dann fährt die Erholung direkt in die Hölle.

Ratschläge.

Ermahnungen.

Backenkneifen.

Mützchen zurechtrücken.

Halstuch fester.

Nase putzen.

Occupy my baby.

Abstieg. Flucht. Weg hier. Das Gehirn denkt: Die Zombies der Brockengeisterbahn reisen uns tatsächlich hinterher. Von Ausblick zu Ausblick. Weg. Rasch. Egal wohin. Ich wickel das Kind irgendwo im Wald. Unter Laub. Mit Zweigen in den Haaren und Ringelblumensalbe an der Backe. Babydream-Ninja. Calendula-Rocker.

Ab durch die Hecke, Haken geschlagen, zick, zack, zick. Mich kriegt ihr nicht.

Dann wieder Wald und Frieden.

Und Ruhe.


Volltanken bitte.

Donnerstag, 25. April 2013

Harz: Restaurant Benedikt


Es gibt Situationen, da erwartet man als Gast gar nichts. Beziehungsweise gar nichts mehr. Essen in Quedlinburg zum Beispiel.

Nach einer kulinarischen Geisterbahnfahrt durch den Harz unter leider nur teilweiser Vermeidung feilgebotener Scheußlichkeiten primitiv-deutscher Küche wie dem unvermeidlichen Jägerschnitzel in Dosenpilz-Tütenrahmsoße, reihenweise Lederhaut-Bratwurst, Gummi-Bockwurst, immer wieder Jägerschnitzel und noch mehr Jägerschnitzel und da wieder Currywurst, Hähnchenbrustformfleischabfall in orangener Industriepanade, Schnitzelschuhsohle und natürlich den fürchterlichen Frosta-Pommes erwartet man gar nichts mehr. Nichts. Man stumpft einfach ab nimmt hin. "Kuck mal Schatz, es gibt wieder Jägerschnitzel." "Ja, toll. Haben wir zufällig das Samuraischwert von der Küchenwand dabei? Ich möchte mich gerne entleiben."

Der Harz ist ganz offenbar kulinarisches Entwicklungsgebiet oder hat sich dem dumpfdeutschen touristisch-anspruchslosen Herdentrieb in seiner ganzen in Socken mit Sandalen steckenden Banausenhaftigkeit angepaßt. Dachte ich.

Und dann sowas. Versteckt in einer kleinen Gasse wartet das etwas unscheinbare Restaurant Benedikt mit seiner hochklassigen kleinen feinen Küche auf. Sterneverdächtig.

Kalbsleber
mit getrüffelten Gnocchi
16,50

Danke. Das hab ich gebraucht.

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Restaurant Benedikt
Marktkirchhof 18
06484 Quedlinburg

Mittwoch, 24. April 2013

Harz: Gaststätte und Biergarten Capitol


Was herauskommt, wenn blumige Prosa auf knallharte Wirklichkeit trifft, kann man in der Gaststätte Capitol in Wernigerode besonders schmerzlich erleiden. Offeriert war eine Entenbrust an Walnusssoße mit Rosenkohl und Knödeln für irgendwas um die 13-14 Euro.

Warum ich das bestellt habe, weiß ich selber nicht. Ich glaube, mir erschien vor meinem völlig umnachteten Auge im Hungerwahn kurz vor dem Delirium eine auf Walnussöl basierende Vinaigrette, die ein zartrosa und durch die Haut gegartes Stück Ente wie ein Hauch umschlingt und von raffinierten Beilagen dezent begleitet wird.

Was kam, war ein Tiefschlag: Auf dem Teller befand sich ein totgebratenes graues Stück Fleisch mit einer gallertartigen Haut, trocken, betongrau, zäh und komplett durch, das man in einer bizarren Masse dicker schwerer Rotweinsoße ersäuft und unter einem Teppich aus groben Walnussbrocken begraben hat.

Die beiden Dum-Dum-Geschosse aka Gummiknödel waren natürlich aus der Tüte, weil es auch bei den Beilagen keinen Lichtblick geben darf.

Und so wollte auch der Rosenkohl nicht so recht der einzige sein, der auf dem Teller positiv hervorsticht und kam merkwürdig matschig, dabei unpassend säuerlich im Abgang und in viel zu viel Butter geschwenkt daher, um gut zu sein.

Um das Desaster perfekt zu machen, übermatschte man beide Beilagen mit überhaupt nicht knusprigen, da in viel zu viel Butter gebadeten Semmelbröseln. Herrlich.

Es war mein Fehler.

Denn niemand saß und aß da. Ganz Wernigerode war voll mit Touristen bei wunderschönem Wetter und überall waren alle Freiflächen belegt. Nur hier nicht.

So ein Desaster hätte man in weniger unterzuckertem Zustand voraussehen können. Eher müssen.

Mein Fehler. Kommt nicht wieder vor.

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Gaststätte und Biergarten Capitol
Burgstr. 1
38855 Wernigerode 

Dienstag, 23. April 2013

Harz: Der Brockenwirt


Ich steige auf dem Brocken aus der Geisterbahn. Hunger. Großen Hunger. Loch im Bauch.

Es gibt oben auf dem Hügel exakt drei Stellen, an denen man etwas essen kann. Und exakt alle drei gehören dem Brockenwirt. Das lässt Schlimmes erwarten.


An der Außenwand des bunkerartigen Gebäudes steht in großen Lettern "Touristensaal". Warum fallen mir jetzt nur Begriffe wie "Deppensammelstelle" oder "Idiotenhalde" ein? Steht gleich einer hinter der Tür und platziert mich?

Ich betrete den "Touristensaal" und fühle mich sofort an einen Albtraum von Kantine erinnert. Es gibt Tabletts, speckig, Aluschienen, speckig, auf denen man die Tabletts schieben kann, billigstes Mobiliar, speckig, keinerlei Ambiente und deutsche Küche übelster Machart: Bockwurst, Gulasch, Jägerschnitzel und alle weiteren üblichen Grausamkeiten aller Regionalbahnhof-Ranzbuden dieses Landes.


Der Raum atmet immer noch Politbüro. Ganz klar. Ohne Frage. Die hässliche Fratze des Realsozialismus erhebt hier immer noch ihr untotes Haupt. Das Personal ist irgendwie grau, wortlos muffelig und reagiert nur stoisch bis phlegmatisch auf Ansprache jeder Art. Jede Zelle meines Körpers fühlt sich unwillkommen. Bis in die Haarspitzen. Die Abneigung ist fast greifbar.

Currywurst, Pommes und Kartoffelpuffer mit Apfelmus erscheinen mir bei der finsteren Auswahl das geringste aller Übel.

Falsch gedacht.

Ich habe schon viel Unsinn gegessen, aber das Zeug vom Brockenwirt toppt alles:

Die (ungeschnittene) Currywurst hat aufgrund einer offenbar langen Liegezeit eine bizarre bräunlich-lederartige Epidermis gebildet, die sich vom Fleischbrät im Inneren abhebt und im dadurch entstehenden Zwischenraum teilweise Fäden zieht. Die Lederhaut lässt sich mit den stumpfen Messern nur ungenügend schneiden, der Schrumpf-Brät flutscht dadurch gerne mal vom Teller, wobei er nur unzureichend von der irrwitzigen Unmenge Ketchup gebremst wird und diesen im Raum verteilt.

Der Ketchup ist mit Zumutung noch viel zu sanft umschrieben und schmeckt so irritierend säuerlich, dass ich mir eine Zeitlang Essig als gutgemeinte Beigabe eingeredet habe.

Curry ist mir leider nicht über den Weg gelaufen.

Die Pommes lagen schon, als ich zehn Minuten vor der gruseligen Theke hin und her überlegt habe, ob ich mir das hier tatsächlich antun soll, in einer Wanne bereit und ich realisierte nur Sekunden nach der Bestellung, dass dies mitnichten die Fritten für die Entsorgung sind, sondern meine, jene, die seit langem nur auf mich warten. Sie waren wie erwartet kalt und hart. Natürlich waren sie das.

Und ich hab den Scheiß gefressen. Komplett. Bis auf den sauren Ketchup.


Und weil das noch nicht reicht, lassen sich die Kartoffelpuffer zuletzt in Optik und Geschmack höchstens noch mit Astronautenkost vergleichen, wobei das Zeug selbst ein skorbutbefallener Astronaut auf dem Mond kurz vor dem Verhungern abgelehnt hätte. Sie entstammen hier ganz klar dem Tiefkühler (ich hab letztens bei Lidl einen 20er-Pack für 1,79 Euro gesehen) und ihr fehlender Eigengeschmack kann auch vom billigsten aller Apfelmuse nicht gerettet werden. Furchtbar.

Die Currywurst und die Pommes schlugen mit 6,10 Euro zu Buche. Ohne Getränk.

Hardcore - hier auf dem Hügel, aber sicher, im Privatmonopol kann man es ja machen und die im Schnitt deutlich betagte Besucherschaft kann sich solche Mondpreise nicht nur offenbar problemlos leisten, sondern kennt solche Nährmittel auch noch vom Russlandfeldzug, die schockt nichts mehr.

Ja, hier auf dem Brocken zeigt sich die deutsche Geschmacklosigkeit von ihrer hässlichsten Seite. Ich könnte mir Gummi-Bockwürste rechts und links um die Ohren hauen, dass ich nichts zu Essen mit an diesen grauenhaft ungastlichen Ort in der Harzer Höhe genommen habe.

Im Vergleich zu Frankreich zeigt sich übrigens die Kultur- und Niveaulosigkeit der dumpfdeutschen Gastronomiewelt in der unmittelbaren Umgebung von Sehenswürdigkeiten am deutlichsten: Der französische Fremdenverkehrsverband würde einen Sternekoch dazu bewegen, an einem solchen Ort Speisen anzubieten, die das Renommee des Ortes heben und seinen Ruhm in die ganze Welt ausstrahlen lassen würden. Wie zum Beispiel auf dem Eiffelturm, auf dem das Sterne-Restaurant "Jules Vernes" den Gourmet empfängt. Stünde der Eiffelturm in Deutschland, würde man dort oben Bockwurst mit Senf servieren. Und vielleicht noch Jägerschnitzel mit Pommes.

Aber nur auf Vorbestellung.

Wenn es nicht gerade aus ist.

Und der Koch an die Tütensoße gedacht hat.

Und an die Dosenpilze.

Und draußen nur Kännchen.

Montag, 22. April 2013

Harz: Brocken


Urlaub. Harz. Ich will auf den Brocken. Zunächst drücke ich am Bahnhof Schierke für den Parkplatz 5 Euro ab, dann muss ich pullern und zahle dafür 1 Euro, bevor ich für 32 Euro ein (!) Ticket mit der Bimmelbahn auf den kümmerlichen Hügel (knapp über 1100 Meter über Normalnull) löse. Ich bin noch nicht einmal da und fühle mich schon ausgenommen und ausgelutscht.

Am Bahnhof hingegen herrscht Nahkampf. Der Zug ist voll, keine Karten mehr. Und sofort zeigt der Dumpfdeutsche seine hässliche Fratze, wie immer, wenn es mal nicht so rund läuft:

"Kann ich nicht doch noch eine Karte haben? Ich bin nämlich gehbehindert."

"Ich zahl das doppelte, geben Sie mir eine Karte!"

"Eine Unverschämtheit! Frechheit! Gibt's doch gar nich!"

"Sauerei!"

"Das darf doch nicht wahr sein, das hätt's doch früher nicht gegeben!"

"Wie heißen Sie? Ich werd' mich beschwer'n!"


Und der Klassiker: "Geben Sie mir Ihren Vorgesetzten! Das wollen wir doch mal sehen!"

Freunde, der Zug ist voll. Es gibt eine Menge x an Platz und eine Menge y an Menschen. Wenn y > x dann klappt das eben nicht mehr mit dem Mitfahren. Is so. Mathematik für Dummies. Da hilft auch pöbeln nicht. Oder wollt ihr euch wie in Indien auf das Zugdach setzen?

Mich macht es traurig, immer wieder festzustellen: Unter Druck ist der Deutsche überhaupt mal gar nicht locker, sondern hackt lieber auf armen kleinen und wahrscheinlich unterbezahlten Fahrkartenverkäuferinnen herum, die sowas von gar nichts für den Besucheransturm aus allen Altersheimen dieser Republik können.

Da tat sie mir leid, die Verkäuferin, die mir noch so freundlich meine Karte verkauft hat - begeifert, beseiert und beschrien von den versammelten Hysterikern in ihren ganz späten Jahren, die aus allen Poren ausschwitzen, dass ihnen die Zeit davonläuft.

Ja, Geisterbahn allerorten: Auf dem Brocken treffen sich offenbar alle diejenigen Abonnenten der Apotheken-Umschau, die ihr Mindesthaltbarkeitsdatum schon stark überschritten haben, aber sich und ihrem bedauernswerten Umfeld noch ein letztes Mal beweisen wollen, dass sie ihn noch hoch bekommen, den schlappen Sack von Körper auf den Hügel - manche tatsächlich noch zu Fuß, der Rest, der es nicht mehr bringt, im Zug.


Und so gibt Opa Kowalke lautstark an wie Göring, weil er die lächerlichen 6 Kilometer mit Minimalsteigung immer noch ohne Treppenlift und Defibrillator schafft.

Hinter ihm marschieren der Landfrauenverein Sächsische Schweiz und der Kegelklub Bad Osterode in ihrer ganz eigenen Vereinsmeier-Karikatur tatsächlich in Uniform den Berg hinauf. Links Zwo Drei Vier. Tschingderassabum.

Und zu allem Überfluss akustikverseucht irgendein Sangesverein, dessen jüngstes Mitglied wahrscheinlich seinerzeit 1939 zur Feier des Einmarsches in Polen beigetreten ist, den Wald. Im Frühtau. Zu Berge. Und so weiter. Bumsfallera.

Der Rest sitzt im Zug herum, beschwert sich über alles und jeden, gibt Nichtigkeiten über die stinkende Dampflok und die allgemeine politische Lage zum Besten, wenn er nicht gerade die lange Liste seiner Krankheiten aufzählt. Halleluja. Für jeden Unbeteiligten eine eigene Vorhölle.


Sowieso scheinen hier nur zwei Volksstämme anwesend zu sein und zwar ausgerechnet die mit den schrägsten Mundarten im deutschen Sprachraum: Sachsen und Holländer. Die einen sind froh, dass sie nach 44 Jahren Russenbesatzung endlich mal auf diesen blöden Hügel dürfen und die anderen halten den Brocken zusammen mit Reichsparteitagsgelände und Reeperbahn für ein deutsches Wahrzeichen und suchen verzweifelt nach einer Sehenswürdigkeit, die man knipsen kann. Es gibt aber nur eine ... was ist das? ... Abhörstation?


Kostenfrei sind auf dem Brocken im Übrigen nur die vielen Insekten mit seltsam mutierter Optik, irgendwie eine Mischung aus Wespen, Fliegen und Schnaken, die zwar nicht stechen, aber wie der Rüde auf die läufige Hündin auf Menschen abfahren. Gruselige Viecher. Ein kleines bisschen Horrorshow zur Geisterbahn - wahrscheinlich ein Überbleibsel der Experimente der Roten Armee an diesem Ort.

Alles andere außer den freifliegenden Killerkommunistenschnaken kostet Geld und das nicht zu knapp, inklusive der fürchterliche Fraß vom Brockenwirt, der hier oben das Schlimmste aller Monopole betreibt.

Ich wollte den Hügel mal sehen.

Um ihn mal gesehen zu haben.

Jetzt habe ich ihn gesehen.

Und die Geisterbahn mit den Schreckgestalten, die sie bevölkern, gleich mit. Es ist Endstation. Die letzte Reise. Nach dem Abstieg: Sack zu. Deckel drauf. Fideralala.

Ich mache es auch nicht mehr lange. Zumindest nicht hier oben. Weg hier.


Lass mal netzwerken - Ausgesuchte Links vom 22.04.13


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Nachtwächter-Blah: Netzpolitik bettelt hirnlos
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Sonntag, 21. April 2013

Fischschuppen



In Friedrichshain an der Boxhagener kann man jetzt auch Fisch kaufen.

Diese Nachricht wäre nicht ganz so spektakulär, wenn man dort nicht auch noch richtig gut essen könnte. Was man hier anbietet, beherrscht man:

Die Austern (auch wenn die schon lange nicht mehr zucken, wenn man sie mit der Zitrone duscht),

die Pasta (großartig abgeschmeckt, wenige aber intensive Soße trifft hervorragenden Fisch),

den dicken Thunfischburger (der sich vor seiner fleischigen Konkurrenz weder vom Geschmack noch vom Handling her verstecken muss),

die Pommes (dick, aber gut und auf dem Tisch steht der Malzessig zum Duschen),

das Fischbrötchen (viel zu häufig schnell/schlecht/billig/scheiße zusammengemanscht - hier endlich mal nicht),

und zuletzt Fisch & Chips (erfreulich gut gebacken in erfreulich gutem Fett mit erfreulich gutem Teig - sekundiert von erfreulich guten Soßen und Ketchup, der tatsächlich mal schmeckt; und das ganze Machwerk wird zuletzt sauber mit weißem Papier abgetrennt auf einem Blatt Berliner Kurier serviert, womit diese unsägliche Idiotenzeitung für die sedierten Bescheuerten und Bekloppten dieser Stadt die beste aller möglichen Verwendungen gefunden hat: Als Unterlage für Fisch).

Toll.

Der Service ist rustikal und nur dann entnervend lahm, wenn der Chef nicht im Laden ist. Ist der Chef da, läuft die Sache rund, schnell und gut. Ist er nicht da, kann es dauern, dauern und wieder dauern - auch wenn man ganz alleine im Lokal sitzt. Ist wie bei mir auf Arbeit: Chef weg - Party on. Chef da - Maloche und Life sucks.

Dennoch, das hat gefehlt, hier am letzten Ausläufer der Boxhagener mit seiner giftigen Mischung aus treptower Billigranz und pseudohippem überteuerten Mitte-Fake-Touri-Schnöseltum. Wenn man jetzt noch am Service schraubt, ein wenig schneller, ein wenig motivierter wird, dann kann es eine Goldgrube werden.

Schön, wenn man sich einig ist: Die Berliner Fresse war auch schon da.

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Fischschuppen
Boxhagener Str. 68
10245 Berlin


Abspann


"There is no such thing as society" - Margaret Thatcher, 1988
"There is no such thing as Margaret Thatcher" - Society, 2013

via Die roten Schuhe

Samstag, 20. April 2013

20. April


Wenn du tot bist, dann weißt du nicht, dass du tot bist. Es ist nur schwer für die anderen. Genau so ist es, wenn du blöd bist. 

Freitag, 19. April 2013

Zipfelmützenproblem


Es spricht aus Facebook:

Prenzlauer Berg hat wieder ein Riesenproblem und die Lokalpresse berichtet exklusiv: Handbesungenes Hipster-Eis von Hokey Pokey ist so erfolgreich, dass man den Preis pro Kugel bedauerlicherweise (wir sind untröstlich, von Pfeilen durchbohrt und Kugeln durchsiebt) auf 1,60 setzen musste, um die mäandernden Müttermassen weg vom Bürgersteig zu kriegen, bevor die ersten Kläger, vor denen man hier mittlerweile mehr Angst hat als vor vergrabenen Fliegerbomben, zur Rechtschutzversicherung greifen und das tun, was sie hier inzwischen so gerne tun: Friedhofsruhe herbeiklagen.

Hurra, er macht sich endlich wieder lächerlich, der ehemalige Rebellenbezirk. Mit einem Shitstorm auf Facebook wegen Eistüten: Papas und Mamas proben den Aufstand, weil ihr Eis jetzt teurer wird. Und das nur, weil immer so viele davon im Pulk mit Eis in der Hand auf dem Bürgersteig herumstehen, was andere Papas und Mamas und natürlich die Zipfelmützen im Eigenheim auf den Plan ruft, die nun ihrerseits klagen und drohen.

Die Stargarder Straße: Ein um sich selbst drehendes Jammertal im kollektiven Elend. Wegen Eis.

Lachen könnte man, sollte man, müsste man ob der kiezweiten Hysterie, weil die SUV-Doppelkinderwägen im zähfließenden Gehwegverkehr steckenbleiben und dem Eigenheimyuppie mal wieder die Stadt zu laut ist, in die er gezogen ist.

Doch der Betreiber ist von allen der größte Held. Er macht erst mal vor lauter Schiß zu, weil er vorauseilend ein Ordnungsamt fürchtet, das von der ganzen Sache noch gar nichts mitbekommen hat, weil es nicht nur die eigene Parkraumbewirtschaftung, sondern grundsätzlich alle gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen dieses Bezirks verschnarcht.
Und dann macht er plötzlich wieder auf - und zwar mit Mondpreisen, damit nicht mehr so viele Leute Eis kaufen wie vorher. Angst. Angst. Angst vor der eigenen Courage.

Gedroht hat man ihnen. Ja. Mit Strafanzeigen. Ja doch. Und zivilrechtlichen Entschädigungen. Hier im Zipfelmützenbezirk, dem Goldgräberparadies der Anwälte mit Spezialisierung auf Zivilrecht. Natürlich hat man das. Hier wird ständig gedroht und prozessiert. Alle Nase lang. Wegen jedem Scheiß. Es ist Prenzlauer Berg. Ein Dorf. Nur ohne Gartenzäune. Dafür mit jeder Menge Gartenzwergen.

Und mir bleibt nur noch vor Lachen die Ketwurst im Hals stecken. Wir haben hier wirklich keine Probleme mehr. Die Penner sind weg, den Hartz IV-Pöbel haben wir nach Hohenschönhausen gentrifiziert, potenzielle jugendliche Randalierer steckt man prophylaktisch in Waldorfschulen, im Mauerpark herrscht bald Tanzverbot, statt Wurst gibt es Tofu, statt Schokolade Kresse und statt Whisky Smoothies. Hier ist der Mehltau. Ein Knautschkissen als Lebensraum.

Und dort macht jetzt Hokey Pokey das Eis teurer. Was für eine Meldung. In der Hasenheide wird einer abgestochen, Bushido verkauft seine Seele an eine Großfamilie und in den weddinger U-Bahnhöfen werden die Kokspäckchen inzwischen von 12-jährigen vertickt. Und was passiert in Prenzlauer Berg? Das Hokey Pokey macht das Eis teurer. Da brat mir doch einer einen Sojakeimling. Skandal. Skandal. Die Mütter sind empört und der obligatorische Facebook-Shitstorm ist auch schon da. Fehlt eigentlich nur noch ein Hashtag. Ich schlage #Zipfelmütze vor.

Rammstein in Prag



Diese komische Telefonfirma mit dem selten blöden Namen hat nicht nur in Berlin ein Multifunktionsdildoanalplug in den Sand erbrochen, sondern auch in Prag. O2-Arena heißt sie hier.

Und die sieht fast genauso aus wie das Berliner Pendant, die O2-World.

Innen wie außen.

Geleckt. Neu. Anonym. Seelenlos.

Aber groß.

Wo ist der Unterschied zu Berlin?

Einen gibt es, außer der Sprache und der krisensicheren Währung, in der man den Eintritt zahlt:

Rammstein darf hier fast die ganze Halle abbrennen. Pyrotechnik at its best, heiß, derb, gefährlich - in Deutschland aufgrund der vielen Bedenkenträger der vielen zuständigen Ämter gar nicht denkbar - in Prag egal. Interessiert keine Sau. Wenn man noch 80 Meter von der Bühne entfernt den heißen Druck des Flammenwerfers spürt, weiß man: Hier wird noch auf gute Unterhaltung Wert gelegt.

Das schätzen auch die Tschechen. Es ist irgendwie skurril, wenn in Prag auf einer Bühne eine Peniskanone schwarz-rot-goldene Konfetti in die Luft schießt und die Tschechen "I can't get laid in Germany" mitgröhlen. Bizarr. Aber es ist Rammstein. Kunst. Große Kunst. Das wissen nur viele der Störkraft-Fressen nicht, die in Deutschlands Osten immer die Rammstein-Konzerte verseuchen, deren Musik ernsthaft für deutschnational halten und mit ihren kaiserreichfarbenen Hosenträgern stolz sind wie Bolle auf den Exportschlager, nach dem die Welt headbangt. Holla. Sie sind wieder wer. Fehlt nur noch die Pickelhaube zum Stechschritt.

Und weil das an heiligem Ernst nicht reicht, verteilt die Antifa-Frauengruppe der Alice-Salomon-Hochschule vor der Halle empörte Flugblätter, um die Konzertgänger für die reine Lehre zu missionieren.

Deutschland. So ist es hier. Heilig ernst. Und den Stock immer tief im Darm.

Aber auch das sonst permanent augenzwinkernde Feuilleton versteht nichts, wenn es Rammstein immer im Wechsel von gespielter Empörung und Nicht-Ernstnehmen-Wollen zwischen Plattenbau, KitKat-Club und Reichskanzlei verortet und die Texte so bierernst nimmt wie wohl das Leben generell. Und so schreiben sie lange verschwurbelte Texte auf tote Bäume, an deren Ende keiner versteht, was denn nun genau das Problem sein soll. Aber Hauptsache etwas geschrieben. Wer schreibt, der bleibt. In den Holzmedien. Bis sie endlich untergehen.

Die Welt außerhalb dieses oft so verbohrten, verpeilten und vernagelten Landes, das noch die nächsten 100 Jahre nicht mit sich ins Reine kommen wird, versteht das alles entweder besser oder interessiert sich erst gar nicht für die ach so deutsche Nabelschau - in den ausverkauften Hallen von USA über Osteuropa bis Japan. Sie haben eine so schöne natürliche Freude an dem, was da performt wird, ohne das auf der Bühne Gebotene in religiösem Eifer niederzubrüllen, totzuanalysieren oder gleich wieder vor lauter Nationalstolz in andere Länder einmarschieren zu wollen. Rammstein. Kunst. Konsum. Konsumkunst. Sie sind schlicht gut.

Rammstein im Ausland: Jederzeit. In Deutschland: Eher nicht.









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Der Text ist aus 2009, zuerst nur für mich geschrieben, dann 2011 auf Qype veröffentlicht und jetzt hier. Ich mag ihn einfach. Nostalgie. Dieses Wochenende in Prag war Abschied und Aufbruch zugleich, Abschied von einer Jugend mit langer Nachbrennzeit und überfälliger Aufbruch in die Verantwortung. 

Herzlichst


In einem Anfall von bodenloser Eitelkeit habe ich Google Analytics gefragt, wieviele Unique Visitors dieses Blog hat und in einem Anfall von grenzenloser Eitelkeit schreibe ich das jetzt hier hin:

Es sind über 100 am Tag, davon etwa 60% wiederkehrend. Das sind dann doch ein paar mehr als die 3,5 besoffenen Kumpels, die ich erwartet habe.

Danke.

<3




Donnerstag, 18. April 2013

Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Honk (12)


Ich nenne ihn nur noch den Morgenhonk. Den Zeitungsverkäufer am S-Bahnhof Schönhauser am unteren Ende der Treppe. Jeden Morgen irgendwann zwischen 5 und 8: Ich. Treppe runter. Verpennt. Schlurf. Schlurf. Schnarch. Schnarrt die Sirene: "Morgääääään!" What the fuck - wen meint der? Ich sehe mich um, niemand sonst da, der meint wirklich mich, das gibt's doch nicht. "Morgääääään!". Jetzt glotzt er. Was will er nur? Bestimmt nur ein Einzelfall. Patient auf Freigang oder so. Schnell weg.

Neuer Morgen, gleicher Honk. Nur lauter.

"Morgääääääääään!"

Er will es wissen.

Alter, das ist Berlin, hier grüßt man keine anderen Leute, schon gar keine Fremden, ich kenn dich nicht, du bist mir egal, du kannst drei Wochen tot in der Wohnung liegen und die Nachbarn merken es erst, wenn du stinkst. Dann kommt die Feuerwehr, packt den Rest von dir in eine Mülltüte und die Putzkolonne desinfiziert die Bude für den Nachmieter. Das war's. Das ist Berlin. Man ist anonym. So ist das hier. Und das ist gut. Niemand kennt mich, niemand interessiert sich einen Fick für mich, ich kann morgen tot umfallen und keinen juckt's. Take it or leave it. Ich kenn dich nicht, ich will dich nicht kennen, ich will dich nicht grüßen. Nichts wie weg hier.

Doch sein Kampf geht weiter.

"Morgäääääää-häään!"

Fall tot um, Buddy, du wirst keine Zeitung zusätzlich verkaufen mit deinem penetranten "Morgääääään!", das mich aus meinem Morgenschlaf reißt, während mein dämmernder Sack von Körper mit Autopilot Richtung S-Bahn steuert. Du wirst maximal erreichen, dass die Leute einen anderen Zugang zum S-Bahnhof nehmen, um dir aus dem Weg zu gehen, weil du ein Freak bist und ihnen Angst machst, indem du das Gebot der Anonymität ignorierst. Berlin. Großstadt. Metropole. Ich kenne nicht mal meine Nachbarn. Nur den Müllzettelnazi, weil der Idiot seine Kackzettel immer mit Namen unterschreibt:

"Liebe Nachbar*Innen! Es hat schon wieder jemand CD-Rohlinge in die Biotonne geworfen, die gehören aber in die Wertstofftonne. Um Beachtung wird gebeten! Der Umwelt zuliebe! Die Hausverwaltung ist informiert. Mit nachbarschaftlichen Grüßen. Häberle."

Morgenhonk, du verstrahlter, der du da stehst und dich offensichtlich so sehr langweilst, dass du Passanten auf den Sack gehen musst, die noch gar nicht richtig wach sind: Ich kenne niemanden und will niemanden kennen, dich am allerwenigsten. Geh nach Brandenburg. In irgendein Dorf. Dort kannst du dich auf einen Acker stellen und "Morgääääään!" brüllen, so oft du willst, dann freuen sich wenigstens die Bauern, weil du die Krähen verjagst.

Bis dahin: Freakhonk. Morgenhonk. Herzlichen Glückwunsch.