Freitag, 31. Mai 2013

Kita-Casting oder Die entnervende Suche nach einem Zwischenlager


Schön, dass das Thema endlich in den Holzmedien von Berliner Kurier bis Tagesspiegel angekommen ist: Kita-Casting - die entnervende Suche nach einem Platz für den Zwerg.

Seit Jahren überschlagen sich die Medien mit Erklärungen, warum keiner mehr Kinder haben will und die Geburtenrate dieses Landes mit zu den niedrigsten in Europa zählt.

Und was haben sie nicht schon alles für Erklärungsansätze aus ihrem journalistischen Elfenbeinturm aufgeboten: Die einen haben den Feminismus als Ursache ausgemacht, andere das traurige Lohnniveau und wieder andere bezichtigen die nachwachsende Generation ganz einfach des Egoismus.

Vielleicht liegt es aber auch an der Bürokratie und der fürchterlichen Umständlichkeit, überhaupt eine Betreuung für den noch zu zeugenden Zwerg zu finden.

Man trifft ja in Berlin schon während der Schwangerschaft auf eine Wand der Ablehnung. "Kitaplatz? Hier nicht. Wir sind bis 2015 voll." "Nix. Hier nur Geschwisterkinder." "Vor 2016 wird das nichts." "Kommen Sie in zwei Jahren wieder."

Und so rennt man von einem Casting zum nächsten, sitzt mit anderen Eltern wie ein Schulschwänzer beim Direktor und muss erläutern, warum man ausgerechnet in diese Kita will. In der Verzweiflung trägt man sich auf 30 Wartelisten parallel ein, von denen man später 29 wieder absagen muss, wenn sich tatsächlich eine Kita am Stadtrand irgendwo kurz vor Brandenburg erbarmt. Wie das eben alle machen, die hier mit Charme und Ellenbogen um die geneigte Aufmerksamkeit der diversen Kitaleiterinnen buhlen. 

Sinn und Verstand sind in diesem ganzen Schauspiel leider ausverkauft, es regieren Willkür und Wahnsinn.

Denn das Kita-Personal weiß um seine Macht, tritt oft entsprechend borniert auf und degradiert gerne mal fragende Eltern zu Bittstellern oder bürstet sie schon am Eingang wie schmierige Staubsaugervertreter ab. 
Andere nutzen die Gelegenheit und verpflichten Interessenten zur künftigen Aufsicht über Kindergruppen, zu Heimwerkerarbeiten oder gar zum Putzen - gerne auch den angeschlossenen Second Hand Laden, wenn man schon dabei ist.

Und wenn man sich nicht immer mal wieder bei den 30 Kitas meldet, fällt man in Gunst und Wartelistenreihenfolge im direkten Vergleich zur elterlichen Konkurrenz, die einmal monatlich Klinken putzt, schnell hinten runter. Also vergeudet man die knappe Freizeit mit ständigem Hallosagen und sich immer wieder ins Gespräch bringen - stets in der verzweifelten Hoffnung, dass irgendwann doch noch ein Platz zum Stichtag abfällt, an dem der Chef einen wieder am Arbeitsplatz antreffen will.

Wer übrigens auf die Frage "Dieses Wochenende haben wir Sommerfest. Wollen Sie nicht beim Aufbau mithelfen, um uns schon mal kennenzulernen?" mit der Gegenfrage nach dem Sinn kontert, wo das eigene Kind doch noch nicht einmal geboren ist, katapultiert sich selbst aus dem kompletten Verfahren und der eigene Antrag wird nie wieder die Sonne sehen. So ein Pech.

Wer hingegen Pluspunkte sammeln will, der heuchelt entweder Interesse oder unterschreibt gleich an Ort und Stelle für die zahlreichen kostenpflichtigen Zusatzangebote wie Polkatanzen, Fassadenklettern oder die Fremdsprachenausbildung Mandarin in Kombination mit Pidgin-Englisch und Urdu. Frühförderung, Sie verstehen?

Das Jugendamt ist in diesem Käfig voller Narren mitnichten eine Hilfe, sondern als weiterer Mühlstein um den Hals junger Eltern eine zusätzliche Belastung. Der Kita-Antrag ist auch für des Deutschen Mächtige nur schwer zu durchschauen und die Offenlegung der Einkünfte schlägt in ihrer ganzen bürokratischen Wurstigkeit meine Steuererklärung hinsichtlich der Gesamtzahl meiner Wutausbrüche um Längen. 
Die legendären Wartezeiten auf dem Amtsflur des Bezirksamts mit einer Unzahl quengelnder Kinder, die noch genervter sind als ich, setzen dem ganzen behördlichen Trauerspiel die hässliche Krone auf.

Für diesen ganzen Popanz gibt es nach monatelanger Wartezeit einen Gutschein, der drei Monate gültig ist und innerhalb dessen man eine Kita überzeugen muss, das wie sauer Bier feilgebotene Kind auch tatsächlich zu nehmen.

Jeder der vielen möglichen Fehler in diesem ganzen feindlichen Bürokratenwahnsinn wirkt sich negativ auf die Bearbeitungsdauer des Bescheides aus und man lässt die Eltern in diesem ganzen kafkaesken Irrsinn völlig alleine und dumm vor sich hinsterben.

Prima, Deutschland, du bist wieder ganz du selbst, aber was wundere ich mich eigentlich: In Norwegen erhalten Familien kurz nach der Geburt ein Begrüßungspaket mit ein paar warmen Worten eines Repräsentanten des Staates, Gutscheinen, Hilfestellungen und Ansprechpartnern. In Deutschland bekommt das Kind kurz nach der Geburt als allererstes einen verquasten Bescheid vom Finanzamt mit der Steuernummer. Und dann kommt lange nichts mehr. Es ist eine logische Linie von Kaiser Wilhelm bis heute. Die Obrigkeit registriert den neuen Steuerbürger. Mehr muss nicht.

Wer das alles vorher weiß, überlegt sich das mit dem Kind zweimal.

Donnerstag, 30. Mai 2013

La Bamba-Dudler vs. Kinderwagen-Papa 0:1


Berlin-Mitte. U-Bahn. Wie immer steigt alle paar Stationen eine rumänische Dudelkombo zu und dudelt. Heute mit Trompete. Und einer Zimbel. Und einer quält ein Banjo. Sie spielen La Cucaracha. Und danach vergewaltigen sie La Bamba. U-Bahn ohne Musik aus dem Player im Ohr ist Folter. Man sollte das der UN melden.

Ich ahne schon, was kommen wird, weil es fast immer kommt: Ich bin der Auserwählte, denn ich habe mein Kind dabei. Und mein Kind liebt Musik. Egal welche. Auch La Bamba mit Trompete und Zimbel. Es ist ein Kind.

Der La Bamba-Dudler hat mich schon beim Reinkommen fixiert. Er weiß es und ich weiß es. Eltern mit Kindern. Die leichtesten Opfer der Welt. Mein Kind strahlt den La Bamba-Dudler an, der La Bamba-Dudler rückt vor und spielt mein Kind an, pure Freude beim Kind, pure Freude beim La Bamba-Dudler, das Kind lacht und klatscht in die Hände, das Banjo fliegt durch die Luft, der La Bamba-Dudler lacht mit und wippt den feisten Körper hin und her. Er kann nur nicht klatschen, sonst würde er es zweifellos tun.

Kind - La Bamba-Dudler - Kind - La Bamba-Dudler. In perfekter Symbiose. Einer glücklicher als der andere.

Tusch. Dann ist aus.

Jetzt will er Geld.

Scheppert mit seiner Kaffeetasse vor meinem Gesicht herum. Die Welt hält den Atem an. Augen brennen auf mir. Kein Wort fällt. Hinter mir atmet hörbar einer aus.

Tick.

Tack.

Die Gedankenfetzen der anderen wabern durch die verbrauchte Luft: Was macht der Papa? Wird er abkacken? Weich werden? Umfallen? Abdrücken?

Tick.

Tack.

Was der La Bamba-Dudler nicht weiß: Ich kann durch Menschen hindurchschauen. Ausdruckslos. Teilnahmslos. Geistlos. Harmlos. Alte Berlin-Übung, ohne die man in dieser Stadt mit vollen Segeln untergeht. 

Und ich habe diese Fähigkeit perfektioniert, denn ich kann die Realität nicht nur ausblenden, sondern mit Dingen ersetzen, die gar nicht da sind: Strand. Cocktail. Seeed auf einer Bühne. Titten in Bikinis. Schwänze in String-Tangas. Eingeölte tanzende Körper unter Palmen. Den La Bamba-Dudler gibt es gar nicht mehr, diesen Arsch, der denkt, er kriegt mich über mein Kind, der meint, er leiert mir die Kröten aus dem Sack, weil er ein kleines Kind um den Finger wickeln kann. 

Geh kacken, La Bamba-Mann, zieh dich wärmer an, das funktioniert bei Touristen, Zugezogenen und anderen armen Irren, die es nicht besser wissen und dich für nichts weniger als den guten Menschen von Sezuan halten, der nur die Welt ein wenig besser machen will, aber nicht bei mir. Ich bin ägyptengestählt. Kreuzfahrtimmun. Strandpromenadenresistent. Nix glop. Du nicht. Heute nicht. Morgen nicht. Musst du dem Paten eben heute abend bei der Abrechnung erklären, dass die Kindernummer heute leider nicht funktioniert hat. Zumindest einmal nicht.

Aber im nächsten Wagen steht wieder einer, bei dem die Masche zieht. Versprochen.

Lass mal netzwerken - Links vom 30.05.13


Der Spiegelfechter: Ein nicht verstandenes Geschäftsmodell
Schön gekontert und doch nicht verstanden worden.

Das Nuf Advanced: Trotzyoga
Yup. Genau so.

metasierchen: Finale mit Nüsschen
Ein unaufgeregter Rückblick auf ein aufregendes Jahrhundertfinale

Mittwoch, 29. Mai 2013

Die verfluchte Tram M4



Die Hölle hat einen Ort auf Erden, an dem sie Hof hält: Die völlig überforderte Tramlinie M4 die Greifswalder Straße entlang.

Allerdings nur zu bestimmten Zeiten: Morgens zwischen 6.30 bis 8.30 Uhr und nachmittags von 15:00 bis 17.30 Uhr. Berufsverkehr. Stoßzeit. Das deckt sich passend wie Locher auf Aktendulli mit den Arbeitszeiten des Bezirksamts Pankow, ebenfalls eine Ausgeburt der Hölle, die auf dieser Welt ist, den Menschen dieses Bezirks das Leben möglichst noch schwerer zu machen.

Voll. Voll. Voll. Die Tram. So wie die Wartezimmer des Bezirksamts. Oder die bezirksamtseigene Terminwarteliste im Internet. Und oft kommt man nicht rein.

Mensch, BVG, baut doch eine U-Bahn, das bringt doch alles nix mehr. Da kommen die Straßenbahnen schon im Zwei-Minuten-Takt und sind trotzdem so rappelvoll, dass man sich entweder in der Achsel eines Mitfahrers wiederfindet oder irgendwelche semiattraktiven Menschen um Verzeihung bitten muss, weil man sich ohne es zu wollen an ihrem Hintern reibt.

Völlig verloren haben vor allem Gehbehinderte und Kinderwagenschieber, sie sind ohne Chance, weil zum einen fast ausschließlich die uralten Tatra-Gelenkwagen - vor Äonen noch von den tschechoslowakischen Genossen für die sozialistischen Brüder der DDR in mühevoller Handarbeit zusammengeschweißt - hier fahren, bei denen man steile Treppen überwinden muss, und zum anderen, weil man auch ohne Treppen gar nicht erst reinkommen würde, weil die Kiste bis Innenkante Wagentür komplett voll ist.

Man fühlt sich fast schon so zusammengequetscht wie bei der S-Bahn, aber von denen erwartet ja auch keiner mehr irgendetwas anderes als völlige Überforderung - im Gegensatz zur BVG, die - selten für Berlin - sogar noch einen Ruf zu verlieren hat.

Ja, sorry, BVG, ich versteh euch nicht. Da baut ihr eine nagelneue irrwitzig teure U-Bahnlinie durch das Regierungsviertel, wo vor lauter Dienstwagen eh keiner U-Bahn fährt, anstatt die Gelder dort zu versenken, wo sie gebraucht werden. Und gebraucht werden würden sie für eine U-Bahn die gesamte Greifswalder Straße hinauf bis nach Weißensee - ein dichtbesiedelter Ortsteil, der irrationalerweise noch nie in seinem Leben eine U-Bahn von außen gesehen hat, aber einen für Berlin enorm hohen Anteil an Menschen vorweisen kann, die ohne (Dienst-)Wagen zu geregelten Zeiten zur Arbeit fahren (müssen) - wie man jeden Morgen und jeden Nachmittag auf dieser Linie sieht. Verstehe das, wer will.

Aber wahrscheinlich ist das der gleiche Beweggrund, warum die sinnlose Stadtautobahn mitten durch eine Neuköllner Laubenpieperkolonie und quer durch Treptower Altbauten weitergebaut wird, wo sie ihren obligatorischen Stau nur ein paar Meter Richtung Osten verlagert, oder die erweiterte U-Bahnlinie 5 am Hauptbahnhof endet und nicht weiter bis Turmstraße oder Jungfernheide gebaut wird, wo andere U-Bahnlinien zum Umsteigen verkehren würden und wo viele potenzielle Fahrgäste wohnen.

Es die alte Berliner Leier: Erst wenn etwas möglichst wenig Sinn ergibt, dann besteht in Berlin eine reelle Chance auf Umsetzung. Ergibt etwas Sinn und würde es den Menschen das Leben etwas leichter machen, wird es bestimmt nicht realisiert.

Die sprichwörtliche Unfähigkeit Berlins in Sachen Stadtplanung ist so auch hier in der Greifswalder Straße wie immer Legion und eine Konstante, die noch meine Urenkel in den Wahnsinn treiben wird. Da halte ich jede Wette.


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Und wieder ein alter Text aus der Qype-Gruft. Da die M4 immer noch so scheiße überfüllt ist wie 2011, als ich mich das erste mal darüber aufgeregt habe, ist er auch weiterhin brandaktuell und wird es wohl noch die nächsten 50 Jahre bleiben.

Lass mal netzwerken - Links vom 29.05.13


Fuck you, I'm human: Dinge, verändert
Tod.

ad sinistram: Ein langweiliges Opportunistenleben
Die bisher beste Rezension dieser furchtbar neuen Merkel-Biographie, die gerade über den Boulevard getrieben wird.

Wirre Welt Berlin: Wie sich Frauen rächen...
Zottelige Hausschuhe. Kochlöffel mit Chromegriff. Samtkissen mit Fransen.

Dienstag, 28. Mai 2013

Mutig Mutig Zuckerfee


Die Zuckerfee hat Mut. Denn man darf keine Kinderwagen mit rein nehmen. Verboten.

Keine Kinderwagen

Cochones, Alter. Und das mitten im biologisch angebauten Kinderspielparadies Prenzlauer Berg, der Muster-Mütter-Monokultur dieser Stadt.

Respekt, das zeugt von mächtig dicken Eiern. Oder Eierstöcken.

Ich für meinen Teil würde ja lieber ein Pornoheft zur Debattiergruppe eines feministischen Lesecafes mitbringen, mitten in Riad aus einer Bibel vorlesen oder in Usbekistan vor dem Präsidentenpalast öffentlich zum Sturz des Autokraten aufrufen. Das klingt ungefährlicher als in Prenzlauer Berg Kinderwagen zu untersagen.

Wenn aufgebrachte Fundamentalistenmütter das ketzerische Ding irgendwann mal in ihrem heiligen Krieg abfackeln werden, wenn sie diesen Affront bemerken, wird mir was fehlen, denn dort gibt es den besten Kuchen im Bezirk.

Sie hat ja Recht, die Zuckerfee, innen ist gar kein Platz für Kinderwagen, sieht jeder, der hier reinkommt, wobei Logik oder gar Physik in so einer emotional aufgeladenen Frage wie die von Kinderwagen in einem Cafe eh nie eine Rolle spielen, denn hierbei geht es wie stets ums Prinzip: Man beschränkt mich in meiner Entfaltung. Skandal. Hysterie.

Ich für meinen Teil parke den Kinderwagen vor der Tür, packe den Zwerg auf die Schultern und kaufe mir Kuchen, Pralinen, Kekse und Naschereien zum Mitnehmen - Zeug, das es allemal wert ist, es sich auf die wabbelnden Hüften, den hängenden Arsch oder vorne auf die Bierschürze zu knallen.

Vorne im Vordergrund steht eine Freundliche freundlich hinterm Tresen und hinten im Hintergrund wuseln Kerle, die aussehen wie Konditoren und immer in Eile sind, weil man in Prenzlauer Berg immer in Eile sein muss (sonst ist man nicht wichtig). Ansonsten ist der Laden auch ohne quer verkeilte Kinderwagen gerne mal voll.

Zuletzt ein Tipp für potenzielle Kunden und ein Optimierungshinweis für die Betreiber: Man sollte nur von dem Kuchen nehmen, von dem noch viel da ist, denn der ist frisch, lecker und so wie ein Kuchen sein muss. Nehmt niemals - niemals! - einzelne übriggebliebene Stücke, die da gerne in Gruppen mit anderen einzelnen übriggebliebenen Stücken anderer Kuchen rumliegen, denn die sind gerne mal nicht von heute. Das schmeckt man. Für den vollen Preis. Was schade ist.

Und sonst?

Nix sonst. Weiter so.

Pralinen

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Zuckerfee
Greifenhagener Str. 15
Prenzlauer Berg

Lass mal netzwerken - Links vom 28.05.13


kreuzberg süd-ostDer Lausi. Ein Berliner Diminutiv
Gentri in Kreuzberg I

Frau IndicaIn unserem Milieu
Gentri in Kreuzberg II

Brain. Fuck. Yourself.CSI:HH (2): Team Barmbeck
CSI in Hamburg

Montag, 27. Mai 2013

Die Sendung mit der Maus - Prenzlauer Berg Edition


Die Sendung mit der Maus vom 27. Mai 2013

Heute: Warum die Backfabrik in Prenzlauer Berg nicht funktioniert
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Das ist die Backfabrik.


Die Backfabrik backt Brötchen, die jemand, der die Brötchen essen will, gaaanz alleine aus diesen Klappfächern hier nehmen muss. Die Brötchen kommen aus dieser lustigen Fabrik auf einer Wiese in Brandenburg, werden mit dem Brummi nach Prenzlauer Berg gefahren und warten jetzt in ihrem Fach darauf, dass jemand sie kauft. Will aber keiner. Und warum, das erfahrt ihr jetzt:

Das ist die Ute. Die Ute ist eine Bio-Mama aus Mannheim.

Und das hier ist der Sören. Der Sören ist ein Bio-Papa aus Gießen.

Gemeinsam haben sie den Calvin-Sorey, ein Bio-Kind, und alle wohnen zusammen in Prenzlauer Berg.

Die Ute und der Sören möchten gaaaanz gesund essen und den Calvin-Sorey gaaanz gesund groß werden lassen. Deswegen geben sie gaaanz viel Geld aus und kaufen beim Bio-Fleischer und beim Bio-Supermarkt, haben einen Bio-Kinderwagen und lassen sich die Haare beim Bio-Friseur schneiden. Und ihr Brot - das kaufen sie beim Bio-Bäcker. Das machen sie, weil der so tut, als wäre ihm die Gesundheit von der Ute, dem Sören und dem Calvin-Sorey gaaanz doll wichtig. Das kostet zwar immer so viel, dass der Apotheker nebenan vor Neid so richtig grün anläuft, und wird gerne auch mal von gaaaanz weit weg aus dem schönen Bayern mit gaaaaanz vielen stinkenden Brummis hierher nach Prenzlauer Berg gefahren, um es noch teurer zu verkaufen, aber das macht nix, weil das ist gaaanz doll gesund und die Ute und der Sören werden 100 Jahre alt, wenn sie nicht vorher sterben.

Und das freut die Ute.

Und den Sören freut das auch.

Die Ute und der Sören haben aber auch ganz besondere Wünsche an ihren Bäcker. Sie möchten von dem Verkäufer wissen, wo das Brötchen herkommt, wer seine Eltern sind, wie viele Körnerchen so ein Brötchen hat, wie viele Sängerinnen daran mitgesungen und wie viele Ministranten es gestreichelt haben und sie möchten es von jemandem in altes Packpapier oder in den mitgebrachten Jutebeutel eingepackt bekommen.

Und für den Calvin-Sorey möchten die Ute und der Sören auch noch ein Leckerli umsonst bekommen - einen Weizenkeimkeks oder ein Leinsamenknusperchen. Auf die Patschehand.

Nur das alles gibt es bei der Backfabrik nicht, da müssen die Ute und der Sören alles selber machen. Und niemand redet mit ihnen, niemand schenkt dem Calvin-Sorey einen Weizenkeimkeks und keiner weiß, mit wie vielen Körnerchen das Brötchen auf die Welt gekommen ist oder wer es besungen und gestreichelt hat.

Und das mag die Ute nicht.

Und deshalb mag der Sören das auch nicht.

Und der Calvin-Sorey - der weiß gar nicht, ob er das mag oder nicht. Er darf ja gar nicht da rein.

Dabei ist die Backfabrik gaaanz doll billig. Ein paar Meter weiter, wo der böse arme Wedding anfängt, würden bestimmt gaaanz viele Menschen gaaanz viele Brötchen von der Backfabrik kaufen, weil die sonst am Monatsende immer in die Container vom Supermarkt klettern müssen. Dabei ist es da drin immer gaaaanz dreckig. Und stinkt. Bäh.

Sowas kennen die Ute und der Sören aber nicht. Sie mögen keine Container und auch keine billigen Brötchen. Da könnte nämlich der Nachbar, der böse Heinz-Otto, den die Ute und der Sören gar nicht leiden können, denken, dass die Ute und der Sören gar kein Geld haben und deshalb hier bei der Backfabrik kaufen müssen. Und dann erzählt der böse Heinz-Otto das allen anderen Nachbarn und dann lachen alle über die Ute und den Sören.

Und das will die Ute nicht.

Und der Sören will das auch nicht.

Und deshalb funktioniert die Backfabrik in Prenzlauer Berg nicht.

Be wasted


Der große Vorteil dieser Stadt:


Wir brauchen keine Mülldeponie. Wir sind eine.

Sonntag, 26. Mai 2013

Am Südkreuz


Boar is dat grau.


Hier hat offenbar der Finsterste aller Stadtplaner dieser architektonisch wundgescheuerten Stadt sein Unwesen getrieben, wahrscheinlich eine dieser weißgrauen Betonkopfmumien aus der Senatsbaudirektion. Ohne Vision. Ohne Geschmack. Ohne Stil. Ohne Sinn. Ohne Hirn. Oder ein Sadist aus dem Bahntower, der abends, wenn die Frau schon im Bett ist, im Hobbykeller lebenden Mäusen die Haut abzieht. Grau. Grau. Nur grau. Abgesehen vom Wurstbrater und vom Service Point in der Mitte. Alles grau. Wie kaputt kann man sein?

 
Und Big Brother ist immer dabei. Man könnte das alles hier für eine groß angelegte Persiflage auf die Einfallslosigkeit, Kälte und Stillosigkeit der modernen Architektur sehen, als völlig überzeichnetes Statement gegen die allgegenwärtige menschenfeindliche Beton-Glas-Optik, die dort, wo sie einen Ort heimsucht, jeglichen Aufenthaltswert auf Null runterfährt, zumindest an den Stellen, an denen es nichts zu kaufen gibt, wo man kein Geld verdienen kann.

Denn nur dort, wo man Geld verdient, muss es bunt und farbig sein, damit der Rubel rollt. Sonst bitte nirgendwo. Auf keinen Fall. Wo es nichts zu kaufen gibt, reicht Sichtbeton. Unverkleidet. Grau.

Allein das Schlimme ist: Die meinen das ernst, das ist keine Persiflage.

 
Sind das Zombies oder Fahrgäste? Ist das hier eine Lagerhalle in einem gottverlassenen Industriegebiet an der Grenze zu Weißrussland oder bin ich hier wirklich mitten in Berlin? Es ist dunkel. Glatt. Kalt. Eklig. Hier hat Hollywood wohl die Terminator-Szenen gedreht und zwar die, die in der Zukunft spielen, in der die Maschinen regieren.


An diesem Ort ist die zerkratzte Fensterscheibe der S-Bahn ein Gewinn, weil das Schlimme etwas gedimmt wird und so ein wenig gnädiger wirkt. Ich atme kurz auf, als die Bahn abfährt. Hier will man nicht hin. Hier will man weg.

Fuck Pietät - Discount ist Trumpf


Fuck Pietät. Die tote Omma kommt unter die Erde, notfalls im Umzugskarton. Müssen die Würmer nicht lange bohren und die Larven bekommen mehr Luft. Und uns bleibt mehr für den Thaipuff in der Sonnenallee. Und ein Kasten Sterni mehr die Woche. Win-Win.


Map24, AutoScout24, Lotto24, Abschied24 - wo ist der Unterschied? Wen juckt das? Die Omma bestimmt nicht mehr, die düngt den Märkischen Sand. Prost! Auf die Leiche und das Erbe! Wo ist der Deinhardt?

Samstag, 25. Mai 2013

Mercedes! Welt! Fußball!


Rückblende: Auch schon wieder fast ein Jahr her, die EM, diese tolle EM, in der Balotelli die Deutschen aus dem Pokal schoss.

Mich traf das Aus derweil früher, denn ich trug das Trikot der sympathischen Polen, die leider bereits in der Vorrunde zugunsten der Pleite-Griechen aus dem Turnier gekickt wurden.

Eine angenehme EM war das, denn für Anlässe wie diese gibt es einige schöne Orte für Public Viewing überall in der Stadt. Zum Beispiel den, an dem ich das Spiel von Deutschland gegen den Erzfeind von Deutschland gekuckt habe.

Im Autohaus. Kein Scheiß.


Am Salzufer.

Volle ...


... Hütte.


Das haben sie ganz nett gemacht, die Benzen von Daimler-Bonz, dicker Monitor, feiner Sound, aber natürlich viel zu wenig Platz, so dass es anmutete wie in einem Flüchtlingscamp, denn ab 18 Uhr, also fast drei Stunden vor dem Anpfiff des Spiels von Deutschland gegen den Hassgegner von Deutschland, waren die Sitzplätze voll, dicht, belegt und oft mit Jacken reserviert wie die Strandliegen mit den unvermeidlichen Handtüchern auf Mallotze.

Und deswegen wurde auch überall im ganzen Gebäude gecampt, von wo noch ein Blick auf den dicken fetten Monitor möglich war. Das machte das Durchkommen zum Bierstand zu einem Hindernislauf, aber das war auch nicht schlimm, denn den Weg konnte man sich sparen und zwar deshalb, weil man hier in der Mercedes-Welt zwei elementare Fehler gemacht hat:

1. Zu wenige Bestelltresen: Freunde, ihr habt das das doch nicht zum ersten mal gemacht, es muss doch klar gewesen sein, dass die Hütte brennt und knallvoll wird. Ebenso klar ist dann, dass die Anzahl der Bierbestelltresen nicht reicht. Manchmal lässt sich das Problem ja auffangen und zwar durch professionelle Bierzapfer und Abkassierer, die man aber hier - und damit sind wir bei Punkt

2. - nicht hatte. Und dann rächt sich die Sparpolitik, wenn man wieder an den Stundenlöhnen knausert, für die man kein professionelles Personal, dafür aber Studenten bekommt, die nicht bierzapfen können. Regel: Das Bier muss immer fließen, wir brauchen keine Künstler, keine Philosophen, keine Germanisten, sondern Zapfer. Schnelle Zapfer. Zapfer, die vorzapfen ohne Rücksicht auf die Optik, die die Kronen hinterher mit dem Zapfhahn draufcheaten und dann weg damit im Akkord. Zack. Zack. Wums. Weg die Scheiße. Es sind Fußballfans, keine Ästheten.

Nein. Hier nicht. Hier wurde jedes Bier einzeln liebevoll bearbeitet, bis es servierfertig war. Und das bedeutete bei einer knallvollen Mercedes-Welt: Warten in langen Schlangen. 20 Minuten für ein Bier. Während des Spiels. In der Halbzeit ging dann gleich gar nichts mehr und wer so blöd war, genau da Bier holen zu gehen, der verpasste auch gleich die erste Viertelstunde der zweiten Halbzeit mit dazu.

Und so blieb ich lieber durstig. Und mit mir viele andere. Und so wird auch klar, weswegen Sparmaßnahmen bei den Stundenlöhnen für die Bierzapfer Unsinn sind: Ein professioneller gut bezahlter Bierzapfer würde viel mehr Biere raushauen, wonach viel mehr Leute Biere kaufen würden, was wiederum viel mehr Umsatz und damit mehr Gewinn ergeben würde. Also mal wieder zu kurz gedacht, Gastronom.

Mercedes! Welt! Immer gerne wieder bei euch, hier im Schatten der geilsten Autos der Welt, nächstes Jahr zur WM auf jeden Fall wieder, aber sag dem Gastronom, er soll sich vorher professionelle Bierzapfer ranholen, die er natürlich auch ordentlich bezahlen muss. Ich möchte nächstes Jahr nicht auf dem Trockenen sitzen müssen bei euch.

Ach ja, und der Spielverlauf war natürlich erwartungsgemäß. Fußball ist ein Spiel mit 22 Leuten, die rumlaufen, und am Ende gewinnen immer die Deutschen.


Außer wenn Balotelli beim Gegner spielt und der Gegner Italien heißt.

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Ich habe hier wieder einen alten Text verwurstet, den ich auf Qype (gibt es das überhaupt noch?) mal geschrieben habe. Schöne EM, schöne Erinnerung, die ich hier einfach festhalten wollte.

Mercedes Welt am Salzufer
Salzufer 1
10587 Berlin 

Lass mal netzwerken - Links vom 25.05.13


Das Narrenschiff: Orwell lässt grüßen: Zur "Normalität" des Krieges
Viele werden es nicht wissen, aber wir haben Krieg. Im Ernst. Kein Scheiß.

Indiskretion EhrensacheFrank Schirrmacher, bringst Du mal den Müll raus?
Ein Holzmedium in seiner ganzen Sinnlosigkeit.

Twitgeridoo!Meine erste Internierung
Derb. Ich hätte das in Bayern erwartet, aber nicht in Köln.

Freitag, 24. Mai 2013

Von Biosalafisten, Ketwürsten und dem Wedding

Ketwurst

Ich dachte bisher immer, ich übertreibe maßlos, aber es gibt wirklich kaum noch eine Ecke ohne Bio in diesem Straight-Edge-Paradies von Langweilerbezirk. Selbst der ranzige Alain Snack Imbiss, dieses Fossil, diese wandelnde Geschichte am U-Bahnhof Schönhauser und wahrscheinlich einziger Laden im Umkreis, den es schon vor der Wende gab, macht jetzt einen auf Bio.

Gut, es gehört schon Mut dazu, im Bioparadies Prenzlauer Berg keinen gedämpften Sellerie in Vollkornbrot zum Tomaten-Ingwer-Smoothie anzubieten, sondern Ketwurst - die gute alte fettige Bockwurst in ein Weißbrötchen gestopft und mit Chemieketchup besamt. Ich finde das gut, das ist solider ehrlicher Punkrock und ein ketchupbewichster Stinkefinger in Wurstform an die ganzen Asketen dieser Gegend, die aus diesem Bezirk die Lachnummer gemacht haben, die er jetzt ist.

Gibt es nicht schon den Terminus Prenzlbergisierung für fehlentwickelte Monokultur? Steht der Begriff eigentlich schon im Duden?

Nein, es tut gut, dass es diese paar schäbigen Fettinseln in diesem Bezirk der Harmonie und Glückseligkeit noch gibt, Kodderschnauze hinter der Theke, fettiger Junk darauf und die gute alte Molle am Hals.

Dennoch muss er mit der Zeit gehen, sonst geht er, der Schuppen, und so haben wir hier jetzt auch Bio-Bratwurst und vegetarische Variante. Das muss hier so. Geht nirgendwo mehr ohne. Jeder letzte verkackte Späti bietet jetzt auch Biobier, fair gehandelte Müsliriegel, naturtrübe Limonade und Zigaretten ohne Zusätze an, als ob es das besser macht. Bio Bio. Ole Ole. Mit den Biosalafisten und ihrem Missionarseifer legt sich hier lieber keiner mehr an, wahrscheinlich aus Angst, sie gründen aus Protest wieder eine Bürgerinitative für Wanderkröten im Mauerpark oder gegen das Radfahrverbot auf Bürgersteigen, malen sich mit Lebensmittelfarbe an und tanzen ihre Namen oder legen gleich eine Kohlrabispur über die Schönhauser Allee, um ein Zeichen zu setzen.

Nein, alles Unsinn. Die Wahrheit ist in Wirklichkeit ganz profan: Außer mir isst keiner mehr Junk in diesem ungesund gesunden Biosphärenreservat von Bezirk. Angebot, Nachfrage und so. Ich bin einfach Minderheit geworden.

Und der Dinosaurier ...

... wird immer trauriger ...

... und muss in den Wedding rüber für eine richtige Currywurst.

Doch an manchen Tagen, wenn ich auf Krawall und Punkrock gebürstet bin, hole ich mir eine dieser obszön dicken Ketwürste mit diesem Verkehrsunfall von Blutketchupkrone obendrauf von dieser anachronistischen Junk-Bude und freue mich über die angeekelten Gesichter der biestigen Prenzlmütter, die versuchen, ganz schnell ihre Kinder vom Duftradius der Wurst und meinem verschmierten Clownsmund weg zu ziehen.

In den kleinen traurigen Augen sehe ich dann die Sehnsucht dieser armen Verratenen und Verkauften, die zuhause nur Karottensaft, Biomöhren und Sojakeimlinge im Kressebett bekommen. Und wenn ich dann die Tränen schließlich kullern sehe, leide ich wie ein Hund und ich möchte ihnen am Liebsten zurufen "Haltet ein! Geduld! Lasst die Zeit es richten und eines Tages werdet auch ihr eine dieser Ketwürste in der Hand halten. Der Wedding macht es möglich, wenn die letzte Ranzbude hier bald untergeht. Ihr glaubt es nicht, aber er ist ganz nah. Der Wedding. Und seine Wurst."

Aber ich sage nichts und gehe weiter. Manchmal kann man einfach nichts tun ...

Leider ein Penis


Heute findet der Nike-Lauf am Volkspark Rehberge statt. Schön wär es gewesen. Leider darf ich nicht mitlaufen. Denn mir ist dummerweise ein Penis zwischen den Beinen gewachsen. Angeboren. So ein Pech.

Da ist wieder einer - so ein kleiner Unterschied in der Wahrnehmung. Unvorstellbar, so ein Event nur für Männer zu organisieren und Frauen davon auszuschließen.

In Marzahn bauen sie jetzt mit Steuergeldern eine Frauensporthalle. Hunde und Menschen mit Penis müssen leider draußen bleiben, damit alles schön sauber bleibt.

So ist das inzwischen. Wer Frauen von irgendetwas ausschließt, ist eine Drecksau. Wer es mit Männern tut, ist fortschrittlich.

Donnerstag, 23. Mai 2013

Endkampf. Volkssturm. Wasserturm.


Hallo Kids,

nope, sorry, das ist keine Map von Call of Duty 4 - Modern Warfare, sieht aber fast so aus:


Richtig fett kaputt, nicht? Mehr Löcher als eure Bildung oder die Fassaden eurer Schulen. Jaja, darf man euch nicht mehr sagen sowas, sonst muss der Kinderpsychologe wieder Überstunden schieben und das Jugendamt steht vor der Tür.

Nein, es ist ein Wasserturm. Der Wasserturm Heinersdorf. Nordöstlich von Prenzlauer Berg.


Endkampf. Volkssturm. Wollt ihr den totalen ... ja, ich krieg solche Assoziationen, wenn ich ihn sehe. Wollen wir Luftunterstützung anfordern oder geh'n wir mit der Panzerbrigade rein?

 
Der Turm ist eine der letzten wenigen Erinnerungen an einen großen Krieg, die man in dieser Stadt noch nicht totsaniert oder abgerissen hat. Lustig ist, dass er nie als Wasserturm in Betrieb war, sondern nur als Schule und Stützpunkt der Roten Armee genutzt wurde - eine feine Ironie der Geschichte, denn Schule passt wie Arsch auf Eimer oder Diercke-Weltatlas auf Kopf und hier sehe ich auch die glasklare historische Kontinuität: Nur Schulen sehen in Berlin auch heute noch genauso heruntergekommen aus wie dieser Wasserturm. Da schließt sich ein Kreis. Und was für einer.

 
Nein, Kinners, da hockt kein Sniper der Irakis oben drin, ihr Pfeifen. Und deshalb könnt ihr auch keine RPG darauf abfeuern. Legt mal den Controler weg und der Onkel spendiert ne Runde Ritalin, wenn ihr mal kurz zuhört: Das Ding hier ist etwas, das ihr nicht mehr so gut kennt: Realität. Also in echt, ne? Gibt's leider keinen Controller vonner Playse für, auch keinen Cheatmodus.

Da haben damals echt mal welche gekämpft. Also richtig in echt. Mit Wummer Wummer, Toten, abgeschossenen Gliedmaßen, platzenden Köpfen, Wundbrand, raushängenden Gedärmen und so. In Echt. Jaja. Opa erzählt vom Krieg und so sah das Ergebnis aus. Peng Peng. Haha. Glaubt ihr nicht? Könnt ihr aber.

 
Man will ihn sanieren, den Wasserturm, ich hörte was von Lofts und so. Prima, macht mal. Ist auch ne super Gegend hier, viel zu wenige Yuppies bisher, wird Zeit, dass sich das ändert und die Mieten anziehen.

Wenn ihr clever seid, ihr Investoren, dann belasst ihr einen Teil der zerrütteten Fassade bei, quasi als Erinnerung und in geschichtlicher Verantwortung. Wenn ihr, was ich eher vermute, Banausen seid, werdet ihr eine weitere glattgespachtelte kunterbunte Prenzlauer Berg-Legoland-Lofthölle daraus machen und damit wieder eine Spur in dieser Stadt mehr verwischen.

Scheiß drauf. Glück auf, Wasserturm.

Und ihr, Kids, weiterdaddeln bitte. Peng Peng.

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Mittwoch, 22. Mai 2013

Mein Körper ist ein blöder Hund


Ich verstehe diesen Körper nicht.

Ein Abend voller Whisky, in ganzen Flüssen strömendes Bier, Zigarettenqualm, Ex oder Arschloch, Zigarillos auf Halblunge - bis sich der aufgequollene durchalkoholisierte Organismus irgendwann, sogar ohne ins Taxi zu kotzen, in sein Bett schält und schnarcht, bis die Nachbarn an die Wände hämmern.

Der Trainingslauf ein paar Stunden später ist eine Sensation: Rammstein brüllt Feuer frei!, das missbrauchte Fleisch rennt wie ein zerknitterter Halbgott durch die Straßen Prenzlauer Bergs, dampfend, schwitzend, die Single-Malt-Essenz tropft wie dunkles Harz aus allen Poren, eine leicht entzündliche Fahne wie ein morgendlicher S-Bahn-Spritti hinter sich herziehend und der wunde Hals bellt den Rauch von letzter Nacht wie ein lausiger Straßenköter in die morgendliche Luft, so dass die Biokinder ihre iPhones zücken und den Notarzt rufen wollen, aber den Auftritt dann doch nur für die nächste Failcompilation auf YouTube filmen.

Die, die es besser wissen, gehen mir aus dem Weg. Hier läuft eine Leiche. Letzte Zuckungen. Die Zombies klettern aus ihre Gräbern und ich bin die Vorhut. Aber schnell. Richtig schnell. Große Runde. 18 Kilometer. Anderthalb Stunden. Ein biologisches Wunder.

Andere Zeit. Anderer Ort. Volkslauf. Der Körper wurde seit Wochen trainiert. Tempotraining. Steigerungsläufe - aufeinander aufbauend. Magnesium. Nudeln ohne Soße zum Frühstück. Gefiltertes Wasser. Der kerngesunde Organismus geht ohne einen einzigen Giftstoff früh schlafen, die Nase frei, schläft durch, macht sich warm und steht dann aufgelockert, aufgeräumt und selbstsicher lächelnd am Start des Volkslaufs.

Zwei Kilometer später ist dieser Körper nur noch ein nasser Sack voller Elend, Maden und Tod: Seitenstechen, der Magen produziert die Säure einer ganzen Chemiefabrik, die Muskeln schmerzen, ein Krampf kündigt sich an, die Ohren brummen, Rammstein jault Herzeleid. Ich kann nicht mehr.

Ein humpelnder Opa der optischen Altersklasse M115 quält sein mageres Skelett an mir vorbei und sieht im Vergleich zu mir aus wie ein junger Gott, während feiste Sekretärinnengesichter beim Überholen ihr Tratschen kurz für ein Lächeln unterbrechen, als ich anhalten muss, um mir zwei Finger in die Seite zu drücken, damit das Seitenstechen wenigstens für einen Moment aufhört. Meine Zeit am Ziel hole ich mir nicht ab, weil ich mich schäme.

Komischer Körper.

Bleibt nur eine Konsequenz: Ich muss mehr saufen. Am besten jeden Tag. Dann reicht es irgendwann für Olympia und für den Sieg beim Berlin-Marathon. Haile Gebrselassie, warte, warte nur ein Weilchen, dann vernasch ich dich. Mit einer Flasche Glenlivet im Blut.

Lass mal netzwerken - Links vom 22.05.13


formschub.de: Bärlauchsteckbrief
Sehr hilfreich für alle Bärlauchjunkies.

Die roten Schuhe: Luftkampf
Dummy-Panzer für Bluff-Effekt. Dummy-Politiker sind die Steigerung davon.

Kanzlei Hoenig: Schutzpils-Erpressung
Ich habe schon von vielen Scheißaktionen dümmlicher Eigenheimaufkäufer gehört, aber diese Geschichte toppt alles.

Dienstag, 21. Mai 2013

Mein Admiralspalast


Es gibt auf der Friedrichstraße auch einen schönen Veranstaltungssaal, nicht nur diese Stadthalle namens Friedrichstadt-Palast. Den Admiralspalast zum Beispiel. Man behänge denjenigen mit Orden, Schleifen und Lametta, der die Idee hatte, den Hauptsaal wieder so herzustellen wie er in den 20er-Jahren ausgesehen haben muss.


Das Ergebnis ist eine Zeitreise zurück in das gute alte Berlin, das schöne Berlin, das blühende Berlin, das dynamische Berlin, das goldene Berlin, eine Zeitreise, die mich den Abklatsch vergessen lässt, der heute noch versucht, davon zu zehren, was er einmal war und der dann doch immer wieder jede Baulücke mit dem immergleichen Architekturschrott in Glas-Beton-Optik füllt.

Gegenüber steht der neu gebaute Schandfleck namens Spreedreieck, der zeigt, wohin der Weg seit vielen Jahren geht: In das architektonische Elend.

Den Admiralspalast hat man liebevoll saniert, bis in die Details, bis zu den roten Plüschpolstern, dem Gold, den Zierblenden und dem riesigen Kronleuchter. Ich sitze feudal.


Und wenn dann noch der begnadete Max Raabe mit seinem begnadeten Palastorchester aufspielt, dann ist die Illusion perfekt, dann geht es nicht mehr besser, dann nimmt mich die Atmosphäre mit und trägt mich ganz weit weg von dem, was diese Stadt heute ist und dorthin, was sie einmal war und wieder sein könnte, wenn sich jene, die über die Mittel verfügen, ein wenig mehr Mühe mit dieser Stadt, die auch die ihre ist oder es zumindest sein sollte, geben würden.

Dann ist der Abend wieder viel zu schnell vorbei und ich husche hinaus in den Regen, nicht ohne mich über das Lächeln einer Freundlichen zu freuen, die mir meinen Mantel zurückgegeben hat.

In der S-Bahn, die wieder aus irgendwelchen Gründen viel zu früh am Nordbahnhof endet anstatt dort, wo sie enden soll, zehre ich noch lange von einem weiteren schönen Abend im schönsten Veranstaltungssaal dieser Stadt und freue mich schon auf den nächsten.

Ich komme immer wieder, versprochen.

Lass mal netzwerken - Ausgesuchte Links vom 21.05.13


1337core: Derpina ändert ihren Facebook Namen
Einfach gestrickter Humor in Bildern. Toll.

Herr und Frau Müller: Schreckhaft
Frau Müller und das Grauen im Keller. Örks.

Weddingweiser: Frühling im Wedding
Mein sympathischer Nachbarbezirk entblättert sich. Schön.

Montag, 20. Mai 2013

Herzlichen Glückwunsch, es ist ein Honk (13)


Der heutige Honk ist ein Nazi-Honk.

S-Bahn. Ring Höhe Hohenzollerndamm. Mir gegenüber sitzen zwei Türken. Einer mittelalt, einer jung. Es folgt der Auftritt des Honks mit einem irren Gesichtsausdruck als würde er zuhause im Keller seine eigenen Fäkalien in nach Wochentagen beschrifteten Einmachgläsern sammeln. Er hat drei lärmende, definitiv nicht erzogene Kinder im Schlepptau, dazu eine RTL2-gesichtige völlig vernachlässigte Frau und ist komplett überfordert mit sich, seinem Umfeld und der Welt - wie sich gleich herausstellen wird.

"Wat schüttelste denn'n Kopf, Kümmelfresser, ha ha ha, jibt ooch noch blonde und blauäugige Kinda, ja, merkste wat? Hättse nicht jedacht wa? Schüttelste dein Kopf, ne? Können sich nich benehmen, die Kinda, denkste wa?"

Können sie ja auch nicht. Sieht jeder. Wofür die Kinder aber nichts können, sondern ausschließlich ihre RTL2-Mitten-im Leben-Gosse-Eltern. Sie tanzen ihnen auf der Nase herum, die Kinder, hören nicht, schreien, nerven, schmeißen Kram durch die Bahn, sind einfach schlecht erzogen. Das lässt der Honk dann eruptiv an zwei freundlichen Türken aus, die niemandem etwas getan haben, und gibt damit genau dasjenige schlechte Vorbild ab, das seine Kinder adaptieren und als Ballast in Form eines deformierten Charakters ihr ganzes Leben mitschleppen werden.

Muss ich noch erwähnen, dass niemand über die Kinder den Kopf geschüttelt hat? Niemand. Nicht mal ich. Man kennt die Auftritte deformierter Charaktere in dieser Stadt an jedem Tag, in jeder Bahn - das hier ist Berlin, hier schüttelt keiner mehr den Kopf. Das letzte mal schüttelten irgendwelche alten Nazi-Omas über Rudi Dutschke den Kopf, starben ein paar Jahre später vor Gram und das war es dann mit Kopfschütteln in dieser Stadt. Ausgeschüttelt.

Nein, nix passiert, hier lebt nur jemand ein tiefsitzendes Trauma und seinen Selbsthass vor dem Hintergrund des eigenen Versagens aus, ganz klar, denke ich vor mich hin, während ich mich, ohne dass ich es will, für dieses Stück Scheiße von blödem Arschloch fremdschäme.

Es gibt sie immer noch. Sie sind mitten unter uns. Und manchmal bricht es aus ihnen raus. Aus den Honks. In der S-Bahn. Herzlichen Glückwunsch.

Color Blocking in der U2


Kein Karneval. Kein Festival. Keine Demo des Bundesverbands der Geschmacksverirrten. Nur Blümchenleggins kombiniert mit türkisenen Chucks in der U-Bahn. Darf man das fotografieren?

Nein.

Man muss.

Sonntag, 19. Mai 2013

Eine Behörde ist eine Behörde ist ein Kieser-Training


Es ist eine der Situationen, die mich ratlos zurück lässt:

Kieser Training. Sonntag. 8:59 Uhr und 30 Sekunden.

"Guten Tag."

"Guten Morgen, es ist aber noch nicht 9."

"Aber gleich. Und auf meiner Uhr jetzt schon."

Währenddessen bimmeln draußen die christlichen Glocken das unchristliche Berliner Volk aus dem Bett.

"Nein, es nicht noch nicht 9."

Ich strecke gleich zu Beginn der aufziehenden Auseinandersetzung die Waffen, mir fehlt immer mehr die Kraft, dieser Form offensiver Dummheit entgegen zu treten, es passiert einfach zu oft und es sind einfach zu viele. Pöbelt man einen in Grund und Boden, kommen wenig später drei nach. Es bringt nix.

"Ja, gut, kein Problem, ich warte gerne bis 9, kein Problem." und drehe mich um, um wieder vor die Tür zu gehen.

"Nicht nötig, jetzt sind Sie ja schon drin. Außerdem ist es jetzt 9, Sie können trainieren jetzt."

Dialoge wie diese machen mich völlig ratlos. Was ist das? Ist diese Lust, Mitmenschen sinnlos auflaufen zu lassen, genetisch? Können manche gar nicht anders oder geben sie einfach nur den Druck, den sie selber von oben bekommen, an den nächstbesten Vollhorst weiter, der ihnen gerade über den Weg läuft und über dessen Wohl und Wehe sie entscheiden können? Zuletzt die Frage: Muss das sein? Bringt das was? Wem nützt es?

Vielleicht hat man aber auch nur ein paar Sachbearbeiter vom Bezirksamt Pankow zu Kieser Training versetzt, zusammen mit ihren ewiggleichen Standardsprüchen "Ich bin nicht zuständig" und "Es ist noch eine halbe Minute bis zur Sprechstunde für den Pöbel, warten Sie draußen!" - wer weiß das schon?

8:59 Uhr und 30 Sekunden.

Mithin noch nicht 9.

Kleingeister hängen sich an so etwas auf und demonstrieren ihr winziges Quantum Macht, das sie von jemand Höherem verliehen bekommen haben. Das war schon vor hundert Jahren unter dem Kaiser so und das wird noch in hundert Jahren so sein, man muss das wohl hinnehmen, lernen, damit zu leben. Denn sie werden nicht weniger, man kann sie nicht besiegen und jede Situation, in der man einen solchen Kleingeist nicht in Grund und Boden brüllt und ihm damit gibt, was er will, ist ein Sieg gegen sich selber und man kommt dem Zen ein bisschen näher. Schwer genug.

Lass mal netzwerken - Ausgesuchte Links vom 19.05.13


Kiezschreiber: Berlin-Besucher
Ursula, Recklinghausen, Brandenburger Punks

robins urban life stories: Beschneidungsdebatte, ein Jahr danach
Der mit Abstand beste Text zu diesem Thema

herrmeyer.ch: Da können wir keine Ausnahme machen
Traurige Geschichte aus einer kalten Stadt

Samstag, 18. Mai 2013

Oh nein! Er fraß wieder Franchise!


Ich hab es wieder getan. Gelockt von Duft. Lockduft. Hunger. Da kommt Lockduft nicht ganz so gelegen. Weil man dann essen muss. Unverzüglich. Sofort. Schnell.

Am Bahnhof Ostkreuz

Asiagofresh.

Was? 

Asiagofresh.

Nix versteh. Morgen andere Baustelle.

Asiatisch gehen frisch!

Dat Ding im Bahnhof Ostkreuz?

Dat Ding im Bahnhof Ostkreuz.

Du Depp.

10 verschiedene Gerichte auf irgendwelchen Schildern. Klingen alle gleich, außer die prekären Chinanudeln, die klingen nach Bahnhof Ostkreuz und die würde ich maximal kurz vor dem körperlichen Kollaps infolge akuten Verhungerns essen, für die zweifuffzig.

Der Rest ist auch nicht gut und du weißt das.

Was nehm ich nur? Das Meiste steht schon fertig in Eimern herum und wartet auf das Vermischen.


Irgendwas Rindartiges für 7,90 €, damit bin ich auf der sicheren Seite. Das Teuerste ist bestimmt das Beste.

Ist es nicht. Nicht am Bahnhof, du Irrer.

Stimmt. Ist es nicht. Es ist salzig. Sehr salzig. Glutamatig. Ich krieg schon nach dem ersten Löffel Durst wie ein Schwein.

Löffel?

Ja, Löffel. Stäbchen gibt es hier nicht oder wahrscheinlich nur auf Anfrage.

Das ist ein ganz schlimmes Zeichen. Ein Zeichen von wenig Stil. Ist dir das klar?

Argh. Durst. Durst. Wasser. Mehr Wasser. Ich sauf die Spree aus. Au meine Güte, ist das salzig. Und winzig. Eine jämmerliche Portion für den Preis. In fünf Minuten eingeatmet. Danach immer noch Hunger. Snickers her. Zum Sattwerden.

Das war abzusehen. Wer so bescheuert ist, da zu essen, der zahlt das Snickers zu Recht.

Ja. Schon wieder reingefallen. Schon wieder eine dieser Asiaketten in Bahnhofsnähe. Asiagofresh. Asiagourmet. Asialeckmichdoch.

Kiezneurotikerhunger. Kiezneurotikerungeduld. Kiezneurotikervollhonk.

Memo: Bahnhof. Bleiben lassen. Immer.

Machste eh nich.

Stümmt.

Prenzlauer Berg: Florierendes Gewerbe


Der Kassenschlager in Prenzlauer Berg. Am besten mit angeschlossenem Heilpraktiker und Yoga-Lehrer. Goldgrube. Privat natürlich. Der GKV-Pöbel, sofern er überhaupt noch hier wohnt, bleibt bitte draußen, selbst wenn er sich für Hokuspokus interessiert.

Freitag, 17. Mai 2013

Braindead in Werder


"Wo sich das Hirn und der Stil im Nebel des Obstweins verabschiedet haben, ist die Proletenfrequenz nicht weit" (Icke, 2013)


Man kann ja auch mal von was die Schnauze voll haben.

Vom Werderaner Baumblütenfest zum Beispiel.

Da ballern sich die jugendlichen perspektivlosen angehenden Alkoholiker bei 30 Grad im Schatten den billigen Fruchtfuselwein rein, vertragen ihn nicht und verlieren einer nach dem anderen die Kontrolle über ihre elementaren Körperfunktionen.

Da sitzt die junge Frau erdbeerweinblau mitten auf der Wiese, zieht sich das Röckchen hoch und pinkelt erstmal selig grinsend vor johlendem Publikum auf den Boden, um dann umzukippen und in der eigenen Pisse zu landen. Da kotzt der Minderjährige mitten auf die Motorhaube des nächstgelegenen Autos, schafft es aber nicht abzutropfen, so dass der letzte Schwall blutrote Erdbeerweinkotze über sein Kinn auf sein kirschweinbeflecktes Böhse Onkelz-Muscleshirt läuft, unter dem die bleiche Hühnerbrust glänzt, auf der letzte Woche das erste Haar gewachsen ist.

Einer kommt mir entgegen, der nach dem Pinkeln im letzten Hauseingang vergessen hat, seinen Penis wieder in die Hose zu stecken, aber es schafft, seiner Freundin, die sich kaum noch selber auf den Beinen halten kann, Johannisbeerwein in rauhen Mengen über ihre knallroten Hängetitten zu gießen, die sie mitten auf der Straße in eine Sonne hält, die sich wahrscheinlich am liebsten sofort selbst verdunkeln würde.

Und plötzlich brüllt mich der Nazi unvermittelt von der Seite an "Eeeeeeeeeeeeeeh ALTAAAAAAAAAAAAAA KACKVOOOOOOGL willsse auffe FRESSEEEEEEEEEEEE?"

Jetzt ist mir klar, wo RTL 2 sein williges Menschenmaterial für diese fiesen Unterschichtensendungen findet, wo dumme Dicke sich in der Badewanne knutschend mit Ahornsirup einreiben und blöde Bauern noch blödere Frauen suchen.

Hitradio RTL ist ja Hauptsponsor dieser Idiotenparade. So schließt sich ein Kreis. Call him Mr. Raider. Call him Mr. Wrong. Dengeleng.

Der klebrig-süße werderaner Fruchtwein zuletzt ist nur eine besonders üble Beleidigung für den Terminus Wein und ausschließlich dazu geeignet, sich in der Sonne das Resthirn in der vollverstrahlten Murmel mit gezuckertem Alkohol wegzuschießen und dann, wenn man endlich jenseits von gutem Geschmack, Maß und Stil angelangt ist, zu enden wie diese menschlichen Totalausfälle auf ihren wackeligen Beinen, die im Sekundentakt Karmapunkte abgeben.

Nennen wir das Kind beim Namen: Das Baumblütenfest war immer schon ein Prollfest, bei dem 20% Assis, Penner, Proleten, Hooligans und Nazis den anderen 80% den eigentlich schönen Tag versauen können.

Das sollte man wissen, bevor man sich in den Zug setzt.

Ich bin dafür, die 20% Patienten zusammen mit fünfhundert Kisten Himbeerwein in Busse zu setzen und sie direkt bei RTL 2 in München zu verklappen. Damit ist allen gedient: RTL 2 muss nicht mehr selber aufwändig Asoziale casten, die Besucher können sich endlich auf dem Fest bewegen ohne an jeder Ecke spontan mitkotzen zu müssen und der Ruf der Stadt Werder an der Havel ist wiederhergestellt. Win-Win-Situation für alle.

Denn die einzigen, die von der Situation derzeit profitieren, sind die Kindertherapeuten in Berlin und Brandenburg, die all die fahrlässig nach Werder mitgenommenen Kinder therapieren müssen, die mit ansehen mussten, wie obstweinbesoffene brandenburger Dorfbratzen einen halben Meter Bratwurst in die Havel kotzen, Hitlergrüße rülpsen oder noch vor Einbruch der Dunkelheit die schöne helle Bluejeans mit den immer zu kurzen Hosenbeinen einnässen.

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Der Text ist aus dem Jahr 2009. Gerüchteweise soll es besser geworden sein in Werder, vor allem am Freitag und vor allem, seit man in dem Ort ein Polizeiaufgebot wie bei Union gegen Hertha auffährt. Gut so.

Sinnlos in Werder


Notausgang meets Gitter - gesehen auf dem Baumblütenfest in Werder.

Donnerstag, 16. Mai 2013

Endstation Schöneweide


Ick will Geisterbahn.

Kein Problem. Mutte nich ma zahln für.


Guten Tag. Einmal Schöneweide und bitte auf jeden Fall zurück, sage ich zur imaginären Fahrkartenverkaufsfachverkäuferin.


Geile Fliesenoptik. Wie auf einem 70er-Jahre Scheißhaus am Eingang zur Vorhölle.


Das ist einer der seltenen Orte, an denen Edding-Tags tatsächlich die Ansicht verbessern.


Nein, das ist kein Knast. Das ist der Bahnhof Schöneweide. Besonders beachtenswert ist die eigenwillige und vor allem so sichere Kabelkonstruktion. Wenn ein Nazi hier in die Ecke kotzt, hebt das noch den Aufenthaltswert.


Die Lampen hat der sowjetische Stadtkommandant wahrscheinlich noch persönlich angebracht. Neuester Chic aus Novosibirsk. 1946.


Der Grind. Der Grind. Der himmlische Grind.


Hier sollte man den Abfall daneben werfen, denn die Umgebung sieht mehr nach Abfalleimer aus als der Abfalleimer selbst. Bizarr, bizarr und nochmal bizarr: Dieser Abfalleimer wirkt hier sogar schick, quasi als Eineiiger unter den Kastraten.


Hätte heute nicht die Sonne geschienen, hätte ich mir hier unten in Gegenwart der ewigen Guanostalagmiten der Tauben eine Kugel in den Kopf gejagt. Hier ist der Ort für sowas.


Guanoproduzent meldet sich zum Dienst. Heute Überproduktion.


Sein Kumpel, der faule Sack, scheißt viel weniger, dafür aber immerhin auf das Herz Asiens.


Endzeit. Das ist kein Flüchtlingscamp im nuklearen Winter, das ist nur Schöneweides Geisterbahn-Bahnhof.


Hier-zu-verweilen-Verdammte haben ihre Mahnungen an die Welt hinterlassen.


Scheiß auf Informationen. Die sind hier überflüssig, die S-Bahn fährt eh wie sie will. Man kann sich dafür prima selber fotografieren.


Mehr vorhandenes Glas als fehlendes. Man könnte fast wieder Mut schöpfen.


Man könnte sich aber auch endlich von diesem fürchterlichen Ort verpissen.

Tschüss. Selten hab ich mich so auf eine S-Bahn gefreut. Zum Abschied kotzt ein schöneweider Nazikind sein Smells-Like-Sternburger mit Looks-Like-Dönerbrocken auf die rissigen Platten und sein Kumpel pisst erst mal in hohem Bogen auf die Bahnsteig-Sitzbank. Dunkeldeutschland. Dunkelbahnsteig. Dunkelsitzbank. Deswegen setze ich mich auf sowas nie hin, zumindest nicht hier, denke ich noch, während die S-Bahn abfährt und mich endlich von hier fortbringt.