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Sonntag, 30. März 2014

Fest gemauert in den 90ern steht der Schlumpf im Siff erstarrt


Lenbachkiez. Friedrichshain. Ich bin auf einen Kaffee verabredet. Na sicher, das war ja klar, natürlich sitzen auch hier wieder die obligatorischen Klischees mit Hornbrille, Macbook, Flanellhemd und sogar einer mit riesigem Kopfhörer (schon wieder eines dieser Teile, die diese Vögel aussehen lassen wie Vorkriegspiloten. Auf welchem Flohmarkt graben sie solche Dinger eigentlich aus?).

Ich weiß inzwischen: Das Phänomen ist weder eine Erfindung prekärer Kolumnisten superselbstironischer Studentenmagazine noch sind sie inzwischen ausgestorben wie gerne mal behauptet wird. Sportfreunde Stiller-Gesichter. Bosse. Tocotronic. So sehen sie aus. Alle. Nur mit Fusseln um den Mund. Unterschiedliche Länge zwischen Koteletten, Oberlippe und Kinn. Wahrscheinlich Absicht. Das mit der Nagelschere so ungleich zu schneiden dauert morgens im Bad bestimmt länger als das Makeup von Katze Katzenberger. All das machen sie immer noch so wie 2012, als man sie in den Illustrierten noch Hipster genannt hat, derweil in ihren Pilotenkopfhörern, die sie todsicher auch morgens im Bad tragen, Madsen läuft. Oder anderer superironischer Studentenrock. Kraftklub. Tomte. Kettcar. Sowas. Bärtige, auf Punkrock gedrehte Mittdreißiger-Schlagermucke, die niemandem wehtut.

Der Laden selbst ist vintage. Natürlich. Opas verkackte Holzstühle aus der Scheune feiern hier ihren zehnten Frühling neben Polstermöbeln, die seit der Weimarer Republik keiner mehr ausgeklopft hat, und altersschwachen Barhockern aus HO-Gaststätten der abgewrackten DDR, die für alle Menschen über 60 Kilo nicht sicher genug aussehen, um sich auf sie zu setzen.

Hunger. Ich reiße die Karte von der Tischplatte. Ritsch. Sie klebt. Der ganze Tisch klebt, ein paar Haare vom Unterarm müssen ihr Leben aushauchen. Tabakkrümel kleben verstreut auf dem Tisch, sie sind wahrscheinlich von der Millenniumsfeier übrig geblieben, als sich Ariane Sommer an diesem Tisch eine Kippe gedreht hat. Wer Ariane Sommer ist? Das ist so egal wie alles, was 2000 noch die Welt bewegt hat.

Hunger. Hunger. Hunger. Ich muss etwas essen, sonst bekomme ich noch schlechtere Laune bei meinen Gedanken an die Luftschaufler und Windbläser, die ich nachher zu einem der unzähligen und so unvermeidlich wie sinnlosen Meetings treffen muss und die ich wie immer versuchen werde, im Luftschaufeln und Windblasen zu überbieten. Weil ich es kann. Wenn ich gut gegessen habe.

Pasta nach Tagesangebot steht auf der verratzten Karte, die unter meinen Händen auseinander fällt. Ja, Pasta klingt gut. Nein, gibt es nicht mehr, sagt die, die es wissen muss. Gibt es nicht mehr? Gibt es nicht mehr. Aha. Was dann? Chili con carne gibt es. Na gut. Besser als nix. In zwei Stunden ist das Meeting in Oberbaumcity angesetzt. Bis dahin gären die Bohnen im Darm gut durch. Klar. Furz ich eben den Sitzungssaal voll. Dann dauert die Sabbelfolter der vereinigten Wichtigtuer vielleicht mal unter zwei Stunden, weil es keiner in dem Muff länger aushält. Man muss die Dinge auch mal positiv sehen.

Das Chili dauert. Ewig. Was zum Teufel dauert an Chili con carne ewig? Das ist vorgekocht, wird kurz in die Mikro geschoben und gut. Tick. Tack. Spät kommt es, aber es kommt immerhin überhaupt, das Chili, doch es ist unessbar heiß, Mikrowellen-heiß, Blasen-an-Munddecke-heiß, Blasen, die ich später mit dem Fingernagel aufpolken werde und die dann brennen werden, weil ich es nicht lassen kann, die übrig gebliebenen Munddeckenhautfetzen mit der Zunge abzupiddeln. Yummi. Fuck you. Das Zeug ist so heiß, es verhält sich quasi reziprok zum Mineralwasser mit seiner absurden cocktailgleichen Menge an Eiswürfeln, was bewirkt, dass es dadurch natürlich keine Kohlensäure mehr hat, aber dafür untrinkbar kalt ist. Vielleicht schütte ich beides zusammen, dann geht es. Ach hör' doch auf. Ich habe schon wieder keine Lust mehr. Was ist das nur wieder hier? Was soll das alles? Wo sitz' ich hier nur wieder?

Zwischenzeitlich laufen mehrere dieser gewollt gammligen Tim Bendzkos an die Bar, um neuen Kaffee zu bestellen. Oder irgendetwas anderes. Eine dieser neuen schweineteuren Weltverbesserer-Limonaden etwa, die schmecken wie die selbstgepressten Zitronensäfte mit Rohrzucker, die von glücklichen Müttern auf den Kita-Sommerfesten Prenzlauer Bergs verkauft werden. Oder sie holen sich fritz kola. Mit ironischem k statt imperialistischem c. Und wanziger RAF-Kleinschreibe. Jaja, schau schau, hier kommt der Berg zum Prophet. Respektive zu den Propheten. Die hinter der Theke fläzen und keine Anstalten machen, diesen Ort je zu verlassen, diese affektiert gelangweilten Pomeranzen, die vorhin anstatt mein Chili warm zu machen lieber die Frage eruiert haben, ob als nächstes Aminata oder Nathalie rausfliegt (woraus auch immer), wobei sie sich einig waren, dass Aminata ziemlich übel arrogant ist und den Rauswurf verdient hätte, derweil ich mir sicher bin: Ich mag den Laden nicht. Besser: Ich hasse es hier.

Und, hey, natürlich ist das Chili fad. Nicht die Bohne (haha Wortspielficker, schieß dir 'ne Kugel in den Mund) scharf wie Chili sein sollte. Traut man sich wohl nicht. Oder man hat einfach keinen Bock. Wie man auf alles hier keinen Bock hat. Dosenmais, ein bisschen Zwiebelhack, passierte Tomaten, das war's, nicht mal für Paprika hat die Kreativität ausgereicht. Mama Miracoli-Bolognese mit Bohnen und Mais. Ich bin genervt.


Nach der Hälfte mag ich mein Chili nicht mehr und will weg. Ritsch! reiße ich mein Smartphone vom Tisch, dessen Rückseite jetzt klebt. Weg hier. Ich bin kein Revolverheld und sitze aus diesem Grund nicht stundenlang wichtig in viertklassigen Cocktailbars an verklebten Tischen mit verschnarchtem Service herum, der inzwischen kettenrauchend irgendwo draußen steht und klönt, bis ich endlich irgendwann aufstehe und mein Geld nach vorne zur Bar bringe, wo auch eine herumsteht, Luft atmet und mit quietschbunten Plastikfingernägeln auf ihrem rosa iPhone rumtippert. Doch wenigstens nimmt sie mein Geld.

Ich kann mich wieder einmal nicht dazu durchringen, den Betrag nicht wenigstens aufzurunden, zu viel Skrupel mal wieder, dabei könnte ich mir doch mal Cents rausgeben lassen und ein Zeichen setzen, dass sie damit nicht durchkommen, mit dieser Schlurfigkeit, ihrer unerträglichen Berliner Bräsigkeit, die Zugezogene und Touristen immer noch für cool halten. Aber das wäre dann doch nur kleinlich wie Opa Kowalke aus Laubenpieper City Pankow-Heinersdorf, der unterbezahlte Gastronomiekräfte mit nicht gegebenem Trinkgeld erzieht. Nein, so will ich nicht enden.

So bleibt mir nur die immer wiederkehrende Erkenntnis: Ich mag nicht mehr. Mich ödet es inzwischen nur noch an. Seit 20 Jahren die gleiche Scheiße als Schneise der Verödung in diesem Gürtel des Grauens quer durch Friedrichshain: Verschlumpfte 90er-Bars. Sie wollen einfach nicht eingehen und aus irgendwelchen Gründen, die meist nicht mir zuzurechnen sind, lande ich immer mal wieder in einer. Verschnarcht. Verschlurft. Verschlumpft. Will ich nicht mehr. Brauch ich nicht mehr. Hatte ich zu oft. Gibt es schon zu lange. Viel Spaß dort allen Vierkanttretlagers, allen Cluesos und Jennifer Rostocks. Schon gehört? Judith Holofernes hat ein Soloalbum gemacht. Läuft bestimmt bald auch hier. Wenn sie nicht sogar selbst hier sitzt. Vor einer Flasche BioZisch. Was? Schon so spät? Ich muss weg.


Irgendsoeine Bar
Straße vergessen, ist auch egal
Irgendwo am Ostkreuz
Webseite bin ich zu faul zum Suchen, Schlumpfigkeit färbt ab

Donnerstag, 20. Februar 2014

Lykke Li geht nie ins Lykia


Ich bin kürzlich doch wieder im Lykia am Ostkreuz gelandet. Dabei habe ich mich an die Geschichte von CDU-Bernd erinnert.

Dieser Blogpost ist einer Bloggerin gewidmet, die nicht mehr bloggt: Emily Wintergrün. Sie hat für ihre wunderschöne Geschichte über ein Date mit CDU-Bernd die geilste Überschrift gefunden, die hierfür möglich war und ich möchte sie hier (die Überschrift und ihre schöne Alliteration raubmordkopierend) noch einmal verlinken: Lykke Li geht nie ins Lykia.

Ich für meinen Teil habe in diesem Kontext nur eine uralte Qype-Rezension über diesen fürchterlichen Laden, die aber nach wie vor Gültigkeit besitzt und die ich hier nur als Warnung anhänge, falls jemand ernsthaft vor hat, hier essen zu gehen. Müssen Sie nicht lesen. Der Laden ist grottig. Das reicht. Lesen Sie lieber Emily. Vielleicht fängt sie ja dann wieder an zu schreiben. Sie kann es nämlich.

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Im Lykia essen zu gehen ist ungefähr so spannend wie ein Fahrstuhlgespräch übers Wetter. Das viel zu weit verbreitete Augenmerk legt man hier auf Pizza und Nudeln und diese Woche wird es heiter bis wolkig mit ein paar kurzen Schauern bei 14 bis 17 Grad und einer lauen Brise.

Die Nudeln 

Das Lykia begeht den leider sehr oft gemachten und so furchtbar deutschen Fehler, die Nudeln (nur furchtbar hippe Mütter mit Haus in der Toscana und ungefickte Romanistikstudenten im 18. Semester sagen Pasta) in der Sahne zu ersäufen - böse Gemüter würden es Sahnesuppe mit Nudeleinlage nennen.

Nachdem die Nudeln weggegessen sind, bleibt ein nicht unerheblicher Rest an Soße übrig zurück, mit dem man einen Laib Brot vollgesogen bekäme, wenn man denn einen hätte.

Geschmacklich muss selbst jeder uninspirierte Durchschnittsbürger mit raffinesseresistentem deutschen Gaumen noch ordentlich mit Salz und Pfeffer nachwürzen, sonst bleibt nur ein fader Sahnegeschmack ohne jegliche Höhepunkte.

Fleisch 

Wer meint, der Sahne mit der Flucht in ein Fleischgericht entkommen zu können, der irrt. Das komplett bis in die letzte Faser durchgebratene Tiefkühlfleisch schwimmt in der Sahne wie mein Kind im Planschbecken. Ist die Beilage zufällig Reis, dann kann man damit die Sahnesuppe ein wenig eindicken, was sie geschmacklich leider auch nicht besser macht.

Das Fleisch wird vor dem Anbraten mit Paprikapulver gewürzt, das in der Pfanne folgerichtig verbrennt, was dem Ganzen ein leicht unangenehmes Kohlearoma gibt.

Der dazu gereichte Salat besteht aus Eisbergfetzen, Karottenstäbchen, einer geriffelten Gurkenscheibe, einer Tomate ohne Geschmack und dem unvermeidlichen Thousand Island Dressing, dessen Fehlen niemand bedauern würde.

Die Pizza

An der Pizza gibt es leider nichts, was zu Begeisterungsstürmen, Purzelbäumen und dem spontanen Wunsch ein Kind zu zeugen Anlass geben könnte. Zwischen 5 und 8 Euro zu Buche schlagend besteht die Pizza aus einem uninspirierten dafür gezuckerten Teigfladen der etwas einfacheren Machart, der es vehement ablehnt, knusprig zu sein, dafür aber mit Käse und dem restlichen Belag derart verschwenderisch belegt ist, dass er durchweicht und nur mit dem Attribut "labberig" treffend beschrieben werden kann. Geschmacklich werden auch hier keine Maßstäbe gesetzt, Pizzen wie diese kosten woanders zwischen 2,20 und 4 Euro. Das hingegen sind sie wert.

Der Koch 

Der Koch arbeitet offenbar nach dem Prinzip First In First Out. Auch bei großem Publikumsandrang kocht er die Gerichte streng nach Reihenfolge unabhängig von der Zubereitungsdauer des Gerichts, was bedeutet: Mehr als zwei gleichzeitig gehen anscheinend nicht. Ist man der Letzte in der Reihe und befinden sich vor einem auch noch verhältnismäßig aufwendige Gerichte, beißen einen nicht nur die Hunde sondern auch der Hunger. Mehr als vier belegte Tische mittags, die alle etwas essen wollen, bringen das System zum völligen Erliegen.

Der Service 

Der Service ist in Ausnahmefällen angenehm, schnell und aufmerksam, oft lässt er den Gast jedoch vor leergefressenen Tellern verwesen und widmet sich in Gruppen an der Theke lieber der Erörterung beziehungstechnischer Themen. Die Frage, ob Lynn auch nächste Woche noch mit Lionel zusammen ist, hat dann absoluten Vorrang vor allem anderen.

Icke 

Ehrlich, ich muss nicht noch mal hin, ich will auch nicht noch einmal hin, schon gar nicht hier am mit halbwegs guten Lokalen reich gesegneten Ostkreuz. Das geht überall hier besser, günstiger und vor allem schneller. Abends steht hier halb Europa in Menschentrauben herum und süffelt Cocktails, vielleicht sind die ja auch ganz gut und vielleicht lande ich dort auch mal bei Gelegenheit, aber als Restaurant für Pizza, Pasta (aaah er hat es getan!) und alles andere taugt es überhaupt nicht.

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Lykia
Sonntagstraße 1
Friedrichshain
http://www.lykia-berlin.de/

Freitag, 22. November 2013

Das arme Stralau und sein trauriger Bäcker


In den 90ern war es Mode, im Namen eines Geschäfts möglichst die Zahl 2000 unterzubringen. Das versprach Innovation, Zeitgeist, Zukunft. Freshness. Und was gab es da nicht alles: Friseur 2000, Blume 2000, Getränke 2000, Sexyland 2000, natürlich Curry 2000 und bestimmt gab es auch irgendwo in einer Plattenbauschlucht Mandys Erotikmassagen 2000. Nur echt mit roter Strähne im platinblonden Haar.

Nach dem Millennium-Hype hat sich das deutlich abgeschwächt und heute anno 2013 steht diese Zahl nur noch für Rückwärtsgewandtheit, Beharrungsvermögen und Staub. Wer heute noch 2000 im Namen trägt, ist quasi ein fleischgewordenes Altherrengedeck, so sexy wie die Reste eines Ingwer-Karottenkuchens im sommerlichen Mauerpark, der unter den Bastschuhen einer Biomutter klebt, oder Omas im Rollator vergessene fleckig-fleischfarbene Strumpfhose.

Eine Bäckerei auf der inzwischen nicht mehr ganz so schönen Halbinsel Stralau heißt immer noch so. Was soll ich sagen? Das für sich gesehen drückt viel aus und ruft von weitem nonverbal: "Geh weg! Ich bin nicht gut! Und du weißt es!"

Wobei sich die Bäckerei eigentlich gar nicht Bäckerei nennen dürfte, sondern eher Aufbäckerei oder Warmmacherei. Denn wie mittlerweile fast überall in Berlin werden auch hier die allgegenwärtigen Industrieteiglinge feilgeboten - hier auf Stralau allerdings mehr schlecht als ... haha ... gut aus ihrem Roh- in einen verzehrfertigen Zustand gebracht. Oft verbrennt mal was oder ist innen nicht ganz durch.

Mit Backen als Handwerk hat das natürlich überhaupt nichts zu tun, da darf man sich keine Illusionen machen. Wie könnte man eine solche Ausbildung nennen, bräuchte es dafür eine? Ofentemperierer? Backwarenzeitmesser?

Ganz schlimm: Das backsteinartige Pizzading, das es tatsächlich schafft, auf der einen Seite dunkelkross-keksig rüberzukommen und auf der anderen fettgetränkt-labberig. Der süßliche Teig - zumeist aufgrund des Fetts schon olivfarben glänzend - korrespondiert dabei unangenehm mit der minderwertigen und unter einem merkwürdigen Film vor sich hin schmierenden Salami und dem sparsamen Restbelag an halbherzigen Tomaten und Käsesprenkeln. Geschmacklich ist das Gesamtwerk damit auch unabhängig von der unterirdischen Konsistenz völlig unbrauchbar.

Noch schlimmer: Das Schinken-Käse-Croissant. Der Fabrikant dieser Chemiewaffe scheint zwischenzeitlich seine Zutaten umgestellt zu haben, denn war da früher echter Käse drin, der im warm gehaltenen Croissant sanft nach Gouda duftend anschmolz, so haben wir heute im Kalten verflüssigtes ekelhaft chemisch schmeckendes Käseirgendwas in einem trockenen Croissant. Das geht nicht auf natürliche Weise und schmeckt auch so. Fürchterlich.

Was man hier mitnehmen kann, ist höchstens die Bockwurst, denn wer beim Warmhalten von gepressten Fleischresten in diesen fragwürdigen Warmhaltespiraldingern irgendetwas falsch macht, der steht besser morgens gar nicht erst auf und erspart der Welt damit Schlimmeres.

Ein Desaster. Und dabei ist er noch nicht einmal billig, dieser Aufbäcker, sondern nutzt die Spielräume seines Monopols. Angebot. Nachfrage. Preis und so. Je mehr Monopol desto übler die Ware bei höherem Preis. Marktwirtschaft. Die S-Bahn macht es vor.

Doch ich glaube, das ändert sich gerade, denn seit die Bauarbeiter - das bisherige Stammklientel - damit fertig sind, die Halbinsel Stralau in eine rechtwinklige Townhouse-Betonwüste mit dem Flair eines Krankenhausflurs zu verwandeln, hat diese Aufbackstation kaum noch Kundschaft. Klar: An den betuchten Halbinselbewohnern backt der Aufbäcker gnadenlos vorbei wie der Pizzamann nebenan mit der schlechtesten Pizza der Hauptstadt völlig an ihnen vorbei Pizza backt. Es ist somit zwangsläufig, dass beim Aufbäcker 2000 bald die Lichter ausgehen. Game over. Da hilft auch kein anbiederndes trauriges Deutschland-Fähnchen aus WM-Restbeständen an der Tür mehr.

Die verlassene Ladenfläche mietet dann ein Biobäcker und wird reich.

Mittwoch, 9. Oktober 2013

Biopaste aus der Veganerhölle


Ich habe wieder Unsinn gekauft. "Wie Hausmacher-Wurst" steht da drauf. Auf der Veganerpaste. Ich probier' das mal. Ich muss ja jeden Scheiß probieren. Mal schauen, was die Veganer hier so essen. Besser ich gewöhne mich so früh wie möglich daran, denn bald gibt es hier sowieso kein Fleisch mehr und wir müssen die Würste und die Schinken durch einen illegal gegrabenen Tunnel aus dem Wedding unter die Esplanade nach Prenzlauer Berg schmuggeln, wo man sie im Gebüsch der Spielplätze gegen Zigaretten, Schnaps und dreckigen Sex tauschen kann - alles Dinge, die es hier jetzt schon kaum noch gibt.

Wie Hausmacher-Wurst. Da bin ich aber mal gespannt. Boar, übel, sieht aus wie ein Konglomerat aus Moppelkotze, Hundekot und Schlamm.


Gut, das sieht Hausmacher-Wurst auch. Haps.

Börks.

Ekelhaft. Abstoßend.

Schmeckt wie Gummi. Reifengummi. Continental. Pirelli. Michelin. Habe heute keinen Stern für dich. Was zur Hölle ist da drin? Tofu. Natürlich. Und Seitan. Was soll das sein? Gibt das den Gummigeschmack? Tartex heißt die Firma, die den Scheiß herstellt. Wie passend. Klingt wie Pattex. Und ist wahrscheinlich genauso bekömmlich.

Weg damit. Ich kann das nicht essen, da sträubt sich alles. Ich krieg' das nicht runter. Das muss in den Müll. Das Zeug ist unessbar. Wer tut so etwas? Wer isst das freiwillig?

Wedding! Hilfe! Ich brauche dringend eine Hausmacher-Wurst. Eine echte. Vom dicken rotgesichtigen Fleischer. Mit Fettstücken drin. Die nach totgemachten Schweinen schmeckt. Geht das?

Meine Güte, Veganer, davon ernährt Ihr Euch? Deswegen lauft Ihr durch Prenzlauer Berg wie geprügelte Hunde mit Euren Merkelgesichtern - weil Ihr so etwas essen müsst.

Tartex gebührt der Verdienst, dass aus mir nie ein Veganer werden kann. Lieber grabe ich mit meinen Fingernägeln einen Tunnel unter die Esplanade nach Wedding oder mache gleich ganz rüber.

Samstag, 5. Oktober 2013

FEZ: Finnhütten am Badesee


An den Finnhütten am Badesee in der Wuhlheide, einem ganz normalen Imbiss, kann man was essen.

Damit ist eigentlich alles beschrieben, was man zu diesem Ort wissen muss.

Man kann da was essen.

Besonders gut ist das da nicht, wenn auch reichhaltig für den Fall, dass man unter Fettmangel leidet. Auf den Tellern läuft das Öl braun-schlotzig unter dem Berg Bratkartoffeln hervor, das Schnitzel für drei Euro wäre dann drei Euro wert, wenn man zwei Snickers dazulegen würde, der Kartoffelsalat müsste fairerhalber in Mayonaisesalat mit Kartoffeleinlage umbenannt werden und die Kartoffelpuffer sind doch nur wieder Fertigbriketts mit Fertigapfelmus - in nicht mehr ganz so frischem Fett gebadet.

Buargh.

Besonderes Augenmerk könnte man als Azubi im Gastgewerbe auf die durchaus eigenwillige Art der Abfertigung größerer Besuchermengen legen, denn hier lernt man, wie man es nicht machen sollte.

Die Abfertigung geschieht streng nach Reihenfolge. So werden nicht sinnvollerweise alle Bratkartoffelbestellungen gesammelt, um dann eine größere Menge Bratkartoffeln gleichzeitig zu braten, sondern einer nach dem anderen, so dass man mal Puffer produziert, dann wieder Bratkartoffeln, dann ein Schnitzel, dann wieder Bratkartoffeln, und so weiter, bis der letzte in der Schlange seine Mahlzeit hat.

Das ist gerecht. Sozialistisch gar. First in, first out. Jeder nach der Reihe.

Nur effektiv ist das nicht. Bei einer Gruppe ab 10 Personen vergeht so gerne mal eine halbe Stunde und es bricht völliges Chaos aus, weil sich auch niemand merkt, wessen Bratkartoffeln das nun wieder sind oder wem jetzt diese eine Portion der drei bestellten Kartoffelpuffer gehören. Die hinter der Theke nur versuchsweise freundlich agierende Thekenkraft brüllt das, was gerade fertig ist, über das ganze Areal, was aber manchmal nicht so ganz durchdringt, vor allem, wenn ein Zug der Parkeisenbahn vorbeizischt. Also wird das Essen kalt, weil man das Rufen nicht gehört hat oder es eilen drei Leute mit Kartoffelpufferhunger aus drei verschiedenen Himmelsrichtungen an die Theke, von denen dann aber nur einer was zu essen bekommt.

Es herrscht blankes Chaos, semigrößere Besuchergruppen entgleiten den Betreibern völlig und es schmeckt auch bei weitem nicht so gut, dass man diesen Umstand deshalb durchgehen lassen könnte. Hier stimmt nichts.

Ein Konzept ist auch beim Bezahlen nicht zu erkennen. Manche dürfen vorher bezahlen, manche müssen später, was auch wieder nicht durchdacht ist. Ich wollte vorher bezahlen, durfte aber nicht, der hinter mir durfte hingegen, weil er insistiert hat. Verstehe ich nicht.

Nicht auszudenken, wenn statt der 1/3 der Plätze, die lumpige 10 Leute besetzen, irgendwann mal alle Plätze besetzt sind. Dann geht die Finnhütte mit diesem Konzept völlig unter und kollabiert.

Was bleibt?

Besser was zu Essen mitnehmen in die Wuhlheide. Oder eine Pizza bestellen. Hat man mehr von.

Mittwoch, 28. August 2013

Wurstgrauen - ein Tiefpunkt


Dieser Bratwurststand auf dem S-Bahnhof Frankfurter Allee hat ein Problem mit seiner Wurst. Sie ist scheiße.

Diese Wurst zu beschreiben ohne dabei ausfallend zu werden, ist fast unmöglich. Hätte ich hier am Rand des Blogs eine Begriffswolke mit Schlagwörtern, so würden wir dort Dinge wie unterirdisch, widerwärtig, Zumutung, No-Go, Kriegserklärung, Lebensmittelhasser und spastisches Würgen finden.


Versuchen wir es doch zur Abwechslung einmal ganz sachlich: Die Bratwurst liegt ganz offenkundig überdurchschnittlich lange auf ihrem Grill, wobei die absurde Situation entsteht, dass immer weniger Bratwürste verkauft werden je länger sie da liegen, was wiederum dazu führt, dass sie noch länger liegen, so dass sie keiner will und sie dann noch länger da liegen, was wiederum dazu führt, dass noch mehr Kunden wegbleiben.

Ein Teufelskreis. Bis mal eine arme Sau kommt und sich vor lauter Hunger so eine Bratwurst andrehen lässt.

Ich.

Mit der Bratwurst passiert nach Überschreitung des idealen Garpunkts folgendes: Die schwarz-braun verfärbte Haut wird gleichzeitig hart und trocken, nimmt eine lederartige rissige Konsistenz an und löst sich dabei von dem zusammengeschmolzenen Inneren bis auf etwa zwei bis drei Millimeter ab, wobei sich in dem dadurch entstehenden Zwischenraum ein seltsamer braungetönter fädenziehender Sud mit Kohlearoma bildet, der mit dem tendenziell völlig geschmackslosen Inneren der Wurst eine sehr üble Mischung bildet, die irritierend sauer-salzig daherkommt.


Die Tatsache, dass die Wurst irgendwann weit nach dem Idealzeitpunkt auf eine kühlere Stelle des Grills gelegt wird, wonach sie lau serviert wird, potenziert das Desaster zusätzlich.

Ganz plastisch gesagt: Es ist ein Albtraum in Penisform.


Einmal erhielt ich eine noch nicht ganz fertig gebratene Wurst - Variante „Kräuter“, innen noch kalt und roh, die mich erahnen ließ wie das ideal gebratene Endwerk eigentlich planmäßig schmecken soll.

Das allerdings ist schnell erzählt: Nach nichts.

Die Geschmacksvariation „Kräuter“ ist im Ergebnis nur optisch eine Innovation - hat sie doch grüne Punkte im Brät, geschmacklich bleibt sie in jeder Beziehung so fad wie das Normalprodukt. Sie macht in Konsistenz und Geschmack einen haarsträubend synthetischen Gesamteindruck - keine Spur von würzigem frischem Bratwurstaroma, man kann sich ersatzweise auch einen Brocken zimmerwarmes Fonduefett mit etwas getrockneter Petersilie in den Mund stecken und darauf rumlutschen, das dürfte dem Erlebnis auf dem S-Bahnhof Frankfurter Allee sehr nahe kommen.

Mit der Erfahrung langjähriger Feldversuche auf dem weitreichendem Sektor kulinarischer Terrorcamps stelle ich nüchtern fest: So eine schlechte Wurst ist mir bisher noch nicht untergekommen und es erscheint mir hinreichend wahrscheinlich, dass es auch nicht mehr schlechter geht. Hier stimmen weder Grundprodukt noch Zubereitung. Hier stimmt nichts.

Der maßstabsetzende Tiefpunkt der Berliner Wurstkultur befindet sich derzeit auf dem S-Bahnhof Frankfurter Allee. Meine Glückwünsche.

Montag, 19. August 2013

Bestellburger - bin ich naß?


Ein Lieferservice für Burger - kann das gut gehen?

Nein.

Nein.

Nochmal nein.

Fünftausendmal nein.

Man hätte es wissen können.

Hat er aber nicht.

Der doppelte Cheeseburger ist ein bemitleidenswertes verknautschtes Stück Elend, das noch nicht einmal an die Zumutung eines McDonalds morgens um 3 Uhr am Bahnhof Zoo heranreicht. Die Paddys haben Konsistenz und Geschmack derjenigen von Lidl aus dem Tiefkühler, es würde mich wundern, wenn es andere wären. Der Bun ist nicht ansatzweise angetoastet, sondern völlig unbehandelt und saugt daher den viel zu reichlichen, dafür aber geschmacklosen Ketchup vollständig auf und weicht durch, bekommt gar Löcher. Für 3,50 € ist das Ding merkwürdig klein, so dass ich mir verarscht vorkomme. Bei Burger King firmiert so ein kümmerlicher Zwerg unter Cheeseburger für 1,19 €, zweites Paddy hin oder her.

Geschmacklich ist das nur noch ganz knapp lauwarme Machwerk schwer zu beschreiben. Es gibt da diese fertigen Burger aus der Packung, vorwiegend an Autobahnraststätten direkt von der Mikrowelle an die Fernfahrer gebracht. Genau so.

Nein, es ist ein trauriges Stück Lebensmittel am unteren Ende der Kellertreppe. Niemand sollte so etwas essen müssen. Ich habe es nicht aufgegessen.

Der andere bestellte Burger für irgendwas um die 6 Euro ist zumindest größer, im Ergebnis jedoch genauso unterirdisch. Schlimm, wenn man feststellt, wie viel man für etwas abgedrückt hat, was niemand, absolut niemand, essen müssen sollte.

Die fahrlässigerweise mitbestellten Pommes sind natürlich kalt, ungesalzen und labberig. Auch das sollte konsequenterweise niemand essen müssen. Dieser Gedanke zieht sich hier bei Buddys Burger durch bis zum Verenden. Niemand sollte das essen müssen.

Der in völliger mentaler Umnachtung mitbestellte Krautsalat entpuppt sich als Sahnesuppe mit Krauteinlage und schmeckt nach Sahnesuppe mit Krauteinlage. Man sollte das als Nahrung für jemanden vorsehen, aus dem man noch ein Geständnis für die Ermordung von Vater, Mutter und Chihuahua herauspressen will. Danach gesteht der alles, die Ermordung von Kennedy, die Bauernkriege, die Bankenkrise, das Elbe-, Oder- und Nil-Hochwasser und zu allem Überfluss meine Blähungen nach diesem fürchterlichen Essen.

Können zuletzt die Buffalo Wings für 5,95 € irgendetwas retten?

Nein. Auch die nicht. Man schmeckt bzw. fühlt ihnen zu deutlich den Sonderpreis mit dem roten Etikett ("Muss raus. Schnell!") beim Großhändler an. Durchsehnt, hart, trocken, das Fleisch hat sich teilweise schon vorauseilend vom Knochen gelöst und die Haut ist zwar mariniert, aber unknusprig. Es ist im Ergebnis das Minderwertigste an Wings, dessen man offenbar habhaft werden konnte und man verkauft sie zu einem vergleichsweise unanständigen Preis. Wenigstens waren sie das einzige Produkt in der gesamten Bestellung, das noch einigermaßen warm war. Retten kann das trotzdem gar nichts. Ein Desaster.

Buddy. Freund. Hier kommt mein Mantra: Hör damit auf. Züchte Begonien, mach einen Holzhandel auf, eröffne einen Kiosk oder pachte eine Tankstelle, aber hör auf, Lebensmittel zu verticken. So geht das nicht.

Und ich? Bin ich naß? Auf jeden Fall. Schlimmer ist schwer. Und man hätte es wissen können.

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Buddys Burger
Berliner Allee 160
Weißensee

Samstag, 18. Mai 2013

Oh nein! Er fraß wieder Franchise!


Ich hab es wieder getan. Gelockt von Duft. Lockduft. Hunger. Da kommt Lockduft nicht ganz so gelegen. Weil man dann essen muss. Unverzüglich. Sofort. Schnell.

Am Bahnhof Ostkreuz

Asiagofresh.

Was? 

Asiagofresh.

Nix versteh. Morgen andere Baustelle.

Asiatisch gehen frisch!

Dat Ding im Bahnhof Ostkreuz?

Dat Ding im Bahnhof Ostkreuz.

Du Depp.

10 verschiedene Gerichte auf irgendwelchen Schildern. Klingen alle gleich, außer die prekären Chinanudeln, die klingen nach Bahnhof Ostkreuz und die würde ich maximal kurz vor dem körperlichen Kollaps infolge akuten Verhungerns essen, für die zweifuffzig.

Der Rest ist auch nicht gut und du weißt das.

Was nehm ich nur? Das Meiste steht schon fertig in Eimern herum und wartet auf das Vermischen.


Irgendwas Rindartiges für 7,90 €, damit bin ich auf der sicheren Seite. Das Teuerste ist bestimmt das Beste.

Ist es nicht. Nicht am Bahnhof, du Irrer.

Stimmt. Ist es nicht. Es ist salzig. Sehr salzig. Glutamatig. Ich krieg schon nach dem ersten Löffel Durst wie ein Schwein.

Löffel?

Ja, Löffel. Stäbchen gibt es hier nicht oder wahrscheinlich nur auf Anfrage.

Das ist ein ganz schlimmes Zeichen. Ein Zeichen von wenig Stil. Ist dir das klar?

Argh. Durst. Durst. Wasser. Mehr Wasser. Ich sauf die Spree aus. Au meine Güte, ist das salzig. Und winzig. Eine jämmerliche Portion für den Preis. In fünf Minuten eingeatmet. Danach immer noch Hunger. Snickers her. Zum Sattwerden.

Das war abzusehen. Wer so bescheuert ist, da zu essen, der zahlt das Snickers zu Recht.

Ja. Schon wieder reingefallen. Schon wieder eine dieser Asiaketten in Bahnhofsnähe. Asiagofresh. Asiagourmet. Asialeckmichdoch.

Kiezneurotikerhunger. Kiezneurotikerungeduld. Kiezneurotikervollhonk.

Memo: Bahnhof. Bleiben lassen. Immer.

Machste eh nich.

Stümmt.

Mittwoch, 24. April 2013

Harz: Gaststätte und Biergarten Capitol


Was herauskommt, wenn blumige Prosa auf knallharte Wirklichkeit trifft, kann man in der Gaststätte Capitol in Wernigerode besonders schmerzlich erleiden. Offeriert war eine Entenbrust an Walnusssoße mit Rosenkohl und Knödeln für irgendwas um die 13-14 Euro.

Warum ich das bestellt habe, weiß ich selber nicht. Ich glaube, mir erschien vor meinem völlig umnachteten Auge im Hungerwahn kurz vor dem Delirium eine auf Walnussöl basierende Vinaigrette, die ein zartrosa und durch die Haut gegartes Stück Ente wie ein Hauch umschlingt und von raffinierten Beilagen dezent begleitet wird.

Was kam, war ein Tiefschlag: Auf dem Teller befand sich ein totgebratenes graues Stück Fleisch mit einer gallertartigen Haut, trocken, betongrau, zäh und komplett durch, das man in einer bizarren Masse dicker schwerer Rotweinsoße ersäuft und unter einem Teppich aus groben Walnussbrocken begraben hat.

Die beiden Dum-Dum-Geschosse aka Gummiknödel waren natürlich aus der Tüte, weil es auch bei den Beilagen keinen Lichtblick geben darf.

Und so wollte auch der Rosenkohl nicht so recht der einzige sein, der auf dem Teller positiv hervorsticht und kam merkwürdig matschig, dabei unpassend säuerlich im Abgang und in viel zu viel Butter geschwenkt daher, um gut zu sein.

Um das Desaster perfekt zu machen, übermatschte man beide Beilagen mit überhaupt nicht knusprigen, da in viel zu viel Butter gebadeten Semmelbröseln. Herrlich.

Es war mein Fehler.

Denn niemand saß und aß da. Ganz Wernigerode war voll mit Touristen bei wunderschönem Wetter und überall waren alle Freiflächen belegt. Nur hier nicht.

So ein Desaster hätte man in weniger unterzuckertem Zustand voraussehen können. Eher müssen.

Mein Fehler. Kommt nicht wieder vor.

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Gaststätte und Biergarten Capitol
Burgstr. 1
38855 Wernigerode 

Dienstag, 23. April 2013

Harz: Der Brockenwirt


Ich steige auf dem Brocken aus der Geisterbahn. Hunger. Großen Hunger. Loch im Bauch.

Es gibt oben auf dem Hügel exakt drei Stellen, an denen man etwas essen kann. Und exakt alle drei gehören dem Brockenwirt. Das lässt Schlimmes erwarten.


An der Außenwand des bunkerartigen Gebäudes steht in großen Lettern "Touristensaal". Warum fallen mir jetzt nur Begriffe wie "Deppensammelstelle" oder "Idiotenhalde" ein? Steht gleich einer hinter der Tür und platziert mich?

Ich betrete den "Touristensaal" und fühle mich sofort an einen Albtraum von Kantine erinnert. Es gibt Tabletts, speckig, Aluschienen, speckig, auf denen man die Tabletts schieben kann, billigstes Mobiliar, speckig, keinerlei Ambiente und deutsche Küche übelster Machart: Bockwurst, Gulasch, Jägerschnitzel und alle weiteren üblichen Grausamkeiten aller Regionalbahnhof-Ranzbuden dieses Landes.


Der Raum atmet immer noch Politbüro. Ganz klar. Ohne Frage. Die hässliche Fratze des Realsozialismus erhebt hier immer noch ihr untotes Haupt. Das Personal ist irgendwie grau, wortlos muffelig und reagiert nur stoisch bis phlegmatisch auf Ansprache jeder Art. Jede Zelle meines Körpers fühlt sich unwillkommen. Bis in die Haarspitzen. Die Abneigung ist fast greifbar.

Currywurst, Pommes und Kartoffelpuffer mit Apfelmus erscheinen mir bei der finsteren Auswahl das geringste aller Übel.

Falsch gedacht.

Ich habe schon viel Unsinn gegessen, aber das Zeug vom Brockenwirt toppt alles:

Die (ungeschnittene) Currywurst hat aufgrund einer offenbar langen Liegezeit eine bizarre bräunlich-lederartige Epidermis gebildet, die sich vom Fleischbrät im Inneren abhebt und im dadurch entstehenden Zwischenraum teilweise Fäden zieht. Die Lederhaut lässt sich mit den stumpfen Messern nur ungenügend schneiden, der Schrumpf-Brät flutscht dadurch gerne mal vom Teller, wobei er nur unzureichend von der irrwitzigen Unmenge Ketchup gebremst wird und diesen im Raum verteilt.

Der Ketchup ist mit Zumutung noch viel zu sanft umschrieben und schmeckt so irritierend säuerlich, dass ich mir eine Zeitlang Essig als gutgemeinte Beigabe eingeredet habe.

Curry ist mir leider nicht über den Weg gelaufen.

Die Pommes lagen schon, als ich zehn Minuten vor der gruseligen Theke hin und her überlegt habe, ob ich mir das hier tatsächlich antun soll, in einer Wanne bereit und ich realisierte nur Sekunden nach der Bestellung, dass dies mitnichten die Fritten für die Entsorgung sind, sondern meine, jene, die seit langem nur auf mich warten. Sie waren wie erwartet kalt und hart. Natürlich waren sie das.

Und ich hab den Scheiß gefressen. Komplett. Bis auf den sauren Ketchup.


Und weil das noch nicht reicht, lassen sich die Kartoffelpuffer zuletzt in Optik und Geschmack höchstens noch mit Astronautenkost vergleichen, wobei das Zeug selbst ein skorbutbefallener Astronaut auf dem Mond kurz vor dem Verhungern abgelehnt hätte. Sie entstammen hier ganz klar dem Tiefkühler (ich hab letztens bei Lidl einen 20er-Pack für 1,79 Euro gesehen) und ihr fehlender Eigengeschmack kann auch vom billigsten aller Apfelmuse nicht gerettet werden. Furchtbar.

Die Currywurst und die Pommes schlugen mit 6,10 Euro zu Buche. Ohne Getränk.

Hardcore - hier auf dem Hügel, aber sicher, im Privatmonopol kann man es ja machen und die im Schnitt deutlich betagte Besucherschaft kann sich solche Mondpreise nicht nur offenbar problemlos leisten, sondern kennt solche Nährmittel auch noch vom Russlandfeldzug, die schockt nichts mehr.

Ja, hier auf dem Brocken zeigt sich die deutsche Geschmacklosigkeit von ihrer hässlichsten Seite. Ich könnte mir Gummi-Bockwürste rechts und links um die Ohren hauen, dass ich nichts zu Essen mit an diesen grauenhaft ungastlichen Ort in der Harzer Höhe genommen habe.

Im Vergleich zu Frankreich zeigt sich übrigens die Kultur- und Niveaulosigkeit der dumpfdeutschen Gastronomiewelt in der unmittelbaren Umgebung von Sehenswürdigkeiten am deutlichsten: Der französische Fremdenverkehrsverband würde einen Sternekoch dazu bewegen, an einem solchen Ort Speisen anzubieten, die das Renommee des Ortes heben und seinen Ruhm in die ganze Welt ausstrahlen lassen würden. Wie zum Beispiel auf dem Eiffelturm, auf dem das Sterne-Restaurant "Jules Vernes" den Gourmet empfängt. Stünde der Eiffelturm in Deutschland, würde man dort oben Bockwurst mit Senf servieren. Und vielleicht noch Jägerschnitzel mit Pommes.

Aber nur auf Vorbestellung.

Wenn es nicht gerade aus ist.

Und der Koch an die Tütensoße gedacht hat.

Und an die Dosenpilze.

Und draußen nur Kännchen.

Mittwoch, 17. April 2013

Versprengte Hansel essen Unsinn


Wie man ein Frühstück für ein paar versprengte Hansel völlig vergeigen kann, kann man in einem Lokal namens Eosander bewundern.

Morgens. Charlottenburg. Irgendwo im Westen. Das Restaurant ist völlig leer. Die paar versprengten Hansel bestellen Frühstück. Nach etwas über 20 Minuten kommen die Frühstücke und erwartungsgemäß hat sich keiner gemerkt, welcher der versprengten Hansel was bestellt hat, am allerwenigsten der mit den paar versprengten Hanseln völlig überforderte Service. "Wer hatte jetzt das Chef-Frühstück? Wem ist der O-Saft? Der doppelte Espresso war wo? Zweimal Bauernfrühstück, wo war das jetzt nochmal?" Heilloses Durcheinander, keiner weiß nix, Teile fehlen, völlige Konfusion, fünf Minuten gemeinsame Rätsellösung aller Beteiligten, wo wem was gehört. Der mit dem englischen Frühstück hat jetzt ein kaltes englisches Frühstück. Schwach.

Eines fehlt. "Oh. Hatten Sie auch Frühstück?" "Ja." "Was für eines denn?" "Auch das englische." "Ja, das ist gleich fertig, eine Minute." Die Minute dauert zehn. Verarsch uns doch. Man hat es natürlich vergessen, dafür Nebelkerzen geworfen und gehofft, dass es keiner merkt. Arm.

Mein italienisches Frühstück für feudale 9 Euro wird angepriesen mit rohem Schinken.

Italienisches Frühstück. Parma, denke ich da. Vor allem bei 9 Euro.

Nein.

Nein.

Nochmal nein.

Es ist kein Parma, es ist billigster fettiger Tiroler Schinkenspeck, der dem von Lidl verräterisch ähnlich ist, eingerahmt vom billigsten aller Mozzarellas, geschmacklos geschmacksarm, und einer traurigen Scheibe Mortadella, der die Pistazienstücke rausgefallen sind, was in den daraus entstandenen Löchern braune Ränder hinterlassen hat. 

Ein zerfetztes Basilikumblatt gibt es auch, mit dem ich nur untauglich versuchen kann, dem üblen Mozzarella ein wenig Geschmack zu geben. Liebloses Obst in Form einer komplett mit Kernen durchgeschnittenen Orangenscheibe und einer hauchdünnen irritierend neutralen Honigmelonenscheibe flankiert eine Hotelplastikportion Nutella. Das war es dann auch schon. Übel.

Warum eigentlich Nutella auf dem italienischen Frühstück?

Weil Ferrero ein italienisches Unternehmen ist?

Egal, das Nutella muss ich mir zu allem Überfluss auf genormte billige Industrieschrippen wie von der Tanke schmieren. Kein Toast. Kein Schusterjunge. Kein Geschmack. Nur Industrieschrippen. Buargh.

Und den ganzen Unsinn von überteuertem Billigfrühstück kann ich zuletzt mit dem Espresso runterspülen, dessen Maschine schon viel zu lange keinen Entkalker gesehen hat. Bitter. Kalkig. Und sicher nicht die besten Bohnen. Magenwand olé.

Nein.

Das ist kein gutes Frühstück, dort, gegenüber vom Schloss Charlottenburg. Irgendwo im Westen.

Da kann man es ja machen. Wer hier isst, ist Tourist oder aus Prenzlauer Berg versprengter Hansel. Und die kommen nicht wieder. Ich auch nicht.

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Restaurant Eosander
Spandauer Damm 3
14059 Berlin

Montag, 15. April 2013

Prekär - Prekärer - Chinanudeln


Die Frage nach dem hoffnungslosesten Ort der Hauptstadt ist bis auf Weiteres beantwortet. Es ist das Asia-Wok-Armageddon-Büdchen am S-Bahnhof Treptower Park.

Schon der Eingang wird beherrscht von einer bizarren Dunstwolke - einerseits erdrückend schwer und fettlastig, andererseits so filigran, dass sie sich schon vor Betreten des Lokals unlösbar an Jacke, Hose und sogar Schuhen festsetzt und mit Gewebe, Leder, Haut sowie Haaren eine nur noch mit Terpentin lösbare Legierung bildet.

Das Ding war früher in einer Art Geräteschuppen untergebracht, der entweder noch aus Zeiten der Einwanderung der Hugenotten stammte oder als Kriegbeute beim Einmarsch der Wehrmacht aus einer ukrainischen Datschenkolonie geraubt wurde. Man hat die Baracke nun eingerissen oder irgendein Hipster hat sie sich in den Garten gestellt - Vintage! - und jetzt steht da ein Neubau in gewohnt abstoßender Klotzoptik zum Davonrennen.

Die Inneneinrichtung scheint mir hingegen noch die alte zu sein wie zu Barackenzeiten. Sie muss den Vergleich mit der Suppenküche der Polytechnischen Oberschule Berlin-Lichtenberg 1959 nicht scheuen. Es ist wahrscheinlich auch genau diese.

Es fällt auf, dass dem Entfernen des zwangsläufigen Fettfilms auf der Abzugshaube und in allen teils bereits schwarz eingefärbten Ecken wenig Zeit gewidmet wird. Ein leichtes Schütteln gepaart mit der Angst, etwas anzufassen begleitet mich während des ganzen Besuchs. Für 2,50 für die fiesen Nudeln mit Huhn kommt das Vergnügen an diesem Ort billiger als Geisterbahn auf der Kirmes oder Saw XVIII im Kino.

Kulinarisch hat man es geschafft, den ohnehin unterirdischen Qualitätsstandard aller fiesen U-Bahnhof-Glutamathöllen Berlins noch zu unterbieten. Die bemitleidenswerte mausgraue Masse aus Fett, Glutamat, Dosensprossen und Industriehähnchen bildet schon direkt hinter dem Gaumen einen trockenen, aber dennoch zähen Klumpen, so dass ich mir gerne eine Klempnerspirale in den Hals gedreht hätte, hätte ich eine zur Hand gehabt.

Das Publikum besteht aus dem sonst vor dem S-Bahnhof ziel- und planlos herumlungernden Bieradel, der hier das halbstündliche Sternburg erwirbt. Ein wenig kaufmännisches Flair blitzt nur dann auf, wenn einer der im Umkreis des Treptower Parks wirkenden Dealer hier isst.

Ja, nach dem ersten Aufstoßen chemie-brackig-salziger Lava bin ich sicher: Die Frage nach dem hoffnungslosesten Ort der Hauptstadt ist bis auf Weiteres beantwortet.

Dienstag, 9. April 2013

Fies ist gar kein Ausdruck


Kreuzberg. Mittag. Ich habe Hunger. Die Pizzeria La Romantica sieht von außen nicht nur überhaupt nicht einladend aus, sondern geradezu abschreckend. Es stinkt nach Endzeit in diesem fürchterlich grauen 60er-Jahre-Bunkerbau, der schon kurz nach Erbauung seine besten Zeiten hinter sich hatte.

Der Schuppen ist nicht nur vom Namen, sondern auch von der Inneneinrichtung her vollkommen 80er. Man kultiviert hier als lebendes Uralt-Klischeefossil ein Abziehbild derjenigen muffigen Vorstadt-Pizzerien, in deren holzvertäfeltem Ambiente seinerzeit der unvermeidliche Eros Ramazotti in Endlosschleife lief, bis mir als Kind die Darmwürmer freiwillig aus den Ohren fielen.

Alles ist hier mittlerweile ein wenig abgekämpft, verhärmt, nur die gruseligen Klischeeservietten in italienischen Landesfarben mit dem Aufdruck "Bon appetito", die von den türkischen Inhabern möglichst schief auf den Tischen verteilt werden, wirken frisch. Immerhin.

Lasagne. Prego. Was ist die schlimm. Es gab mal eine Zeit, in der die Tiefkühllasagnen im Alubett von Aldi für 1,49 DM mir am Monatsende das Leben gerettet haben und weit besser waren als diese hier.

Es ist eine pervers neon-orange blubbernde Sahne-Suppe, durchsetzt von gummiartigem und nur schwer zerkaubarem mozzarella-simulierenden Käse, der die wahllos verteilten Teiglappen knetgummiartig zusammenzuhalten versucht, aber es nicht schafft. Ein wenig Faszination des Ekels kommt dann auf, wenn man in eines dieser fünf reichhaltigen Crème Fraîche-Depots beißt, die - Überraschung - schmecken wie ein heißer Löffel Crème Fraîche. Grauenhaft.

Dann lieber Pizza.

Ich habe bei der Pizza angesichts des Preises Dosenzutaten, Billigwurst, neutralen Käse und Instantteig erwartet und habe Dosenzutaten, Billigwurst, neutralen Käse und Instantteig bekommen. Bravo. Ziel erreicht. Mir ist schlecht. Kann ich jetzt gehen?

Zumachen. Aufhören. Dönerladen draus machen. Oder ein Nagelstudio. Bubble Tea. Oder was anderes, Schreckschusspistolen, Angelbedarf, Tabledance, egal, bloß nicht mehr das, was hier momentan auf die armen Irren losgelassen wird, die sich hier tatsächlich noch reintrauen. Fies ist gar kein Ausdruck.

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Pizzeria La Romantica
Schlesische Str. 7
10997 Berlin

Mittwoch, 27. März 2013

Die mieseste Pizza der Hauptstadt


Nachdem die Frage nach dem miesesten Döner der Hauptstadt beantwortet ist, bleibt als letztes ungelöstes Rätsel in Fragen kulinarischer Bootcamps nur noch das der miesesten Pizza der Hauptstadt.

Und das ist einfach: Amigo.

Dass sich die Pizza des Restaurants Amigo auf der Halbinsel Stralau Pizza nennen darf, ist eine Blasphemie.

Als das Werk damit begann, mit seiner Anwesenheit meinen Tisch zu entweihen, musste ich kurz lachen. Anderswo, zum Beispiel beim Bäcker um die Ecke, firmiert so ein Ding unter Pizzaschnitte, dieser kleine schrumplige Fladen, der seinen sowieso schon viel zu kleinen Teller nur knapp zur Hälfte ausfüllen kann.

Fünf Euro soll sie kosten, die Schnitte - Respekt, das ist vor dem Hintergrund der kümmerlichen Optik ambitioniert.

Und sie ist keinen Euro davon wert.

Auf der Oberfläche des bedauernswerten Mutanten haben sich einige Käsenester gebildet, dick, schwer, gummiartig und in ihrer maximalen Ausdehnung etwa fünfmal so dick wie der Teig, zähe schwer verdauliche Käseklumpen, die sich mit dem stumpfen Messer nur unzureichend schneiden lassen. Man muss sie auseinanderschaben wie Spätzleteig, diese Nester, wobei man den von viel zu säuerlichen Pepperonis aus dem Glas durchgeweichten Pizzaboden gleich mit auseinanderrupft, was ein Schlachtfeld auf dem Teller hinterlässt. Nur ohne Leichen - wenn man von der Salami absieht.

Der Teig bildet aufgrund des Durchweichens mit Pepperoniwasser eine zähe Legierung mit den fürchterlichen Käsenestern, so dass ich das Gesamtgebilde am liebsten zusammengeknüllt und als Gummiball gegen die Wand geworfen hätte, wo es als Mahnmal für alle, die so verrückt sind, hier essen zu wollen, für alle Ewigkeit kleben geblieben wäre.

Geschmacklich sticht kaum etwas aus dieser kulinarischen Kriegserklärung heraus, außer der völlig deplatzierten und unangenehm säuerlich daherkommenden Pfeffer(!)salami, die so wenig auf eine Pizza passt wie eine Prenzlmutter in einen Dessouskatalog und nur einen weiteren traurigen Tiefpunkt unter das sowieso schon geschmacklich unterkellerte Machwerk setzt.

Der Käse sollte sich darüber hinaus nicht Käse nennen dürfen, denn er ist nur zäh, dafür ohne jeglichen Eigengeschmack, man möchte was damit modellieren, wie mit Knetgummi im Kindergarten, eine Skulptur oder einen Wegweiser zur nächsten Kochschule, der Gummikäse, er ist auch verantwortlich für das brackige Aufstoßen noch Stunden später.

Börks.

Ich habe zwei Marsriegel hinterhergeworfen, um das pelzige Gefühl im Rachen loszuwerden. Es hat nichts geholfen.

Börks.

Salmiakpastillen auch nicht.

Börks.

Ich wollte es mit Chlorreiniger versuchen, aber ich habe den kindersicheren Verschluss nicht aufbekommen.

Börks.

Bei allen Göttern des Himmels, das ist wirklich ein übles Stück Scheißdreck, dieses kleine, hässliche, fiese Ding und ich stelle mit dem Brustton der Überzeugung fest, dass es die schlechteste Pizza der Hauptstadt tatsächlich auf der ansonsten sehr schönen Halbinsel Stralau gibt. Meine vorzüglichste Verachtung dafür. Egal wo, in Moldawien, Usbekistan oder Nordkorea, eine Pizza kann nicht mehr schlechter schmecken und übler aussehen als hier, nicht einmal in Brandenburg an der Autobahnraststätte.

Börks.

Erst jetzt wird mir klar, warum nie jemand hier drin sitzt und ich mich seit Jahren frage, wie sich ein Lokal ohne Gäste angesichts der stadtbekannten hohen Mieten auf Stralau hält.

Börks.

Haben wir denn keinen Lichtblick an diesem trostlosen Ort?

Ja, doch, meinetwegen, ich habe tatsächlich frische Champignons auf der Pizza gesehen, die Armen, es muss ein Versehen gewesen sein oder es ist vielleicht tatsächlich der gutgemeinte Auftakt einer Qualitätsoffensive, die hier an diesem Ort so dringend geboten ist wie nirgendwo sonst. Am Ergebnis jedoch ändert aber auch das …

… nichts.

Börks.

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Amigo
Alt Stralau 61
10245 Berlin

Dienstag, 12. März 2013

Nachwendegeräteschuppen



Star Burger an der Ostseestraße Ecke Prenzlauer Allee. Dass dieser Schuppen noch steht, überrascht mich jedes mal, wenn ich daran vorbeilaufe. Meistens trinken die Trinker dort ihre Morgen-, später dann ihre Mittags- und Abendmolle und manchmal isst sogar einer mal was hier.

Ich.

Ende des Monats und so.

Wenn mir der ewige Fleischrestedöner zu den Ohren rauskommt.

Dieses Ding sieht aus, als hätte man es 1990, als die Marktwirtschaft hier einzog, in der Eile errichtet und seitdem sich selber überlassen. Eine ständige Fotoausstellung im Innenbereich dokumentiert die Aufbauarbeiten und die "Entwicklung" im Laufe der Jahre. Es beginnt tatsächlich kurz nach der Wende mit ein paar Brettern und endet mit der Westwand, die man kürzlich gestrichen hat. Gelb.

Für die Front hat es seither nicht gereicht.

Und so hilft es nix, die alte verwitterte Baracke mit ihrem ganz eigenen erbärmlich selbstgezimmerten Charme strahlt eine Verzweiflung aus, die man sonst nur in der Storkower Straße auf einer Linie nordwestlich des S-Bahnhofs Landsberger Allee auf Höhe des Jobcenters in den windigen Schluchten der deprimierenden Plattenbauten vorfindet. Gentrifizierung? Hier nicht. No way. Saufbruder Kalles Geräteschuppen am nördlichen Ende des Kleingartenvereins Möllersfelde in Französisch-Buchholz strahlt mehr Optimismus aus. Und seine Sickergrube auch.

Ja, irgendwas lief hier schief seit der Wende, alle Moden und Gezeiten gingen vorbei ohne positiv zu wirken. Selbst die neue hippe Burgereuphorie - jeder abgebrochene Student finanziert sich einen Edelstahlgrill, ein paar Barhocker und macht ne schicke Burgerbutze mit Neuland-Fleisch auf - kam hier nie so richtig an. Es ist immer eine Trinkhalle ohne Stil geblieben. Eine Bretterdatsche mit Bierausschank. Mit dem verwegenen Häufchen Wendeverlierer, die hier immer noch ausharren, wenn der Penny Markt schon zu hat, und die ihre Nationalhymne rülpsen, wenn Deutschland in der WM-Qualifikation gegen die Färöer-Inseln gewinnt.

Was man hier so essen kann, ist uninspiriert gewöhnlich, die Burger sind sogar größtenteils ziemlich schlecht. Auch der angebotene "Big Boss", diese rohrkrepierende Kampfansage an den "Big King" und den "Big Mäc", startet als Tiger und endet als trauriges Stück Fleischklops mit einem durchgeweichten Häppchen Salat und einem Spontandepressionen verursachenden Zwiebelhalbmond mit Restschale in viel zu viel gelber Lidl-Burgersoße.

Der Gipfel der Obszönität ist jedoch der "Monster Burger XXL", der aus drei überdimensionalen Bratlingen besteht, um die aus Alibigründen ein wenig matschiges Brötchen gewickelt und in die ein welkes Salatblättchen eingefaßt ist. Gefühlte drei Kilo pures Fleisch à 8,40 € für echte Kerle. Okay, zugegeben, so ein Vieh sucht man bei McDonalds und Burger King (doch doch - das Ding ist noch krasser als ein Triple Whopper) vergebens, doch das hat seinen Grund. Das isst kaum einer, der bei Verstand ist. Selbst die Mettigelgesichter im Nationaltrikot nicht, die sich hier tagtäglich an ihrem Pils festhalten, um nicht vom Stuhl zu fallen.

Die Fritten zum Burger sind natürlich indiskutabel und knüllen sich auf der Stelle zu einem festen Klumpen in Magen und Darm zusammen, den man nur mit Rhizinosöl, Fleckentferner oder einer Klempnerspirale aufgelöst bekommt. "Chef, ich hab Magen-Darm, muss mich leider krank melden heute. Jaja, geht rum momentan. Tut mir ja so leid, dass das spannende Meeting heute ohne mich stattfinden muss. Ich bin untröstlich."

Ich habe aber die böse Ahnung, dass diese verdammte Bretterbude mich überleben wird, mir irgendwann bei meiner Beerdigung einen zerknautschten "Big Boss" als letzten Gruß ins Grab hinterherwerfen und sich dabei klammheimlich darüber amüsieren wird, dass es sie auch in weiteren hundert Jahren geben wird und mich nicht.

Trinkhalle. Datschenkolonie. Endstation. Ich seh da nur selten jemanden essen. Außer mir. Ende des Monats und so weiter.


Samstag, 9. März 2013

Der Drehspieß des Grauens


Das Melissa Bistro in der Corinthstraße versauert in den Räumen eines ehemaligen sudanesischen Imbisses, der hier in dieser abseitigen Ecke des trübsinnigen Netto-Discount-Gebäudes sang- und klanglos eingegangen ist.

Es ist ein trauriger und einsamer Ort. Fettige Boulevardblätter vom Vortag wehen unmotiviert auf den nachlässig geputzten Tischen umher, der örtliche Verticker weißrussischer Stahlwolle-Kippen steht am Daddelautomaten und verzockt seine Tageseinnahmen, Lungenkrebskandidaten quarzen sich die letzten Lungenbläschen kohlrabenschwarz und ich bin auch da. Auf nen Döner. Weil der Monat leider immer noch nicht rum ist.

Sonst ist hier nur selten jemand zu sehen - ebenso wenig wie Perspektive.

Es kostet Überwindung, diese Aura von Wartehalle zu ertragen - kahle Wände, absolut unpassend in hellem Rosa gestrichen, weiße Zahnarzt-Deckenplatten, Neonlicht. Knastkantinenatmosphäre. Es zieht. Kalt geworden wieder in Berlin.

Hier isst kaum jemand. Das merkt man daran, dass der Dönergrill oft ausgestellt ist und erst befeuert wird, wenn sich tatsächlich mal ein Verrückter hier zum Essen niederlässt. Ich zum Beispiel. Weil der Monat und so...

Das Neu-Anfeuern des alten Hacks hat zur Folge, dass die bereits vor einiger Zeit angekokelte, aber inzwischen erkaltete oberste Schicht mit einer zweiten, außergewöhnlich krossen Patina bedacht wird.

Dieses bemitleidenswerte Fleisch gibt aus Protest über seine Vergewaltigung jegliche Flüssigkeit samt Geschmack über das reine Fett hinaus komplett ab und hinterlässt einen merkwürdig brackigen Film im Hals, der noch über Stunden nachwirkt.

Das Fladenbrot wird in konsequenter Weiterführung der Well-done-Philosophie derart großzügig getoastet, dass es eine harte, unangenehm ins keksige gehende Konsistenz annimmt, in deren Folge größere Nuggets abbrechen und sich auf dem Teller zu moderner Kunst zusammenfinden. Cantuccini kommen mir in den Sinn, diese steinharten italienischen Kekse, die es aus unerfindlichen Gründen seit Jahren auf unseren Meetings gibt. Wahrscheinlich hat da jemand eine Tonne Konkursmasse aufgekauft oder es ist immer die gleiche Packung - seit Jahren.

Im Melissa Bistro gibt es auch Schnitzel, bei dem man die völlige Diskrepanz zwischen der Abbildung auf der Werbetafel und seiner tatsächlichen Gestalt je nach Gemütslage als Euphemismus oder Kriegserklärung auffassen kann.
Auf der Werbetafel präsentiert sich saftiges kerngesundes Fleisch, frisch geschnitten aus dem ganzen Stück und nach dem Panieren direkt von der heißen Pfanne goldbraun saftig geküsst.
Auf dem Teller entpuppt sich das traurige Endprodukt dann als im Pommesfett frittiertes billigstes Formfleisch mit Industriepanade (zu offensichtlich direkt und ohne Umwege aus dem Tiefkühler des Netto-Discounters nebenan), das im Rahmen des Frittiervorgangs die Konsistenz eines Briketts annimmt, wobei die Panade zum einen steinhart als auch seltsam schwarz-dunkelorange mutiert und das weiße Fleischbrät im Inneren (es könnte sich sowohl um Schwein als auch um Hähnchen handeln, vielleicht auch um Tofu oder eine Mehlmasse) völlig austrocknet. Es ist keinerlei Eigengeschmack festzustellen außer wieder einem leicht brackigen Fettaroma im Abgang.

Die Currywurst zuletzt besteht aus einer Bratwurst, die aus dem rohen Zustand heraus frittiert und danach mit Ketchup und Currypulver geduscht wird. Apokalypse now.

Das ganze Inferno von Dönerbutze ist eine fiese Prüfung der Festigkeit meiner Magenwand und es tut allein schon weh, der Zubereitung zuzuschauen. Die armen Lebensmittel.

Nicht gut.

Alles nicht gut.

Diese Worte ziehen eine Schneise durchs Melissa.

Hier kann keiner Nahrung.

Endzeit, Freunde, der ganze Ort riecht nicht nach Aufbruch, er stinkt nach Untergang.

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Melissa Bistro
Corinthstraße 32
10245 Berlin  


Donnerstag, 24. Januar 2013

Herr Stahlmagen geht essen

Herr Stahlmagen geht essen

Herr Stahlmagen geht essen. Er ist sehr eigen, er möchte möglichst schlecht essen, um im kulinarischen Stahlbad zu testen, ob es die Magenwand in ihrem Alter noch bringt. Das fällt ihm in Berlin, der Stadt, in der er wohnt und die er aus irgendwelchen perversen Gründen liebt, immer sehr leicht.

Steakhaus Silverado in Friedrichshain. Sieht schon von außen fürchterlich aus. TexMex-Schrott meets Instantpizza meets 50%-Rabatt-Steaks.

Herr Stahlmagen ist guter Dinge und freut sich.

Und so läuft in Herrn Stahlmagens degeneriertem Hirn ein potthässliches Nummerngirl ohne Zähne, dafür mit Elefantenohren und eingewachsenen gelben Fingernägeln, von denen die prekären bunten Plastikschaufeln schon abblättern, durchs Bild - in der Hand ein Schild: "Pizza".

Eine Pizza kostet hier irgendwas um die 4,90 € und ist nach fünf Minuten fertig. Das sagt eigentlich schon alles. Ein Blick von oben auf grünes Gestrüpp lässt nur vermuten, dass sich darunter noch Pizza mit dem angepriesenen Parmaschinken befindet. Man wünscht sich neben Messer und Gabel eine Heckenschere, um den Rucola-Dschungel zumindest teilweise zu roden. Oben auf dem Rucola befindet sich Sand … viel Sand … oder … was zum Teufel … Himmel nein! Es ist Parmesansimulation aus dem Streuer! In Massen - ein wahres Sandgebirge, ein Ungetüm, ein Overkill, man möchte pusten, staubsaugen, alles wegwedeln, aber bestimmt nicht reinbeißen. Hat jemand eine Schaufel? fragt Herr Stahlmagen. Bagger vielleicht? Knirsch. Sand im Mund. Knirf. Knarf. Da haben wir wohl irgendwas mit dem Parmesan falsch verstanden. Hart. Hart wie der gegrillte Schinken auf dem Teig aus der Teighölle - ein Schinken im Übrigen, der gar kein Parma ist, sondern durchwachsener Billig-Tiroler mit viel Fett. Uargh. Hardcore. Aber noch lange nicht schlecht genug.

Noch ein Nummerngirl läuft durch den kranken Geist von Herrn Stahlmagen, noch hässlicher als die vorige. Hat sie nur ein Auge? Und das auch noch auf der Stirn? Und was hängt ihr da Graues aus dem Mund? Zunge? Ein Stück Schweinedarm? Auch sie trägt ein Schild: "Espresso".

Der Espresso kostet entweder nichts oder nicht viel, das ist bei der hoffnungslos intransparenten Preisgestaltung mit den schreienden 50%-Aufklebern an der Fensterscheibe, von denen nie klar ist, wann und für was sie eigentlich gelten, nicht genau auszumachen und eigentlich auch egal, denn er ist nur ersteres wert. Nach dem ersten Schluck kommt der Wunsch auf, man hätte vorher ein paar Meter weiter bei Netto eine Büchse Kaffee-Instantkrümel gekauft und dann hier einfach um ein wenig heißes Wasser gebeten. Ein spontaner indianischer Beschwörungstanz um den Tisch herum, damit die Magenwand dem Angriff standhält, verhindert Schlimmeres.

Aber das ist alles noch nicht schlimm genug für diesen einen Besuch. Herr Stahlmagen ist mit sich und der Welt unzufrieden.

Doch plötzlich setzt Musik ein: Cantaaaaare! Ooooooh! Volaaaaaaare! Ooooooh! Nell Blu! I bin so wie du! Felice! Di stare bla blu!

Volltreffer. Herrn Stahlmagen ist nun endlich richtig schlecht und Freude kommt auf.

Wochen später. Wieder hier. Neuer Tag - neues Pech.

Nun läuft ein Cowboy durchs Bild. Wieder erschaffen im verfaulten Hirn von Herrn Stahlmagen. Der Cowboy ist noch hässlicher als die beiden Nummerngirls zusammen, irgendein Ekzem wächst ihm an der Backe und eine Warze mit drei Haaren sitzt auf seiner Nase wie ein fetter schwarzer Frosch. Er grinst mit seinen schwarzen Zahnstümpfen und wackelt mit Hintern, Schultern und einem verrosteten Blechschild, auf dem steht: "Steak".

Herr Stahlmagen freut sich auf ein möglichst kaputtes Stück Fleisch.

Soviel Vorfreude muss belohnt werden und deshalb behandelt man das Fleisch hier schlechter als irgendwo anders je gesehen. Es sieht mit seinen fjordgleichen Ausbuchtungen aus, als habe es irgendjemand mit großen Fangzähnen direkt aus der Schulter eines schon senilen Rindes gebissen und es schmeckt, als wäre dies auch schon eine ganze Weile her gewesen.
Um ihm noch den Rest zu geben, hat man es mit grobem Paprikapulver großflächig eingerieben und erst danach in eine fragwürdige Pfanne geworfen, wonach das Pulver den unvergleichlich intensiven Geschmack eines vollen Aschenbechers entwickelt und sich Herr Stahlmagen immer wieder schwarze kleine Kohlestückchen aus den Zähnen pulen muss, die er an die weiße Wand zu einem Muster zusammenschnippt.
Der intensiv-säuerliche Abgang des mißbrauchten Fleisches ist da nur der finale Tritt in die Magengrube und ein Horror, der noch jahrelang im Gedächtnis haften bleiben wird.
Dazu werden ungesalzene halbgare Tiefkühl-Pommfritz und ein paar traurige Stifte Fertigkarottensalat auf einem Eisbergsalatblatt gereicht. Flashback: Autobahnraststätte Seesen/Harz 1986.

Und weil sich Herr Stahlmagen gerade so richtig schön scheiße fühlt, dröhnt aus den Boxen auch noch ein tolles Lied: Felicita! En tenersi pa mano Grana Padano e felicita!

Yeah, rock me baby, gib’s mir richtig, denkt Herr Stahlmagen, während ihm der Magensaft in die Backentaschen spritzt.

Auf ein drittes. Wieder hier. Same shit - different day.

Herr Stahlmagen bemerkt an diesem weiteren Tag seines Kreuzwegs nur noch resigniert und ganz am Rande den seinem völlig paralysierten Geiste entsprungenen dicken Bauarbeiter mit Achselnässe, Dreifachkinn und Mettresten zwischen den Zähnen, der auf ein Stück altem Klopapier das Wort "Buhriehto" gekritzelt hat und völlig unmotiviert einen kleinen stümperhaften Stepptanz zum Besten gibt und mit einer ungelenken Verbeugung seine speckige Schiebermütze zieht, bevor er sich im seit Tagen nicht mehr gewaschenen Schritt kratzt, an seiner Hand riecht und Land gewinnt.

Der darauf folgende Burrito sieht aus wie etwas Überfahrenes auf der Autobahn und schmeckt ... es gibt keine Worte in keiner Sprache dieser Welt für sowas.

Das ist ein tolles Lokal, denkt sich Herr Stahlmagen, nachdem sich zuletzt ein Schwall Ramazottis "Se bastasse un bella Calzone" aus den uralten Boxen erbricht und endlich das langersehnte Sodbrennen einsetzt. Ich habe die Grenzen meiner Belastbarkeit erreicht, freut er sich, und mein Leben mit diesen drei Mahlzeiten um mindestens drei ganze Monate verkürzt. Hier will ich noch mal her, dann können sie zu Ende bringen was sie angefangen haben. Geisterbahn. Tour de Sade. Kulinarisches Bootcamp. Hier hasst jemand Essen. Mit Leidenschaft. Echt toll. Morgen nochmal. Unbedingt. Und so begrabt denn mein Hirn an der Biegung des Flusses, wenn die Magenwand endlich durch ist.

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Steakhaus Silverado
Modersohnstraße 58
10245 Berlin 

Dienstag, 1. Januar 2013

Neues Jahr - neuer Thai

Erich-Weinert-Straße

Chada Thai. Erich-Weinert-Straße. Ecke Schönhauser. Schon wieder ein Thai. Schon wieder grünes Curry. Schon wieder frittierte Ente. Schon wieder Sommerrollen. Schon wieder Wan Tan. Hier nur etwas teurer als die normalen Butzen, die sich quer über die Stadt verteilt an jeder halbwegs unfrequentierten Ecke wiederfinden.

Die Vorgänger dieses Ladens waren auch die ganzen letzten Jahrzehnte irgendwelche Asia-Buden ständig wechselnder Ausrichtung, sonst jedoch eher im 5-Euro-Bereich herumdumpend. Jetzt hat man das Ruder stark herumgerissen und beweist Mut: Die Karte hier geht hoch bis 13 Euro. Quasi mehr als verdoppelt im Preis. Das ist wirklich mutig, lässt aber hoffen.

Allein, begeistert bin ich nicht.

Die 6 kleinen traurigen Wan Tan sind die übliche Großhandelsware, endstadiumsfrittiert und daher nur noch ein Schatten dessen, was man für 3,50 eigentlich erwarten darf. Knallhart bröseln sie auseinander und schmecken nach frittiertem Nichts. Da hilft auch die Standard-Süß-Scharfe-Soße (SSSS) überhaupt nicht mehr.

Die Sommerrollen haben 3 Dinge zum Inhalt: Trockenes Hühnchen. Ein paar dicke Reisnudeln. Und Eisbergsalat. So schmecken sie auch. Nicht mal für Zitronengras hat es gereicht. Für irgendwas über 3 Euro. Was soll das?

Das grüne Curry kostet knapp unter 8 Euro und besteht aus Reis, ein paar versprengten Tiefkühlbohnenstängchen und Bambus in Massen mit der Konsistenz von Reisnudeln. Und viel Kokosmilch. Tragisch. Das bekomme ich an jedem U-Bahnhof prekärer Bezirke dieser Stadt für die Hälfte. Und dort schmeißt man wenigstens noch ein Alibi-Brokkoliröschen mit rein, damit es wenigstens ein ein wenig nach Vielfalt aussieht. Hier nicht. Nicht mal das.

Zuletzt eine Ente in Wasserkastanienknoblauchkramgemüse für 11,90, das muss einfach gut sein.

Ist es nicht. Das Gemüse ist noch ganz angenehm, reichhaltig, natürlich etwas sehr verkocht, aber in einem schönen gung-bao-artigen Sud, der sehr knoblauchlastig, aber nicht schlecht ist. Aber auch nicht gut. Die Ente jedoch würde sich jedoch keine U-Bahn-Butze trauen zu servieren. Faserig, knorpelig, mit Fettzotteln, das wenige Fleisch knochentrocken. Furchtbar. So nicht. Nicht für 11,90.

Zu allen Gerichten gibt es einen Kohlsalat als Beilage, der in Essig und sonst nichts schwimmt und an der Munddecke brennt als würde man mit Essigessenz gurgeln. Mundflora ade. Wer hat das gemacht? Ein verkappter Zahnarzt? Was soll das?

Ich hatte in der Euphorie noch Frühlingsrollen dazu bestellt, eine gute Idee, denn die waren überraschend gut und auch das Einzige, das ich von alledem wirklich gerne gegessen habe. Ansonsten hätte ich mir den Rest gerne geschenkt. Oder dem Hund gegeben, wenn ich einen hätte. Schade um das Geld. Schade um das freundliche Personal, dem ein besserer Koch zu wünschen wäre.

Nochmal bitte nicht.

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Chada Thai
Erich-Weinert-Str. 1
10439 Berlin

Sonntag, 23. Dezember 2012

Und noch einmal Weihnachtsmarkt

Abzocke

Die Welt im Dezember 2012: Kim Jong Il ist nun schon ein Jahr tot, an der Fischbude "Zum Hecht" in Warnemünde ist ein Eimer Matjes umgekippt und ich geh auf den Weihnachtsmarkt.

Und wie ich Weihnachtsmärkte hasse, vor allem wegen der Leute. Literweise kippen sie sich billigen, mit Zimt und Zucker verpanschten Industriewein hinter, pfeifen sich halbmeterweise Fleischabfall-Bratwurst, billigstes Formfleisch und widerlichste Pilzpfannen-Grünkohl-Matsche rein und marodieren in Gruppen als wandelnde Hölle eines Betriebsausflugs mit blinkenden Zipfelmützen, Thermoskannen mit Glühwein und Lidl-Rum und den bis zur Stufe seiner Unfähigkeit beförderten Chef vorneweg besoffen wie am Ballermann über einen von Kirmesbutzen vergewaltigten Ort und kaufen völlig überteuerten handgemachten Schrott aus Erzgebirge, Harz oder Chisibubikaio.

Wenn man den Termin für den besten Weihnachtsmarkt der Welt  - den Rixdorfer in Neukölln - mal wieder verkackt hat, bleibt nur der am Roten Rathaus - mithin einer der Erträglichsten seiner Zunft, sowas wie der Achteläugige in einer Armee der Blindschleichen.

Nachdem ich es schon zu Beginn hinter mich gebracht habe, endlich mal wieder standesgemäß abgezockt zu werden - 12 Euro für einen spanischen "Tapasteller", bestehend aus ein bisschen billigem Chorizo, trockenem Serrano und kleinen, traurigen Manchegokrümeln, was man sich aus jeder dahergelaufenen Kühltheke eines jeden darhergelaufenen Supermarkts zusammensammeln kann -, entspannte ich mich etwas, denn ich habe meinen jährlichen Tribut bereits gezollt (aka mein sauer verdientes Geld für Scheiße hergegeben).

Ich sehe ein Riesenrad, überraschend gepflegte Büdchen, eine lustige Märcheneisenbahn für Kinder und eine Eisbahn für Erwachsene, die gerne vor Publikum auf die Fresse fallen. Schick.

Ja, das kann man schon machen hier, vor allem weil ich Security sehe, die körperlich wie so wenige der Security-Schießbudenfiguren dieser Stadt in der Lage ist, ausfallende Ballermann-Pappnasen zeitnah aus dem Besucherstrom auszusortieren, so dass nur noch verhältnismäßig entspanntes Publikum übrigbleibt, über das ich mich zu meinem Bedauern überhaupt nicht aufregen kann.

Und so muss ich mich doch nochmal abzocken lassen, ich möchte hier nicht mit guter Laune abziehen. Also trinke ich eine völlig übersüßte Feuerzangenbowle aus dem winzigen kitschigen Weihnachtsmarktbecher für 3,50 €, aus der der Alkohol schon vor Tagen verdunstet sein muss und nur pappiges warmes Zuckerwasser hinterlassen hat.

Yeah, party on, zock mich ab, lutsch mich aus.

Mehr Scheiße für noch mehr Geld.

Macht hoch die Tür, die Kohle her, ich muss euch sagen es weihnachtet sehr.

Donnerstag, 6. Dezember 2012

Weihnachtsmarkt-Trash

Trash Hype Nerv

Alljährlich im November fällt er über Berlin her - der Weihnachtsmarkt-Hype: Flächendeckend, unvermeidlich, aber umso penetranter. Im Prinzip eigentlich ein schnöder Rummel, nur mit Weihnachtsmotto, werden an allen möglichen prominenten Plätzen in Berlin die ranzigen Bretterbuden aus dem Boden gestampft, mit Tannenzweigen und Weihnachtsklimbim versehen und das verkauft, was man beim Schützenfest, bei der Wahl der "Miss Araltankstelle" in der brandenburgischen Provinz oder beim letzten Deutsch-Französischen, Deutsch-Amerikanischen oder Deutsch-Somalischen Volksfest nicht losgeworden ist.

Es herrscht das große Fressen allerorten: Asia-Glutamatpfanne reiht sich an Nackensteakschwenker reiht sich an Hackfleischbilligdöner reiht sich an schmierige Fünf Meter Bratwurst reiht sich an verklebte Gummibärchenselbstbedienungstheken reiht sich an fettvollgesogene Tiefkühlkartoffelpuffer reiht sich an Fressbude an Fressbude an Fressbude, lediglich unterbrochen von Büdchen mit warmgemachtem übersüßtem Billigsuff aus der Großhandelspackung von Metro - ein einziges Fressen und Saufen XXL als gäbe es morgen schon nichts mehr.

Für das in der Regel minderwertige Angebot kann aufgrund der großen Nachfrage hingegen locker der doppelte Preis verlangt werden, den man sonst in seinem schäbigen Büdchen im U-Bahnhof oder im Industriegebiet für sein lausiges Essen bekommt. Der überall lauernde zu Glühwein vergewaltigte Billigfusel mit sangriagleichen Folgen für Hirn, Seele und Ausdrucksvermögen ergänzt das kulinarische Inferno symbiotisch und wird für teuer Geld in Massen an das vollkommen anspruchslose aber dafür selige Publikum ausgeschenkt.

Hier sind sie alle, hier fressen und saufen sich die Anwärter auf einen Hirnschrittmacher in Form des morgens schon besoffenen Onkel Ralle und des verzogenen, schon im Alter von drei Jahren übergewichtigen Klein Justin zusammen mit dem Alkoholiker-Urgestein Ursula, der in den letzten Jahren die ganze Bingogruppe an Leberzirrhose weggestorben ist, und den gackernden Micky-Krause-gröhlenden Vorzimmerdamen des Bezirksamts Pankow quer durch alle Stände, haben dämliche Weihnachtsmützchen oder ein drolliges Plüschgeweih auf dem Kopf, verschlingen in Rekordzeit die möglichst geschmacklosen und auf jeden Fall ungewürzten Industrienahrungsmittel mit der Extraportion flüssigen Pflanzenfetts und kippen den minderwertigen Industriealkohol mit Zimt und Zucker hinterher, für all das sie dann zusammen den Gegenwert dessen hinlegen, wovon andere Familien einen Monat lange überleben können.

Dafür entwickeln sie sich nach dem fünften Punsch mit Schuss noch weiter zurück als die Schimpansen im Affenhaus des Berliner Zoos, die sich gegenseitig die Korinthen aus dem Hintern pulen, singen "Finger in Po, Mexiko!" oder "Geh doch zu Hause du alte Scheiße!" und sind damit nur noch knapp vom Niveau dieser ganzen Schießbudenfiguren mit Schellenmützen entfernt, die seit Jahren aus dem Rheinland einwandern und im kreuzatheistischen Berlin versuchen, ihren bescheuerten Karneval zu installieren. Pfröööööt! Alaaaaaaf! Wollemosereilasse?

In all seiner Trostlosigkeit getoppt wird das ganze Elend nur noch von den allgegenwärtigen Betriebsausflügen mit uniformiert blinkenden Zipfelmützen, bei denen der Chef heute mal diejenige Fröhlichkeit verordnet, die während des ganzes Jahres überall auf der Welt nur nicht im Betrieb herrscht.
Die derart in Geiselhaft genommenen Kolleginnen und Kollegen müssen derweil so tun als säßen sie nicht viel lieber mit der Familie vor der Glotze als mit den ganzen Vollidioten, die man schon täglich über acht Stunden ertragen muss, in der Kälte am Glühweinstand und müssen zu allem Überfluss noch über die schalen Witze der bis zur Stufe ihrer Unfähigkeit beförderten Vorgesetzten lachen, die schon zu Zeiten der Bauernkriege altbacken und muffig waren.
Ganz gruselig anzuschauen, da ist in jedem Geiselcamp im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet mehr Stimmung in der Bude.

Der Gipfel des Trashs sind im Übrigen diejenigen Weihnachtsmärkte, bei denen neben den Fressbuden ganz viel sich drehendes Metall blinkt und leuchtet, also das was man gemeinhin Fahrgeschäfte nennt und so viel mit Weihnachten zu tun hat wie Karneval mit Zivilisation.

Zuckerbrot, sie fressen massenhaft Zuckerbrot und drehen sich im Kreise herum. Bling Bling. Ein Albtraum.

Der Einzige, den ich gelten lasse, ist der Rixdorfer Weihnachtsmarkt, der dieses Jahr wieder vom 07.-09. Dezember stattfindet. Der tut gut, weil er sich abhebt von diesen ganzen wahnwitzig überteuerten aber komischerweise trotzdem völlig überlaufenen blinkenden Kommerzmärkten, die Berlin pestgleich besetzt halten und alle niederen Instinkte hirntotgeschossener Konsumlemminge wecken. Sympathisch ist er nicht zuletzt deshalb, weil er nicht wie andere Weihnachtsmärkte von November bis Januar pausenlos die Grenzen des schlechten Geschmacks überschreitet, sondern sich dezent auf das zweite Adventswochenende beschränkt. Danke dafür.

Wir sehen hier an diesem schönen und sehr ursprünglichen Ort am Richardplatz viele kleine Initiativen und Vereine an wohltuend ungepimpten Ständchen, die Selbstgebasteltes und Handgemachtes zu Markte tragen, Kinder, die mit einer längst vergessen geglaubten Begeisterung Lose statt Drogen verkaufen, keine Hektik, keine künstliche Aufgeregtheit, kein Nepp, hier und da ein sympathisches Lächeln - kurz: Flair.

Nur den unvermeidlichen Glühwein, den gibt es hier auch, allerdings richtet er bei den Besuchern nur wenig Schaden in Auftritt und Contenance an, was sicherlich daran liegt, dass sich der Karnevalspöbel lieber auf dem Alexanderplatz mit viel Bling Bling zu „Finger in Po, Mexiko!“ die Lichter ausschießt als hier in Rixdorf. Gut so. Bleib so.


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Rixdorfer Weihnachtsmarkt
07.-09.12.12 
Richardplatz
Neukölln